Kind der Hoffnung

Der 15-jährige Berkin Elvan ist verstorben. 269 Tage lag er nach einem Polizeiangriff im Istanbuler Stadtteil Okmeydani im Koma.

Okmeydani ist einer jener Stadtteile Istanbuls, in denen die Bullen, wenn sie einrücken noch weniger Rücksicht auf Menschenleben nehmen als anderswo. Denn hier, in dem revolutionären Arbeiterbezirk, gilt den türkischen Behörden jeder als Feind. Wenn die martialisch ausgerüsteten Riot-Cops einrücken, kommen sie in gepanzerten Fahrzeugen, Tränengas und Blendgranaten werden exzessiv und ohne Vorwarnung eingesetzt. Der türkische Staat und seine Söldner hassen Okmeydani, Gülsuyu, Gazi und all die anderen Kieze, in denen revolutionäre linke Gruppen das Sagen haben.

Am 16. Juli 2013 war es wieder so weit, die Staatsmacht kam nach Okmeydani und griff eine Demonstration von Regierungsgegnern an. Berkin, damals noch 14 Jahre alt, kam zwar aus einem politischen Umfeld, an diesem Morgen jedoch wollte er einfach Brot holen für seine Familie. Eine Gasgranate trifft ihn am Kopf, er erleidet eine Schädelfraktur. 269 Tage lag er nun im Koma, zuletzt war er auf 16 Kilogramm abgemagert.

Immer wieder gab es in dieser Zeit Solidaritätsaktionen für Berkin, Demonstrationen, Sit-Ins, militante Straßenschlachten. Umudun Cocugu, Kind der Hoffnung, nannten ihn die Aktivisten aus Okmeydani. Und immer wieder griff die Polizei auch diese Aktionen brutal an, es handle sich um „Terroristen“, so die offizielle Legitimation des Vorgehens.

Prozesse gegen die Täter gibt es genauso wie bei den anderen Toten der Polizeigewalt während des Gezi-Aufstandes nicht. Der Staat deckt seine Mörder. Dennoch, die teilweise bewaffneten revolutionären Gruppen werden den Mord an Berkin sicher nicht einfach hinnehmen. „Es ist an der Zeit, die Rechnung zu präsentieren“, verlautbarte die militante DHKP-C wenige Stunden nach Berkins Tod.

– Von Peter Schaber

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