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Rote Jugend ist mittlerweile allen in der radikalen Linken ein Begriff. Für Außenstehende praktisch aus dem Boden geschossen undschnell gewachsen ist die Rote Jugend mehr als ein Internetphänomen, sondern als junge, kommunistisch orientierteBewegung auch auf der Straße, auf Konferenzen, Veranstaltungen, Aktionen und Camps präsent. Das Außenbild polarisiert mit kommunistischerÄsthetik, Kampfsport, Instagram-Reels mit Graffiti und Bengalos und marxistisch-leninistischer Theorie.

Die Organisation Rote Jugend Deutschland (RJD) hat sich während des Rollens der neuen roten Welle im Januar 2026 offiziell gegründet und gehört aktuell wahrscheinlich zu den am meisten Zulauf kriegenden Strömungen in der deutschen Linken. Wir wollten RJD besser kennenlernen und haben einen ihrer Aktivisten zu ihren Inhalten, Aktivitäten, Plänen und Kritiken befragt. Das Interview ist für RJD das erste dieser Art.


Wie ist Rote Jugend Deutschland entstanden? Wann habt ihr euch gegründet und warum habt ihr die Struktur aufgebaut?

Das ist eine gute Frage, aber nicht so einfach zu beantworten, weil wir nicht zu einem Zeitpunkt entschieden haben, dass es jetzt eine Rote Jugend Bewegung in Deutschland bräuchte und die dann aufgebaut haben. Sondern den Begriff „Rote Jugend“, „Rote Jugend Bewegung“ oder „Rote Jugend Deutschland“ benutzen wir auf drei verschiedene Art und Weisen. Erstmal benutzen wir den Begriff Rote Jugend stellvertretend für eine gewisse politische Sequenz, d.h. eine objektive Bewegung innerhalb der politischen Kräfte in der radikalen Linken. Wir sehen rückblickend, dass ungefähr ab 2008 mit dem G8-Gipfel der Marxismus-Leninismus wieder Einzug in die radikale Linke gefunden hat. Darüber schreibt z.B. J. Moufawad-Paul in „Die kommunistische Notwendigkeit“, dass grob zu dem Zeitpunkt wieder eine Form von primitivem Verständnis von Marxismus Einzug in die radikale Linke in den imperialistischen Zentren gehalten hat. Wir datieren rückblickend deshalb die Entstehung von dem, was wir Rote Jugendbewegung nennen, auf ungefähr diesen Zeitpunkt. Damals entstanden ungeplant und unbewusst die ersten Kollektive, die wir als Teil unserer Bewegung, als Teil unserer Geschichte, als Rote Jugend betrachten würden. Natürlich gibt es Organisationen und Gruppen, die schon älter waren. Aber ab diesem Punkt wurde auch als Korrekturbewegung angefangen, Elemente des Marxismus wieder mit der proletarischen und populären Jugendkultur zu verbinden und es hat ein neuer revolutionärer Aufbruch stattgefunden. Wir sagen deshalb retrospektiv, dass da die Rote Jugendbewegung entstanden ist. Das wusste damals nur noch keiner.

Wir haben aber gemerkt, dass man immer wieder Genoss:innen aus anderen Kollektiven, aus anderen Städten trifft, mit denen man dieselbe politische DNA teilt, auch wenn es natürlich auch Unterschiede gab. Aber das sind Kinder derselben Wut, das ist ähnlich, das ist mehr als nur eine zufällige Erscheinung, sondern es gab dieses Phänomen: Kollektive von jungen Genoss:innen bilden sich, verbinden den Marxismus mit revolutionärer Jugendkultur, haben inhaltliche Gemeinsamkeiten und bilden Zirkel und Kollektive, die aber damals oft noch lokal begrenzt waren und höchstens regionale Kooperationen hatten. Diese Rote Jugendbewegung, die es in der BRD seit den 2010er Jahren gibt, ist eine tatsächlich stattfindende Bewegung. Das ist nichts, was wir uns ausgedacht haben, sondern es ist passiert. Man will nicht sagen natürlich, aber organisch im Klassenkampf aus der Gesellschaft der BRD entstehen solche Kollektive.

Die gehen aber auch genauso schnell wieder kaputt. Die sind dann getragen von 1, 2 Chefinnen und Chefs und fallen diese weg, bricht das Kollektiv mehr oder weniger zusammen. Wir haben dann, nachdem wir länger schon gespürt und beobachtet hatten, wie verschiedene Genoss:innen in verschiedenen Projekten, verschiedenen Jugendgruppen, auch z.B. vom ehemaligen Jugendwiderstand, eine ähnliche Praxis und ähnliche Vorstellungen hatten, gesagt, dass diese Bewegung mehr werden muss, als die Summe seiner Teile. Und das haben wir Ende 2020 in manchen Städten dann theoretisiert. Es gibt gute historische Beispiele, wie aus Jugendorganisationen/-bewegungen auch fortgeschrittenere politische Formierungen entstehen können. Wir haben uns auf der Grundlage dann aufgemacht, diese rote Jugendbewegung zu vereinigen. Dafür war ein erster Schritt erst mal klarzumachen: Es gibt eine rote Jugend in Deutschland und du bist Teil davon. Wir haben einen Vereinigungsprozess der Roten Jugend begonnen mit verschiedenen anderen Jugendkollektiven, die es schon gab und zu denen wir Kontakt hatten. Dann haben wir versucht, Kontakte herzustellen, wenn wir gemerkt haben, dass wir inhaltlich ähnlich zu anderen Kollektiven sind: Wollen wir uns nicht verständigen auf ein Programm, auf gemeinsame Prinzipien und uns darunter dann organisatorisch vereinigen? Das hatte dann zur Folge, dass die Rote Jugend Deutschland als Organisation gegründet wurde. Sie ist letztes Jahr auf der LL-Veranstaltung öffentlich gegründet worden, hat aber schon vorher als Organisation bestanden unter einheitlicher Führung, unter einheitlichen organisatorischen und politischen Prinzipien, mit einer einheitlichen programmatischen Basis.

Das heißt: Es gibt die Rote Jugend als politische Sequenz, es gibt die Rote Jugend Deutschland als Organisation, und wir sagen aber auch weiterhin es gibt die Rote Jugend als Bewegung. Dieser Drang von jungen Proletarier*innen, von der Jugend aus dem Volk, von der radikalen Linken, diese Form von Politik zu machen und diese Praxis zu entwickeln, ist nicht an unsere Organisation geknüpft. Wenn sich in Buxtehude die Rote Jugend gründet, dann sagen wir: Natürlich seid ihr auch Rote Jugend, ihr seid auch von uns, ihr seid Teil unserer Bewegung. Dann probieren wir natürlich, die einzufangen und zu gucken, wie wir Unterstützung geben können. Deshalb sind wir glaube ich auch politisch ein bisschen ein Sonderfall, weil das Potenzial von dieser objektiv bestehenden Roten Jugendbewegung von keiner anderen Kaderorganisation erkannt wurde. Und wir haben gesagt, es braucht eine Kaderorganisation, es braucht die Kommunistische Partei in diesem Land, das war allen von Anfang an klar und dazu kann die Vereinheitlichung dieser Roten Jugendbewegung ein Beitrag sein. Da haben wir uns auch historische Beispiele genommen. Z.B. ist die Kommunistische Partei Vietnams aus einer Jugendbewegung entstanden, die Kommunistische Partei der Philippinen ist aus der Jugendarbeit entstanden und auch in der türkisch-kurdischen Linken war die Dev-Genç Föderation (Devrimci Gençlik, deutsch: Revolutionäre Jugend bzw. Föderation der Revolutionären Jugend der Türkei, Anm. d. Red.) in gewisser Weise Geburtshelferin für verschiedene revolutionäre kommunistische Parteien. Deshalb meinen wir, dass wir durch die Vereinigung der fortschrittlichsten Teile der Arbeiter:innenjugend einen Beitrag zum Parteiaufbau leisten.


Wie sieht denn eure Arbeit aus? Was sind eure Aktivitäten?

Ich fange mit den großen Floskeln an: Wir versuchen durch die Vereinigung und Vergrößerung der Roten Jugendbewegung den Marxismus in der Arbeiter:innenjugend zu verbreiten und damit einen Beitrag zum Parteiaufbau zu leisten. Das ist ein großes Wort, da kann man sich wenig drunter vorstellen. Unser USP (Unique Selling Point, deutsch: Alleinstellungsmerkmal, Anm. d. Red) ist sozusagen dieses Verbreiten und Vergrößern einer proletarischen Jugendkultur oder einer revolutionären Jugendkultur. Wir versuchen, durch verschiedene kulturelle Aktivitäten ein Gefühl von Solidarität, von Gemeinschaft zu vermitteln in einer Zeit, wo die Jugend immer mehr vereinsamt oder viele Beschäftigungsfelder relativ reaktionär sind – Drogenkonsum, frauenfeindliche Scheiße, irgendein Gangsterschmutz und so weiter. Es ist kein Geheimnis: Wir machen viel Sport zusammen und legen da Wert drauf, machen gemeinsame Bildung und natürlich sind wir auch in verschiedenen Feldern der politischen Widerstandsbewegung aktiv, also im antifaschistischen Kampf und durch die aktuellen Umstände auch im Bereich Antimilitarismus. In allen Städten, wo die roten Jugendgruppen Teil der Organisation sind, haben wir offene rote Treffen, wo jeder hinkommen kann. Da diskutieren wir aktuelle Fragen des Marxismus und machen sonst auch einfach viel politischen Aktivismus, wie man ihn aus der radikalen kommunistischen Linken kennt. Darüber hinaus versuchen wir aber auch von Seiten der Organisation Rote Jugend, unserer Bewegung etwas zurückzugeben. Wir versuchen, andere politische Kollektive, die entstehen, zu supporten, zu gucken, was brauchen die, wo kann man Tipps und Kniffe geben, wie kann man anderen Jugendgruppen helfen, auf eigenen Beinen zu stehen, damit das nicht mehr an einzelnen Leuten hängt. Wie kann aus dieser Bewegung mehr werden als die Summe ihrer Teile. Wir legen auch viel Schwerpunkt auf Antiimperialismus und Internationalismus.

Was wir anfangs dezidiert nicht gemacht haben, ist die klassische „Massenarbeit“, also in die Betriebe oder Stadtteile gehen. Da haben wir uns anfänglich sehr klar gegen entschieden, uns bewusst in unserer eigenen Schwäche. Wir waren aufgrund von Erfahrungen in anderen Projekten, aber auch aufgrund unserer eigenen offensichtlichen Begrenzung der Meinung, dass es ein bisschen verrückt wäre, wenn wir uns jetzt direkt als die großen Revoluzzer ins Volk stürzen. Entweder würde das dazu führen, dass wir mit der roten Fahne wedeln und hoffen, dass sich jemand verirrt, oder dass wir uns in betrieblichen Kämpfen relativ stark den Gewerkschaften unterordnen müssen, d.h. mehr oder weniger eine Tendenz zum Rechtsopportunismus entwickelt würden, weil wir als politische Formation einfach noch nicht stark genug sind und waren, die gewerkschaftlichen Kämpfe revolutionär zu begleiten oder zu führen. Oder wir würden einen wahnsinnigen Linksradikalismus machen nach dem Motto: Jetzt kommen hier mal die richtigen Revolutionäre und jetzt könnt ihr mal sehen.

Deswegen haben wir entschieden, dass für diese Arbeitsfelder, die sehr wichtig sind und wo andere Genoss:innen das auch sehr gut machen, wir als Bewegung, als Organisation uns noch entwickeln und wachsen müssen. Wir sind jetzt gerade an dem Punkt, dass wir an vielen Orten eine relative Stärke entwickelt haben und uns solche Kampffelder auch langsam erschließen und in Betracht ziehen müssen. Wir nennen diese Diskussion „Rote Jugend next level“, denn natürlich ist uns klar, dass Jugendgruppen, die coole Graffitis machen, stabil sind und Aura haben, nicht die ausreichenden Voraussetzungen für eine Revolution in Deutschland sind. Ansonsten machen wir Bildung, Liederabende, Solidaritätsaktionen mit Gefangenen, sind im Antifaschismus aktiv …


Wie bewertet ihr den aktuellen Stand der kommunistischen Bewegung in Deutschland?

Das ist natürlich die Frage des Maßstabs. Gemessen an den Notwendigkeiten natürlich schlecht. Wir haben keine große Verankerung des Marxismus in den Massen, wir haben keine kommunistische Partei, die ihren Namen verdient.

Auch die strategischen Überlegungen, wie der Klassenkampf in Deutschland dann konkret zu führen ist, sind innerhalb der kommunistischen Bewegung unterentwickelt. Es ist allen klar, dass es um die revolutionäre Linke, um die kommunistische Linke deutlich besser stehen könnte angesichts von Weltkriegsgefahr, faschistischer Tendenz im Staat und all den Schweinereien, die man sieht. Trotzdem beobachten wir in den letzten Jahren eine deutliche Vorwärtsentwicklung. Als ich mit Politik angefangen habe in der Roten Jugend, musste ich Hammer und Sichel verstecken, wenn ich mich in der linken Szene bewegen wollte. Mittlerweile sehen wir, dass die autonome oder postautonome Linke und dieser ganze liberale Bullshit ziemlich ausgespielt hat und dass die kommunistische Bewegung im Verhältnis viel stärker geworden ist. Genauso sehen wir innerhalb der kommunistischen Bewegung, dass mit vielen Unannehmlichkeiten gebrochen wurde. Wir erleben mit vielen anderen Organisationen eine Begegnung auf Augenhöhe. Ehrliches Interesse, voneinander zu lernen und auch Gedanken der Vereinheitlichung zu machen. Wir haben – das ist ja kein Geheimnis – ein sehr gutes Verhältnis zu verschiedenen anderen kommunistischen Organisationen, an denen wir sehr viel schätzen und an denen wir auch Kritik haben. Da wären z.B. zu nennen die Genoss:innen von Perspektive Kommunismus, die Genoss:innen von BDK (Bund der Kommunist:innen, Berlin, Anm. d. Red.), der Kommunistische Aufbau oder auch die Genoss:innen vom Aufbau Frankfurt, zu denen wir ein sehr solidarisches Verhältnis haben und mit denen wir auch Diskussionen auf Augenhöhe führen können. Wir erleben innerhalb eines bestimmten revolutionären Spektrums eine ehrliche Annäherung und ein ehrliches Zusammenarbeiten. Deshalb bin ich gerade, ob aller Schwierigkeiten, optimistisch was die Zukunft der Kommunist:innen in Deutschland angeht.


In welcher politischen Tradition verortet ihr euch? Welche organisatorischen, politischen Bezugspunkte in der Vergangenheit habt ihr als RJD?

Wir sind natürlich stolze autoritäre Linke (lacht). Da sind wir ehrlich. Manche Leute können uns Dogmatismus vorwerfen – wenn man ein Liberaler ist, erscheint das vielleicht so. Unser ideologisches Fundament ist der Marxismus-Leninismus, dabei sind wir aber explizit anti-sektiererisch. Das heißt wir betrachten den Streit um die richtige Linie und die richtige Anwendung des Marxismus in Deutschland nicht als einen Bücherstreit, sondern finden ihn gemeinsam in der Praxis raus. Unsere Organisation ist marxistisch-leninistisch, aber es ist kein Geheimnis, dass bei uns auch viele maoistische Genoss:innen organisiert sind. D.h. wir sagen nicht, diese eine Interpretation des Marxismus-Leninismus oder des Maoismus ist unser fester Bezugspunkt. Trotzdem sehen wir uns organisatorisch sehr klar in der Tradition der revolutionären kommunistischen Bewegung. Ein großer Bezugspunkt war z.B. immer die Kommunistische Partei der Philippinen. Auch andere Parteien aus dem maoistischen Spektrum. Aber wir sagen jetzt nicht: „Wir stehen in der Tradition der Achten Internationale so-und-so oder der KPD-XY“, sondern wir sind ein relativ organischer Zusammenschluss, der von null angefangen hat.
Natürlich – unsere historischen Vorfahren sind und bleiben die KPD, mit all ihren Fehlern. Aber wir haben nicht eine direkte Traditionslinie.


Wie hat sich die materielle Realität des globalen Kapitalismus und damit auch die Realität unserer Klasse im Vergleich zur Hochphase der Arbeiterbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts verändert? Was bedeutet das für die kommunistische Bewegung heute in Bezug auf Organisationsform und Strategie? Was sind Punkte, die man übernehmen kann, was sind Punkte, die man verändern muss in Bezug auf die heutige Realität?

Eine Analyse auf diese genaue Frage haben wir nicht. Die Veränderungen und auch die weiteren Beiträge zur revolutionären Wissenschaft des Marxismus seit den 1920ern sind so enorm und so viel, dass ich die nicht erschöpfend erschließen kann. Die proletarische Wissenschaft, d.h. der Marxismus, ist nicht 1917 stehen geblieben, sondern auch die Beiträge v.a. der chinesischen Sequenz unter Mao Zedong, aber auch der urbanen Guerilla in den Metropolen, der verschiedenen Volkskriege und nationalen Befreiungsbewegungen auf der Welt, als auch Beiträge der K-Gruppen und der Autonomen und deren Erkenntnisse, ob sie nun gut oder schlecht sind, müssen in den Kanon der revolutionären Wissenschaft aufgenommen und ausgewertet werden.

