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Anfang Januar gaben Aurora Räteaufbau und Connect Ffm, zwei kommunistische Gruppen in Frankfurt am Main, ihren Zusammenschluss bekannt.

Dies geschieht auch im Kontext einer wiedererstarkenden kommunistischen Bewegung Deutschlands. Seit einigen Jahren rollt eine neue, junge rote Welle durch die Republik und verschiedene Gruppen und Strukturen formieren und vernetzen sich, was auf Social Media, lokal in Städten und Regionen und bundesweit in der Palästina-Bewegung, den letzten Rheinmetall-Entwaffnen-Camps und LLL-Demonstrationen sichtbar wurde. Dem jüngsten Zusammenschluss in Frankfurt vorausgegangen war ein längerer Prozess der (Wieder)Annäherung und inhaltlichen Auseinandersetzung, nachdem sich die beiden Gruppen vor ca. 5 Jahren zunächst getrennt hatten.

Wir haben mit Vertreter:innen von Aufbau Frankfurt über ihren Zusammenschluss und Perspektiven der kommunistischen Kräfte in Frankfurt und Deutschland gesprochen.


Glückwunsch zum erfolgreichen Zusammenschluss! Ein sehr erfreuliches Zeichen in diesen Zeiten.

Danke für die Einladung.

Vor ca. 6 Jahren habt ihr euch schon mal in einem gemeinsamen Aufbauprozess für eine kommunistische Gruppe befunden. Damals hatte sich jedoch ein Teil abgespalten, was in den beiden Gruppen Aurora Räteaufbau und Connect Ffm resultierte. Was waren damals die Gründe dafür, dass ihr getrennte Wege gegangen seid?

Das stimmt, im Sommer 2020 haben einige unserer Genoss*innen erstmals versucht eine neue kommunistische Gruppe in Frankfurt aufzubauen und zu etablieren. Entstanden ist das Projekt aus der Frustration über den Stand linksradikaler Organisierung und der Szene in Frankfurt. Zentral dabei war die Suche nach neuen Organisierungsperspektiven und Antworten auf die Fragen der Zeit – es gab ein spürbar verstärktes Bedürfnis von Vielen, abermals Klassenpolitik mit einer dezidiert internationalistischen Perspektive in den politischen Mittelpunkt der eigenen Arbeit zu rücken und sich von dort ausgehend mit der Ausgestaltung einer kommunistischen Organisierung im 21. Jahrhundert auseinanderzusetzen. Mitten in der Covid-19 Pandemie haben wir dies vor allem als einen stärkenden Moment des Aufschwungs wahrgenommen.

Ausgelöst durch verschiedene Faktoren verschlechterte sich das Klima innerhalb der Gruppe und spitzte sich im Laufe des ersten Jahres immer stärker zu. Ein grundlegendes Defizit sahen und sehen wir in der fehlenden solidarischen (Selbst-)Kritikkultur und einer fehlenden Reflexion der eigenen Arbeitsweise.

Aurora war ursprünglich als ein politisches Aufbauprojekt gedacht, welches progressive, sprich internationalistisch-klassenorientierte Kräfte Frankfurts an einen Tisch bringen sollte. Was genau es jedoch heißt „progressiv“ zu sein, wer auf welcher Grundlage welche Entscheidungsmacht hat und wie klar die politische Linie zu sein hat, auch in Abgrenzung zu einer historisch sehr starken links-autonomen Szene in Frankfurt – darüber gab es keine Einigkeit.

Auch konnte diese Einigkeit aus diversen Gründen nicht hergestellt werden. Dominant-patriarchales Redeverhalten, eine unsolidarische Kritikkultur und starke Lagerbildung, ebenso wie auseinandergehende Vorstellungen von Priorisierung der eigenen politischen Praxis haben jegliche genossenschaftliche Diskussion und Problemlösung aktiv verhindert.

All diese Umgangsweisen sind neben einer nachvollziehbaren fehlenden Erfahrung mit kommunistischer Organisierung auch Teil von patriarchalen Strukturen und stehen einem genossenschaftlichen Umgang miteinander und einer demokratischen Gruppenkultur entgegen. Befeuert wurde diese Dynamik darüber hinaus durch die im Rahmen der Covid-Pandemie zwangsläufig notwendige Verlegung unserer Diskussionen in den digitalen Raum. Dieser Umstand führte unseres Erachtens zu einer weiteren Entfremdung voneinander, einem härteren Ton miteinander und konnte durch das Fehlen eines sozialen Kitts auch nicht abgemildert werden. Dieses vorherrschende Klima war ein wesentlicher Grund für die Spaltung von Aurora, den Austritt einiger Genoss:innen aus dem Projekt und die Gründung von Connect Ffm.

