Boulevard statt Analyse – Panorama unter BILD-Niveau

Dies ist eine kritische Analyse des Panorama-Beitrags „Krieg gegen den IS: Der US-Pakt mit Marxisten“ vom 26.10.17. Die Journalisten Stephen Buchen und Karaman Yavuz wollen beweisen, dass hinter den Syrisch-Demokratischen Kräften (SDF) eigentlich die Arbeiterpartei Kurdistans PKK steckt. Doch beweisen die Journalisten nur eines, ihre eigene Unfähigkeit.

Dieser Beitrag macht alles falsch, was falsch gemacht werden kann. Wie dieser den letzten journalistischen Faktencheck überstehen konnte, der zumindest bei der Konkurrenzsendung Monitor gang und gäbe ist, bleibt das Geheimnis der Panorama-Redaktion. Er wird ein Beispiel dafür bleiben, wie Journalismus nicht zu betreiben ist.

Aber eines nach dem anderen.

Panzer mit südkurdische Flagge als Titelbild für einen Beitrag über Nordsyrien? (Screenshot Panorama)

Beginnen wir mit der Bebilderung des Artikels, wenn man ihn zum Beispiel auf Facebook teilt. Es sind Panzer und Artilleriegeschütze zu sehen, die mit der südkurdischen Flagge bestückt sind. Moment mal, südkurdisch? Das liegt doch im Norden des Irak? Zumindest geografisch gesehen. Aber der Beitrag soll doch von den Kurden in Syrien handeln? Große Verwirrung bei der Internetredaktion von Panorama, die schon bei der Auswahl der Bilder keine Ahnung zu haben scheint. Das Ganze hat auch politisches Gewicht, weil die Mehrheit der Kurden in Nordsyrien eher eine andere Fahne bevorzugt: Die rot, grün, gelb gestreifte, ohne Sonne in der Mitte. Dahinter stehen zwei konkurrierende Ideen gesellschaftlicher Organisierung. Grund genug bei der Bilderauswahl aufmerksam zu sein. Auch bei den Soldaten, die auf den Panzern stehen, handelt es sich um südkurdische Peshmerga-Kämpfer und nicht um Einheiten der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG beziehungsweise den Syrisch-Demokratischen Kräften SDF, die der Beitrag eigentlich auseinandernehmen will.

Gehen wir weiter zum Titel des Panorama-Beitrags „Krieg gegen IS: Der US-Pakt mit Marxisten“. Wer sich auch nur etwas länger mit der kurdischen Freiheitsbewegung beschäftigt, als mal kurz den Wikipedia-Beitrag zu überfliegen, wird schnell merken, dass sich die PKK nicht als marxistisch bezeichnen lässt. A pro pos Wikipedia: Liest man den deutschen Artikel zur PKK genauer durch, könnte man doch zu einer Teilwahrheit durchdringen. Dort steht, dass die Bewegung seit Anfang der 2000er Jahre einen Demokratischen Konföderalismus anstrebe. Zitat: „Der Konföderalismus ist ein von Murray Bookchin inspiriertes Denkmodell einer Gesellschaft. Wichtiges Schlagwort hierbei ist die ‚demokratisch-ökologische und auf Geschlechterbefreiung ausgerichtete Gesellschaft‘. Das System zielt ferner auf die Überwindung staatsfixierter und nationalstaatlicher Strukturen. (…) Der Konföderalismus ist dem libertären Kommunalismus zuzurechnen.“ Also hätte eine oberflächliche Lektüre selbst des Wikipedia-Artikels ausgereicht, um zu Wissen, dass man bei der PKK nicht mehr von klassischen Marxisten sprechen kann. Klar ist, dass marxistisches Denken innerhalb der PKK eine wichtige Rolle spielt, aber ebenso die Kritik daran und dessen Weiterentwicklung. Die Überschrift des Beitrags wurde vermutlich gewählt, um die Diskrepanz möglichst groß erscheinen zu lassen: hier die USA dort die „Marxisten“ mit ihrem ewig währenden Antiimperialismus. Auch scheinen nach wie vor Kategorien des Kalten Krieg in den Köpfen der Journalisten zu wirken, fast 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

So viel zu dem Beitrag, noch ohne ihn überhaupt gesehen zu haben.