Wir können aber sagen, dass wir die Lesart von Revolution und auch der Oktoberrevolution als verkürzte Aufstandsstrategie ablehnen. Unabhängig davon, ob das damals so gewesen ist – was ich nicht so sehe, dass es einfach nur ein Aufstand als singuläres Ereignis war – betrachten wir mit relativer Einigkeit Revolution als einen langfristigen antagonistischen Prozess mit dem Staat. D.h. wir sagen nicht man muss Kräfte sammeln, sammeln, sammeln und dann macht man einmal das große Rambazamba. Das Wort Gegenmacht ist da eher eines, was ich verwenden würde. Es ist in der kommunistischen Bewegung in aller Munde, aber es gibt keine guten Analysen oder keine guten Ausführungen dazu, die mir bekannt sind. Aber wir würden schon eher mit so einem Begriff arbeiten. Aus den Erfahrungen der chinesischen Revolution und der darauffolgenden nationalen Befreiungsbewegungen und ich behaupte auch aus der Oktoberrevolution kann man sehen, dass die Revolution mehr ist als ein singulärer Akt, sondern eine Wechselwirkung wo Aufbau und Zerstörung vor dem Aufstand da sein müssen und auch danach noch.

Es gibt die Vorstellung, gerade bei orthodoxen Marxisten-Leninisten, von einer, wie ich finde, relativ bescheuerten Schule, man müsse Streik, Gewerkschaft und Generalstreik machen und dann stürmt man irgendwann die Polizeikaserne. Doch das war historisch nie so, und wird auch dazu führen, dass wir scheitern werden, wenn wir Revolution nicht als Prozess begreifen, der auch jetzt schon losgehen muss in verschiedenen Formen. Deshalb begrüßen wir Initiativen wie Stadtteilkomitees, Stadtteilgewerkschaften, Versuche, eine Gegenmacht der Arbeiterklasse aufzubauen. Das würden wir z.B. sagen, ist, was man aus dem Verständnis der 1920er auf jeden Fall mitnehmen kann. Auch die Erfahrung der Chinesischen Revolution mit dem Realsozialismus und dem aufkommenden Revisionismus sollte einem eine Lehre sein. Bei uns relativ durchgesetzt ist das Verständnis der Massenlinie von Mao. Die ganze Rote Jugend war ein Experiment zur Massenlinie. Das muss man alles berücksichtigen. Ich bin aber jetzt nicht gut genug vorbereitet, um das alles zu beantworten. Man kann uns viel vorwerfen, aber unsere Theorieproduktion ist alles andere als erschlagend (lacht).


Was braucht es heute für eine Politik in Deutschland, um die arbeitende Klasse zu mobilisieren und zu organisieren gegen Krieg, Krise und Kapitalismus?

Wenn ich es genau wüsste, dann wäre ich froh. Aber wir können schon, behaupte ich, aus den Erfahrungen des Proletariats international ein paar Größen festmachen, die es auf jeden Fall braucht. Es ist sehr zentral für uns, dass der wesentlichste Mangel weiterhin das Fehlen der kommunistischen Partei neuen Typs ist. D.h. eine Kaderorganisation von Revolutionären, die in der Lage ist, als strategisches Rückgrat und Gehirn der revolutionären Bewegung und auch der Arbeiterklasse zu fungieren, die es tatsächlich erstmal schafft, eine Strategie zu entwickeln. Du hast gesagt: „Die Arbeiterklasse organisieren und mobilisieren“ – das kann alles und nichts bedeuten. Das ist schon die Frage: Mit welcher Strategie, mit welchem Zweck organisiert und mobilisiert man? Es gibt immer wieder Kommunisten, die auf die Idee kommen zu sagen: Wir müssen mal die Arbeiterklasse organisieren, wir müssen mal in die Betriebe gehen. Ja, danke, aber damit ist leider noch wenig gewonnen mit diesem Abkürzen. Es braucht eine tatsächliche Analyse der ökonomischen Verhältnisse und auch der verschiedenen Segmente der Arbeiterklasse und eine daran gekoppelte Strategie. Ich würde die Behauptung aufstellen, dass eine proletarische Organisierung auch immer – nicht in der Hauptsache, aber in ihrer Essenz – antagonistisch und für die Klasse selbstermächtigend sein muss. D.h. sie muss auf der einen Seite antagonistisch sein und zumindest sehr vorsichtig mit der Frage, wie leicht sie sich in den bürgerlichen Staat integrierbar macht und muss auf der anderen Seite auch mit revolutionären Methoden Erfolge erkämpfen können. Sie muss es vielleicht nicht jedes Mal tun, aber in der Lage sein, Streiks auch eskalieren zu lassen oder auch andere Kämpfe in Betrieben zu führen, die gewerkschaftlich nicht abgedeckt sind. Ich kenne das von vielen Jobs von mir: Wenn dein Vorarbeiter ein Penner ist – dafür bräuchtest du eigentlich eine kommunistische Formierung, die sich darum kümmert. Du musst ja nicht sein Auto anzünden wie in Italien – in Deutschland würde es schon reichen, den mal anzuschreien. Du musst eine Form von Stadtteilarbeit machen, die tatsächlich dem Volk und der Arbeiterklasse eine Form von Gegenmacht gibt, die sich nicht darin verliert zu sagen: Wir fordern die Revolution sonst werfen wir hier die Scheiben ein, sondern die eine Keimform von Selbstermächtigung ermöglicht. Allerdings hat das Ganze leider im imperialistischen Zentrum, wo die Bourgeoisie sehr viel Hegemonie hat, auch sehr klare Begrenzungen.

Aber es braucht die kommunistische Partei; die muss in der Lage sein, Strategien zu entwickeln, das heißt sie muss in der Lage sein, den Marxismus wissenschaftlich betreiben zu können – nicht im Sinne von nur zu lesen, zu studieren und Analysen zu machen, sondern auch eine Praxis flächendeckend und organisiert durchzuführen und auszuwerten. Dazu wollen wir gerne einen Beitrag leisten, allerdings sind wir auch noch ein Haufen 20-Jähriger (lacht).


Was sagt ihr zur Kritik an roter Identitätspolitik? Glaubt ihr, dass das massenanschlussfähig ist? Wie wollt ihr von einer rot-identitären Jugendstruktur zu einer gesellschaftlich relevanten, in der Breite wirksamen Politik kommen?

Die Kritik ist nichts Neues für uns. Auf der einen Seite stimmt sie, auf der anderen Seite würde ich ihr auch widersprechen. Fangen wir mal hinten an. Die Massen als monolithisches Subjekt gibt es nicht. Es muss verschiedene kulturelle Ansprechformen für verschiedene Segmente der Massen und des Volkes geben. Ansätze, die versuchen, in ihrer Ästhetik, in ihrem Auftritt, in ihrer Propaganda alle Teile anzusprechen, sehen dann schnell aus wie das Material von der Bundeszentrale für politische Bildung und dann gefallen sie keinem mehr so richtig. Wir haben mit unserem Ansatz sehr klar ein kleines, aber klares Segment in den Massen als unser Zentrum ausgewählt. Das sind die revolutionären Teile der Jugend des Volkes und der Arbeiterjugend und wir machen unsere Massenarbeit in diesem Segment der Massen mit der kulturellen Ausdrucksform, die da funktioniert. Und wir können sagen: In diesem Segment der Massen sind wir anschlussfähig. Gerade weil wir viel Kulturarbeit machen, dieses ganze Graffiti, rote Fahnen, Kampfsport, das ist ja auch viel Kultur, reproduzieren wir aber natürlich eine Form von Subkultur. Eine proletarische Gegenkultur ist, solange das Proletariat keinen Staat hat, immer eine Subkultur, weil es eine dominante herrschende Kultur der Bourgeoisie gibt. Und diese Gefahr ist uns strategisch sehr bewusst. Das ist ein Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen. Wir würden aber sagen, dass man das nicht los wird, indem man einfach sagt: Das hört jetzt auf. Das Wollen ersetzt das Werden nicht. Stattdessen sagen wir: In diesem Segment der Massen können wir durch diese Form relativ erfolgreich Kräfte sammeln, um eine politische Formierung, die auch außerhalb davon wirken kann, zu stärken. Und es ist ja nicht nur Subkultur – wir sind eine politische Bewegung. Die Leute halten schon mit Absicht eine rote Fahne. Ein, zwei von denen haben sogar schon mal ein Buch gelesen. Und diesen relativ begrenzten propagandistischen, ästhetischen Ansatz erweitern wir auch. Wir werden diverser als Bewegung. Früher waren es wirklich oft nur deutsche junge Auszubildende, mittlerweile sind wir an manchen Orten ein bisschen diverser geworden und wir versuchen, unsere Kultur damit auch zu diversifizieren. Wir meinen aber, dass wir mit dieser Kulturarbeit einen Beitrag dazu leisten können, Genoss:innen, junge Menschen für den Marxismus zu begeistern und uns dadurch zu stärken, um auch andere Felder zu erschließen.

Das ist auch aus dem Gedanken entstanden: Bevor wir die Arbeiterklasse organisieren können, müssen wir erstmal lernen, uns selbst zu organisieren. Das heißt wir fangen erstmal mit Leuten an, die uns ähnlich sind – sehr bewusst, dass das nicht das Ende der Fahnenstange ist. Aber wir fangen mit uns an, mit dem, was nah dran an uns ist, mit den aus unserer Perspektive fortschrittlichsten Teilen der Massen, um uns daran zu stärken, zu konsolidieren und daraus expandieren zu können. Trotzdem kommt dabei auch immer wieder viel subkulturelle Politik heraus und das ist ein Spannungsfeld, was auch Gefahren birgt.

Es gibt in vielen Städten und Gruppen der Bewegung auch konkrete Projekte in die Richtung: Überlegungen, sich mehr in Arbeits- und gewerkschaftliche Kämpfe einzubringen oder auch in Stadtteilarbeit und da eigene Projekte und Läden hochzuziehen. Das sind Überlegungen, die wir haben. Damit du das vernünftig machen kannst, braucht es aber auch eine gewisse Grundlage. Das kannst du nicht machen, wenn du mit 6 Teenagern anfängst, sondern du brauchst ein gewisses Netzwerk, du brauchst eine gewisse politische Erfahrung. Uns ist auch bewusst, dass es in anderen Teilen des Proletariats anders läuft als bei uns, aber irgendwo muss man anfangen.

In Teilen der linken Szene begegnet einem immer wieder die Kritik gegenüber der breiteren roten Jugendbewegung, eine autoritäre Art der Organisierung und besonders patriarchal geprägtes „mackriges“ Auftreten zu vertreten. Was sagt ihr zu dieser Kritik?

Also der Punkt mit autoritär: Wir sind autoritäre Linke. José Carlos Mariátegui, ein peruanischer Kommunist aus den 20ern, hat mal gesagt: „Wenn die Revolution Gewalt, Autorität und Disziplin erfordert, dann bin ich für Gewalt, Disziplin und Autorität.“ Und es gibt die entsprechenden Texte von Engels – also den Vorwurf machen wir nicht mit. So, wir sind autoritäre Linke, wenn uns jemand fragt. Wir sind trotzdem ganz nette Leute, behaupte ich und fressen auch keine anarchistischen Genoss:innen. Im Gegenteil wir sind für spektrenübergreifende Zusammenarbeit von allen, die auf unserer Seite der Barrikade stehen.

Zum Vorwurf des Mackertums: Ich finde den Begriff „mackerig“ als politische Kategorie ganz schlimm. Ich habe ja vorhin schon gesagt, es braucht immer verschiedene kulturelle Ausdrücke derselben Inhalte. Wir behaupten, dass viele Teile der Arbeiterjugend und des Volkes sich auch mit vielen Ausdrücken der radikalen Linken nicht identifizieren können. Ich nenne es mal diese Kartoffelsacklinke oder Klimperlinke oder Stulpenträger oder so. Das ist kein Hate an die Leute – wem es gefällt, der soll das machen!

Wenn man uns kennenlernt, sehen wir auch nicht alle gleich aus, das ist schon auch ein Klischee. Aber wir sind einfach dafür, dass Genoss:innen Sport machen, dass Genoss:innen gesund leben und das darf man auch sehen. Und wir glauben, dass das eine Form von Außenwirkung ist, die auch ein anderes Bild von der kommunistischen Linken zeigen kann. Natürlich konvergiert das sehr stark mit patriarchalen Rollenbildern und Vorstellungen, aber patriarchalen Chauvinismus wird man nicht los, indem man die äußeren Erscheinungsformen davon bekämpft, sondern man muss schon mit den Genossen reden, um herauszufinden, ob die patriarchale Ansichten haben, gucken, ob die patriarchale Verhaltensweisen zeigen. Wir kriegen teils auch zu hören, wir sähen aus wie Nazis. Na ja, wir behaupten aber ganz andere Sachen als Nazis. „Deutsche Jugend voran“ haben die übrigens von uns geklaut (lacht).

Deshalb finde ich die Kritik nachvollziehbar und in Teilen trifft die auch einen Punkt. Aber wir sind proletarische Feminist:innen und würden auch viele Sachen, die in dem Diskurs firmieren, so nicht mitmachen. Es kann natürlich sein und ist auch vollkommen okay, wenn sich Leute davon nicht angesprochen fühlen. Dann sollen sie die Politik machen, von der sie sich angesprochen fühlen. Wir ermutigen Genoss:innen dazu, Sport zu machen, stark zu sein, gesund zu sein, aber das ist nicht geknüpft an Boxerschnitt oder ähnliches.

Wie steht ihr zu Stadtteilarbeit? Es gibt ja auch Kritik daran, die sagt, dass man sich auf die Betriebe konzentrieren sollte …

Ich habe, bevor ich meine Ausbildung gemacht habe, 3 oder 4 Jahre als Leiharbeiter gearbeitet in verschiedenen Betrieben, in Sektoren und Branchen, die nicht gewerkschaftlich organisiert waren und auch schwer gewerkschaftlich organisierbar sind aufgrund der Fluidität des Arbeitsmarktes. Du warst einen Monat da, einen anderen Monat dort, teilweise nur wenige Tage.

Im Stadtteil bleiben die Proleten länger wohnen. Deshalb ist die Stadtteilarbeit unbedingt notwendige Ergänzung zur Betriebsarbeit. Ich würde nicht sagen, dass sie wichtiger ist, sondern sie tatsächlich auf dieselbe Stufe stellen. Natürlich ist die Arbeit in den Betrieben und in den Gewerkschaften wichtig, aber der Stadtteil ist aufgrund der aktuellen Zusammensetzung und Bestandsaufnahme der Arbeiterklasse und vor allem der Teile der Arbeiterklasse, die am meisten Gründe zu kämpfen haben, essenziell. Die Leute sind nicht mehr konzentriert in Riesenbetrieben, viele Sektoren des Proletariats haben nicht mal richtige Arbeitsverträge, die ganze Schwarzarbeit auf den Baustellen, Home-Office, die Flexibilität durch Leih- und Zeitarbeit. Es gibt sehr viele Sektoren der Arbeiterklasse, die weniger in einzelnen Betrieben konzentriert sind. Deshalb glaube ich, Stadtteilarbeit ist essenziell. Da bin ich z.B. großer Fan von den Genoss:innen vom BDK.


Macht ihr Gewerkschaftsarbeit?

Nicht überall. Als Struktur sitzen manche Leute von uns auf den Gewerkschaftstreffen, auf den Treffen der Gewerkschaftsjugend. Das ist etwas, womit wir mal ein bisschen experimentiert haben mit mehreren Genossen, die in ihren Branchen Gewerkschaftsmitglieder sind. Aber noch nicht flächendeckend, noch nicht mit so hoher Priorität. Man hat in einem Moment der Schwäche halt die Gefahr des damit einhergehenden Ökonomismus und Reformismus, dass man inhaltlich degeneriert und zum Handlanger der Gewerkschaften wird. Es braucht Gewerkschaften, ich bin selber Mitglied. Wenn ihr das nicht seid, seid ihr dumm – werdet Gewerkschaftsmitglied, bringt euch da ein. Das ist wichtig, aber es ist halt nicht der Weisheit letzter Schluss.

Wir streben in mittelbarer Zukunft eine Debatte an, um uns da mehr Gedanken zu machen, wie denn Arbeit in Betrieben und Gewerkschaften aussehen kann. Viele von uns sitzen auf Treffen von Gewerkschaftsjugenden, von der DGB-Jugend, von der IG Metall-Jugend, von der IG Bau. An vielen Stellen pflegen wir da Kontakte und sind am Start. Aber wir würden uns jetzt nicht auf die Fahne schreiben, dass wir die großen Gewerkschafter oder Betriebskämpfer sind. Da sind wir noch nicht und da sind wir aber auch mit Bedacht vorsichtig.