Was haben die beiden Gruppen in der Zwischenzeit gemacht? Habt ihr zusammengearbeitet? Wieso habt ihr euch wiedervereinigt?

Die beiden Gruppen haben sich in der Zwischenzeit unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt, sind sich jedoch vor allem in der Praxis auch viel begegnet.

Aurora hat es geschafft, sich als öffentlich auftretende rote Gruppe in Frankfurt zu etablieren, neue Genoss:innen aufzunehmen und zu organisieren. Sowohl was die Strukturierung der Organisation auf lokaler wie auch auf regionaler Ebene mit dem Revolutionären Aufbau Rhein-Main, als auch die Praxis nach außen angeht, wurde vieles ausprobiert und dadurch zahlreiche praktische Erfahrungen gesammelt. Außerdem wurde ein bundesweiter Austausch mit Gleichgesinnten und internationalen Kontakten stetig ausgebaut und gestärkt. Auch wurde sich nachhaltig mit patriarchalen Strukturen innerhalb der eigenen Organisierung auseinandergesetzt, was nach außen hin zunächst zu einer stärkeren Fokussierung auf materialistisch-feministische Praxis und schließlich zu einem stark weiblich geprägten Geschlechterverhältnis innerhalb der Struktur führte.

Connect Ffm hat sich stattdessen gegen einen öffentlichen Auftritt entschieden und vor allem anfangs viel Zeit in die Bildung der eigenen Genoss:innen und die Auseinandersetzung mit verschiedenen Organisierungsansätzen und politischen Projekten gesteckt. Parallel wurde weiterhin an Praxis festgehalten und zunächst vor allem im lokalen Rahmen Projekte angestoßen und an anderen Projekten partizipiert. Dabei war es Connect stets wichtig, einen guten Kontakt zu lokalen Gruppen und Bündnispartner:innen zu pflegen. Denn in der guten Vernetzung innerhalb der eigenen Stadt sehen wir einen wichtigen Pfeiler revolutionärer Politik.

In den meisten Projekten sind wir uns als zwei Gruppen immer wieder begegnet und haben so gemeinsam mit anderen Gruppen den revolutionären 1. Mai und 8. März geplant, eine gemeinsame feministische Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen und antimilitaristische Kampagnen geplant, um nur einige Beispiele zu nennen.

In dieser gemeinsamen Arbeit haben wir Nähe und Vertrauen zueinander aufgebaut und uns schließlich dazu entschieden, über die gemeinsame Praxis hinaus miteinander ins Gespräch zu gehen.

Wie lief der Prozess der Wiederannäherung und -vereinigung? Was waren die Herausforderungen und wie konntet ihr diese meistern?

Zunächst einmal ging es darum, sich wieder kennenzulernen. Beide Gruppen haben sich in den letzten Jahren (auch personell) ziemlich gewandelt und so stand am Anfang unseres Prozesses erst einmal ein gemeinsamer Austausch über die aktuellen Arbeiten in beiden Gruppen: Was macht ihr gerade? Wie arbeitet ihr? Was ist eure politische Perspektive in und für Frankfurt und Rhein Main?

Die ersten Gespräche fanden ausschließlich zwischen den Genossinnen der beiden Orgas statt. Auch dies war ein wichtiger erster Schritt um Vertrauen aufzubauen und sich auf einen gemeinsamen antipatriarchalen Nenner zu begegnen. Anschließend sind aus nun geschlechtergemischten lockeren Austauschtreffen ernsthaftere Sondierungsgespräche mit dem Ziel einer gemeinsamen Organisierungsperspektive geworden. Hierfür haben wir verschiedene Aspekte ausführlich miteinander diskutiert, darunter natürlich Fragen inhaltlicher Art, aber auch Haltungsfragen und Diskussionen über methodische Herangehensweisen. Begleitet wurde dieser Austausch immer auch durch eine weiter zusammenwachsende Praxis sowie einer Aussprache der Gruppenmitglieder, die schon beim ersten gemeinsamen Organisierungsversuch 2020 dabei waren. Wir haben uns insgesamt ca. 1,5 Jahre für diesen Prozess genommen, sind natürlich trotzdem nicht am Ende unseres Aushandlungsprozesses und denken, dass es gut und wichtig war, sich hierfür viel Zeit zu nehmen.

