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Im Folgenden veröffentlichen wir den zweiten Teil des Gesprächs mit Robert Krotzer, der seit 2017 als Stadtrat der KPÖ Graz tätig und zuständig für die Bereiche Gesundheit, Pflege, Integration und Beschäftigung ist. Vor dem Eintritt in die Grazer Stadtregierung unterrichtete er als Lehrer in einer Gesamtschule, war Gemeinderat der KPÖ und Bundesvorsitzender der Kommunistischen Jugend Österreichs (KJÖ).

Erster Teil: Den Sozialismus auf kommunaler Ebene aufbauen?

Interview Tim Krüger



Die Frage nach einer Regierungsbeteiligung sozialistischer und kommunistischer Parteien, sei das auf kommunaler oder Landes- und Bundesebene, ist aber auch innerhalb des eigenen Lagers nicht ganz unumstritten. Ein Beispiel ist auch die Herausforderung, vor der die Partei Die Linke sehr wahrscheinlich im September dieses Jahres nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus stehen wird. Wenn man sich dafür entscheidet, als linke Partei zu regieren, auf was gilt es eurer Erfahrung nach zu achten damit man in keine Falle hineintappt?

Es ist schwierig aus einer Grazer und österreichischen Perspektive Ratschläge zu geben. Graz hat, wie die meisten anderen österreichischen Städte, eine Proporzregierung. Das heißt, die KPÖ ist seit 1998 sowohl Regierungs- als auch Oppositionspartei gewesen. Bei rund 10 Prozent der Stimmen hat eine Partei automatisch einen Sitz in der Stadtregierung. Damit waren wir einerseits Regierungsmitglieder, als auch die führende Oppositionspartei. Das bedeutet, dass du viele Erfahrungen sammeln und Errungenschaften umsetzen kannst, ohne das große Dilemma von Regierungskoalitionen, nämlich dass du in gewisser Art und Weise mitgefangen bist. Das heißt gegen all die Verschlechterungen, die unter der schwarz-blauen Stadtregierung vor unserer Regierungszeit passiert sind, haben wir nicht nur gestimmt, sondern auch viele Mobilisierungen durchgeführt und die Bevölkerung aufgeklärt. 2021 waren wir dann auf einmal in der Situation, die Bürgermeisterin zu stellen und eine fortschrittliche Koalition zu formen. Der große Unterschied war, dass wir als Kommunistische Partei 28 Prozent hatten, die Grünen mit 17 Prozent die zweitstärkste Partei in der Koalition waren und die Sozialdemokratie neun Prozent hatte. Dieses Kräfteverhältnis ist entscheidend für eine Politik des sozialen Fortschritts gewesen. Umgekehrt kann ich sagen, dass wir davor mehrfach die Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung als kleinerer Partner abgelehnt haben.

Schon 2003 hätte die KPÖ mit der damals noch mächtigen SPÖ und den Grünen eine Mehrheit gehabt, während die ÖVP die stärkste Partei war. Die Genoss:innen haben sich jedoch gegen eine Regierungsbeteiligung entscheiden, weil die Sozialdemokraten etwa Privatisierungen nicht kategorisch ausschließen wollten. Von 2015 bis 2016 hatten wir eine zweijährige Budgetpartnerschaft mit ÖVP und SPÖ, wobei wir als KPÖ mit einem klaren Plan in die Verhandlungen gegangen sind. Wir haben im Interesse der Bevölkerung zehn Punkte als rote Linie festgelegt und diese als Bedingungen gestellt. Diese Bedingungen haben wir öffentlich plakatiert und gesagt: Entweder wird das erfüllt oder mit uns gibt es kein Budget. Das hat über die zwei Jahre gut funktioniert. Beispielsweise wurde der Preis der Jahreskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel halbiert, neue Gemeindewohnungen gebaut und Grünflächen geschaffen. 2017 gab es dann eine große Bewegung aus der Bevölkerung gegen den Bau eines Wasserkraftwerks an der Mur am südlichen Stadtrand von Graz. Ein Projekt, für das schließlich tausende Bäume im Stadtgebiet abgeholzt wurden. Als KPÖ haben wir Protest-Bewegung von Beginn an unterstützt. Die ÖVP wollte damals unsere Zustimmung verlangen und hätte uns dafür in anderen Bereichen großzügige Zugeständnisse angeboten. Für uns ist das aber nicht in Frage gekommen und die Budgetpartnerschaft ist geplatzt. In einer Konstellation mit bürgerlichen Parteien wird es immer Knackpunkte geben, wo du in der Lage sein musst, klar zu bestimmen, was das Profil einer Kommunistischen Partei ausmacht, wofür die Bevölkerung uns gewählt hat und welche Positionen wir niemals aufgeben dürfen. Deshalb gibt es diese roten Linien für uns und es wird sie auch in Zukunft geben: Unsere Positionen und Haltungen sind uns wichtiger als Posten und Ämter. Denn wenn wir gewisse Sachen zum Schaden der Menschen mittragen würden, dann könnten wir den Leuten, die uns ihr Vertrauen gegeben haben, nicht mehr in die Augen schauen.


Du hattest vorhin gesagt, dass sich der Sozialismus sicher nicht auf kommunaler Ebene allein verwirklichen lässt. Welche Rolle spielt die Kommunalpolitik in der langfristigen Strategie eurer Partei und wie haltet ihr es mit der Frage der Regierungsbeteiligung allgemein? Es gibt ja auch Teils vehemente Ablehnung und scharfe Kritik von Teilen der außerparlamentarischen Linken an jeglicher Form linker Politik innerhalb des bürgerlichen Staatsapparates.

Ich denke, hier muss man zwischen einer Regierungsbeteiligung auf Bundesebene, wo man als Teil einer bürgerlichen Koalition auch Teil des bürgerlichen Herrschafts- und Staatsapparates werden würde, und der kommunalen Ebene unterscheiden. Auf kommunaler Ebene ist der Herrschaftscharakter ein viel mittelbarerer, umgekehrt gibt es Widerstandspotentiale sowie gewisse Gestaltungsräume im Sinne solidarischer Politik und Gemeinwohlorientierung. Dazu gibt es ja auch einen durchaus breiten Erfahrungsschatz von europäischen Gemeinden und Städten, die von Kommunistischen Parteien regiert wurden und werden – etwa in Portugal, Griechenland oder Frankreich.

Wir sagen, wir wollen eine Stadt an der Seite der Bevölkerung formen, Gemeinwohlorientierung und Solidarität stärken. Dabei ist es ein Unterschied, ob du für ein kommunales Gesundheitsamt zuständig wird oder ein Ministerium auf Bundesebene leitest. Auf der Kommunalebene bist du einem viel unmittelbareren Austausch mit der Bevölkerung. Als KPÖ haben wir für uns formuliert, dass wir mit diesem Projekt Selbstbewusstsein von unten und Klassenbewusstsein stärken wollen. Dafür stehen wir auch in der Kritik der lokalen Eliten. Sie konnten es schon 2021 nicht fassen und nun geht der vermeintliche „Albtraum“ für sie weiter. Also dass sie eben nicht mehr den Zugriff auf die städtischen Mittel und Möglichkeiten haben, dass es eben nicht mehr ein, zwei bürgerliche Parteien gibt, die in Kombination mit der Wirtschaftskammer, der Industriellenvereinigung, den Immobilienkonzernen und ein paar reichen Großbürgersfamilien alles unter sich ausmachen können. Das macht definitiv einen Unterschied und auf kommunaler Ebene ist da einiges möglich.

Welche Rolle spielt nun die kommunale Arbeit in einer breiteren kommunistischen Strategie. Hier komme ich nochmal zurück auf den vorher von mir erwähnten Kampf gegen die Ohnmacht und die Resignation. Es geht darum sichtbar zu machen, dass es eben auch anders gehen kann. Das kann vor Ort in der Kommune greifbar werden und unser Beispiel strahlt auch jetzt schon weit über Graz hinaus. In Österreich nehmen viele fortschrittlich denkende Menschen, aber auch viele Menschen, die frustriert und desillusioniert von der herrschenden politischen Kaste sind, unser Projekt positiv wahr. Es ist ein Hoffnungsschimmer für viele Menschen. Der Antikommunismus ist ja auch in Österreich vorhanden und auch in Graz nicht überwunden. Aber genau hier ist es wichtig, dass die Menschen eine kommunistische Bürgermeisterin erleben können, die eben ganz anders ist, als all die anderen Politiker. Wir machen die Probleme der Menschen zu unseren eigenen Anliegen und das gibt es in der ganzen technokratischen Polit- und Medien-Bubble sonst gar nicht mehr. Eine Krankenpflegerin spielt da genauso wenig eine Rolle wie ein Fließbandarbeiter oder eine Reinigungskraft. Die Menschen fühlen sich deshalb dort gar nicht mehr vertreten. Tatsächlich werden sie auch nicht vertreten. Durch unsere Arbeit aber nehmen die Menschen auch außerhalb von Graz war, dass es eine politische Kraft gibt, die die Interessen der arbeitenden Bevölkerung artikuliert. Und es zeigt, dass die vielen vermeintlich „kleinen Leute“ vereint stärker sein können als die Vertreter des großen Geldes.

Das macht neue gedankliche Spielräume auf, darüber zu diskutieren, wofür die Kommunistische Partei steht und was es eigentlich mit „diesem Kommunismus“ auf sich hat. Wir verstehen den Parteiaufbau so, dass er sich nur von Unten nach Oben vollziehen kann und in den letzten Jahren funktioniert das nicht schlecht. Neben Graz sind wir seit Jahrzehnten in vielen obersteirischen Industriestädten verankert und konnten uns auch in der schwierigen Phase der 90er- und 2000er-Jahre halten. Gleichzeitig ist es uns gelungen, dass die KPÖ in Salzburg zur zweitstärksten Kraft geworden ist und auch in Innsbruck und St. Pölten in den Gemeinderat einziehen konnte. Wir sind mittlerweile in mehr als der Hälfte der österreichischen Landeshauptstädte vertreten und bei der letzten Wahl in Wien ist die KPÖ auf starke vier Prozent gekommen und ist nun in allen Bezirksparlamenten vertreten. Warum ist der Aufbau der Partei von Unten nach Oben und die kommunale Verankerung so wichtig? Weil wir als Partei dabei enorm viel lernen können. Natürlich gibt es das Wissen aus den Büchern, von den Klassikern, von Marx, Engels und Lenin und den darauf aufbauenden Schriften. Die Zeit der gesellschaftlichen Isolation in den 90er und 2000er Jahre, das Nischendasein das man führen musste, hat viele Teile der Linken in ihrer Theorie und Praxis geprägt. In anderen Perioden der Arbeiter:innenbewegung war das anders. Da war der tägliche Kontakt mit den Menschen der Sauerstoff der Parteien, ganz egal ob wir uns die KPD in der Weimarer Republik anschauen, die Kommunistische Partei in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg oder auch dorthin schauen, wo es noch kommunistische Massenparteien gibt, wie die PCP in Portugal, in Zypern die AKEL oder auch die KKE in Griechenland. Eine ähnlich breite Verankerung einer Kommunistischen Partei in der Bevölkerung wie in Graz, finden wir im deutschsprachigen Raum kaum. Daher war und ist es für uns wichtig, Mittel und Wege zu finden, in denen wir im Alltag der Menschen eine Rolle spielen können, die Menschen uns im besten Fall als die Vertreter ihrer Interessen wahrnehmen können und selbst aktiv werden. Es geht dann eben nicht mehr um ein Nischendasein, darum ein Szenelokal aufzubauen oder einen alternativen Stadtteil zu organisieren. Ich denke zum Beispiel an meine Wohnumgebung: Das ist ein klassischer Arbeiterbezirk in einer kleinen österreichischen Großstadt. Man sieht hier keine roten Fahnen oder auch kaum linke Graffitis, aber die Kommunistische Partei hat hier 54 Prozent der Stimmen erhalten. Man sieht das nicht auf Anhieb, aber es bedeutet, dass wir hier und in vielen anderen Stadtteilen die Köpfe und Herzen vieler Menschen erreichen konnten. Für ein weiteres Wachsen der Partei ist das unser Sauerstoff. Wenn wir das über die kommunale Ebene auf ganz Österreich ausweiten wollen, dann haben wir aber natürlich noch viel Luft nach oben. Dafür müssen wir zum Beispiel die Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit weiter entwickeln. Auch wenn uns in manchen Bereichen erste Erfolge gelungen sind und wir uns verankern konnten, gilt das für andere Bereiche eben noch nicht. Manchmal wird die KPÖ Graz in einer linken Außenbetrachtung als eine Art fertiges, abgeschlossenes Produkt betrachtet. Das sehen wir selbst aber keineswegs so. Wir sind weiterhin im täglichen Wachsen und du musst auch täglich schauen, dass du nicht wieder zurückfällst. Auch wenn wir auf kommunaler Ebene gut aufgestellt sind, haben wir zum Beispiel in betrieblichen und gewerkschaftlichen noch irrsinnig viel zu tun, zu lernen und zu entwickeln.