Wie steht ihr zur Ausnutzung des Parlaments, Stichwort Kommunist:innen in der Linkspartei?

Wenn man mich fragt, was Kommunist:innen vom Parlament halten sollten, würde ich sagen: Abstand. Es wird sich im revolutionären Prozess zeigen, aber es gibt viele historische Erfahrungen damit, dass das immer nach hinten losgeht. Ich glaube, das liegt daran, dass der Parlamentarismus auch was mit dir macht. Es gibt bestimmt viele gute Genoss:innen der Linkspartei. Viel Glück auf dem Weg! Ich glaube, der ist aus Holz. Ich kann mir vorstellen, dass mit einer entwickelteren proletarischen Gegenmacht eine Form von anderer Auseinandersetzung mit den parlamentarischen Kräften notwendig ist. Das muss aber aus einem Moment der Stärke heraus passieren. Wir gehen nicht zur Wahl, wir haben Besseres zu tun. Das ist unsere Organisationsmeinung. Ich hab letztes Mal Linkspartei gewählt, hab mich richtig geärgert. Bisher immer Wahlboykott seit ich wählen darf und letzte Wahl hatte mich der Faschismus so weit, dass ich gewählt hab. Keine 3 Monate später kamen die Kriegskredite mit Zustimmung der Bremer Linkspartei. Nein danke. Also wir würden sagen, dass das meistens eine schlechte Idee ist.


Wo würdet ihr gerne in 3 Jahren sein?

Gerne im Kommunismus. Aber realistisch und als Struktur: Wenn sich die Klassenkämpfe nicht weiter in dem Tempo entwickeln und wir weiterhin in den nächsten 3 Jahren die relative Ruhe haben wie jetzt, dann würde ich mir wünschen, dass wir aus Perspektive der Roten Jugend es schaffen, mit den Spannungsfeldern, in denen wir uns bewegen, – Subkultur und Marxismus, Jugendmassenorganisation und Notwendigkeit einer Kaderorganisation – einen vernünftigen Umgang zu finden und politisch-ideologische Krankheiten abzulegen, die uns gerade noch begleiten.

Als Bewegung hoffe ich, dass wir weiter in dem Tempo wachsen, wie wir es gerade tun, und es weiterhin schaffen, so viele gute junge Leute zu erreichen und politisch einzubinden und da auch noch mehr Erfolge erzielen. Manchmal schaffen wir es immer noch nicht, Kollektive zu erreichen und zu organisieren. Ich hoffe, dass wir das hinkriegen. Für die kommunistische Bewegung hoffe ich, dass die revolutionären Teile der kommunistischen Bewegung es schaffen, sich zu vereinigen, in solidarischer Kritik und Selbstkritik ihre Schwächen gegenseitig zu bekämpfen und durch einen Zusammenschluss einen Beitrag, einen Sprung in der Frage des Aufbaus der Kommunistischen Partei zu leisten. Das ist nicht ganz unrealistisch, behaupte ich.


Die letzten Worte gehören euch.

Danke für das Interview ans Lower Class Magazine! Das war für uns das erste Mal in der Form und ich glaube, das merkt man auch. Es gibt immer so Mythen über uns und wir sind auch bisher nicht gut darin, unsere theoretischen und strategischen Gedanken nach außen zu kommunizieren. Das soll sich noch vor den nächsten 3 Jahren auf jeden Fall auch ändern. Es wird bald Veröffentlichungen zur Roten Jugendbewegung geben. Und sonst an alle jungen Leser:innen: Auch du gehörst zur Roten Jugend, Genoss:in. Werde aktiv, organisier dich. Jugend voran zur Einheit, Jugend voran zum Kampf.

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Vor einigen Wochen sind im Lower Class Magazine zwei Artikel erschienen, die eigentlich der Eröffnungsschlag einer größeren Debatte innerhalb der kommunistischen Bewegung Deutschlands hätten sein können, die dann aber doch eher in den weiten Gemäuern der Social Media-Titanen verhallt sind. Wichtig ist eine solche Debatte, weil wir in Deutschland seit einigen Jahren eine in den imperialistischen Ländern einzigartige, wenn auch im historischen Maßstab zarte Blüte der kommunistischen Bewegung erleben. Diese Blüte ist aber, trotz ihrer langsamen Entfaltung, mitnichten unberührt in ihrem Wachstum. Vielmehr ist ihr Trieb gerade von innen heraus bedroht. Die Frage, die die Polemiken von David Meyn und Max K. erkunden, ist die nach der Art dieser inneren Bedrohung. In einer Situation, in der das deutsche Kapital wieder mit Schmackes in die Marschstiefel tritt, ist die Dringlichkeit eines effektiven revolutionären Widerstandes, um die es hier letztlich geht, selbsterklärend. Ich will im Folgenden den Versuch eines Neustarts dieser potenziellen Debatte unternehmen.

Ich werde im Folgenden eine etwas eingehendere Untersuchung der Probleme dieser unserer Bewegung unternehmen, mich mit den konkreten historischen Bedingungen des Klassenkampfes in Deutschland auseinandersetzen – Bedingungen, die mit fatalen Folgen oft nicht berücksichtigt werden – und schließlich auch einige Anregungen geben, wie wir uns besser voran kämpfen und einige Gefahren, die sich bereits heute auswirken, zukünftig besser bekämpfen können. Das wird kontrovers und für einige vielleicht auch schmerzhaft werden, aber ich denke, als Kommunist:innen müssen wir uns an eine strenge Selbstkritik gewöhnen, denn die des Klassenfeindes wird in jedem Falle um einiges unsanfter ausfallen. Also los!

Ein Diskussionsbeitrag von Malik L.


Schwankend bewegen wir uns voran

Was die Artikel von Meyn und K. eint, ist die Zentralität des Begriffs des Antirevisionismus. Liegen die Probleme der deutschen kommunistischen Bewegung in ihrem Antirevisionismus begründet, wie Meyn argumentiert? Was K. überzeugend nachweist, ist die Verkürzung des Antirevisionismus-Begriffs, den Meyn ins Feld führt. Gut, der Begriff ist also nicht richtig bestimmt und es zeigt sich, dass der Antirevisionismus historisch verdienstvoll war. Ist damit die Frage vom Tisch, ob der Antirevisionismus unser zentrales Problem ist? Ich denke um darauf mit einiger Gewissheit zu antworten, müssen wir einen Schritt zurückgehen und festhalten, wovon wir eigentlich sprechen, wenn wir von den Problemen unserer Bewegung reden.

Der ursprüngliche Artikel von Meyn gibt uns drei Symptome für die Probleme unserer Bewegung:

1.) Während ihre Quantität weiter zunimmt, stagniert die Qualität, also der gesellschaftliche Einfluss. 2.) Es gibt einen starken Drehtürmechanismus, soll heißen die Verweildauer der Militanten in den Organisationen ist kurz, es gelingt den Organisationen nicht, ihre Mitglieder langfristig an sich zu binden; 3.) Es gibt vermehrte Spaltungen von Organisationen.

Gut, das stimmt so alles, wenn man entsprechende Einschränkungen mitdenkt:

1) wenn die Organisationen wachsen, denn wächst notwendig auch ihr gesellschaftlicher Einfluss, schlicht und ergreifend weil sie Teil der deutschen, kapitalistischen Gesellschaft sind, was nicht heißt, dass man deswegen schon knietief in den Klassenkämpfen watet; 2) Offensichtlich binden die einzelnen Organisationen Leute auch langfristig an sich, wahrscheinlich auch einen wachsenden wenngleich relativ zum Wachstum der Bewegung insgesamt kleinen Kern von Leuten, die eben das Wesen der Organisationen entscheidend aber nicht ausschließlich bestimmen; 3) Wenn es mehr Organisationen gibt, gibt es natürlich auch mehr Spaltungen, dies um so mehr, je ineffektiver die jeweilige Organisation darin ist, ihre Ziele zu erreichen.

Alle diese Probleme sind nicht neu. Wir kennen sie aus dem letzten großen Schwung revolutionärer Aufbauprojekte von den späten 1960er bis in die frühen 1980er Jahre. Insofern verweist uns die Wiederkehr dieser Probleme auf etwas, das K. In seiner Replik anspricht: die Bedeutung der historischen Erfahrung und zugleich das scheinbar Besondere unserer Situation: namentlich, dass wir unter den Folgen eines Traditionsbruches leiden. Nach dem Zusammenbruch der K-Gruppen-Bewegung konnte sich die revolutionäre Bewegung – jedenfalls der Teil, der sich nicht in Illusionen vom „langen Marsch durch die Institutionen“ in die Verbürgerlichung geschmissen, oder schlicht und ergreifend das Handtuch geworfen und sich dem liberalen oder gar faschistischen bürgerlichen Lager angeschlossen hat – durch die autonome Bewegung am Leben halten. Die hat dadurch, dass sie auf ihre Weise den revolutionären Geist auf Sparflamme aufrechterhalten hat, ihre historischen Verdienste, ist aber zugleich einer Sackgasse vergleichbar, was sich heute deutlich an ihrer Hilflosigkeit im Angesicht des Ansturms der bürgerlichen Reaktion zeigt. Sie hat zudem die Lehren der K-Gruppen-Bewegung nur in negativer Form aufgenommen: das und das wollen wir nicht. Eingedenk der doch ziemlich deutlichen Schwächen und auch Ekelhaftigkeiten der K-Gruppen (ausgeprägter Dogmatismus, Sektierertum, freies Spiel patriarchaler Dynamiken, Strebertum, absurdeste ideologische Abweichungen, Missbrauch der eigenen Massenbasis, etc.) ist das verständlich, aber es war und ist doch ein Scheitern an den historischen Notwendigkeiten. Und an diesem Scheitern leiden wir bis heute. Ohne eine wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit der K-Gruppen-Bewegung, und das kann für uns nur eine konsequent revolutionär-marxistische sein, werden wir auch weiterhin ihre Fehler ohne historische Notwendigkeit reproduzieren und dadurch auch das Risiko ihres Scheiterns mit uns führen.

Weiter. Ich habe gesagt, dass es sich bei diesem Traditionsbruch um eine scheinbare Besonderheit unserer Lage handelt. Scheinbar deshalb, weil auch die K-Gruppen-Bewegung daran litt. Es war den Nazis während ihrer Herrschaft durch entmenschlichende Gewalt gelungen, den organisierten kommunistischen Widerstand innerhalb Deutschlands auf ein sehr beschränktes Ausmaß zu reduzieren. Als gesellschaftliche Kraft konnten sie die deutschen Kommunist:innen ausschalten. Mit der Neugründung des imperialistischen Deutschlands in Form der BRD wurden nicht nur die allermeisten Nazis rehabilitiert und in den Staatsapparaten in Brot und Futter gesetzt. Mehr noch wurde der Kern des Nazifaschismus, sein fanatischer Antikommunismus, auch in der BRD Staatsräson (später durchaus passend um die unverbrüchliche Treue zum völkermörderischen Siedlerkolonialstaat Israel angereichert). Es sollte daher nicht lange dauern, bis die KPD, die sich ohnehin bereits in einem Verbürgerlichungsprozess befand, 1956 rundheraus verboten wurde. Damit wurde der historische Bruch in der Tradition der revolutionären kommunistischen Bewegung Deutschlands besiegelt, wenngleich sein eigentlicher Beginn auf den Antritt der Nazidiktatur datiert. Entsprechend finden wir in den K-Gruppen immer wieder den Versuch, an die Hochzeit kommunistischer Organisation in Deutschland vor dem Dritten Reich anzuknüpfen.

Und auch zu dieser Zeit, also vor allem den 1970er Jahren, zeigen sich die Folgen dieses ganz eignen Traditionsbruches. In zumeist ausgesprochen dogmatischer Weise wurden Methoden, Strukturen, Arbeitsweisen, und Theorieversatzstücke einfach aus der Vergangenheit in die eigene Zeit übertragen. Unbedacht blieb dabei allzu oft die Verwandlung der wirklichen gesellschaftlichen Verhältnisse, die die beiden historischen Momente voneinander trennt. Und sie blieb es nicht zuletzt deswegen, weil die Bedingung für eine kritische Auseinandersetzung mit und Konkretisierung der historischen Praxis fehlte, nämlich eine wissenschaftliche Untersuchung der gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands, die im damaligen Jetzt gipfelte und darüber hinaus in ihren Tendenzen die Zukunft abzeichnete. Ohne eine solche Forschungsarbeit – Forschung verstanden als Einheit von praktischer und theoretischer Arbeit – konnte und kann ein fruchtbarer Umgang mit unserer eigenen Geschichte nicht stattfinden, geschweige denn mit der deutschen Geschichte insgesamt. Wir sind dann zur Reproduktion der immer gleichen Fehler verdammt – und zwar verdammt aus eigener Unfähigkeit.

Kurzum, es gibt durchaus tiefere Wurzeln als den Antirevisionismus für unsere Probleme. Wurzeln, die wir mit dem jetzigen theoretischen Stand der Bewegung nicht erreichen werden. Damit ist ein weiteres Problem angesprochen: unser allgemein niedriger und sich nur sehr behäbig aufschwingender wissenschaftliche Entwicklungsstand. Auch das wird von Meyn angerissen und sein eigener Beitrag bezeugt das Urteil. Halten wir uns vor Augen, dass unsere Bewegung nun doch schon über ein Jahrzehnt auf dem Buckel hat, dann kann ihr Alter allein die Misere nicht erklären. Der Traditionsbruch und seine ausstehende Aufarbeitung tragen sicherlich dazu bei, sind aber selbst auch bedingt durch unsere wissenschaftliche Unbedarftheit. Noch herrscht ein Verständnis von Theorie vor, bei dem die methodologische Ebene gar nicht in den Blick kommt (dogmatische Lehrkurse in DiaMat oder HistoMat schaffen da keine Abhilfe, sondern betonen das Problem nur). Zumeist wird der sowjetische Kanon abgearbeitet wie eine Reihe von Lehrbüchern, deren Inhalt man den Leuten einbläut, so als handele es sich um ewige Wahrheiten. Entsprechend lesen sich dann auch die originellen Beiträge. Marginalisierte Revolutionär:innen oder andere revolutionäre Traditionen jenseits der marxistischen werden wenig rezipiert und häufig nur auf Revisionismus abgeklopft. Eine Auseinandersetzung mit bürgerlichen Denker:innen findet fast gar nicht statt, und wenn, dann unter denselben Vorzeichen. Dabei müssen sich die Kapitalist:innen mit den gleichen gesellschaftlichen Problemen wie wir herumschlagen, wobei sie freilich zu anderen Resultaten gelangen. Einen reifen, souveränen Umgang mit Theorie, den uns ein niveauvolles Verständnis der marxistischen Methode gerade dadurch eröffnet, dass wir Theorie immer in ihrer konkreten gesellschaftlichen Bedingtheit begreifen sollten und können, ist rar.

Der Teufel steck im Detail

Damit will ich mich etwas wegbewegen von der Abstraktionshöhe des Allgemeinen und zu einigen konkreten Erscheinungsformen unserer Probleme übergehen. Greifen wir da an, wo wir aufgehört haben und zurren das gleich mit einigen anderen Aspekten zusammen. Woran liegt es, dass Debattenversuche wie die von Meyn und K. so im digitalen Äther verhallen? Es gibt ein kurzes Strohfeuer in den Kommentarbereichen, das notwendigerweise den Diskursregeln des Mediums folgt, also oberflächlich, emotional, und überspannt polemisch ausfällt. Das niedrige wissenschaftliche Niveau der Bewegung ist ein weiterer Aspekt: Die meisten Militanten sind noch nicht befähigt, ausführlichere, tiefer gehende Untersuchungen zu unternehmen. Dazu gesellt sich ein bereits aus der K-Gruppen-Bewegung altvertrautes Problem, die Überarbeitung der Organisierten. Es herrscht eine oft kopflose Geschäftigkeit, bei der gerade die Engagiertesten sich nach Kräften abmühen und ihre Energien in einer Vielzahl kleiner, politisch zumeist bedeutungsloser Aufgaben aufzehren. Zeit zum Innehalten und Reflektieren, geschweige denn für eingehende methodologische, historische und theoretischen Studien bleibt da nicht. Freilich, man kann dann gezielt Kader:innen zur Spezialisierung auf die Theoriearbeit abstellen. Nur kommt es dann auch häufig zu einer Entfremdung von der praktischen Arbeit was zur Verstärkung des dogmatischen Charakters der theoretischen Arbeit beiträgt.