Natürlich waren viele Aspekte dabei auch sehr herausfordernd. Insbesondere die Frage nach der Form des Zusammenschlusses hat uns viel beschäftigt. Aurora war eine etablierte Organisation mit bestehender Struktur, weiten Netzwerken und einer deutlich höheren Mitgliederzahl als Connect. Insbesondere Connect war es jedoch wichtig, dass der Zusammenschluss nicht als ein Anschluss an Aurora verstanden wird und wir in den Prozess einer gemeinsamen Gruppenkonzeption gehen, aus dem etwas Neues erschaffen wird. Also haben wir lange diskutiert, was beide Gruppen mitbringen, was jeweils von beiden Seiten übernommen werden kann und wie wir uns auf Augenhöhe begegnen können.

Besonders herausfordernd waren die Momente, in denen wir nicht einer Meinung waren. Es gab Momente, in denen wir auch nach dem Austausch unserer Positionen einen starken Dissens hatten und Argumente anhand verschiedener Parameter unterschiedlich gewichtet haben. Hierbei spielte insbesondere die Vermittlung zwischen unterschiedlichen Diskussionskulturen eine wesentliche Rolle. Eine der großen Lehren, die wir an dieser Stelle aus unserem Zusammenschluss ziehen und auch anderen Strukturen mit auf den Weg geben wollen, ist jedoch, das Ziel dabei nicht aus den Augen zu verlieren: Wir wollten wieder zusammenwachsen und aus der vorangegangenen Spaltung gestärkt und mit einer geteilten Perspektive in die Zukunft blicken. Wenn das bedeutet, dass man phasenweise auch über den Schatten eigener Befindlichkeiten oder das Bestehen auf den ohnehin fragwürdigen zwanglosen Zwang des besseren Arguments springen muss, dann haben wir das gerne gemacht.

Mitunter dadurch konnte eine zunächst vorherrschende Zwei-Gruppen-Dynamik aufgebrochen werden, auch wenn wir diese natürlich ab und zu immer noch spüren, insbesondere wenn man im politischen Tagesgeschäft in gewohnte Arbeitsweisen verfällt und sich bisherige unterschiedliche Herangehensweisen abzeichnen. Aber auch hier haben wir vor allem durch den Respekt vor den jeweiligen anderen Genoss:innen und einer Anerkennung ihrer bisherigen Arbeit gute Wege gefunden, beiden Seiten etwas abzugewinnen und daraus eine nun gemeinsame Perspektive zu entwickeln.

Was könnt ihr uns über eure jetzige Organisierung und euer Programm erzählen?

Für unseren neuen Aufbauprozess nehmen wir viel an Erfahrung und Gelerntem aus vergangenen Fehlern, sowie Inspiration durch andere politische Projekte und Organisationsformen mit. Auch aus unserem ersten gemeinsamen Organisierungsversuch haben wir vieles gelernt.

So wissen wir darum, dass es Verhaltensweisen und Charakterzüge gibt, die wir damals wie heute kritisieren, eben weil sie keine Frage des individuellen Fehlverhaltens, sondern ein Abbild der Stärke der Organisation sind. Uns ist bewusst, dass es eine aktive Auseinandersetzung dahingehend braucht, um eine wertschätzende, feministische und sich selbst reflektierende Gruppenkultur für alle aufzubauen, die sich aktiv von Einzelkämpfermentalitäten weg entwickelt. Hierzu haben wir uns beispielsweise aktiv mit dem Begriff der „Genossenschaftlichkeit“ und genossenschaftlichem Umgang innerhalb politischer Strukturen auseinandergesetzt. Diese Auseinandersetzung ist als Prozess anzusehen, den wir als Teil unserer politischen Arbeit verstehen. Wir wollen eine demokratische Gruppenkultur stärken, in der der Erfolg der Gruppe nicht von Einzelnen abhängt und das kollektive Handeln gefördert wird. Unser Ziel ist eine Organisation, die auf der Befähigung unser Genoss*innen und einem solidarischen Zusammenhalt aufbaut. Dabei wollen wir eine Arbeitsweise etablieren, deren Grundlage eine demokratisch zentralistische Entscheidungsfindung ist.

