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Thomas, 29 ist Mechaniker aus Berlin und Mitglied des Vorbereitungskreises des
internationalistischen Jugendfestivals, das am 28.05. in Lützerath stattfindet. Im Gespräch erzählt er vom Festival, Klimaschutz und warum und wie das mit der Revolution in Rojava zusammenhängt.


Als Initiative habt ihr euch mit einem offenen Brief an die Klimabewegung in Deutschland
gewendet und wollt am 28. Mai ein internationalistisches Jugend- und Kulturfestival im nordrheinwestphälischen Lützerath veranstalten. Stellt euch und die Idee dahinter zu Beginn doch einmal kurz vor. Was wollt ihr in Lützerath machen und warum genau dort?


Wir sind eine seit mehreren Monaten bestehende Initiative aus Aktivist*innen der
ökologischen Kampagne „Make Rojava Green Again“ und „Lützerath lebt“. Unser Festival steht
unter der Idee unsere Kämpfe zu verbinden, denn nur so kann dem Kapitalismus und der
ökologischen Katastrophe etwas entgegengesetzt werden. Es geht auch darum, die Revolution in
Kurdistan mit dem hier in Deutschland und überall auf der Welt stattfindenden Kampf der
Klimabewegung zu verbinden, weil wir davon überzeugt sind, dass diese Kämpfe das gleiche Ziel
teilen. Das Festival soll ein Ort des Austausches, des gegenseitigen Kennenlernens und des
gemeinsamen Kampfes werden.
Lützerath ist ein Ort in Deutschland, in dem in den vergangenen Jahren der Kampf für das 1,5 Grad
Ziel besonders intensiv geführt wurde. Es ist ein kleines Dorf direkt an der Abrisskante eines
Braunkohletagebaus des Energiekonzerns RWE. Die Widersprüche der Ausbeutung und der
Zerstörung der Umwelt einerseits und das Verdrängen von Menschen aus ihren Lebensorten für die
Interessen eines Konzerns werden hier besonders deutlich. Überall auf der Welt sehen wir ähnliche
Mechanismen. Die Interessen von Menschen werden unter die von Konzernen untergeordnet, aber
in Deutschland treten diese Widersprüche nur im gewissen Maße zum Vorschein. Viel mehr sind es
nämlich die Länder des globalen Südens, in denen vornehmlich westliche Unternehmen Raubbau an
der Natur betreiben und die Lebensgrundlage der Menschen dort zerstören, um Profit zu generieren
und den schnelllebigen Konsuminteressen Futter zu liefern. Davon bekommen hier zu Lande viele
Menschen nichts mit, da die Lebensgrundlage von den sich verschärfenden Krisen größtenteils
unangetastet bleibt. Lüzerath ist dabei einer der Orte, an dem den Menschen auch in Deutschland
die Lebensgrundlage durch die Interessen großer Konzerne genommen wird und das für einen
Zweck, der in Zeiten der Klimakrise schlichtweg verantwortungslos ist.

Die Klimabewegung ist in den letzten Jahren wieder gewachsen, das Thema findet sich in
vielen Medien wieder, weltweit gibt es Widerstand gegen die mörderischen Folgen des Kapitalismus. Auch FridaysForFuture war ein großer Bezugspunkt. Welche Themenbereiche wollt ihr
konkret einbringen, welche Akzente wollt ihr innerhalb der Klimabewegung setzen?


In der Klimabewegung sehen wir eine der größten Bewegungen der jüngeren Vergangenheit, die vorrangig von Jugendlichen ausgeht. Darin liegt die wesentliche Stärke. Viele junge Menschen nehmen wahr, wie sich die Welt verändert und nehmen die kommenden Auswirkungen der Klimakrise ernst, da sie am stärksten davon betroffen sein werden.
In diesem Punkt ruht nun aber auch die Gefahr, sich durch vermeintliche Lösungen, welche der
Liberalismus predigt, vereinnahmen zu lassen. Und diese Muster sehen wir leider bei Teilen der
Klimabewegung, welche beispielsweise durch etablierte Parteien oder Stiftungen vereinnahmt
werden und von dort an Kompromiss statt Lösung predigen. Trotz dieser Tatsache ist es aber auch
kein Geheimnis, dass der staatliche Umgang mit der Klimakrise vielen Menschen die Augen
geöffnet und gezeigt hat, für welche Interessen der bürgerliche Staat in die Bresche springt.
Das sind dann eben nicht die Interessen von Menschen wie der in Lüzerath, sondern die der
Unternehmensvorstände und Großaktionäre von RWE und Co, die den Bagger lächelnd Richtung
Abgrund steuern.
Und eben darum, wie ihr es passend formuliert habt, beginnen viele Menschen die mörderischen
Folgen des Kapitalismus zu sehen und ihren Widerstand dahingehend zu organisieren. Um den
Diskurs aber weiter in die Richtung zu lenken, wie eine Alternative zu diesem System aussehen
kann, möchten wir auf die Errungenschaften der Revolution in Kurdistan verweisen. Denn eine
Kritik am Bestehenden kommt schlecht ohne die Entwicklung eigener Perspektiven auf die
Probleme aus. Insbesondere ein Blick auf den Nord-Osten Syriens, auch als Rojava bekannt, zeigt
dabei, wie eben jene Alternative aufgebaut sein könnte. In dieser Region jährt sich am 19. Juli
diesen Jahres das zehnjährige Bestehen der Revolution und damit der Kampf für ein
Gesellschaftssystems, das auf radikaler Demokratie, Geschlechterbefreiung und sozialer Ökologie
fußt. Eben in dem Vorschlag dieser Alternative und in der revolutionären Linie liegen die Aspekte,
die wir einbringen wollen.

Mit der neuen Ampelkoalition gibt es mit den Grünen erneut eine Partei innerhalb der
Regierung, die sich den Kampf gegen den Klimawandel als Hauptlosung auf die Fahnen
schreibt und die teilweise in der Klimabewegung viel Zuspruch und Hoffnung erfährt.

Wie seht ihr die Rolle dieser Partei?

Wenn wir uns die aktuelle Situation angucken, dann sehen wir, dass die Art der deutschen
Außenpolitik nicht davon abhängt, ob gelb, grün oder schwarz in den Ministerien sitzen. Trotz
zahlreicher Unterschiede zwischen den deutschen Parteien, eint sie die Außenpolitik im Bezug auf
die Türkei. Eine enge militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem türkischen Staat
dient nämlich dem Interesse jeder Kapitalfraktion. So ist es nicht verwunderlich, dass die jetzige
Außenministerin Annalena Baerbock zwar sämtliche russische Kriegsverbrechen anprangert, wenn
es aber um die eigenen Nato-Bündnispartner geht, kein Wort über die Kriegsverbrechen der zweit
größten Nato-Armee verliert. Seit Jahren ist bekannt, dass der türkische Staat in Südkurdistan
Giftgas einsetzt, durch unbemannte Drohnen Menschen hinrichtet und mit dem Abschneiden der
Wasserzufuhr Wasser als Waffe einsetzt. All das toleriert aktuell die grüne Außenpolitik, wie es
zuvor die der SPD getan hat. Wer also im Programm der Grünen nach Klimagerechtigkeit sucht,
wird enttäuscht werden. Im Grunde genommen hat es die grüne Partei in den letzten Jahren am
besten geschafft die gesellschaftliche Aufbruchsstimmung mit Versprechungen einer ökologischen
Wende zu absorbieren. Jetzt stellt sich aber heraus, dass wirtschaftliche und militärische Interessen
den absoluten Vorrang vor ökologischer Politik besitzen.
Im Gegensatz dazu begrüßen wir die seit einigen Jahren vermehrt im Sinne der Klimagerechtigkeit
aufgekommenen gesellschaftlichen Debatten, in denen globale Ausbeutungsverhältnisse
thematisiert werden. Die Frage nach Klimagerechtigkeit ist nämlich eine internationale Frage, da
die Hauptverursacher der Krise international agieren. Ebenso wie unsere Perspektive auf politische
Probleme der heutigen Zeit eine ist, die durch den Begriff Internationalismus gekennzeichnet ist, so
trifft das auch auf auf unsere Perspektive auf die sich verschärfende Klimakrise zu. Eine solche
Politik der Klimagerechtigkeit die es braucht widerspricht vollends dem heutigen Charakter der
grünen Partei.

Du bist schon auf die Bedeutung der Revolution in Kurdistan für die Kämpfe
in Deutschland eingegangen. Kannst du diese Ansicht noch einmal etwas detaillierter beschreiben? Was
hat der Kampf in Kurdistan mit uns hier, aber auch konkret mit unseren Kämpfen gegen den
Klimawandel zu tun?


Die Revolution in Kurdistan hat eine weltweite Bedeutung, da sie exemplarisch für den Kampf für
Klimagerechtigkeit und damit für den Kampf um Selbstbestimmung und gegen Kolonialismus
steht. Eben aus diesem Grund greifen verschiedenste Staaten die Revolution mit aller Härte an. In
der Revolution in Kurdistan liegt nämlich die Zuspitzung der Konflikte zwischen denjenigen, die
für eine lebenswerte Welt kämpfen und denen, deren Macht und Profit auf der Ausbeutung von
Mensch und Natur basiert. Um das Ruder herumzureißen und die verheerenden Folgen des
Klimawandels abwenden zu können, braucht es große Schritte und ein Umdenken und eben das
kann nur in revolutionären Prozessen verwirklicht werden. Die Frage nach ökologischer Politik ist
im großen und ganzen eine Systemfrage und im System des Kapitalismus kann diese nicht
gewährleistet werden. Wer innerhalb dieses Rahmens nach Lösungen sucht wird sich schnell den
Kopf stoßen oder landet eben bei den Grünen.

Als Initiative Make Rojava Green Again, seid ihr seit einigen Jahren in Deutschland präsent.
Was sind eure konkreten Ideen für die Klimabewegung in Deutschland und was ist in der aktuellen Situation zu tun?