Wie habt ihr euch denn bisher versucht in den betrieblichen Arbeiten und auch über die Kommunalpolitik hinaus aufzustellen?

Wir haben den Gewerkschaftlichen Linksblock GLB-KPÖ als Vertretung in Betrieben und der Arbeiterkammer sowie etwa auch einen KPÖ-Arbeitskreis zu Gesundheit und Pflege, wo wir nochmal eine spezielle Berufsgruppen-Organisierung machen. Sehr wichtig war da für uns die große Pflege-Protestbewegung Anfang des Jahres in Graz und der Steiermark gegen die angekündigte Senkung des Pflegeschlüssels in den Pflegewohnheimen. Im Allgemeinen versuchen wir, Menschen spezifisch entlang ihrer bestimmten Lebensumstände zu erreichen, also etwa auch Schüler:innen, Studierende und junge Arbeiter:innen. Das machen wir in Zusammenarbeit mit den Genoss:innen vom Jugendverband. An dieser Stelle ist es wichtig zu betonen, dass die als KPÖ nicht alleine arbeitet, sondern wir auch versuchen unterschiedliche Teile der Gesellschaft durch unsere befreundeten Organisationen zu erreichen. Da spielen die Jugendorganisationen natürlich eine große und entscheidende Rolle. Vor allem die Kommunistische Jugend Österreichs (KJÖ), aber auch der Kommunistische Studierendenverband (KSV) und Junge Linke hatten im Wahlkampf eine wichtige unterstützende Funktion. Ein Ergebnis von 35 Prozent wäre nicht möglich gewesen, wenn wir nicht die Unterstützung aller Generationen gehabt hätten.

Wir merken, dass es gerade unter jungen Menschen einen frischen Wind und eine Aufgeschlossenheit gegenüber antikapitalistischen und marxistischen Ideen gibt. Ich glaube, auch in Deutschland gibt es durchaus ein solches Momentum. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der jungen Menschen weiß, dass der Kapitalismus für sie keine lebenswerte Zukunft bieten kann. Sie sind auf der Suche nach etwas Neuem und als Kommunistische Partei und kommunistische Jugendorganisationen haben wir eine Verantwortung gegenüber dieser Generation. Denn die Suche nach einer besseren Welt kann auch von neofaschistischen oder auch religiös-fundamentalistischen Kräften absorbiert werden, die versuchen, junge Leute mit ihren Sinn- und Heilsversprechen zu ködern. Daher spielt die Jugendarbeit eine so bedeutende und entscheidende Rolle.


Aus deinen Ausführungen geht ja deutlich hervor, dass die Vorbedingung für den heutigen Erfolg der Prozess der Neuorientierung und Erneuerung der KPÖ, nach der historischen Niederlage der sozialistischen und kommunistischen Bewegung in den 90er Jahren war. Ich denke es ist nicht falsch zu behaupten, dass die Diskussion um eine Neuausrichtung sozialistischer Politik im 21. Jahrhundert auch weiterhin andauert. Kannst du ein wenig davon erzählen wie dieser Prozess der Neuorientierung in der KPÖ verlaufen ist?

In den 90er-Jahren gab es unterschiedliche Strömungen in der KPÖ. Manche wollten ganz offen die Auflösung beziehungsweise Umbenennung und Sozialdemokratisierung der KPÖ. Dieser Flügel hat sich glücklicherweise nicht durchsetzen können. Aber es blieben die Auseinandersetzungen zwischen dieser Tendenz und denjenigen, die gesagt haben, wir wollen uns erneuern, aber eine Kommunistische Partei bleiben, dass also der Marxismus für uns weiterhin ein Kompass und Werkzeug bleibt. Der Kern dieser Linie war die KPÖ Graz und die KPÖ in der Steiermark. Wir haben den Kurs in Richtung einer transformatorischen Linken, einer reinen Bündnislinken abgelehnt. Dieser Kurs war in den 90er- und 2000er-Jahren äußerst populär. Damals hatte man ja das Ende der Parteien und parteiförmigen Organisation überhaupt ausgerufen. Auch in Teilen der KPÖ waren diese Ideen populär.

Als ich mich selbst zu Beginn der 2000er-Jahre der Kommunistischen Jugend angeschlossen habe, hatte ich mitunter das Gefühl, dass Teile der Partei sich entschuldigen wollten, dass man KPÖ heiße, dass man überhaupt eine Partei sei und so weiter. Die damalige Führung wollte statt einer marxistischen Orientierung in die politische Breite gehen und, wie das damals hieß, zivilgesellschaftliche Bündnisse schaffen. Mit dem Ergebnis, dass die Bündnispartner äußerst rar gesät und meist auch schnell wieder weg waren. Denn die wollten umgekehrt nicht mit einer KPÖ zusammenarbeiten, der ein eigener Kompass fehlt.

Einen anderen Weg hat die steirische KPÖ entlang der Linie ‚Eine nützliche Partei für das tägliche Leben und die großen Ziele der Arbeiter:innenbewegung‘ eingeschlagen und eine neue Praxis entwickelt. Das hat sich in all den Jahren und mittlerweile Jahrzehnten nicht als ganz falsch erwiesen. Dabei haben wir unseren marxistischen Kompass beibehalten und sind weder in linke Beliebigkeit noch in Karriereorientierung abgerutscht. Uns geht es in erster Linie um unsere Bündnisfähigkeit mit der Bevölkerung. Unsere wichtigste Koalition ist immer die mit der Bevölkerung. Das haben leider viele linke Parteien irgendwann vergessen, die nur noch im parlamentarischen Betrieb und irgendwelchen Gremien unterwegs sind. Dennoch hat es auf bundesweiter Ebene sehr lange gedauert, diese Orientierung umzusetzen. Man könnte glauben, als die KPÖ 2003 erstmalig bei 20 Prozent lag und sogar die CIA sich in der US-Botschaft in Wien erkundigt hat, was denn da los sei in Graz, dass dann auch die Bundespartei gesagt hätte: Nun gut, so falsch kann der Weg ja nicht sein.

Doch tatsächlich hat es fast 20 Jahre gedauert und erst mit dem vorletzten Bundesparteitag der KPÖ hat eine allgemeine Umorientierung stattgefunden. Konzepte wie der klare Fokus auf soziale Fragen, Fokus auf das Thema Wohnen oder die Gehaltsobergrenze samt Kritik an den hohen Gehältern der politischen Kaste, welche weit abgehoben von der Bevölkerung lebt. Ich bin zudem davon überzeugt, dass eine Kommunistische Partei eine Sprache finden muss, die von der Bevölkerung verstanden wird. Sie darf mit den Menschen nicht in einer gelehrten Sprache reden, sondern soll vor allem sehr viel zuhören, fragen, wie es den Menschen geht und verstehen, wo der Schuh drückt. Davon abgeleitet braucht es eine konkrete Praxis, wo Menschen andocken können, die sich politisch engagieren wollen. Es braucht Kreativität und griffige Ideen und mitunter ganz neue Formen, wie man Menschen erreichen kann. Und ganz wichtig ist, es darf auch nicht spaßbefreit sein. Die Organisation in einer Kommunistischen Partei kann und soll Freude machen. Es ist sehr wichtig, was du ausstrahlst und wie du auf Menschen zugehst. Eine solidarische Kultur in der eigenen Organisation ist unverzichtbar. Wenn wir eine andere Gesellschaft wollen, dann ist es wichtig, dass wir in der eigenen Organisation aufeinander schauen und bei aller Notwendigkeit der Kritik und dem Versuch, immer besser zu werden, auch gut miteinander umgehen. Ein wichtiger anderer Punkt ist auch die Effizienz einer Organisation. Also wenn ich 80 Prozent meiner Zeit darauf verwende, interne Kritiken zu üben und Debatten zu führen, dann bleiben halt nur noch 20 Prozent für den Austausch mit der Bevölkerung. Oft wird von Kommunist:innen unterschätzt, dass wir auch selbst erstmal lernen müssen. Und zwar nicht nur aus theoretischen Texten, sondern eben auch aus Gesprächen mit den Menschen über ihre Wohnsituation, ihre Arbeitsverhältnisse, ihre Sicht auf die Welt, warum sie zu diesen oder jenen Schlüssen kommen. Unter den über 43.000 Menschen, die uns jetzt in Graz gewählt haben, hat eine Minderheit ein ausgeprägtes marxistisches Weltbild, aber dennoch teilen viele Menschen viele unserer Standpunkte und können mit unseren Ideen etwas anfangen. Für uns ist es daher wichtig, unser theoretisches Wissen mit dem Wissen um die Lebensverhältnisse der Menschen zu vereinen, wirklich zu verstehen, wie es um das Alltagsbewusstsein der Menschen steht und wie wir dieses wiederum positiv beeinflussen können.


Eine letzte Frage zur Organisation der KPÖ. Auf eurer Webseite heißt es in einem Schulungstext, dass die KPÖ auch eine langfristige Kaderpolitik entwickelt. Nun ist auch der Begriff des Kaders, ein stark umkämpfter und umstrittener Begriff. Was versteht ihr als KPÖ darunter?

Da gibt es ja schon sehr unterschiedliche Interpretationen und Auslegungen davon. Aus meiner Sicht muss man aufpassen, den Begriff des Kaders nicht zu fetischisieren. Letztendlich, was soll ein Kader einer Kommunistischen Partei sein? Jemand die/der dazu bereit ist, besonders viel Verantwortung zu übernehmen. Und das setzt natürlich idealerweise auch Fähigkeiten und Können vor, das sich die Genoss:innen selbst angeeignet und gemeinsam gelernt haben. Sonst geht das mit der vielen Verantwortung den Bach runter. Also um es so zu sagen, als KPÖ Graz und Steiermark, halten wir uns tatsächlich mit dem Begriff des Kaders nicht so sehr auf. Es gibt Funktionen in unserer Partei und es ist wichtig, dass diese ausgeübt werden. Und natürlich muss eine Partei immer darauf achten, dass möglichst viele ihrer Mitglieder und auch Sympathisant:innen, möglichst viele Fähigkeiten und Fertigkeiten und vor allem auch Selbstvertrauen im Tun und im Umgang mit Menschen entwickeln.

Damit schafft man idealerweise möglichst viele Arme, Herzen und Hirne der Partei. Dabei sollte man auch darauf achten, dass man kein falsches Hierarchieverständnis hat. Für uns als Grazer KPÖ ist es sehr wichtig, das alle auch alles machen. Also, dass auch die Elke als Bürgermeisterin oder ich als Stadtrat gemeinsam die Kaffeetassen abwaschen, dass wir bei unseren Festen und Veranstaltungen Bier ausschenken oder am nächsten Tag die Tische zusammenklappen und beim Aufräumen helfen. Wenn wir von Kadern reden, dann ist es besonders wichtig festzuhalten, dass sich ein Kader auch für keine Arbeit zu schade sein darf oder gar annehmen darf, etwas Besseres als jemand anderer zu sein. Weil ab diesem Zeitpunkt kann es nur in die verkehrte Richtung gehen.