Die Erschöpfung einzelner Kader:innen, die besonders engagiert sind, ist eine Gefahr, die jedem ernsthaften revolutionären Versuch innewohnt. Besonders auf dem Gebiet der Massenorganisation herrscht eine ausgesprochene Ausdifferenzierung politischer Niveaus und der Bereitschaft, sich für die Sache aufzuopfern. Ein Kern von führenden Kräften entsteht urwüchsig aus dieser Situation, ob wir das wollen oder nicht. Es kommt darauf an, die Kraft und das Engagement der Engagiertesten zu nutzen, um möglichst viele weitere Aktive zu motivieren und zu befähigen, selbst engagierter und bewusster tätig zu werden. Das ist ein frustrationsreicher Prozess. Und gerade die sich aufstauende Frustration führt oft dazu, dass sich in den Kader:innen eine bürokratische Haltung entwickelt gemäß dem Motto: „Dann nehme ich die Sache eben selbst in die Hand, Hauptsache es wird gemacht!“ Das ist aber mitnichten die Hauptsache. Die Hauptsache ist, dass wir uns als Massen zur Selbstbestimmung unseres Schicksals mündig machen. Der Bürokratismus besteht hier gerade darin, dass den Massen diese Möglichkeit entzogen wird und dass sich damit eine undemokratische Geisteshaltung entwickelt und schließlich etabliert. Die Kader:innen selbst leiden unter dieser Haltung, die in permanenter Überarbeitung und Erschöpfung mündet. Und der revolutionäre Prozess droht so schon früh seinen Charakter zu verändern. Es bildet sich die Tendenz heraus, die Organisation und ihre taktischen Ziele über unser strategisches Ziel zu stellen.

Damit ist ein weiteres weit verbreitetes Problem angesprochen: der Parteifetischismus. Um das klarzumachen, wir können nicht behaupten, dass es sich dabei um ein überall vorherrschendes Problem handelt, aber es ist doch ein Phänomen, dass gerade in solchen Organisation, die sich als Aufbauprojekte für die deutsche kommunistische Partei verstehen, verbreitet ist. Was also ist damit gemeint? Es ist die Verkehrung des Verhältnisses von strategischem Ziel und Vermittlung. Die kommunistische Partei ist ein Vermittlungsmoment auf dem Weg hin zum Kommunismus, sie ist selbst kein Endziel. Vielmehr hat sie selbst schließlich aufzulösen, wenn sie ihren Zweck erfüllt hat. Genauer noch passiert das im Prozess der Zweckerfüllung selbst. So wie sie ihren Beitrag zur Auflösung der Klassen leistet, entzieht sie sich die gesellschaftliche Grundlage ihrer Existenz. Nun liegt es in der Natur von Aufbauorganisationen, dass ihr unmittelbares Ziel die Partei selbst ist. Es kann also leicht passieren, dass über den langen Aufbauprozess der Fokus auf dieses Ziel zur absoluten Versteifung darauf wird. Dadurch überdeckt die Parteiform als Vermittlung des Zieles selbst den Zweck, dem sie dienen soll. Praktisch äußert sich das beispielsweise im oben beschriebenen Verhalten der Kader:innen, die die taktischen Ziele der Partei über die strategischen politischen Ziele der Klasse stellen, nur um potentiell selbst daran zu zerbrechen. Wenn der Parteifetischismus innerhalb einer Organisation hegemonial wird, haben wir es im eigentlich Sinne nicht mehr mit einer politischen Organisation zu tun. Denn sie dient dann nur noch sich selbst, auch wenn sie nach außen und sich selbst gegenüber alle Anzeichen einer politischen Arbeit aufzeigen mag. Es gibt K-Gruppen, die sich derart entwickelt haben und sich so auch über den Traditionsbruch hinaus erhalten konnten. Die Frage ist, um welchen Preis.

Eine Lehre, die dann doch aus der Ära der K-Gruppen gezogen wird, ist die Vorsicht vor Sektierertum. Das äußert sich etwa in einer übersteigerten Angst vor der Polemik. Wo es Austausch zwischen Organisationen gibt, reduziert er sich dadurch aber entweder auf offizielle Wege, von denen die Massen ausgeschlossen sind, oder auf eine Läster- und Klatschkultur unter der Masse der Mitglieder. Beide Überspanntheiten ergänzen und bedingen sich. Wo nur ein offizieller, im Geheimen geführter Diskurs erlaubt ist, blüht im Schatten das Unkraut des Klatsches. Wo dieses Unkraut blüht, reagiert eine ohnehin schon übertrieben vorsichtige Leitung mit nur noch größerer Zentralisation. Dergestalt schlägt eine Lehre aus der Geschichte in ihr Gegenteil um. Die Polemik, die in der besten marxistischen Tradition immer ein wissenschaftliches Mittel war, erstickt, während der Dogmatismus ihr den Sauerstoff entzieht und erblüht.

Es gibt auch Lehren, die man aus der Zeit der Autonomen Bewegung zieht. Beinahe alle Organisation führen heute das Ziel auf den Lippen, nicht zur Subkultur, zur Szene werden zu wollen. Wir wollen über den unmittelbaren Kreis der Linken Szene hinaus in die breiten Massen wirken, sie organisieren und gemeinsam mit ihnen kämpfen. Denn der Bruch in unserer Tradition hat gezeigt, dass man sich zwar durch die Herausbildung einer Subkultur als Szene retten kann, man damit aber zugleich seinen politischen Charakter verlieren und seine Wirkmacht auf die breitere Gesellschaft einbüßt. Klassenkämpfe werden gar nicht mehr geführt oder sie reduzieren sich auf den lokalen Umkreis und werden so notwendigerweise zu Reformkämpfen. Es kann zur politischen Entkernung der revolutionären Politik kommen. Die Subkultur dient sich selbst und grenzt sich gerade gegen die Mehrheitsgesellschaft durch eigene kulturelle Merkmale gegen diese ab, entwickelt sogar ein Gefühlt der Erhabenheit gegenüber den breiteren Massen. Ein Extremfall stellt hier die antideutsche Szene dar, die sich in ihren rechten Ausläufern zur faschistischen Bewegung unter dem Deckmantel linker Kulturmerkmale verwandelt hat.

Es ist nicht zuletzt im Bewusstsein solcher Entwicklungen, dass die heutige kommunistische Bewegung bestrebt ist, dieser Subkulturalisierung zu entgehen. Und doch sehen wir genau diese Entwicklung. Es gibt bestimmte Kleidungs- und Verhaltensweisen, die unsere Bewegung als Subkultur ausweisen, indem sie als Momente der Abgrenzung gegen die Massen funktionieren. An den Kämpfen unserer Klasse sind wir kaum beteiligt, stattdessen veranstalten wir ständig Demonstrationen, die über die Szene hinaus keinerlei Wirkung entfalten, oder veranstalten kulturelle Ereignisse – aktuell stehen Wandertage im Trend – deren politischer Gehalt fragwürdig ist. Das ist mit Sicherheit nicht beabsichtigt, sondern folgt vielmehr aus der Herausbildung einer eigenen sozialen Sphäre, wie sie organisch, mehr oder weniger spontan aus jeder Organisierung wächst. Die Herausforderung besteht darin, wie wir bewusst darauf einwirken können, um diese Organisationskulturen so zu gestalten, dass sie zu Anziehungspunkten für die breiteren Massen werden, statt uns selbst als reines Unterscheidungsmerkmal zu dienen. Das entscheidende Kriterium ist dabei, ob es uns gelingen wird, eine wirkliche Tätigkeit in den Klassenkämpfen zu entwickeln.

Ich will das Thema damit nicht erschöpfen. Man könnte beinahe endlos weitere spezielle Probleme auflisten. Jede aktive Person in der Bewegung hat genügend Beobachtungen und Beschwerden, um diesen begrenzten Aufriss nach Belieben zu ergänzen. Bevor wir zum positiven Teil dieses Artikels übergehen können, müssen wir noch kurz auf eine Frage eingehen: Was ist eigentlich der Maßstab, an dem wir unsere Erfolge und Misserfolge messen? Was ist das strategische Ziel unserer Bewegung? Wir haben die Bedeutung dieser Fragen bereits angerissen, jetzt will ich sie etwas eingehender behandeln.

Ziel und Bedingungen

Das Ziel ist schnell und leicht zu nennen. Wir wollen den Kommunismus erkämpfen. Zack da isses. Frage beantwortet. Oder? Halten wir einen Moment inne und denken etwas darüber nach. Offensichtlich, und das ist eine Grundweisheit des Marxismus, können wir nicht einfach von heute auf morgen per Willensentschluss in den Kommunismus springen. Unsere Kräfte sind vereinzelt und wir stehen mit den Kapitalist:innen und ihrem Staat einem Klassenfeind gegenüber, der bereit ist, seine Ausbeuterordnung bis zum Äußersten zu verteidigen. Deswegen gründen wir Organisation, in denen wir unsere versprengten Kräfte bündeln, mit deren Hilfe wir unser Bewusstsein entwickeln und Klassenkämpfe führen können. Der Klassenkampf selbst ist dabei das Entscheidende. Er ist das Mittel, mit dem wir die kapitalistische Welt, die unseren Seelen und Körper tagtäglich prägt, quält, tötet, umwälzen werden. So weit, so bekannt.

Aber wir können noch weiter denken. Die Arbeiter:innenklasse ist als Klasse – das heißt auf einer sehr abstrakten Ebene – durch die gleichen Produktionsverhältnisse geeint. Wir alle verfügen als Arbeiter:innen über keinerlei Produktionsmittel und sind dazu gezwungen, unsere Lebenskraft, d. h. unsere Arbeitskraft zu verkaufen, uns also von Kapitalist:innen ausbeuten zu lassen. Das ist eine abstrakte Wahrheit. Schauen wir genauer hin, dann sehen wir, dass die Welt in Nationalstaaten gespalten ist und dass diese Spaltung streng und rücksichtslos durchgesetzt wird: durch kontrollierte Grenzen, Staatsbürgerschaft, durch globale Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse. Im imperialen Zentrum dieses so konkret strukturierten Systems profitieren wir alle, ob wir das wollen oder nicht, von der Ausbeutung der kolonialen und neokolonialen Peripherie. Männliche Arbeiter:innen genießen die Vorteile des Patriarchats (und leiden zugleich unter den Verunstaltungen unserer Persönlichkeit). Damit ist die Klasse auf komplexe Weise wirklich gespalten. Patriarchales und rassistisches Verhalten unter unseren Klassengeschwistern wird also nicht einfach nur von durchtriebenen Kapitalist:innen in unsere Klasse hineingetragen, sondern sie wachsen spontan, organisch und stetig aus diesen wirklichen gesellschaftlichen Verhältnissen heraus. Männliche Arbeiter verteidigen die Vorzüge, die ihnen das Patriarchat verschafft gegenüber nicht-männlichen Arbeiter:innen. Weiße Arbeiter:innen verteidigen die Vorzüge, die ihnen dieses System aufgrund ihres Weißseins zugesteht und sie damit zugleich als weiß bestimmt, gegenüber den nichtweißen Arbeiter:innen. Wir nähern uns der Wirklichkeit. Vieles davon holt die heutige kommunistische Bewegung so langsam in ihrer Arbeit ein. Beim Thema Patriarchat, Rassismus und Arbeiter:innenaristokratie gibt es wohl noch den größten Nachholbedarf, was sicherlich auch Folge des überwiegend weißen und eher arbeiter-aristokratischen bis kleinbürgerlichen Charakters der Bewegung ist.

Aber wir können noch weiter gehen. Eine der wesentlichsten und zugleich am wenigsten beleuchteten Bedingungen der Erringung des Kommunismus folgt aus der oben genannten konkreten Struktur des Kapitalismus. Was ich meine ist die Nation. Natürlich ist die nationale Frage spätestens seit dem späten 19. Jahrhundert ein zentrales Thema der kommunistischen Bewegung. Allerdings fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der nationalen Unterdrückung und des Rechts auf nationale Selbstbestimmung der Kolonien. Was dabei wenig beachtet wird, wenngleich es gelegentlich am Rande Erwähnung findet, sind bestimmte Charakteristiken der einzelnen Nationen. Solche Eigenschaften sind Produkte des Klassenkampfes in seinen verschiedenen Formen (ökonomisch, politisch, militärisch, kulturell, juristisch, philosophisch, usw.) innerhalb eines ökonomisch-kulturellen Raumes, der zugleich dadurch erzeugt wird und dem ab einem gewissen Punkt die Form des Nationalstaates gegeben wurde. Es handelt sich hier also nicht darum, Nationen bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben, sondern bestimmte, historisch produzierte Besonderheiten zu erforschen und sie als Bedingung des Klassenkampfes ernstzunehmen.

Ich will etwas konkreter werden und greifbarer argumentieren. Oben habe ich einige konkrete Probleme unserer Bewegung beschrieben. Wenn wir sie wirklich verstehen und etwas gegen ihre Reproduktion unternehmen wollen, müssen wir die deutschen Bedingungen, unter denen sie sich entwickeln, verstehen. Nehmen wir das Problem des Parteifetischismus. Ich habe Aspekte seines Entstehens beschrieben. Wir finden aber allgemeine kulturelle Eigenschaften Deutschlands, die hier unbedingt mitgedacht werden müssen. Und zwar deshalb, weil unsere Methoden, Arbeitsweisen und Organisationsformen je nach kulturellem Milieu ganz unterschiedliche Resultate hervorbringen werden.

Was den deutschen Nationalcharakter auszeichnet, ist beispielsweise die Tendenz zur Obrigkeitshörigkeit, zu einer Grundeinstellung, die sich durch Katzbuckeln nach oben und treten nach unten ebenso auszeichnet wie ein damit zusammenhängendes tiefes Vertrauen in den deutschen bürgerlichen Staat und seine Institutionen. Diese Eigenschaften kommen nicht von ungefähr. Zum einen wurde sie uns über Jahrhunderte hinweg durch die Staatsapparate eingetrichtert. Schule und Parlamentarismus sind vorzügliche Mittel zur Domestizierung einer potenziell revolutionären Klasse. Zudem ist es in Deutschland nie gelungen, eine Revolution erfolgreich durchzuführen. Das Selbstbewusstsein, das etwa die französische Arbeiter:innenklasse gegenüber dessen Staat auszeichnet, wurzelt nicht zuletzt auch in der Französischen Revolution. Wir dagegen haben die Erfahrung gemacht, dass der deutsche Staat auch noch aus der größten Verheerung wieder aufsteht und sogar eine neue Blüte erleben kann (denken wir an das „Wirtschaftswunder“, das auf den Zweiten Weltkrieg folgte). Dieser Staat hat das imperialistische Raubgut vermittels des Sozialstaates unter breite Teile der Arbeiter:innenklasse gebracht und sie so an sich gebunden. Die bürgerlichen Medien, die mit der bürgerlichen Ideologie an diesen Staat verbunden sind, tun ihr Übriges, um durch tagtägliche nationalistische Propaganda und Agitation eine entsprechende Geisteshaltung in den Massen zu zementieren.

Zum anderen hat die deutsche Sozialdemokratie über nun mehr als ein Jahrhundert, wenngleich freilich mit bekannten Rückschlägen und Gegentendenzen (Nazi-Deutschland, Neoliberalismus), durch ihre Reformpolitik und deren Erfolge das Staatsvertrauen der deutschen Arbeiter:innen noch sehr viel tiefer befestigt. Und sie hat es geschafft, dieses Bewusstsein mit dem Geist der Konterrevolution anzureichern – sie selbst wurde dazu auch vom bewussten Teil der Arbeiter:innenaristokratie angetrieben. Gegen jede revolutionäre Tendenz kann noch immer mit dem Ruf der Verteidigung „unserer Demokratie“ angekämpft werden.

Worauf ich hinaus will ist, dass diese konkreten deutschen Verhältnisse zu einem Mangel an demokratischem Bewusst sein, zu einer Tendenz, sich Autorität zu unterwerfen, zu einer Schwäche der Persönlichkeit geführt haben. Wir können das alle, jede Person, die sehenden Auges in unserer Bewegung aktiv ist, in unseren Reihen beobachten. All dies sind also Eigenschaften, Tendenzen, die nicht einfach persönliche Mängel sind, die auch nicht bloß auf unsere Organisationen zurückgeführt werden können, sondern es sind dies Produkte einer konkreten gesellschaftlichen Entwicklung. Und es ist das Unwissen, die Blindheit unserer Organisationen und Bewegung diesen konkreten Gesellschaftsverhältnissen gegenüber, das dazu führt, dass sich diese Tendenzen um so freier innerhalb unserer Bewegung reproduzieren können. Unternimmt man den Versuch, eine bestimmte, sehr zentralistische Form der Organisation unter diesen Bedingungen aufzubauen (nehmen wir die bolschewistische Partei um das Jahr 1917, wie sie unter den konkreten Bedingungen des enorm undemokratischen, repressiven und ökonomisch wenig entwickelten zaristischen Russlands geformt wurde), weil sie an anderer Stelle und /oder in einem anderen historischen Moment zweckdienlich war, verstärkt man notwendigerweise all diese Tendenzen.

Ich will es auch hier dabei belassen, den Gegenstand nur anzureißen, um damit zu versuchen, das Denken der Leser:innen in Bewegung zu versetzen. Mein Versuch war damit zunächst deutlich machen, dass wir ein bestimmtes Ziel haben, das wir nur erreichen können, wenn wir uns ein sehr konkretes Verständnis der Bedingungen der Verhältnisse, unter denen wir kämpfen und aus denen wir die Mittel, Methoden, Vermittlungen und Zwischenschritte abzuleiten haben, erarbeiten. Gelingt uns das nicht, dann werden wir so enden wie die K-Gruppen-Bewegung. Wir werden unser Ziel nicht erreichen.