Es geht weiter mit einer Minuten-Kritik:

00:12 Min: Moderatorin Anja Reschke behauptet in der Anmoderation, dass „die Linke“ immer noch dem „die Amis sind an allem Schuld“-Denken verhaftet sei. Sie ignoriert damit Diskussionen und Entwicklungen der Linken seit Anfang der 90er Jahre, die sich nun auch kritisch gegen Russland wenden, nicht hinter dem Assad-Regime steht und durchaus in der Lage ist zu differenzieren. Spätestens seit den Protesten gegen den G20-Gipfel in Hamburg, die sich nicht nur gegen Trumps Anwesenheit richteten, sondern auch gegen Putin, Erdogan & Co, dürfte das dem letzten Journalisten klar geworden sein. Auch das es „die eine Linke“ nur in einer journalistisch erträumten Homogenität gibt, fällt hier unter den Tisch. Aber sei´s drum, einige Konzessionen der Vereinfachung müssen dem Massenpublikum anscheinend gemacht werden. Damit es bloß nicht zu kompliziert wird. Die Boulevardisierung des Öffentlich-Rechtlichen lässt grüßen (siehe hier auch schon die Titelauswahl des Beitrags „US-Pakt mit den Marxisten“).

01:08: Nun zeigen die Autoren des Beitrags eine Karte des „Stammgebietes der PKK“, den „Kurdengebieten in der Türkei“. Auch hier ist eigentlich alles falsch. Da wird einfach mal die Großstadt Adana oder die Ferienregion um Mersin mit einbezogen, die geografisch und historisch nichts mit einem irgendwie imaginierten Kurdistan zu tun haben. Doch es geht noch weiter. Der Beitragssprecher: „Neuerdings dehnt sie sich im Norden Syriens aus, kontrolliert große Gebiete“. Das sich die PKK bereits nach dem Militärputsch in der Türkei, im September 1980 nach Nordsyrien zurückzog und dort über Jahrzehnte aktive politische Arbeit geleistet hat? Egal! Oder bestehen hier unterschiedliche Verständnisse des Wortes „neuerdings“? Wer weiß…
Der Sprecher weiter: „Sie nennt sich dort zwar anders, aber alle wissen: Es ist die PKK.“ Wer sind, bitteschön, diese „alle“? Eine Erklärung bleibt der Beitrag bis zum Schluss schuldig, obwohl die Klärung der W(er)-Fragen eigentlich zum journalistischen Einmaleins gehört. Nicht so bei Panorama, wie es scheint.

Martialische Propaganda? YJS und YPJ Kämpferinnen hissen ihre Flaggen über den ersten befreiten Bezirken Rakkas, änliche Szenen beschreiben die Macher des Panoramabeitrags als „martialische Propaganda“

01:28: Dann meinen die Cutter des Beitrags nun einen „martialischen Propagandafilm“ der PKK zu zeigen. Doch was ist zu sehen? Mitglieder der YPG hissen eine ihrer Fahnen über einen vom sog. IS befreiten Stadtteil in Rakka. Es sind keine Gefechte zu sehen, keine Waffen. Natürlich gibt es „Propaganda“-Videos der YPG aus Syrien. Was aber am gezeigten Video martialisch sein soll, bleibt das Geheimnis der Autoren. Allein die negative Rahmung des Anblicks von YPG-Kämpfern, die ihre Fahne in der einstigen Hauptstadt des sog. Islamischen Staats hissen, spricht Bände über die situationsbedingten Blicke der Öffentlich-Rechtlichen auf die Geschehnisse in Syrien. Es sei beispielsweise daran erinnert, wie vor mehr als einem Jahr die Bombardements auf Aleppo mit Bestürzung und Trauer mitverfolgt wurden. Ist es da nicht etwas unangebracht diejenigen, die ihre Fahne der Befreiung hissen, so zu diskreditieren? Was wäre denn die Alternative dazu? Das über Rakka weiterhin die Fahne des sog. IS weht?

