Warum ich wählen gehe…

Um es vorweg zu nehmen: Mich nerven Wahlaufrufe in den sozialen Medien. Wählen ist für mich keine „Pflicht“, sondern es ist ein Recht, von dem man Gebrauch machen kann oder nicht und darüber hinaus eine persönliche Entscheidung. Da bin ich ganz verfassungstreu. Zweitens lehne ich die Suggestion, dass Nichtwähler automatisch politisch desinteressiert sind, ab. Es gibt gute und akzeptable Gründe, nicht wählen zu gehen. Man kann damit gegen die Ununterscheidbarkeit des Parteienangebots, gegen die Ausgestaltung der hiesigen parlamentarischen Demokratie oder auch gegen die Tatsache, dass man Sonntag vor 18 Uhr aufstehen soll, demonstriert werden. Alles legitim und alles auch irgendwie politisch.

Ich gehe trotzdem wählen. Hauptsächlich um Schlimmeres zu verhindern mit meinem minimalen prozentualen Anteil.

Ja, es kann realpolitisch einen Unterschied machen, wer in den Parlamenten sitzt und wie sich die Mehrheiten gestalten. Ich nenne ein kleines Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit. Bei der vergangenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen verpasste die Partei DIE LINKE den Einzug in den Landtag um nicht einmal 9.000 Stimmen, was in einem Land mit 17 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern etwa 0,1 Prozent ausmacht. Wäre die Linkspartei in den Landtag eingezogen, wäre die jetzige Koalition aus CDU und FPD rechnerisch nicht möglich gewesen und der herrschende Neoliberalismus wäre zumindest gedämmt worden. Ja, ich mache mir da auch keine Illusionen, aber über ekelige Sachen wie z.K. die Studiengebühren für „Ausländer“, maßgeblich ein Herzensprojekt der FDP, würden wir heute nicht diskutieren. Wie gesagt: Nur ein Beispiel.

Außerdem, und darum geht es auch am Sonntag, hätte dann die scheiß AfD weniger, Abgeordnete und auch weniger Geld für ihre Arbeit und Mitarbeiterstellen bekommen.

Viele demonstrative Nichtwähler von links machen sich halt die Illusion, dass sie durch Wahlen das System festigen. Das ist Quatsch, denn durch die Zahl der Nichtwähler oder Ungültigmacher ändert sich rein gar nichts an der Zusammensetzung der Parlamente. Und überhaupt kann man sich außerparlamentarisch engagieren und trotzdem wählen gehen. Das sind immer noch zwei verschiedene Paar Schuhe. Und im Optimalfall können politische Initiativen von den Strukturen sogar profitieren, zum Beispiel durch Nutzung von Räumlichkeiten oder Gerätschaften wie Kopierern oder in Form von Informationen aus Kleinen Anfragen.

Und zuletzt aufgrund einer ganz persönlichen Schrulligkeit gehe ich gerne wählen: Ich finde Wahlen spannend. Dieses Nerdtum ist wahrscheinlich ein Rest aus meinem Studium übrig geblieben. Ich sitze aufgeregt wie vor dem ersten Mal bei jeder Landtags- und Bundestagswahl vor dem Fernseher und starre auf die Balken. Einziger Nachteil allerdings ist, dass an Wahlsonntagen die „Lindenstraße“ in der ARD ausfällt. Das wäre vielleicht meine größte Kritik am parlamentarischen System.

Ich möchte noch einmal betonen, dass dies hier kein Wahlaufruf sein soll. Geht wählen oder lasst es. Aber wenn dann wählt bitte nicht DIE PARTEI. Die ist leider nicht mehr lustig. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

# Franz Degowski

Offenlegung: Der Autor ist Mitglied der Partei DIE LINKE. Das macht aber nichts.

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