[Dersim Diaries – im Kofferraum durch Kurdistan IV]: Ziegenopfer und Rätedemokratie

Im vierten Teil der Dersim Diaries verlassen wir unser alevitisches Bergdorf, machen uns auf den Weg nach Ovacık, das im Genuss Munzurquelle (2)eines kommunistischen Bürgermeisters ist, und besuchen das 14. Munzur Doğa ve Kültür Festivali. Außerdem gibt’s ein Ziegenopfer.

Blutiges Erwachen

Weit später als geplant erwacht das österreichische Zimmer im alevitischen Haus und wir begeben uns auf die Terrasse. Das Haus spendet noch Schatten, als wir frühstücken und den Ausblick auf Täler und Berge bei Tageslicht genießen dürfen. Eine kleine Schotterstraße, die sich den Berg runter schlängelt, blaublühende Disteln am Wegesrand, vereinzelte Baumgruppen an den kahlen Hügeln. Was gestern schon angedeutet wurde, gibt’s jetzt live und in Farbe: wir erfahren, dass eine Ziege geschlachtet werden soll. Wo, wann und wie beantwortet sich von selber, als mir Genosse Ö. winkt, dass ich ihm nachgehen soll. Er und eine knapp siebzigjährige Frau holen die Ziege aus dem Stall. Mangels jeglicher Schlachtungs- oder genereller Ziegenerfahrung beschränke ich mich darauf die Stalltüren hinter ihnen zu schließen und nicht im Weg rumzustehen, als die beiden das Tier an den Hörnern heraus führen. 

Munzurquelle (6)Wieder zurück beim Haus, sitzt der Dede an einer kleinen Steinmauer und wetzt sein Messer. Zu dritt wird die Ziege festgehalten, ihr schwant wohl schon Übles. Wir gehen ein paar Schritte zur Seite, als der Dede langsam mit dem Messer zur Ziege geht, die vor dem Abfluss, an dem wir am Vorabend unsere Zähne geputzt haben, gehalten wird. Mit ruhigen Handbewegungen streichelt er sie und spricht ein paar Worte, die auf den religiösen Hintergrund der Schlachtung schließen lassen. Pathos gibt’s hier keinen, ich höre ihn Allah sagen und plötzlich spritzt Blut auf den Boden. Schnell blutet das Tier aus, zuckt im Liegen noch ein wenig. Der Dede raucht erst mal eine. Dann macht er sich wieder ans Werk: mit ein paar geschickten Messerschnitten und Handgriffen sind die Beine ab, die Ziege wird mit einem Ruck über dem Abfluss aufgehängt und ruck zuck gehäutet. Danach werden die Eingeweide entfernt und in eine Scheibtruhe [Schubkarre, Anm. d. Red.] geworfen. Mit einer Machete wird sie in ihre Einzelteile zerlegt, die dann in den umliegenden Dörfern unter den BewohnerInnen aufgeteilt werden. Während das Fleisch ins Haus getragen wird, schmiere ich mir die unverzichtbare 50er-Sonnencreme rauf. Die Veganerin unserer Reisegruppe hat das ganze Schauspiel skeptisch beobachtet, stellt aber danach fest, dass sie es nicht schlimm gefunden hat, weil dem Tier so viel Respekt gezollt wurde und das wenigstens ehrlicher ist als Extrawurst aus Massentierhaltung. Word. Wir sitzen noch zur Bergdorf (3)kollektiven Schlachtungsnachbesprechung zusammen, der Dede amüsiert sich über die Videos, die wir uns von der Opferung gemeinsam auf den Kameras ansehen. Zusammen mit unseren alevitischen FreundInnen beten wir noch eine Runde im Haus. Der Genosse neben mir macht mit Marx gesprochen den „Seufzer der bedrängten Kreatur“, aber nicht weil wir als AtheistInnen jahrhundertealte Reliquien küssen, sondern weil sein Überbein beim Hinknien schmerzt.

Kurz vor unserer Abfahrt aus dem Bergdorf gehen Genosse Überbein und ich zwecks Katzenwäsche (die Dusche funktioniert hier alle zwei Tage) zum Wasser hinunter. Schlechtes Timing: kurz vor unserer Ankunft parkt sich ein Geländewagen ein, Bergbauern füllen Wasserkanister auf. Einer der beiden versucht ein Gespräch mit uns zu beginnen, muss aber feststellen, dass unsere Türkischkenntnisse bei merhaba anfangen und bei hayata schon wieder enden. Besser macht die Situation auch nicht, als ich mal wieder türkische Wörter und Namen durcheinander bringe und glaube, dass er nach der Vorstellrunde Gülhan heißt. Der hünenhafte kurdische Bergbauer nimmt die Anrede mit weiblichem Vornamen mit Humor, klopft mir auf die Schulter und stellt sich nochmals als Hüseyin vor. Im Verlauf unserer Reise werden wir ihn wieder treffen und mit ihm über Frauenunterdrückung in der Türkei diskutieren.