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Im Folgenden veröffentlichen wir den ersten Teil des Gesprächs mit Robert Krotzer, der seit 2017 als Stadtrat der KPÖ Graz tätig und zuständig für die Bereiche Gesundheit, Pflege, Integration und Beschäftigung ist. Vor dem Eintritt in die Grazer Stadtregierung unterrichtete er als Lehrer in einer Gesamtschule, war Gemeinderat der KPÖ und Bundesvorsitzender der Kommunistischen Jugend Österreichs (KJÖ).

Interview Tim Krüger



Nachdem die KPÖ bereits 2021 für viele unerwartet als stärkste Kraft aus der Gemeinderatswahl in Graz hervorging und seitdem mit Elke Kahr die Bürgermeisterin der Stadt stellte, konnte die Partei bei der jüngsten Wahl am 28. Juni mit über 35 % der Wählerstimmen einen überragenden Erfolg einfahren. Hat euch dieser Sieg selbst überrascht oder seid ihr sowieso selbstbewusst in die Wahl hineingegangen?

Nun, wir leben in Zeiten, in denen es wahrscheinlicher ist, dass Kommunistische Parteien bei Wahlen eher 0,35 Prozent als über 35 Prozent holen können. Daher wäre es natürlich vermessen gewesen mit einer übertriebenen Siegessicherheit in die Wahlauseinandersetzung zu gehen. Unser Erfolg 2021 war bereits eine Sensation. Auch wir waren damals erstmal selbst ein wenig sprachlos. Doch diese Sprachlosigkeit hat zum Glück nicht lange angehalten. Wir haben uns gesagt: Warum sollten bürgerliche Kräfte, die eine Stadt im Interesse einiger weniger regieren, eine Stadt besser verwalten, als eine Kommunistische Partei in der Tradition und als Teil der Arbeiter:innenbewegung? Wir versuchen eine Stadt im Interesse der breiten Mehrheit der Bevölkerung zu organisieren und in diesem Sinne haben wir in den letzten fünf Jahren tatsächlich viel umsetzen und viele soziale Errungenschaften erreichen können.

Wir haben natürlich enorm viel Kontakt mit den Menschen gepflegt, aber dennoch kannst du dir niemals sicher sein, ob diese Arbeit wirklich auch gesehen wird und ob du die Unterstützung der Breite der Bevölkerung auch in der Wahlkabine erhältst. Von daher war der Wahlabend mit diesem enormen Zugewinn natürlich ein großer Erfolg für uns und wir freuen uns über die große Unterstützung so vieler Grazerinnen und Grazer. Doch auch wenn wir auf eine Regierungszeit zurückblicken können, in der uns Vieles gelungen ist, so wären wir nicht die Kommunistische Partei, wenn wir uns mit alldem, was wir unter diesen Rahmenbedingungen erreichen konnten, zufrieden wären. Gleichzeitig muss man dazu sagen, dass dieses überraschend starke Votum der Bevölkerung natürlich nicht im luftleeren Raum erreicht wurde. Es war ja nicht so als ob Elke Kahr als Bürgermeisterin oder die KPÖ medial hofiert worden wären oder es nicht auch politisch massiven Gegenwind gegeben hätte. So war der Wahlsieg auch Ergebnis einer Wahlkampagne, die größtenteils von unten kam und von den Menschen getragen wurde, die von unserer Arbeit überzeugt sind und mit unseren Ideen sympathisieren. Auch ihnen verdanken wir diesen Wahlerfolg.

Du hast es gerade schon angesprochen. Es ist natürlich schon wirklich eine Rarität, dass eine Partei, die in ihrem Namen, das verfemte Attribut „kommunistisch“ trägt, in der zweitgrößten Stadt eines europäischen Landes mehr als ein Drittel der Wählerinnen und Wähler von sich überzeugen kann. Die Bürgermeisterin Elke Kahr hatte immer wieder davon gesprochen, dass es „erworbenes Vertrauen“ ist welches die KPÖ von den anderen Parteien unterscheidet. Aber dieses musste ja erstmal erworben werden. Wie habt ihr das geschafft?

Für uns gibt es zwei zentrale Leitlinien. Zum einen, dass wir davon ausgehen, dass wir uns das Vertrauen der Bevölkerung, der arbeitenden Menschen jeden Tag aus Neue wieder erarbeiten müssen. Es ist ja nicht so, dass du einmal die Unterstützung hast und dann einfach Tun und Lassen kannst, was du willst. Das bedeutet sehr viel Arbeit, sehr viel Kontakt und auch sehr viel konkrete Unterstützung, die wir versuchen den Menschen zu geben. Zum Anderen müssen wir einen kurzen historischen Schwenk zum Anfang der 1990er Jahre machen. Ausgehend von der sehr tiefen und weltweiten Krise der kommunistischen Bewegung damals, haben wir als KPÖ Graz und KPÖ in der Steiermark, für uns die Losung entwickelt, dass wir eine ‚Nützliche Partei für das tägliche Leben und für die großen Ziele der Arbeiter:innenbewegung‘ sein wollen. Damit haben wir begonnen, den Fokus auf das Thema Wohnen und Mieten und insbesondere auch auf die Gemeindewohnungen in Graz zu legen. Es ging darum, ganz konkret für die Mieterinnen und Mieter da zu sein, zu helfen, gemeinsam Lösungen für Problemstellungen zu suchen und ihre Interessen durchzusetzen. Das ist seither in die Arbeitsweise der KPÖ in Graz eingeschrieben und wir versuchen das immer weiter und auf andere Felder auszudehnen. Elke Kahr hat das in ihrer Erklärung zur Wahl als Bürgermeisterin zum Ausdruck gebracht. Sie hat gesagt, wir wollen mit einem Blick von unten an die Aufgaben herangehen. Denn wir sind natürlich eine Partei der arbeitenden Menschen und stellen ihre Interessen ins Zentrum unserer Politik. Deshalb müssen wir den tagtäglichen Kontakt mit der arbeitenden Bevölkerung und mit den Menschen, die in prekären Lebenssituationen sind und mit vielen Sorgen zu kämpfen haben, pflegen.

Für uns ist das nichts Fremdes, sondern etwas, das wir in unseren Beratungen und Sprechstunden tagtäglich erleben. Wir verstehen unsere Büros als offene Stadtratsbüros, in die alle Menschen mit ihren Anliegen kommen können und wir nehmen uns die Zeit, diese Themen aufzunehmen und mit den Menschen über ihre Lage zu sprechen. Die Anliegen sind dabei natürlich sehr breit. Das beginnt bei ganz klassischen Fragestellungen wie einem Mietrückstand oder hohen Nachzahlungen für Betriebskosten und Heizung. In dem Bereich, in dem ich tätig bin, drehen sich viele Fragen um Gesundheit oder Pflege sowie auch um Arbeitsbedingungen. Wir haben mit Menschen zu tun, die an Suchterkrankungen leiden, ebenso wie mit Menschen, die mit Schikanen am Arbeitsplatz konfrontiert sind und beraten bei arbeitsrechtlichen Fragen. Das ist gewissermaßen unser tägliches Brot in der Arbeit der KPÖ und prägt auch unseren Blick. Wir sind bei alldem auch immer eine lernende Partei. Erst durch diese Arbeit erfahren wir, wo die Menschen der Schuh wirklich drückt und versuchen, das dann wieder in unsere Politik zu übersetzen. Auch die Inhalte unserer Zeitungen, Kampagnen oder Social Media-Beiträge speisen sich vielfach aus den konkreten Erfahrungen der Menschen und unserem Austausch mit den Menschen.

Dazu haben wir bei uns auch die Gehaltsobergrenze. Das heißt, dass alle unsere Amtsträger:innen nur ein durchschnittliches Facharbeiter:inneneinkommen für sich behalten und rund zwei Drittel ihres Einkommens an Menschen in Notlagen weitergeben. Das macht natürlich auch etwas, wenn es um die Frage des Vertrauens geht, aber auch wenn man sich die Fallen anschaut, die der bürgerliche Parlamentarismus auslegt. Wie viele Parteien der sozialistischen und sogar der kommunistischen Linken sind da hineingetappt? Plötzlich haben sie hohe Gehälter, Dienstwägen und Chauffeure und sind auf einmal enorm weit weg vom Alltag der arbeitenden Menschen. Unsere Gehaltsregelung beeinflusst natürlich die öffentliche Wahrnehmung der KPÖ, denn die Menschen können im Vergleich ganz genau sehen, wie weit entfernt alle anderen politischen Vertreter der etablierten Parteien von ihren alltäglichen Sorgen sind und wo aber die KPÖ steht. Und die Gehaltsobergrenze stellt am Ende auch sicher, dass sich der KPÖ niemand aus Karrieregründen anschließt.

Das heißt, die Gehaltsbeschränkungen oder auch die Sozialberatungen waren auch schon vor 2021 Teil eures Konzeptes?

Die Sprechstunden und direkten Kontakte gibt es schon sehr lange. Schon in der Zeit als Ernest Kaltenegger selbst noch Gemeinderat war, war er in den Gemeindewohnungen unterwegs, hat mit den Mieterinnen und Mietern gesprochen und die damals noch sehr kleine Partei hat breite Kampagnen entwickelt. Zum Beispiel, um die Miete in den Gemeindewohnungen auf ein Drittel des Einkommens der Mieterinnen und Mieter zu beschränken. Als der Antrag der KPÖ dafür Anfang der 90er Jahre von allen Parteien abgelehnt wurde, ist die Partei in die Gemeindewohnungen ausgeschwärmt und hat dem damaligen Bürgermeister dann 20.000 Unterschriften vorgelegt. Als der Antrag dann erneut abgestimmt wurde, gab es plötzlich einen einstimmigen Beschluss – und die damals erkämpfte Mietzinszuzahlung existiert bis heute!

Auch die Gehaltsobergrenze gibt es schon sehr lange. Als KPÖ haben wir uns immer gegen die hohen Politikergehälter ausgesprochen und als Ernest Kaltenegger 1998 Stadtrat geworden ist, war er plötzlich auch in der Situation, ein sehr hohes Politikereinkommen zu beziehen. In Erinnerung an die Tradition der Pariser Kommune war klar, man behält sich nur ein durchschnittliches Facharbeiter:inneneinkommen und mit dem Rest hilft man ganz konkret Menschen in Notlagen.

Und wie kommt das Geld dann von euch an die Menschen?

Bei Elke Kahr oder bei mir ist das zum Beispiel so, dass wir in unseren Sprechstunden mit den Menschen besprechen, wo wir helfen können. Bei mir geht es da um rund 4.500 Euro im Monat, die ich weitergeben kann. Seit 2017 sind das über 560.000 Euro, mit denen ich Menschen unterstützen konnte. Das sieht erstmal nach viel Geld aus, aber es kommen natürlich auch sehr viele Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Oft geht es darum, schnelle Hilfe zu organisieren, wenn es zum Beispiel um einen Mietrückstand geht. Wir überweisen dann etwa einen Teilbetrag auf das Mietenkonto und treten mit der Hausverwaltung in Kontakt. Wir sagen ihnen: „Schauen‘s her, die Frau Müller ist gerade bei uns und von mir kommt jetzt erstmal ein Teil und wir werden aber auch noch weitere Wege gehen“, etwa mit Ansuchen bei der Volkshilfe oder dem städtischen Sozialamt. Mitunter gelingt es uns so, die Einschaltung eines Anwalts und die damit verbundene Kostenspirale zu verhindern. In anderen Fällen geht es um Heilbehelfe, Medikamente oder Zuzahlung zu Schulausflügen.

Konkrete Hilfe im Bedarfsfall ist die eine Seite, aber im Idealfall gelingt es in Regierungsverantwortung die allgemeine Lage so zu verbessern, dass die Menschen gar nicht mehr in diese prekäre Lage kommen. Welche Erfolge sind euch in den letzten Jahren gelungen und wo seid ihr aber auch Hindernissen begegnet?

