[Rojava-Tagebuch III] Deutsche Waffen gegen Jesid*innen

Im Jahr 2014 hielten Kämpfer*innen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) den Islamischen Staat davon ab, einen Genozid an den Jesid*innen im Sinjar zu verüben. Nun droht der nächste Angriff, diesmal auf Geheiß der Türkei.

In den letzten 14 Tagen haben wir zwei Mal Landesgrenzen überschritten, ohne Gebrauch von unseren Pässen zu machen. Zuerst schlichen wir bei Nacht über die irakisch-syrische Grenze, um nach Rojava zu gelangen. Schon hier war es für uns ein durchaus bemerkenswertes Gefühl, nicht mehr auf die künstlichen Trennlinien achten zu müssen, die der Imperialismus in diese Region eingebrannt hat. Unser erster Grenzübertritt ohne Ausweis und Visum war aber noch klandestin. Der zweite, der etwas mehr als eine Woche später erfolgte, war schon offener: Wir fuhren in das Sengal-Gebirge, das Siedlungsgebiet der Jesid*innen, das formal gesehen wieder auf dem Territorium des Irak liegt.

Allerdings kommt man als Journalist von jenem Nationalstaat, der den Sengal sein eigen nennen möchte, eben nicht in das Gebirge, dafür aber aus dem eigentlich benachbarten Rojava. Der Grund dafür ist: Als 2014 der Islamische Staat den Sengal in genozidaler Absicht angriff, liefen die lokalen Kräfte der Peschmerga, die dem Erdogan-Kollaborateur und Clan-Chef Mesud Barzani unterstellt waren, davon. Sie ließen die Jesid*innen, die von Daesh als „Ungläubige“ angesehen werden, schutzos zurück. Die Jesid*innen zogen sich auf die Hochebene des ihnen heiligen Berges Sengal zuück, Kräfte der PKK-Guerilla HPG hielten die Dschihadisten davon ab, ihre Völkermordabsicht in die Tat umzusetzen. Aus Rojava kommende YPG-Einheiten kämpften einen Korridor frei und es wurde begonnen, die Region aus den Händen der Terrormiliz zurückzuerobern. Der langen Rede und vielen Abkürzungen kurzer Sinn: Es war die kurdische Befreiungsbewegung rund um die PKK, die in Europa, der Türkei und den USA als „terroristisch“ gilt, die im Sengal einen Genozid an einer Bevölkerungsgruppe verhindert hat, die in der Geschichte schon ein unvorstellbares Maß an Leid erfahren hat: 74 mal versuchten feindliche Gruppen, sie auszulöschen.

Hochebene des Schengal: Hier suchen jesidische Zivilist*innen Zuflucht. Luftangriffen der Türkei wären sie schutzlos ausgeliefert.

Über 200 Kämpfer*innen der HPG und verbündeter Kräfte fielen im Krieg gegen Daesh. Im Zuge der Kämpfe aber entstand bei der lokalen Bevölkerung Vertrauen zur kurdischen Bewegug. „Am Anfang waren die Jesid*innen selbst skeptisch, als die Guerilla hier ankam. Denn in ihrer Geschichte brachten Fremde mit Waffen selten Gutes“, erzählt Heval Militan, ein junger kurdischer Kämpfer. „Doch wir hielten die Angreifer davon ab, hier einzudringen, und die Bevölkerung sah, mit welcher Selbstaufopferung wir das taten.“

Die militärische Verteidigung legte den Grundstein für die politische Idee, die die kurdische Befreiungsbewegung mitbrachte: Die PKK wollte nicht als Besatzungsmacht über den Schengal und seine Bewohner*innen herrschen, sondern ihnen die Idee der demokratischen Autonomie, einer auf Rätedemokratie basierenden Selbstverwaltung näher bringen. Diese Idee ist für die Jesid*innen zunächst einmal neu, aber sie wird angenommen. „Die Schaffung entsprechender Institutionen funktioniert, aber sie braucht Zeit“, sagt Heval Militan. Es entstanden zivile Aufbauräte und eine eigene Miliz zur Selbstverteidigung, die Yekîneyên Berxwedana Şingal (YBS) und die Fraueneinheiten Yekinêyen Jinên Êzidxan‎ (YJE).

