Was kümmert mich die Wirklichkeit …

Ein Problem der Methode: Der deutsche Neomaoismus und die Revolution in Rojava

Dieser Text enthält, bevor seine erste Zeile geschrieben ist, zwei Fehler. Der erste liegt in seiner Unterzeile: Sie spricht mangels einer besseren Bezeichnung vom „deutschen Neomaoismus“, wenngleich die Strömung, die hier kritisiert werden soll, nicht allzu viel mit dem Maoismus gemein hat (1). Sie verwendet ihn eher als eine Art Distinktionsmerkmal, um sich von anderen abgrenzen und als einzig wirklich wahre Avantgarde fühlen zu können.

Letzteres führt schon zum zweiten Fehler des Textes: Er wird sich bemühen, ein paar Argumente der „Neomaoisten“ ernst zu nehmen, obgleich der Autor leider den Verdacht hegt, dass sie einer solchen Debatte nicht zugänglich sind. In diesem Punkt allerdings wäre der Autor froh, widerlegt zu werden.

Die Gruppen , um deren Kritik an der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und der Revolution in Rojava es im Folgenden gehen wird, haben in den vergangenen Monaten eine Haltung der offenen Ablehnung der kurdischen Befreiungsbewegung entwickelt. Die Argumente, mit denen sie das tun, sind zum Teil hanebüchen. Dennoch kann man aus der Kritik der absurden Kritik einige nützliche Dinge über die PKK und Rojava entwickeln.

Einwand 1: „Kleinbürgerlicher Klassencharakter“

Es ist ein klein wenig gemein, aber beginnen wir nicht mit dem wichtigsten oder klügsten Einwand, sondern mit dem abwegigsten.

Die umfangreichste Analyse zu PKK und Rojava aus „neomaoistischer“ Perspektive trägt den klobigen Namen „Über die Haltung der Antiimperialisten zur PKK“ und ist auf dem Internetportal „demvolkedienen“ erschienen. Man muss die inhaltlichen Kritikpunkte fast archäologisch freilegen, denn sie finden sich zugeschüttet unter einem Wust von Phrasen zur Selbstvergewisserung, der es wirklich hart macht, das Ding bis zum Ende zu lesen. Hat man sie freigelegt, haben sie es in sich. Der witzigste Kritikpunkt zugleich betrifft den Klassencharakter der PKK.

Die Autorin Alexandra Becker eröffnet ihr Argument: „‘In der Klassengesellschaft lebt jeder Mensch in einer bestimmten Klassenlage, und es gibt keine Ideen, die nicht den Stempel einer Klasse trügen.‘ Das lehrt der Vorsitzende Mao Tse-tung in seinem Werk ‚Über die Praxis‘. Entsprechend trägt alles was Öcalan, die PKK, die PYD, der KCK, die YPG oder sonst eine Organisation beziehungsweise ihre Vertreter sagen und tun den Stempel einer Klasse.“

Tamam. Und wie bestimmt man denn den Klassencharakter einer Organisation?

Im Programm der PKK von 1995 wird festgestellt, dass sich die PKK in den Jahren ihrer Formierung (1970 bis 1978) aus einem Studentenzirkel heraus entwickelte und sich organisatorisch hauptsächlich auf die Intellektuellen stützte.“ Eines der Argumente dafür, dass die PKK keine proletarische, sondern eine „kleinbürgerliche“ Partei sei, ist also, dass sie von „Studenten“ gegründet wurde.

Dass man den Klassencharakter einer Millionenbewegung darüber bestimmen will, ob ihr Vorsitzender studiert hat oder nicht, ist für sich genommen, recht komisch. Für jeden, der die Geschichte der PKK einigermaßen kennt, ist es allerdings mithin das Absurdeste, was man schreiben kann. In den 1970er Jahren wurde es zum ersten Mal den Kindern armer Bauern- und Arbeiterfamilien Kurdistans überhaupt erlaubt, an Universitäten zu studieren. Die ärmsten Schichten Kurdistans drängten an die Universitäten. Wie „intellektuell“ und „kleinbürgerlich“ der Familienhintergrund Öcalans war, zeigt die Geschichte um seine Schwester: Ihre Eltern verkauften sie für einen Sack Mehl in eine erzwungene Heirat. Die Anekdoten darüber, dass eben der Kreis um Öcalan, die Apocular, die ärmsten unter den armen Studenten waren, sind legendär. Sie wohnten zu elft in einem Zimmer, abwechselnd arbeitenden Genossen im schlecht bezahlten Bausektor, um den anderen die politische Arbeit zu ermöglichen.