Was ein ausführlicheres inhaltliches Programm angeht, sind wir gerade dabei dieses neu zu formulieren und hoffen, dass wir es in der ersten Jahreshälfte veröffentlichen können – stay tuned!

Was ist eure Perspektive für Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet, was sind eure Pläne?

Praktisch und inhaltlich werden wir an vielen Schwerpunkten, die wir uns auch die letzten Jahre schon gesetzt haben, weiter festhalten. Die Themen Feminismus und Antimilitarismus stehen daher weiter im Fokus unserer Arbeit. Doch auch die damit zusammenhängenden Themenfelder Internationalismus und Antifaschismus werden von uns weiterhin bespielt werden, auch weil wir mit dem Zusammenschluss und dem Wachstum durch neue offene Angebote mehr Ressourcen haben.

Aurora hat sich damals gegen zahlreiche voneinander abgetrennte Teilbereiche entschieden. Das hatte viele Gründe. So hatten wir zum einen nicht die Kapazitäten, diverse offene Treffen zu bespielen. Zum anderen wollten wir diese zum Teil leider immer noch vorherrschende Trennung der Bereiche nicht künstlich befeuern. Wir sind Kommunist:innen, natürlich verstehen wir weltweite antiimperialistische Kämpfe als unsere eigenen, beschäftigen wir uns auch deshalb mit materialistischem Feminismus, zeigen die Verbindung davon zu antimilitaristischen Traditionen und aktuellen Kämpfen auf, den Zusammenhang von ebendiesen wiederum und einem rasanten Aufschwung der globalen Rechten, um dann wieder die Schlaufe zur zunehmenden Repression gegen antifaschistische Kräfte und den zahlreichen politischen Gefangenen von Daniela Klette bis Maja T. zu ziehen.

Das alles auf regionaler Ebene im Rhein-Main-Gebiet sowie auf lokaler Ebene in Frankfurt in eine politische Praxis umzusetzen, die eine Politisierung auch durch eine positiv besetzte Identifikation mit kommunistischer Arbeit ermöglichen, während wir unsere Genoss:innen intern weiter schulen und professionalisieren, steht dabei im Fokus.

Wie ist eure Perspektive auf die deutschlandweite kommunistische Bewegung hinsichtlich organisatorischer Zusammenarbeit und Zusammenschlüssen?

Nicht zuletzt rund um die LLL-Demonstrationen sowie bei den Rheinmetall Entwaffnen Camps konnten wir über die Jahre hinweg beobachten, dass die kommunistische (Jugend-)Bewegung in der BRD in den letzten Jahren deutlich gewachsen ist.

Wir sehen beispielsweise gerade bei dem großen Anlauf, den die Rote Jugend verzeichnet, dass auch die Frage nach kommunistischer Identität eine immer größere Rolle spielt, insbesondere bei jungen Leuten. Bei den Berliner Genoss:innen rund um den Bund der Kommunist:innen wiederum sehen wir einen krassen Anlauf in den offenen Stadtteilangeboten, während Perspektive Kommunismus seit Jahren eine enorme Schlagkraft auf der Straße entfaltet und gute Kontakte in die Gewerkschaften pflegt.

Was wir damit sagen wollen: Der Aufstieg der sogenannten „Roten Welle“ hat in unseren Augen auch viel damit zu tun, dass immer mehr Genoss:innen der bisherigen kleinteiligen Praxis einer (post-)autonomen Szene eine Absage erteilen und versuchen, die Zusammenhänge in einen größeren, gesamtgesellschaftlichen Kontext zu setzen und aus einer dezidiert kommunistischen Perspektive zu benennen und zu bekämpfen. Wir können uns also nicht nur mit Antimilitarismus oder Feminismus beschäftigen, nicht ausschließlich mit Identitätspolitik (im besten Sinne) oder nur in unseren Stadtteilen bleiben, wenn wir es mit der revolutionären Umwälzung einer gesamten Gesellschaft ernst meinen.

Dass es also so viele attraktive weil – und hier wagen wir eine mutige Schlaufe zu den holprigen Anfängen des Organisierungsprozess von Aurora zu schlagen – progressive Angebote innerhalb der kommunistischen Bewegung Deutschlands gibt, freut uns immens, gerade weil sie in ihren jeweiligen Gebieten Vorreiter:innen sind, ohne dabei dogmatisch zu werden. Und trotz unterschiedlicher Herangehensweisen begegnen wir uns in der gemeinsamen Praxis immer wieder. Denn was uns neben einer geteilten ideologischen Ausrichtung alle eint, ist schließlich eine gemeinsame Suchbewegung nach der so oft beschworenen Einheit der Kommunist:innen des 21. Jahrhunderts. Wie genau diese letzten Endes aussehen wird, ist noch nicht klar, wir denken aber, dass auf lange Sicht kein Weg daran vorbeiführt.