Dieser Prozess nun rückte den Schengal näher an die nordsyrische Föderation Rojava. Denn dort wie da bauen die politischen Institutionen auf den Ideen des PKK-Gründers Abdullah Öcalan auf: Geschlechtergleichberechtigung, Basisdemokratie, kommunale und kollektive Ökonomie. Der heilige Berg der Jesid*innen hat sich zwar keinen einzigen Milimeter geografisch verschoben, dennoch ist er seit 2014 aus dem Staatsgebiet des Irak und der Zuständigkeit des Kurdischen Regionalregierung im Nordirak entflohen. Er ist so ein Beispiel für den Erfolg des neuen Paradigmas der kurdischen Befreiungsbewegung geworden: Sie will nicht mehr wie in den 1990er-Jahren einen eigenen Nationalstaat errichten, sondern durch demokratische Auonomie Nationalstaatlichkeit überhaupt auflösen.

Dieses Vorhaben wiederum ruft den Erzfeind der kurdischen Befreiungsbewegung auf den Plan: den türkischen Kolonialismus. Recep Tayyip Erdogan hat vor Kurzem angekündigt, eine Militäroffensive gegen Schengal lancieren zu wollen. Unterstützt wird er dabei von dem Kollaborateur Mesud Barzani und ihm ergebenen Peschmerga-Kräften.

Eine irreguläre Truppe namens Roj-Peschmerga hatte bereits Anfang März Kämpfe gegen die jesidische YBS provoziert, bei denen mindestens sieben Menschen ums Leben kamen. Die Bilder zweier HPG-Kämpfer, die mit bloßen Händen versuchen, die Militärfahrzeuge der Angreifer zu stoppen, gingen um die Welt.

Auf dem Video nicht zu sehen: Die beiden Kämpfer wurden aus nächster Nähe erschossen. Auf dem Video schon zu sehen: Ein gepanzertes Fahrzeug namens Dingo, das ausschließlich in Deutschland hergestellt wird. Ebenfalls zur Ausrüstung von Barzanis Peschmerga zählen Heckler&Koch-Gewehre sowie Milan-Panzerabwehrsysteme. Allesamt aus der BRD. Ironischer Weise lieferte die Bundesregierung dieses Kriegsgerät an die Peschmerga mit dem Argument, diese gegen Daesh stärken zu wollen. Kaum rückte der Islamischen Staat aber irgendwo näher – sei es in Kirkuk, in Machmur oder im Schengal – zogen die Barzani-Truppen ab. Nun tauchen dieselben Waffen in den Händen einer irregulären Bande auf, in der sich nach Bekunden der jesidischen Bevölkerung auch arabisch- und türkischsprachige Söldner finden.

Allerdings dürften die Roj-Peschmerga alleine chancenlos gegen die im Gebirge verschanzte Guerilla sein: „Wir wollen wirklich keinen Krieg, schon weil es bei den Peschmerga auch kurdische und jesidische Soldaten gibt“, sagt Heval Militan. „Aber wenn sie angreifen, dauert es nicht lange. Das müssten sie selber eigentlich auch verstehen. Denn wir sind oben auf dem Berg und sie sind unten. Und wir wissen, wie man einen Guerilla-Krieg führt.“

Da der Ausbau der Selbstverwaltung allein durch Proxy-Milizen nicht zu brechen sein wird, vermuten viele hier, dass das AKP-Regime in Ankara zu deren Unterstützung Luftangriffe fliegen wird. Erdogan hat bereits angekündigt, eine neue Militäkampagne gegen „Terroristen“ im Irak durchführen zu wollen, nachdem sein Exkurs nach Syrien so fulminant gescheitert ist. Sollte der türkische Autokrat Ernst machen, wäre das der 75. Versuch eines Völkermordes an den Jesid*innen. Diesmal mit Beteiligung deutscher Exportware.