Wir versuchen mit unsere Perspektive neue Denkanstöße zu geben. Bereits jetzt gibt es eine breite
Debatte in der Klimagerechtigkeitsbewegung, wie man weiter in die Zukunft gehen kann. Nach
Jahren des Protestes, der Aktionen und Kampagnen stellt sich in immer breiteren Kreisen die
Einsicht ein, dass nur eine grundlegende Veränderung des existierenden Systems eine Ausweg aus
der ökologischen Katastrophe aufzeigen kann. Die Revolution in Kurdistan und die Ideen Abdullah
Öcalans halten in dieser Frage sehr wichtige und aktuelle Vorschläge bereit. Wir möchten allen
nahe legen, sich mit diesem Kampf auseinanderzusetzen und zu sehen, was wir alles von diesem
Kampf lernen können. Am 17. April hat der türkische Staat auch einen erneuten Angriffskrieg gegen
die kurdischen Gebiete im Norden des Iraks begonnen. Im Schatten des Kriegs in der Ukraine
weitet die Türkei ihren Krieg auf immer weitere Gebiete aus. Ohne Rücksicht auf Verluste
bombardieren türkische Flugzeuge, Kampfdrohnen und Artillerie, zivile Wohngebiete und zum
Überleben notwendige Infrastruktur. Und aus den Bergen Südkurdistans erreichen uns Berichte,
dass die türkische Armee, wie schon im vergangenen Jahr, chemische Waffen und Giftgase gegen
die Guerilla einsetzt. Auch im Norden Syriens, in Westkurdistan, bombardieren türkische
Truppen jeden Tag Städte und Dörfer und terrorisieren die Zivilbevölkerung.
Die Klimagerechtigkeitsbewegung sollte klar Stellung beziehen und sich an die Seite der Menschen in
Kurdistan und an die der revolutionären Kräfte stellen. Demonstrationen können unterstützt,
Stellungnahmen verfasst und kleine Solidaritätsbotschaften vorbereitet werden. Manchmal
können auch schon symbolische Gesten großes auslösen. Wichtig ist nur, dass wir es schaffen die
Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, auf diesen verschwiegenen Krieg zu lenken.

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Am Sonntag, den 6. Februar 2022, war „Dicke-Pulli-Tag“ in Hannover. Das Nachhaltigkeitsbüro der niedersächsischen Landeshauptstadt machte sich daran, Welt und Klima zu retten und so streifte eine Handvoll angehender Modedesigner:innen wie schon im Vorjahr schräg anmutende Kollektionen über und hielt Schilder mit Parolen in die Kamera. „Heizung aus, Pulli an“, war da zu lesen. Und noch witziger: „Man muss nur wolle“ auf einem Wollpullover.

Ist das zynisch in einer Zeit, in der sich viele Werktätige und Erwerbslose die Heizkosten nicht mehr leisten können, während Jeff Bezos sich eine Yacht bauen lässt, für deren Durchfahrt eine Brücke in Rotterdam demontiert werden muss? Ja. Hilft es bei der Bewältigung der Klimakrise? Null. Und genau deshalb liegen Aktionen wie diese im Trend.

Rund 16 Stunden Fahrradfahrt entfernt, in Berlin, blockierten schon in den Wochen vor dem Hannoveraner „Dicke-Pulli-Tag“ eine Handvoll Klima-Aktivist:innen immer wieder zu den Stoßzeiten Autobahnen. Hier sind nicht die Heizungsaufdreher:innen im Fokus, sondern die mit Auto zur Arbeit pendelnden. Die Pendler:innen reagieren gereizt, gelegentlich mit Gewalt. Die rechte Presse schlachtet genüsslich aus, dass auch Rettungswägen eingeschränkt werden. Diejenigen, die ohnehin nichts von Umweltaktivismus halten, ergießen sowieso ihre Häme. Aber auch viele, die grundsätzlich die Ziele teilen, sehen den Sinn der Protestform nicht. Die Verteidiger:innen offenbaren im Internet in der Defensive ihr Weltbild: Man sehe gar nicht ein, warum Leute noch arbeiten gehen, sollen sie doch einfach aufhören, schreiben einige. Schließlich sei es „5 nach 12“ und man müsse jetzt „was tun“, egal was. Manche Aktivist:innen versteigen sich zu offenem Sozialchauvinismus: Umverteilung von Vermögen bringe für Klimaschutz gar nichts, da konsumieren ja nur dann Arme statt Reiche. Und: „Wir haben z.B. gerade die schwierige Situation, dass diverse Schwellenländer sich unserem Lebensstandard annähern (mit Bauboom, Verkehr und Fleischkonsum) und das eigentlich nicht zugelassen werden darf. So hart das klingt.“

Individualisierung der Umweltkrise

Eigentlich ist die Sache offenkundig und in den antikapitalistischen Kreisen der Klimabewegung längst common sense: Der Kapitalismus ist nicht in der Lage, das Mensch-Natur-Verhältnis auf eine Grundlage zu stellen, die das Überleben der Menschheit gewährleistet. Er kann es nicht, weil sein Imperativ Kapital zu akkumulieren, nur aufgeht, indem er die zwei Springquellen des Reichtums, den Arbeiter und die Natur, ausbeutet. Und weil die Akkumulation maß- und schrankenlos ist, kann ein Planet mit endlichen Ressourcen an ihr nur zugrunde gehen. Es ist irrelevant, welche Technologien angeblich eine „grüne Wende“ im Kapitalismus einleiten sollen, sie werden sofort in den Imperativ der Kapitalakkumulation eingebettet und die Sache geht weiter in Richtung Abgrund. Es gibt keine „nachhaltige Zähmung“ dieses Monsters und alle Daten aus vorherigen mit viel PR-Gedöns vorgetragenen Ansätzen dazu stützen diese Auffassung.

Weil die Sache so einfach ist, müssen von denjenigen, die an der Erhaltung eben dieses Kapitalismus interessiert sind, Ideologien in Umlauf gebracht werden, die sie verschleiern. Die Individualisierung der Umweltkrise ist eine der wichtigsten Säulen der Erhaltung des Status Quo. Es ist ein alter Hut, dass die Popularisierung des personalisierten „carbon foot print“ auf die Kappe von PR-Agenturen ging, die von multinationalen Konzernen beauftragt wurden. Vermittelt werden sollte: Wir sind alle im selben Boot und ihr, die Konsument:innen, seid ja am Ende Schuld dran, dass so viel Dreck produziert wird.

Die These, die dahinter steht, ist – auch bei denen, die gerne die auswendig gelernten Phrasen von „strukturellen Ursachen“ bemühen -, dass letztlich ohne Revolution und im Kapitalismus die Sache noch irgendwie gewuchtet werden könne, wenn „wir“ uns nur „alle“ einschränken. Da das „wir“ klassenneutral gedacht ist – also den auf Mindestlohn darbenden LKW-Fahrer genauso einschließt wie den Vorstandsvorsitzenden von BMW -, ist es einfacher sich an denen abzuarbeiten, die ohnehin schon nichts mehr haben. Den anderen läuft man selten über den Weg. Die anonyme Masse, die sich vermeintlich oder tatsächlich weigert, sich „einzuschränken“, ist die treibende Kraft hinter der Zerstörung der Natur. Der Bockwurst fressende, Stinke-Auto fahrende Pendelproll, der einmal jährlich nach Malle fliegt, ist, eingestanden oder nicht, die Zielfigur dieser Politik. Der muss bestraft werden, indem man ihn beschämt oder sich eben am Freitag nachmittag vor sein Auto setzt, auf dass er demnächst mit dem Fahrrad zur Arbeit radle. Der Unternehmensberater aus Stuttgart tut ja schon alles, er hat sogar Solarzellen auf seinem Eigenheim, was soll man an ihm noch ändern?

Wen erreichen?

Der letztlich liberale Aktivismus, der aus der Analyse entspringt, dass „wir alle“ jetzt sofort „unseren Lebensstil“ ändern müssen, hat mehrere Probleme. Das systematische ist, dass er die Ursachen für die vom Kapitalismus gemachte Klimakrise verkennt und sich deshalb an Symptomen abarbeiten muss. Die zweifellos notwendige Veränderung des Konsumverhaltens wird von ihrer Voraussetzung – der Änderung der Produktionsweise – getrennt und läuft ins Leere.

Das organisatorische Manko ist: Der Ansatz führt in die Isolation, weil irgendwie will ihn die stumpfe Masse nicht verstehen – und selbst die, die ihn total gut finden, schränken sich selbst in den seltensten Fällen bis zur Wald- und Wiesenexistenz ein. Man redet sich dann zwar gegenseitig gut zu, klopft sich auf die Schulter und erklärt die dummen Arschlöcher, die trotz wissenschaftlich bestätigtem Countdown immer noch zur Maloche fahren, zu unverbesserlichen Anhängern der „Auto-Ideologie“, die Grillfraktion zu Opfern der „Fleisch-Ideologie“. Aber am Ende hilft alles nichts, man steht hier, die anderen da.

Auf der anderen Seite der Barrikade sieht es nicht besser aus. Ich kann es aus meinem Arbeitsumfeld sagen und stand selber in einem der Staus. Den Aktivist:innen wird alles mögliche zugeschrieben, was eigentlich auf die Kappe anderer geht. Sie werden als „privilegiert“ wahrgenommen, der Stress, der durch den Stau entsteht, wird nicht als Auswirkung des sowieso vorhandenen Arbeitsdrucks gesehen, sondern eben individualisiert: Die Aktivist:innen sind schuld. Dass man selber nicht gut genug verdient, liegt nicht am Chef, sondern dass man auch noch „solche da“ durchfüttern muss, die ja wohl sicherlich von staatlichen Leistungen leben. Und so weiter. Auch hier jede Menge Ideologie der Herrschenden.

Die Blockade-Aktion, wie nobel auch immer ihre Intention war, verstärkt eine Kluft, die vielleicht ohnehin schon vorhanden war. Jedenfalls aber hat sie kein Interesse an denen, die sie da blockiert. Auf der Homepage der Organisation, die das Autobahnsitzen betreibt, wird auch klar, warum. Es handelt sich nicht um eine „Radikalisierung“ der Klima-Bewegung, sondern vielmehr das Gegenteil: Man hofft auf Gesetze durch die Regierung, Verantwortungsgefühl bei den Konzernen und beschwört die Verfassung. Man will nicht eine Massenbewegung erreichen, sondern man will durch „direkte Aktionen“ so stören, dass die Herrschenden aus Einsicht oder warum auch immer, Gesetze beschließen, die das Menschheitsdesaster abwenden.

Ohne Massen keine Lösung

Dass Aktivist:innen überhaupt etwas tun, sich selbst in die Wagschale werfen, ist anzuerkennen. Einer liberalen Ideologie aufzusitzen, die Tag für Tag durch die Leitmedien, die Think Tanks, die PR-Agenturen der Unternehmen und die auf ökologisches Marketing setzenden Parteien in die Köpfe gedrückt wird, ist auch keine moralische Schuld. Völlig nachvollziehbar ist, dass angesichts der Größe der Krise viele das Gefühl haben, jetzt schnell etwas tun zu müssen – was auch durchaus eine richtige Einschätzung der Lage ist.