Begrüßen würden wir dies sehr und es stimmt uns natürlich auch in Bezug auf unseren eigenen Aufbauprozess sehr positiv!

Danke für das Gespräch!

Foto: Privat

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Die Aktivist:innen von La Saó bauen seit ein paar Jahren eine revolutionäre Organisation auf. Sie kämpfen von Katalonien aus für einen internationalen revolutionären Prozess, für ein Leben ohne Vorherrschaft. Dabei gehen sie davon aus, dass Organisierung für den Aufbau des revolutionären Prozesses unerlässlich ist. Wie das ideologisch und praktisch aussehen kann, erklärt ein Aktivist von La Saó in einem Interview im April 2025.

von Lilli Sauer


« Lasst uns die Revolution möglich machen! »

Die Aktivist:innen von La Saó bauen seit ein paar Jahren eine revolutionäre Organisation auf. Sie kämpfen von Katalonien aus für einen internationalen revolutionären Prozess, für ein Leben ohne Vorherrschaft. Dabei gehen sie davon aus, dass Organisierung für den Aufbau des revolutionären Prozess unerlässlich ist. Wie das ideologisch und praktisch aussehen kann, erklärt ein Aktivist von La Saó in einem Interview im April 2025.

Die Luft riecht nach Frühling und die Durchschnittstemperatur beträgt 18 Grad. Ich sitze in einem Café in einer katalanischen Kleinstadt etwa 60 km nördlich von Barcelona entfernt. Die Kellnerin sieht mich neugierig an, denn ich habe meinen Kaffee auf Castellano* bestellt. Später spricht sie mich an und wir unterhalten uns ein bisschen. Hier in der kleinen Stadt wird hauptsächlich Katalanisch gesprochen. Ich rühre in meinem Cappuccino und bespreche über Messenger mit Oriol Vidal, einem Aktivist der La Saó, wie wir das Interview gestalten. Auf Grund von Entfernung und Zeit entscheiden wir uns über geschriebene und gesprochene Nachrichten auszutauschen. Die Aktivist:innen von La Saó sind an verschiedenen Orten der katalanischen Länder vertreten. Oriol Vidal sagt, sie wären vor allem im Hauptteil von Katalonien, unter anderem in Valencia, Lleida und Barcelona aktiv. Ich bin zum Zeitpunkt des Interviews in Katalonien. Leider sind die Entfernungen weit und an dem Ort wo ich bin ist ein persönliches Treffen organisatorisch während meines Aufenthalts nicht möglich.

La Saó organisiert sich in den katalanischen Ländern

la sao logo

Das aktuelle Katalonien, ist die autonome Region im Norden von Spanien. Seit Jahrhunderten kämpfen die Katalan:innen um ihre Unabhängigkeit. Diese wurde immer wieder von Herrschenden unterdrückt. Das geschah zuletzt unter Franco 1939 nach dem spanischen Bürgerkrieg. Der Diktator verbot das Katalanische in Kultur und Sprache in allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Während seit den 50er Jahren die katalanische Sprache und Kultur wieder ein zentraler institutioneller Bestandteil in vielen Gegenden geworden ist, wird die Autonomie der Katalan:innen durch die Zentralregierung Spaniens bis heute nicht anerkannt. La Saó ist eine revolutionäre Organisierung der katalanischen Länder. Oriol Vidal ergänzt hierzu, sie würden immer noch nicht glauben, dass die katalanischen Länder aktuell unabhängig sind, aber sie würden daran arbeiten, dies eines Tages zu sein. Die Aktivist:innen von La Saó wollen nicht für einen Staat mit statischen Grenzen kämpfen. Sie sprechen daher von den katalanischen Ländern. Damit sind alle Gebiete gemeint, in denen Katalanisch gesprochen wird. Dies umfasst unter anderem die autonomen Regionen Aragón, Katalonien, Valencia und auf den Balearen sowie im Fürstentum Andorra, der französischen Region Roussillon.