Kurzes Innehalten am Wegesrand

Bevor ich dem Abschluss meines Beitrages entgegengehe, möchte ich einen kurzen Hinweis einfügen. Wie eingangs erwähnt, befindet sich unserer Bewegung in einer Wachstumsphase. Die Geschwindigkeit dieses Wachstums nimmt zudem zu. Es sollte doch also der Schluss erlaubt sein, das wir gute Arbeit leisten und uns grundsätzlich auf einem guten Weg befinden. Ich denke, das wäre ein Kurzschluss. Der Grund für dieses Wachstum liegt aktuell noch weniger in der hervorragenden Qualität unserer Arbeit als vielmehr in der sich vertiefenden Krise des kapitalistischen Weltsystems und speziell der deutschen Gesellschaft begründet. Es sind das deutsche Kapital uns seine politischen Vertreter:innen, die uns die Leute in die Arme treiben. Immer mehr Menschen, vor allem junge Menschen, die das deutsche Kapital demnächst liebend gerne wieder in den Fleischwolf des Krieges werfen würde, suchen nach Antworten und radikalen Alternativen. Und sie stoßen auf uns.

Was ihnen dann begegnet ist zunächst eine neue Welt mit ihren eigenen Regeln, kulturellen Merkmalen, politischen Sprechweisen, usw. Alles wirkt aufregend, interessant, es herrscht viel Betrieb, man geht auf Demonstrationen noch und nöcher. Endlich entkommt man der Vereinzelung, findet sozialen Anschluss, in den leitenden Kader:innen inspirierende Vorbilder und überhaupt eine feste Identität. Und bald schon, wenn die erste Aufregung dem nüchternen Blick weicht, treten die zahlreichen Probleme ins Bewusstsein, vielleicht machen sich auch schon die ersten Symptome der Überarbeitung breit, ohne dass sich ein Fortschritt in der Arbeit bemerkbar machen würde. Die eigene Haltung leistet ihren Beitrag zu den Problemen: Man definiert sich in Abgrenzung zur Mehrheitsgesellschaft über diese Subkultur, man verfällt in unkritische Hörigkeit den leitenden Kader:innen gegenüber, man wird Kleinlaut aus Angst, diese neu gefundene soziale Heimat zu verlieren. Einige bleiben hier stecken, weniger aus politischer Überzeugung und mehr deswegen, weil ihre Identität und ihr soziales Leben sich auf derart intime Weise mit einer bestimmten Organisation oder der Bewegung insgesamt verbunden haben. Ernüchterung folgt bei den anderen und wenn nicht bald eine wesentliche Veränderung oder ein echter Fortschritt kenntlich werden, gestaltet sich die radikale Bewusstseinsbildung und Organisierung als mehr oder weniger kurzer Zwischenstopp und die Leute finden sich wieder in der engen Umarmung der Bourgeoisie ein.

Die Gruppen, die sich neu gründen, reproduzieren die Muster der bereits bestehenden oder anderer ausländischer oder historischer Vorbilder in dogmatischer Weise. Damit weisen sie auch all die Probleme auf, die wir oben genannt haben. Weil sie unter denselben Bedingungen arbeiten, mit denselben Herausforderungen kämpfen müssen und oft genug dieselben Schwächen aufweisen.

Für uns erscheint es einstweilen als Erfolg. Es gibt zwar einen recht großen Durchlauf durch die Organisationen, aber insgesamt wächst es noch allen Ortes. Also läuft es gut. Bis die Krise nachlässt oder die bürgerliche Politik die Repression anzieht und so die Reihen lichtet. Ob es so weit kommt, liegt an uns; an unserer Entwicklungs- und Lernfähigkeit.

Werden wir konkreter

Ich will noch einige Aspekte anreißen, um aufzuzeigen, wie sich unsere allgemeinen Kampfbedingungen seit dem letzten revolutionären Aufschwung verändert haben. Mein Fokus liegt dabei auf einer handvoll Punkten, die ich als wesentlich erachte, die aber selbst noch durch weitergehende Forschung zu konkretisieren sind. Ein solcher Debattenbeitrag kann freilich nicht der Platz für eine tiefe wissenschaftliche Gesellschaftsforschung sein. Aber ich möchte doch zumindest einen Anreiz dafür geben.

Die Zeit seit den 1970er Jahren zeichnet sich global durch eine entscheidende Umstrukturierung der Produktionsverhältnisse aus. Was als „Outsourcing“ bekannt ist, meint eine enorme Intensivierung des imperialistischen Parasitismus. Die Industrien wurden in großen Teilen von den imperialistischen Zentren in die Peripherie verlagert, um dort von der billigen Arbeitskraft, also von höheren Mehrwertraten, sowie von geringerer Regulierung zu profitieren. Die Lohndifferenzen werden international durch eine engmaschige Kontrolle der Migrationsbewegungen zwischen Zentren und Peripherie aufrechterhalten. Durch die Auslagerung der Produktion hat sich die globale Klassenstruktur verwandelt. Es gibt nun eine riesige Arbeiter:innenklasse in den Kolonien und Neokolonien. Diese Arbeiter:innen leben unter sehr viel schlechteren sozialen Verhältnissen als die Arbeiter:innen im Zentrum des Systems. Die Regierungen der peripheren Staaten stehen miteinander im Wettkampf darum, Produktionsstandorte zu werden und setzen daher brutale Arbeitsverhältnisse zugunsten des Monopolkapitals durch. Dies kommt daher, dass die Produktion, die jetzt in der Peripherie stattfindet, für den Markt im Zentrum des Systems bestimmt ist. Es kommt also nicht zu mehr Unabhängigkeit dieser Länder. Der Druck auf die Arbeiter:innen der Peripherie erhöht ihre Widerstandsarbeit, sie beginnen sich immer mehr illegal zu organisieren. Zugleich sind die Bedingungen ihres Kampfes instabil, denn einzelne Produktionsstandorte sind immer nur für einen Teil der Waren zuständig. Das Kapital kann daher relativ schnell einzelne Kettenglieder seiner Produktionsketten verlagern.

Dennoch stellt diese neue weltweite Klassenstruktur einen wesentlichen Unterschied zur Vergangenheit dar. Die damaligen nationalen Befreiungskämpfe waren vor allem von radikal-demokratischen und/oder nationalistischen Kleinbürger:innen angeführt. Sie konnte keine proletarische Massenbasis hinter sich wissen, weil sie nicht existierte. Ihre Revolutionen fußten auf der Bauernschaft und dem Lumpenproletariat. Der Kolonialismus nutze die Kolonien damals vor allem als Absatzmärkte, als Rohstoffquellen und als Quellen von Menschenmaterial für seine zwischen-imperialistischen Kriege und für die Repression gegen andere Kolonien und Arbeiter:innen. So konnte kaum eine große Arbeiter:innenklasse entstehen. Nun besteht sie und hat zudem über die letzten Jahrzehnte die Festigkeit einer historischen Klasse angenommen. Die kommenden Revolutionen in der Peripherie haben damit das Potenzial radikaler, kommunistischer und beständiger auszufallen als im letzten Jahrhundert. Freilich ist es noch ein weiter Weg vom Potenzial zur Tatsächlichkeit und die Vermittlung beider ist nichts anderes als die revolutionäre Politik.

Ein Aspekt dieser Entwicklung, der uns im imperialistischen Zentrum noch direkter angeht, ist die Neuzusammensetzung der hiesigen Arbeiter:innenklasse. Mit dem Beginn des „Wirtschaftswunders“ hat das Monopolkapital vermehrt nichtweiße Arbeiter:innen in seine Zentren gezogen, um sie dort besser ausbeuten zu können und die Kampfverhältnisse für die dort bereits ansässigen weißen Arbeiter:innen zu verschlechtern. Mit den nationalen Befreiungsbewegungen wurde die Ära des Neokolonialismus eingeläutet und der Zuzug nichtweißer, daher besser auszubeutender Arbeitskraft nahm noch zu. Heute ist die Arbeiter:innenklasse in allen imperialistischen Zentren zusammengesetzt aus weißen und verschiedenen nichtweißen Arbeiter:innen. Diese Differenz der „Rassen“ ist dabei keine biologische, natürliche, sondern sie ist ein gesellschaftliches Verhältnis, das zum einen organisch aus der globalen Arbeitsteilung erwächst, zum anderen sehr bewusst durch die bürgerlichen Staaten und das Kapital produziert wird. Denken wir an die Entmenschlichung in „Geflüchtetenunterkünften“ (sagen wir es ohne Tarnsprech: Konzentrationslagern) oder die rassistische Arbeitsteilung, bei der die Drecksarbeiten mehrheitlich oder zum Teil auch ausschließlich von nichtweißen Menschen erledigt werden. Rasse ist daher nicht bloße Einbildung, sondern wirkliche Praxis. Sie spaltet als solche die Arbeiter:innenklasse. Dabei müssen wir uns der Wirklichkeit stellen, dass die rassistischen Anschauungen vieler weißer Arbeiter:innen speziell in der Arbeiter:innenaristokratie nicht einfach in sie hineingetragen werden, sondern dass sie adäquater Ausdruck ihrer gesellschaftlichen Existenzbedingungen sind. Man kann nur derart fett gefressen sein, weil nichtweiße Arbeiter:innen entsprechend rücksichtsloser ausgebeutet werden. Die bewussteren Teile der Arbeiter:innenaristokratie wissen darum genau und organisieren sich daher in sozialimperialistischen oder faschistischen Parteien. Eine Klassenanalyse, die Rasse und Rassismus in diesem Sinne nicht berücksichtigt, wird kein realistisches Bild der gesellschaftlichen Verhältnisse geben und damit auch zu keiner erfolgreichen Praxis für die kommunistische Sache begründen können.

Ein für Deutschland entscheidendes Ereignis kann das verdeutlichen. Mit dem Fall der Berliner Mauer und der Annexion der DDR erhielt der deutsche Imperialismus einen gewaltigen Kraftschub, der ihn wesentlich zu seiner heutigen Vorherrschaft über Europa ermächtigte. Die ehemaligen DDR-Bürger wurden Teil der weißen deutschen Klassenstruktur. Die nationalistische Euphorie, die unmittelbar durch den Mauerfall ausgelöst wurde, muss dabei im Zusammenhang mit den damaligen Pogromen verstanden werden. Denn auf die Euphorie folgte die Ernüchterung. Ein Prozess der ursprünglichen Akkumulation vollzog sich im Osten. Er zerstörte die Reste sozialistischen Eigentums und machte Ostdeutschland bereit für den Kapitalismus. Dazu gehörten mit der Trennung von Produktionsmittelbesitzer:innen und Produktionsmitteln (Vernichtung des Volkseigentums) die millionenfache Arbeitslosigkeit und der Abzug der ostdeutschen Jugend in den Westen. Die marodierenden terroristischen Nazibanden zerschlugen die Reste der Linken und bereiteten so dem Kapital den Boden. Plötzlich sahen sich die Ostdeutschen mit der Wirklichkeit des Kapitalismus konfrontiert, speziell aus der Perspektive der Opfer, die seitdem als ein innerdeutsches Reservoir billiger Arbeitskraft agieren müssen. Der Nationalismus bestimmte ihr Verhalten sie, ihre Aufnahme in die gesellschaftliche Kategorie des Weißseins, selbst in dieser weniger privilegierten Form, führte statt zu revolutionären zu reaktionären Bewegungen. Nicht das westdeutsche Kapital, sondern die Menschen, die nun noch verstärkter als nichtweiß bestimmt werden sollten, wurden zum Blitzableiter des Zorns. Die Kohlregierung heizte diese Pogromstimmung gemeinsam mit den bürgerlichen Medien noch ordentlich an, denn sie diente ihnen, sich aus der Affäre zu ziehen. Pogrom und nationale Euphorie gemeinsam bedeuteten also den Aufstieg der DDR-Bürger zu weißen Deutschen. Bis heute ist diese Entwicklung für das Verständnis von und die politische Arbeit in Ostdeutschland bedeutend. Wir finden im Osten eine widersprüchliche Dynamik aus geringem Vertrauen in den deutschen Staat gepaart mit einer offeneren Form des Rassismus, die in dem Bewusstsein wurzelt, doch noch Teil der weißen Vorherrschaft zu sein und immer noch nach unten schlagen zu können. Die reaktionären Parteien des Landes haben es seitdem immer gut verstanden, das auszunutzen.

Auch wenn wir das Problem der Subkulturalisierung durchdenken, brauchen wir ein Bewusstsein um die neuen gesellschaftlichen Entwicklungen seit den 1970er Jahren. Ich will dahingehend zwei Aspekte hervorheben. Zunächst gab es einen massiven Abbau von Arbeiter:innenorganisationen und damit einhergehen von Arbeiter:innenkultur. Die Gewerkschaften sind geschrumpft, das Vereinswesen ebenso, es gibt kaum noch Arbeiter:innenviertel (oft sind die verbleibenden solche nichtweißer Arbeiter:innen), von einer eigenständigen Arbeiter:innenkultur können wir nicht mehr sprechen. Der Organisationsgrad unserer Klasse ist also enorm gesunken, mithin gab es einen starken Rückgang des Klassenbewusstseins. Verstärkend zu dieser Entwicklung kommt das Aufkommen der Massenkonsumkultur und der modernen Kommunikationsmedien. Wo die organisierten Angebote und Räume fehlen, springt das Vergnügen im Warenkonsum und in der Unterhaltung in den eigenen vier Wänden ein. Das hat zur Folge, dass immer mehr soziale Verhältnisse in Ware-Geld-Verhältnisse verwandelt werden. Ich komme bald nur noch über den Austausch von Geld gegen Waren in den zwischenmenschlichen Kontakt. Und diese Vermittlung durch das Ware-Geld-Verhältnisse bestimmt die Form des menschlichen Verhältnisses. Es sind entfremdete Verhältnisse, in denen ich keine Entfaltung meiner persönlichen Fähigkeiten mehr erfahren kann. Indem die Unterhaltungsindustrie uns mit Fernsehen, Internet, Streaming-Diensten und Sozialen Medien verführt, die eigne Wohnung nicht mehr zu verlassen außer zum Einkaufen und zum Arbeiten, wird diese zwischenmenschliche Entfremdung noch verstärkt. Unsere sozialen Fähigkeiten verkümmern. Wenn wir politisch tätig werden, kostet es uns enorme Überwindung und viel Übung, Massenarbeit zu leisten. Und wie schwer es ist, Kontakt mit den Massen aufzubauen, mehr noch sie zur Aktivität zu bewegen, weiß jeder, der es versucht hat.

Einen letzten Punkt möchte ich hier noch nennen. Oben habe ich das niedrige theoretische Niveau unserer Bewegung besprochen. Es gibt auch hier größere gesellschaftliche Zusammenhänge, die zu beachten sind. Eines der wesentlichen Anliegen der 68er-Bewegung war die Demokratisierung der Universitäten. Bis dahin waren das vor allem Kader:innenschmieden der bürgerlichen Elite. Sie waren also keine Masseneinrichtungen. Hier wurden die künftigen Herrschenden und intellektuellen Eliten geschmiedet, die das Kapital zum Erhalt seiner Ordnung benötigt. Den 68ern ist es gelungen, das zu ändern. Einen Beitrag leistete hier auch die Durchsetzung der Informationstechnologie, die es nötig machte, massenhaft technisch fähige Arbeitskräfte zu produzieren. Die Universitäten wurden für breitere Massen geöffnet. Da aber zugleich die Etats nicht entsprechend nachzogen und sicherlich auch aus politischen Erwägungen, fiel das Niveau der Ausbildung an den Universitäten. Kritisches Denken und die Entfaltung einer allseitig entwickelten Persönlichkeit sind nur noch Lippenbekenntnis, ein Überbleibsel aus der Zeit der aufsteigenden Bourgeoisie. Heute geht es darum, vor allem in einem engen Bereich technisch fähige Arbeitskräfte zu produzieren. Die Verwirklichung der Bildungsideale der revolutionären Bourgeoisie war innerhalb des Kapitalismus nie eine wirkliche Option, aber der Verfall speziell der höheren Bildung ist dennoch dramatisch. Man kann heute keinen substantiellen Unterschied zwischen einem Menschen mit Abitur, oder vielleicht sogar Realschulabschluss und einem Menschen mit Bachelor oder Master mehr erkennen. So wie das relativ hohe theoretische Niveau der 68er-Student:innen im Charakter der Universitäten damals begründet war, so spielt die Universität von heute ihren Teil in unserem heutigen geringen theoretisches Niveau. Das ist eine Entwicklung, die wir nur durch die qualitative Entwicklung unserer eigenen Bildungsarbeit bekämpfen können.