Die Kritik des deutschen Neomaoismus sagt mehr über die deutsche Linke aus, als über die PKK: Aus einer (sicher gerechtfertigten) Distanz zur überwiegend studentischen Linken entwickelt sich ein verschrobener Proletkult, der rückwirkend in die Geschichte projiziert wird. Wer studiert, ist Kleinbürger. Und der hat automatisch kleinbürgerliche Ideen, er kann nicht anders. Das färbt dann sogar auf seine Organisation ab, die ebenfalls automatisch kleinbürgerlich wird. Flacheres kann man über das Verhältnis von Klasse und Ideologie nicht denken.

Einwand 2: „Die PKK schützt die Bourgeoisie“

Ein ernsterer Kritikpunkt dreht sich um die Eigentumsfrage. „Demvolkedienen“ wirft der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und der Räteregierung in Rojava vor, nicht allein nicht sozialistisch zu sein, sondern mehr als das: Konterrevolutionär.

Sehen wir uns das Argument an. Es gibt einen „Gesellschaftsvertrag“, eine Art vorläufige Verfassung der Selbstverwaltung. In dem steht: Das Recht auf Eigentum und Privateigentum wird geschützt. Niemand darf der Gebrauch des eigenen Eigentums verweigert werden. Niemand darf enteignet werden. Sollte das für das öffentliche Interesse doch notwendig sein, muss der Besitzer oder die Besitzerin entschädigt werden.“ Die Schlussfolgerung der Autorin: „So wird die ökonomische Grundlage der Diktatur der Bourgeoisie garantiert.“

Aha. Gut deduziert – aus einem Dokument. Die einzige Frage, die sich stellt, ist: Welcher Bourgeoisie? Wir verstehen schon, dass sich die „historisch-materialistische“ Analyse der Autorin vor allem auf im Internet zugängliche Dokumente stützt, aber ein kleiner Blick in die ökonomische und gesellschaftliche Wirklichkeit Rojavas kann dennoch nicht schaden.

Was gibt es eigentlich an Eigentum in Rojava? Und wer hält dieses Eigentum? Und wer ist die Bourgeoisie in diesem Fall? Und wer schützt ihr Eigentum? Wir haben uns darüber kürzlich mit Talal Cudi, einem Ökonomen aus der Leitung der Wirtschaftskoordination Rojavas, unterhalten.

Die Wirtschaft Rojavas basiert auf Landwirtschaft. Etwa 68 Prozent der Ökonomie sind in diesem Sektor beheimat. Daneben gibt es Handel – wegen des Embargos oft in Form von (kontrolliertem) Schmuggel -, Kleingewerbe – vor allem kleine Werkstätten – und kaum Fabriken. „Industrie ist derzeit unser schwacher Punkt“, sagt Talal Cudi. „Wir haben die technischen Möglichkeiten nicht, aber wenn wir sie haben, wollen wir die bestehenden Fabriken an die Kommunen angliedern.“

In der Landwirtschaft sieht die Eigentumsstruktur so aus: Fünf Prozent sind aktuell in Kooperativen in Gemeineigentum organisiert. Der Rest ist Eigentum von Familien oder Dörfern oder schlichtweg verlassen. Großgrundbesitz ist aus zwei Gründen selten: Zum einen hat schon die Baath-Regierung vor der Revolution kurdischen Großgrundbesitz zerschlagen und an arabische Familien übergeben, die im Norden Syriens angesiedelt wurden, um die Demographie zu ändern. Zum anderen sind während des Krieges viele, die Eigentum hatten oder mit der Revolution nicht einverstanden waren, geflohen. Der Handel ist vorwiegend Schmuggel oder Kleinhandel, der Preisaufschlag zwischen Einkauf und Verkauf wird durch die Wirtschaftskoordination Rojavas kontrolliert: Importierte Waren dürfen kaum teurer verkauft werden, als sie eingekauft werden (bei Zucker sind es 2 Prozent); von Kleinbauern hier verkaufte, können mehr aufschlagen.

Man könnte das weiter ausführen, aber die brutale Wahrheit ist einfach: Es mag noch den ein oder anderen größeren Landbesitz geben, vielleicht gibt es ein paar Schmuggler, die zu viel aufschlagen, aber in der Kriegsökonomie Rojavas gibt es schlichtweg keine „Bourgeoisie“ als Klasse, die von YPG oder PKK überhaupt geschützt werden könnten.

