[Rojava-Tagebuch II] Morgens Maurer, mittags Studentin, abends Journalist

Etwas mehr als eine Woche ist nun vergangen, seit wir in der Föderation Nordsyrien angekommen sind. Wir fanden unseren Platz an einem für Internationalist*innen bestimmten Ort in Rojava, an dem wir zunächst bleiben, bis die Reise uns vielleicht woanders hin verschlägt. Hatten wir am Anfang noch das Bedürfnis so schnell wie möglich an jene Orte zu reisen, die als Brennpunkte der internationalen Aufmerksamkeit gelten – nach Minbic, Sengal, Raqqa, Kobane -, so stellte sich bald eine große Ruhe ein.

Sicher, wir planen immer noch, irgendwann die Front oder bestimmte Institutionen zu besuchen, über die wir schreiben wollen. Aber eigentlich haben wir jetzt anderes zu tun. Wir müssen kochen, Tee trinken, Kurdisch lernen, lesen, mit Freund*innen diskutieren, und auf dem Dach eine rieisige Sitzecke aus Stein mauern. Die Kamelya wird einen Essbereich, eine Schutzmauer gegen Sonne und Sprengstoffautos, ein Blumenbeet, ein Schilfdach samt Öko-Klimaanlage mit Wasserzirkulation und eine cay-Bar haben.

Die Tage vergehen wie im Flug – ganz abgesehen davon, dass man ohnehin selten weiß, welcher Tag gerade ist, weil man mit dieser Information meistens nichts anfangen kann. Frühmorgens wird rojbaş angesagt, je nachdem welche*r Genoss*in den Weckruf vollzieht in liebevoll auffordernder oder preußisch-militärischer Art. Danach gibt es Frühstück, für das der mitbaxci verantwortlich ist, dem für jeweils einen Tag die Aufsicht über die Küchenangelegenheiten obliegt.

Danach beginnt der Tag und alle widmen sich ihren Arbeiten. Einige, die auf der Durchreise sind, fahren in ihre militärischen Einheiten, andere sind in zivilen Bereichen tätig, arbeiten also in Nachbarschaften mit Familien oder im Medienbereich oder in der Diplomatie. Wir sind derzeit mit dem Bau der Kamelya beschäftigt, das heißt nach dem Mampfen heißt es erst mal Mauern. Maschinen gibt es keine, nur Wasser, Zement, Sand und Ziegel, ein paar Schaufeln und Kellen. Ein Freund wirft seine Playlist aus Guerilla-Songs und Jon Bon Jovi an, und los geht’s.

Die jeweiligen Arbeiten werden unterbrochen durch Tee-Pausen, kollektives Herumsitzen und Diskutieren oder durch andere Tätigkeiten, die man ebenfalls verrichten muss – in unserem Fall Einkäufe auf dem Markt, Kurdisch-Lernen und Journalismus-Kram. Letzterer kommt wie von selbst, denn man muss in Rojava nicht lange nach Menschen, die interessante Lebensgeschichten haben, suchen. Eigentlich muss man überhaupt nichts machen, als mit offenen Ohren und Augen durchs Leben gehen, sich hin und wieder hinsetzen und das Erinnerte aufschreiben. Eine kleine Auswahl: In den ersten vier Tagen treffen wir auf junge Frauen, die an der Raqqa-Front gekämpft haben, auf arabische Genossen, die sich dem kurdischen Kampf angeschlossen haben, auf einen Freund, der kürzlich aus Sengal zurückgekehrt ist, und so weiter und so fort. Die Themen, die wir in den oft stundenlangen Gesprächen erörtern reichen von Ideologiedebatten zwischen Anarchist*innen und Kommunist*innen über Lösungsansätze für den Palästina-Konflikt über die Frage, wie man im Krieg mit der ausufernden Masse an Straßenhunden umgehen kann, ohne sie jedes Mal zu erschießen bis hin zur Frage nach der Rolle von Bier bei der Sesshaftwerdung des Menschen im Neolithikum.

Kurz: Es ist nicht langweilig hier oder monoton und man kann sich recht frei selbst einen Platz suchen, an dem man für diese Revolution nützlich sein will. Ein bisschen fühlt man sich an Marxens schönen Satz aus der Deutschen Ideologie erinnert. Dort bemängelt er jene Form von Arbeitsteilung in Klassengesellschaften, in der „jeder auf einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann“ reduziert wird. „Er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muß es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will“. In der „kommunistischen Gesellschaft“, so Marx, können sich dagegen jeder in „jedem beliebigen Zweige ausbilden“. Das macht es möglich, „heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“

Als Revolutionär*in ist man in Rojava derzeit in eben dieser Situation, die auch – aber nicht nur – aus der Not des Embargos und des Krieges geboren wurde: Man ist morgens Maurerin, später Koch, dazwischen Kritiker*in und wenn man mag auch noch Journalist, Studentin, Milizionär*in oder Bauer in einer Kooperative. Die Tätigkeiten machen zudem Spaß: Denn man verrichtet sie in dem Bewußtsein, dass man sie für seine Genoss*innen, für diese Gesellschaft hier und für sich selbst tut. Noch nie war Geschirr abspülen oder Sand schippen schöner als hier und jetzt.

Auch die Tätigkeit des „Kritikers“ hat einen ganz anderen Drive. Es geht nicht darum, sich im moralischen Elfenbeinturm über die „anderen“, die Bevölkerung, zu echauffieren, weil die Verhaltensweisen aufweist, die man für eine moralische Schuld hält. Es geht tatsächlich darum, Menschen zu verändern, mit ihnen gemeinsam.

Und wenn es um strategische Debatten geht, bedeutet „Kritik“ auch nicht die selbstgerechte Rechthaberei, die bei uns zuhause so gerne von jenen ausgeübt wird, die der Kapitalismus auf den „bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit“ des Marxologen oder sonstigen Experten reduziert hat. Politisch-strategische Fragen erwachsen aus dieser Gesellschaft und ihre Antworten fließen fast unmittelbar in sie zurück. Was man entwirft, theoretisch erörtert und für vernünftig befindet, muss sich hier täglich in der Praxis bewähren. Das fängt bei der Bauweise einer Sitzecke an und hört bei der Frage nach Bündnissen mit ausländischen Mächten noch lange nicht auf.

#Teil I der Rojava-Tagebücher erschien hier.

# Peter Schaber

#Foto: Willi Effenberger

*wie bei den vergangenen Texten ändern wir alle Namen.

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