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Im Folgenden veröffentlichen wir den zweiten Teil des Interviews, das Radio Résistance im Herbst 2025 mit Camarada Amanda Rios, die mit bürgerlichem Namen Lida Ortiz heißt, geführt hat.

Lida Ortiz war Teil der Guerilla der FARC-EP, den Fuerzas Armadas Revolucionarios de Colombia – Ejercito del Pueblo (übersetzt: Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – Volksarmee) und kämpfte gemeinsam mit ihren Genoss:innen für eine sozialistische Revolution in Kolumbien. In dem Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen als Guerillakämpferin und vom Friedensprozess ihrer Organisation, der dazu geführt hat, dass die FARC ab 2016 damit begann ihre Waffen niederzulegen. 

Den ersten Teil des Interviews findet ihr hier:

Ein Gespräch über Guerilla und Friedensprozess in Kolumbien mit einer FARC-Kommandantin im Exil


Nun wurde also ein Friedensabkommen geschlossen und die FARC hat die Waffen niedergelegt. Doch die Ziele, für die die FARC gekämpft hatte, sind nicht alle erreicht worden. Was ist also seit der Abgabe der Waffen die Strategie der FARC? Wie wird der Kampf weitergeführt?

Während die Verhandlungen noch liefen, konzentrierten wir uns auf einige wenige Gebiete, in die wir verschiedene Einheiten verlegt hatten. Dort widmeten wir uns nach dem Waffenstillstand der Bildung und bauten Beziehungen zur lokalen Bevölkerung auf. Wir hielten Versammlungen ab und organisierten Sportveranstaltungen – Dinge, die zuvor nicht möglich gewesen waren. All das bezeichnen wir als Friedenspädagogik.

Dann kehrten die Genossen aus Havanna zurück und erklärten uns die genauen Inhalte des Abkommens und deren Umsetzung. Auf diese Weise waren wir über den Stand der Dinge informiert. Es wurde uns jedoch stets gesagt, dass die Waffenabgabe schrittweise erfolgen würde, schließlich seien die Waffen unsere Garantie dafür, dass unser Kampf ernst genommen werde. Wir übergaben die Waffen an die UNO, damit sie in Container gepackt wurden – und das geschah auch. Doch nach wenigen Tagen wurden alle Waffen auf einmal abgeholt. Wir waren ziemlich überrascht. Es sollte doch schrittweise geschehen, es sollte Garantien geben. Uns wurde gesagt, dass es keine Waffenübergabe sei, sondern eine Waffenabgabe. Tatsächlich war es jedoch eine Waffenübergabe. Normalerweise läuft es so, dass die Guerillas ihre Waffen abgeben und die Regierung sie dann zerstört oder einschmilzt. Uns wurde versprochen, dass aus diesen Waffen große Denkmäler gebaut werden: eines in Havanna, eines in New York und eines in Kolumbien. Doch das blieb nur Geschwätz. Tatsächlich schmolzen sie die Waffen ein und machten daraus einen Gehweg. Das heißt, auf einer symbolischen Ebene: Sie schmolzen sie nicht nur ein, sie traten sie auch mit Füßen. Damit war es endgültig vorbei mit den Waffen der FARC. Symbolisch hatte das nichts mit dem zu tun, was vereinbart worden war und was uns in der Friedenspädagogik vermittelt worden war.

Am frustrierendsten war, dass die Regierung von Juan Manuel Santos weltweit Anerkennung dafür erhielt, dass sie den Frieden geschlossen hatte, obwohl sie sich kaum um die Umsetzung des Abkommens bemühte. Santos wurde bewundert, erhielt den Friedensnobelpreis, und das stärkte vor allem das Ego der Regierung. Sie verherrlichte sich selbst. Nach Santos kam mit Iván Duque eine Marionette von Álvaro Uribe, der seinerseits eine Marionette der Paramilitärs war, wieder an die Macht. Die extreme Rechte sagte offen, dass sie das Abkommen nicht umsetzen und zunichtemachen wolle.

Unter der Regierung von Gustavo Petro wurden seit kurzem einige Schritte unternommen, um das Vereinbarte zumindest teilweise umzusetzen. Aber der Weg blieb sehr kompliziert und steinig. Ich habe keine exakten Zahlen, aber fast 500 Unterzeichner:innen des Abkommens wurden bereits ermordet. Das ist eine sehr hohe Zahl. In Kolumbien herrschte weiterhin massive politische Verfolgung. Obwohl wir eine alternative Regierung haben, liegt die tatsächliche Macht weiterhin bei denselben Personen, die das Land historisch kontrollierten: die Eigentümer der Wirtschaftsverbände und Großgrundbesitzer. Sie setzen auf den Krieg, weil er für sie ein großes Geschäft ist. So werden weiterhin Unterzeichner:innen und Führungspersonen sozialer Bewegungen getötet.

Ein weiterer Mangel des Friedensabkommens besteh darin, dass es keine klaren Garantien für diejenigen gibt, die Guerillakämpfer:innen waren und den Übergang ins zivile Leben vollziehen wollten. Man musste sich das vorstellen: Wir hatten unser ganzes Leben dem sozialen Kampf gewidmet. Alles, was wir gemacht hatten, diente dem Volk und war Teil eines kollektiven Prozesses. Nun unterzeichneten wir ein Friedensabkommen – und alle sollten gehen und ihr Leben so gestalten, wie sie konnten, nachdem sie fünf, zehn, zwanzig oder sogar dreißig Jahre in der Guerilla verbracht hatten. Die Menschen einfach so in den gnadenlosen Kampf des Kapitalismus zu schicken, wo jeder auf sich allein gestellt ist, war brutal. Einer der Fehler des Abkommens war also, dass es keine konkreten Garantien für die Wiedereingliederung gab – für den Übergang vom Guerillakampf ins zivile Leben. Das war sehr schwierig.

In der FARC hatten wir nie ein Gehalt bekommen. Es gibt ein sehr schönes Lied eines FARC-Sängers, das besagt, dass uns nicht persönlicher Gewinn motiviert, sondern der revolutionäre Kampf selbst. Doch das bedeutet nicht, dass es für diejenigen, die die Waffen niederlegten, keine Garantien geben sollte. Solche Garantien gab es aber nicht wirklich. Was es gab, war eine Kooperative, die heute Ecomun heißt. Sie ist zuständig für alles, was mit der umfassenden Wiedereingliederung zu tun hat. Zum Beispiel werden durch sie Projekte organisiert, die den ehemaligen FARC-Mitgliedern eine Möglichkeit boten, etwas Kollektives fortzuführen, damit sie nicht einfach dem Gesetz des Stärkeren ausgeliefert waren. Wir kamen ja aus einem Kollektiv. So gab es auch die Möglichkeit, sich an dem Ort, wo man lebte, zusammenzuschließen, auch gemeinsam mit der Familie.

Zusätzlich gibt es den sogenannten Nationalen Rat für Wiedereingliederung, der sich gemeinsam mit der Regierung um Fragen der Wiedereingliederungspolitik kümmert. Leider gab es sehr unterschiedliche Sichtweisen in der Führung der FARC, insbesondere nach der Unterzeichnung des Abkommens. Es gab Streit darüber, wer für welches Thema zuständig war. Wir merkten, dass das Thema Wiedereingliederung nicht demokratisch verhandelt wurde, anders als wir es uns vorgestellt hatten. Einige ehemaligen Anführer verstanden nicht, dass sie keine Kommandanten mehr waren. Sie konnten keine Befehle mehr erteilen, und das führte zu Debatten innerhalb der Partei nach der Unterzeichnung.

Aus der FARC entstand nach dem Friedensabkommen eine politische Partei, die Comunes heißt, die mit viel Elan politisch mitwirken wollte. Doch als wir begannen, stellten wir fest, dass die Entscheidungen von einem kleinen Kern getroffen wurden. Eigentlich hätte es viel Raum für Mitwirkung gegeben, doch die Führung nutzte dies nicht und entschied alles selbst. Auch die Mittel aus dem Abkommen blieben in den Händen einiger weniger ehemaliger Führungspersonen. Mit dieser Vorgehensweise konnten wir uns nicht mehr identifizieren.

Ich war zu diesem Zeitpunkt in der erweiterten Führung von Comunes. Auf dem ersten Gründungskongress wurde ich in das Consejo Nacional de los Comunes (Nationaler Rat der Gemeingüter) gewählt und war dort Teil einiger wichtiger Debatten. Weil ich die Entscheidungen der zentralen Führung infrage stellte, begann mich diese leider mit anderen Augen zu sehen. Sie bezeichneten mich nun als jemanden, der von der politischen Linie abwich und andere Ziele verfolgte. So begann ein interner Krieg gegen mich, begleitet von Anschuldigungen, die keinerlei Grundlage hatten. Es wurden Gerüchte verbreitet, wonach ich mit einer der bewaffneten Gruppen von FARC-Dissidenten zusammenarbeiten würde. Das führte dazu, dass mich eine dieser Dissidentengruppen zum militärischen Ziel erklärte – mit besonders schmerzhaften Konsequenz für mich. Ich wusste nun, dass ich ins Exil gehen musste.

Viele andere Genoss:innen wurden ebenfalls stigmatisiert, einige wurden ermordet, andere verließen das Land oder tauchten unter. Viele andere wiederum, organisierten sich in der Kooperative Ecomun, und entzogen sich teilweise auch der Verwaltung der Partei. Unter großer Anstrengungen haben sie Projekte aufgebaut, die ihnen die Wiedereingliederung in die Gesellschaft ermöglichen: Fahrradwerkstätten, Kaffeeanbau, Textilproduktion, Viehzucht und vieles mehr in verschiedenen Bereichen. Diese Initiativen werden Tag für Tag von ehemaligen Kämpfer:innen umgesetzt, und wir von außen unterstützten sie nach Möglichkeit. Schließlich waren es immer schon die Basismitglieder der Bewegung gewesen, die durch ihren Einsatz den Frieden zu einer realistischen Perspektive in Kolumbien gemacht haben!

Kann man also sagen, dass eines der größten Probleme auch darin liegt, dass mit dem Friedensabkommen die kollektiven Strukturen der FARC zerstört wurde und die ehemaligen Kämpfer:innen zunehmend individualisiert wurden? 

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf den Punkt der Waffenabgabe zurückkommen. Uns wurde damals gesagt, dass es sich nicht um eine klassische Waffenabgabe handele, sondern um ein anderes Modell, ein Modell des Dialogs. Uns wurde versichert, dass es keine Demobilisierung geben würde. Aber tatsächlich gab es eine solche.

Was ich damit meine: Wir hatten eigentlich eine kollektive Struktur, nach bestimmten Prinzipien organisiert, mit einem starken Zusammenhalt. Doch als das Abkommen geschlossen wurde, mussten plötzlich alle für sich selbst entscheiden, was sie mit ihrem Leben anfangen wollten. Die kollektiven Strukturen wurden aufgelöst. Eigentlich war im Friedensabkommen festgelegt, dass die Führung der Partei, das Sekretariat, für die allgemeine Wiedereingliederung zuständig sei. Doch in der Praxis war das nicht der Fall. Es gab also eine Demobilisierung, weil viele Guerilleros und Guerilleras sich in gewisser Weise von ihrer Führung, von der Bewegung im Allgemeinen, verlassen fühlten. Jeder suchte nach individuellen Möglichkeiten, um zu überleben, und das Kollektiv zerbrach.

Heute sind es vor allem die Kooperativen, die den Zusammenhalt der Gemeinschaft aufrechterhalten. Sie ermöglichen es den Menschen sich um ein produktives Projekt herum zu organisieren und weiterhin Pläne für die Zukunft zu entwickeln. Das ist jedoch nicht einfach, denn oft bleiben die wirtschaftlichen Aspekte im Vordergrund, während der politische Teil in den Hintergrund tritt. Weil bewaffnete Akteure, Paramilitärs, in den Gebieten präsent sind, haben die Menschen außerdem Angst, ihre Meinung frei zu äußern. Oft müssen sie ihre politische Arbeit heimlich machen, ohne dass die bewaffneten Gruppen davon erfahren. Das ist sehr schwierig. In einer Kooperative in Caloto wurden etwa zehn Menschen ermordet – und es gibt noch mehr solcher Fälle. Auch in der Kooperative, von der ich Teil war, als der Friedensprozess begann, wurden viele Genoss:innen durch Paramilitärs ermordet.