Nur leider führt „irgendwas tun“ in den seltensten Fällen zu dem Ziel, das man sich gesetzt hat, manchmal auch einfach davon weg. Und die Sache an der Klima-Krise ist eben, dass sie von den anderen multiplen Krisen des Kapitalismus nicht zu trennen ist: Nicht von der imperialistischen Produktionsweise, die vom Outsourcing und Offshoring der arbeitsintensiven und umweltschädlichen Produktionsteile in den Trikont lebt; nicht von Krieg und Hochrüstung; und nicht von der Klassenspaltung. Man muss Klima-Krise und diese anderen Aspekte des Kapitalismus nicht äußerlich „zusammendenken“, man kann sie nur trennen um den Preis, in liberale Irrwege abzurutschen.

Ohne die Vergesellschaftung der Produktion und die Aneignung der Macht durch die organisierte Gesellschaft gibt es nicht einmal die Möglichkeit, die Katastrophe noch abzuwenden. Das aber geht nicht ohne Massenbewegung. Wer das teilt, kann aber Aktionen weder nur zum Appell an die Eliten, noch zur Selbstbestätigung machen. Das Gefühl „ich tue ja was, die dumme Mehrheit aber nicht“ mag über die Wintermelancholie retten, vor dem Untergang der Menschheit rettet es nicht. Auch wenn es „5 nach 12“ ist, führt an dem langen Weg zum Ziel, zumindest eine handlungsfähige Mehrheit der Gesellschaft gegen den Kapitalismus und seinen Staat in Stellung zu bringen, kein Weg vorbei. Auf Autobahnen sitzen oder das Abdrehen der Heizung zu romantisieren, bis es 10 nach 12 ist, bringt diesem Ziel keinen Schritt näher.

# Bildquelle: https://letztegeneration.de/presse/pressebilder/

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Vor rund einem Monat wurde in der Altmark ein Kiefernforst besetzt. Damit soll gegen den Weiterbau der A14 protestiert werden. Was hat sich seit den ersten Tagen getan? Mit welchen Schwierigkeiten haben die Aktivist_innen zu kämpfen? Und wie lebt es sich so in der aktuell einzigen Waldbesetzung Ostdeutschlands? Luca von Ludwig über die Herausforderungen einer Waldbesetzung im Norden Sachsen-Anhalts.

Wenn man auf dem sandigen Boden zwischen den scheinbar endlosen Kiefern des Krüdener Forstes herumläuft, könnte man meinen, hinter dem nächsten Hügel warte schon die Ostsee. Doch man ist erst im Norden Sachsen-Anhalts. Es folgen noch mehr Kiefern, jede Menge Blaubeeren, einige Rehe – und seit Kurzem auch das bisher einzige Barrio der Waldbesetzung „MoniBleibt!“. Denn hier soll, wenn es nach den Verkehrsministerien dieses Landes geht, in den nächsten Jahren auf ca. drei Kilometern Länge eine Schneise geschlagen werden, um Platz für den Weiterbau der A14 zu schaffen.

Diese verläuft vom Nossener Dreieck in Sachsen bis zur Ostseeküste. Zwischen Magdeburg und Schwerin wurde jedoch ein großes Stück bisher nicht gebaut, und so stellt die Altmark bis heute „das größte, bisher von Autobahnen unzerschnittene Stück Deutschlands“ dar, wie es ein Umweltaktivist ausdrückt. Das Vorhaben sorgt für viele Streitigkeiten in der Region. Für seine Befürworter:innen stellt die Autobahn die Hoffnung auf ökonomischen Aufschwung dar, Gegner:innen sehen ein ökologisch unverantwortliches und für die regionale Wirtschaft unnützes Großprojekt. Letztere versuchen sich seit gut zwanzig Jahren in verschiedenen Initiativen gemeinsam mit NGOs, wie dem NABU oder dem BUND, gegen den Weiterbau zu wehren – wiederum zum Unmut der Befürworter:innen, die immer wieder Demonstrationen und Autokorsos organisierten. Bekanntermaßen hat das Besetzen von Wäldern und Bäumen gerade Konjunktur, und so hat die recht dünn besiedelte Region nach der letzten Großveranstaltung der Autobahnbefürworter:innen einige neue Bewohner:innen bekommen.

Zwischen Kiefern und Baumhäusern

Wer schon einmal eine Waldbesetzung besucht hat, kann sich vorstellen, wie das Baumhausdorf aussieht: Jede Menge kleine Plattformen hängen in teils schwindelerregender Höhe um eine große Küchenplattform, getauft „Tokio Hotel“. Der Bereich darunter dient als zumindest etwas vor dem Regen geschützter Aufenthaltsbereich und gleich daneben findet man den wohl größten Luxus des Barrios: Ein großer Frischwasserkanister, der regelmäßig von einem den Aktivist:innen wohlgesonnenen Anwohner aufgefüllt wird. In einiger Entfernung steht ein mit umdekorierten AfD-Plakaten verkleidetes Kompostklo, in der anderen Richtung wird die Besetzung begrenzt durch Schilder mit kleinen Erklärungen für Besucher:innen. An diesen Tagen tummeln sich ca. zwanzig Personen im Barrio, zu Hochzeiten seien es aber auch schon an die sechzig Leute gewesen, wie ein Waldbesetzer erzählt. Viele blieben eher tage- oder wochenweise im Wald. Mit Essen versorgen sich die Aktivist:innen aus den Mülltonnen nahegelegener Supermärkte, Spenden solidarischer Anwohner:innen und von Landwirten aus der Region. Tierische Produkte und solche, die in den Ländern des globalen Südens unter besonders schlechten Arbeitsbedingungen produziert werden, sind ungern gesehen.

Einen klaren Aktionskonsens gibt es nicht, wie mir eine Aktivistin erklärt. Allein schon aufgrund des hohen Durchlaufs sei es schwierig, als Gruppe Entscheidungen zu treffen und dennoch offen und unhierarchisch mit der sich dauernd wandelnden Situation im Wald umzugehen. „Der Alltag strukturiert sich hier eher durch die Begegnungen und Konflikte selbst“, meint sie. Der kleinste gemeinsame Nenner, der vorausgesetzt werde, sei „eine emanzipatorische Perspektive auf den Kampf um Klimagerechtigkeit“. Spontanität sei für sie ein wichtiger Bestandteil dieser Besetzung. Wobei es auch Stimmen gibt, die meinen, deshalb müsse zu viel Energie in immer neue Aushandlungsprozesse gesteckt werden.

Auch zur Kommunikation mit Journalist:innen gibt es sehr unterschiedliche Positionen. Manche lehnen jedes Gespräch mit der Presse ab, andere nur bestimmte Zeitungen. Bei vielen herrsche Frustration, weil teilweise respektlos mit den Besetzer:innen umgegangen werde. Am Eingang zum Barrio fordert ein Schild Besucher:innen auf, nachzufragen, bevor Fotos von Personen gemacht werden. Von Privatpersonen wie Journalist:innen werde das aber oft ignoriert, teils würde fotografiert werden, bevor sich überhaupt vorgestellt wurde. Auf solches Verhalten reagieren Teile der Besetzung sehr konfrontativ. Noch an diesem Tag fährt der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Seehausen vor und beginnt, zusammen mit seinem Kameramann Bilder zu machen. Aus den Bäumen ruft jemand: „Look, it‘s the Bürgermeister, I think he wants to rule us!“ Schnell bildet sich eine Traube von Aktivist_innen um die beiden, und auch von den Bäumen wird lautstark gefordert, das Fotografieren zu unterlassen. Ein Aktivist setzt sich währenddessen ins Auto des Bürgermeisters, welcher sein Handy zückt und Fotos der Personen macht. Ein kurzer Griff, und schon hat eine:r der Besetzer:innen das Telefon in der Hand. Herausgeben werden soll es nur, wenn die Fotos wieder gelöscht werden. Der Politiker ruft die Polizei, die Waldbewohner:innen ziehen sich auf die Plattformen zurück. Das Handy bleibt vor dem Fahrzeug liegen. Schließlich setzt sich der Bürgermeister ins Auto und fährt wieder aus dem Wald. Für ein Interview vor Ort war er nicht zu haben.

„An sich sind alle Politiker:innen eingeladen, vorbeizukommen – solange sie ohne Presse kommen.“, erklärt ein Aktivist. So solle einer Instrumentalisierung für Imagekampagnen der Lokalpolitik vorgebeugt werden. Einige würden das Angebot auch wahrnehmen. Angst vor negativer Presse wegen Vorkommnissen wie mit dem Osterburger Bürgermeister hätten die Besetzer:innen nicht. „In der Lokalpresse kommt sowieso nichts Sinnvolles.“, meint ein Aktivist. Selbst sehr verständnisvoll auftretende Journalist:innen hätten in der Vergangenheit unfair negative Bilder über die Zustände in der Besetzung verbreitet, sagt er. In dieser Hinsicht wirken die Besetzer_innen ziemlich desillusioniert.

Ein feindliches Umfeld

Fragt man in der Waldbesetzung, ob ein Unterschied zu den vergangenen Waldbesetzungen in Westdeutschland bemerkbar ist, kommt die Sprache zuverlässig auf die Bedrohung durch Faschist:innen. Seit Beginn der Besetzung werden die Aktivist:innen durchgehend bedroht und angegriffen. Anfänglich seien es meist kleine Gruppen gewesen, die fast täglich mit Autos vorfuhren und dadurch versucht hätten, die Besetzer:innen einzuschüchtern. Später hatten sie auch mal Baseballschläger dabei. Mittlerweile ist das Aggressionslevel noch weiter gestiegen: In der dritten Maiwoche allein kam es zu zwei Anschlägen auf das von den Aktivist:innen als Lager genutzte genutzte Bahnhofsgebäude in Seehausen, einer mit einem Brandsatz, der zweite mit einem Sprengkörper.

Am Vortag des zweiten Vorfalls der Woche fand eine Kundgebung der AfD gegen die Waldbesetzung statt. Laut mehreren Berichten kam es rund um die Veranstaltung zu Hetzjagden auf Gegendemonstrant:innen. Von Lokalpolitiker:innen der AfD wurden die Besetzer:innen währenddessen unter anderem als „Ökostalinisten“ und „dahergelaufene Waldmenschen und Druiden“ beschimpft, die „sich in [ihre] Mulitkultistädte [verziehen]“ sollten.

Auch aus den Reihen der CDU wird gegen die Besetzung Stimmung gemacht. Deren innenpolitischer Sprecher der Landtagsfraktion und MdL Chris Schulenburg – ein Expolizist, der in der Vergangenheit auch durch Relativierung des NS-Regimes auffiel – veröffentlichte ein Video auf Facebook. Darin wird in entmenschlichender Art und Weise über die Aktivist:innen gesprochen. Auch hierin sehen diese die geistige Brandstiftung, die zur Grundlage für die reale Angriffe werde. Auf der anderen Seite gebe es aber auch Solidaritätsbekundungen von Anwohner:innen. Auch von denen, die zwar für den Autobahnbau seien, aber die Gewalt gegen die Besetzer:innen verurteilten. „Das ist ja auch eine Form von Solidarität, die wir brauchen. Nicht nur Leute, die mit uns auf den Barrikaden stehen“, meint ein Aktivist dazu.