Sehen wir uns noch einmal den Gesellschaftsvertrag an: Wie liest man so ein Dokument, wenn man sich selber als Marxistin sieht, wie die Autorin obiger Kritik? Man wird es wohl als Ausdruck einer gesellschaftlichen Realität sehen. Als solches spiegelt es einerseits diplomatische Notwendigkeiten wieder (Rojava strebt aus Verteidigungsgründen einen internationalen Status an), wie auch als Ausdruck der inneren Widersprüche einer Revolution, die sicher sozialistische Tendenzen hat, aber eben auch bürgerlich-demokratische.

Das Projekt, das die Revolutionärinnen und Revolutionäre in Rojava verfolgen, erklärt uns Talal Cudi so: in den kommenden zwei Jahren soll der Anteil der Kooperativen auf zunächst ein Drittel, dann auf die Hälfte an der Produktion erhöht werden. Die Herausbildung einer Bourgeoisie etwa durch den Handel soll verhindert werden. Als langfristiges Ziel steht die Abschaffung jeglichen Privateigentums an Produktionsmitteln und Grund zugunsten von kommunalem und kooperativem Eigentum. Die zentralen Ressourcen – Erdöl sowie die Elektrizitätskraftwerke bei den beiden großen Dämmen des Firat, Wasser, Strom usw. – sollen ohnehin nicht aus der Hand gegeben werden. Angebote von ausländischen Konzernen, die bereits eingegangen seien, seien abgelehnt worden.

Man kann auch dieses Konzept noch kritisieren. Aber man sollte es wenigstens kennen. Und man sollte sich der Tatsache bewusst sein, dass sich eine zureichende Einschätzung eines gesellschaftlichen Prozesses nicht allein aus der „Analyse“ eines Gesellschaftsvertrages betreiben lässt, nach dem Motto: „Ah, siehste, da stehts ja, ich habs schon immer gewusst.“

Einwand 3: Mangelnde Linientreue

Nach einem witzigen und ernsten Einwand folgt einer, der witzig und ernst zugleich ist, aber wiederum mehr über den gegenwärtigen Neomaoismus aussagt, als über die PKK. Er betrifft die Methode unseres Denkens insgesamt.

Öcalan ist, so demvolkedienen, ein ganz ein übler, denn: „Er vertritt die Hegel´sche Triade gegenüber dem historischen Materialismus, bedient sich der Metaphysik Aristoteles` anstelle Stephen Hawkins`(dessen Problematik es ist die materialistischen Gesetze nur auf der Ebene der Naturwissenschaften zu akzeptieren) naturwissenschaftlichen ‚Der große Entwurf‘ zur Erklärung der Entstehung des Universums und beruft sich auf den aus den USA stammenden trotzkistischen öko-Anarcho Murray Bookchin bei der Definition des Menschen.“

Abgesehen davon, dass jemand, der den Satz „er vertritt die Hegelsche Triade“ schreibt, weder von Hegel, noch von Dialektik je irgendetwas verstanden haben kann, kommt in Passagen wie diesen eines der hervorstechendsten Merkmale jedes Dogmatismus zum Ausdruck. Man klassifiziert Denker, hier z.B. Murray Bookchin als dieses oder jenes (hier kann man das übrigens am Besten) und meint damit, sich nicht mehr mit dessen Ideen beschäftigen zu müssen.

Bookchin etwa hat unfassbar interessante Dinge über Urbanisierung geschrieben und er hat sicherlich vieles vertreten, was man aus marxistischer Perspektive kritisieren muss. Aber zu meinen, die Klassifizierung als „aus den USA stammender trotzkistischer Öko-Anarcho“ mache es zu einem Verbrechen, sich an Elementen seiner Theorie zu orientieren, ist methodisch komisch. Hätten Marx, Lenin, Mao so gearbeitet, wäre kein Marxismus, Leninismus, Maoismus entstanden.

Nimmt man diese a priori Ablehnung nicht „linientreuer“ Autorinnen und Autoren zusammen mit dem im vorherigen Kapitel besprochenen Desinteresse an Empirie und wirklichen gesellschaftlichen Entwicklungen, bleibt als Methode nur noch eine Art deduktiver, halbreligiöser Mechanismus. These XY ist wahr, weil ein Klassiker es gesagt hat.

Ein Denken wie dieses ist nicht in der Lage, die Wirklichkeit zu erfassen. Es ist auch nicht in der Lage, sich zu erneuern. Es ist nichts weniger als totes Denken, das nur noch die soziale Funktion erfüllt, die eigene peer-group zusammenzuhalten, wo einheiltiches Adidas-Outfit nicht mehr ausreicht.

Einwand 4: Erobert die Waffen!

Der nächste Einwand kann als Überleitung in den letzten, wichtigsten Einwand gelten, der im Anschluss besprochen wird. Er ist erneut eine groteske Anwendung der im vorherigen Kapitel entworfenen Methode: Weil Mao gesagt hat, man darf keine Waffen von irgendwem annehmen, sollte man das auf keinen Fall tun.