Ein ganz wichtiger Punkt sind dabei die Gemeindewohnungen. Die Stadt Graz hat rund 4.500 stadteigene Wohnungen. Dazu kommt ein etwa gleich großer Anteil an Übertragungswohnbauten von Genossenschaften, bei denen die Stadt das Zuweisungsrecht hat. Bei den stadteigenen Gemeindewohnungen hat die Stadt einen Mietendeckel eingeführt. Das bedeutet, dass die Mieten im Zeitraum von 2021 und 2026 um nicht mehr als 4 Prozent in fünf Jahren gestiegen sind. Zum Vergleich: Auf dem privaten Wohnungsmarkt sind die Mieten teilweise zweimal im Jahr um über 4 Prozent gestiegen. Gleichzeitig haben wir 420 neue Gemeindewohnungen in dieser Periode bauen können. Insgesamt wurden knapp 1.500 Gemeindewohnungen in Zuständigkeit der KPÖ gebaut. Bei den Gemeindewohnungen, als wichtige Form des öffentlichen Eigentums, hat die Kommune einen wichtigen Gestaltungsspielraum. Zum einen kannst du Menschen ganz konkret mit leistbarem öffentlichen Wohnraum versorgen und zum anderen trittst du in Konkurrenz zum freien Wohnungsmarkt. Idealerweise kannst du so dafür sorgen, dass Menschen in prekären Wohnungssituationen keinen überteuerten Wohnraum in schlechter Qualität annehmen müssen. Gleichzeitig haben wir seit den 90er-Jahren den Mieter:innennotruf der KPÖ eingerichtet. Auf dem privaten Wohnungsmarkt kommt es natürlich immer wieder zu Auseinandersetzungen von Menschen mit ihren Vermietern oder Immobilienkonzernen und die haben meist gut bezahlte Anwälte auf ihrer Seite. Wir versuchen Rechtshilfe zu geben, informieren die Menschen und bestärken sie ihre Rechte durchzusetzen. Das kann ich zum Bereich des Wohnens sagen. Gleichzeitig gibt es bei uns in Graz etwa die sogenannte Sozialcard, auch eine Errungenschaft, der eine langjährige Kampagne der KPÖ vorausging. Die Sozialcard ist ein Angebot für Menschen mit geringem Einkommen. Mit ihr hat man zum Beispiel Anspruch auf die Sozialcard-Mobilität. Das ist ein Jahresticket für die öffentlichen Verkehrsmittel für nur 60 Euro. Das ist in dieser Form beispiellos in ganz Österreich. Es gibt dann noch verschiedene weitere Unterstützungen wie Weihnachtszuzahlungen, Heizkostenunterstützung oder zum Beispiel ein Schulstartgeld für Familien. Wir haben in unserer ersten Amtszeit den Bezieher:innenkreis auch auf Menschen mit geringem Arbeitseinkommen ausweiten können. Bis dahin waren Berufstätige ausgeschlossen und nur Menschen, die von geringen Pensionen oder Sozialunterstützung leben müssen, hatten ein Anrecht auf die Sozialcard. Das war immer eine toxische Linie. Wenn die Menschen, die für niedrige Löhne arbeiten, das Gefühl haben, von etwas ausgeschlossen zu sein, während die, die noch etwas weniger haben, ein Anrecht darauf haben, dann kann das für den Aufbau von Klassenbewusstsein und Klassensolidarität enorm giftig sein. Nun konnten wir das ausweiten.

Für uns ist es von Anfang an ein strategisches Anliegen gewesen, die Stadt so umzubauen, dass sie eine Stadt an der Seite der Bevölkerung ist. Uns ist dabei natürlich klar, dass wir, ob mit 29 Prozent oder eben nun 35 Prozent der Stimmen, nicht den Sozialismus auf kommunaler Ebene aufbauen können. Die großen Machtverhältnisse bleiben bestehen, aber dennoch ist es wichtig, wer an wessen Seite steht. Darum wollten wir Einrichtungen schaffen, an die sich die Menschen wenden können. Ganz egal, ob das nun bei Pflege- oder Gesundheitsfragen die „Gesundheits- und Pflegedrehscheiben“ sind, die Stadtteilarbeit oder eben die neu eingerichtete Erstberatung des Sozialamtes, eine Wohnberatung oder eine Wohnungsinformationsstelle ist. Ich halte es für einen sehr wichtigen Baustein einer solidarischen Stadt, dass die Menschen vor dem Hintergrund so vieler Krisen und deren Auswirkungen auf das Leben, Anlaufstellen haben und nicht mit ihren Problemen alleine sind. Wenn Menschen keine passende medizinische Versorgung finden, Pflegefragen anstehen, der eigene Gatte oder die Eltern an Demenz erkrankt sind, jemand bei Wohnungsfragen nicht mehr weiter weiß, dann sind das ganz konkrete Fragen.

Natürlich kannst du als marxistische Linke, als Kommunistische Partei Erklärungen für viele große Fragen unserer Zeit darlegen, die Hintergründe erläutern und Analysen abliefern. Auch das ist selbstverständlich wichtig. Aber es gibt eben auch die realen Situationen, in denen Menschen sagen: Ich habe dieses Problem, hier brauche ich Hilfe. Es ist sehr wichtig, dass diese Hilfe im Alltag greift und erfahrbar ist. Wir kämpfen in diesen Fragen ja auch gegen ein neoliberales und rechtes Denken, gegen die Entsolidarisierung sowie gegen das Gefühl von Ohnmacht. Dabei ist es entscheidend, dass möglichst niemand das Gefühl hat, vergessen und im Regen stehen gelassen zu werden. Als Kommunistische Partei ist das für uns auf der kommunalen Ebene ein ganz wesentliches Werkzeug. Das Vertrauen der Menschen kann nicht nur auf der abstrakten Ebene, sondern eben auch durch konkrete Hilfe im Alltag erworben werden. Man könnte jetzt einwerfen, dass das alles nur „Kümmerer- oder Caritaspolitik“ sei. Es geht aber um die Frage, ob Menschen ein Selbstvertrauen von unten und Klassenbewusstsein entwickeln. Also ob sie ein Verständnis dafür entwickeln können, dass eine Gesellschaft auch anders sein kann, als das was tagtäglich an neoliberaler und rechter Propaganda auf unsere Köpfe einhämmert. Von den Herrschenden heißt es, dass dir am Ende eh keiner helfen wird. Durch unsere Arbeit konnten aber viele Menschen die Erfahrung machen, dass wir hier starke Netzwerke und ein stabiles Sicherungssystem aufgebaut haben. Das ist letzten Endes auch immer eine ideologische Auseinandersetzung mit der neoliberalen und kapitalistischen Hegemonie, die darauf abzielt, alles was an sozialen Sicherungssystemen und Solidaritätsnetzwerken da ist, zu zerschlagen und dem freien Markt zu überantworten. Es wird die Wahrnehmung geschaffen, dass die öffentliche Verwaltung ineffizient, faul und nicht tauglich sei. Wenn Menschen dann die Erfahrung machen, dass eine öffentliche Verwaltung nicht gut funktioniert, dann ist das natürlich Wasser auf die Mühlen eben dieser Kräfte.

Daher ist es im Umkehrschluss eine Grundvoraussetzung für eine revolutionäre Realpolitik, dass du im Alltag der Menschen Lösungen anbieten kannst. Erst dann kann in den Menschen das Vertrauen wachsen, dass die Dinge im Kleinen wie im Großen eben auch anders und vor allem besser werden können. Daher sagen wir, dass einer unserer größten politischen Gegner die Resignation und die gefühlte Ohnmacht ist. Wir haben 2021 den großen Auftrag angenommen, das zu durchbrechen und haben diesen Auftrag nun ein weiteres Mal erhalten. Die Geschichte wird am Ende bewerten, ob uns das gelungen ist oder nicht.

Du hattest den privaten Wohnungsmarkt angesprochen. Wenn Menschen in Mietrückstand geraten kommen Zwangsräumungen schnell auf die Tagesordnung und sind ein großes Problem. Anderen wird Strom oder Heizung abgestellt, wenn nicht mehr gezahlt werden kann. Habt ihr als Kommune dabei irgendwelche Möglichkeiten einzugreifen?

Gegen Räumungen im privaten Sektor haben wir als Kommune leider keine Handhabe. Bei der Bedrohung durch Zwangsräumung besprechen wir aber natürlich mit den Betroffenen etwa, ob eine solche abzuwenden ist, ob eine neue Form der Wohnungsversorgung besser wäre und wie die zu finden ist. Wir haben dafür auch eine Wohnberatung des städtischen Sozialamtes neu eingerichtet. Die hilft bei der Wohnungssuche und soll zugleich präventiv wirken, dass Menschen überhaupt ihre Wohnung verlieren. Beim städtischen Energieanbieter ist ausgeschlossen, dass Strom oder Heizung in den Wintermonaten abgeschaltet werden, denn das ist schlichtweg unmenschlich. Gleichzeitig haben wir Unterstützungsangebote für Strom- oder Heizkosten. Wir haben einen Umverteilungsmechanismus, bei dem ein Teil der Einnahmen des städtischen Energieanbieters verwendet wird, um Menschen in Energienot unter die Arme zu greifen.

Lass uns auf den Regierungsstil der KPÖ zu sprechen kommen. Wie garantiert ihr möglichst hohe Transparenz, Bürgernähe und eine Beteiligung der Bevölkerung an der Stadtpolitik?

Wir haben dafür gesorgt, dass in allen Gremien, die vom Gemeinderat beschickt werden, alle Fraktionen vertreten sind. Das war nicht immer so. Bis 2021 war die KPÖ etwa von allen Aufsichtsräten ausgeschlossen, trotz der Tatsache, dass wir schon lange zweitstärkste Partei waren. Man hatte offensichtlich Angst vor unserer Kontrolle. Wir haben das nun geändert, um mehr Transparenz und Kontrolle zu ermöglichen, denn wir haben nichts zu verbergen. Gleichzeitig haben wir auch die Postenvergabe in der Stadt Graz objektiv und transparent gemacht. Vorher war es üblich, Parteibuchwirtschaft zu betreiben und die eigenen Günstlinge in guten Positionen unterzubringen. Das haben wir abgeschafft und das wird auch von der Bevölkerung sehr geschätzt.

Zugleich kümmern wir uns als Bürgermeisterin oder Stadtrat zusammen mit unseren Teams darum, alle eingehenden E-Mails zu beantworten. Wenn Grazer:innen uns schreiben und Anliegen, Fragen oder auch Kritik vorbringen, bekommen sie eine Antwort. Manche sind dann sehr erstaunt, wenn die Bürgermeisterin am Sonntagabend um 23 Uhr zurückmeldet: „Vielen Dank für Ihr Schreiben“. Manche Menschen sagen, sie können das gar nicht glauben. Aber das sagt auch mehr über den Regierungsstil der bürgerlichen Parteien zuvor aus. Wir sind auch selbst Teil des städtischen Lebens. Man kann die Bürgermeisterin persönlich auf Straßenfesten, im Bus oder in der Straßenbahn ansprechen. Für uns hat das auch den Nutzen, dass wir so schneller merken, was den Menschen unter den Nägeln brennen. Dazu gibt es städtische Formate der Beteiligung, wie den Bürger:innenbeirat, aber unsere Erfahrung ist, dass du über die städtischen Formate oft nur einen kleinen Ausschnitt erreichst. Daher ist das, was uns die Leute auf der Straße oder beim Einkaufen mitteilen, so enorm wichtig.

In der Bundesrepublik Deutschland haben viele Kommunen damit zu kämpfen, dass beim Budget immer weiter gedrückt wird, während immer mehr Lasten auf die Kommunen abgewälzt werden. Wie ist das in Österreich?