Klimaaktivismus in einer abgehängten Region

Geht man von der Besetzung in eines der nahegelegenen Dörfer, bekommt man auch gar nicht unbedingt den Eindruck, dass die Stimmung so sehr gegen die Besetzung sei, wie man vielleicht vermuten würde. Bei einem Autokorso der A14-Befürworter:innen Ende April hingen mehrere Schilder gegen den Ausbau entlang der Straßen, auch vor den Häusern stehende Bewohner:innen äußerten sich kritisch. Im persönlichen Gespräch wird die Spannung zwischen den Problemen der strukturschwachen Altmark und dem Wunsch nach Erhalt der Umwelt deutlich.

Henning Horzetzky kämpft seit Langem gemeinsam mit einer lokalen Umweltinitiative gegen den A14-Ausbau. Nur sechshundert Meter von seinem Dorf entfernt würde sie nach der aktuellen Streckenplanung verlaufen. Er sei auch stolz darauf, dass in der Altmark noch so viel Natur erhalten und so viele Biotope unberührt seien. Das gäbe es so kaum noch in Deutschland. Ginge es nach ihm, würde statt dem neuen Stück Autobahn einfach die bestehende Bundesstraße 189 ausgebaut werden. Die verlaufe ohnehin in weiten Teilen parallel zur geplanten Strecke. „Und dass die [A14] einen großen Wirtschaftsaufschwung bringt, da glaubt auch keiner mehr wirklich dran. Die Leute kommen höchstens schneller weg zu ihrer Arbeit“, sagt er. Einen solchen Verlust von Natur und Umwelt hinzunehmen, um „eine halbe Stunde schneller“ ans Ziel zu kommen, sei seiner Meinung nach aber der völlig falsche Weg: „Es gibt immer irgendwo eine Lücke zu schließen. Aber wir müssen irgendwann umdenken und von der Idee von immer mehr und mehr Wirtschaftswachstum wegkommen.“ Inzwischen seien außerdem auch sehr viel Anwohner:innen gegen die A14, die sich aber leider eher passiv verhalten würden.

Eine andere Anwohnerin, die anonym bleiben möchte, würde sich ebenfalls mehr Rücksicht auf die Natur wünschen. Sie sei in der Region aufgewachsen, kann sich daran erinnern, wie sie selbst als Kind Bäume in den Wald gepflanzt hat. Sie sei wütend darüber, dass die Politik bei der Streckenplanung seit Jahrzehnten derart stur sei und keinerlei Kompromissbereitschaft zeige. Aber zumindest Henning Horzetzky ist optimistisch: „Die allgemeine Stimmung in der Welt schlägt ja um.“ Er sei durchaus zuversichtlich, was z.B. die aktuelle Klage gegen den Streckenverlauf angehe.

Dennoch bleibt der Fakt, dass die Altmark – wie so viele ländliche Regionen – mit dem notwendig anstehenden Strukturwandel zu kämpfen hat. Ein Aktivist, der ganz in der Nähe lebt, erzählt von seinen Schwierigkeiten, überhaupt einen Arbeitsplatz zu finden. Hier ohne Auto zu leben, sei, auch wegen des schlecht ausgebauten ÖPNV, gar keine wirkliche Option, meint eine Anwohnerin. Ob die Klimaaktivist:innen es schaffen, dennoch Unterstützung für ihre Sache zu finden, wird maßgeblich davon abhängen, ob langfristige Lösungsansätze für die Probleme der Region formuliert werden können. Das wissen auch die Waldbesetzer:innen. „Die wenigsten sind hier, um nur gegen eine Autobahn zu demonstrieren. Unsere Forderung ist ja nicht, dass das hier für immer Hinterland bleiben und die Leute unter der Strukturschwäche der Region leiden sollen“, meint jemand im Wald. Es sei deshalb auch Ziel der Besetzung, linke Positionen zu Fragen des nachhaltigen Strukturwandels im regionalen Diskurs zu platzieren.

Bis zur Rodung bleibt den Besetzer:innen wohl etwas Zeit, um diese Ziele zu erreichen. Auch darauf weist ein Schild unter der Küchenplattform hin: „We might be here for 2-3 years. It‘s not our goal to just build platforms in trees. This is not Hambi. This is not Danni. This is Moni.“

#Titelbild: Luca von Ludwig

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Hannah Hollemans Buch über die „Dust Bowl“, eine der größten Umweltkatastrophen der jüngeren Geschichte, beginnt mit einer Erinnerung: Alles sei schlimmer und schlimmer geworden, bezeugt Melt White, einer der Überlebenden. Der Staub verdunkelte den Tag, alles wurde schwarz. Die Sandstürme zerstörten die Lungen der Kinder. Eine Hölle auf Erden, „viele Menschen starben“ und „einige dachten, es sei ein Eingriff Gottes, eine Strafe.“ Etwa 7500 Menschen starben, Hunderttausende flohen. Die in den 1930er-Jahren unter dem Namen „Dust Bowl“, auf Deutsch etwa Staubschüssel, Verödung und Austrocknung der Great Plains in den USA und Kanada wurde zu einem Synonym für eine Umweltkatastrophe schlechthin. John Steinbeck schrieb über ihre Auswirkungen Romane, Woodie Guthrie besang sie.

Die historische „Dust Bowl“ ist einige Jahrzehnte vorbei. Aber der Fall bleibt exemplarisch, nicht nur, weil „Dustbowlifizierung“, also die menschengemachte Verödung von Böden und ganzen Regionen, nicht aufgehört hat, ein Problem zu sein. Die historische „Dust Bowl“ zeigt ein paar Aspekte ganz deutlich: Eingebettet war sie in eine Phase des (weißen) Siedlerkolonialismus, ihr ging die Vertreibung der indigenen Bevölkerung vorher. Die Ursache der Katastrophe liegt in einer Wirtschaftsweise, die so schnell wie möglich so viel wie möglich aus der Erde rausholen will. Cash, Cash, Cash – nach uns kommt die Sintflut.

Und, so Hannah Holleman, in den Jahrzehnten vor der Katastrophe häuften sich sowohl Warnungen vor der Bodenerosion wie es zugleich „zureichendes Wissen und technisches Know-How gab, um die wachsende Krise anzugehen“. Trotzdem passierte sie. Mehr noch: Seit damals hat sich an den verheerenden Auswirkungen kapitalistischer Agrikultur nichts geändert. Man verließ nie jenen Weg, der da heißt: Business as usual.

I

Die Nacht vom 2. auf den 3. September 1984, Slums in der indischen Provinzhauptstadt Bhopal. Familien sitzen in ihren selbstgebauten Hütten, diejenigen, die man später „Überlebende“ nennen wird. Ihre Zeugnisse wird die Autorin Suuroopa Mukherjee viel später zusammentragen. „Was verbrennst du, dass es mir die Kehle zuschnürt“, wird sich eine Überlebende an die Frage eines Mannes erinnern. „Mir ist plötzlich sehr heiß geworden“, wird sich ein Rikscha-Fahrer erinnern. Und dass er dann nachhause ging, sich hinlegte, um 2:30 aufwachte, als Rauch unter seiner Tür hindurch in den Raum kroch. „Da fing das Husten an“.

Konservativen Schätzungen zufolge starben in dieser Nacht und in darauffolgenden Tagen in Bhopal etwa 8000 Menschen bei einem „Unfall“ in einer riesigen Chemiefabrik des US-Konzerns Union Carbide Corporation (UCC). 40 Tonnen giftiges Gas traten aus, Hunderttausende leiden unter Spätfolgen der Verseuchung – noch Generationen später. Bis heute ist der Ort kontaminiert und niemand fühlt sich verantwortlich, die Verschmutzungen zu beseitigen. Die Ursachen auch hier, in den Worten von Greenpeace: „Die Hauptursache für das Desaster lag in der Unternehmenspolitik begründet, ohne Rücksicht auf die Menschen Profit zu machen.“ Die Katastrophe war keine der Technik. Sondern des Geschäftsmodells.

Union Carbide Corporation gehörte dann zu Dow Chemical, also jenem Konzern, der Agent Orange für den Vietnamkrieg herstellte – mit unaussprechlichen Folgen für Mensch und Natur in dem vom Imperialismus angegriffenen Land. Dow Chemical – nunmehr nach einer Fusion 2017 als DowDupont – hat heute natürlich ein „Sustainability“ – Department und man kann sich auf der Homepage des Chemieriesen neben grünen Bildchen von Bäumen durchlesen, wie der Konzern führend in Nachhaltigkeit werden will und wie gut er jetzt schon der Welt hilft.

Das Greenwashing-Gesabbel hat das Milliardenunternehmen natürlich nicht davon abgehalten, weiter die Umwelt zu zerstören, wofür Dow dann auch auf Nummer 1 der aktuellen Toxic-100-Liste der größten Luftverpester rangiert.

Auch nach Bhopal hieß es also: Business as usual.

II

Noch jüngeren Datums ist ein anderes, ebenfalls global rezipiertes Mega-Event der Umweltzerstörung: Die Ölpest im mexikanischen Golf von 2010. Die meisten werden sich an die schockierenden Bilder der brennenden Plattform und der mit Öl überzogenen Pelikane erinnern; und an die Schlagzeilen, die von der größten Katastrophe dieser Art sprachen. Auch hier weiß man: Die Arbeiter*innen der „Deepwater Horizon“ wussten, dass mit der Ölplattform etwas nicht stimmt. Was tat die Betreiberfirma? Man ließ einfach die Alarme und Sicherheitsmechanismen abstellen, damit es auf dem Weg in den Abgrund nicht piepst oder blinkt.

Die Folgen der Katastrophe für die Region sind bis heute dramatisch. Und was passierte? Die Muttergesellschaft der Betreiberfirma, Britisch Petroleum (BP), musste Schadenersatz zahlen, entließ den zuständigen CEO Anthony Bryan Hayward – mit 1,5 Millionen Dollar Abfindung und 17 Millionen Dollar Pension. Die Beseitigung der Schäden erfolgte, wie man es von einer Firma wie BP erwarten würde. Rund 1 Million Liter einer Chemikalie – Corexit 9500 – wurde auf das Öl gesprüht, um es unter die Meeresoberfläche zu drücken. Im Aufsichtsrat der Firma, die Corexit herstellt, sitzt auch BP selbst. Corexit ist selbst giftig, in Großbritannien ist es verboten. Anwohner*innen, interviewt in dem Film „Die Grüne Lüge“ von Werner Boote und Kathrin Hartmann, beschreiben die „Reinigung“ von BP als beinahe schädlicher als die Ölkatastrophe selbst.

