Schrankenlose Ausbeutung – zur „imperialen Lebensweise“ (I)

Luftverschmutzung, Klimawandel, Abholzung, Verlust biologischer Vielfalt, Bodenerosion oder Übernutzung natürlicher Rohstoffe: die (selbst)zerstörerischen Folgewirkungen der auf Profit und Kapitalakkumulation basierenden gegenwärtigen Produktionsweise und des ihr entsprechenden Konsumverhaltens auf die Natur sind allgemein bekannt – sofern man die Problemfelder nicht verdrängt oder sich rationalen Argumenten verschließt. Nutzen und Kosten des auf Massenkonsum basierenden modernen Kapitalismus verteilen sich zudem äußerst ungleich. Nicht nur in den kapitalistischen Zentren, in denen das Ausmaß an der Teilhabe am Wohlstand zwischen den, aber auch innerhalb der Klassen höchst ungleich ausfällt. Sondern v.a. zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden sowie den gegenwärtig lebenden und den folgenden Generationen. Der Frage, warum Problemerkennung und zumindest ansatzweise Problemlösung dennoch derart auseinanderklaffen, widmen sich Ulrich Brand und Markus Wissen in ihrem Buch „Imperiale Lebensweise – Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus“.

Tief verankerte Lebensweise

Die imperiale Lebensweise bestimmt die Produktionsbedingungen1 sowie die Verteilungs- und Konsumnormen, damit die Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaft im globalen Norden und zunehmend auch in den Schwellenländern des globalen Südens. Sie bestimmt maßgebend die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Alltagspraxen und Alltagsstrukturen in den kapitalistischen Zentren, die durch Profitinteressen, aber auch wesentlich durch Gewohnheiten und Routinen großer Teile der Bevölkerung geprägt sind. Implizit setzt dies eine prinzipiell unbegrenzte Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Maßstab voraus, vermittelt etwa durch Aneignung billiger Rohstoffe für Produktion oder Konsum, massenhaften Konsum von rohstoff- und energieintensiven und vermehrt kurzlebigen Konsumgütern, die Auslagerung besonders arbeitsintensiver sowie umwelt- und gesundheitsschädlicher Produktion oder durch umweltschädliches Reiseverhalten.

Konsens über „gutes Leben“

Mit dem Begriff der imperialen Lebensweise soll nicht vermittelt werden, dass alle in den kapitalistischen Zentren gleich leben bzw. gleichermaßen die globalen menschlichen und natürlichen Ressourcen (über)beanspruchen. Ganz im Gegenteil: Die imperiale Lebensweise basiert auch in den Zentren „auf Ungleichheit, Macht und Herrschaft, mitunter auf Gewalt und bringt diese gleichzeitig hervor“.2 Allerdings besagt sie, dass sich eine bestimmte Vorstellung von „gutem Leben“ und gesellschaftlicher Entwicklung durchgesetzt hat, die jedoch umkämpft bleibt und Ansatzpunkt einer Politisierung sein kann, nicht zuletzt aufgrund unterschiedlicher Teilhabemöglichkeiten bzw. Betroffenheit von Folgewirkungen. Dass Produktions- und Konsumnorm übereinstimmen – etwa in Form massenhaften Konsums lang- oder vermehrt kurzlebiger und Modetrends folgender Produkte – ist nicht ausgemacht. Dies ist Ergebnis sozialer Kämpfe und gesellschaftlicher Kompromisse zwischen mächtigen kapitalistischen Akteuren und den, auch maßgeblich von deren Werbemaschinerien bestimmten, Forderungen und Wünschen der Subalternen nach Teilhabe an den Wohlstandssteigerungen. Mit dem Klassenkompromiss der Nachkriegsära rückte die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums in den Mittelpunkt, während Fragen über die Art und Weise der Produktion sowie das Eigentum an Produktionsmitteln weitgehend von der Bildfläche verschwanden.

Exklusivität und Kostenabwälzung

Ein wesentliches Element der imperialen Lebensweise, ihres prinzipiell unbegrenzten Zugriffs auf Arbeitskräfte, natürliche Ressourcen und Senken im globalen Maßstab, ist ihre Exklusivität, die absolute Notwendigkeit des Bestehens eines Äußeren, auf das sie ihre sozioökonomischen und ökologischen Kosten abwälzen kann – sie ist damit nicht verallgemeinerbar. Durch unter ökologisch und sozial zerstörerischen Bedingungen hergestellte (preisgünstige) Waren können in den Zentren gleichzeitig die Reproduktionskosten der Arbeitskraft, damit die Löhne, niedrig und die Profitraten hochgehalten werden. Die imperiale Lebensweise wirkt damit auch stabilisierend auf die sozialen Auswirkungen der multiplen Krise in den kapitalistischen Zentren. Durch die damit einhergehende Aufrechterhaltung oder Ausweitung der individuellen
Konsummöglichkeiten werden die imperialistischen Interessen der Vermögenden und der Eigentümer der Produktionsmittel weiter in den Alltagspraxen und Alltagswahrnehmungen großer Teile der Lohnabhängigen des globalen Nordens verankert. So entsteht ein klassenübergreifendes Interesse an einer möglichst reibungslosen Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Süden. Denn die Kehrseite des ressourcen- und energieintensiven „guten Lebens“ in bestimmten Regionen und für bestimmte privilegierte Gruppen sind – neben den sozialen – auch die ökologischen Folgekosten (Klimawandel, Umweltkatastrophen, Überfischung, …), die hauptsächlich in jenen Ländern anfallen, die bislang kaum am materiellen Reichtum teilhaben konnten und besonders vom Klimawandel betroffen sein werden.

Gewalt zur Wohlstandssicherung

Dass die imperiale Lebensweise nicht verallgemeinerbar ist, zeigt sich aber nicht nur an den ökologischen Folgekosten. Die exklusive Aneignung von menschlichen und natürlichen Ressourcen sowie Senken im globalen Maßstab war seit jeher eine wesentliche Komponente der Anhäufung von Reichtum in den kapitalistischen Zentren und schon bisher kaum mit demokratischen Mitteln aufrechtzuerhalten. Stattdessen wurde sie u.a. durch politischen Druck, militärische Gewalt, ungleiche ökonomische Beziehungen oder Handelsabkommen abgesichert. Mit dem Aufstieg der Schwellenländer des globalen Südens wird die imperiale Lebensweise für immer mehr Menschen erstrebenswert und zum Teil auch erreichbar. Mit der Ausweitung des Anspruchs auf Teilhabe an den Wohlstandsgewinnen des globalen Nordens durch jene, die bisher nur die Folgekosten zu tragen hatten, wird auch dessen exklusive Inanspruchnahme von Mensch und Natur infrage gestellt. Im selben Maße verstärken sich im globalen Norden die Anstrengungen, sich den Wohlstand möglichst exklusiv zu sichern.

– Benedicto Pacifico

Hier gehts zum II. Teil der Besprechung

Ulrich Brand und Markus Wissen: Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus. oekom verlag 2017. 224 S., € 14,95,-

Anmerkungen:
1 Gemeint sind hier sowohl die technischen Produktionsbedingungen, als auch die mit dem Privateigentum an den Produktionsmitteln kapitalistischer Prägung einhergehenden Formen der Unternehmens- und Arbeitsorganisation.

2 Brand, Wissen, S. 45

 

 

Fotos: wikicommons, oekom verlag, Karl Berger

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