01:44: Mit einem süffisanten Unterton kommt der Beitrag nun zu seinem eigentlichen Thema: „Ganz allein haben die Kurden es nicht geschafft. Bei ihrem Eroberungszug hat die PKK mächtigen Beistand. Ausgerechnet von der US-Armee. Also von der imperialistischen Weltmacht USA.“
Nur zur Erinnerung: Bisher hat es im Beitrag noch keinen einzigen Beleg dafür gegeben, dass DIE Kurden in Nordsyrien DIE PKK seien. Negiert wird dabei so ganz nebenbei, dass sich die SDF mittlerweile mehrheitlich aus arabischen Kräften zusammensetzt. Hinzu kommen assyrische, turkmenische und christliche Einheiten. Insgesamt sind die SDF ein Bündnis aus ungefähr zehn einzelnen bewaffneten Organisationen, die zudem von mehreren Hundert ausländischen Freiwilligen unterstützt werden. Auch hier hätte alleine ein Blick auf Wikipedia gereicht. Die Wortwahl in diesem Satz (sowie generell im Beitrag) ist allerdings der Gipfel: „Eroberungszug“ – Wie bitte? Haben wir uns hier verhört? Der Kampf der SDF und der syrischen Araber und Kurden gegen die Schlächter des sog. IS ist also ein Eroberungszug? Hier wünscht man sich fast, die beiden Autoren hätten auch nur eine Stunde zusammen mit den SDF-Kämpfer*innen an der Front gegen den Daesh verbracht. Aber aus der gemütlichen Hamburger Redaktionsstube lässt sich so eine Unverschämtheit natürlich einfach und vor allem ohne eigene Kosten behaupten.

02:07: Nun mokiert sich der Beitrag darüber, dass US-Soldaten Abzeichen der YPG oder der Frauenverteidigungseinheiten YPJ tragen würden, die einfach als „PKK-Ableger“ bezeichnet werden. Nur zur Erinnerung: Bis jetzt hat es im Beitrag keinen einzigen Nachweis dafür gegeben, dass sie Teil der Arbeiterpartei Kurdistans seien. Nur, dass es ja „alle“ wissen würden. Weiter fragt der Sprecher (erneut): „Eine marxistische Kadertruppe Bündnispartner der kapitalistischen USA?“ Auch hier wieder: alles falsch. Mit dem „Marxismus“ der PKK haben wir uns weiter oben schon auseinandergesetzt. Aber mit dem Begriff „Kadertruppe“ noch nicht. Was ist damit gemeint? Die SDF oder die YPG/YPJ? Die Truppenstärke der SDF wird auf ungefähr 100.000 Kämpfer*innen geschätzt. Hunderttausend Kader? Nicht schlecht, Herr Specht. Nur stimmt das leider nicht. Die meisten Mitglieder der SDF und ihrer Einzelorganisationen sind keine Kader, die nur für das Kämpfen oder die Politik leben. Sie sind einfache Menschen, die sich aus Überzeugung oder Not zeitweise dem Kampf gegen die Barbaren des sog. IS angeschlossen haben. Sie warten nur darauf endlich wieder ein normales Leben mit eigener Familie in Ruhe und Frieden führen zu können. Der Kampf ist für sie eine Notwendigkeit, um dieses Ziel zu erreichen.

02:27: Jetzt kommt er endlich, der Kronzeuge des Beitrags: Raymond Thomas, Oberkommandierender der weltweit operierenden US-Spezialeinheiten. Dieser soll belegen, dass es sich bei den SDF eigentlich um die PKK handelt. Es wird ein Ausschnitt eines Auftritts von Thomas beim Aspen Security Forum im Juli 2017 gezeigt und wie folgt eingeführt: „Bei einer Sicherheitskonferenz verrät der Top-Militär wie Marxisten in Demokraten umetikettiert wurden“. Alleine diese Einführung: So als ob Marxismus mit Demokratie im Widerspruch stehen würde. Aber das ist nur eine Nebensache. Der eigentliche Skandal und die direkte Lüge folgt danach, nämlich die deutsche Übersetzung der Aussagen des Generals im Beitrag: „Ich habe direkt mit Führungskräften der PKK verhandelt. Ich habe ihnen gesagt ‚Leute, ihr müsst euren Firmennamen ändern‘. Einen Tag später sagten sie ‚Wir heißen jetzt Syrische Demokratische Kräfte.‘ Ich fand das war ein genialer Einfall, das Wort ‚Demokratie‘ irgendwie in dem neuen Namen unterzubringen.“

Hatte der Synchronsprecher bei Raymond Thomas‘ Rede einen Aussetzer? Wurde schlampig gearbeitet oder absichtlich gepfuscht, damit die eigenene These wenigstens zum Schein gestützt wird? (Screenshot Panorama)