Auf zum Festival

Nach einer herzlichen Verabschiedung von unseren alevitischen FreundInnen brechen wir auf. Heute kommen wir endlich zum eigentlichen Grund unserer Reise nach Kurdistan, dem 14. Munzur Doğa ve Kültür Festivali. Es ist der 31. Juli und Dersim steht bis zum 3. August ganz im Zeichen des Festivals: In den Ortschaften untertags breit gefächerte Diskussionsrunden, Tanzprogramm und Theater; Am Abend Konzerte mit tausenden BesucherInnen; Infostände, Büchertische, Bekleidungsverkauf, Fahnen, Plakate und Demonstrationen an allen Ecken und Enden. Unsere heutige Reise wird uns nach stundenlangen Fahrten über abenteuerliche Bergstraßen nach Ovacık führen. In Ovacık wird nicht nur das Wasser abgefüllt, mit dem die ganze Region versorgt wird. Der Fluss Munzur hat dort seinen Ursprung und Ovacık einen kommunistischen Bürgermeister, der uns im Rathaus empfangen wird.

Wir liefern noch Ziegelfleisch aus, unser Weg führt wir über kurvige und im seltensten Fall asphaltierte Straßen. Als wir so herumkurven Munzurquelle (1)und im Auto zu den uns immer vertrauteren Revolutionslieder fleißig abgehen, bleiben wir kurz stehen, reißen die Türen auf, drehen die Boxen auf Anschlag und legen eine kleine Tanzeinlage in den Bergen ein. Das erste Auto, das uns an diesem verlassenen Fleck entgegen kommt, hat ein vertrautes Kennzeichen: Mürz-Zuschlag in der Steiermark. Wir werden noch viele Autos aus Deutschland, Österreich, Frankreich oder Holland sehen. Für das Festival werden weite Wege aufgenommen. Schließlich kommen wir an unserer ersten Festivalstation an. Wir parken und spazieren unter der sengenden Sonne die Straße entlang, machen uns auf den Weg zur Munzurquelle. Es ist ordentlich was los und uns ist klar, dass alle, die hier unterwegs sind, eine revolutionäre Weltanschauungen haben. Vorbei an improvisierten Teehäusern unter Plastikplanen, vor denen Dürümbrot frisch zubereitet wird, an Bekleidungsständen, wo Shirts mit Aufdrucken an den Dersim-Aufstand erinnern, drängen wir uns durch die vielen BesucherInnen den Fluss mit seinen unzähligen Verzweigungen entlang. Über kleine Brücken und enge Wege, die aufgrund des Andrangs zur Geduldprobe werden, spazieren wir zur Quelle, trinken ein paar Schluck und suchen uns schattige Plätze.

Neben dem eiskalten Fluss, der von einigen Tollkühnen durchschritten wird, wachsen große Bäume aus dem staubigen Boden. Immer wieder hören wir von dort oder da Menschen singen, Munzurquelle (7)Tanzgruppen bilden sich, Menschen sitzen am Boden beisammen, trinken Cay und grillen. Zwischen den Bäumen wiegen sich Demirtas-Fahnen im Wind. Transparente der DHF und der Volksfront hängen an Brücken und auf Wänden. Politische Zeitungen werden verkauft, auf den Titelseiten wird zur Solidarität mit Palästina aufgerufen, Wahlwerbung gemacht oder über die aktuellsten Geschehnisse bei den Guerillas berichtet. An einem Stand der HDP nehme ich mir Material mit und spende für Rojava. Andere revolutionäre Gruppen verteilen Zettel mit dem Aufruf zum Wahlboykott. Wir maßen uns keine Einschätzung der Situation an, nehmen aber wie schon bei vielen Gelegenheiten zuvor die Zerrissenheit der Linken, v.a. ihres revolutionären Teils, war. Wir hören von den Auseinandersetzung in Istanbul zwischen HDP und Volksfront, die zeitgleich mit unserem Aufenthalt in Kurdistan passieren. Ihnen folgten IS-Angriffe auf fortschrittliche Strukturen und großflächige Polizeirazzien. Die momentane Schwäche wird von der Reaktion sofort ausgenutzt.