Aktivismus an der Basis

Oriol Vidal lebt in Lleida, eine Großstadt im Westen der autonomen Region Katalonien. Dort ist er Teil des „Movimiento por la vivienda de Catalunya“* der Bewegung für bessere Wohnverhältnisse in Katalonien. Im Rahmen dieser Bewegung wurden im Jahr 2020 zwei Gebäude in der Großstadt besetzt. Diese werden seitdem als selbstorganisierte Schulen (escuelas popular) genutzt um unter anderem Sprachen zu lernen. Der Aktivist erklärt, dass an öffentlichen Schulen oft der Zugang dazu fehle. Das Angebot in den Gebäuden zu lernen, würden Anfang 2025 etwa 200 Menschen in der Woche annehmen. Oriol Vidal sagt, die Arbeit mit den Menschen würde ihm sehr gefallen Die Aktivist:innen könnten antikapitalistische, feministische und antifaschistische Ansätzen in Theorie und Praxis im direkten Kontakt mit den Menschen in Katalonien teilen. Oriol Vidal und die Stadt Lleida ist nur ein Beispiel davon, was La Saó aktivistisch macht und aufbaut.

Den Zusammenhang zwischen dem „Movimiento por la vivienda“ und den selbstorganisierten Schulen erläutert mir Oriol auf meine Nachfrage hin. Vor ein paar Jahren hätten sie fest gestellt, dass es gut funktioniert, über das „Movimiento por la vivienda“ viele Menschen zu organisieren. Der Wohnungsmarkt und dessen Preisanstieg ist in den Ländern Kataloniens und weltweit ein Problem. Aus diesem Grund gibt es in Katalonien seit 15 Jahren eine sehr große Bewegung die in vielen verschiedenen Städten vertreten ist.

Es beteiligen sich viele Menschen. Wenn Menschen aus verschiedenen Gründen, wie zum Beispiel einem gemeinsamen Hauskauf nicht mehr selbst vom prekären Wohnungsmarkt betroffen sind, verlassen sie oft die Organisierung. Und das, obwohl sie eigentlich gerne weiterhin Teil bleiben würde. Die Aktivist:innen haben deshalb weitere Themenfelder gesucht, in denen sie Bedarf zur Veränderung sehen. Frauen, die patriarchale Gewalt erfahren haben, begannen sich zu organisieren. Es wurden selbstorganisierte Sportgruppen gegründet und wie in den genannten escuelas populares Bildung an der Basis organisiert. Unter dem „Movimiento por la vivienda“ können so Menschen in verschiedenen Kämpfen an der Basis organisiert sein.

Veränderung ist notwendig und möglich

Ausgehend davon, dass Aktivist:innen in vielen Ländern in Europa derzeit von einem Rechtsruck und einer Krisensituation sprechen, frage ich Oriol nach einer Einschätzung der Situation diesbezüglich in Katalonien. Die Mentalität der aktuellen Politik sei voller Hass und Gewalt, bekomme ich als Antwort. Gerade kleine Kollektive wären davon betroffen, beispielsweise durch Verluste von Rechten der Freiheit. Er erzählt mir, dass sie davon ausgingen, dass wir uns in einem Moment des reaktionären Wandels befinden würden. Dieser bringe einige Risiken aber auch Chancen auf eine Veränderung.

Vor allem betroffen sei die Klasse der Arbeitenden. Und genau diese könne gleichzeitig die größte Neuausrichtung der Ereignisse bringen. Dieser Moment sei ein historischer Moment der Gegenoffensive. Es gäbe eine große Verantwortung. Ich lausche den Worten von Oriol, er spricht sehr klar und ruhig. Die Aktivist: innen sehen in der Wende zwei Säulen. Die eine ist eher materiell, weil sie die materiellen Bedingungen der Menschen verändert. Sie werden prekärer und dadurch gibt es mehr Barrieren. Außerdem zeigt der Wandel, dass die Menschen durch das System den Lebenssinn verlieren.„Bei diesen existenziellen Zweifeln sehen wir Aktivist:innen von La Saó die Möglichkeit zur Veränderung“, sagt Oriol Vidal im Interview.