Die Macher des Panorama-Beitrags haben Pech gehabt, denn man kann sich den Auftritt Thomas´ auch auf Youtube im Original anschauen. Die Moderatorin fragt Thomas erst ganz unspezifisch, wie man „Ermöglicher“ vor Ort identifiziert, mit denen man militärisch zusammenarbeiten kann. Thomas sucht sich als eines von vielen möglichen Beispiel Syrien heraus und antwortet: „Das was am meisten missverstanden wird, ist die Entwicklung mit unseren Partnern in Syrien, mit den Syrisch-Demokratischen Kräften. Sie kamen mit dem Namen auf uns zu, und ich habe direkt mit ihnen im Kontakt gestanden. Sie haben sich davor als YPG bezeichnet, die die Türken mit der PKK gleichsetzen und die uns deshalb vorwarfen, wir würden mit einem terroristischen Feind von ihnen zusammenarbeiten. Wir sagten ihnen (den YPG), sie müssen ihren Namen ändern. Wie könntet ihr euch anders nennen als YPG? Und daraufhin erklärten sie am Tag darauf, sie seien die Syrisch-Demokratischen Kräfte. Es hat ihnen etwas Glaubwürdigkeit verpasst. (…)“. Später geht er noch darauf ein, dass die YPG von anderen (die Türkei erwähnt er hier nicht, aber sie muss gemeint sein), als PKK gebrandmarkt sei.

Hier lügt der Beitrag einfach und übernimmt die Sichtweise der Türkei. Thomas sagt in keinem Wort, er habe mit „Führungskräften der PKK“ verhandelt, wie es in der deutschen Übersetzung im Beitrag heißt. Er sagt, er habe mit Kräften der YPG verhandelt, die von der Türkei mit der PKK gleichgesetzt werden.

Zudem suggeriert diese bewusst falsche Übersetzung, dass die USA den YPG eine Art „Demokratiestempel“ verpasst hätten. Dem ist mitnichten so. Schaut man sich die basis- und rätedemokratischen Strukturen vor Ort an, so sollte dem Panorama-Team klar werden, dass auch die USA von den demokratischen Prinzipien der Föderation Nordsyrien lernen könnten. Dass in einem Beitrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens so offen und einfach nachprüfbar gelogen werden kann, ist bezeichnend. Das wird seinen Teil zur Vertrauenskrise der etablierten Massenmedien beitragen. Ganz abgesehen davon, dass hier einfach die Propaganda Erdogans und der AKP übernommen wird.

03:15: Anschließend wird der US-Armeesprecher im Nahen Osten, Ryan Dillon, interviewt. Es wird gefragt, wie es sein kann, dass die US-Armee „mit linken Kurden“ paktiert. Dillon kann sich dazu nicht äußern. Wie auch. Er ist Militär und nicht politischer Entscheidungsträger. Interessant ist hier die Formulierung der Frage von Stefan Buchen an Dillon. Er fragt nach linken Kurden. Warum fragt er nicht direkt nach der PKK? Weil er vermutlich selber weiß, auf welch tönernen Füßen die Grundthese des gesamten Beitrags steht.

Kategorienfindung wie in der Türkei: Mitglied in einer kurdischen Organisation = PKK-Funktionärin (Screenshot Panorama)

05:00: Am Ende des Beitrags wird Sinem Mohammed interviewt, die auf einem großen linken Kongress in Hamburg auftritt. Sie wird von Panorama als „PKK-Funktionärin“ vorgestellt. So als ob ein Kader der Arbeiterpartei Kurdistans ganz offen in Deutschland vor hunderten Menschen sprechen kann. Doch wer ist Mohammed eigentlich? Sie ist Ko-Vorsitzende des Volksrates (Tev-Dem) in Rojava und dessen Europa-Vertreterin. Auch Wikipedia weiß übrigens, was Tev-Dem ist. Die Panorama-Journalisten wissen es nicht. Oder besser gesagt: Sie wollen es nicht wissen, weil es dann nicht mehr in ihren Beitrag gepasst hätte. Auffallend ist auch, dass Mohammed Antworten stark zusammengeschnitten wurden. Einfache, dem Medienformat entsprechende Aussagen gibt es bei diesem Thema allerdings nicht.