„Wie aber besorgen sich Marxisten Waffen? Der Vorsitzende Mao Tse-tung lehrt: Alle Waffen, die wir dem Feind entreißen, und ein Großteil der Soldaten, die wir gefangennehmen, dienen der Ergänzung unserer eigenen Bestände. Die wichtigste Quelle von Menschen und Kriegsmaterial für unsere Armee ist die Front.‘ Sicher kann man auch Waffen kaufen, jedoch sind Eroberung und Eigenproduktion wesentlich wichtiger, Waffen von anderen annehmen verstößt jedoch gegen das Prinzip von Unabhängigkeit und Selbstversorgung.“

Man bemerke: Hier geht es nicht einmal darum, die Bedingungen auszuloten, unter welchen man Waffen annimmt, kauft, erbeutet. Hier geht es darum zu sagen: Es ist generell Haram, Waffen von Bösewichten anzunehmen. Das mag man sich als Maxime in Bremen, Hamburg oder Berlin zurechtlegen können, aber wenn man vier Jahrzehnte lang gegen eine der stärksten NATO-Armeen kämpft, ist diese moralische Regel eher schwierig durchzuhalten. Es fällt mir schwer zu beurteilen, inwieweit die Autorin einschätzen kann, welche Waffen man gegen welche Angreifer einsetzen kann und wie die jeweils zu besorgen sind. Die romantische Vorstellung, man beginne den Volkskrieg mit der Flinte aus dem Nachbarsdorf, nehme dann die nächstgelegene Polizeistation ein und hangle sich so bis zur guten alten Thompson hoch, dürfte angesichts des Entwicklungsgrades der Waffentechnologie überholt sein.

Die Kritik des Textes ist aber nicht nur dogmatisch. Sie ist zynisch. Sie sagt im Grunde nichts anderes als: Hättet ihr euch lieber allesamt zusammen mit der Zivilbevölkerung abschlachten lassen, als Daesh mit Panzern auf Kobane vorrückte, als gegen ein Zitat zu verstoßen, dass wir bei Mao gefunden haben. Inwiefern das „dem Volke dienen“ soll, bleibt zu erklären.

Einwand 5: Kein Bündnis mit den Imperialisten!

Der Waffen-Einwand ist im Grunde ein – eher schwacher – Spezialfall jenes generellen Vorbehalts, den größere Teile der antiimperialistischen Linken derzeit haben: Das Bündnis, das die YPG derzeit mit den USA eingehen, sei Verrat.

Um es vorweg zu sagen: Diese Kritik ist nicht sinnlos. Sie ist auch nicht absurd oder nicht nachzuvollziehen wie einige der obigen Argumente. Für jeden Linken, der nicht völlig den Verstand verloren hat, muss es grauenhaft sein, sei es auch nur für einen beschränkten Zeitraum, Bündnisse mit Washington einzugehen – jenem imperialistischen Staat, der wie kein zweiter nach 1945 fortschrittliche Bewegungen niederschlug, Revolten in ihrem Blut erstickte und Regionen in Krieg und Chaos stürzte. Wie dieses Bündnis aus historisch-materialistischer Sicht zu bewerten ist, dazu hat einer unserer Kollegen bereits geschrieben, wir werden kommende Woche ausführlicher Stellung nehmen.

Hier soll es nur um die Kritik gehen, die der Neomaoismus vorschlägt. Sie gehört im Text zu den unverständlichsten Passagen, aber ihr Kern dürfte sein: „Die Sowjetunion, als sozialistischer Staat, ging temporäre Bündnisse mit den englischen und Yankee-Imperialisten ein. Doch dies geschah zu einem Zeitpunkt, als klar war, dass der Hauptfeind der Völker der Welt der deutsche Imperialismus war. Vorher, als diese Rolle den Briten zu kam, schloss die Sowjetunion einen temporären Nicht-Angriffs-Pakt mit dem deutschen Imperialismus. Die KPCh, der gelegentlich bei den Verteidigern Öcalans die gleiche Rolle zukommt, schloss ein Bündnis mit der Kuomintang gegen die japanischen Invasoren. Chiang Kai-shek war zwar Agent der Yankees, aber es war kein direktes Bündnis mit dem Yankee-Imperialismus und in keinem Fall wurden die revolutionären Streitkräfte (wie es analog in Nordsyrien mit den koordinierten Luftangriffen der Fall ist) dem Bündnispartner unterstellt. In beiden Fällen ist die Sachlage eine völlig andere, als zurzeit in Nordsyrien. Ein angemessener Vergleich wäre hingegen folgender: Heute gemeinsam mit den Yankees eine Allianz gegen den IS einzugehen entspricht eher in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine Allianz mit Hitler gegen den ukrainischen Faschistenführer Bandera zu machen.“