Wir glauben das dies wichtig ist, da es uns ermöglicht Einfluss zu nehmen. Wir haben einen revolutionären Vorschlag, der dem Leben einen Sinn gibt. Dieser erlaubt uns die Gesellschaft zu organisieren, über Revolution zu sprechen und die Dinge zu verändern.“

Es braucht den inneren und äußeren politischen Kampf

Ideologische Grundlage für La Saó sind vier Punkte. Das Konzept des demokratischen Konförderalismus der kurdischen Bewegung, der Marxismus sowie die anarchistische und libertäre Bewegung. Außerdem orientiert sich die Bewegung an die Erfahrungen der autonomen Kämpfe der Vergangenheit in den katalanischen Ländern und auf der ganzen Welt. Die vier Grundsätze ermöglichen, dass La Saó offen für verschiedene Perspektiven sein kann. Nicht alle Menschen die mit der Organisation arbeiten, können mit Allem einverstanden sein was die ideologischen Grundlagen dieser vorschlagen. „Aber wir glauben, dass es genau diese innere Spannung ist, die in unseren Debatten hilfreich sein kann um Vorschläge zu entwickeln, die für den aktuellen Moment passend sind.“ erklärt mir Oriol Vidal.

Ein Teil der politischen Tätigkeit von La Saó ist die interne Arbeit der Organisierung. „Wir sind eine revolutionäre Organisation, wir arbeiten innerhalb dieser nur mit Menschen, die eine Verbindlichkeit eingehen.“ beschreibt Oriol Vidal. Die Aktivist:innen von La Saó brauchen neben Zeit für den politischen äußeren Kampf auch eine Bereitschaft für den Kampf zur Veränderung der Persönlichkeit.

Der andere Teil ist die gesellschaftliche Basisarbeit und kollektive Organisierung. außerhalb von La Saó. Dort findet die öffentliche Arbeit statt mit Personen, die diese Verbindlichkeit nicht eingehen. Ein Beispiel hierfür ist die Arbeit der Aktivist:innen der La Saó in der escuela popular. Die Aktivist:innen arbeiten mit drei Prinzipien, wenn sie in der öffentlichen Bewegung arbeiten. Zum einen, die Konfrontation mit dem System. Dann, der Aufbau einer Alternative. Und drittens, die Radikalisierung der Gesellschaft.

Dabei sind die Aktivist:innen selbst oft von staatlicher Unterdrückung bedroht. „Wir sind uns bewusst, dass es Repressionen geben könnte, weil wir Militante sind.“ Oriol Vidal beschreibt mit ernster Stimme die Situation. Als Revolutionär:innen müssten sich die Menschen von La Saó auf Repressionen vorbereiten und damit umgehen. Das zu schaffen, bedeute aber auch Stärke.

Antipatriarchale Kämpfe sind zentral

La Saó organisiert sich und arbeitet ausgehend davon, dass wir aktuell in einem Herrschaftssystem leben, dass die Menschen unterdrückt. Sie analysieren das Patriarchat als zentralen Bestandteil dieses Systems. Angelehnt an die kurdische Bewegung, bei der die Frauenbefreiung einer der Hauptbestandteile des demokratischen Konförderalismus ist, sehen die Aktivist:innen in dem antipatriarchale Kampf zwei Teile. Den inneren Kampf und den Äußeren. So, beschreibt Oriol Vidal, haben die Compañeros innerhalb der Organisierung ihren Kampf mit der Männlichkeit und der Persönlichkeit. Aber nicht nur die Compañeros*, sondern auch die Compañeras müssen an ihrer Persönlichkeit arbeiten. Die Aktivist:innen sehen das Patriarchat als etwas universelles. Der zweite Teil des antipatriarchalen Kampfes ist der Äußere. Dieser umfasst Basisarbeit und die Veränderung der Gesellschaft.

In einem ihrer Texte auf ihrer Homepage schreiben sie dazu: „Von La Saó aus beteiligen wir uns als revolutionäre und feministische Aktivistinnen an der begonnenen Debatte über die Ausrichtung des organisierten Feminismus in unserem Gebiet.

Wenn sie von ihrem Gebiet sprechen, meinen sie die katalanischen Länder. Das derzeitige System ist eines der Herrschaft, dass durch Kapitalismus, Patriarchat und Kolonialismus geprägt ist. Diese Herrschaft unterdrückt, was sich für die Bevölkerung in Gewalt äußert. Die Aktivist:innen wollen ein freies Leben aufbauen. Dafür braucht es die Revolution, die dieses System der Unterdrückung verändert und eine Gesellschaft mit Werten des freien Lebens aufbaut.