Was wir tun können

So, das war zugegebenermaßen recht viel und zudem viel wenig Erbauliches. Als Kommunist:innen sind wir aber kämpferische Menschen, Tatmenschen. Daher stellen wir uns gleich die Frage, was wir tun können, um uns aus der Scheiße heraus zu arbeiten. Das ist eine Frage, die wir nur in der gemeinsamen revolutionären Praxis beantworten können. Diese Beantwortung setzt zugleich voraus, dass wir einen offenen Diskurs entwickeln und den solidarisch-kritischen Austausch untereinander intensivieren, bzw. einen solchen überhaupt erst entwickeln. Als Einzelner, als der ich hier schreibe, kann ich nur einige Gedanken und Erfahrungswerte beisteuern.

Ich denke, wir werden nicht darum herumkommen, unser Verständnis des Marxismus ganz entschieden zu vertiefen. Der Kapitalismus ist ein System, das mit seiner Entwicklung immer komplexer wird. Die Gesellschaftsverhältnisse, in denen wir leben, die uns prägen und die wir zu revolutionieren bestrebt sind, werden immer verwickelter und raffinierter. Ihnen auf den Grund zu gehen, um ihnen die Wurzel zu ziehen, bedarf daher einer verfeinerten Methodologie. Wenn etwa unser Verständnis der Dialektik bei den drei oder vier Grundgesetzen bereits erschöpft ist, wird das nicht mehr hinreichen. Es hat schon bei Marx nicht gereicht, der allein mit diesem Mittel das Problem des Warenfetischismus nicht hätte durchdringen können. Es reicht heute noch viel weniger. Dabei ist ein solches methodologisches Studium weder Selbstzweck noch losgelöst von unserer praktischen Arbeit zu vollbringen. Es kann nur als Teil der praktischen Arbeit gelingen und nur mit dem Blick auf unsere taktischen und strategischen Herausforderungen. Es wird dabei entscheidend sein, die richtige Gewichtung zwischen praktischer Arbeit und theoretischer Forschung zu finden, sodass nicht der eine den anderen Aspekt überlagert. Diese Gewichtung ist selbst nur unter Rücksicht auf den Stand der Klassenkämpfe zu finden. Noch sind die Klassenkämpfe in Deutschland schwach ausgeprägt, trotz der offensichtlichen Krise und der absehbaren Verschärfung der Kämpfe. Das gibt uns die Möglichkeit, mehr Gewicht auf die theoretische Arbeit zu verlagern, um unsere Praxis zu entwickeln. Das sollten wir nutzen, denn es wird sich durch einen klareren Blick und passendere, verfeinerte Methoden in den kommenden Kämpfen auszahlen.

Es muss uns klar sein, dass ein solches methodologisches Studium nicht nur eine Befassung mit der Methode selbst bedeuten kann. Sicherlich können wir hier viel lernen, aber die Beschäftigung mit Texten zur Methode allein wäre ein Rückfall in die Philosophie. Vielmehr wird die Methode am Stoff selbst entwickelt. All die Forschungsarbeit, deren Notwendigkeit ich im Vorherigen versucht habe zu betonen, wird selbst ein Mittel sein, unsere Methodologie zu verbessern, wenn wir mit einem Bewusstsein dafür an die Arbeit gehen. Derart legen wir gleich zweifach die Grundlagen für die Verbesserung unserer Arbeit: Wir erreichen ein höheres wissenschaftliches Niveau und wir vertiefen das Verständnis unserer Kampfbedingungen.

Ich bin überzeugt, dass die Frage der Bildungsarbeit sehr viel besser verstanden und erheblich vertieft werden muss. Bildungsarbeit sieht aktuell in der Regel schematisch und unoriginell aus: Lesekreis, Vortrag, Workshop, Formen von Diskussionen, Kader:innenentwicklung. Sehen wir einmal vom konkreten Inhalt dieser Formen ab, so ist doch deutlich, dass es sich hier um einen kleinen Kreis von altbekannten und zugleich in ihrer Begrenztheit längst erwiesenen Methoden handelt. Was wir dabei übersehen ist, dass der unmittelbare Einfluss auf unsere Bildung, die Formung unserer Persönlichkeit, unsere Organisationen selbst mit ihrer Kultur, Arbeitsweise, ihren Strukturen, Programm, der durch sie (oft unbewusst) vermittelten Ethik sind. Wenn wir das begreifen, können wir beginnen, dieser Aspekt ganz neu zu durchdenken, neu im Hinblick auf die Entwicklung kommunistischer Persönlichkeiten anzugehen. Das kann auch den Rückbau von Organisationstrukturen, -formen, oder ganzen Organisationen bedeuten, wenn diese derart fehlentwickelt sind, dass sie im gegebenen Kontext nur zu schlimmeren Entwicklungen führen können. Dieser Punkt greift direkt zusammen mit dem der Erforschung unserer Kampfbedingungen, denn nur gemeinsam können beide Fragen gelöst werden. Die Anpassung unserer Organisationsformen setzt eine konkrete Kenntnis unseres gesellschaftlichen Milieus voraus, und die Erforschung dieses Milieus setzt voraus, dass wir uns bereits zu einem gewissen Grad zu Kommunist:innen verwandelt haben. Das ist ein verschränkter Prozess.

Ich hoffe, mit diesem Beitrag einigen Stoff für weitere Diskussionen und mehr noch für wirkliches, aufrichtiges Nachdenken geliefert zu haben. Es gibt viel zu tun. Es gibt noch mehr zu entdecken und jede aufrichtige kommunistische Person kann Wesentliches Leisten, wenn sie ihre Kräfte auf die wichtigen Punkte zu konzentrieren versteht. Wenn ihr mich fragt, ist das trotz alledem eine ermutigende Aussicht. Sonst haben wir eh nur noch mehr Scheiße zu erwarten. Also lasst es uns anpacken!

Foto: Lower Class Magazine

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Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um einen Debattenbeitrag zur Tendenz des Antirevisionismus innerhalb der kommunistischen Bewegung. Der Autor selbst war lange Zeit aktiver Teil eines kommunistischen Projekts im Aufbau. Der Beitrag soll deshalb auch eine Selbstkritik der eigenen Praxis darstellen und nicht lediglich mit dem Finger auf die anderen zeigen.

Von David Meyn


Wir, die kommunistische Linke in Deutschland erleben gerade einen Aufschwung. Der Zulauf in unsere Bewegung hat merklich zugenommen, zumindest durch Jugendliche. Organisationen, wie zum Beispiel Perspektive Kommunismus oder der Kommunistische Aufbau sind es, die das Bild der radikalen Linken in den letzten vier Jahren bundesweit geprägt haben. Und dies zurecht.

Und trotz all dem Potenzial, das diese Organisationen in sich tragen, zeichnet sich doch immer merklicher eine Stagnation ab, um nicht zu sagen: Die Möglichkeit des Scheiterns dieser Projekte liegt spürbar in der Luft. Trotz des zunehmenden Zulaufs erhöht sich der gesellschaftliche Einfluss nicht. Zudem ist der Durchlauf in den Bewegungen enorm und es fehlt die Fähigkeit, Menschen über einen längeren Zeitraum zu binden. Dazu kommt, dass erste Spaltungen immer mehr Städte erschüttern. Aber woran liegt das? Worin liegt die immer präsenter werdende Gefahr des Scheiterns unseres Projektes postautonomer kommunistischer Organisation?

Dieser Text soll ein Beitrag sein, diese Frage auch von der inhaltlichen Ausrichtung her zu beleuchten. Dafür sollten wir uns einen Augenblick mit einer anderen, parallel verlaufenden Entwicklung beschäftigen, die allen aufgefallen sein wird. Diese Entwicklung könnte man sehr gut als „Verdichtung der Identität“ unserer Bewegungen bezeichnen. Hammer und Sichel feiern eine regelrechte Wiedergeburt. Die Bindung offener Bereiche an bestimmte Konfessionen des Antikapitalismus nimmt zu. Antworten auf die Fragen und Probleme unserer Gesellschaft werden immer einfacher und allgemeiner. Bücher und Diskurse, die nach 1950 geschrieben und geführt wurden, werden irrelevant. Ein Selbstverständnis wächst, das sich früher oder später mit dem Begriff des Antirevisionismus bezeichnet, oder bezeichnen lässt.

Antirevisionismus – was ist das? Antirevisionismus bezeichnet, dass wir nicht hinter eine Lehre (Vision), z. B. die des Marxismus, zurückgehen können, wenn wir die Wirklichkeit begreifen wollen. Nicht nur das, vielmehr ist es eine Selbstbezeichnung derer, die darin im Gegensatz zu anderen die Wahrheit erkannt haben. Nun wird dieser Bergriff geschichtlich erst ein wirklicher Kampfbegriff, als unterschiedliche Interpreten des Marxismus um ihre Deutungshoheit stritten. Als antirevisionistisch bezeichnen sich von da an all jene Organisierungen, die im Gegensatz zu anderen vergleichbaren Organisierungen den einzig wahrhaft wirklich antikapitalistischen Marxismus vertreten. Und darin liegt auch schon das große Problem, denn Kommunismus und Antirevisionismus meinen so gedacht das Gleiche. Nun ist aber die Dynamik des Antirevisionismus leider die, dass man sich diese Definition nur selber geben kann. Es liegt im Wesen der Sache, dass wohl niemand daherkommen und sagen kann: „Das da sind die Antirevisionist*innen!“, denn das impliziert: Man selber wäre eben nicht im Besitz der Wahrheit und ist damit eigentlich auch gar nicht in der Lage, beurteilen zu können, wer antirevisionistisch ist, und wer nicht. Damit wird aber Kommunistisch-Sein zu einer Sache der Selbstdefinition und nicht mehr der praktischen Wirklichkeit.

Begreifen wir den Kommunismus nicht als emanzipatorische Analyse, die sich praktisch zu behaupten hat, sondern als eine Weise der Selbstdefinition, erklären wir ihn damit zu einer absoluten Wahrheit, zu einem Glaubenssatz. Als dialektisch Denkende, die wir als Marxist*innen ja alle sein sollten, sehen wir gleich: Wer vom Absoluten ausgeht, kauft sich Probleme ein. Denn das Absolute kennt per Definition keine Widersprüche. Wer aber in einer Welt, deren Bewegungsprinzip der Widerspruch ist, die absolute Wahrheit verkündet, kann nicht mehr in der Lage sein, sich oder etwas weiterzuentwickeln.

Darum ist auch die einzige Dynamik, die das Absolute kennt, die der Verwaltung und nicht mehr die Entwicklung der Wirklichkeit. Verwaltung – das ist das Aussortieren, Überblenden oder unkenntlich Machen der Widersprüche, die einen Absolutheitsanspruch per Definition verneinen würden.

Was das im konkreten bedeutet, kann man sehr gut aufzeigen. Wir werden sehen, dass sich das durchaus mit einigen Erfahrungen, die wir in unseren Bewegungen machen können, deckt und dass das Ganze hier nicht bloß theoretisches Blabla ist.

Zum einen folgt aus der Verwaltung die zunehmende Abkehr von der Praxis in der Gesellschaft. Die Praxis wird mehr und mehr durch aktive Abgrenzung ersetzt. Das Handeln durch das Taktieren. Dadurch, dass nur noch die Selbstbestimmung zählt, verliert das Handeln gegenüber dem Verwalten seinen Sinn. Das Ziel, das wir uns als kommunistische Linke dadurch auszeichnen, die Organisation unserer Klasse zu sein, gerade weil wir in der Lage sind, am aufrichtigsten und produktivsten für unsere Klasse und die demokratische Gemeinschaft zu handeln, ist verschwunden. Wir gewinnen unsere Identität nicht aus unserem Handeln und der Stärke unseres Wollens, sondern zunehmend aus der Abgrenzung. Mit dieser Selbstdefinition durch Abgrenzung und nicht durch die Praxis verlieren wir, ob wir wollen oder nicht, die Gemeinschaft und ersetzen sie durch die Einheit. Und damit verlieren wir auch die Möglichkeit, sichtbarer Teil der Gemeinschaft unserer Gesellschaft zu werden, in der unsere Klasse lebt.

Es ist also kein Wunder, wenn trotz zunehmender Anhängerschaft der gesellschaftliche Einfluss gering bleibt. Aber auch in anderen Phänomenen findet diese Dynamik der Verwaltung ihren Ausdruck. Zum Beispiel darin, dass die innere Kälte und Vereinzelung in den Organisationen zunehmen kann, wo Gemeinschaft durch Einheit ersetzt wird. Aus der Notwendigkeit der Hierarchien in der Praxis wird dann vielerorts autoritäre Realität. Der starke, seine Überlegenheit zur Schau tragende Antifa-Gerechtigkeits-Ultra wird zum neuen und einzigen Prototypen der kommunistischen Bewegung. Eine Kommunismus-Maschine, unangreifbar wie die absolute Wahrheit selber. Verlierer*innen sind die, deren eigenes Interesse sich nicht mit dem der Vereinheitlichung deckt. Frauen müssen in diesem Kontext nur allzu oft ihre Hoffnungen auf Sicherheit innerhalb der Bewegung begraben und mancherorts auf die eigenständige Organisation ihrer Interessen verzichten. Dass die Gemeinschaft hinter dem Anspruch der Einheit zurückfällt, geht in manchen Organisationen sogar so weit, dass der Begriff des Patriarchats debattiert oder sogar ganz verworfen wurde. Auch in der Außenwirkung kann sich diese Abkehr von der handelnden Gemeinschaft hin zur abgrenzenden Einheit bemerkbar machen. Parolen aus leeren oder unzugänglichen Phrasen häufen sich und bleiben auf nur noch schlechte Propaganda, in denen man seine (nicht vorhandene) Wirkmacht zur Schau stellt, beschränkt. Agitation wird einziger Erfolgsmaßstab und Endziel der antirevisionistischen Organisation. Versteht sich von selbst, dass dieses aus dem Mehrgewinn an Anhänger*innen entstehende organisatorische Entwicklungspotenzial ungenutzt bleibt, denn der Gewinn an Mitgliedern ist für den Antirevisionismus nicht eine Erweiterung an Chancen, sondern erfüllt genau das Gegenteil: Jede*r Anhänger*in stellt einen Widerspruch weniger dar und ist bloß noch Ausdruck einer erfolgreich verwalteten Wirklichkeit. So bleibt es nicht aus, dass auch unsere Organisierungen immer mehr den Charakter politischen Preppertums annehmen können. Das Horten von Anhänger*innen, die im Endeffekt vergammeln, bis sie sich entschieden haben zu gehen und jedes weitere politische Tun ist dann vor allem Vorbereitung auf Tag X. Es häufen sich Erklärungen wie „unser Zeitpunkt ist einfach noch nicht gekommen“ oder „die Gesellschaft ist noch nicht so weit“ und man fragt sich „Wo bleibt der Aufstand?“, auf den wir uns doch vorbereiten und den der wissenschaftliche Marxismus, dessen Dialektik wir ad Acta gelegt haben, uns doch geweissagt hat.
Leider ist der Antirevisionismus seinem eigenen Anspruch nach nicht mehr in der Lage, die schmerzhaft erkämpfte Wahrheit, die uns die PKK in ihrer Selbstkritik zur Verfügung gestellt hat, zu erkennen. Nämlich dass die Selbstkritik in „Jenseits von Staat, Macht und Gewalt“ (Buch von Abdullah Öcalan (2004), Anm. d. Redaktion) keine Absage an die Zentralisierung darstellt, sondern eine Erkenntnis. Die Erkenntnis, dass dort, wo Organisationsprinzipien zu Naturgesetzen erklärt werden, wo Antirevisionismus zum bestimmenden Faktor der eigenen Wirklichkeit wird, die Macht auch innerhalb der Organisation, einen Selbstwert bekommt, der schlussendlich nur in einem enden kann: der Selbstzerstörung.

Nun es ist, wie es ist und unsere Bewegung befindet sich an einem Scheideweg. Es liegt nicht zuletzt auch an uns, ob wir unsere Identität darin entwickeln, unsere gemeinsamen Stärken auszutauschen, oder nicht. Denn voneinander lernen ist der leichteste, erste Schritt weg vom Antirevisionismus, hin zu einer wirkmächtigeren Bewegung. Und zu lernen gibt es viel. Etwa von Perspektive Kommunismus, wie fruchtbar ein offenes und bewegungsorientiertes Konzept sein kann; vom Kommunistischen Aufbau, wie zu einem lebendigen und produktiven Kader*innenbereich eine eigene Organisierung der Frauen dazu gehören kann; oder vom Bund der Kommunist*innen, der durchaus in der Lage ist, die Notwendigkeit der marxistischen Organisation mit der Gemeinschaft unterschiedlichster Kämpfe in Einklang zu bringen. Meinen wir es also ernst mit unserer Sache, müssen wir die bittere Pille schlucken und anerkennen, dass Kommunismus eine Frage des Erfolgs und nicht der Identität oder Tradition ist und wir sollten darauf achten, dass wir uns auf diesem Weg zum Erfolg nicht auch noch selber im Weg stehen.

Foto: Privat






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Anfang Januar gaben Aurora Räteaufbau und Connect Ffm, zwei kommunistische Gruppen in Frankfurt am Main, ihren Zusammenschluss bekannt.