Es hat also eine Demobilisierung gegeben und das, was unser Kollektiv zusammengehalten hatte, ist zu einem Teil zerbrochen. Aber ich glaube, dass es auch heute noch eine revolutionäre Basis gibt, die zumindest einige der Personen, die in den Kooperativen tätig sind, miteinander verbindet. Alles, was in diesem langen Kampf an Erfahrungen gemacht wurde, lebt in ihr weiter. Diese Basis ist nicht immer sichtbar, aber sie kann der Grundstein für einen zukünftigen Wandel im Land werden. Solche Prozesse sind zyklisch. Erst kam das Friedensabkommen, dann der Rückschlag und nun schließlich gibt es Raum für eine Erneuerung – auch von dem, für was die FARC gekämpft hat.

Was klar ist, ist, dass es viele wertvolle und ernsthafte Genoss:innen gibt, die sich weiterhin für den Frieden einsetzen. Ich glaube, dass sich aus dieser Basis in Zukunft wichtige Kader herausbilden könnten, die für unser Land kämpfen werden.

Du hast bereits zuvor davon gesprochen, dass es ehemalige FARC-Kämpfer:innen gibt, die weiterhin bewaffnet kämpfen. Neben diesen gibt es ja auch noch andere Organisationen, wie die ELN und die EPL, die ebenfalls den bewaffneten Aufstand praktizieren. Wie ist der aktuelle Stand der bewaffneten Organisationen in Kolumbien?

Kolumbien war über Jahrzehnte hinweg ein zentraler Schauplatz sowohl des bewaffneten als auch des unbewaffneten Widerstands. Im Bereich des bewaffneten Kampfes existierten verschiedene aufständische Organisationen wie die FARC, die ELN, die EPL, M-19 und weitere. Einige dieser Organisationen bestehen bis heute, etwa die ELN. Daneben gibt es bewaffnete Gruppen, denen ehemalige Mitglieder der inzwischen aufgelösten FARC angehören. Diese werden gemeinhin als Dissidenten bezeichnet. Einige dieser Gruppen verwenden weiterhin den Namen FARC, obwohl es keinerlei politische oder historische Kontinuität mit dem bewaffneten Kampf der ursprünglichen FARC gibt.

Das Tragische daran ist, dass sich diese Gruppen aus Personen zusammensetzen, die sich nicht mehr als Teil von einem politischen Kampf weiterentwickeln konnten. Ihr Handeln ist nicht mehr von einem revolutionären Projekt bestimmt, sondern vom bloßen Überleben. Sie schließen sich beliebigen bewaffneten Strukturen an – unabhängig davon, ob diese revolutionär oder konterrevolutionär sind. Gleichzeitig gibt es Akteure, die sich rhetorisch weiterhin auf einen revolutionären Diskurs berufen und auf frühere Dokumente der FARC zurückgreifen, während sie in der Praxis Communitys angreifen, wichtige Personen aus den sozialen Bewegungen ermorden und diejenigen, die das Friedensabkommen unterzeichnet haben, töten. Diese Widersprüche verzerren das historische Bild der FARC stark.

Heute gibt es bewaffnete Gruppen, die sich FARC nennen, obwohl sie aus Drogenhändlern und Gewalttätern bestehen und Kinder rekrutieren. Für zukünftige Generationen entsteht so der Eindruck, dass dies die FARC gewesen sei. In Wirklichkeit aber war die ursprüngliche FARC Teil eines völlig anderen historischen und politischen Zusammenhangs. Eine besondere Gruppe, die sich auf die FARC bezieht, ist die sogenannte Segunda Marquetalia. Sie entstand nach dem Friedensabkommen. Ihr Ursprung hängt eng mit dem bekannten FARC-Führer Jesús Santrich zusammen. Ihm wurde von der kolumbianischen Staatsanwaltschaft unter Néstor Humberto Martínez gemeinsam mit der CIA und der DEA eine gezielte Falle gestellt. Ziel war es, Santrich in einen angeblichen Drogendeal zu verwickeln, um seine Auslieferung an die USA zu ermöglichen. Die DEA stellte dafür sogar Geld und Kokain zur Verfügung und filmte ein inszeniertes Treffen. In den Aufnahmen ist jedoch klar zu erkennen, dass Santrich sich nicht zum Drogenhandel äußerte.

Santrich nahm an dem Treffen teil, weil ihn der Cousin eines anderen FARC-Kommandanten eingeladen hatte. Diese Person hatte keinen politischen Hintergrund und wurde dafür bezahlt, Santrich zu belasten. Trotzdem wurde Santrich verhaftet und inhaftiert, damit er ausgeliefert werden konnte. Da es aber keine Beweise gab, kam er schließlich frei. Der politische Schaden war jedoch bereits entstanden. Santrich erklärte, er wolle lieber in Kolumbien sterben, als in die USA ausgeliefert zu werden. Gemeinsam mit einem anderen ehemaligen Kommandanten, Iván Márquez, gründete er die neue Guerilla der Segunda Marquetalia.

Auch diese Gruppe ist nicht mit der alten FARC gleichzusetzen. Unter den heutigen Bedingungen kann es auch keine direkte Fortsetzung geben. Es handelt sich um eine kleine Gruppe, die ständig ums Überleben kämpft. Ihr gegenüber steht eine Armee, die umfassend in Aufstandsbekämpfung ausgebildet wurde, unter anderem an der Escuela de las Américas. Gleichzeitig befindet sich die Segunda Marquetalia im Konflikt mit einer anderen bewaffneten Gruppe, die ebenfalls den Namen FARC benutzt und mit den USA zusammengearbeitet hat, um Jesús Santrich 2021 in Venezuela zu ermorden. Die Situation ist extrem unübersichtlich. Daneben existiert weiterhin die ELN mit bekannten Führungspersonen und einer klaren Struktur. Insgesamt lassen sich die heutigen bewaffneten Gruppen nicht mehr mit denen von vor zehn oder fünfzehn Jahren vergleichen. Meiner Ansicht nach hat der Kapitalismus alles korrumpiert. Mittlerweile ist der Krieg heute selbst ein Geschäft geworden und das trifft leider auch auf den Befreiungskrieg zu. Die Territorien in Kolumbien sind stark umkämpft, weil neben lokalen bewaffneten Gruppen auch internationale Drogenkartelle, wie zum Beispiel mexikanische Organisationen und die venezolanische Gruppe Tren de Aragua aktiv sind.

In vielen dieser Regionen ist der Staat kaum präsent. Es gibt keine ausreichende militärische Präsenz, aber auch keine Schulen, Krankenhäuser oder soziale Absicherung. In diesem Machtvakuum kontrollieren bewaffnete Gruppen das Leben der Menschen. Der Anbau von Koka und der Kokainhandel sind ihre wichtigste Einnahmequelle. Das Kokain wird vor allem in die USA und andere Länder exportiert. Dieser Umstand macht einen revolutionären bewaffneten Kampf heute nahezu unmöglich. Auch wenn es innerhalb der Guerilla noch Menschen gibt, die ehrlich an revolutionäre Prinzipien glauben, denke ich, dass es heute keine realen Bedingungen mehr für einen bewaffneten Aufstand gibt. Die Situation ist zu chaotisch, und der Drogenhandel hat die bewaffneten Gruppen tief korrumpiert. Besonders Gruppen, die sich heute FARC oder FARC-EP nennen, töten wichtige Personen aus den sozialen Bewegungen und greifen ganze Communitys an.

Deshalb halte ich den bewaffneten Kampf heute nicht mehr für den richtigen Weg. Stattdessen sollten bewaffnete Gruppen den Dialog suchen und Friedensabkommen anstreben, die echte Garantien bieten und zu sozialen Verbesserungen führen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die von Gustavo Petro angestoßenen Veränderungen zu unterstützen. Auch wenn er nicht die gesamte Macht im Land hat, ist er stark in der Bevölkerung verankert. Ich bin überzeugt, dass wir uns in einem entscheidenden historischen Moment befinden. Anstatt sich in ländlichen Camps zu isolieren, sollten bewaffnete Gruppen diese Gelegenheit nutzen, um sich politisch zu engagieren und ihren Einfluss auf zivilem Weg geltend zu machen. Leider kommt es weiterhin zu Kämpfen zwischen verschiedenen Gruppen, und die Zivilbevölkerung leidet am meisten darunter. Die Zahl der Toten steigt weiter.

Wie hat sich denn die Situation seit dem Amtsantritt von Gustavo Petro verändert? Petro war ja früher selber mit der Guerillabewegung M19 assoziiert. Was ist sein politischer Hintergrund? Ist unter seiner Regierung eine Verbesserung im Umgang mit den ehemaligen FARC-Mitgliedern oder generell den bewaffneten Strukturen bemerkbar?

Die Regierung von Gustavo Petro ist auch ein Ergebnis der tiefgreifenden sozialen Veränderungen, die Kolumbien in den letzten Jahren erlebt hat. Diese Entwicklungen stehen in engem Zusammenhang mit dem Friedensabkommen. Das Abkommen hat vielen Menschen die Augen geöffnet und gezeigt, wie hart die Realität im Land tatsächlich ist. Es wurde deutlich, dass diese Situation nicht das Ergebnis des Krieges der FARC gegen den Staat war, sondern dass die herrschenden Klassen die Hauptverantwortung tragen. Gleichzeitig verliert die extreme Rechte immer mehr an Legitimität. Ihr wahres Gesicht wird zunehmend sichtbar. Ihr sogenannter „schmutziger Krieg“ ist gut dokumentiert. Es gibt zahlreiche Untersuchungen zu Massakern, zu den sogenannten Falsos Positivos und zum systematischen Krieg, den staatliche und paramilitärische Strukturen gegen die eigene Bevölkerung geführt haben.

Ein weiterer Wendepunkt war der große soziale Aufstand im Jahr 2021. Vor allem Jugendliche aus armen Stadtvierteln, den Barrios, trugen diese Proteste. Sie gingen auf die Straße, blockierten Verkehrswege, kochten gemeinsam, organisierten sich selbst und forderten ein Ende der Polizeigewalt. Besonders im Fokus stand die ESMAD, eine Spezialeinheit der Polizei, die auf die Niederschlagung sozialer Proteste in Städten spezialisiert ist. Auslöser des Aufstands war eine Steuerreform der damaligen Regierung Duque. Diese Reform hätte vor allem die breite Bevölkerung belastet, während Reiche und große Unternehmen von Steuererleichterungen profitiert hätten. Die Steuerlast sollte also auf die Armen abgewälzt werden. Viele Menschen hatten genug, und so kam es zu massiven sozialen Unruhen. Neben der Steuerfrage wurden auch weitere politische Forderungen laut, darunter die Abschaffung der ESMAD und grundlegende soziale Reformen.

In diesem Kontext ist die Regierung Petro zu verstehen. Sie ist das Ergebnis dieser gesellschaftlichen Umbrüche. Die extreme Rechte ist politisch stark angeschlagen, auch wenn sie weiterhin Anhänger hat und in manchen Fällen noch immer Stimmen mit Geld beeinflusst. Gustavo Petro spielte schon lange vor seiner Präsidentschaft eine wichtige Rolle in der politischen Landschaft. Besonders während seiner Zeit im Senat führte er zentrale Debatten gegen Álvaro Uribe und kritisierte immer wieder dessen Verbindungen zu paramilitärischen Gruppen.

Petro stammt aus der Bewegung M-19. Diese war zwar eine Rebellengruppe, aber keine sozialistische Organisation. Sie war stark von den Ideen Simón Bolívars geprägt und verstand den politischen Kampf nicht nur national, sondern als Teil eines größeren lateinamerikanischen Projekts, des Patria Grande. Ein zentrales Anliegen dieser Bewegung war es, patriotische Werte wieder sichtbar zu machen. In Kolumbien war nämlich für lange Zeit das Fach Geschichte aus den Schulen gestrichen worden, was zu einem großen Verlust an historischem Bewusstsein führte.

Als Präsident hat Petro wichtige Reformen angestoßen. Diese zielen darauf ab, mehr soziale Sicherheit für Arbeiter:innen, ältere Menschen und Studierende zu schaffen. Es handelt sich dabei nicht um revolutionäre Veränderungen, sondern um notwendige Reformen. Kolumbien leidet aufgrund seiner Geschichte unter extremer sozialer Ungleichheit. Deshalb müssen Veränderungen schrittweise erfolgen. Genau darin liegt heute eine der größten Herausforderungen. Es geht darum, wie das politische Projekt des sozialen Wandels fortgeführt werden kann, insbesondere im Hinblick auf kommende Wahlen. Ziel ist es, die begonnenen Reformen zu vertiefen und dauerhaft abzusichern.