Wir stechen pigmentbedingt ins Auge. Vereinzelte skeptische Blicke verwandeln sich aber umgehend in bestätigendes Nicken und freundliches Lächeln, als mein Shirt, wo über dem Wiener Sowjetdenkmal Hammer und Sichel hervor blinzeln, wahrgenommen wird. Ausgerüstet mit Köfte und Ayran nehmen wir auf Stufen Platz. Neben uns wird gesungen. Ein Loblied auf die Volksbefreiungsarmee (HKO), wie wir übersetzt bekommen. Wir holen uns noch Tee und fahren wieder nach Ovacık, wo der Bürgermeister mittlerweile neben vielen anderen Terminen Zeit für uns gefunden hat.

Merhaba, Genosse Bürgermeister!

Fatih Maçoğlu ist vor kurzem zum ersten kommunistischen Bürgermeister der Region gewählt worden, der nicht über eine Namens- sondern eine dezidiert kommunistische Liste gewonnen hat. Wir werden in den ersten Stock des Rathauses gebracht, gleich Bürgermeister (2) - gefladertes Bildnach der Stiege werden wir von Fatih begrüßt. Er bittet uns in sein großes Büro, wir nehmen auf tiefen Kunstledersesseln Platz und bekommen Cay serviert. Im gesamten Büro stehen verteilt am Boden und auf Kästen Blumen, wohl noch Gratulationen für die in diesem Jahr gewonnene Wahl. Hinter seinem computerlosen Schreibtisch hängt eine große Uhr, politische Gefangene haben sie im Knast angefertigt und dem Bürgermeister geschenkt. Das zentrale Versprechen, der von DHF und TKP unterstützten Wahlkampagne war die tatsächliche Einbindung der Bevölkerung in die politischen Belange der Stadt. Prompt umgesetzt wurde es mit neu geschaffenen rätedemokratischen Strukturen. Neben allgemeinen Zusammenkünften der gesamten Bevölkerung gibt es beispielsweise noch Versammlungen für BäuerInnen, für Frauen und für Menschen mit Behinderung. Alles, was in der Gemeinde entschieden wird, geht von diesen Versammlungen, die sich einer regen Beteiligung erfreuen, aus. Als uns Fatih Maçoğlu auf unsere Fragen antwortet und von den anstehenden Projekten berichtet, dringen Parolen auf Kurdisch von der Straße durch die dünnen Fenster in den Raum: eine der zahllosen spontanen politischen Kundgebungen während des Festivals.

Seine drei großen Vorhaben sind die Verbesserung der Straßen, der Umgang mit den Problemen, die der harte Winter mit sich bringt, und die Wohnsituation der Bevölkerung. Viele weitere Punkte werden von gesetzlichen Vorgaben und der Haltung der türkischen Regierung blockiert. Doch Ovacık weiß sich zu helfen und in der kurzen Regierungszeit wurden neben der Demokratisierung noch eine ganze Menge an Vorhaben umgesetzt: laut Gesetz dürfen von den Kommunen die öffentlichen Verkehrsmittel (Kleinbusse, die mit einem Affenzahn zwischen den Dörfern pendeln) nicht kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Gemacht wird das trotzdem. Der Bürgermeister meint: „Sollen sie uns doch klagen!“ Betriebe müssen das hier abgefüllte Munzurwasser zum dreifachen Preis im Vergleich Munzurquelle (4)zur Normalbevölkerung beziehen, in Österreich ist es wohl genau umgekehrt. Noch ist es nicht möglich, Wasser kostenlos zur Verfügung zu stellen, es scheitert an den Befugnissen der Gemeinde. Deshalb sind Gemeindefusionen geplant, um so den juristischen Status aufzuwerten. Für arme und behinderte Menschen gibt es alles, was hier produziert wird, zum halben Preis in den Läden. Der Genosse Bürgermeister spricht davon, dass sie die Bevölkerung mit einem Lächeln von ihrer Sache überzeugen wollen. Er will Bewusstsein schaffen und die Menschen für die Revolution gewinnen. Immer wieder fächelt er sich Luft zu. Dass es bei den Temperaturen, die an die vierzig Grad gehen, offenbar nirgends Ventilatoren gibt, bleibt uns ein Rätsel.