Zum Ende des Beitrags werden noch zwei deutsche Linke auf einer „Freiheit für Abullah Öcalan“-Demonstration in Hamburg interviewt. Dies hat die Funktion den (vermeintlichen) Widerspruch zwischen Solidarität mit der PKK und deren (vermeintliche) Zusammenarbeit mit dem US-Imperialismus deutlich zu machen.

Einen Beweis, dass die SDF, YPG oder YPJ eigentlich die PKK sei, bleiben die Autoren des Panorama-Beitrags bis zum Schluss schuldig. Sie haben sich lieber dazu entschieden zu lügen und Halbwahrheiten zu verbreiten.

Klar ist: Es sind Kader der PKK beim Aufbau der Kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG und Frauenverteidigungseinheiten dabei gewesen, sie haben ihre langjährige Expertise an die syrischen Kurden weitergegeben. Aber auch Peshmerga aus Südkurdistan haben den YPG/YPJ an der Seite gestanden und militärisch geholfen, zum Beispiel bei der Verteidigung Kobanes. Zu behaupten die SDF seien in Wirklichkeit die PKK ist eine Lüge.

Nun aber zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Kernaussage des Beitrags: die Kurden und damit „die Linken“ in ihrer Gesamtheit verbünden sich in Syrien mit ihrem Hauptfeind, den USA. Dieser Punkt wird, insbesondere in der antiimperialistischen Linken, nun wirklich nicht einfach so hingenommen, sondern diskutiert. Diejenigen, die sich einen Antiimperialismus der 70er zurückwünschen, in denen die USA der einzige Schrecken der Welt sind und jeder ihrer Widersacher zum antiimperialistischen Widerstandskämpfer wird, unterstellen den YPG, YPJ (und später auch den SDF)-Kräften schon seit 2014 Verrat. Damals halfen US-Luftangriffe den Verteidiger*innen Kobanês die Belagerung der Dschihadistenmiliz ein für alle Mal zu beenden. Dieses taktische Bündnis mit dem Feind galt vielen bereits damals als rote Linie, die überschritten wurde. Auch der Panorama-Beitrag kommt immer wieder darauf zurück, dass „die Kurden“ es ja nicht „ganz alleine“ geschafft hätten.
An diesen Aussagen wird der ganze Zynismus und das Unverständnis über die Situation vor Ort deutlich. Aus dem gemütlichen Redaktionszimmer (in diesem Fall von Panorama) oder in der entspannten WG-Küche (im Fall eines Teils der Linken) heraus wird mit erhobenem Finger erklärt, mit wem zusammengearbeitet werden dürfte und mit wem nicht. Gehen wir zurück in den Oktober 2014: Welche Handlungsoptionen gab es damals für die kurdischen Kräfte? Der sog. IS hatte Kobanê so gut wie eingenommen, nur noch wenige Straßen waren unter Kontrolle der kurdischen Kämpfer*innen. Sie bestanden zu großen Teilen aus untrainierten Zivilist*innen , die sich eine Waffe gegriffen hatten, um ihre Stadt zu verteidigen. Erdogan erklärte Kobanê frühzeitig für verloren und die letzten Straßenzüge vielen Stück für Stück in die Hände der Islamisten. Die Schlacht um Kobanê, die der Wendepunkt im Kampf gegen den Daesh-Terror werden sollte, zog internationale Medienaufmerksamkeit auf sich und die Anti-IS-Koalition, die erst einen Monat vorher beim Genozid in Sengal tatenlos zugesehen hatte, entschied sich nun zu handeln und flog Luftschläge gegen Stellungen der Islamisten in der Stadt. Der weltweite Druck und die öffentliche Aufmerksamkeit hatten ihren Teil zu dieser Entscheidung beigetragen – der Westen hätte im Falle eines Nicht-Eingreiffens sein Gesicht verloren. So konnte einige Monate später Kobanê befreit werden.