Gleichzeitig muss auch Kritik geäußert werden. Die Regierung Petro hat in der Friedenspolitik einen schweren Fehler gemacht. Der größte Fehler lag in der Wahl des ersten Friedensbeauftragten, Danilo Santos. Sein Ansatz des „vollständigen Friedens“ war zu ambitioniert. Er wollte gleichzeitig mit allen Akteuren verhandeln: mit Guerillas, paramilitärischen Gruppen und Drogenkartellen. Am Ende blieb dieses Projekt ohne konkrete Ergebnisse. Besonders problematisch war der Fokus auf Gespräche mit den sogenannten FARC-Dissidenten. Diese nutzten den Dialog vor allem dazu, sich territorial auszubreiten und militärisch zu stärken. Zudem gingen sie deutlich aggressiver gegen die Regierung Petro vor als zuvor gegen die Regierung Duque. In der Frage des Friedens kam die Regierung daher kaum voran. Trotzdem genießt die Regierung in der Bevölkerung viel Unterstützung, vor allem wegen der sozialen Reformen. Diese werden von vielen Menschen als dringend notwendig angesehen und positiv bewertet.

Ihr habt sicher bereits mitbekommen, dass es sehr viele Vorurteile und kaum Informationen über den bewaffneten Kampf gibt. Es gibt kaum Informationen und wenn es welche gibt, dann stammen diese aus Hollywoodfilmen oder aus den bürgerlichen Medien. Was willst du den Menschen hier in Europa mitteilen?

Ich denke, es ist wichtig, nicht nur die komplizierte Situation in Kolumbien zu verstehen, sondern auch zu erkennen, dass das Land ständig zwischen zwei Extremen schwankt: Zwischen Krieg und Frieden, zwischen der Möglichkeit tiefgreifender sozialer Veränderungen und den Kräften, die alles daransetzen, genau diese Veränderungen zu verhindern.

Auf der Seite der Menschen, die täglich für ein besseres Leben kämpfen, gibt es viele unterschiedliche Gruppen und soziale Organisationen. Sie kommen aus verschiedenen Bereichen und haben unterschiedliche Perspektiven. Dazu gehören bäuerliche und landwirtschaftliche Organisationen ebenso wie indigene Gemeinschaften und afrokolumbianische Bevölkerungsgruppen, die jeden Tag darum kämpfen, ihre Kultur, ihre Territorien und ihre Traditionen zu bewahren. Auch die Unterzeichner:innen des Friedensabkommens leisten wichtige Arbeit, insbesondere durch Projekte zur Wiedereingliederung und durch gemeinschaftliche Produktionsprojekte. Aus meiner Sicht ist es entscheidend, diese Prozesse solidarisch zu begleiten. Das bedeutet zum einen, die weiterhin stattfindenden Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien sichtbar zu machen und anzuprangern. Zum anderen geht es ganz konkret darum, Organisationen und Kooperativen zu unterstützen, die mit sehr begrenzten Mitteln arbeiten, oft ums Überleben kämpfen und dennoch aktiv zum Frieden im Land beitragen.

Das Wissen und die Erfahrungen derjenigen, die früher im bewaffneten Kampf standen, sind dabei sehr wertvoll. Diese Erfahrungen können als wichtige Lehren dienen und Friedensprozesse nicht nur in Kolumbien, sondern auch in anderen Teilen der Welt unterstützen. Aus ehemaligen Kämpfer:innen können so aktive Verteidiger:innen des Friedens werden. In Kolumbien gibt es viele engagierte Genoss:innen, die über großes Wissen und wichtige Lebenserfahrungen verfügen. Deshalb halte ich es für zentral, die Beziehungen zwischen diesen Menschen und Organisationen in Europa zu stärken. So können gemeinsame Projekte weiterentwickelt und bekannter gemacht werden. Ein Teil dieser Arbeit findet heute über das Internet statt, wenn auch noch in begrenztem Umfang.

Wir selbst haben hier in Europa eine Gemeinschaft aufgebaut. Sie besteht aus Migrant:innen, politisch Verfolgten im Exil und vor allem aus Kolumbianer:innen, steht aber auch in engem Austausch mit europäischen Organisationen. Von hier aus beschäftigen wir uns mit der Situation in Kolumbien und unterstützen Initiativen, die sich für Frieden, Wiedereingliederung und die Stärkung bäuerlicher Kämpfe einsetzen. Diese Organisation trägt den Namen Ven Seremos.

Ein weiteres Ziel unserer Arbeit ist es, internationale Kämpfe miteinander zu verbinden und ihnen gemeinsam mehr Gewicht zu verleihen. Gleichzeitig wollen wir der Politik der Rechten entgegentreten, die in vielen Ländern auf dem Vormarsch ist und zunehmend versucht, die Rechte von Migrant:innen und Exilant:innen einzuschränken. Wir sind überzeugt, dass internationale Vernetzung dafür ein entscheidendes Mittel ist. Kürzlich haben wir ein internationales Treffen für die Freiheit von Simón Trinidad organisiert, einem Genossen, der seit 22 Jahren in den Vereinigten Staaten inhaftiert ist. Er lebt dort unter extrem harten Bedingungen, weitgehend isoliert und nahezu ohne menschlichen Kontakt, was einer Form psychischer Folter gleichkommt. Es ist erschütternd, dass solche Zustände selbst nach einem Friedensabkommen noch existieren.

Dieses Treffen hat gezeigt, dass es in Europa großes Interesse und eine starke Bereitschaft gibt, sowohl den Fall Simón Trinidad als auch den Friedensprozess in Kolumbien zu unterstützen. Deshalb werden wir unsere Arbeit fortsetzen und die Beziehungen zu anderen Organisationen hier in Europa weiter ausbauen. Vielen Dank.

Vielen Dank für das Gespräch!

Foto: https://commons.wikimedia.org




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Ein Gespräch über Guerilla und Friedensprozess in Kolumbien mit einer FARC-Kommandantin im Exil

Im folgenden veröffentlichen wir den ersten Teil eines Interviews, das Radio Résistance im Herbst 2025 mit Camarada Amanda Rios, die mit bürgerlichem Namen Lida Ortiz heißt, geführt hat.

Lida Ortiz war Teil der Guerilla der FARC-EP, den Fuerzas Armadas Revolucionarios de Colombia – Ejercito del Pueblo (übersetzt: Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – Volksarmee) und kämpfte gemeinsam mit ihren Genoss:innen für eine sozialistische Revolution in Kolumbien. In dem Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen als Guerillakämpferin und vom Friedensprozess ihrer Organisation, der dazu geführt hat, dass die FARC ab 2016 damit begann ihre Waffen niederzulegen. 

Die FARC-EP führte diesen bewaffneten Kampf seit 1964. Die FARC hat Zeit ihrer Existenz eigentlich dauernd versucht Friedensgespräche zu führen. Auch hat sie während den 80er Jahren einen Versuch unternommen, auf dem parlamentarischen Weg Ergebnisse zu erzielen, was durch gewaltsame Repression verhindert wurde. Lange Zeit war die FARC eine der weltweit größten bewaffneten marxistisch-leninistischen Organisationen. Man kann davon ausgehen, dass bei Unterzeichnung der Friedensverträge 2016 bis zu 17 000 Kämpfer:innen Teil der FARC waren. Diese militärische Stärke ist mit einer der Gründe, warum die FARC seit eh und je Ziel massiver Gegenpropaganda war. Einer ehemaligen Guerillera, wie Lida Ortiz zuzuhören hilft uns, ein anderes Licht auf die Geschichte zu werfen.  

Doch wer ist Lida Ortiz genau? Lida Ortiz war Kommandantin einer Guerillaeinheit. Wie die meisten ihrer Genoss:innen unterstützte sie die Friedensgespräche. Sie war nach über 10 Jahren im bewaffneten Kampf zur Überzeugung gekommen, dass dieser nicht die gewünschten Ziele ermöglichen würde. Als die FARC als Nachfolgeorganisation die legale Partei Comunes gegründet hatte, beteiligte sie sich in deren politischen Projekten. Wie sie uns im Interview ausführen wird, wurde sie allerdings zunehmend desillusioniert über deren Weg und insbesondere über die interne Debattenkultur. Schlussendlich trat sie aus der Partei aus. Sie wurde zum Ziel interner Anfeindungen und eine FARC-Dissidentenorganisation drohte damit, sie zu ermorden. Deswegen floh Lida Ortiz in die Schweiz, wo sie bis heute wohnhaft ist.


Hallo Amanda, vielen Dank dass du dir die Zeit genommen hast, dich mit uns zu treffen und deine Erfahrungen mit uns zu teilen. Könntest du dich zu Beginn kurz vorstellen?

Mein Name ist Lida Ortiz. In Kolumbien war ich Mitglied verschiedener Guerillagruppen der FARC-EP und trug dort den Namen Amanda Ríos. Deshalb nennen mich viele Menschen bis heute einfach Amanda.

Meine Arbeit innerhalb der FARC begann im Jahr 2000 – in einer Zeit, in der auch die paramilitärischen Gruppen in Kolumbien immer stärker wurden. Damals studierte ich an der Universidad del Valle in Cali, einer sehr renommierten Universität. Dort kam ich zum ersten Mal mit der FARC in Kontakt. Ich begann, ihre Camps zu besuchen, und tauchte Schritt für Schritt tiefer in diese Realität ein.

Die politische Situation damals war äußerst schwierig und von großer Unsicherheit geprägt. Es fanden zu dieser Zeit Friedensgespräche zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC statt, die sogenannten Gespräche von Caguán unter Präsident Andrés Pastrana. Anfangs weckten sie Hoffnungen, doch letztlich – wie so viele andere zuvor – wurden sie nicht aus einem wirklichen Willen zum Frieden heraus geführt. Vielmehr dienten sie vor allem dazu, die kolumbianische Armee militärisch zu stärken. Parallel dazu wuchs auch die Macht der paramilitärischen Gruppen.

Diese Paramilitärs bedrohten zahlreiche führende Aktivist:innen an den Universitäten, Gewerkschafter, Bauern und viele andere. Es war eine Zeit, in der Menschenrechte immer wieder verletzt wurden und Angst zum Alltag gehörte.

Dann wurde ein Genosse von uns an der Universität verhaftet. Später informierte er uns darüber, dass man ihm Fotos von uns auf dem Campus gezeigt hatte. Sie waren sehr an uns interessiert, weil wir zu diesem Zeitpunkt Anführer:innen der Studierendenbewegung waren. Er erzählte mir auch, dass sie ihn immer wieder nach mir gefragt hatten.

Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich bereits mit der FARC zusammen. Die Verhaftung machte mir deutlich, wie ernst die Situation geworden war. Ich sagte mir, dass es an der Zeit war, den Schritt zu wagen und mich der Guerilla vollständig anzuschließen. Auf diese Weise trat ich schließlich bei.

Lida Ortiz

Du hast gesagt, dass du während dem Studium in Kontakt mit der FARC gekommen bist. Aber wie bist du politisch aktiv geworden?

Alles begann an der Universität. Dort hatten wir eine Studierendenbewegung aufgebaut, in der wir für die Rechte der Studierenden kämpften – zum Beispiel für eine gesicherte Verpflegung, für niedrigere Studiengebühren und für viele andere studentische Anliegen. Diese Bewegung wuchs mit der Zeit und knüpfte auch Verbindungen zu den Arbeitervierteln der Stadt. Auf diese Weise wurden wir bekannt. An der Universität galten wir bald als Referenz.

Auch die FARC begann sich für das zu interessieren, was wir taten. Eines Tages kontaktierte uns jemand von ihnen in der Cafeteria der Universität und schlug vor, ein Camp der FARC zu besuchen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich zwar klare revolutionäre Ideen, doch ich war keine Sympathisantin der FARC. In Kolumbien kursierten viele sehr negative Erzählungen über sie. Man sagte, sie seien reine Militaristen, dass sie nur militärisch handelten und keine wirklichen politischen Ziele hätten.