Fotoshooting mit der Revolution

Schon warten vor der Tür die nächsten BesucherInnen, die einen Termin mit Fatih Maçoğlu haben. Wir schießen noch ein paar schnelle Bilder mit dem Bürgermeister und begeben uns wieder auf die Straßen von Ovacık. Der grobe Plan: Bier, Chips, Fluss. An Alkohol zu kommen ist weder in Istanbul noch in Dersim so einfach wie zuhause. Dennoch sind unsere Sinne schon trainiert und wir nehmen die Witterung sofort auf, wenn wir die blau-weißen Signalfarben des Gerstensaftmonopolisten Efes erblicken – der Markenname am Logo wurde von der AKP-Regierung verboten, eine der vielen Kleinigkeiten, mit denen die Gesellschaft in der Türkei Stück für Stück umgekrempelt wird. Während in Österreich diese Farbkombination in der Regel auf rassistische FPÖ-Wahlwerbungen oder den völlig bescheuerten Oktoberfestimport am Wiener Rathausplatz erinnern, ist sie hier sehr erfreulich. Nach einem kurzen Abstecher zum Flussufer (Gebirgswasser eigentlich sich übrigens bestens zur Dosenkühlung) treffen wir den Rest der Reisegruppe in einem großen Gastgarten, in Munzurquelle (3)dem der heitere Abend weitergeht. Zwischen hohen Bäumen sitzen viele an Tischen, trinken Cay, Efes oder Raki und gönnen sich Köfte. Unser Hunger ist gestillt und als wir – wie wir es gelernt haben – zum Bier noch Raki dazu bestellen, werden wir von unseren türkischen und kurdischen GenossInnen darauf hingewiesen, dass ein Entweder-Oder hierzulande üblich ist. Sonst würden wir sehr schnell betrunken werden und tatsächlich schießt der Raki sofort in die Birne.

Als wir gut gelaunt zusammen sitzen, die ereignisreichen Tage rekapitulieren und nachschenken, will sich ein Zehnjähriger unbedingt mit einem Genossen aus Graz fotografieren lassen. Seine Eltern erklären uns warum: er findet, dass der Genosse aussieht wie Philipp Lahm. Nun kann man dem Jungen hier zwar keine böse Absicht unterstellen, aber ÖsterreicherInnen werden ungern für Deutsche gehalten. Gerade wenn’s um Fußball geht. Natürlich gibt’s das Foto trotzdem und als wir erfahren, dass er auf den Namen Devrim (= Revolution) hört, wollen wir auch noch Fotos mit ihm machen. Sein Vater erzählt uns, dass sie ihn eigentlich Dersim nennen wollten, was allerdings behördlich untersagt wurde. Angesichts der vielfältigen Unterdrückungsmechanismen, ist es eine politische Ansage, die Region bei ihrem eigentlichen Namen zu nennen. Seit 1937 muss es hier Tunceli heißen, die Bevölkerung sagt ungeachtet dessen Dersim zu ihrer Heimat.

Bevor wir uns zum Schlafen ins Gemeindehaus von Ovacık zurückziehen, sehen wir uns am Hauptplatz zusammen mit tausenden weiteren Menschen noch die letzte Band des heutigen Abends an. Wo am Nachmittag bei unserer Ankunft noch Soundcheck, politische Kundgebungen und Stände von politischen Organisationen waren, stehen, sitzen und tanzen die Menschen aus der Region jetzt zu den Liedern von Metin Kemal Kahraman, einer Zaza-sprachigen Musikgruppe aus der Gegend. Zwischen den Nummern lässt der Festvial in Ovacikfrontman seine Saz schweigen und spricht zu politischen Fragen. Anders als bei Konzerten in Mitteleuropa, wo Musikpausen von Trinksprüchen und Ausziehen-Rufen gefüllt werden, lauschen die KonzertbesucherInnen den Inhalten der kurzen Reden und spenden Applaus für das Gesagte.

Als die Wirkung des Raki langsam verklungen und die Band mit ihrem Auftritt fertig ist, beziehen wir unser Quartier für die heutige Nacht. Morgen steht wieder einiges auf dem Programm: stundenlange Autofahrten, Badespaß, berührende Geschenke, Konzerte von Grup Yorum und Grup Munzur, ein Wiedersehen mit dem Bergbauern, dessen Name nicht Gülhan ist, und die Einweihung des Vollkofferraums.

Von Hermin Šnops

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Ein Gedanke zu „[Dersim Diaries – im Kofferraum durch Kurdistan IV]: Ziegenopfer und Rätedemokratie“

  1. Alles cool. Aber etwas weniger Rotweißrotgelaber und mehr Politik wäre schon cool (HDP vs. Volksfront – worum geht’s da? Wie hat sich das geäußert?).

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