BP sieht das anders. Man klopfte sich auf die Schulter, weil man so selbstlos und schnell reagiert hatte. Und wie jeder andere Multi dieser Größe, setzt man auf gelegentliches „Greenwashing“, betont die eigenen Leistungen bei der Förderung „alternativer Energien“ und beteuert, Schritt für Schritt weg vom Öl zu wollen. Auch BP veröffentlicht brav seine „Sustainability“-Reports mit irgendwelchem Blabla. Und auch BP ist auf der Toxic-100-Liste, auf Platz 14.

So dramatisch Deep-Water-Horizon war, und so viele sich auch den Kinofilm dazu reingezogen haben: Für BP war danach Business as usual.

III

In ihrem Buch über die „Dust Bowl“ schreibt Hannah Holleman, sichtlich verwundert: „Sieht man sich die Grauen und die menschliche Tragödie der 1930er-Dust-Bowl an, möchte man meinen, unsere Gesellschaft würde alle ihre Kräfte zusammennehmen, um zu verhindern, dass eine solche ökologische und soziale Verheerung sich wiederholt. Und doch wiederholen wir nicht nur die Fehler der Vergangenheit in viel größerem Rahmen, sondern diejenigen, die mit der Macht und dem Kapital ausgestattet sind, um es zu können, verfeinern die Methoden ökologischer Zerstörung und sozialer Verelendung weit über die Vorstellungskraft von Dust-Bowl-Überlebenden wie Melt White hinaus.“

Warum eigentlich? Warum wiederholen sich Generation um Generation vorhersehbare ökologische und soziale Desaster? Und was könnten wir tun, damit das nicht mehr passiert? Eines der fundamentalen Probleme in der Ökologiebewegung ist, dass uns jeden Tag, in Schule, Universitäten, Medien, Filmen, Büchern, durch Expert*innen und Politiker*innen die Umkehrung einer einfachen Wahrheit eingeredet wird. Das Unmögliche – nämlich die Folgen des Kapitalismus mit kapitalistischen Mitteln zu beseitigen – wird als einzig „realistische“ Möglichkeit präsentiert. Und das einzig für das Überleben der Menschheit Realistische – nämlich die Überwindung des Kapitalismus – wird im besten Fall als jugendliche Spinnerei, im schlimmsten Fall als Weg in die Katastrophe diffamiert.

Es sind die Auswirkungen dieses ideologischen Angriffs, der dann dazu führt, dass auch engagierte Aktivist*innen dem Irrtum erliegen, Antikapitalismus sei nicht notwendig, um die Welt zu retten. Als Jakob Augstein kürzlich die prominente Fridays-For-Future-Sprecherin Luisa Neubauer fragte, wie sie´s mit dem Kapitalismus hält, antwortete sie: „Ideologische Kämpfe entzweien uns und führen zu einer Starre. Ich fände es nice, würden wir mal besprechen, was in den nächsten drei Jahren passieren sollte.“ Ihre These ist: Man kann die drohende Menschheitskatastrophe abwenden, wenn man technisch und durch Gesetzesnovellen eingreift. Und das könne man unter den jetzigen Macht- und Produktionsverhältnissen machen. Wenn man dann auch noch gegen den Kapitalismus sein will, okay, aber das eine und das andere hat für sie offenbar nichts miteinander zu tun.

IV

Aber das Gegenteil ist der Fall. Unrealistisch sind nicht die Rufe nach der Überwindung des Kapitalismus. Unrealistisch ist es, zu glauben, die Katastrophe ließe sich abwenden, wenn wir auf „Einsicht“ politischer Entscheidungsträger*innen und „Verantwortung“ von Konzernen setzen. Der Kapitalismus kennt keine „Beschränkung“ oder „Zähmung“, die ihn davon abhalten würde, zum Zwecke der Akkumulation von Kapital Mensch und Natur zu vernutzen. Wird ein Bereich dieser schrankenlosen Anhäufung unattraktiver – aus welchen Gründen auch immer – wandert Kapital zwar in einen anderen, aber nur, weil diese Wanderungsbewegung „grün“ angemalt wird, ändert sich nichts am Wesen des Mensch-Natur-Verhältnisses im Kapitalismus. Und das hat sich seit seiner Durchsetzung nicht verändert. Wie Karl Marx schrieb, entwickelt die kapitalistische Produktion zwar Technik und Kombination des Produktionsprozesses, aber nur „indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“

Anders gesagt: Hätte Joe Kaeser anstatt die Siemens-Beteiligung an der Kohle-Mine in Adani durchzuziehen stattdessen in eine Lithium-Mine für Elektroautobatterien im chilenischen Antofagasta investiert, wären wir der „Weltrettung“ auch keinen Schritt näher gekommen. Konzerne haben ein Ziel: Profit. Und sie haben in den vergangenen Jahrzehnten und manche in Jahrhunderten Methoden und Techniken entwickelt, um den zu erzielen. Verschließt sich ihnen ein Geschäftsfeld, ziehen sie in ein anderes. Drückt man ihnen Emissionspapiere auf, bereichern sie sich eben am Emissionshandel.

Ihren Zweck, Profit zu machen, bemänteln Konzerne immer schon mit den hübschesten Phrasen. War es in Zeiten einer kämpferischen Arbeiter*innenbewegung en vogue zu betonen, wie fair man seine Untergebenen behandelt und wie viele Arbeitsplätze man schafft, so passt zu klima- und umweltbewegteren Zeiten eben ein anderer Diskurs: Nachhaltigkeit, „Grüne“ Technologien, Umweltfreundlichkeit in der entsprechenden Ästhetik.

V

Der Kapitalismus ist letztlich mehr als eine bestimmte Weise zu wirtschaften. Der kurdische Revolutionär Abdullah Öcalan beschreibt ihn als das jüngste Entwicklungsstadium eines ganzen Zivilisationsstrangs, der auf der endlosen Anhäufung von Mehrprodukt/Mehrwert sowie der Konzentration gesellschaftlicher Macht beruht. Seine Überwindung ist ein universeller Prozess, der alle gesellschaftlichen Bereiche einschließt: Von patriarchalem Verhalten über das vorherrschende szientistische Wissenschaftsparadigma bis zu den defizitären Formen bürgerlicher „Demokratie“, vom Privateigentum an den Produktionsmitteln über den Finanzsektor bis zur Staatlichkeit und ihrem Grenzregime.

Das ist eine Mammutaufgabe und deshalb schüchtert es ein. Man glaubt, es wäre einfacher und sicherer, erst mal ne Nummer kleiner aufzutischen. Häufig tendiert man dazu, wenn man eines der Probleme identifiziert hat, das der Kapitalismus aufwirft, zu sagen: Lösen wir erst mal das. Alles auf einmal ist ja unrealistisch. Aktuell hieße das dann: Sorgen wir erstmal für die Reduktion von Treibhausgasen, den Rest können wir auch danach machen, denn hier drängt es. Eine solche Herangehensweise tut so, als würde sie „realistisch“ sein, weil sie einen überschaubaren Themenbereich angeht.

Aber wenn man den tausendmal gesagten Satz, dass es „system change“ braucht, um im „climate change“ nicht abzusaufen, ernst nimmt, dann ist das kleinteilige Flicken mit der vom Kapitalismus gezimmerten Nadel genauer betrachtet eben doch unrealistischer. Am Versuch der Überwindung des Kapitalismus kann man scheitern; am Versuch der Fortsetzung des Kapitalismus wird man definitiv scheitern.

# Titelbild: Szene aus der “Dust Bowl”, wikipedia

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Vorneweg: Mit #Umweltsau ist ein Tiefpunkt in den social-media-Debatten dieses Landes erreicht. Und das heißt etwas in einer Nation, in der Recherchejournalisten begleitet vom Raunen aufgebrachter Wutbürger eine Woche lang akribisch rekonstruierten, wo eine Teenagerin in einem ICE saß. Alles an #Umweltsau ist grottig: Der Ursprungstweet von Fridays For Future war grottig (no bad feelings, still loving FFF); der WDR-Beitrag war grottig; die Reaktion der Internetfaschisten im Dauer-Amok-Modus war sowieso grottig; und der Reflex diverser Linksliberaler, jetzt erst recht Großmütter zu beleidigen, als ginge es um einen Deutschrap-Award, nur weil´s die Faschotrolls dann erst recht triggert, war auch grottig.

Was soll man dazu also eigentlich schreiben? Am besten gar nichts, aber auch wir brauchen Eure Clicks, also hier die 50 Cent, die wir in die auf den Hund gekommene Sparbüchse des gesellschaftlichen Gedächtnisses zu werfen haben.

„Die Großeltern“ sind keine besonders ergiebige Kategorie, wenn man über Umweltschutz reden will. Wie absurd es ist, diesen Satz schreiben zu müssen, tut beim Tippen weh: Wer über die Gründe der fortschreitenden Umweltzerstörung reden will, hat mit dem fiktiven Subjekt einer jede Veränderung blockierenden Oma-und-Opa-Generation einfach keinen besonders guten Erklärungsansatz gefunden.

Die Diskussion bleibt völlig unfruchtbar: Die einen Schimpfen auf die ideelle Gesamt-Oma, die von Kreuzfahrt zu Kreuzfahrt tingelt, den Fernseher nicht ausmacht, wenn Anne Will rum ist und sich letztens diesen gottverdammten elektrischen Fußwärmer bei Amazon bestellt hat, wegen dem jetzt die Polkappen schmelzen, während der Opa in der Küche genüßlich seinen vierten Sauerbraten frisst, obwohl er den doch bei der Bio-Company jetzt auch schon aus Seitan haben könnte. Und die anderen schreien dann zurück, dass die eigenen Großeltern aber ganz anders sind, was stimmen kann oder nicht, aber auch voll egal ist, weil inzwischen schon der ironische Hashtag #notallgrannies angefangen hat zu trenden. Damit den ganzen 12-follower-Accounts dabei nicht langweilig wird, schaltet sich hin und wieder ein Promi oder der Landtagsabgeordnete Ihres Vertrauens ein und postet je nach ideologischer Positionierung einen harten Diss gegen Discounterfleisch (Böhmi) oder einen überfetten Truthahn mit Speck überbacken (irgendein FDP-Schlurfi).

Während der Zirkus in der Stadt ist, starren alle auf das Spektakel. Die eigentlich zugrunde liegende Frage – Wer oder was ist verantwortlich dafür, dass diese Menschheit trotz besseren Wissens ihren Planeten unbewohnbar macht – interessiert kaum noch, weil jetzt geht’s um Omas Ehre. „Debatten“ wie diese gab es im vergangenen Jahr zuhauf. Ist Gretas komisches Boot wirklich umweltfreundlich? Wie oft fliegen eigentlich Friday-For-Future-Aktivisten? Wie viel Fleisch konsumiert eine Unterschichtsfamilie?