Nachdem wir Genoss:innen darüber diskutiert hatten, kamen wir zu dem Schluss: Lasst uns hingehen und selbst sehen, was dort passiert. Wenn es uns nicht gefällt, können wir jederzeit wieder gehen. Also gingen wir. Als wir ankamen und das Guerillalager betraten, war das für mich etwas Unglaubliches. Diese Erfahrung veränderte meine Sichtweise vollständig. Denn jenseits der politischen Rhetorik spürte man dort eine besondere Form der Verbundenheit – das was wir Revolutionär:innen als Genossenschaftlichkeit kennen.

In einem Guerillalager zu sein fühlte sich an wie Teil einer großen Familie zu sein: einer Familie, die durch die Prinzipien des Kampfes vereint ist, die zusammenarbeitet und alles für die Gemeinschaft tut. Das berührte mich sehr. Besonders beeindruckt hat mich auch die Selbstermächtigung der Frauen innerhalb der FARC. Es waren Frauen, die stolz darauf waren, Teil des bewaffneten Aufstands zu sein, Frauen in Führungspositionen, Frauen mit großer Verantwortung. Das gefiel mir sehr.

Ich war begeistert und beschloss, mit der FARC zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig kehrte ich immer wieder an die Universität zurück und setzte mein Studium fort. Ich ging regelmäßig ins Camp, kam aber jedes Mal wieder in die Stadt zurück. Doch als die politische Verfolgung immer intensiver wurde, kam ich zu einem klaren Entschluss: Jetzt trete ich in die Guerilla ein. Ich hatte ohnehin das Gefühl, dass mein Leben dem bewaffneten Aufstand gewidmet war. Also wagte ich den Schritt und trat bei.

Wie war es, als du neu in die Guerilla eintratest? Könntest du uns ein bisschen mehr darüber erzählen, wie der Alltag in den Lagern aussah? Wie sehen die Tage aus? Wie sehen die Wochen aus? Wie wird die Arbeit verteilt?

Der Alltag im Guerillalager wurde durch eine klare interne Ordnung bestimmt. Jede Guerilla-Einheit hatte ihre eigenen Regeln. Normalerweise standen wir um zehn vor fünf am frühen Morgen auf. Je nachdem wie hoch die Gefahrenlage war, musste man manchmal schon um drei oder vier Uhr morgens aufstehen, um sich in die Schützengräben zu begeben und zu beobachten, ob sich der Feind näherte.

Danach tranken wir Kaffee, hörten Nachrichten und frühstückten gemeinsam. Nach dem Frühstück gab es die sogenannte Nachrichtenzusammenfassung. In diesem Raum konnte jede Person die Nachrichten teilen, die sie gehört hatte, danach wurden sie gemeinsam analysiert. Jemand übernahm die Leitung und moderierte die Diskussion. So konnten wir eine kollektive Einschätzung der aktuellen Situation erarbeiten. Auch das war Teil des täglichen Programms.

Der restliche Tag hing stark von den Umständen des Krieges ab. Wenn die Gefahrenlage hoch war, mussten wir aufbrechen, weil sich der Feind in der Nähe befand. Wenn es die Situation zuließ, fanden Bildungseinheiten statt. Wir studierten zum Beispiel die Statuten der FARC, analysierten die allgemeine politische Lage, beschäftigten uns mit dem Marxismus-Leninismus und mit anderen Themen. Manchmal lasen wir auch gemeinsam ein Buch.

Am Abend stand ein Bad auf dem Programm, danach das Abendessen. Um 20 Uhr gingen alle schlafen, und es herrschte absolute Stille. Nachts durfte kein Lärm gemacht werden, vor allem in den Bergen, wo man jedes Geräusch hört. Absolute Stille. So sah das Leben in einem Guerillalager aus.

Für mich war das nicht immer einfach. Ich hatte Philosophie und Geschichte an der Universität im Tal studiert, und als Philosophin – und als gute Studentin – stellte ich gern alles infrage. Ich suchte immer nach dem Grund der Dinge. Und genau diese Suche, dieses ständige Hinterfragen, hatte mich ja auch dazu gebracht, Revolutionärin zu werden.

Im Leben in der Guerilla war das jedoch schwieriger. Dort gibt es eine klare Hierarchie, eine militärische Struktur, der man folgen muss. Man erhält Befehle, die man ausführen muss, ohne nach dem Warum zu fragen. Natürlich gab es auch demokratische Räume, vor allem die Parteiversammlungen, in denen jede Person ihre Ideen und Vorschläge einbringen und diskutieren konnte. Doch das militärische Regime war sehr streng. Das war eines der Dinge, die mir am schwersten fielen. Mit der Zeit gewöhnte ich mich jedoch daran.

Wir sprechen hier vom Jahr 2002, dem Moment, in dem ich mich entschied, zu bleiben. Seit dem Jahr 2000 war ich immer wieder zwischen dem Camp und der Stadt hin- und hergereist. Aber 2002 ging ich – und kam nicht mehr zurück. Ich bin geblieben.

14 Jahre später kam es zum Friedensvertrag und der Entscheidung der FARC, die Waffen niederzulegen. Was ist in diesen 14 Jahren passiert? Was waren die Gründe, die die FARC dazu bewegte, die Waffen niederzulegen? Wie verliefen die Friedensverhandlungen?

Diese vierzehn Jahre waren sehr komplex – wie ich bereits angedeutet habe, als ich über die Friedensgespräche zwischen der FARC und der Regierung von Andrés Pastrana gesprochen habe. In dieser Zeit setzte die Regierung gemeinsam mit den USA den sogenannten Plan Colombia um. Als Teil dieses Plans wurde vor allem die Luftwaffe gestärkt, und die Bombardierungen nahmen massiv zu. Dadurch wurde der bewaffnete Kampf immer schwieriger. Viele Lager wurden bombardiert, und zahlreiche Genoss:innen in hohen Positionen wurden ermordet. Es war eine äußerst harte Zeit.

Dann kam die Wiederwahl von Álvaro Uribe, einem bekannten Paramilitär. Uribe war es, der den Paramilitarismus in Kolumbien systematisch vorangetrieben hatte. Heute muss er sich in Kolumbien für viele Verbrechen verantworten, darunter die Ermordung von Jugendlichen, die auf der Straße festgenommen wurden, denen man Guerillakleidung anzog und die anschließend ermordet wurden. Die Täter erhielten dafür Prämien oder Sonderurlaub, weil sie angeblich Guerilleros getötet hatten. Dieses Verbrechen ist als der sogenannte Falsos-Positivos-Skandal bekannt. Auch das war eine extrem gewalttätige Zeit in Kolumbien.

Doch auch innerhalb der Guerilla war diese Phase sehr hart. Wir mussten uns daran gewöhnen, ständig in Bewegung zu sein. Manchmal kamen wir an einem Tag in einem Lager an, nur um es am nächsten Morgen bereits wieder verlassen zu müssen. Wir lebten dauerhaft unter extrem schwierigen Bedingungen. Gleichzeitig wurde immer deutlicher, dass sich der Krieg in die Länge zog und immer mehr Opfer forderte – Opfer, die uns schmerzten: unsere Genoss:innen, aber auch Zivilist:innen. Es war ein Krieg ohne Ende, ein Krieg, den weder der kolumbianische Staat noch die FARC gewinnen konnten.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1964 hatte die FARC stets die Fahne des Friedens hochgehalten. Leider stellte sich der kolumbianische Staat immer wieder auf die Seite des Krieges. Der Kampf der FARC war nicht entstanden, weil einige Menschen eines Tages beschlossen hatten, zu den Waffen zu greifen. Er gründete auf dem historischen Widerstand von Bauern, Indigenen und Afrokolumbianer:innen, die sich angesichts der vielen Ungerechtigkeiten in unserem Land zusammengeschlossen hatten. Der Wunsch nach Frieden war also immer da.

Bereits 1984 gab es erste Friedensgespräche mit der Regierung von Belisario Betancur. Frieden war immer einer der zentralen Grundsätze unserer politischen Position. Und man muss auch sagen: Obwohl wir Revolutionär:innen waren, ging es uns nicht um eine vollständige revolutionäre Umgestaltung Kolumbiens, sondern um eine Demokratisierung des Landes. Unser Ziel war, dass es nicht mehr notwendig sein sollte, zu den Waffen zu greifen, um Politik zu machen. Denn in Kolumbien wurde jeder, der anders dachte, physisch ausgelöscht – und genau das machte Politik ohne Waffen unmöglich.

Aus den Erfahrungen der Gespräche von 1984 entstand ein sehr bedeutender Vorschlag: die Unión Patriótica. Sie sollte eine politische Partei sein, die als breite Bewegung funktionierte und viele Menschen sowie politische Führungspersönlichkeiten vereinte, die an eine demokratische Transformation und an politische Teilhabe glaubten. Doch diese Alternative wurde physisch vernichtet. Heute zählen wir mehr als 6.000 Ermordete und Verschwundene aus dieser Zeit. Unter den ermordeten befanden sich auch die Präsidentschaftskandidaten Jaime Pardo Leal und Bernardo Jaramillo.

Trotz all dessen konnte die Unión Patriótica einige Sitze in Rathäusern und im Kongress der Republik gewinnen. Doch diese Episode ist eine der blutigsten in der Geschichte Kolumbiens – geprägt von Staatsterrorismus und politischer Verfolgung.

Die FARC war immer offen für den Dialog. Doch keine Regierung war bereit, sich wirklich darauf einzulassen. Erst die Regierung von Juan Manuel Santos änderte diese Haltung, als er erklärte: „Ich werde Frieden schaffen.“ Vielleicht spielte dabei auch sein Interesse am Friedensnobelpreis eine Rolle… Aber natürlich war die FARC zu Gesprächen bereit. Unser Anführer, der Genosse Alfonso Cano, begann Verhandlungen mit Juan Manuel Santos. Doch dann unternahm die Regierung eine hinterlistige Aktion. Mitten in den Gesprächen führte sie eine Militäroperation durch, bei der Alfonso Cano aufgespürt und ermordet wurde. Ihr müsst euch vorstellen, dass es sich dabei auch nicht um einen gleichberechtigten Kampf handelte! Als er umgebracht wurde, war Alfonso Cano bereits geschwächt gewesen, er hatte seine Brille verloren und konnte kaum noch sehen.

Trotz dieser Intrige kam die Führung der FARC zu dem Entschluss, die Gespräche fortzusetzen. Eine Gruppe von Kadern wurde ausgewählt, um nach Havanna, Kuba, zu reisen, wo die Verhandlungen stattfanden. Die FARC hatte eigentlich den Wunsch geäußert, die Gespräche in Kolumbien zu führen, doch die Regierung lehnte das ab.

In Havanna begann man, an zentralen Punkten zu arbeiten, ausgehend von rund hundert Minimalforderungen zu unterschiedlichen Themen. Diese Forderungen waren aus einem breiten Beteiligungsprozess entstanden. Viele Menschen aus sozialen und politischen Organisationen Kolumbiens reisten nach Havanna, um ihre Vorschläge einzubringen. Auch internationale Stimmen beteiligten sich daran. So entstand eine Vielzahl sehr wertvoller Vorschläge.

Am Ende wurde der Prozess abgeschlossen und ein Friedensabkommen unterzeichnet. Zwar wurden nicht alle Vorschläge übernommen, doch ehrlich gesagt hatte die FARC beim Abschluss des Abkommens das Gefühl, dass ein Großteil der zentralen Punkte berücksichtigt worden war. Der Krieg in Kolumbien war extrem kompliziert, ohne Gewinner, und hätte sich noch viele Jahre mit weiteren Toten und Opfern hinziehen können. In diesem Kontext wurde von der Führung der FARC die Entscheidung getroffen, das Friedensabkommen zu unterschreiben.

Leider entschied Präsident Santos – obwohl er die verfassungsmäßige Befugnis gehabt hätte, das Abkommen zu ratifizieren –, es der Bevölkerung zur Abstimmung vorzulegen. Die Kolumbianer:innen sollten entscheiden, ob das Abkommen umgesetzt wird oder nicht. Doch Santos führte nicht einmal eine Kampagne für ein Ja! Stattdessen ließ er der extremen Rechten des Landes freien Raum, um eine äußerst destruktive Kampagne gegen das Abkommen zu führen.

Sie verdrehten die Inhalte des Abkommens und instrumentalisierten religiöse Gefühle innerhalb der christlichen Bevölkerung, insbesondere deren konservative Haltungen. Sie behaupteten, das Abkommen wolle die Kirchen abschaffen. Außerdem war das Abkommen international für seine Maßnahmen zur Geschlechtergerechtigkeit gelobt worden – was die Rechten nutzten, um zu behaupten, das Land werde künftig von Homosexuellen regiert.