Das ist in Österreich ähnlich. Die Kommunen sind immer das letzte Glied der Kette, bekommen immer mehr Aufgaben und sind gleichzeitig unterfinanziert. Wir haben noch obendrauf zwei große Belastungsbrocken in der vergangenen Periode hinzubekommen. Einerseits die nicht gegenfinanzierte Steuerreform der schwarz-grünen Bundesregierung und andererseits ein Pflegefinanzierungsgesetz auf steirischer Ebene, die beide mit vielen Millionen den Grazer Haushalt jährlich belasten. Das hat zu enormen Herausforderungen geführt. Gleichzeitig setzt Österreich eine neoliberale Budgetpolitik fort und verschärft diese sogar noch. Selbst eine Anpassung der Grundsteuer, welche den Kommunen unmittelbar zugutekommen würde, wird von der ÖVP vehement abgelehnt und blockiert. Man hat das Gefühl, die ÖVP lässt lieber die eigenen Bürgermeister sprichwörtlich verhungern und etwa Freibäder schließen, anstatt eine minimale Reform der seit den 1970er-Jahren unveränderten Grundsteuer zuzulassen. Das ist Klassenkampf von oben, der die Vermögenden schont und für leere öffentliche Kassen sorgt. Dementsprechend stehen wir vor großen Herausforderungen. Wir haben in der vergangenen Periode viel investieren können und mussten das auch tun, denn der Aufholbedarf war riesig. Da geht es von Kanalsanierungen, dem Neubau der Kläranlage bis hin zum Ankauf von neuen Straßenbahnen und Bussen. In Graz fahren zum Beispiel immer noch Straßenbahnen aus den 70er-Jahren, die längst am Ende ihre Laufzeit angekommen sind. Wir haben daher viel Geld für den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, aber auch für die Begrünung von Straßenzügen und vielem mehr in die Hand genommen.

Nun befinden wir uns in einer Phase des budgetären Verteidigungskampfes. Dabei geht es uns vor allem um die Absicherung der sozialen Infrastruktur und des öffentlichen Eigentums unserer Stadt. Auch in der Wahlauseinandersetzung war das eine große Frage. Gerade wird in vielen steirischen Städten öffentliches Eigentum verkauft, insbesondere Gemeindewohnungen. Wir verstehen die Stärkung der KPÖ bei den Grazer Wahlen auch als einen klaren Auftrag der Bevölkerung, dass bei uns nicht über die Privatisierung von Gemeindewohnungen diskutiert wird. Das haben wir im Wahlkampf deutlich gemacht und hier lagen auch die größten Reibungspunkte mit den bürgerlichen und rechten Parteien. Insgesamt aber wissen wir, dass wir nun von einem Offensivkurs, den wir in den letzten Jahren fahren konnten, nun in eine andere Phase übergehen, in der es vor allem um die Absicherung des Bestehenden gehen wird. Damit geben wir uns aber nicht zufrieden: Wir werden als Kommunistische Partei weiter auf außerparlamentarischen Protest und soziale Bewegungen setzen, etwa für eine Reichensteuer statt Belastungspaketen oder ein Ende der milliardenschweren militärischen Aufrüstung, die auch in Österreich zulasten von leistbarem Wohnen, Gesundheit oder Bildung geht.

Im zweiten Teil des Interviews sprechen wir mit Robert Krotzer über die Frage der Regierungsbeteiligung, die Neuausrichtung sozialistischer Politik im 21. Jahrhundert und Kaderpolitik.

Foto: https://commons.wikimedia.org

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Der vorliegende Text ist eine Antwort auf den Debattenbeitrag Wenn es weiter gehen soll – Eine Kritik des Antirevisionismus in der kommunistischen Bewegung. Der Autor dieses Textes ist seit mehreren Jahren Teil der kommunistischen Bewegung in Deutschland und versteht sich selbst als Antirevisionisten. Die folgende Antwort auf den Debattenbeitrag ist dabei aus einer Diskussion zwischen dem Autor und weiteren Personen entstanden.

Von Max K.


Zunächst will ich dem Autor von „Wenn es weiter gehen soll“, David Meyn, danken, dass er einige Fragen aufgeworfen hat, über die es sich lohnt, über Organisationsgrenzen hinaus zu diskutieren. Wie schaffen es Kommunist:innen, Menschen zu begeistern, zu organisieren, zu bilden und zu halten? Welche Probleme und Fallstricke gibt es hierbei? Insbesondere in der jetzigen Phase der kommunistischen Bewegung in Deutschland, in der endlich wieder Zirkel und Gruppen in allen möglichen Städten aus dem Boden sprießen und eine lebendige Praxis zu entwickeln versucht wird, sind diese Fragen sehr aktuell. Die von David Meyn aufgeworfenen Fragen kann ich weder in diesem Text noch allein beantworten. Mir geht es um etwas viel Einfacheres: Den vom Autor als Problem ausgemachten Antirevisionismus sehe ich nicht nur nicht als Problem, sondern viel mehr als Notwendigkeit für jede fruchtbare Auseinandersetzung mit den Fragen der Organisation. Und dabei hat David Meyn teilweise recht, wenn er den Dogmatismus von Leuten kritisiert, die sich gerne schillernde Labels geben. Allerdings verliert er sich selbst in den Begriffen.

Zweimal Antirevisionismus

Antirevisionismus – was ist das? Der Antirevisionismus ist eine politische Selbstbezeichnung und Kritiklinie innerhalb der sozialistischen bzw. kommunistischen Bewegung. Kommunist:innen, die sich als antirevisionistisch bezeichnen, stellen sich damit in eine doppelte Tradition des Marxismus. Die erste begann um 1900. Der alte Revisionismus innerhalb der damals noch als Sozialdemokratie bezeichneten Bewegung war eine selbstbewusste Bezeichnung von eher theoretischen Akteur:innen, die Grundlagen, welche von Marx und Engels etabliert worden waren, „neu betrachten“ wollten, also einer „Revision“ unterziehen wollten. Die Grundlagen, um die es vor allem ging, waren die des Klassenkampfs und der Dialektik. Revisionisten wie Eduard Bernstein behaupteten, dass der Klassenkampf nicht der Motor für die Schaffung einer neuen Gesellschaft sei. Statt durch Kampf könne der Sozialismus durch Kooperation erreicht werden. Genauso verfährt Bernstein mit der Dialektik, die er eine „metaphysische Konstruktion“ nennt, was nur ein philosophisches Echo seiner Leugnung des Grundwiderspruchs in der Gesellschaft ist. Rosa Luxemburg und andere revolutionäre Marxist:innen widersprachen vehement. Werke wie „Reform oder Revolution“ von Luxemburg und auch „Was tun?“ von Lenin wenden sich gegen diese Formen der Revision des Klassenkampfs und bilden daher selbst ideologische Pfeiler für jede weitere Debatte um die Frage des Klassenkampfs und seiner Organisation. Der Begriff Revisionismus spielte seitdem immer wieder eine Rolle und bezeichnete aus der Sicht leninistischer Kommunist:innen, insbesondere in der Dritten Internationale, selbsternannte Marxist:innen, die den Klassenkampf ausblenden, abschwächen oder anderweitig relativieren wollten. Die Leugnung oder Abschwächung des Klassenkampfs wird im Übrigen nicht immer offen ausgesprochen. Deshalb muss sich auch jede Kritik des Revisionismus durch allerlei Phrasen und Begriffe kämpfen, also enthüllen. Abgrenzung kann hier nur durch enthüllende Kritik erreicht werden und sollte keine Selbstversicherung von Identität sein.

Wiederbelebt wurde der Begriff Antirevisionismus erneut in der sogenannten Großen Debatte ab Mitte der 1950er Jahre. Auf der einen Seite stand die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) mit Mao Zedong als zentraler Person. Mit ihr verbündet war die Partei der Arbeit Albaniens (PAA) mit Enver Hoxha als Vorsitzendem. Auf der anderen Seite waren die Parteien um die Kommunistische Partei der Sowjetunion (KpdSU) unter ihrem damaligen Generalsekträr Nikita Chruschtschow. Die KPCh und die PAA warfen Chruschtschow und der KPdSU vor, in den Debatten um die Ausrichtung der internationalen kommunistischen Bewegung in den 1950ern den Klassenkampf verworfen zu haben. Der Kalte Krieg war damals im vollen Gange und die USA hatten blutrünstig und beeindruckend die Macht ihrer Atomwaffen in Japan gezeigt. Chruschtschow und andere behaupteten, durch die Atomwaffenbedrohung sei eine vollkommen andere Weltlage angebrochen, in der Revolutionen nun vor allem friedlich zu verlaufen haben und man auf Weltebene mit dem Imperialismus strategisch kooperieren müsse, um Krieg zu verhindern. Mao, Hoxha und wenige andere widersprachen hier vehement, denn der Imperialismus erzeuge nun einmal Krieg und könne letzten Endes nur durch Klassenkampf, ob im Weltmaßstab oder in einem einzigen Land, besiegt werden. Sie benutzten den Begriff Revisionismus polemisch, indem sie Chruschtschow und anderen also vorwarfen, sich genauso wie Bernstein zu verhalten. Damit stellten sie sich selbst in die Tradition Lenins. So erzeugten sie eine eigene Richtung im Kommunismus, die den bewaffneten Kampf, das aktive Aufgreifen revolutionärer und kämpferischer Bewegungen und die Kritik des Bürokratismus und der zynischen Geopolitik im Blut hatte. Diese Richtung knüpfte an die Revisionismuskritik Lenins und anderer an, aber auf einer für die Zeit aktuellen Ebene, und beantwortete so die Zeitfragen; damit entwickelte sie den Marxismus in der Polemik weiter und verteidigte ihn gleichzeitig. In der Debatte ging es dabei noch um andere Fragen, wie etwa das Verhältnis zum aus dem sozialistischen Lager ausgescherten Jugoslawien unter Tito und die Frage der Bewertung des damals vergleichsweise frisch verstorbenen Josef Stalins, der durch Chruschtschows Geheimrede auf dem 20. Parteitag der KPdSU massiv angegriffen worden war. In den Büchern „Die Polemik über die Generallinie der Kommunistischen Bewegung“ und “Proletarier aller Länder vereinigt euch gegen den gemeinsamen Feind!“ wendete sich die KPCh gegen viele Positionen verschiedener Kommunistischer Parteien. Ich will hier nur eine dieser Auseinandersetzungen hervorheben, und zwar die Kritik der KPCh an Palmiro Togliatti, dem Vorsitzenden der KP Italiens. Dieser sollte mit gehöriger parlamentarischer Rückendeckung die Linie der Sozialdemokratie in die kommunistische Bewegung wieder einführen, also Kompromiss und Bündnis mit der Bourgeoisie unter dem Stichwort der „nationalen Besonderheiten“. Dieser besondere Weg sollte seine Erben, die sogenannten Eurokommunist:innen, die die Öffnung gegenüber der bürgerlichen Politik auf die selbstauflösende Spitze trieben, dazu führen, dass sie heute in Gestalt stinknormaler Sozialdemokrat:innen durch die italienische Politik geistern, die NATO mitverwalten und die EU mit aufbauten.

Die „Polemik“ und andere Texte der KPCh spielen meiner Wahrnehmung nach heute eine im Vergleich zu Lenin und Luxemburg sehr geringe Rolle innerhalb der deutschen kommunistischen Bewegung. In den 1960er und 70ern waren sie aber der heiße Scheiß für Kommunist:innen, die vom Legalismus der Moskau-orientierten KP’s abgestoßen waren, die Sowjetunion als zunehmend bürokratisiert und auf Weltebene ähnlich wie die USA agierend wahrnahmen. So spaltete sich die kommunistische Weltbewegung. Aus Sicht der Seite um die KPCh gliederte sich diese in Antirevisionist:innen und Revisionist:innen. Selbstverständlich nahm die KPdSU diese Begriffe nicht an.

Bewaffneter Kampf und Parlamentarismus

Man kann diese zweite antirevisionistische Bewegung der 1960er, in deren Tradition sich Menschen stellen wollen, die heute den Begriff Antirevisionist:in benutzen, als Ausgangspunkt fast aller bewaffneten Parteien und Bewegungen ansehen, die heute noch eine Rolle spielen. So verschiedene Akteure wie die PKK, die DHKP/C, die MLKP, die TKP – ML, die MKP (alle aus Nord-Kurdistan und der Türkei), die Zapatistas der EZLN aus Mexiko, die CPP der Philippinen und die CPI (Maoist) aus Indien stehen über kurz oder lang in dieser Tradition, obwohl sich davon nicht mal alle als Kommunist:innen oder gar als Antirevisionist:innen bezeichnen. 