Dies geschieht auch im Kontext einer wiedererstarkenden kommunistischen Bewegung Deutschlands. Seit einigen Jahren rollt eine neue, junge rote Welle durch die Republik und verschiedene Gruppen und Strukturen formieren und vernetzen sich, was auf Social Media, lokal in Städten und Regionen und bundesweit in der Palästina-Bewegung, den letzten Rheinmetall-Entwaffnen-Camps und LLL-Demonstrationen sichtbar wurde. Dem jüngsten Zusammenschluss in Frankfurt vorausgegangen war ein längerer Prozess der (Wieder)Annäherung und inhaltlichen Auseinandersetzung, nachdem sich die beiden Gruppen vor ca. 5 Jahren zunächst getrennt hatten.

Wir haben mit Vertreter:innen von Aufbau Frankfurt über ihren Zusammenschluss und Perspektiven der kommunistischen Kräfte in Frankfurt und Deutschland gesprochen.


Glückwunsch zum erfolgreichen Zusammenschluss! Ein sehr erfreuliches Zeichen in diesen Zeiten.

Danke für die Einladung.

Vor ca. 6 Jahren habt ihr euch schon mal in einem gemeinsamen Aufbauprozess für eine kommunistische Gruppe befunden. Damals hatte sich jedoch ein Teil abgespalten, was in den beiden Gruppen Aurora Räteaufbau und Connect Ffm resultierte. Was waren damals die Gründe dafür, dass ihr getrennte Wege gegangen seid?

Das stimmt, im Sommer 2020 haben einige unserer Genoss*innen erstmals versucht eine neue kommunistische Gruppe in Frankfurt aufzubauen und zu etablieren. Entstanden ist das Projekt aus der Frustration über den Stand linksradikaler Organisierung und der Szene in Frankfurt. Zentral dabei war die Suche nach neuen Organisierungsperspektiven und Antworten auf die Fragen der Zeit – es gab ein spürbar verstärktes Bedürfnis von Vielen, abermals Klassenpolitik mit einer dezidiert internationalistischen Perspektive in den politischen Mittelpunkt der eigenen Arbeit zu rücken und sich von dort ausgehend mit der Ausgestaltung einer kommunistischen Organisierung im 21. Jahrhundert auseinanderzusetzen. Mitten in der Covid-19 Pandemie haben wir dies vor allem als einen stärkenden Moment des Aufschwungs wahrgenommen.

Ausgelöst durch verschiedene Faktoren verschlechterte sich das Klima innerhalb der Gruppe und spitzte sich im Laufe des ersten Jahres immer stärker zu. Ein grundlegendes Defizit sahen und sehen wir in der fehlenden solidarischen (Selbst-)Kritikkultur und einer fehlenden Reflexion der eigenen Arbeitsweise.

Aurora war ursprünglich als ein politisches Aufbauprojekt gedacht, welches progressive, sprich internationalistisch-klassenorientierte Kräfte Frankfurts an einen Tisch bringen sollte. Was genau es jedoch heißt „progressiv“ zu sein, wer auf welcher Grundlage welche Entscheidungsmacht hat und wie klar die politische Linie zu sein hat, auch in Abgrenzung zu einer historisch sehr starken links-autonomen Szene in Frankfurt – darüber gab es keine Einigkeit.

Auch konnte diese Einigkeit aus diversen Gründen nicht hergestellt werden. Dominant-patriarchales Redeverhalten, eine unsolidarische Kritikkultur und starke Lagerbildung, ebenso wie auseinandergehende Vorstellungen von Priorisierung der eigenen politischen Praxis haben jegliche genossenschaftliche Diskussion und Problemlösung aktiv verhindert.

All diese Umgangsweisen sind neben einer nachvollziehbaren fehlenden Erfahrung mit kommunistischer Organisierung auch Teil von patriarchalen Strukturen und stehen einem genossenschaftlichen Umgang miteinander und einer demokratischen Gruppenkultur entgegen. Befeuert wurde diese Dynamik darüber hinaus durch die im Rahmen der Covid-Pandemie zwangsläufig notwendige Verlegung unserer Diskussionen in den digitalen Raum. Dieser Umstand führte unseres Erachtens zu einer weiteren Entfremdung voneinander, einem härteren Ton miteinander und konnte durch das Fehlen eines sozialen Kitts auch nicht abgemildert werden. Dieses vorherrschende Klima war ein wesentlicher Grund für die Spaltung von Aurora, den Austritt einiger Genoss:innen aus dem Projekt und die Gründung von Connect Ffm.

Was haben die beiden Gruppen in der Zwischenzeit gemacht? Habt ihr zusammengearbeitet? Wieso habt ihr euch wiedervereinigt?

Die beiden Gruppen haben sich in der Zwischenzeit unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt, sind sich jedoch vor allem in der Praxis auch viel begegnet.

Aurora hat es geschafft, sich als öffentlich auftretende rote Gruppe in Frankfurt zu etablieren, neue Genoss:innen aufzunehmen und zu organisieren. Sowohl was die Strukturierung der Organisation auf lokaler wie auch auf regionaler Ebene mit dem Revolutionären Aufbau Rhein-Main, als auch die Praxis nach außen angeht, wurde vieles ausprobiert und dadurch zahlreiche praktische Erfahrungen gesammelt. Außerdem wurde ein bundesweiter Austausch mit Gleichgesinnten und internationalen Kontakten stetig ausgebaut und gestärkt. Auch wurde sich nachhaltig mit patriarchalen Strukturen innerhalb der eigenen Organisierung auseinandergesetzt, was nach außen hin zunächst zu einer stärkeren Fokussierung auf materialistisch-feministische Praxis und schließlich zu einem stark weiblich geprägten Geschlechterverhältnis innerhalb der Struktur führte.

Connect Ffm hat sich stattdessen gegen einen öffentlichen Auftritt entschieden und vor allem anfangs viel Zeit in die Bildung der eigenen Genoss:innen und die Auseinandersetzung mit verschiedenen Organisierungsansätzen und politischen Projekten gesteckt. Parallel wurde weiterhin an Praxis festgehalten und zunächst vor allem im lokalen Rahmen Projekte angestoßen und an anderen Projekten partizipiert. Dabei war es Connect stets wichtig, einen guten Kontakt zu lokalen Gruppen und Bündnispartner:innen zu pflegen. Denn in der guten Vernetzung innerhalb der eigenen Stadt sehen wir einen wichtigen Pfeiler revolutionärer Politik.

In den meisten Projekten sind wir uns als zwei Gruppen immer wieder begegnet und haben so gemeinsam mit anderen Gruppen den revolutionären 1. Mai und 8. März geplant, eine gemeinsame feministische Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen und antimilitaristische Kampagnen geplant, um nur einige Beispiele zu nennen.

In dieser gemeinsamen Arbeit haben wir Nähe und Vertrauen zueinander aufgebaut und uns schließlich dazu entschieden, über die gemeinsame Praxis hinaus miteinander ins Gespräch zu gehen.

Wie lief der Prozess der Wiederannäherung und -vereinigung? Was waren die Herausforderungen und wie konntet ihr diese meistern?

Zunächst einmal ging es darum, sich wieder kennenzulernen. Beide Gruppen haben sich in den letzten Jahren (auch personell) ziemlich gewandelt und so stand am Anfang unseres Prozesses erst einmal ein gemeinsamer Austausch über die aktuellen Arbeiten in beiden Gruppen: Was macht ihr gerade? Wie arbeitet ihr? Was ist eure politische Perspektive in und für Frankfurt und Rhein Main?

Die ersten Gespräche fanden ausschließlich zwischen den Genossinnen der beiden Orgas statt. Auch dies war ein wichtiger erster Schritt um Vertrauen aufzubauen und sich auf einen gemeinsamen antipatriarchalen Nenner zu begegnen. Anschließend sind aus nun geschlechtergemischten lockeren Austauschtreffen ernsthaftere Sondierungsgespräche mit dem Ziel einer gemeinsamen Organisierungsperspektive geworden. Hierfür haben wir verschiedene Aspekte ausführlich miteinander diskutiert, darunter natürlich Fragen inhaltlicher Art, aber auch Haltungsfragen und Diskussionen über methodische Herangehensweisen. Begleitet wurde dieser Austausch immer auch durch eine weiter zusammenwachsende Praxis sowie einer Aussprache der Gruppenmitglieder, die schon beim ersten gemeinsamen Organisierungsversuch 2020 dabei waren. Wir haben uns insgesamt ca. 1,5 Jahre für diesen Prozess genommen, sind natürlich trotzdem nicht am Ende unseres Aushandlungsprozesses und denken, dass es gut und wichtig war, sich hierfür viel Zeit zu nehmen.

Natürlich waren viele Aspekte dabei auch sehr herausfordernd. Insbesondere die Frage nach der Form des Zusammenschlusses hat uns viel beschäftigt. Aurora war eine etablierte Organisation mit bestehender Struktur, weiten Netzwerken und einer deutlich höheren Mitgliederzahl als Connect. Insbesondere Connect war es jedoch wichtig, dass der Zusammenschluss nicht als ein Anschluss an Aurora verstanden wird und wir in den Prozess einer gemeinsamen Gruppenkonzeption gehen, aus dem etwas Neues erschaffen wird. Also haben wir lange diskutiert, was beide Gruppen mitbringen, was jeweils von beiden Seiten übernommen werden kann und wie wir uns auf Augenhöhe begegnen können.

Besonders herausfordernd waren die Momente, in denen wir nicht einer Meinung waren. Es gab Momente, in denen wir auch nach dem Austausch unserer Positionen einen starken Dissens hatten und Argumente anhand verschiedener Parameter unterschiedlich gewichtet haben. Hierbei spielte insbesondere die Vermittlung zwischen unterschiedlichen Diskussionskulturen eine wesentliche Rolle. Eine der großen Lehren, die wir an dieser Stelle aus unserem Zusammenschluss ziehen und auch anderen Strukturen mit auf den Weg geben wollen, ist jedoch, das Ziel dabei nicht aus den Augen zu verlieren: Wir wollten wieder zusammenwachsen und aus der vorangegangenen Spaltung gestärkt und mit einer geteilten Perspektive in die Zukunft blicken. Wenn das bedeutet, dass man phasenweise auch über den Schatten eigener Befindlichkeiten oder das Bestehen auf den ohnehin fragwürdigen zwanglosen Zwang des besseren Arguments springen muss, dann haben wir das gerne gemacht.

Mitunter dadurch konnte eine zunächst vorherrschende Zwei-Gruppen-Dynamik aufgebrochen werden, auch wenn wir diese natürlich ab und zu immer noch spüren, insbesondere wenn man im politischen Tagesgeschäft in gewohnte Arbeitsweisen verfällt und sich bisherige unterschiedliche Herangehensweisen abzeichnen. Aber auch hier haben wir vor allem durch den Respekt vor den jeweiligen anderen Genoss:innen und einer Anerkennung ihrer bisherigen Arbeit gute Wege gefunden, beiden Seiten etwas abzugewinnen und daraus eine nun gemeinsame Perspektive zu entwickeln.

Was könnt ihr uns über eure jetzige Organisierung und euer Programm erzählen?

Für unseren neuen Aufbauprozess nehmen wir viel an Erfahrung und Gelerntem aus vergangenen Fehlern, sowie Inspiration durch andere politische Projekte und Organisationsformen mit. Auch aus unserem ersten gemeinsamen Organisierungsversuch haben wir vieles gelernt.

So wissen wir darum, dass es Verhaltensweisen und Charakterzüge gibt, die wir damals wie heute kritisieren, eben weil sie keine Frage des individuellen Fehlverhaltens, sondern ein Abbild der Stärke der Organisation sind. Uns ist bewusst, dass es eine aktive Auseinandersetzung dahingehend braucht, um eine wertschätzende, feministische und sich selbst reflektierende Gruppenkultur für alle aufzubauen, die sich aktiv von Einzelkämpfermentalitäten weg entwickelt. Hierzu haben wir uns beispielsweise aktiv mit dem Begriff der „Genossenschaftlichkeit“ und genossenschaftlichem Umgang innerhalb politischer Strukturen auseinandergesetzt. Diese Auseinandersetzung ist als Prozess anzusehen, den wir als Teil unserer politischen Arbeit verstehen. Wir wollen eine demokratische Gruppenkultur stärken, in der der Erfolg der Gruppe nicht von Einzelnen abhängt und das kollektive Handeln gefördert wird. Unser Ziel ist eine Organisation, die auf der Befähigung unser Genoss*innen und einem solidarischen Zusammenhalt aufbaut. Dabei wollen wir eine Arbeitsweise etablieren, deren Grundlage eine demokratisch zentralistische Entscheidungsfindung ist.

Was ein ausführlicheres inhaltliches Programm angeht, sind wir gerade dabei dieses neu zu formulieren und hoffen, dass wir es in der ersten Jahreshälfte veröffentlichen können – stay tuned!

Was ist eure Perspektive für Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet, was sind eure Pläne?

Praktisch und inhaltlich werden wir an vielen Schwerpunkten, die wir uns auch die letzten Jahre schon gesetzt haben, weiter festhalten. Die Themen Feminismus und Antimilitarismus stehen daher weiter im Fokus unserer Arbeit. Doch auch die damit zusammenhängenden Themenfelder Internationalismus und Antifaschismus werden von uns weiterhin bespielt werden, auch weil wir mit dem Zusammenschluss und dem Wachstum durch neue offene Angebote mehr Ressourcen haben.

Aurora hat sich damals gegen zahlreiche voneinander abgetrennte Teilbereiche entschieden. Das hatte viele Gründe. So hatten wir zum einen nicht die Kapazitäten, diverse offene Treffen zu bespielen. Zum anderen wollten wir diese zum Teil leider immer noch vorherrschende Trennung der Bereiche nicht künstlich befeuern. Wir sind Kommunist:innen, natürlich verstehen wir weltweite antiimperialistische Kämpfe als unsere eigenen, beschäftigen wir uns auch deshalb mit materialistischem Feminismus, zeigen die Verbindung davon zu antimilitaristischen Traditionen und aktuellen Kämpfen auf, den Zusammenhang von ebendiesen wiederum und einem rasanten Aufschwung der globalen Rechten, um dann wieder die Schlaufe zur zunehmenden Repression gegen antifaschistische Kräfte und den zahlreichen politischen Gefangenen von Daniela Klette bis Maja T. zu ziehen.

Das alles auf regionaler Ebene im Rhein-Main-Gebiet sowie auf lokaler Ebene in Frankfurt in eine politische Praxis umzusetzen, die eine Politisierung auch durch eine positiv besetzte Identifikation mit kommunistischer Arbeit ermöglichen, während wir unsere Genoss:innen intern weiter schulen und professionalisieren, steht dabei im Fokus.

Wie ist eure Perspektive auf die deutschlandweite kommunistische Bewegung hinsichtlich organisatorischer Zusammenarbeit und Zusammenschlüssen?

Nicht zuletzt rund um die LLL-Demonstrationen sowie bei den Rheinmetall Entwaffnen Camps konnten wir über die Jahre hinweg beobachten, dass die kommunistische (Jugend-)Bewegung in der BRD in den letzten Jahren deutlich gewachsen ist.

Wir sehen beispielsweise gerade bei dem großen Anlauf, den die Rote Jugend verzeichnet, dass auch die Frage nach kommunistischer Identität eine immer größere Rolle spielt, insbesondere bei jungen Leuten. Bei den Berliner Genoss:innen rund um den Bund der Kommunist:innen wiederum sehen wir einen krassen Anlauf in den offenen Stadtteilangeboten, während Perspektive Kommunismus seit Jahren eine enorme Schlagkraft auf der Straße entfaltet und gute Kontakte in die Gewerkschaften pflegt.

Was wir damit sagen wollen: Der Aufstieg der sogenannten „Roten Welle“ hat in unseren Augen auch viel damit zu tun, dass immer mehr Genoss:innen der bisherigen kleinteiligen Praxis einer (post-)autonomen Szene eine Absage erteilen und versuchen, die Zusammenhänge in einen größeren, gesamtgesellschaftlichen Kontext zu setzen und aus einer dezidiert kommunistischen Perspektive zu benennen und zu bekämpfen. Wir können uns also nicht nur mit Antimilitarismus oder Feminismus beschäftigen, nicht ausschließlich mit Identitätspolitik (im besten Sinne) oder nur in unseren Stadtteilen bleiben, wenn wir es mit der revolutionären Umwälzung einer gesamten Gesellschaft ernst meinen.

Dass es also so viele attraktive weil – und hier wagen wir eine mutige Schlaufe zu den holprigen Anfängen des Organisierungsprozess von Aurora zu schlagen – progressive Angebote innerhalb der kommunistischen Bewegung Deutschlands gibt, freut uns immens, gerade weil sie in ihren jeweiligen Gebieten Vorreiter:innen sind, ohne dabei dogmatisch zu werden. Und trotz unterschiedlicher Herangehensweisen begegnen wir uns in der gemeinsamen Praxis immer wieder. Denn was uns neben einer geteilten ideologischen Ausrichtung alle eint, ist schließlich eine gemeinsame Suchbewegung nach der so oft beschworenen Einheit der Kommunist:innen des 21. Jahrhunderts. Wie genau diese letzten Endes aussehen wird, ist noch nicht klar, wir denken aber, dass auf lange Sicht kein Weg daran vorbeiführt.