Am Ende gewann bei der Volksabstimmung das Nein. Das Friedensabkommen wurde abgelehnt. Für das Land war das ein tragisches Ereignis. Es hatte große Hoffnungen auf Frieden gegeben, und viele Menschen waren schockiert darüber, dass Kolumbien Nein zum Frieden gesagt hatte. Daraufhin organisierten junge Menschen aus Universitäten und Schulen Protestcamps und Demonstrationen mit einer klaren Botschaft: Ja zum Frieden. Diese starke gesellschaftliche Bewegung führte schließlich dazu, dass eine Neuverhandlung des Abkommens durchgesetzt wurde. Denn man kann nicht einfach Nein zum Frieden sagen.

Könntest du noch einmal kurz ausführen, was genau die Punkte waren, die das Abkommen umfasste und ob sich diese nun bei diesen Neuverhandlungen veränderten?

Das Friedensabkommen umfasst mehrere zentrale Punkte. Der erste Punkt betrifft die umfassende Agrarreform – sie hat direkten Bezug auf die Wurzeln des Konflikts in Kolumbien. Das Land liegt stark in den Händen von Großgrundbesitzern, während indigene, bäuerliche und afrokolumbianische Gemeinschaften gewaltsam vertrieben werden, häufig durch Paramilitärs, die sich das Land aneignen wollen. Die Agrarreform ist also ein zentraler Schritt, um die Ursachen des Konflikts zu bekämpfen.

Der zweite Punkt betrifft die politische Teilhabe. Es geht darum, dass Menschen Politik machen können, ohne ermordet zu werden. Das Abkommen garantiert politische und demokratische Teilhabe, nicht nur für die Bevölkerung insgesamt, sondern auch für jene aus der FARC, die den Schritt zur Unterzeichnung des Friedensabkommens gehen.

Der dritte Punkt regelt, wo sich die Einheiten der FARC aufhalten können, bis für sie der Übergang ins zivile Leben möglich ist. Das ist relativ genau festgelegt.

Der vierte Punkt behandelt die Drogenpolitik. Historisch wurden vor allem die schwächsten Glieder der Drogenkette verfolgt: die Bauern, die die Kulturen anbauen, und die Konsumenten. Nun geht es darum, Wege zu finden, wie die Bauern ihre Anbaukulturen schrittweise umstellen können, ohne dass diese gewaltsam zerstört oder mit Glyphosat besprüht werden. Dieser Punkt bietet also eine andere Herangehensweise als der traditionelle, harte Kurs gegen Drogen.

Der fünfte Punkt ist das Thema der Opfer – das Kernstück des Abkommens. Hier geht es um Anerkennung und Gerechtigkeit für die Opfer des Konflikts, aber auch um die Übergangsjustiz. Ein eigens eingerichtetes Sondergericht für den Frieden beurteilt die im Rahmen des Konflikts begangenen Verbrechen.

Dank der starken Bewegung der Jugendlichen, die sich für den Frieden einsetzen, gelang es, das Abkommen neu zu verhandeln, auch gegen die extrem rechte Opposition, die es ursprünglich verhindern wollte. Doch leider wurden dabei viele Punkte stark abgeschwächt. Die Frage der Geschlechtergerechtigkeit wurde stark eingeschränkt, damit das Abkommen überhaupt zustande kam.

Auch die Übergangsjustiz wurde verändert. Es gab Menschen, die den Konflikt finanziert hatten – jene mit Geld, die Paramilitärs oder Söldner befehligten, die der Armee Massaker anordneten. Nach den neuen Verhandlungen waren diese Personen nicht mehr verpflichtet, sich dem Sondergericht für den Frieden zu stellen. So verlor dieses Gericht einen großen Teil seiner ursprünglichen Bedeutung. Übrig blieb im Grunde nur ein Gericht, das die FARC verurteilte, nicht aber alle Beteiligten des Konflikts.

Einige Militärs entschieden sich freiwillig für das Sondergericht, aber nur, weil es für sie vorteilhaft war. Auch einige Paramilitärs baten darum, dort verurteilt zu werden. Doch es bestand keine Verpflichtung. Das schadete dem Friedensabkommen enorm, denn es war notwendig, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden und dass das Land die Wahrheit darüber erfahren würde, was alles passiert war. Stattdessen wurde immer wieder die große Lüge verbreitet, dass die FARC lediglich eine terroristische Bedrohung gewesen sei, ohne politische oder soziale Ursachen für ihren Kampf. So wurden die FARC als eine Bande von Banditen dargestellt.

Gleichzeitig kamen die großen Politiker, die Präsidenten, die Kongressabgeordneten und die wirtschaftlichen Eliten, die das Land regierten, weitgehend ungeschoren davon. Sie führten einen schmutzigen Krieg gegen das Volk – und wurden nie dafür verantwortlich gemacht. Das bleibt eine der größten Schwächen dieses Friedensabkommens.


Foto: Institute for National Strategic Studies (INSS.), Public domain, via Wikimedia Commons & privat

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Von Ruzhn, Belutschische politische Aktivistin

Zwischen dem 9. und 11. Juli 2025 startete die Baloch Liberation Front (BLF) Operation Baam, eine koordinierte, landesweite Militärkampagne im besetzten Belutschistan. In nur 72 Stunden wurden über 84 Anschläge ausgeführt, was sie zur größten und synchronisiertesten Offensive der BLF bis heute macht. „Baam“ bedeutet Morgendämmerung auf Balochi und symbolisierte nicht nur eine taktische Eskalation, sondern den Beginn eines neuen strategischen Kapitels im belutschischen nationalen Befreiungskampf.

Der Kontext: Belutschistan unter Besatzung

Belutschistan, die größte Provinz Pakistans nach Fläche und Bodenschätzen, befindet sich seit 1948 in militärischer Besatzung. Trotz geo-strategischer Bedeutung und umfangreicher mineralischer Ressourcen sehen sich die belutschischen Menschen politischer Marginalisierung, wirtschaftlicher Ausbeutung und einer brutalen Counterinsurgency-Kampagne ausgesetzt, geführt von Pakistans Militär und Geheimdiensten.

Der belutschische Widerstand, sowohl bewaffnet als auch gewaltfrei, besteht seit Jahrzehnten. Die Baloch Liberation Front gilt als eine der wichtigsten bewaffneten Formationen, die gegen die pakistanische Herrschaft kämpfen, und operiert vornehmlich in den südlichen und zentralen Regionen Belutschistans.

Was machte Operation Baam anders?

Im Gegensatz zu früheren Guerilla-Aktionen stand Operation Baam für eine High-Level mehrfronten Kampagne. Die BLF behauptet, dass bei der Operation über 50 pakistanischen Militär- und Geheimdienstmitarbeitern getötet wurden, während 51 weitere verletzt wurden. Neun Geheimdienstler sollen an einer Checkpoint-Position in Musakhel gefangen genommen und hingerichtet worden sein.

Wesentliche Merkmale der Operation umfassen:

  • 84 gleichzeitige Angriffe in mehreren Distrikten, darunter Kech, Awaran, Kohlu, Kalat und Dera Bugti.
  • Zerstörung militärischer und Überwachungsinfrastruktur, darunter 7 Mobilfunktürme und 5 Drohnen.
  • Beschlagnahme von Waffen und Dokumenten aus pakistanischen Armeelagern und Konvois.
  • Einrichtung von 22 temporären Kontrollpunkten, um kurzfristige Kontrolle über feindliches Territorium zu behaupten.
  • Koordination über unwegsames Gelände, von der Makran-Küste bis zu den Sulaiman-Bergen.

Das Ziel war deutlich: Militärische Mobilität lähmen, Überwachungskapazitäten zerstören und operative befreite Zonen schaffen. Dies markierte eine doktrinäre Verschiebung von taktischem Stören hin zu koordinierter Störung und psychologischer Dominanz.

Psychologische und politische Kriegsführung

Über den militärischen Erfolg hinaus hatte die Operation Baam ein schweres symbolisches Gewicht. Sie zeigte die Fähigkeit der BLF, den Mythos der Staatsskontrolle herauszufordern und direkt die Infrastruktur der Besatzung anzugreifen. Die Operation war auch eine politische Botschaft an den pakistanischen Staat, an die belutschische Bevölkerung und an die Welt: Der Widerstand ist nicht zerbrochen; er entwickelt sich weiter.

Sie erfolgte zu einer Zeit, in der urbaner belutschischer Aktivismus unter der Führung von Frauen, Studenten und Familien der Verschwundenen zunahm. Operation Baam bildete eine Brücke zwischen Bergen und Städten, Waffen und Stimmen, in einer einheitlichen Erzählung des Widerstands.

Baam im Kontext eines wachsenden Widerstands

Operation Baam brach nicht einfach isoliert aus; sie war die schärfste Klinge einer breiteren Eskalation im belutschischen Befreiungskampf.

Laut einem jüngsten Bericht des belutschischen Innenministeriums verzeichnete die Provinz zwischen dem 1. Januar und dem 11. Juli 2025 501 bewaffnete Vorfälle, die 257 Todesopfer und 492 Verletzte forderten. Von diesen richteten sich 332 Angriffe speziell gegen Staatstruppen, sie töteten 133 Soldaten und verletzten 338. Tötungen von Siedlern sollen im Vergleich zu 2024 verdoppelt worden sein, mit 52 Toten, die bei 14 Angriffen getötet wurden – eine Zahl, die der Staat nutzt, um die Befreiungsbewegung zu diskreditieren.

Die Allianz der bewaffneten Gruppen der Belutschen unter der Führung von Baloch Raaji Aajoi Sangar (BRAS), darunter die BLA und die BLF, hat jedoch die Darstellung des Staates zurückgewiesen. In ihren Erklärungen warf die BRAS dem pakistanischen Militär vor, absichtlich Siedler und nicht-lokale Arbeitskräfte in militarisierten Zonen anzusiedeln, um Zustimmung für die Besatzung zu erzeugen. Sie behaupten, dass staatliche Streitkräfte, Geheimdienstmitarbeiter und die Infrastruktur der Rohstoffindustrie ihre primären Ziele seien.

In ihren eigenen Halbjahresberichten:
•    Die BLA gab 284 Angriffe an, bei denen 724 feindliche Soldaten getötet und 373 verletzt worden seien.
•    Die BLF meldete 302 Angriffe, bei denen 221 Feinde getötet und über 148 verletzt worden seien.
•    Zusammen behaupten die beiden Gruppen, 151 Waffen beschlagnahmt, dutzende Fahrzeuge zerstört und kurzzeitig die Kontrolle über Militärposten übernommen zu haben.
•    53 Kämpfer wurden getötet – 29 von der BLA, 17 von der BLF und 7 Selbstmordattentäter.

Unabhängig davon, ob man den staatlichen Daten oder den Kommuniqués der Widerstandgruppen Glauben schenkt, bleibt eine Wahrheit bestehen: Belutschistan befindet sich in einem Zustand des eskalierenden Kampfes, nicht nur in einer bloßen Sicherheitskrise.

Eine Verschiebung des Gleichgewichts

Die Operation Baam war keine einmalige Machtdemonstration, sondern eine Erklärung der Ausdauer, der Leistungsfähigkeit und der Ausrichtung der Bewegung. Sie signalisierte, dass die Belochistan Liberation Front und die breitere Unabhängigkeitsbewegung sich nicht mehr auf reaktive Verteidigung beschränken, sondern in eine Phase strategischer Durchsetzung eingetreten sind.

Für den Staat war es ein Schlag gegen die Illusion der Kontrolle. Für das Volk der Belutschen war es eine Erinnerung daran, dass der Widerstand lebendig ist. Und für die Welt sollte es ein Weckruf sein: Belutschistan ist nicht nur eine vergessene Peripherie, sondern ein Schlachtfeld für Würde, Souveränität und das Recht auf Selbstbestimmung.

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„Was kommt als nächstes?“ – Die Frage mussten sich tausende von FARC-Guerrillakämpfer:innen nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages im Jahr 2016 stellen. In EL Cauca, einer Region, in der die FARC schon immer sehr präsent war, tauschten die Kämpfer:innen ihre Waffen gegen Kameras. Inmitten des Friedensprozesses, als die Augen der Welt auf sie gerichtet waren, beschlossen sie, ihre Sicht der Dinge zu dokumentieren. Zum ersten Mal auf diese Art wird in „Memorias Guerrilleras“ (Guerrilla-Erinnerungen) der kolumbianische Konflikt von denen erzählt, die ihn erlebt haben.