Ähnlich ist das auch bei vielen bewaffneten Gruppen, die es heute nicht mehr gibt, wie die RAF, die Brigate Rosse aus Italien, die CCC aus Belgien und die GRAPO aus Spanien. Auch gibt es hier, wie in jeder politischen Tradition, hunderte gescheiterte Projekte und Parteien, wie die meisten K-Gruppen Deutschlands. Antirevisionismus ist also offensichtlich kein Erfolgsgarant. Es gibt meines Wissens nach keine kämpfende Partei oder Gruppe, die in der Tradition Chruschtschows oder der KPdSU steht. Vielmehr verfolgen diese Parteien bis heute verschiedene legale Strategien und vor allem den Parlamentarismus. Je nachdem, wie sich Parteien und Gruppen selbst einordnen, wird man auch noch sehr viele Detailpositionen und Zusätze hinzufügen wollen. Ganze Gruppen und Parteien wollen den Spieß sogar historisch umdrehen und behaupten gar, dass Mao und die KPCh Revisionisten seien. Unabhängig von diesen Positionen ist die Definition des Antirevisionismus innerhalb der kommunistischen Bewegung aber wie oben genannt entstanden und wenn einzelne Gruppen das anders sehen, belügen sie sich einfach selbst.

Dogmatisches und Undogmatisches

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Die Kommunist:innen Deutschlands lassen sich hierzulande wie immer in verschiedene Strategielinien, Traditionen und Ansätze unterteilen. Das ist schon immer so gewesen und das vielleicht Vernünftigste ist hier, allen erstmal ehrlich viel Erfolg zu wünschen, Einheit da zu suchen, wo es geht, und gemeinsam zu kämpfen. Das Blödeste ist Sektierertum, also ohne oder mit nur sehr schwacher Begründung in erster Linie Abgrenzung zu suchen. 

Das Wünschenswerteste hier wäre natürlich, wenn die verschiedenen Ansätze auf Augenhöhe (und nicht um der Polemik willen) miteinander diskutieren würden, das findet aber leider sehr wenig (oder sehr wenig öffentlich) tatsächlich statt. Aber was ist nun das eigentliche Problem? David Meyn behauptet, ausgehend von einer eigenen Definition des Antirevisionismus, dass das Festhalten an diesem Begriff zu allerlei Fehlern bis hin zum bürokratischen Umgang mit den eigenen Organisationsmitgliedern führen würde. Ich würde zustimmen, wenn er hier stattdessen den Begriff Dogmatismus benutzt und ausgeführt hätte. Zwar ist auch dieser umstritten, aber er passt doch viel mehr auf die beschriebenen Probleme eines zu starken Identitätsgehabes und einer Ablehnung von wirklichen Bewegungen (wie bspw. der Frauenbewegung). Dogmatiker:innen wollen „reine“ Organisationen erzeugen, sie leiten die Wahrheit einer Aussage, einer Praxis oder einer Strategie nicht aus der wirklichen Welt ab, sondern aus Begriffen und Texten. Im Extremfall laufen sie weder den Bewegungen davon noch hinter diesen her, sondern stehen beleidigt am Rand. Im Übrigen gibt es diese Dogmatiker:innen zuhauf im Antirevisionismus. Das sind Leute, die bspw. Stalins oder Hoxhas Texte einfach nachbeten und sich überhaupt nicht darum scheren, wie der Leninismus in Deutschland denn konkret anwendbar ist, weil er für sie ja einfach allmächtig, weil wahr ist. Punkt, aus, Ende. Dutzende Parteikulte sind so geboren worden und starben schnell wieder an der nicht vorhandenen Konkretisierung der eigenen Analyse bzw. überleben als Zombies insbesondere in den Zentren des Imperialismus. Stalin zu verteidigen reicht offensichtlich nicht aus.

Dogmatismus ist aber nicht Prinzipientreue und hier verfällt David Meyn tendenziell in einen anderen Fehler: Er leitet aus der Benutzung von Symbolen wie Hammer und Sichel, der Verknüpfung offener Bereiche mit einem direkteren Antikapitalismus und der Beschäftigung mit kommunistischer Theorie vor 1950 ab, dass es Leute in der kommunistischen Bewegung gebe, denen die Identität wichtiger sei als die Bewegung, allein weil sie oben Genanntes tun. David Meyn tut sogar so, als würden die obigen Handlungen zwangsweise zu Bürokratie, geringem gesellschaftlichen Einfluss und patriarchalen Ansichten führen. Seine Position klingt so, als müsste man sich stattdessen inhaltlich so breit wie möglich aufstellen, von allen Ansätzen irgendetwas Positives nehmen und vor allem voneinander lernen. Er dreht damit den von ihm kritisierten Dogmatismus der Antirevisionist:innen einfach um, indem er ihm einen ebenso dogmatischen Antidogmatismus entgegensetzt, der gar nicht weiß, was er wirklich gut findet – nur soll’s eben ja nicht dogmatisch sein.

David Meyn spricht von den Folgen der Selbstdefinition als Antirevisionist:innen. Er sagt, diese führt dazu, dass man sich selbst als im Besitz einer absoluten Wahrheit sieht. Absolute Wahrheiten zu propagieren will jeder und jeder auch nicht. Alle sind irgendwie selbstkritisch und doch überzeugt von ihren Positionen. Aber klar, wenn man eine Position hat und sich gegenüber anderen abgrenzt, dann kann es schnell sektiererisch und predigend werden. Auch hier kennt die Tradition des Antirevisionismus Mittel und Wege, um aus diesem Dilemma herauszukommen.

Positionen und Wahrheiten haben Mao und andere nicht am Reißbrett entworfen oder gefunden. Sie haben vor allem Menschen zugehört, Fortschrittliches aufgegriffen, Reaktionäres abgelehnt und versucht, die Ideen und Gefühle der Menschen, die sie befreien wollten, selbst waffenfähig zu machen. Anstatt allgemeine Wahrheiten zu propagieren, die ein kleiner Zirkel für sich auskocht, gingen viele Antirevisionist:innen wirklich unter die Menschen und versuchten, von diesen zu lernen. Das tun sie auch heute noch. Ob im indischen Hinterland unter bitterarmen Bäuer:innen oder in den Slums von Manila. Ich denke, es ist wichtig, auf den Fehler zu achten, den David Meyn anspricht, ich denke aber nicht, dass er in die DNA des Antirevisionismus eingebaut ist. Dogmatismus ist Denk- und Bewegungsfaulheit, gegen die Antirevisionist:innen seit Jahrzehnten kämpfen, obwohl ihr einige leider selbst zum Opfer fallen.

Offenheit

Zwar mag es Leute geben, denen Identität wirklich wichtiger ist als die eigentlichen Ziele des Kommunismus. Aber wieso sind Antirevisionismus und Offenheit denn Gegensätze? Wieso kann man nicht eine Identität haben, die sich in der Geschichte verankert, aber Bündnissen, Zusammenarbeit und Selbstkritik gegenüber offen ist? Wieso kann eine prinzipientreue Identität eben nicht vor allem aus einer Offenheit gegenüber Bewegungen, einer Bereitschaft zur Anwendung und zum Ausbau des Marxismus und zu Bündnisfähigkeit bestehen? Ich würde behaupten, dass es vor allem der Antirevisionismus war, der Offenheit gegenüber Klassenkämpfen behalten hat und der politischen Einfluss nicht über Parlamente bilden wollte, sondern Selbstermächtigung von Unterdrückten zum Ziel hatte. Der eine reiche und blutige, fehlerbehaftete und inspirierende Geschichte besitzt, die immer noch nicht wirklich erschlossen ist. Hingegen können die Parteien, die sich auf das Parlament konzentrieren, vom Klassenkampf nur noch theoretisch reden und sich gegenüber Frauenbewegung, queeren Kämpfen und politischen Widerstandsbewegungen (seien es Klima- oder Antifagruppen) nur naserümpfend abwenden, das gerne weiter tun. Am Ende finden sich immer Ausnahmen, und auch die Theoretiker:innen, die in Moskau-treuen Parteien schrieben, und selbst diese Parteien haben es verdient, ehrlich behandelt zu werden und auf Verdienste und Fehler abgeklopft zu werden. Aber es waren vor allem Menschen der antirevisionistischen Bewegung, die den Kommunismus als Bewegung am Leben gehalten haben, als 1991 der Warschauer Pakt zusammenbrach, China schon lange den Markt zum obersten Prinzip erklärt hatte und in den imperialistischen Zentren nur noch von Multitude und dissidentem Drittel gesprochen werden durfte. Heldenhaft und traurig gescheiterte Volkskriege in Nepal und Peru oder noch laufende in den Philippinen und Indien, eine Verbindung mit den nationalen Befreiungskämpfen wie in der Türkei und Kurdistan oder ganz einfach ein Aufrechterhalten des Kommunismus als militante und revolutionäre Praxis in den imperialistischen Zentren der Welt – all das geht auf das Konto von Antirevisionist:innen.

Zurück in die 2000er

Bei David Meyn finden wir tendenziell eine Meinung wieder, die in der linksradikalen Bewegung Anfang der 2000er und 2010er Jahre noch viel verbreiteter war. Nämlich ein Misstrauen gegenüber klaren Prinzipien, Hammer und Sichel und eindeutiger Sprache. Dieses Misstrauen hat seine Berechtigung. Viele K-Gruppen in Deutschland sind krachend gescheitert. Im besten Fall sind ihre Mitglieder nach dem Zusammenbruch der Organisation in politischen Widerstandsbewegungen und der Roten Hilfe aufgegangen, im schlimmsten Fall sind sie durchgedrehte Antideutsche und imperialistische Grüne geworden. Dazwischen findet sich alles, vom in der Linkspartei aufgelösten Parteiaufbau bis hin zur überlebten K-Gruppe, die isoliert vom Rest der kommunistischen Linken ihrer eigenen Wahrheit dient. Die K-Gruppen haben ihre eigene Geschichte des Sektierertums und Fehler, die man nicht zu wiederholen braucht. Aber auch Erfahrungen und Probleme, die heute wieder eine Rolle spielen werden. Wieso diese Geschichte nicht aufnehmen und aufgreifen? Es gibt eine Form des Dogmatismus, die dogmatisch alles vermeiden möchte, was Antikommunismus weckt, erkennbar macht, in welcher Tradition wir stehen, und steif jede linke Tradition aufgreift, die irgendwie kritisch gegenüber Lenin, Stalin oder Mao war. Diesen Dogmatismus brauchen Linke genauso wenig wie Misstrauen gegenüber dem Feminismus, der queeren Bewegung und migrantischer Selbstorganisation oder nach innen gerichtete Organisationen mit der Wahrheit™ .

Viel interessanter als die Diskussion über den Inhalt und die vermeintlichen Folgen verschiedener Begriffe wäre eine Auseinandersetzung über die Fehler und Verdienste des letzten großen Aufschwungs des Kommunismus in Deutschland und der Welt. Weil wir so vielleicht auch voraussehen könnten, welche Probleme in der Zukunft warten. Statt so zu tun, als wäre keine Position zur Vergangenheit eine richtige, wäre es wichtig, wenn sich mehr Menschen überhaupt mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen würden. Niemand sollte dabei Bücher vermeiden, die nach 1950 geschrieben wurden, Kälte gegenüber Menschen zeigen, Bewegungen nur noch verwalten und den Begriff des Patriarchats ablehnen. Offenheit zwischen Organisationen ist dabei wie bereits erwähnt kein Widerspruch zu Prinzipien. Wenn es weiter gehen soll, sollten wir mit wachem Blick in unsere Geschichte schauen und gleichzeitig die Bewegungen der jetzigen Zeit aufgreifen, organisieren und Menschen ermächtigen, das selbst zu tun. Marx sei Dank tun das bestimmt einige in Deutschland und ganz sicher auf der Welt schon.

Foto: Privat

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Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um einen Debattenbeitrag zur Tendenz des Antirevisionismus innerhalb der kommunistischen Bewegung. Der Autor selbst war lange Zeit aktiver Teil eines kommunistischen Projekts im Aufbau. Der Beitrag soll deshalb auch eine Selbstkritik der eigenen Praxis darstellen und nicht lediglich mit dem Finger auf die anderen zeigen.