Während man sich über irgendwelchen Kram streitet, bleibt die Frage, was eigentlich Kapitalismus mit Umweltzerstörung zu tun hat, welche Macht- und Herrschaftsverhältnisse dafür sorgen, dass alles so bleibt, wie es ist, und wie man das denn vielleicht ändern könnte, ein Nischenfetisch von Wenigen. Dabei könnte der WDR ja auch mühelos irgendwelche Kinder singen lassen, was für eine Umweltsau RWE ist. Oder man stelle sich vor, die Springer Hetzblätter würden, anstelle die CO2-Bilanz von Greta durchzurechnen, als ginge es um Ulf Poschardts Kokain-Sammelbestellung, mal ihren (vorläufig) gescheiterten Lieblingskanzler Friedrich Merz und seinen Blackrock-Konzern als Umweltsau outen; und die Tarnfarben-Grünen könnten sich mal an ihre Ursprünge erinnern und ganz antimilitaristisch Stimmung gegen die Bundeswehr machen, die immer noch zu den größten Klima-Sündern zählt, mal abgesehen davon, dass sie Menschen massakriert.

Wie auch immer, die Scheingefechte um fiktive Großeltern kann man sich jedenfalls sparen. Weder kann man die in Deutschland niemals erfolgte Entnazifizierung nachholen, indem man „Oma ist eine Nazisau“ ins Internet schreibt, noch hört der Klimawandel auf, wenn man Opa ein richtig fieses Meme reinwürgt. Man verblödet nur sich selber. Und man verblödet andere gleich mit.

Titelbild: wikimedia commons; “A painting of what was said to be the largest pig ever bred in Britain”, 1834

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Am 22. November traten Sarah (FFF Frankfurt/Main) und Carlos (FFF Berlin) in einen befristeten Hungerstreik, der am 29. November zu Ende ging. Im Rahmen ihrer Aktion stellten die beiden Aktivist*innen drei Hauptforderungen an die Bundesregierung: Die Rücknahme des Klimapakets und Umsetzung der Forderungen von Fridays For Future (inklusive der Forderungen an der Basis); ein politisches Streikrecht für alle; und die offene Verurteilung des Krieges der Türkei in Rojava und der Aufstandsbekämpfung in Chile, sowie eine umfassende Einstellung sämtlicher Rüstungsexporte in die Türkei.

Für Lower Class Magazine werten die beiden Young-Struggle- und FFF-Aktivist*innen nun ihre Aktion aus und formulieren Überlegungen, wie es mit der Bewegung weiter gehen kann.

Wie kamen wir dahin, wo wir sind?

Vergangenen Freitag, am 13.12., war das einjährige Jubiläum von Fridays For Future Deutschland. Seit einem Jahr nun wird in zahlreichen Städten Deutschlands ununterbrochen jede Woche von Jugendlichen für einen Wandel in der Klimapolitik gestreikt; am größten Streiktag in unserer Geschichte, dem 20. September, sind wir in Deutschland mit 1,4 Millionen Menschen gemeinsam auf der Straße gewesen. Innerhalb dieses einen Jahres hat sich eine Bewegung von einer Größe entwickelt, wie sie Deutschland seit Jahren nicht gesehen hat – und die international noch in einem viel riesigeren Zusammenhang steht; eine Bewegung von Jugendlichen, denen das Recht und die Fähigkeit, politisch zu sein und mitzubestimmen, immer abgesprochen wird – genau wir „unreifen“ Jugendlichen haben eine Kraft geschaffen, die die politische Elite sprachlos und verwirrt zurücklässt wie ein Kind, dessen Playmobil-Figuren plötzlich wirklich lebendig werden und nicht mehr schweigend da sitzen bleiben, wo es sie hingesetzt hat.

Ein Jahr Streik und nichts passiert

Obwohl Aktivist*innen von Fridays For Future mit etlichen Politiker*innen geredet und alle betont haben, wie toll sie es doch finden, dass wir Jugendlichen so politisch werden, sind faktisch keine politischen Veränderungen geliefert worden.

Es war ein Schlag ins Gesicht von uns allen, als am Tag des bisher größten Klimastreiks am 20. September die Ergebnisse des Klimapakets veröffentlicht wurden: Die beschlossenen Maßnahmen sind allenfalls Tropfen auf den heißen Stein und die Erkenntnis, dass die bürgerliche Politik sich unbeeindruckt zeigt nach einem Jahr des Protests, hat sich in den Reihen unserer Bewegung breit gemacht. Mit dieser Erkenntnis ging jedoch an vielen Orten auch eine Desillusionierung, eine Frustration einher. Immer mehr Diskussionen gingen in eine Richtung von Perspektivlosigkeit; das Gefühl, machtlos zu sein gegenüber einer Politik, die die Klimakrise weiterhin bereitwillig in Kauf nimmt.

Neben dieser Kopf-in-den-Sand-Stimmung nahm jedoch auch eine Diskussion um Strategien der Klimagerechtigkeitsbewegung an Fahrt auf. Und genauso wie sich am 13.12. der Geburtstag von Fridays For Future Deutschland jährte, war es auch der Tag, an dem Köln und Berlin die letzte wöchentliche Demo gemacht haben. Denn in praktisch allen Städten sehen wir, dass nach einem Jahr der ununterbrochenen Streiks die Teilnehmer*innenzahlen immer niedriger werden.

Der Hungerstreik als Aktionsform

Hungerstreiks haben immer, noch mehr als viele andere Aktionen, Ziele in zwei Richtungen: du zielst nicht nur auf deine*n Unterdrücker*in, sondern besonders auch auf die eigene Bewegung. Wenn wir zum Beispiel den Hungerstreik von Leyla Güven in Nordkurdistan betrachten, dann sehen wir, dass der wichtigste Erfolg der Hungerstreikphase nicht die Aufhebung der Isolation war, sondern das Aufbrechen der Angst und die neue Mobilisierung der Bewegung.

In dieser Phase aufkommender Frustration, aber auch strategischen Diskussionen in Fridays For Future hatten wir mit dem Hungerstreik das Ziel, die Frustration zu bekämpfen und die Diskussion voranzubringen. Wir wollten erreichen, dass die Aktivist*innen sich noch einmal neu hinterfragen: haben wir wirklich schon alles in unserer Macht Stehende getan, indem wir Freitags die Schule bestreikt haben? Sind Appelle an die bürgerliche Politik wirklich die richtige Herangehensweise an die Lösung der Klimakrise, welche bis jetzt von ebenjener Politik nicht nur geduldet, sondern mit Hilfe von Subventionen von fossilen Brennträgern und vielen anderen Mitteln weiterhin aktiv gefördert wird?

Mit dieser Perspektive haben wir die Aktion zeitlich befristet. Wir wollten die Frage, wohin wir wollen und was dafür nötig ist, noch einmal mit neuem Nachdruck in unsere Bewegung hineintragen und der Strategiedebatte eine neue Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit geben. Wir sind der Überzeugung, dass bei dieser Debatte noch einmal klarer werden wird, dass ein ökologischer Kapitalismus unmöglich ist und dass wir die nötige Wende nicht durch wöchentliche Latschdemos erkämpfen werden. Wir sind der Überzeugung, dass wir in der Zeit nach dem 29. November einen Schritt weiter gehen werden, in der Theorie wie in der Praxis – denn davon hängen das Überleben und besonders der Erfolg unserer Bewegung ab. Wir wollten klarmachen: gerade haben wir, durch einen Hungerstreik, einen der letzten Schritte der Symbolpolitik erreicht. Ab jetzt werden wir gänzlich neue Schritte wagen müssen, wenn wir erkennen müssen, dass Symbole – egal, ob es Millionen Menschen auf den Straßen oder Jugendliche mit leerem Magen sind – ignoriert werden.

Kämpfe vereinen!

Eine der strategischen Aufgaben von Fridays For Future und auch von der gesamten Klimagerechtigkeitsbewegung ist die Verbindung von unterschiedlichen Kämpfen. Das Bewusstsein, dass unsere Feind*innen, aber auch unsere Ziele – ein solidarisches Leben ohne Unterdrückung als Teil eines funktionierenden Ökosystems – dieselben sind, verbreitet sich immer weiter. Unsere Bewegung hat in der letzten Zeit auch bedeutende Schritte hin zu einem gemeinsamen Kampf gemacht: dabei wären vor allem die Bündnisse im Vorfeld des 20. Septembers zu nennen, insbesondere mit den Gewerkschaften, genauso aber auch die internationalistischen Arbeiten, die sich in Fridays For Future am stärksten mit der Solidaritätserklärung für Rojava und dem #fridaysforpeace-Aktionstag gezeigt haben.

Bei der Vereinigung verschiedener Kämpfe und Bewegungen geht es bei weitem nicht nur darum, noch mehr Menschen für die gemeinsame Sache auf die Straße zu bringen. Die Beschäftigung mit Rojava, die vielen Jugendlichen bei FFF zum ersten Mal eine revolutionäre Perspektive eröffnet hat, ist ein Beispiel dafür, was wir alles von anderen Bewegungen lernen können und was für einen gigantischen politischen Wert das Zusammenkommen hat.

Der Schulterschluss mit Arbeiter*innen und Bewegungen von unterdrückten Gruppen wie Migrant*innen, FLINT, etc., ist eine entscheidende Herausforderung der Klimagerechtigkeitsbewegung, um eine revolutionäre, antikapitalistische Perspektive wirklich in Praxis zu verwandeln. Diese strategische Aufgabe haben wir in der zweiten und dritten Forderung des Hungerstreiks sowie in den Solidaritätsnachrichten nach Chile, Bolivien und Rojava konkretisiert.

Generalstreik und ziviler Ungehorsam

Seit einem Jahr führen wir, bewusst oder unbewusst, einen Kampf für das politische Streikrecht, indem wir es uns in den Schulen praktisch nehmen. Der 20. September hat den Generalstreik nach Jahren der Stille wieder auf die Tagesordnung gebracht. Mit der Klimagerechtigkeitsbewegung gemeinsam mit den organisierten Arbeiter*innen das politische Streikrecht zu erkämpfen, wäre ein unglaublicher Erfolg und eine weitere Eskalationsstufe, die nicht unterschätzt werden kann.