Der Absatz enthält erneut einige faktische Unwahrheiten (etwa dass die YPG den USA militärisch ‚unterstellt‘ seien), er enthält aber auch – zur Abwechslung – einen wahren Satz: „In beiden Fällen ist die Sachlage eine völlig andere, als zurzeit in Nordsyrien.“ Das ist ausnahmsweise wirklich richtig und könnte der Autorin die Einsicht eintragen, dass man historisch konkrete Situationen auch jeweils anhand ihrer eigenen Wirklichkeit beurteilen muss. Aber leider …

Wie dem auch immer sei, die These des Neomaoismus, die aus dem Absatz und den im Text folgenden hervorgeht, ist: Der Hauptfeind ist der US-Imperialismus ist, und wenn man Bündnisse schmiedet, dann nur solche, die unmittelbar (!) gegen diesen gerichtet sind. Denkt man diese These zu Ende, landet man bei einer anderen Strömung, der trotzkistischen Spartakist-Sekte. Die rufen nämlich zur „militärischen Parteinahme für den Islamischen Staat gegen die von den USA geführte Koalition und ihre einheimischen Anhängsel“ auf.

Resümee: Ein Problem der Methode

Eigentlich war dieser Text nicht geplant. Eigentlich war ein Text geplant zur Einschätzung der Bündniskonstellationen in Syrien (und darüber hinaus), der auch die verschiedenen Kritiken an der Politik der kurdischen Bewegung in Rechnung stellen sollte. Dieser Text erscheint in den kommenden Tagen. Dennoch hoffen wir, dass die Kritik an dem obigen Text nicht umsonst ist. Wir schätzen die Bemühungen der kritisierten Genossinnen und Genossen, sich eine revolutionäre Identität anzueignen. Und wäre in dem Text nicht die wirklich abstoßende Passage über den gefallenen Internationalisten Rustem Cudi gewesen (2), wir hätten die Kritik trotz des Tons der ursprünglichen Polemik versöhnlicher geschrieben.

Der Kern der obigen Kritik erschöpft sich nicht in den einzelnen Punkten, die wir abgearbeitet haben – da fehlen sicher noch zahlreiche. Das Problem, an dem die gesamte deutsche neomaoistische Theorie, nicht nur die zu Rojava, krankt, ist eines der Methode. Im Grunde interessieren sich die Autorinnen und Autoren nicht für die Wirklichkeit. Die Lektüre der Klassiker dient ihnen nicht dazu, um die eigene Wirklichkeit besser zu verstehen, sondern zur Entwicklung eines Kodexes, an dem sich die Realität messen lassen muss. Dementsprechend erfolgt die „Beweisführung“ deduktiv aus Klassiker-Zitaten. Die realen Verhältnisse vor Ort sind in dieser Perspektive, wenn sie überhaupt vorkommen, zweitrangig.

Man kann so in jeder Debatte das Gefühl behalten, man sei im Recht und das mag sozial den Zusammenhalt der Gruppe stärken, was ja keine schlechte Sache ist. Allein man wird nicht in der Lage sein, Antworten auf die Fragen unserer Zeit zu finden und keinen Beitrag zur Überwindung von Kapitalismus, Patriarchat und Staat leisten können. Und wir hoffen, dass es doch das ist, was die Genossen der kritisierten Gruppen letztlich antreibt.

# Von Fatty McDirty

(1) Die beiden großen maoistischen Organisationen in der Türkei (TKP/ML und MKP) kämpfen in einer Front mit der kurdischen Befreiungsbewegung, zudem gibt es von den Philippinen über Frankreich bis nach Kanada Solidaritätsbekundungen aus der maoistischen Bewegung und zwar von ziemlich gewichtigen Organisationen.

(2) Günter Helsten, Rustem Cudi, wird in dem Text verächtlich gemacht, weil er, bevor er sich der Revolution in Rojava angeschlossen hat, Söldner war. Rustem Cudi, so sein Kampfname, hatte mit seiner Vergangenheit gebrochen und abgerechnet. Seine Geschichte ist berührend und viele Genossinnen und Genossen erzählen von ihm mit tiefem Respekt. Jene verächtlich zu machen, die hier ihr Leben gaben, ohne überhaupt ihre Geschichte nachzuprüfen (die Autorin schreib sogar seinen Namen falsch, sie schreibt Günter „Kelsten“), ist respektlos.

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