Von David Meyn


Wir, die kommunistische Linke in Deutschland erleben gerade einen Aufschwung. Der Zulauf in unsere Bewegung hat merklich zugenommen, zumindest durch Jugendliche. Organisationen, wie zum Beispiel Perspektive Kommunismus oder der Kommunistische Aufbau sind es, die das Bild der radikalen Linken in den letzten vier Jahren bundesweit geprägt haben. Und dies zurecht.

Und trotz all dem Potenzial, das diese Organisationen in sich tragen, zeichnet sich doch immer merklicher eine Stagnation ab, um nicht zu sagen: Die Möglichkeit des Scheiterns dieser Projekte liegt spürbar in der Luft. Trotz des zunehmenden Zulaufs erhöht sich der gesellschaftliche Einfluss nicht. Zudem ist der Durchlauf in den Bewegungen enorm und es fehlt die Fähigkeit, Menschen über einen längeren Zeitraum zu binden. Dazu kommt, dass erste Spaltungen immer mehr Städte erschüttern. Aber woran liegt das? Worin liegt die immer präsenter werdende Gefahr des Scheiterns unseres Projektes postautonomer kommunistischer Organisation?

Dieser Text soll ein Beitrag sein, diese Frage auch von der inhaltlichen Ausrichtung her zu beleuchten. Dafür sollten wir uns einen Augenblick mit einer anderen, parallel verlaufenden Entwicklung beschäftigen, die allen aufgefallen sein wird. Diese Entwicklung könnte man sehr gut als „Verdichtung der Identität“ unserer Bewegungen bezeichnen. Hammer und Sichel feiern eine regelrechte Wiedergeburt. Die Bindung offener Bereiche an bestimmte Konfessionen des Antikapitalismus nimmt zu. Antworten auf die Fragen und Probleme unserer Gesellschaft werden immer einfacher und allgemeiner. Bücher und Diskurse, die nach 1950 geschrieben und geführt wurden, werden irrelevant. Ein Selbstverständnis wächst, das sich früher oder später mit dem Begriff des Antirevisionismus bezeichnet, oder bezeichnen lässt.

Antirevisionismus – was ist das? Antirevisionismus bezeichnet, dass wir nicht hinter eine Lehre (Vision), z. B. die des Marxismus, zurückgehen können, wenn wir die Wirklichkeit begreifen wollen. Nicht nur das, vielmehr ist es eine Selbstbezeichnung derer, die darin im Gegensatz zu anderen die Wahrheit erkannt haben. Nun wird dieser Bergriff geschichtlich erst ein wirklicher Kampfbegriff, als unterschiedliche Interpreten des Marxismus um ihre Deutungshoheit stritten. Als antirevisionistisch bezeichnen sich von da an all jene Organisierungen, die im Gegensatz zu anderen vergleichbaren Organisierungen den einzig wahrhaft wirklich antikapitalistischen Marxismus vertreten. Und darin liegt auch schon das große Problem, denn Kommunismus und Antirevisionismus meinen so gedacht das Gleiche. Nun ist aber die Dynamik des Antirevisionismus leider die, dass man sich diese Definition nur selber geben kann. Es liegt im Wesen der Sache, dass wohl niemand daherkommen und sagen kann: „Das da sind die Antirevisionist*innen!“, denn das impliziert: Man selber wäre eben nicht im Besitz der Wahrheit und ist damit eigentlich auch gar nicht in der Lage, beurteilen zu können, wer antirevisionistisch ist, und wer nicht. Damit wird aber Kommunistisch-Sein zu einer Sache der Selbstdefinition und nicht mehr der praktischen Wirklichkeit.

Begreifen wir den Kommunismus nicht als emanzipatorische Analyse, die sich praktisch zu behaupten hat, sondern als eine Weise der Selbstdefinition, erklären wir ihn damit zu einer absoluten Wahrheit, zu einem Glaubenssatz. Als dialektisch Denkende, die wir als Marxist*innen ja alle sein sollten, sehen wir gleich: Wer vom Absoluten ausgeht, kauft sich Probleme ein. Denn das Absolute kennt per Definition keine Widersprüche. Wer aber in einer Welt, deren Bewegungsprinzip der Widerspruch ist, die absolute Wahrheit verkündet, kann nicht mehr in der Lage sein, sich oder etwas weiterzuentwickeln.

Darum ist auch die einzige Dynamik, die das Absolute kennt, die der Verwaltung und nicht mehr die Entwicklung der Wirklichkeit. Verwaltung – das ist das Aussortieren, Überblenden oder unkenntlich Machen der Widersprüche, die einen Absolutheitsanspruch per Definition verneinen würden.

Was das im konkreten bedeutet, kann man sehr gut aufzeigen. Wir werden sehen, dass sich das durchaus mit einigen Erfahrungen, die wir in unseren Bewegungen machen können, deckt und dass das Ganze hier nicht bloß theoretisches Blabla ist.

Zum einen folgt aus der Verwaltung die zunehmende Abkehr von der Praxis in der Gesellschaft. Die Praxis wird mehr und mehr durch aktive Abgrenzung ersetzt. Das Handeln durch das Taktieren. Dadurch, dass nur noch die Selbstbestimmung zählt, verliert das Handeln gegenüber dem Verwalten seinen Sinn. Das Ziel, das wir uns als kommunistische Linke dadurch auszeichnen, die Organisation unserer Klasse zu sein, gerade weil wir in der Lage sind, am aufrichtigsten und produktivsten für unsere Klasse und die demokratische Gemeinschaft zu handeln, ist verschwunden. Wir gewinnen unsere Identität nicht aus unserem Handeln und der Stärke unseres Wollens, sondern zunehmend aus der Abgrenzung. Mit dieser Selbstdefinition durch Abgrenzung und nicht durch die Praxis verlieren wir, ob wir wollen oder nicht, die Gemeinschaft und ersetzen sie durch die Einheit. Und damit verlieren wir auch die Möglichkeit, sichtbarer Teil der Gemeinschaft unserer Gesellschaft zu werden, in der unsere Klasse lebt.

Es ist also kein Wunder, wenn trotz zunehmender Anhängerschaft der gesellschaftliche Einfluss gering bleibt. Aber auch in anderen Phänomenen findet diese Dynamik der Verwaltung ihren Ausdruck. Zum Beispiel darin, dass die innere Kälte und Vereinzelung in den Organisationen zunehmen kann, wo Gemeinschaft durch Einheit ersetzt wird. Aus der Notwendigkeit der Hierarchien in der Praxis wird dann vielerorts autoritäre Realität. Der starke, seine Überlegenheit zur Schau tragende Antifa-Gerechtigkeits-Ultra wird zum neuen und einzigen Prototypen der kommunistischen Bewegung. Eine Kommunismus-Maschine, unangreifbar wie die absolute Wahrheit selber. Verlierer*innen sind die, deren eigenes Interesse sich nicht mit dem der Vereinheitlichung deckt. Frauen müssen in diesem Kontext nur allzu oft ihre Hoffnungen auf Sicherheit innerhalb der Bewegung begraben und mancherorts auf die eigenständige Organisation ihrer Interessen verzichten. Dass die Gemeinschaft hinter dem Anspruch der Einheit zurückfällt, geht in manchen Organisationen sogar so weit, dass der Begriff des Patriarchats debattiert oder sogar ganz verworfen wurde. Auch in der Außenwirkung kann sich diese Abkehr von der handelnden Gemeinschaft hin zur abgrenzenden Einheit bemerkbar machen. Parolen aus leeren oder unzugänglichen Phrasen häufen sich und bleiben auf nur noch schlechte Propaganda, in denen man seine (nicht vorhandene) Wirkmacht zur Schau stellt, beschränkt. Agitation wird einziger Erfolgsmaßstab und Endziel der antirevisionistischen Organisation. Versteht sich von selbst, dass dieses aus dem Mehrgewinn an Anhänger*innen entstehende organisatorische Entwicklungspotenzial ungenutzt bleibt, denn der Gewinn an Mitgliedern ist für den Antirevisionismus nicht eine Erweiterung an Chancen, sondern erfüllt genau das Gegenteil: Jede*r Anhänger*in stellt einen Widerspruch weniger dar und ist bloß noch Ausdruck einer erfolgreich verwalteten Wirklichkeit. So bleibt es nicht aus, dass auch unsere Organisierungen immer mehr den Charakter politischen Preppertums annehmen können. Das Horten von Anhänger*innen, die im Endeffekt vergammeln, bis sie sich entschieden haben zu gehen und jedes weitere politische Tun ist dann vor allem Vorbereitung auf Tag X. Es häufen sich Erklärungen wie „unser Zeitpunkt ist einfach noch nicht gekommen“ oder „die Gesellschaft ist noch nicht so weit“ und man fragt sich „Wo bleibt der Aufstand?“, auf den wir uns doch vorbereiten und den der wissenschaftliche Marxismus, dessen Dialektik wir ad Acta gelegt haben, uns doch geweissagt hat.
Leider ist der Antirevisionismus seinem eigenen Anspruch nach nicht mehr in der Lage, die schmerzhaft erkämpfte Wahrheit, die uns die PKK in ihrer Selbstkritik zur Verfügung gestellt hat, zu erkennen. Nämlich dass die Selbstkritik in „Jenseits von Staat, Macht und Gewalt“ (Buch von Abdullah Öcalan (2004), Anm. d. Redaktion) keine Absage an die Zentralisierung darstellt, sondern eine Erkenntnis. Die Erkenntnis, dass dort, wo Organisationsprinzipien zu Naturgesetzen erklärt werden, wo Antirevisionismus zum bestimmenden Faktor der eigenen Wirklichkeit wird, die Macht auch innerhalb der Organisation, einen Selbstwert bekommt, der schlussendlich nur in einem enden kann: der Selbstzerstörung.

Nun es ist, wie es ist und unsere Bewegung befindet sich an einem Scheideweg. Es liegt nicht zuletzt auch an uns, ob wir unsere Identität darin entwickeln, unsere gemeinsamen Stärken auszutauschen, oder nicht. Denn voneinander lernen ist der leichteste, erste Schritt weg vom Antirevisionismus, hin zu einer wirkmächtigeren Bewegung. Und zu lernen gibt es viel. Etwa von Perspektive Kommunismus, wie fruchtbar ein offenes und bewegungsorientiertes Konzept sein kann; vom Kommunistischen Aufbau, wie zu einem lebendigen und produktiven Kader*innenbereich eine eigene Organisierung der Frauen dazu gehören kann; oder vom Bund der Kommunist*innen, der durchaus in der Lage ist, die Notwendigkeit der marxistischen Organisation mit der Gemeinschaft unterschiedlichster Kämpfe in Einklang zu bringen. Meinen wir es also ernst mit unserer Sache, müssen wir die bittere Pille schlucken und anerkennen, dass Kommunismus eine Frage des Erfolgs und nicht der Identität oder Tradition ist und wir sollten darauf achten, dass wir uns auf diesem Weg zum Erfolg nicht auch noch selber im Weg stehen.

Foto: Privat






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Jeden Monat veröffentlichen wir eine Übersetzung aus der Zeitung der Kommunistischen Partei Sudan, dem Al-Maidan. Dieser Artikel ist eine aktuelle Veröffentlichung zu den Massakern der RSF in Bara und El Fasher.  

Unsere Partei steht klar und entschieden gegen die entsetzlichen Massaker, die an Zivilist:innen in den Städten El Fasher und Bara sowie in anderen Gebieten von Kordofan und Darfur begangen werden – eine Haltung, die keinerlei Zweideutigkeit oder Rechtfertigung duldet.

Die Rapid Support Forces setzen ihre systematische Gewalt gegen unbewaffnete Zivilist:innen fort: Feldhinrichtungen, willkürliche Verhaftungen, Plünderungen und Zerstörung von Eigentum, Massenvertreibungen und das Erzwingen der Flucht der Bewohner:innen – und mehr, wie durch Berichte der Vereinten Nationen, Menschenrechtsorganisationen und der Medien dokumentiert und bestätigt wurde.