Nun weiter zu den nächsten Operationen: Minbic, Tabqa und zuletzt Rakka. Das taktische Bündnis mit der Anti-IS-Koalition, zu der neben den USA vor allem auch Frankreich gehört, weitete sich aus, es gab und gibt Waffenlieferungen und ausländische Spezialeinheiten am Boden, deren Rolle jedoch hauptsächlich in der Koordination der Luftschläge und dem Bedienen bestimmter Waffensysteme liegt, die der YPG nicht übergeben werden sollen.
Soweit so gut, aber ist das nun Verrat an „der linken Idee“, am „Marxismus“ oder an was auch immer? Nein. Natürlich ist es aus linker Perspektive schwer zu schlucken, wenn mit imperialistischen Staaten wie den USA, Russland oder Frankreich zusammengearbeitet wird. Allerdings wäre es unmöglich zu vertreten, aus purem Dogmatismus alle erkämpften Fortschritte aufzugeben und tausende Menschen in den sicheren Tod zu schicken. Erinnert sei an dieser Stelle an denjenigen, der „Imperialismus“ als theoretische Kategorie überhaupt erst erdacht hat: Lenin. Ihn würde nun wirklich niemand des „Verrats am Antiimperialismus“ bezichtigen und dennoch konnte er an der Oktoberrevolution nur teilnehmen, weil er die Interessen des deutschen Imperialismus gegen die des russischen Zarenreichs – nämlich ein Ende der Kampfhandlungen im 1. Weltkrieg – gegeneinander ausspielte. Dieser „zahlte“ ihm sozusagen 1917 die Zugfahrt nach Russland.

Ebenfalls sollte nicht vergessen werden, dass in Syrien keineswegs „Eingeborene“ gegen „Eingeborene“ kämpfen. In den Reihen der YPG, YPJ und SDF kämpfen hunderte Internationalist*innen, aber für diesen Beitrag viel bedeutender: Der sog. Islamische Staat besteht zu einem großen Teil aus Kämpfern aus Europa und Nordamerika. Das Auswärtige Amt geht davon aus, dass allein aus Deutschland noch ca. 600 IS-Kämpfer in Syrien sind. Mit welchem

Pässe osteuropäischer Daesh-Kämpfer in Tabqa, 08.05.17.

Recht wird also hier, im sicheren Westen, der Oberlehrerfinger erhoben, während in Syrien die Produkte der eigenen gesellschaftlichen Missstände foltern, vergewaltigen und morden? Wieso wird ein taktisches Bündnis zu einem strategischen Bündnis, ja quasi zur ideologischen Kapitulation hochgeredet? Wäre es nicht interessanter zu erfahren, was jetzt kommt, nach Rakka, nachdem die Menschen Nordsyriens ihre Nützlichkeit für die USA und die Staaten Europas verwirkt haben? Einen ersten Eindruck davon bekommt man, wenn man nach Südkurdistan schaut. Dort nahm die irakische Zentralregierung, gemeinsam mit den iranischen Hashd al-Shabi, innerhalb weniger Tage 51% des Territoriums von denjenigen, die medial meist „der wichtigste Partner des Westens im Kampf gegen den IS“ sind. Es gibt extralegale Hinrichtungen, Folter und Plünderungen. Die USA sieht zu, Deutschland – gestern noch Waffenlieferant und Ausbilder der Peshmerga – gratuliert Baghdad zur „Wiederherstellung der nationalstaatlichen Einheit des Irak“.

Wie Stefan Buchen und Karaman Yavuz ihren Journalismus in diesem Fall praktizieren, trägt nicht zu einem Verständnis der komplexen Lage des Nahen Ostens bei. Im Gegenteil: Er vernebelt mehr, als das er Klarheit bringt.

Wir haben Panorama unsere Kritik zugeschickt und um eine Stellungnahme gebeten. Bis zur Veröffentlichung dieses Artikels haben wir keine Antwort bekommen.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, hier gehts zum Panorama-Beitrag.

# Kerem Schamberger, Karl Plumba, Manî Cûdî und Dilar Dirik

#Titelbild: Screenshot Panorama (so, wie es sich angefühlt hat)

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Ein Gedanke zu „Boulevard statt Analyse – Panorama unter BILD-Niveau“

  1. Was war eigentlich das Ziel des Beitrags? Ein unwissender Zuschauer konnte doch dadurch nichts dazu lernen. Vielmehr hat der Beitrag den Eindruck gemacht, Leuten vorzuschreiben, was sie zu denken haben. Linke müssen immer gegen die USA sein, auch wenn ihnen sonst der Tod droht.

    Ich bedanke mich für euren Artikel, der den geistigen Abfall der Panorama-Autoren widerlegt.
    Komisch, dass die „Antiimperialistische Aktion“ den Panorama-Beitrag geteilt hat. Der würde in ihr verwirrtes Tankie-Weltbild passen.

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