Begrüßen würden wir dies sehr und es stimmt uns natürlich auch in Bezug auf unseren eigenen Aufbauprozess sehr positiv!

Danke für das Gespräch!

Foto: Privat

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Die Aktivist:innen von La Saó bauen seit ein paar Jahren eine revolutionäre Organisation auf. Sie kämpfen von Katalonien aus für einen internationalen revolutionären Prozess, für ein Leben ohne Vorherrschaft. Dabei gehen sie davon aus, dass Organisierung für den Aufbau des revolutionären Prozesses unerlässlich ist. Wie das ideologisch und praktisch aussehen kann, erklärt ein Aktivist von La Saó in einem Interview im April 2025.

von Lilli Sauer


« Lasst uns die Revolution möglich machen! »

Die Aktivist:innen von La Saó bauen seit ein paar Jahren eine revolutionäre Organisation auf. Sie kämpfen von Katalonien aus für einen internationalen revolutionären Prozess, für ein Leben ohne Vorherrschaft. Dabei gehen sie davon aus, dass Organisierung für den Aufbau des revolutionären Prozess unerlässlich ist. Wie das ideologisch und praktisch aussehen kann, erklärt ein Aktivist von La Saó in einem Interview im April 2025.

Die Luft riecht nach Frühling und die Durchschnittstemperatur beträgt 18 Grad. Ich sitze in einem Café in einer katalanischen Kleinstadt etwa 60 km nördlich von Barcelona entfernt. Die Kellnerin sieht mich neugierig an, denn ich habe meinen Kaffee auf Castellano* bestellt. Später spricht sie mich an und wir unterhalten uns ein bisschen. Hier in der kleinen Stadt wird hauptsächlich Katalanisch gesprochen. Ich rühre in meinem Cappuccino und bespreche über Messenger mit Oriol Vidal, einem Aktivist der La Saó, wie wir das Interview gestalten. Auf Grund von Entfernung und Zeit entscheiden wir uns über geschriebene und gesprochene Nachrichten auszutauschen. Die Aktivist:innen von La Saó sind an verschiedenen Orten der katalanischen Länder vertreten. Oriol Vidal sagt, sie wären vor allem im Hauptteil von Katalonien, unter anderem in Valencia, Lleida und Barcelona aktiv. Ich bin zum Zeitpunkt des Interviews in Katalonien. Leider sind die Entfernungen weit und an dem Ort wo ich bin ist ein persönliches Treffen organisatorisch während meines Aufenthalts nicht möglich.

La Saó organisiert sich in den katalanischen Ländern

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Das aktuelle Katalonien, ist die autonome Region im Norden von Spanien. Seit Jahrhunderten kämpfen die Katalan:innen um ihre Unabhängigkeit. Diese wurde immer wieder von Herrschenden unterdrückt. Das geschah zuletzt unter Franco 1939 nach dem spanischen Bürgerkrieg. Der Diktator verbot das Katalanische in Kultur und Sprache in allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Während seit den 50er Jahren die katalanische Sprache und Kultur wieder ein zentraler institutioneller Bestandteil in vielen Gegenden geworden ist, wird die Autonomie der Katalan:innen durch die Zentralregierung Spaniens bis heute nicht anerkannt. La Saó ist eine revolutionäre Organisierung der katalanischen Länder. Oriol Vidal ergänzt hierzu, sie würden immer noch nicht glauben, dass die katalanischen Länder aktuell unabhängig sind, aber sie würden daran arbeiten, dies eines Tages zu sein. Die Aktivist:innen von La Saó wollen nicht für einen Staat mit statischen Grenzen kämpfen. Sie sprechen daher von den katalanischen Ländern. Damit sind alle Gebiete gemeint, in denen Katalanisch gesprochen wird. Dies umfasst unter anderem die autonomen Regionen Aragón, Katalonien, Valencia und auf den Balearen sowie im Fürstentum Andorra, der französischen Region Roussillon.

Aktivismus an der Basis

Oriol Vidal lebt in Lleida, eine Großstadt im Westen der autonomen Region Katalonien. Dort ist er Teil des „Movimiento por la vivienda de Catalunya“* der Bewegung für bessere Wohnverhältnisse in Katalonien. Im Rahmen dieser Bewegung wurden im Jahr 2020 zwei Gebäude in der Großstadt besetzt. Diese werden seitdem als selbstorganisierte Schulen (escuelas popular) genutzt um unter anderem Sprachen zu lernen. Der Aktivist erklärt, dass an öffentlichen Schulen oft der Zugang dazu fehle. Das Angebot in den Gebäuden zu lernen, würden Anfang 2025 etwa 200 Menschen in der Woche annehmen. Oriol Vidal sagt, die Arbeit mit den Menschen würde ihm sehr gefallen Die Aktivist:innen könnten antikapitalistische, feministische und antifaschistische Ansätzen in Theorie und Praxis im direkten Kontakt mit den Menschen in Katalonien teilen. Oriol Vidal und die Stadt Lleida ist nur ein Beispiel davon, was La Saó aktivistisch macht und aufbaut.

Den Zusammenhang zwischen dem „Movimiento por la vivienda“ und den selbstorganisierten Schulen erläutert mir Oriol auf meine Nachfrage hin. Vor ein paar Jahren hätten sie fest gestellt, dass es gut funktioniert, über das „Movimiento por la vivienda“ viele Menschen zu organisieren. Der Wohnungsmarkt und dessen Preisanstieg ist in den Ländern Kataloniens und weltweit ein Problem. Aus diesem Grund gibt es in Katalonien seit 15 Jahren eine sehr große Bewegung die in vielen verschiedenen Städten vertreten ist.

Es beteiligen sich viele Menschen. Wenn Menschen aus verschiedenen Gründen, wie zum Beispiel einem gemeinsamen Hauskauf nicht mehr selbst vom prekären Wohnungsmarkt betroffen sind, verlassen sie oft die Organisierung. Und das, obwohl sie eigentlich gerne weiterhin Teil bleiben würde. Die Aktivist:innen haben deshalb weitere Themenfelder gesucht, in denen sie Bedarf zur Veränderung sehen. Frauen, die patriarchale Gewalt erfahren haben, begannen sich zu organisieren. Es wurden selbstorganisierte Sportgruppen gegründet und wie in den genannten escuelas populares Bildung an der Basis organisiert. Unter dem „Movimiento por la vivienda“ können so Menschen in verschiedenen Kämpfen an der Basis organisiert sein.

Veränderung ist notwendig und möglich

Ausgehend davon, dass Aktivist:innen in vielen Ländern in Europa derzeit von einem Rechtsruck und einer Krisensituation sprechen, frage ich Oriol nach einer Einschätzung der Situation diesbezüglich in Katalonien. Die Mentalität der aktuellen Politik sei voller Hass und Gewalt, bekomme ich als Antwort. Gerade kleine Kollektive wären davon betroffen, beispielsweise durch Verluste von Rechten der Freiheit. Er erzählt mir, dass sie davon ausgingen, dass wir uns in einem Moment des reaktionären Wandels befinden würden. Dieser bringe einige Risiken aber auch Chancen auf eine Veränderung.

Vor allem betroffen sei die Klasse der Arbeitenden. Und genau diese könne gleichzeitig die größte Neuausrichtung der Ereignisse bringen. Dieser Moment sei ein historischer Moment der Gegenoffensive. Es gäbe eine große Verantwortung. Ich lausche den Worten von Oriol, er spricht sehr klar und ruhig. Die Aktivist: innen sehen in der Wende zwei Säulen. Die eine ist eher materiell, weil sie die materiellen Bedingungen der Menschen verändert. Sie werden prekärer und dadurch gibt es mehr Barrieren. Außerdem zeigt der Wandel, dass die Menschen durch das System den Lebenssinn verlieren.„Bei diesen existenziellen Zweifeln sehen wir Aktivist:innen von La Saó die Möglichkeit zur Veränderung“, sagt Oriol Vidal im Interview.

„Wir glauben das dies wichtig ist, da es uns ermöglicht Einfluss zu nehmen. Wir haben einen revolutionären Vorschlag, der dem Leben einen Sinn gibt. Dieser erlaubt uns die Gesellschaft zu organisieren, über Revolution zu sprechen und die Dinge zu verändern.“

Es braucht den inneren und äußeren politischen Kampf

Ideologische Grundlage für La Saó sind vier Punkte. Das Konzept des demokratischen Konförderalismus der kurdischen Bewegung, der Marxismus sowie die anarchistische und libertäre Bewegung. Außerdem orientiert sich die Bewegung an die Erfahrungen der autonomen Kämpfe der Vergangenheit in den katalanischen Ländern und auf der ganzen Welt. Die vier Grundsätze ermöglichen, dass La Saó offen für verschiedene Perspektiven sein kann. Nicht alle Menschen die mit der Organisation arbeiten, können mit Allem einverstanden sein was die ideologischen Grundlagen dieser vorschlagen. „Aber wir glauben, dass es genau diese innere Spannung ist, die in unseren Debatten hilfreich sein kann um Vorschläge zu entwickeln, die für den aktuellen Moment passend sind.“ erklärt mir Oriol Vidal.

Ein Teil der politischen Tätigkeit von La Saó ist die interne Arbeit der Organisierung. „Wir sind eine revolutionäre Organisation, wir arbeiten innerhalb dieser nur mit Menschen, die eine Verbindlichkeit eingehen.“ beschreibt Oriol Vidal. Die Aktivist:innen von La Saó brauchen neben Zeit für den politischen äußeren Kampf auch eine Bereitschaft für den Kampf zur Veränderung der Persönlichkeit.

Der andere Teil ist die gesellschaftliche Basisarbeit und kollektive Organisierung. außerhalb von La Saó. Dort findet die öffentliche Arbeit statt mit Personen, die diese Verbindlichkeit nicht eingehen. Ein Beispiel hierfür ist die Arbeit der Aktivist:innen der La Saó in der escuela popular. Die Aktivist:innen arbeiten mit drei Prinzipien, wenn sie in der öffentlichen Bewegung arbeiten. Zum einen, die Konfrontation mit dem System. Dann, der Aufbau einer Alternative. Und drittens, die Radikalisierung der Gesellschaft.

Dabei sind die Aktivist:innen selbst oft von staatlicher Unterdrückung bedroht. „Wir sind uns bewusst, dass es Repressionen geben könnte, weil wir Militante sind.“ Oriol Vidal beschreibt mit ernster Stimme die Situation. Als Revolutionär:innen müssten sich die Menschen von La Saó auf Repressionen vorbereiten und damit umgehen. Das zu schaffen, bedeute aber auch Stärke.

Antipatriarchale Kämpfe sind zentral

La Saó organisiert sich und arbeitet ausgehend davon, dass wir aktuell in einem Herrschaftssystem leben, dass die Menschen unterdrückt. Sie analysieren das Patriarchat als zentralen Bestandteil dieses Systems. Angelehnt an die kurdische Bewegung, bei der die Frauenbefreiung einer der Hauptbestandteile des demokratischen Konförderalismus ist, sehen die Aktivist:innen in dem antipatriarchale Kampf zwei Teile. Den inneren Kampf und den Äußeren. So, beschreibt Oriol Vidal, haben die Compañeros innerhalb der Organisierung ihren Kampf mit der Männlichkeit und der Persönlichkeit. Aber nicht nur die Compañeros*, sondern auch die Compañeras müssen an ihrer Persönlichkeit arbeiten. Die Aktivist:innen sehen das Patriarchat als etwas universelles. Der zweite Teil des antipatriarchalen Kampfes ist der Äußere. Dieser umfasst Basisarbeit und die Veränderung der Gesellschaft.

In einem ihrer Texte auf ihrer Homepage schreiben sie dazu: „Von La Saó aus beteiligen wir uns als revolutionäre und feministische Aktivistinnen an der begonnenen Debatte über die Ausrichtung des organisierten Feminismus in unserem Gebiet.“

Wenn sie von ihrem Gebiet sprechen, meinen sie die katalanischen Länder. Das derzeitige System ist eines der Herrschaft, dass durch Kapitalismus, Patriarchat und Kolonialismus geprägt ist. Diese Herrschaft unterdrückt, was sich für die Bevölkerung in Gewalt äußert. Die Aktivist:innen wollen ein freies Leben aufbauen. Dafür braucht es die Revolution, die dieses System der Unterdrückung verändert und eine Gesellschaft mit Werten des freien Lebens aufbaut.

Ziel ist der revolutionärer Prozess unabhängig von Staat und Nation

Die Strategie von La Saó ist eine demokratische Nation der katalanischen Länder zu erreichen. Die Katalan:innen kämpfen seit Jahrhunderten für ihre Autonomie. Diese Erfahrungen wollen die Aktivist:innen mit in das Vorgehen ein beziehen. Was das für Aktivist:innen bedeutet, führt Oriol Vidal näher aus. „Wir gehen davon aus, dass die demokratische Nation eine Form ist um eine unabhängige Gesellschaft zu organisieren. Dabei ist die Gesellschaft unabhängig von einem Staat oder einer Nation. Um von dem Stand heute etwas aufzubauen, müssen wir aber erst mal von diesem ausgehend anfangen.“ Das Ziel ist also nicht, einen Nationalstaat aufzubauen, sondern von den jetzigen Möglichkeiten ausgehend einen revolutionären Prozess zu beginnen.

Dieser Kampf soll mit Menschen mit ideologischen, strategischen und organisatorischen Unterschieden geführt werden. Denn durch verschiedene Bevölkerungsgruppen kann der revolutionäre Prozess gemeinsam bestimmt werden.

„Wir wollen keinen Dogmatismus, wir wollen viel lernen durch diese Erfahrungen des Kampfes. Um das in den aktuellen Moment zu übersetzen.“ Auf der Homepage der Organisierung beschreiben sie, dass sie den revolutionären Prozess als langfristigen historischen Prozess sehen würden, der es ermöglichen müsse, die materiellen und symbolischen Grundlagen der Gesellschaft radikal zu verändern.

„Im Moment sind die Meisten von uns im Hauptteil von Katalonien, aber wir haben Kontakt mit dem Rest der katalanischen Länder und den Leuten, die in anderen Teilen des Landes arbeiten. Und wir sind immer noch in Kontakt mit dem Rest der Welt.“ ergänzt Oriol Vidal. Die Aktivist:innen gehen von einer lokalen öffentlichen Bewegung aus, die sich in eine revolutionäre Bewegung wandeln kann. Sie betonen in ihren Texten auf der Internetseite sowie auch im Interview, die Relevanz von der internationalistischen Perspektive.

Die Revolution muss internationalistisch sein

La Saó war als Organisierung im Februar 2025 auf der „Peoples‘ Platform Europe“ in Wien anzutreffen. Die Plattform wurde von Menschen der kurdischen Bewegung mit organisiert. Es haben sich mehr als 800 Delegierte, die 160 Organisationen, Gruppen, Bewegungen Netzwerke und Verbände aus mehr als 30 europäischen Ländern und verschiedenen Gemeinschaften vertraten, getroffen. Sie haben sich getroffen um die Kämpfe, Perspektiven und Fähigkeiten zu vereinen und das freie Leben aufbauen.

Ich möchte von dem Aktivist wissen, wie die internationalistische Vernetzung der Organisierung sonst aussieht. Er antwortet mir: „Wie ich bereits gesagt habe, die Revolution muss internationalistisch sein oder es ist keine.“ Deshalb waren sie im Februar 2025 auch auf der Peoples‘ Platform Europe. Die Unterdrückung durch das Herrschaftssystem ist weltweit und die Revolution muss es auch sein. Auf der Plattform wäre artikulieren über den neuen Weg, einen Kampf gegen die weltweite Unterdrückung möglich. Eine internationale revolutionäre Bewegung gäbe es noch nicht, aber die Aktivist:innen hätten Hoffnung auf diese.

„Willst du noch etwas hinzufügen?“ frage ich. Oriol erwidert: „Ich denke unsere ideologischen Vorschläge und unsere Organisation ist viel breiter als dies was ich dir sende. Es gibt viel mehr Töne darin, als ich dir gerade mitteilen kann. Es gibt auch noch mehr zu zum Beispiel was Feminismus betrifft.“ Und bevor er die Sprachnachricht beendet, betont er: „Was es auch ist, sag‘ mir Bescheid. Vielen Dank für dein Interesse, wir bleiben in Kontakt!“

Anmerkungen:

  • Castellano* : andere Bezeichnung für die spanische Sprache
  • Companera/-o/-x: Spanisch für Freund:in / Gefährt:in/ Genoss:in
  • „Movimiento por la vivienda“: Übersetzt auf Deutsch: Bewegung für das bessere Wohnen. Der organisierte Wohnungskampf in Katalonien.

Fotos: zur Verfügung gestellt von La Saó

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