Diese höllische, systematische Gewalt ist das Ergebnis all der Kriege, die unser Land durchlitten hat – geprägt von Barbarei und dem Versagen, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Straflosigkeit war niemals die Ausnahme, sondern einer der Hauptgründe für die Wiederholung dieser Verbrechen. Das die Täter nicht zur Verantwortung gezogen wurden hat ein Umfeld geschaffen, das die Rückkehr von Kriegsverbrechen und Völkermord gegen die Bevölkerung von Städten und Dörfern ermöglicht, sobald sich die Kräfte des Regimes zurückziehen – wie in Bara und El Fasher zu beobachten ist.

Was wir heute erleben, ist eine Fortsetzung jener Politik, die seit den ersten Massakern in Darfur etabliert ist. Daher erfordert die Konfrontation mit diesen Verbrechen sofortige und entschlossene Rechenschaft für alle, die die Befehle erteilt oder ausgeführt haben.

Wir betonen außerdem, dass das Versäumnis, unbewaffnete Zivilist:innen zu schützen, und der Rückzug der Armee aus der standhaften Stadt El Fasher über Monate hinweg angesichts der Dschandschawid-Milizen, ein unverantwortlicher Akt ist, der Verurteilung und Rechenschaft erfordert. Die wichtigste Aufgabe der Armee besteht darin, die Bürger:innen und das Heimatland zu schützen – nicht sich selbst.

Wir in der Sudanesischen Kommunistischen Partei bekräftigen stets, dass das, was geschieht, kein bloßer militärischer Machtkampf ist. Es handelt sich vielmehr um eine komplexe Auseinandersetzung zwischen den parasitären Flügeln des Kapitalismus im Land um Macht und Ressourcen. Diese Kräfte haben ihren Reichtum und ihre Privilegien durch Korruption und die Ausnutzung der Macht zur Plünderung der Ressourcen angehäuft und nutzen bewaffnete Konflikte und Terror, um ihre Herrschaft zu festigen.

Gleichzeitig ist der Krieg ein regionales, internationales und imperialistisches Komplott, das darauf abzielt, den sudanesischen Staat zu schwächen und Bedingungen für Zersetzung und Spaltung zu schaffen – mit dem Ziel, die Fähigkeiten des Volkes, den Reichtum des Landes und die nationale Souveränität zu untergraben. Diese politische und wirtschaftliche Dimension des Konflikts (lokal, regional und international) legt der internationalen Gemeinschaft eine doppelte Verantwortung auf: sofort zu handeln, um diesen Krieg und diese Massaker zu beenden.

Wir, die Sudanesische Kommunistische Partei, rufen die Völker der Welt und ihre demokratischen Organisationen – an erster Stelle die kommunistischen und Arbeiterparteien –, ebenso wie Menschenrechtsorganisationen und das Gewissen der gesamten Welt, zur internationalen Solidarität mit dem sudanesischen Volk auf, das allein und standhaft einem brutalen Krieg entgegentritt, der nun in sein drittes Jahr geht – ohne Aussicht auf eine Lösung oder ein Ende.

Wir rufen zu weltweiten Volksbewegungen auf – auf den Straßen, in den Zeitungen, in den sozialen Medien oder auf andere Weise –, um den sofortigen Stopp des Krieges im Sudan und die Solidarität mit unserem Volk zu fordern.

Wir fordern außerdem, dass „weiche Erklärungen“ und formelle Appelle in praktische Schritte umgesetzt werden, um Zivilist:innen zu schützen, humanitäre Korridore zu öffnen, Hilfe zu leisten und neutrale, unabhängige Untersuchungen aller Kriegsverbrechen in unserem Land durchzuführen. Die Kritik und Verurteilungen internationaler und menschenrechtlicher Institutionen müssen durch konkrete Maßnahmen ergänzt werden: durch politische, wirtschaftliche und diplomatische Sanktionen gegen die Täter, durch ein Verbot des Waffenexports und der logistischen Unterstützung für die Verbrecher und durch die Überweisung der Verbrechen an unabhängige internationale und nationale Justizorgane.

Wir fordern außerdem:

  1. Einen sofortigen Waffenstillstand, die Ausrufung einer humanitären Waffenruhe und die vollständige Öffnung humanitärer Korridore nach El Fasher sowie in andere Gebiete von Darfur, Bara und ganz Nord- und Südkordofan – mit dem Schutz der Hilfskonvois.
  2. Eine rasche, unabhängige und transparente internationale Untersuchung der Kriegsverbrechen und die Rechenschaft aller, die diese begangen, angeordnet oder dazu beigetragen haben.
  3. Dringendes Handeln der Völker der Welt, ihrer demokratischen Kräfte und Menschenrechtsorganisationen, um Staaten und internationale Institutionen unter Druck zu setzen, jegliche Unterstützung oder politische bzw. militärische Komplizenschaft mit den Verantwortlichen der Verbrechen zu beenden.

Gleichzeitig rufen wir die Avantgarde unseres Volkes, die Kräfte der Volksmobilisierung und die demokratischen Kräfte auf, ihre Reihen zu vereinen, den friedlichen Massenkampf zu intensivieren und politische Initiativen zu entwickeln, die darauf abzielen, den Krieg zu beenden, die Macht von den De-facto-Regierungen in Port Sudan und Nyala zu entreißen und auf den Weg der Revolution zurückzukehren, um einen zivilen, demokratischen Staat aufzubauen, der die Menschenrechte schützt und soziale Gerechtigkeit verwirklicht.

  • Wir werden nicht zulassen, dass die Zeugnisse der Opfer in bloßen Beileidserklärungen ohne Konsequenzen begraben werden. Das Blut schreit nach Gerechtigkeit – nach echtem Schutz und Rechenschaft.
  • Stoppt das Töten. Öffnet die Korridore für Hilfe. Bringt die Täter vor Gericht.
  • Gerechtigkeit für die Opfer – und Freiheit und Frieden für das Volk des Sudan.

Sudanesische Kommunistische Partei

29. Oktober 2025

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Jeden Monat veröffentlichen wir eine Übersetzung aus der Zeitung der Sudanesischen Kommunistischen Partei, dem Al-Maidan. Dieses mal veröffentlichen wir eine Erklärung der Sudanesischen Kommunistischen Partei, die sich auf ein Statement der Vierergruppe (USA, Ägypten, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate) bezieht, in der ein Fahrplan zur Beendigung des Krieges im Sudan, zur Bereitstellung humanitärer Hilfe und zur Regelung der politischen Lage bis hin zu einer zivilen Regierung und einer Übergangsperiode vorgestellt wurde – und zwar innerhalb von festgelegten Zeiträumen. 

Der Politischer Vorstand  der Sudanesischen Kommunistischen Partei hat die von der Vierergruppe (USA, Ägypten, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate) veröffentlichte Erklärung zur Kenntnis genommen. Diese schlägt einen Fahrplan zur Beendigung des Krieges im Sudan, zur Bereitstellung humanitärer Hilfe und zur Einleitung eines politischen Prozesses mit dem Ziel einer zivilen Regierung und einer Übergangsphase vor.

Wir begrüßen jede ernsthafte Initiative, die ein Ende dieses verheerenden Krieges ermöglicht, der unser Land zerstört und Millionen Menschen in die Flucht getrieben hat. Ebenso unterstützen wir Maßnahmen, die den ungehinderten Zugang zu humanitärer Hilfe für alle Betroffenen gewährleisten. In der Erklärung finden sich zahlreiche Punkte, die wir teilen, darunter:

  • Der Krieg im Sudan hat die schwerste humanitäre Krise der Gegenwart ausgelöst und bedroht Frieden und Sicherheit in der Region.
  • Die Wahrung der Souveränität, Einheit und territorialen Integrität des Sudan.
  • Es gibt keine militärische Lösung; der Status quo verursacht untragbares Leid und birgt schwerwiegende Risiken.
  • Humanitäre Hilfe muss schnell, sicher und ohne Hindernisse in alle Landesteile gelangen.
  • Schutz der Zivilbevölkerung nach internationalem humanitärem Recht und Verzicht auf wahllose Angriffe auf zivile Infrastruktur.
  • Die Zukunft des Sudan liegt allein in den Händen des sudanesischen Volkes – durch einen transparenten und inklusiven Übergangsprozess, frei von der Kontrolle der Kriegsparteien.
  •  Ein vorgeschlagener humanitärer Waffenstillstand von drei Monaten soll den Zugang für Hilfsgüter öffnen und in einen dauerhaften Waffenstillstand übergehen.
  •  Extremistische Gruppierungen mit Verbindungen zur Muslimbruderschaft dürfen keinen Platz in der politischen Zukunft des Sudan haben.
  • Ein Ende externer militärischer Unterstützung ist unerlässlich für eine Lösung.
  • Alle Konfliktparteien müssen zum Schutz der Zivilbevölkerung und der Infrastruktur verpflichtet werden.

Gleichzeitig sehen wir uns verpflichtet, unserem Volk in dieser entscheidenden historischen Phase die folgenden Wahrheiten klarzumachen:

Erstens: Teile der Vierergruppe sowie andere regionale und internationale Akteure tragen Mitverantwortung für den Krieg. Sie hätten ihn frühzeitig beenden können, taten dies jedoch nicht – um eigene Interessen zu sichern: den Sudan als Rohstofflieferant und Absatzmarkt auszubeuten und das Volk durch Erschöpfung gefügig für faule Kompromisse zu machen. Erst das Erstarken islamistischer Kräfte, der Zustrom extremistischer Gruppen sowie die wachsenden Risiken durch iranische und Huthi-Präsenz im Roten Meer, die den internationalen Handel bedrohen, haben diese Mächte veranlasst, zu handeln – nicht etwa ein plötzliches Mitgefühl mit dem sudanesischen Volk.

Zahlreiche Initiativen seit April 2023 sind gescheitert, weil es an verbindlichen Umsetzungsmechanismen mangelte. Auch die aktuelle Erklärung der Vierergruppe droht dieses Schicksal zu teilen. Entscheidend bleibt der Widerstand und die Mobilisierung unseres Volkes durch seine politischen und sozialen Strukturen, um den Krieg zu beenden und die revolutionären Ziele zu sichern.

Zweitens: Die internationalen Kräfte, die an der Entstehung dieses Krieges mitgewirkt haben – von der fehlerhaften Verfassungsvereinbarung über die Einbindung des Militärs in die Macht bis hin zum Massaker an den Protestcamps – verfolgen bis heute das Ziel, die Dezemberrevolution und ihre Forderungen nach Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit zu liquidieren. Ein stabiler demokratischer Zivilstaat kann nur auf Grundlage der Prinzipien dieser Revolution entstehen. Jeder andere Weg führt zur Wiederholung der Krise und zur erneuten Unterordnung unter äußere Interessen.

Wir betonen erneut: Die Lösung liegt im Inneren. Die Widerstandskomitees und andere basisdemokratische Strukturen vertreten die Interessen der Bevölkerung – Verbesserung der Lebensbedingungen, gerechte Verteilung humanitärer Hilfe, Rückkehr der Vertriebenen und Geflüchteten, Wiederaufbau grundlegender Dienstleistungen wie Gesundheit, Bildung, Wasser- und Stromversorgung.

Ein umfassender und gerechter Frieden erfordert ein ziviles, demokratisches und stabiles Regierungssystem, die Entfernung der Sicherheitsapparate aus Politik und Wirtschaft sowie tiefgreifende sicherheitspolitische Maßnahmen: Auflösung der Rapid Support Forces, der bewaffneten Bewegungen und sämtlicher Milizen sowie die Schaffung einer einheitlichen, professionellen Nationalarmee unter ziviler Kontrolle. Straflosigkeit darf es nicht geben – die Verantwortlichen für Massaker, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Revolution müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Ebenso notwendig ist der Abbau der Strukturen des alten Regimes und eine grundlegende Reform des öffentlichen Dienstes.

Wir rufen unser Volk auf, geeint, standhaft und entschlossen den inneren wie äußeren Verschwörungen entgegenzutreten, die Umsetzung der positiven Punkte der Vierergruppe im Interesse des Volkes einzufordern – und darüber hinaus die glorreiche Dezemberrevolution zu vollenden.

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