# Teil I der Rojava-Tagebücher: http://lowerclassmag.com/2017/04/rojavatagebuchi/

#Teil II der Rojava-Tagebücher: http://lowerclassmag.com/2017/04/rojava-tagebuch-ii-morgens-maurer-mittags-studentin-abends-journalist/

# Fotos: Willi Effenberger

# Text: Peter Schaber

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2 Gedanken zu „[Rojava-Tagebuch III] Deutsche Waffen gegen Jesid*innen“

  1. ihr schreibt : „hielten sie davon ab“ ! der Völkermord hat doch stattgefunden, über 10000 Yeziden wurden ermordet, tausende Mädchen , Frauen und Kinder wurden versklavt und sind es bis heute noch. Euere Berichterstattung in Ehren, aber die Bilder der Ermordung von YBS-Kämpfern und unbewaffneten Demonstranten durch die RojPesch ging nicht durch die Weltpresse ! Die Flucht ins Gebirge hat zudem nichts mit einem „Hl.Berg“ zu tun. Die Yeziden werden nicht nur von dem IS als Teufelsanbeter und Ungläubige klassifiziert sondern von allen Muslimen [ auch in DE!]von denen sich viele kurz vor und nach Einmarsch des IS diesem angeschlossen und mitgemordet haben. Die Lage der Yeziden ist doch verzweifelt : die meisten müssen immer noch in Zelten hausen, inmitten einer ihnen feindlichen Umwelt – dazu zählen auch die meisten Kurden : Bilder die fast freundschaftlichen Umgang zwischen IS-Gangstern und Peschmerga , oder SDF zeigen gibt es genügend

    1. „hielten sie davon ab“… ich denke der einsatz der 16 HPG und YJA STAR kaempfer_innen hat schlimmeres verhindert. dies waere nicht noetig gewesen wenn die peschmerga nicht geflohen und nicht die bevoelkerung vorher entwaffnet haetten.
      unbestritten ist auch der 74. voelkermord an den êziden.

      die gefechte und der einsatz deutscher waffen und fahrzeuge wurde im ard und zdf in den hauptnachrichten thematisiert, mit eigenen augen gesehen und gehoert. sicherlich es wurde nicht genau das bild gezeigt, wo zwei freunde der HPG bei dem versuch einen dingo mit ihren haenden aufzuhalten aus naechster naehe erschossen wurden. daher verstehe ich nicht worauf deine kritik zielt. sicherlich ist die praesenz des kampfes in êzîdxan, bakur und rojava in der „weltpresse“ ueberschaulich. aber um es mal mit harten worten zu sagen, stell dir vor es waere im Jemen.

      die lage in êzîdxan ist beschissen auf vielen ebenen, die vorranschreitende selbstermaechtigung und selbstorganisierung wird sicherlich nicht das embargo der PDK und der Türkei fuer gueter lebensmittel und baumaterialien etc. durchbrechen koennen aber sie wird die notwendigen strukturen schaffen um dies vor der gemeinschaft der voelker einfordern zu koennen.
      und ich glaube das die freund_Innen der kurdischen befreiungsbewegung alles tun und tun werden um ihren êzidischen schwestern und bruedern zu helfen.
      … die eingliederung bewaffneter êzidischer einheiten direkt in die PDK peschmerga halte ich persoenlich nicht fuer zielfuehrend. …

      nun wollte ich gerne noch auf den “ fast freundschaftlichen umgang“ der SDF mit Daesh eingehen.
      ich bin davon ueberzeugt das es keinen, „ueber das mass“ von menschlichkeit und dem unerschuetterlichen glauben an die geschwisterlichkeit der voelker hinausgehenden, „fast freundschaftlichen“ umgang gibt. nur weil man jemanden menschlich behandelt und nicht misshandelt oder umbringt nachdem man ihn gefangen genommen hat, bedeutet es nicht das man seine abscheulichen unmenschlichen meinungen und taten gutheisst. man solle gleiches nicht mit gleichem vergelten, hat halt immer seine bedeutung.
      und glaube mir ich bin oft am ende meines verstehens wenn ich die bilder und videos sehe. zb. als ich die bilder aus Xerabê Bava sah und mir die traenen in die augen schossen war es fuer mich schwer die taeter als menschen zu sehen und ich war fuer lange zeit bereit sie mit eigenen haenden zu erwuergen, es ist schwer die in diesen momenten aufkommende dunkelheit im eigenen herzen nicht ueberhand nehmen zu lassen.

      alex, 47, mensch

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