„Der Film wurde von ehemaligen Kämpfern gedreht und geschrieben, was in der Welt ungewöhnlich war“ sagt uns Boris Guevara, ehemaliger Guerrillero der FARC und Schauspieler in Memorias Guerrilleras. Tanja Nijmeijer, die während des Telefongesprächs neben ihm sitzt, fügt hinzu: „Wir hatten das Gefühl, dass es wichtig war, einen Film mit unserer Vision zu produzieren. Was haben wir erlebt? Was haben wir durchgemacht?“

Die Neiderländerin Tanja hat es zu unfreilliger Berühmtheit gebracht, als ihre Tagebücher im kolumbianischen Dschungel gefunden werden, in denen sie ihre Entwicklung einer FARC-Revolutionärin dokumentiert. Sie begleitete die Dreharbeiten und die Ausbildung für das Verfassen von Drehbüchern und Aufnahmen. „Wir lebten in der Übergangszone für die Wiedereingliederung, als uns ein Filmregisseur, Ricardo Coral, besuchte.“

„Ich glaube, die UNO hätte die Aufnahme des Films nie erlaubt. – Dreharbeiten über Krieg inmitten der Entwaffnung

Über 50 Jahre lang befand sich die FARC im Krieg mit dem kolumbianischen Staat. Eine lange Zeit, in der viele Dokumentarfilme entstanden. Warum braucht es noch einen Film? Was macht dieser anders? Tanja antwortet darauf: „Normalerweise haben Filme einen Filter. Es gibt viele Dokumentarfilme über die FARC, aber ich denke, die meisten davon wurden von Leuten außerhalb gemacht. Es geht immer durch ihren Filter.“

Tatsächlich belegen mehrere Studien die Propaganda der kolumbianischen Regierung gegen die FARC. Ein Medienkrieg, der die FARC für alles Schlimme im Land verantwortlich macht, und darauf abzielt, die Guerrilla zu einem unpolitischen Subjekt zu machen. Tanja fügt hinzu: „Wir wollten unsere Geschichte erzählen; wir wollten, dass die Leute wissen, warum wir uns der FARC angeschlossen haben. Es wurde so viel über die FARC gesagt, und 80 % davon ist nicht wahr, einfach nicht wahr. Wir hatten ein Leben im Dschungel, ein Leben in der Guerrilla, und wir haben das Recht, auf dieses Leben zurückzublicken und den Menschen zu erzählen, was wir erlebt haben.“

Der Spielfilm erzählt fünf parallele Geschichten aus der Zeit, als die FARC ihre Waffen an die Vereinten Nationen übergab. Der Drehort in El Cauca ist geprägt von kargen Bergen und dichtem Dschungel. Die Menschen, die hier leben, kämpfen mit Armut, Chancenlosigkeit und Gewalt durch rechte Paramilitärs und die Armee. Das führt unweigerlich dazu, dass sich viele den Reihen der Guerrilla anschließen. Eine Storyline befasst sich mit den Gefühlen neuer Mitglieder der FARC: Was bedeutete es, seine Familie zurückzulassen, um in der Guerrilla eine Zukunft zu finden? Eine andere Storyline handelt von Guerrillakämpfer:innen, die mit der Angst und der Ungewissheit der Waffenübergabe an die UNO und dem Ende des Guerrillalebens zurechtkommen müssen.

Boris Guevara erzählt am Telefon: „Der Film wurde aufgenommen, als wir unsere Waffen abgaben. Er basiert auf der Realität, auf dem, was wir in diesem Moment fühlten. Für die meisten Menschen war es ein beängstigender Moment, denn unsere Waffen bedeuteten unser Leben. Sie wurden benutzt, um unser Leben zu verteidigen. Es war nicht leicht, sie an die Vereinten Nationen zu übergeben. Viele fragten sich: Was wird mit uns geschehen? Ich denke, der Film spiegelte diesen Moment des Zweifels und der Angst perfekt wieder. „

Der Film ist in vielerlei Hinsicht der erste seiner Art, den man als fiktive Autobiografie bezeichnen kann. Es gibt wenige vergleichbare Beispiele für die Drehbedingungen und das Team, das hinter der Produktion steht. Vom Guerrillakämpfer zum Schauspieler, mehr oder weniger über Nacht. Wie ist das möglich? Boris antwortet: „Wir haben ein Casting unter den 400 Menschen gemacht, die in der Zone leben, und die Leute mussten einfach so tun, als wären sie sie selbst, und Geschichten aus ihrem eigenen Leben aufschreiben. Man brauchte nicht viel Fachwissen, um ein Schauspieler zu sein, denn sie waren einfach sie selbst.“

Die Produktion hat ein Budget von nur 15.000.000 kolumbianischen Pesos, umgerechnet etwa 3303 Euro. In dem gesamten Produktionsteam sind nur acht Professionelle. Das bedeutete viel und schnelles Arbeiten: „Wir hatten nur einen Monat Zeit für die Aufnahmen, also mussten wir Tag und Nacht aufnehmen. Wir waren also ständig am Arbeiten.“

Die Dreharbeiten fanden während eines Abrüstungsprozesses statt. Tatsächlich wurden anfangs die echten Waffen der FARC als Requisiten verwendet. Doch dann wurden sie, wie im Friedensvertrag vorgeschrieben, der UNO übergeben. Mehr als 8000 Waffen und etwa 1,3 Millionen Kugeln Munition. Boris Guevara sagt uns, dass dies die größte Herausforderung für die Produktion war. Leute aus dem Camp werden in die Städte geschickt, um Waffenattrappen als Requisiten zu kaufen. Doch damit sind nicht alle Probleme gelöst. Der Friedensvertrag ist von der UNO an strenge Bedingungen geknüpft; die Guerrillakämpfer:innen dürfen ihre Lager nicht einmal ohne Waffen verlassen.

Boris erzählt uns, dass die UNO eigentlich nie von der Produktion des Films gewusst hat: „Ich glaube, die UNO hätte die Aufnahme des Films nie erlaubt.“ Er erzählt uns von der Aufnahme einer Szene, bei der es riskant wird: „Wir haben eine Szene aufgenommen, in der einige Guerrillakämpfer einen Zivilisten treffen, dann kamen einige Bauern vorbei und sahen die bewaffnete Gruppe. Daraufhin riefen sie die UNO an, um ihnen mitzuteilen, dass eine bewaffnete Gruppe anwesend war. Wir mussten also schnell ins Lager zurückkehren und uns normal verhalten. Die Vereinten Nationen fragten, was los sei, und wir antworteten: „Hier ist nichts los. Wir waren alle innerhalb des Camp. Nichts passiert.“ Tanja und Boris lachen, als sie das am Telefon erzählen. „Es gab einen Moment, in dem das ein heikles Thema war, aber der ist schon vorbei, also können wir darüber reden“, sagte Boris.

Das Filmkollektiv trägt den Namen eines ihrer ermordeten Genossen, David Marin, Schauspieler bei Memorias Guerrilleras. Er wurde im Juni 2019 getötet und erlebt die Veröffentlichung des Films nicht mehr. Er war lange Mitglied der FARC, davor der kolumbianischen kommunistischen Jugendorganisation, und ein einflussreicher sozialer Führer. Boris beschreibt ihn als einen „geborenen Anführer“. „Es ist nicht ganz klar, warum er getötet wurde. Er wurde in einer komplexen Zone getötet.“ In der FARC ist es seit langem Tradition, dass Fronten oder Projekte den Namen ihrer gefallenen Kameraden annehmen.

„Als der Film aufgenommen wurde, waren bereits einige Ex-Kämpfer ermordet worden. Gleichzeitig gab es viele Attentate auf soziale Führungspersönlichkeiten.“ Seit dem Friedensabkommen werden mehr als 300 ehemalige FARC-Kämpfer:innen getötet. Meistens ist es schwierig, die Motive für die Morde zu verstehen. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass es sich um rechte paramilitärische Strukturen handelt, die sich die Verwundbarkeit durch die Entwaffnung zunutze machen.

Der Friedensprozess ohne Frieden – Rückblick auf Befürchtungen die sich bewahrheitet haben

Es ist unmöglich, über den Film zu sprechen, ohne auch über Politik zu sprechen. Der Film spricht aus der Perspektive eines sehr jungen Friedensvertrags. Heute ist er über fünf Jahre alt. Viele der Zweifel und Zukunftsängste, die im Film angesprochen werden, haben sich bewahrheitet. Der ehemalige Optimismus wird von der existierenden Gewalt überschattet. Tanja und Boris sind Teil der Friedensdelegation gewesen, die über vier Jahre lang mit der kolumbianischen Regierung auf Havanna verhandelt hat. Der Friedensvertrag soll einen der langwierigsten bewaffneten Kämpfe der Welt beenden. Das war die Idee auf dem Papier.

Boris erzählt, dass nur fünf Prozent des 310-seitigen Friedensvertrags umgesetzt worden sind. „Was wir uns vor fünf Jahren erträumt haben, ist heute eine traurige Realität der Nicht-Umsetzung“ sagt er. In der Tat hat sich sehr wenig entwickelt, einiges sogar ins Negative. Während beispielsweise die extreme Armut im Jahr 2019 noch 9,6 Prozent ausmacht, liegt sie 2020 bei über 15 Prozent. Mittlerweile gelten 42,5 Prozent der kolumbianischen Bevölkerung als arm.

2016 wird der Friedensvertrag von der Santos Regierung unterschrieben, welche von Tanja als „inkompetent und langsam“ bei der Umsetzung des Vertrages beschrieben wird. Aktuell ist Iván Duque Präsident, der einer sehr rechten Partei angehört, die bei ihrem Wahlsieg angekündigt hatte, den Friedensvertrag in Stücke zu reißen. Tanja und Boris hoffen auf zumindest einige Änderungen von der neuen Regierung nach den kommenden Wahlen. „Wir haben sehr gute Chancen, die Wahlen zu gewinnen und mit den rechten Parteien zu konkurrieren.“ – erzählt Boris am Telefon.

Tanja beschreibt es so: „Viele Dinge wurden nicht umgesetzt. Sie haben wirklich versucht, das Friedensabkommen in Stücke zu reißen. Es gibt immer noch Armut. Kolumbien ist immer noch ein sehr ungleiches Land und eine Klassengesellschaft. Das ist es, was wir jeden Tag erleben. Für die meisten von uns ist es ein ständiger Kampf. Wir sind in eine Gesellschaft integriert, die sich nicht wirklich verändert hat. – Ich denke, es ist wichtig, der Welt zu zeigen, dass der Konflikt nicht vorbei ist, und dass die Umsetzung sehr wichtig ist.“

Der kolumbianische Konflikt ist trotz des Friedensvertrags noch nicht beendet. Er ist ein andauernder Prozess, der immer komplexer wird und sich tendenziell verschärft. Das Filmkollektiv will ihn weiterhin dokumentieren. Trotz der schwierigen Situation blickt das Kollektiv David Marin nach vorne; es gibt bereits Pläne für Memorias Guerrilleras II. „Leider ist es in Kolumbien schwierig, einen Film zu machen. Es gibt keine Mittel, die Regierung unterstützt die Filmindustrie nicht sehr gerne. Wir sind also auf der Suche nach einer Finanzierung. – Es hängt vor allem davon ab, dass die Leute den Film kaufen und ihn sich ansehen. Es ist also aus vielen Gründen wichtig für uns, dass die Leute den Film sehen. „

# Memorias Guerrilleras lässt sich auf der Plattform für memoriasguerrilleras.indyon.tv für 5 Euro mieten. 30 Prozent des Geldes geht an die Ex-Kombattanten, die in dem Film geschauspielert haben. 70 Prozent geht in die Produktion von Memorias Guerrilleras II. Der Film ist mit englischen Untertiteln verfügbar.

# Alle Bilder: Memorias Guerrileras

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Die PalästinenserInnen schrieben sich zur Kommunikation gegenseitig Notizen, die sie an Steine banden und zwischen den Baracken hin und her warfen. Dort wo sie auf den Boden fielen, wurden sie gelesen, wenn sie an jemanden aus dieser Baracke adressiert war, wurde die Notiz übergeben, wenn sie aber an andere adressiert war, wurde sie einfach weiter geworfen. Diese Methode haben auch wir ausprobiert.

