Setzt die türkische Regierung Chemiewaffen gegen Kurden ein?

In der kurdischen Stadt Yüksekova (Gever) im Südosten der Türkei sollen Regierungstruppen Giftgas eingesetzt haben. Den deutschen Mainstreammedien sind die Meldungen keine Nachforschungen wert.

Der brutale Krieg, den die Türkei gegen die kurdische Befreiungsbewegung im Südosten der Türkei seit Monaten führt, erzählt viele Geschichten von Mord und Leid: Die kollektive Bestrafung der gesamten Zivilbevölkerung löste eine drastische Fluchtbewegung zehntausender Menschen aus. Hunderte ZivilistInnen verloren ihr Leben im Scharfschützefeuer und durch die Bombardierung von Wohnvierteln mit Panzern, Artillerie und neuerdings auch aus der Luft. Zivile Hilfsorganisationen, legale Parteien, Anwaltsvereine und MenschenrechtsaktivistInnen werden verfolgt, bedroht, eingesperrt.

Den meisten großen deutschen Medien ist das – man muss es so deutlich sagen – egal. Sicher, hin und wieder bringt man pflichtschuldig eine Reportage oder bemängelt, wenn ein eigener Korrespondet ausgewiesen wird. Die Aufmerksamkeit, die dem Thema gebührte, wenn ein NATO-Partner, der zudem gerade einen extrem weitgehenden Deal mit einer deutsch geführten Europäischen Union abschließt, mordet und brandschatzt, zukommen müsste, vermisst man allerdings in der Berichterstattung vollständig.

Schmerzhaft deutlich wurde das erneut an diesem Wochenende. Aus Gever, einer Stadt in der Provinz Hakkari, die als Hochburg der kurdischen Bewegung gilt, berichteten lokale Journalisten von dem Einsatz eines bislang nicht identifizierten Giftgases. Der HDP-Hakkari-Abgeordnete Nihat Akdoğan trug die Berichte zusammen und erklärte: „Die Stadt wird seit sieben Tagen bombardiert. (…) Bewohner der Nachbarschaften Eski Kışla, Mezarlık und Orman haben sich bei uns gemeldet und gesagt, sie können nicht atmen wegen eines Gases, dessen Art wir nicht kennen (…). Es existieren zudem andere Berichte darüber, dass 30 bis 40 Menschen von einem chemischen Gas getötet wurden und ihre Körper komplett verbrannt sind.“

Auf Twitter verbreiten lokale Journalisten wie Nedim Türfent von der kurdischen Agentur DIHA die Meldung. „Damit die staatlichen Sicherheitskräfte die Nachbarschaften betreten können, haben sie Giftgas eingesetzt“, schreibt er. In sozialen Medien existieren Wortmeldungen von Bewohnern aus Gever, die von einem Gas sprechen, das sie fürchten. Und von Atemnot. Ähnliche Berichte gab es zuvor bereits bei der Belagerung der Stadt Cizre. Auch hier behaupten Anwohner, die Sicherheitskräfte hätten chemische Kampfstoffe eingesetzt. Ein Team des Menschenrechtsvereins IHD wollte die Vorfälle untersuchen, wurde aber von den Sicherheitskräften daran gehindert.

Nun sind die Vorwürfe schwer zu bestätigen. Die Türkei verunmöglicht nicht nur journalistische Berichterstattung, so gut sie kann. Sie wird sicherlich auch keine „unabhängige“ Untersuchung dieser Vorfälle zulassen. Gleichwohl könnten Medien, die – wenn es um Länder geht, mit denen Merkel nicht gerade Verträge von historischem Ausmaß durchpeitscht – eher zu wenig, als zuviel journalistische Sorgfaltspflicht bei der ungeprüften Weitergabe von Meldungen walten lassen, zumindest darauf hinweisen, dass es in nicht geringer Zahl Augenzeugenberichte und Anschuldigungen eines Giftgaseinsatzes gibt. Denn ohne öffentlichen Druck wird eine ohnehin unwahrscheinliche objektive Untersuchung sicher nie stattfinden. Das allerdings tut niemand: Zum Zeitpunkt, da wir diese Zeilen schreiben, existiert in etablierten Medien keine einzige Kurzmeldung zu den Berichten aus Gever.

Generell erfährt der Krieg in Nordkurdistan kaum die Beachtung, die ihm zusteht. Es scheint zumindest unbewusst die Devise leitend zu sein, dass es in Kurdistan „ohnehin normal“ ist, dass es da kracht und Menschen sterben. Ohne irgendein Opfer von Terror abwerten zu wollen: Aber sterben in Paris Menschen, beschäftigt das Thema wochenlang intensiv jedes Presseerzeugnis auf dem Globus und hallt noch Monate nach. Sterben in Ankara oder Istanbul Menschen, interessiert das schon deutlich weniger und kürzer, schafft es aber doch noch zumindest für einige Tage in die internationale Presse. Sterben in Kurdistan Menschen, gibt es kaum überregionale Meldungen. Nicht einmal Massaker an mehreren dutzend Zivilisten wie in den Kellern Cizres und Surs werden über die Wahrnehmungsschwelle gehievt. „Doppelte Standards“ ist noch das höflichste, was man zu dieser Berichterstattung sagen kann.

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