Wenn wir das jedoch wirklich schaffen wollen, müssen wir noch viele Engstirnigkeiten und rückschrittliche Tendenzen in unserer Bewegung überwinden: Wir müssen wegkommen von einem antisozialen Begriff von Klimaschutz, der eine neoliberale CO2-Steuer als Lösung für alles sieht, während die Arbeiter*innen in Frankreich mit der Gelbwestenbewegung im Kampf gegen genau solche Maßnahmen – mit jeder Berechtigung – das ganze Land auseinander nehmen. An Stelle der Gewerkschaftschef*innen müssen wir viel mehr in mühseliger Basisarbeit mit den Gewerkschaftsmitgliedern und Arbeiter*innen ins Gespräch kommen. Wichtig ist aber auch, uns über die Gegenseite klar zu werden: Wir müssen alles daran geben, um uns durchzusetzen gegen Integrationsversuche von Gruppen wie „Entrepreneurs For Future“, die vor dem 20. September Rechtsgutachten machen und betonen, dass es doch viel sinnvoller wäre, auf Unternehmen, die ihren Angestellten freistellen als auf einen wirklichen Streik zu setzen.

Wir dürfen jedoch nicht auf den Irrweg tappen, Generalstreik und Revolution zu verwechseln. Ein Streik, an dessen Ende alle mit ruhigem Gewissen nach Hause und am nächsten Tag wieder auf die Arbeit und in die Schule gehen, hält sich in engen Grenzen. Nach einem Jahr des Streiks setzt sich an immer mehr Orten die Erkenntnis durch, dass das Aktionsrepertoire auf irgendeine Weise, die die Widersprüche stärker zuspitzt, ausgebaut werden muss.

„Ende Gelände“ führt unsere Bewegung langsam zu einem militanteren Bewusstsein und zu der Erkenntnis, dass das Fortlaufen des zerstörerischen Systems in unseren Händen liegt. Wir dürfen dabei jedoch niemals vergessen, dass ziviler Ungehorsam zwar an vielen Stellen seine Berechtigung haben mag, aber auf lange Sicht keinen ausreichenden Aktionsrahmen für eine Bewegung, die sich revolutionär nennen möchte, bietet. Wir als Klimagerechtigkeitsbewegung, als unterdrückte Jugend, wie alle anderen Unterdrückten und Ausgebeuteten, können uns einer breiten Palette an militanten Aktionsformen bedienen, die auch heute in Deutschland schon praktisch machbar und politisch legitim sind. Es liegt an uns, alle verschiedenen Mittel, die unserer Bewegung zur Verfügung stehen, auf eine revolutionäre Weise zusammenzubringen.

Es stehen viele Aufgaben vor uns. Viele Herausforderungen und viele Möglichkeiten. Ein Jahr Fridays For Future hat unsere Gesellschaft nachhaltig verändert – ob wir sie auch wirklich revolutionieren werden, wird sich in Zukunft zeigen.

#Titelbild, Quelle: https://www.fridaysforfutureffm.de/

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„Wir können die Welt nicht retten, indem wir uns an die Spielregeln halten. Die Regeln müssen sich ändern, alles muss sich ändern, und zwar heute“, betont Greta Thunberg, die bekannteste Sprecherin der gegenwärtigen Klimabewegung.

Darüber, dass das so ist, scheint sich ein nicht kleiner Teil der Menschheit einig: Mehrere Millionen Menschen beteiligten sich am 20. September an Demonstrationen im Rahmen des Global Climate Strike sowie der sogenannten Fridays for Future; anerkannte Expert*innen auf dem Gebiet der Klimaforschung finden drastische Worte dafür, was jetzt zu tun wäre. Und das Beste: Skrupellose Ausbeuter wie Friedrich Merz kriegen kalte Füße und fürchten um ihre zusammengeraubte “Lebensweise”.

Die Ausgangslage ist gut. Und dennoch stehen wir ganz am Anfang. Denn trotz aller Unkenrufe von einer “linksextremistischen Unterwanderung” sind eben jene Inhalte, die eine radikale außerparlamentarische Linke einbringen kann, noch gar nicht so weit verankert. Und umgekehrt haben vielleicht auch viele eher “traditionelle” Linke die Brisanz der ökologischen Krise und der imperialistischen Lebensweise noch nicht voll verinnerlicht.

Das Zusammengehen von Ökologiebewegung und antikapitalistischer Linke könnte also fruchtbar sein. Und furchtbar – zum Beispiel für Leute wie Merz.

Denn die radikale Linke könnte die Frage stärker machen, worin eigentlich die Spielregeln bestehen, die wir jetzt ändern wollen? Und ob die ohne wirklichen Umbruch des Ganzen überhaupt änderbar sind?

Denn die bürgerlich-liberale Antwort ist so einfach wie heuchlerisch: „Wir alle“ müssen unsere individuelle Lebensweise ändern. Ein bisschen Flugscham, kein Strohhalm im Aperol-Spritz und die Anschaffung eines Elektro-Autos trennen die Spreu vom Weizen. Für die Industrie gibt´s dann den Green New Deal – and we lived happily ever after.

Der blinde Fleck dieser Denkweise ist, dass es dieses „wir alle“ nicht gibt. Wir leben in einer globalen Klassengesellschaft. Und der Riss zwischen denen, die Produktionsmittel und Macht ihr eigen nennen, und jenen, die nichts dergleichen haben, formt eben auch unseren Gestaltungsspielraum in Sachen Klimawandel und Umweltzerstörung. Fakt ist: Die reichsten zehn Prozent der Menschheit verursachen die Hälfte aller Co2-Emmissionen; und die größten Verbraucher fossiler Brennstoffe sind nicht Jochen und Maria, die mit dem Auto zur ohnehin ungeliebten Lohnarbeit pendeln, sondern die riesigen Militärmaschinerien der kapitalistischen Nationen, allen voran der USA, und diverse globale Großkonzerne.

Die Spielregeln der Welt, in der wir leben, sind hinsichtlich ihres fundamentalen Prinzips gar nicht so kompliziert: Kapital muss zu mehr Kapital werden. Dieser Prozess ist schrankenlos. Und für ihn müssen die natürlichen Ressourcen und die menschliche Arbeitskraft mehr und mehr ausgebeutet und verschlissen werden. Oder wie Karl Marx schrieb: Die kapitalistische Produktion entwickelt sich, „indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“

Die erste entscheidende Einsicht, die Linke in der sich formierenden Klimabewegung – gerade auch gegen den grün-liberalen Mainstream – durchsetzen sollten, ist: Ohne die Zerschlagung der Grundlagen der Gestaltungsmacht von Großkonzernen und Staat, bleiben alle Schwüre, jetzt aber wirklich etwas für die Natur machen zu wollen, vielleicht ehrlich gemeinte, aber doch letztlich völlig wirkungslose Willensbekundung. Am Ende braucht´s den Kommunismus – oder wie man die zukünftige Gesellschaft sonst nennen will, um Worte muss man ja nicht streiten.

So richtig nun auf der einen Seite diese alte marxistische Wahrheit immer noch ist, dass es sich beim Kampf um die Umgestaltung des Mensch-Natur-Verhältnisses um einen antikapitalistischen Kampf handeln muss, so sehr haben aber auch wir eher traditionellen Linken in einer entscheidenden Frage umzurüsten: Der Frage der Konsumkritik. Die Standardantwort, die wir viele Jahre und Jahrzehnte gaben, war: Lasst den Quatsch, das hilft nichts, es geht um die Produktion und am Ende gibt es eh Luxus für alle.

Gerade für jene super-modernen und akademischen Linken, die sich Freude nur als Steigerung des bürgerlichen Hedonismus und „Luxus“ nur nach dem Vorbild kapitalistischer Warenvielfalt vorstellen können, fanden in dieser These eine beliebte Rechtfertigung dafür, am eigenen Leben so wenig wie möglich ändern zu müssen.

Dass über Konsumkritik der Kapitalismus nicht überwunden wird, bleibt zwar dennoch richtig. Aber zugleich ignoriert diese Auffassung, dass eine neue Gesellschaft auf anderen Prinzipien basieren müssen wird, als die heutige. Und dass sich in der noch zu gestaltende Welt die reichsten imperialistischen Länder nicht auf dem Rücken des überwiegenden Teils der Weltbevölkerung einen Lenz machen werden können. Wer weltweiten Kommunismus will, muss auch darüber nachdenken, unseren Blick darauf zu ändern, was uns glücklich macht, was uns erstrebenswert scheint, worin Komfort besteht, welche Bedürfnisse wie zu befriedigen sind.

Ein dritter entscheidender Punkt aber, den wir als Linke in die Klimabewegung tragen sollten, ist, dass die ganze Nummer nicht einfach wird. Wenn wir ernst nehmen, was wir die ganze Zeit sagen, nämlich, dass es eines Systemwechsels bedarf, dann ist die Aufgabe nur mit langem Atem zu bewältigen. Das aber heißt, sich zu organisieren – langfristig und über die Höhe- und Tiefpunkte der Bewegungskonjunkturen hinweg. Illusionen darin, wie viel durch Demonstrationen – seien sie noch so groß – und Appelle an Parteien oder Institutionen erreicht werden kann, sind da eher hinderlich.

Und sich zu organisieren, schließt immer auch ein, gemeinsam zu lernen, sich selbst zu verteidigen. Denn diejenigen, die heute die Zügel in der Hand halten, geben sie nicht freiwillig ab. Dafür sorgt im Zweifelsfall ein genau zu diesem Zweck eingerichteter Staatsapparat, der sich zudem gerade in rasantem Tempo in Richtung Faschisierung bewegt.

Wer, wie die Macher*innen der NGO „Extinction rebellion“ schon polizeikritische Parolen anderer Demonstrant*innen zum Grund nimmt, um eine Aktion zu verlassen, die anderen Teilnehmer*innen zu denunzieren und staatliche Gewalt zu rechtfertigen, wird keine besonders tragende Rolle bei der notwendigen „Rebellion“ spielen können.

#Titelbild: intersoz.org

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Interview mit Fridolin vom antikapitalistischen Block bei der zentralen “Fridays-For-Future”-Demo am 21. Juni in Aachen

Die Schüler*innenbewegung „Fridays For Future“ hat in den vergangenen Monaten weltweit Bekanntheit erlangt. Alles begann mit der damals 15-jährigen Greta Thunberg, die beschloss, jeden Freitag die Schule zu bestreiken, um ihren Widerstand gegen die Zerstörung unserer Umwelt auszudrücken. Schneller als man ahnen konnte, wurde aus diesem Streik eine Bewegung; „Fridays For Future“ war geboren. Hunderttausende Schülerinnen und Schüler auf der ganzen Welt begannen, auf die Straße zu gehen – für ihre und unsere Zukunft und gegen die Zurichtung dieser Welt.

Immer wieder wird versucht, solche Proteste zu befrieden und zu entradikalisieren. Eine der Besonderheiten an der Initiatorin Greta Thunberg ist, dass sie sich beharrlich gegen diese Befriedungs- und Vereinnahmungsversuche wehrt, indem sie zum Beispiel mit einer bewundernswerten Geduld die meist dümmlichen und diffamierenden Fragen von Journalist_innen immer wieder auf ihre zentralen Forderungen umlenkt: Wir brauchen eine radikale Veränderung; wir brauchen sie jetzt und so schnell und umfassend wie möglich. Und wenn sie nicht innerhalb des Bestehenden umsetzbar ist, dann schaffen wir das Bestehende eben ab und machen es neu.