Das Interview ist ursprünglich in türkischer Sprache erschienen auf Yeni Özgür Politika: https://www.ozgurpolitika.com/haberi-israil-esir-kampindan-kurdistan-a-154645. Für leichtere Verständlichkeit wurde die deutsche Übersetzung an einigen Stellen leicht angepasst. (Teil 3 von 3, Teil 2 findet ihr hier)

Von EMRULLAH BOZTAŞ
Übersetzt von Tekoşin Şoreş & Kerem

Während des Gesprächs erzählte uns Xalid Çelik, dass es vom ersten bis zum 26. Tag der Gefangenschaft intensive Folter gegeben hat. Jene, die besonders zur Vernehmung ausgesucht wurden, kamen nie wieder zurück. Sie waren komplett verschollen. Er berichtet uns über die zwei Jahre, die er in Gefängnissen in Israel und Syrien verbracht hat und wie er schließlich in die Berge Kurdistans und in Freiheit gelangt ist.

Hatten die israelischen SoldatInnen erfahren, wer ihr wart?

Die Israelis wussten nicht, dass wir von der PKK waren. Am ersten Tag hatten sie uns gefragt, wer wir waren. Wir hatten diese Ausweise. Die haben wir ihnen dann gezeigt. Später haben wir erfahren, dass es auch andere solcher Camps gab und dass auch dort GenossInnen waren. Wir wussten bis dato nichts über die anderen FreundInnen. Dass die Freunde auf der Burg Arnon gefallen waren, haben wir erst dort erfahren und dann auch ein Gedenken organisiert. Unter den Gefallenen war auch mein Bruder Kemal. Die Freunde Abdullah Kumral, Irfan Ay und Mustafa Marangoz waren auch darunter. Sie waren aktive Militante der PKK. Ich kann mich an die Gesichter von allen erinnern.

Irgendwann begannen die Vernehmungen unter Folter. Zahlreiche PalästinenserInnen überlebten diese nicht. Viele waren danach behindert. Von denen, die „speziell ausgesucht“ wurden, mal ganz zu schweigen. Diese waren danach komplett verschollen.

Wir hatten unter uns einen Beschluss gefasst, den uns ein junger Mann aus Qamishlo, der auch bei uns war, vorgeschlagen hatte. Er lebt noch und er möge hoffentlich noch lange leben. Er meinte, dass wir nicht sagen sollten, dass wir Fedais sind (Menschen, die ihr ganzes Leben dieser Sache gewidmet haben und bis zum Tod kämpfen), sondern arme Menschen aus Qamishlo, die hier zum Arbeiten wären. Wir sollten sagen, dass es in unserem Land Arbeitslosigkeit gebe, wir keine Schulen besucht hätten und deshalb auch die arabische Sprache nicht sprechen. Außerdem sollten wir ihnen vorwerfen, dass wir ihretwegen nicht mehr arbeiten könnten, weil sie uns gefangen hielten. Dieser junge Mann aus Qamishlo war selbst syrischer Soldat und geriet so in Gefangenschaft. Auf diese Aussage hatten wir uns geeinigt. Ein, zwei von uns haben dann bei der Vernehmung gesagt, dass wir aus Syrien sind. Einer von diesen war Mehmet Teşk, der später dann in Mazgirt (Anm. d. Red.: Kreisstadt in Dêrsim in Nordkurdistan) gefallen ist. Wir sagten “Wir sind Syrer, aus dem Dorf X, ihr könnt die anderen fragen“. Wir sagten das zwar, aber jedes Mal schickten sie uns mit schlimmer Folter, Schlägen und Beleidigungen wieder zurück in unsere Baracken. So vergingen 26 Tage.

Wir blieben bei der Vernehmung konsequent und änderten nichts an unseren Aussagen. Drei weitere Freunde sagten, dass sie irakische Kurden seien, weil sie sich nicht sicher waren, ob sie „syrische Kurden“ sagen sollten, da Syrien und Israel im Krieg waren. Deshalb behaupteten sie, sie seien irakische Kurden. Ein paar andere erzählten, dass sie iranische Kurden seien und dass sie in ihrer Heimat Unterdrückung erfahren hatten. Von dem verletzten Freund wussten wir zu dem Zeitpunkt nichts, erst später haben wir von ihm erfahren.

Die Zeit verging, der Herbst kam. Währenddessen wurden die Plätze der Palästinenser ständig gewechselt. Sie haben dort Schlimmes durchgemacht. Derweil hatten auch wir ein wenig Arabisch gelernt. Einmal brachten sie einen neuen ins Camp, den wir fragten, ob es in seinem früheren Lager irgendwelche Kurden gegeben hatte. Als er sagte, dass er auf PKKlerInnen getroffen war, fühlte es sich so an, als hätte er uns die Welt geschenkt. Es reichte uns, dass wir „Hizb al Umaal al Kurdistan“ (Anm. d. Red.: Arabisch für Arbeiterpartei Kurdistans) aus seinem Mund verstanden. Wir waren in dieser Sache also nicht allein. Es waren jeweils fünf, vier und drei Freunde. Nach gründlicher Recherche fanden wir heraus, dass sogar der Freund Seyfettin Zoğurlu, einer der bekanntesten FreundInnen, unter ihnen war.

Wir fragten uns durch und brachten in Erfahrung, wer sich in welchem Camp befand. Unsere PalästinenserInnen nutzten ihre bekannte Steinwurfmethode. Wir probierten das auch. Der Freund Seyfettin hieß Selim. Wir hatten einen Brief geschrieben und ihn von unserer Situation informiert. Nach kurzer Zeit kam schon eine Antwort. Er informierte uns über Gefallene und Gefangene. So bekamen wir einen besseren Überblick über die Situation. Später besuchte das Rote Kreuz die Gefangenenlager. Ab Winterbeginn konnten wir auch über das Rote Kreuz Briefe an andere Lager schicken. Diese Briefe waren ausführlicher. Die Israelis hatten nichts dagegen und erlaubten das. Vereinzelt ließen sie manche von uns frei. Zum Beispiel, wenn sie erfuhren, dass jemand irgendein libanesischer Händler war. Ihr Ziel war, alle Fedais zu versammeln, um mehr Klarheit zu schaffen. Ähnlich wie in türkischen Kerkern, wurden auch dort täglich die Gefangenen gezählt. Wir erfuhren, dass bei diesen Zählungen auch der türkische MIT-Geheimdienst immer dabei war. Wenn sie bekannte Gesichter sahen, nahmen sie die Leute mit. Deshalb verhielten wir uns nach Erlangung dieser Information besonders vorsichtig. Aufgrund seiner Position und auch seines Alters schickten wir unsere Berichte immer an den Freund Seyfettin. Wir berichteten ihm, was passiert und wie die Situation und unsere Haltung im Gefangenenlager war. Für uns war das wie eine Rückkehr. Er bewertete unsere Haltung positiv, was uns ein wenig erleichterte. An Newroz kam von ihm eine Notiz mit der Info, dass er eine Newroz-Erklärung auf Arabisch vorbereitet hätte und dass wir in unseren Camps die PalästinenserInnen versammeln und ihnen diese Erklärung vorlesen sollten. Darin ging er auf die Bedeutung von Newroz, dem Wert, den die PKK dem Fest beimisst und was es für das arabische Volk bedeutet, ein. In manchen Camps waren bis zu vierhundert Personen. Wir versammelten alle und lasen ihnen die Erklärung vor.

Es gab im Lager einen Kurden aus Kobanê, der wirklich zum Arbeiten gekommen war. Er sprach gut Arabisch. Im Lager waren zwar viele Kurden, aber keiner von ihnen sprach wirklich gut Arabisch. Diesem Jungen sagte ich, dass er diese Erklärung lesen  und den Leuten sagen solle „Ey Şebab (Anm. d. Red.: Junge Menschen auf Arabisch), heute ist der Newroz-Feiertag der Völker im Mittleren Osten, allen voran des kurdischen Volkes“. Es wurde auch vom Schmied Kawa erzählt (diese Geschichte ist Teil der Newroz-Legende). Die Erklärung wurde verlesen und gab den PalästinenserInnen Motivation, sodass alle gemeinsam klatschten. Wir hatten gemeinsam mit den PalästinenserInnen ein Theaterstück vorbereitet, das die Geschichte von Newroz erzählte. Fünfzehn Tage lang bereiteten wir uns vor. Junge AraberInnen hatten dieses Theaterstück gespielt. Als die Szene kam, an der Kawa den Hammer auf den Kopf von Dehak schlägt, entbrannten Applaus und Jubel. Die israelischen SoldatInnen beobachteten uns von weitem. Als die Szene des Hammers begann, dachten sie, dass drinnen jemand hingerichtet würde und stürmten zu uns. Am Anfang gab es Gerangel, bis einer von den inhaftierten KommandantInnen der DFLP ihnen erklärte, was Sache war und warum diese Szene inszeniert wurde. Danach gingen sie und wir waren erleichtert, unsere Aufgabe erfüllt zu haben.

Wie sind Sie aus dem Gefangenenlager freigekommen? Können Sie uns über ihre Gefühlslage berichten, als Sie freikamen?

Wir sind nicht alle gleichzeitig freigekommen. Bei mir ging es ein wenig schneller und es kam unerwartet. Eines Tages wurde an der Tür mein Name ausgerufen. Ich fragte mich, was nun wohl geschehen würde. Dann sah ich, dass vor der Tür ein paar MitarbeiterInnen vom Roten Kreuz standen. Als ich sie sah, sagte ich zu mir selbst: „Keine Vernehmung“. Sie öffneten die Tür und bedeuteten mir, ich solle rauskommen. Alles was ich besaß, hatte ich bei mir. Was hatte ich denn schon? Eine Uhr, ein wenig Geld, mehr nicht. Das Geld war nicht meins, sondern gehörte der Gruppe, das mir anvertraut worden war. Im Lager war auch ein anderer Kurde aus Kobanê, der Muhammed Avareş hieß. Er war von der Baracke nebenan. Ein paar Mal hatten wir laut hin und her gerufen und gesprochen. Ich wusste noch nicht was los war, da sagte er schon auf Kurdisch: „Bruder, Gratulation, du kommst jetzt auch frei“. Da hatte ich verstanden, dass ich nun aus dem Camp entlassen werden würde. Doch dann kam das nächste Problem. Weil wir gesagt hatten, dass wir aus Syrien wären, wollten sie uns an Syrien übergeben. Wir stiegen in einen Jeep und wurden weggefahren. Ich warf ein Blick zurück, sah das Camp und die Freunde und wurde emotional.

„Bei der Vernehmung erklärte ich, dass ich Mitglied einer revolutionären Organisation aus Nordkurdistan sei. Der Begriff Kurdistan erzürnte diese Männer sehr.“

Da ich wieder mit einer Vernehmung gerechnet hatte, hatte ich mich nicht mal von den FreundInnen verabschiedet. Wir konnten uns nicht jedes Mal, wenn wir zur Vernehmung gingen, verabschieden. Jedes Mal verpassten uns die Israelis ordentliche Schläge, beleidigten uns und schickten uns wieder zurück. Letztendlich hatten wir verstanden, dass wir freikamen. Sie brachten uns an eine Grenze, wahrscheinlich irgendwo in der Gegend von den Golanhöhen an der israelisch-syrischen Grenze. Mit dem Kurden habe ich während der Fahrt ein paar Sachen besprochen, wobei wir auch dabei nicht in Ruhe gelassen wurden und ständig irgendwelche Tritte abbekamen, damit wir schwiegen.

