Freiheit für Oma

Stell dir vor, deine Oma wacht eines morgens auf, legt statt der Stützstrümpfe die Hassi an, packt die Zwille ein und heizt ein paar Bullen, die gerade dabei sind, einen besetzten Platz zu räumen, so richtig ein. Emine Cansever hat genau das gemacht und ist so zu einem der bekanntesten Symbole der Gezi-Proteste in Istanbul geworden. Das Foto von „Riot Granny“, auf dem sie in den Tränengasschwaden des Taksim-Platzes zu sehen ist, die Zwille hart durchgespannt, auf dem Unterarm die Blutgruppe, ist um die Welt gegangen.

„Als ich die Jungs und Mädchen mit den Zwillen gesehen habe, hab´ ich gedacht, das will ich auch machen“, sagt Riot Granny, als die Reporter von Birgün sie nach dem Foto befragt haben. Und weil Emine Cansever keine Labertante ist, sondern auch macht, was sie für richtig hält, hat sie sich dann auch eine Schleuder besorgt.

Im Unterschied zum permanent im Gothik-Look gekleideten Jugendantifa war der Riot für Emine Cansever aber kein einmaliges Event, weils grad keine Trashparty gab. Sie kommt aus Gülsuyu, einem der Ghettos Istanbuls, in dem sich die mit der Regierungspartei AKP verbündete Baumafia mit ihren Gentrifizierungsprojekten, die Drogengangs und militante bewaffnete Revolutionäre einen täglichen Krieg um die Vorherrschaft im Kiez liefern. In Gülsuyu starb vor einigen Monaten Hasan Ferit Gedik bei einem Überfall von Gangstern auf eine Demo, ihm wurde Mitten am Tag in den Kopf geschossen. Die Revolutionäre ließen sich das nicht so gerne bieten und starteten erstmal Patrouillen mit Kalaschnikows durch Gülsuyu, dann griff die Regierung auf seiten der Gangs ein und verhaftete Mitglieder der DHKP-C, der in Gülsuyu aktivsten militanten Gruppe.

„Riot Granny“ kennt ihre Hood. Gegen Gentrifizierung ist sie lange aktiv, auch an Arbeitskämpfen in der Textilindustrie hat sie teilgenommen. „Die Regierung ist so stark und repressiv geworden, sie sagen den Leuten einfach, haltet still, atmet nicht, tut, was wir sagen. Solange hier Faschismus und Unterdrückung vorherrscht, werden wir kämpfen“, sagt sie.

Das gefällt Erdogan und seiner neoliberalen großosmanischen Clique natürlich gar nicht, und deshalb sitzt Emine Cansever jetzt im Knast. Sie soll „Terroristin“ sein, so wie tausende andere, Kurden, Linke, Journalisten, Anwälte – im Wesentlich jeder, der Tayyip nicht den Arsch küsst. „Riot Granny“ steht jetzt eine längere Haftstrafe bevor, und noch schlimmer: in einem türkischen Knast. Was dort mit Menschen passiert, ist hinlänglich bekannt. Mal werden sie totgeschlagen, so wie Engin Ceber, mal steckt man sie in Totalisolation, so wie die Massen an politischen Gefangenen, die in den sogenannten F-Typ-Gefängnissen weggeschlossen werden. Bei „Riot Granny“ fängt die Folter jetzt schon an: Sie ist schwer krank, eine angemessene medizinische Versorgung wird ihr nicht gewährleistet. Dass sie zuhause ihren ebenfalls kranken Bruder pflegen muss, hat auch keinen interessiert, Haftverschonung gab´s nicht.

Trotzdem wird am Ende Frau Cansever recht behalten. Denn Gezi wird ein, zwei, viele Riot Grannies hervorbringen, und die werden zusammen mit all den anderen, die keinen Bock mehr auf den Sultan aus Ankara haben, Tayyip so richtig böse verkloppen.

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