Wichtig ist jedoch: „Fridays For Future“ hat zwar mit Greta Thunberg angefangen, aber sie ist weder ‘Führerin’ noch alleinige Repräsentantin all der jungen Menschen, die sich Woche für Woche lautstark für ihre Zukunft einsetzen. Genauso wenig sind es allerdings die meist selbsternannten Sprecher_innen der Bewegung; diese Bewegung ist genauso divers wie die Menschen, die sie tragen.

So kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen, wenn es um die Protestformen und die Radikalität der Forderungen geht. Ein solcher Kampf wird auch in Aachen ausgetragen; hier sind Teile der örtlichen „Fridays-For-Future“-Gruppe mit linksradikalen Strukturen gut vernetzt und formulieren eine antikapitalistische Perspektive.

Am 21.06.2019 findet eine internationale Großdemonstration von Fridays For Future genau dort statt, Zehntausende Teilnehmer_innen werden erwartet. Wir haben uns mit Fridolin, einem Genossen unterhalten, der an der Vorbereitung des antikapitalistischen Blocks beteiligt ist.

Bevor wir zu der Demo kommen, lass uns einen allgemeinen Blick auf „Fridays For Future“ und Ökologie aus linksradikaler Perspektive werfen. Wie schätzt du die Bewegung ein?

Als ich die Proteste das erste Mal mitbekommen habe, war ich begeistert. So etwas habe ich in der rasanten Entwicklung noch nicht gesehen; dass vor allem junge Menschen sich so sehr für das Leben in dieser Gesellschaft interessieren und Probleme erkennen und benennen – und nicht ausschließlich konsumieren, was ja den Jugendlichen oft vorgeworfen wird. Das, was die Generationen davor jahrzehntelang verkackt haben, kommt jetzt von 16-jährigen auf den Tisch, und das find’ ich super.

Findest du, dass linskradikale Kräfte sich dabei genug und richtig einbringen?

Teils, teils. Ich glaube, dass schon viele Leute in linksradikalen Kreisen die Proteste befürworten – aber auch, dass viele da zu hochnäsig rangehen, in der typisch deutsch-linken Art meinen, dass man selbst alles viel besser macht. Die Toleranzschwelle für Widersprüche und Dinge, die nicht hundertprozentig in die eigene Agenda passen, ist da sehr gering. Statt sich den Debatten zu stellen, wird lieber ganz geschwiegen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch viele Leute, die das unterstützen und auch zu den Demos gehen, und das hat auch schon sehr viel gefruchtet. Ich habe selten bei vermeintlich bürgerlichen Protesten so viele Aufnäher mit irgendwelchen Antifa-Emblemen oder ähnlichem gesehen wie bei „Fridays For Future“ in Aachen. So oder so sollte aber in der linksradikalen Bewegung das Ganze noch ernster genommen werden.

Was hat denn Antikapitalismus überhaupt mit Ökologie zu tun?

Sehr viel. Wenn man sich die Wirtschaft anguckt, also was und wofür produziert wird, wird man feststellen, dass viele dieser Produkte eigentlich völlig überflüssig sind und nur produziert werden, um vermeintlichen Luxus zu schaffen und Profite zu maximieren. Die Wirtschaft ist nicht bedürfnisorientiert. Es gibt viel zu viele Autos, viel zu viele Handys, viel zu viel Essen, das schlecht verteilt wird.

Und man kann sich ja anschauen, wie rasant die CO2-Emissionen steigen, was eben mit Überproduktion, mit schlechter Landwirtschaft und einem vermeintlichen Luxusangebot für Menschen insbesondere in Nordeuropa zu tun hat. Derartiges Wachstum funktioniert aber eben nicht auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen. Klimawandel und Ungleichverteilung sind zwingend mit Kapitalismus verbunden. Und die Abschaffung des Kapitalismus ist die einzige Möglichkeit, den Klimawandel zwar nicht mehr zu stoppen – weil das wahrscheinlich gar nicht mehr geht -, aber wenigstens einzudämmen.

Wie schätzt du das linksradikale und antikapitalistische Potential der Bewegung? Wie ist die Stimmung auf den Demos?

Ich treffe viele Leute, die sich über „Fridays For Future“ politisieren. Die eben nicht dabei stehenbleiben, zu sagen, Klimawandel sei böse und andere Probleme dann ausklammern – sondern Aspekte wie Ausbeutung, Diskriminierung und dergleichen mitdenken. Die Schlussfolgerung, dass der Kapitalismus das Problem ist, ist vielleicht noch nicht bei allen angekommen. Aber in Anbetracht der kurzen Zeit, in der es die Bewegung gibt, wird sich das mit Sicherheit noch verbreitern. Das Spannende an dem Thema ist ja: Es geht alle etwas an, und wir brauchen einen radikalen Wandel, um diesen Planeten nicht innerhalb kürzester Zeit unbewohnbar zu machen. Das sagen nicht nur wir, sondern sehr viele Expert*innen.

Gleichzeitig gibt’s aber natürlich diese typischen ‘Grünen’; die immer noch meinen, dass mit der richtigen Stimmabgabe der Kapitalismus schöner gemacht werden könnte. Die sind aber meiner Wahrnehmung nach in der Unterzahl.

Trotzdem sind ja gerade die reformistischen Stimmen relativ laut, vor allem in der bürgerlichen Presse – die, die sich distanzieren von radikaleren Protestformen und antikapitalistischer Positionierung. Was sagst du zu diesen Distanzierungen?

Ich glaube, eines der Probleme von „Fridays For Future“ sind diese vermeintlichen Führungspersonen, die sich in die Öffentlichkeit drängen. Das hat man natürlich weniger von Leuten, die antihierarchisch geprägt sind, als von eher bürgerlichen Leuten, die ihre Meinung überall herausposaunen wollen. Distanzierungen gibt’s ja bei vielen Protestbewegungen nach einer Weile. Aber es ist so, dass FFF auch teilweise dazu aufruft, sich beispielsweise bei „Ende Gelände“ zu beteiligen, um verschiedene Aktionsformen zu vereinen.

In Aachen gibt es jetzt auch Versuche von Staat und Polizei, „Ende Gelände“ zu kriminalisieren. Es wurden Flyer an Schulen geschickt mit der Info, dass man sich doch bloß nicht an deren Aktionen beteiligen dürfe, weil die – Zitat – „gewaltbereit“ seien. Ich denke aber, dass diese Kriminalisierungsversuche nicht sonderlich weit führen werden, und ich kann mir gut vorstellen, dass es klappen wird, verschiedene Protestformen zu vereinen. Hoffe ich zumindest.

Wie würdest du die gesamtgesellschaftliche Perspektive von „Fridays For Future“ einschätzen?

Ich denke, dass FFF das Potential hat, wirklich in die Gesellschaft hineinzuwirken. Was es ja auch schon tut; Klimawandel ist Top-Thema überall im Moment. Ich vergleiche das manchmal mit dem Rechtsruck, den wir die letzten Jahre hatten; die Klimabewegung als progressive Antwort von jungen Menschen, die nicht damit einverstanden sind, wie seit Jahrzehnten regiert wird. Und ich denke, dass das durchaus die Perspektive bietet, für solidarische Werte und eine solidarische Gesellschaft zu werben. Und auch ältere Generationen zu überzeugen, dass es im Moment einfach scheiße läuft und der Kapitalismus ein rasendes Monster ist, das sich von selbst natürlich nicht abschaffen wird oder abbremsen lässt.

Die Stadt Aachen fällt ja immer mal wieder auf durch Umwelt- und Ökologiethemen; Überall hängen Tihange-Plakate, und der Hambacher Forst befindet sich auch in unmittelbarer Nähe. Eine gute Ausgangslage für die Großdemonstration?

Ich glaube, dass in Aachen ein besonderes Bewusstsein entstanden ist durch die kaputten AKW in Belgien, Tihange und Doel, die bei einer Explosion die Stadt auch direkt betreffen werden – und natürlich auch durch den Hambacher Forst. Jede*r in Aachen weiß, was der Hambacher Forst ist. Und „Fridays For Future“ ist hier auch ein großes Thema; Aachen hat die größten FFF-Demos in ganz NRW – gehabt, zumindest, bis Köln uns dann überholt hat.

Dann kommen wir mal zu dem antikapitalistischen Block. Wer hat das angestoßen? Warum gibt es diesen Block?

Bei den Freitagsdemos haben wir in den letzten zwei Monaten mehrfach einen eigenen kleinen Block gemacht, also dazu aufgerufen, mit eigenen Transpis, Schildern, Fahnen was auch immer, dahin zu kommen und das Thema gesamtgesellschaftlich-kritisch zu betrachten. Als wir dann gehört haben, dass es diese internationale Demo geben wird, war klar, dass wir da eine antikapitalistische Position beziehen sollten. Wir haben auch sehr schnell sehr viel Zuspruch bekommen. Die Aachener „Fridays For Future“ Gruppe selber trägt ja auch im Vergleich zu vielen anderen Städten deutlich progressivere Inhalte mit, hat zum Beispiel ein eigenes Transpi mit klaren antikapitalistischen Positionen.

Wir finden „Fridays For Future“ an sich schon super, aber oft fehlt eben einfach noch ein bisschen; nämlich die Systemanalyse, wo die wirklichen Ursachen liegen, warum die Leute überhaupt auf die Straße müssen.

Auch wenn bei euch lokal diese Vernetzung funktioniert, wird es ja bei der Gesamtstruktur „Fridays For Future“ um diesen Block doch Diskussionen geben …

Natürlich gibt es innere und auch öffentliche Debatten. Ich denke, dass es nicht wenig Leute gibt, die sich eine etwas radikalere Form der Proteste und der Forderungen wünschen, und sich in den Ortsgruppen selber einbringen und dafür werben, gegen den Kapitalismus vorzugehen. Zu den Auseinandersetzungen bezüglich dieses Blocks: Was ich sagen kann ist, dass es durchaus Kritik daran gibt und teilweise offene Ablehnung. Das ist aber auf jeden Fall nicht die Mehrheit. Die radikaleren Kräfte wachsen stetig, und ich denke, dass die Leute, die zum Beispiel Mitglied bei den Grünen sind, nach und nach verstehen werden, dass auch die Grünen das Problem nicht lösen werden, weil sie sich eben an die Profitlogik des Marktes halten.

#Informationen zum antikapitalistischen Block: https://antikap2106.noblogs.org/

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