Ziel ist der revolutionärer Prozess unabhängig von Staat und Nation

Die Strategie von La Saó ist eine demokratische Nation der katalanischen Länder zu erreichen. Die Katalan:innen kämpfen seit Jahrhunderten für ihre Autonomie. Diese Erfahrungen wollen die Aktivist:innen mit in das Vorgehen ein beziehen. Was das für Aktivist:innen bedeutet, führt Oriol Vidal näher aus. „Wir gehen davon aus, dass die demokratische Nation eine Form ist um eine unabhängige Gesellschaft zu organisieren. Dabei ist die Gesellschaft unabhängig von einem Staat oder einer Nation. Um von dem Stand heute etwas aufzubauen, müssen wir aber erst mal von diesem ausgehend anfangen.“ Das Ziel ist also nicht, einen Nationalstaat aufzubauen, sondern von den jetzigen Möglichkeiten ausgehend einen revolutionären Prozess zu beginnen.

Dieser Kampf soll mit Menschen mit ideologischen, strategischen und organisatorischen Unterschieden geführt werden. Denn durch verschiedene Bevölkerungsgruppen kann der revolutionäre Prozess gemeinsam bestimmt werden.

Wir wollen keinen Dogmatismus, wir wollen viel lernen durch diese Erfahrungen des Kampfes. Um das in den aktuellen Moment zu übersetzen.“ Auf der Homepage der Organisierung beschreiben sie, dass sie den revolutionären Prozess als langfristigen historischen Prozess sehen würden, der es ermöglichen müsse, die materiellen und symbolischen Grundlagen der Gesellschaft radikal zu verändern.

Im Moment sind die Meisten von uns im Hauptteil von Katalonien, aber wir haben Kontakt mit dem Rest der katalanischen Länder und den Leuten, die in anderen Teilen des Landes arbeiten. Und wir sind immer noch in Kontakt mit dem Rest der Welt.“ ergänzt Oriol Vidal. Die Aktivist:innen gehen von einer lokalen öffentlichen Bewegung aus, die sich in eine revolutionäre Bewegung wandeln kann. Sie betonen in ihren Texten auf der Internetseite sowie auch im Interview, die Relevanz von der internationalistischen Perspektive.

Die Revolution muss internationalistisch sein

La Saó war als Organisierung im Februar 2025 auf der „Peoples‘ Platform Europe“ in Wien anzutreffen. Die Plattform wurde von Menschen der kurdischen Bewegung mit organisiert. Es haben sich mehr als 800 Delegierte, die 160 Organisationen, Gruppen, Bewegungen Netzwerke und Verbände aus mehr als 30 europäischen Ländern und verschiedenen Gemeinschaften vertraten, getroffen. Sie haben sich getroffen um die Kämpfe, Perspektiven und Fähigkeiten zu vereinen und das freie Leben aufbauen.

Ich möchte von dem Aktivist wissen, wie die internationalistische Vernetzung der Organisierung sonst aussieht. Er antwortet mir: „Wie ich bereits gesagt habe, die Revolution muss internationalistisch sein oder es ist keine.“ Deshalb waren sie im Februar 2025 auch auf der Peoples‘ Platform Europe. Die Unterdrückung durch das Herrschaftssystem ist weltweit und die Revolution muss es auch sein. Auf der Plattform wäre artikulieren über den neuen Weg, einen Kampf gegen die weltweite Unterdrückung möglich. Eine internationale revolutionäre Bewegung gäbe es noch nicht, aber die Aktivist:innen hätten Hoffnung auf diese.

Willst du noch etwas hinzufügen?“ frage ich. Oriol erwidert: „Ich denke unsere ideologischen Vorschläge und unsere Organisation ist viel breiter als dies was ich dir sende. Es gibt viel mehr Töne darin, als ich dir gerade mitteilen kann. Es gibt auch noch mehr zu zum Beispiel was Feminismus betrifft.“ Und bevor er die Sprachnachricht beendet, betont er: „Was es auch ist, sag‘ mir Bescheid. Vielen Dank für dein Interesse, wir bleiben in Kontakt!“

Anmerkungen:

  • Castellano* : andere Bezeichnung für die spanische Sprache
  • Companera/-o/-x: Spanisch für Freund:in / Gefährt:in/ Genoss:in
  • „Movimiento por la vivienda“: Übersetzt auf Deutsch: Bewegung für das bessere Wohnen. Der organisierte Wohnungskampf in Katalonien.

Fotos: zur Verfügung gestellt von La Saó

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