Der Geheimdienst des syrischen Militärs holte uns ab und fuhr uns direkt nach Damaskus in ein Gefängnis. Dort wurden wir wieder vernommen. Sie steckten uns beide in einen kleinen Raum und verhörten uns anschließend separat. Zuerst kam der Alte dran. Er sagte, dass er alt und krank sei und deswegen das Roten Kreuz seine Freilassung erreicht hat, sein Sohn sei dort aber immer noch in Gefangenschaft. Sein Sohn war wirklich noch dort. Nach der ersten Vernehmung ließ der Geheimdienst ihn frei. Er kam, packte seine Sachen und ging. Mir sagten sie, dass ich noch warten solle. Eine Nacht verbrachte ich in dieser Zelle. Am nächsten Tag fragten sie, wer ich sei. Ich sagte ihnen, dass ich kein Arabisch könne, woraufhin sie mich fragten, warum ich kein Arabisch gelernt hatte. Ich antwortete: „Wenn ihr mir einen Dolmetscher bringt, dann erkläre ich euch das.“ Sie brachten einen jungen Mann aus Efrîn. Der Arme, er zitterte regelrecht vor Angst. Ich versuchte ihn ein bisschen zu beruhigen und sagte ihm, dass er nur zu übersetzen habe. Egal was geschehen würde, es werde nur mir etwas geschehen. Bei der Vernehmung erklärte ich den Mukhabarat (Anm. d. Red.: Bezeichnung für den syrischen Geheimdienst), dass ich kein Syrer, sondern Mitglied einer revolutionären Organisation aus Nordkurdistan sei. Der Begriff Kurdistan erzürnte diese Männer sehr. Um es klarer zu machen, nutzte ich dann die Worte „Hizb El Ummal El Kurdistan“ Das schockierte sie und sie fragten mich, wie das möglich sei und was ich hier zu suchen hätte. Worauf ich versuchte ihnen zu erklären, dass ich bei der Vernehmung in Israel gesagt hatte, ich sei Syrer. Der eine war für eine Sekunde still und fragte mich dann: „Komisch, und was sollen wir nun machen?“. Ich erwiderte: „Wallah, ich bin in eurer Hand, ihr könnt mich weiterhin hier festhalten, ihr könnt mich auch in den Irak schicken, oder mich den Türken oder Israelis übergeben. Das liegt in eurer Hand. Aber ich weiß, dass meine Freunde sich in Damaskus aufhalten, und dass es meine Partei sowohl im Libanon als auch im Bekaa-Tal gibt. Besser wäre es also, wenn ihr mich meiner Partei übergibt. Der Mann widersprach und akzeptierte nicht, dass es im Bekaa-Tal eine „Hizb El Ummal El Kurdistan“ oder sonst eine andere solche Partei gäbe und er hätte auch nie von einer solchen Partei gehört. Daraufhin sagte ich verwundert, wie es sein könne, dass er als Geheimdienstler nie von meiner Partei gehört habe. Ich bestand darauf, dass er meine Partei kennen müsste, worauf er mir mitteilte, dass wir uns später nochmal sehen würden. Dann schickte er mich wieder weg.

Sie brachten mich in einen engen Raum, in dem sich dreißig Personen aufhielten. Das war der Raum der Muslimbrüder. Sie waren bei den Konflikten in Hama und Homs 1981 verhaftet worden. Der, der mich in den Raum brachte, deutete auf mich und sagte zu ihnen, ich sei ein Gast und nicht wie sie. Dann zeigte er mir einen Platz, wo ich mich hinsetzen sollte. „Er wird hier bei euch bleiben, gebt ihm ein Kissen und drei Decken, sein Platz muss gemütlich sein“. Ich glaube, dass ich für Palästina gekämpft hatte, verschaffte mir Respekt bei ihm, aber da ich Kurde war, blieb ich weiterhin eingesperrt. Seiner Meinung nach tat er mir etwas Gutes, indem er mir in einem kleinen Raum, der allein durch den Atem von dreißig Personen erhitzt war, drei Decken und ein Kissen gab. Wer braucht da schon drei Decken, um sich zuzudecken? Sie brachten mich dann noch einmal zu einer Vernehmung, wo sie mir vorwarfen, dass ich ein israelischer Agent sei. Das regte mich natürlich sehr auf, weil wir gegen den Zionismus gekämpft hatten. Deshalb sagte ich, dass sie einen Dolmetscher holen sollten. Wieder kam der Junge aus Efrîn, den ich fragte, was der da zu mir sagte und dass ich Worte wie „Agent“ verstanden hatte. Dasselbe übersetzte mir dann auch der Junge ins Kurdische. Ich könnte von den Israelis geschickt worden sein.

Daraufhin habe ich dem Geheimdienstler alles ausführlich erklärt: „Ich bin ein Kämpfer, ein Guerilla der PKK. Ich befand mich in palästinensischen Lagern, um dort ausgebildet zu werden. Ich habe auch gegen den Zionismus gekämpft und bin dann in Gefangenschaft geraten. Vielleicht sagst du jetzt, dass die Israelis mich in Gefangenschaft zu einem Agenten gemacht haben. Ich kenne weder ihre Sprache, noch etwas anderes. Was könnte ich denn in deinem Land überhaupt anrichten?“ Er zeigte mit der Hand auf seine Schulter und sagte sehr erbost: „Hier sind 3-4 Sterne!“ (die seinen Rang im Geheimdienst deutlich machten). Er nahm einen Schlagstock und verpasste mir einen ordentlichen Schlag auf den Rücken, natürlich zusammen mit zahlreichen Beleidigungen. Wie könne ich bloß so sprechen. Daraufhin erwiderte ich: „Und du hast mich einen Agenten genannt“. Der Junge aus Efrîn zitterte vor Angst. Ich hatte ihm gesagt, dass er weiter übersetzen solle. Er sollte ihm sagen, dass ich diese Vorwürfe nicht akzeptieren würde. Danach brachten sie mich wieder zu den Muslimbrüdern.

„Nach ein paar Tagen kam wieder derselbe Hochrangige und sagte mir: „Schau, für dich ist die Entscheidung getroffen worden, dich den Türken zu übergeben.“

Nach circa einem Monat setzten sie mich in einen Minibus. Sechs oder sieben bewaffnete Personen überwachten mich während der ganzen nächtlichen Fahrt. In der Früh bemerkte ich auf einmal, dass wir in Qamishlo waren. Während der Fahrt in die Stadt sagte einer von den Wachen, dass sie mich an der Grenze der Türkei übergeben werden. Ich wusste bis dahin nicht, dass sie entschieden hatten, mich den TürkInnen zu übergeben. Dann brachten sie mich ins Gefängnis von Qamishlo, wo es nur Einzelzellen gab. Sie warfen mich in eine Zelle. Ich hörte die Stimmen von Leuten, auch von manchen, die Türkisch sprachen. Ein paar Tage später kam ein hochrangiger Militär und brachte mich in sein Zimmer. Er bat mich, Platz zu nehmen und ich setzte mich hin. Nachdem er mich fragte, ob ich Kurde sei oder einer kurdischen Organisation angehörte, sagte ich, dass ich von der „Hizb El Ummal El Kurdistan“ sei. Auch dieser Offizier sagte, dass es bei ihnen keine Organisation mit diesem Namen gebe. Jedes Mal, wenn er das beteuerte, wurde ich angespannter. Als er sagte, dass es hier die PDK (Demokratische Partei Kurdistans) und die YNK (Patriotische Union Kurdistans) gäbe, denen man mich übergeben könne, wollte ich nicht gleich drauf eingehen. Ich erwiderte: „Ich habe eine Partei, warum übergebt ihr mich einer anderen Partei?“. Wir konnten uns nicht einigen und deshalb kam ich erneut in die Zelle. In der Zelle nebenan war einer von der türkischen Linken. Während seines Wehrdienstes war er mit seiner Waffe über die Grenze nach Syrien geflohen. Sie hatten ihn gefasst und eingesperrt. Irgendwie schaffte er es, in die Wand ein kleines Loch zu machen. Als ich Geräusche von nebenan hörte, rief ich rüber und fragte auf Kurdisch, wer da sei. Er antwortete auf Türkisch und sagte „Sprech Türkisch, sprech Türkisch“. Ich war von der PKK und er von Dev-Genc (Föderation der Revolutionären Jugend in der Türkei).

Nach ein paar Tagen kam wieder derselbe Hochrangige und sagte mir, „Schau, für dich ist die Entscheidung getroffen worden, dich den Türken zu übergeben. Ich will das aber nicht machen und ich habe dem Gouverneur auch noch nicht mitgeteilt, dass du da bist.“ Er fragte mich, ob ich irgendjemanden von der PKK vor Ort kennen würde. Diese Frage beunruhigte mich. Er war ein Mitglied des Baath-Regimes und die Baath-Partei war sehr gefährlich. Ich weiß nicht, ob er unsere Freunde enttarnen wollte oder andere Ziele hatte, aber er hat mir zwischen den Zeilen immer irgendwelche Zeichen geben wollen.

Ich sagte ihm, dass ich nicht genau wüsste, wo PKKlerInnen seien, da sie nicht an einem festen Ort blieben. Ich glaube, dass das eine gewisse Vertrauensbasis aufgebaut hat, denn dann fragte er mich plötzlich, ob ich Heci Zinar kannte. Heci Zinar war ein Freund aus Mardin, der zusammen mit seiner Familie nach Syrien gekommen war und auch an unseren Aktionen teilnahm. Er wollte, dass ich ihn ihm beschriebe. Als ich sagte, dass Heci hellhäutig sei und einen blonden Schnurrbart habe, lachte er. Dann fragte er mich, ob ich Heci Ömer kennen würde. Auch ihn kannte ich. Das war Mehmet Emin Sezgin. Ich stimmte zu und beschrieb ihn. „Femi, femi“ (Anm. d. Red.: Arabisch für „ich verstehe, ich verstehe.“) sagte er und lachte. Das beruhigte mich. Er schloss die Tür und ging.

Dieser Offizier hatte sich mit den FreundInnen getroffen und mich ihnen beschrieben. Diese bestanden darauf, mich zurückzubekommen. Sie einigten sich. Ich kannte den Offizier zwar nicht, aber er sei solidarisch mit den KurdInnen und hätte schon früher auch an der Grenze unseren FreundInnen geholfen. Einmal kam er und sagte, dass ich sietreffen würde. Das freute mich. Eines Abends stand er wieder vor der Tür: „Raus und lass nichts zurück!“ Er brachte mich in sein eigenes Haus. Es war sehr viel los und es wurde Arabisch gesprochen. Er gab mir neue Kleidung und zeigte mir das Bad. Ich weiß nicht, ob er die Kleidung selbst gekauft hatte oder die FreundInnn mir diese geschickt hatten.

Voller Aufregung wusch ich mich und zog mich an. Meine Sachen, also meine Uhr und mein Geld, waren bei ihm. Die gab er mir auch., Es wurde ein hastig vorbereitetes Essen serviert, das ich ebenso hastig aß. Da saßen wir und warteten. Ich wusste nicht, was jetzt passieren würde, aber ich war erleichtert. Neue Kleider und die Tatsache, dass er mich in sein eigenes Haus gebracht hatte, all das waren gute Zeichen. Bis spät am Abend saßen wir da und tranken Tee. Irgendwann, ganz spät, kam Heci Zinar durch die Tür. Nach Jahren sah ich zum ersten Mal wieder FreundInnen. Diese erste Begegnung hat mich gerührt. Mir flossen Tränen über die Wangen. Heci Zinar kam und umarmte mich. Er sagte „Komm, es ist nun vorbei“. An dieser Stelle möchte ich ihm hochachtungsvoll gedenken. Danach kam auch Heci Ömer und es hieß: „Auf geht’s, lasst uns nach Hause gehen!“ Wir standen auf, ich trat aus der Tür heraus und ging.

#Fotos: via Yeni Özgür Politika

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Alle Kräfte der PKK standen zu dem Entschluss zu kämpfen und Widerstand zu leisten. Somit verband sich die Entschlossenheit der GenossInnen mit dem Beschluss der Partei. Es sollte zu einem großen Krieg kommen und wir würden bereit sein.

Das Interview ist ursprünglich in türkischer Sprache erschienen auf Yeni Özgür Politika: https://www.ozgurpolitika.com/haberi-arnon-kahramanlari-154614. Für leichtere Verständlichkeit wurde die deutsche Übersetzung an einigen Stellen leicht angepasst. (Teil 2 von 3, Teil 1 findet ihr hier)

Von EMRULLAH BOZTAŞ
Übersetzt von Tekoşin Şoreş & Kerem

Es war der 2. Juni 1982, die Uhr zeigte 17:00 Uhr an. Im Radio wurde verkündet, dass Israel vom Boden, aus der Luft und vom Meer eine Offensive zur Besetzung des Südlibanons begonnen hatte. Ariel Sharon war damals der Verteidigungsminister Israels. Aufgrund der Luftangriffe auf die Burg Arnon (Burg Beaufort), für deren Verteidigung eine Gruppe von PKKlerInnen bereitstand, war auch zuvor schon klar, dass es zu dieser Besetzungsoffensive kommen würde. Der Lärm der Schüsse in der Ferne kam immer näher. Xalid Çelik, der selbst an der Nebatiye-Front im Südlibanon gekämpft hat, berichtet uns, wer am Kampf alles beteiligt war und wie er verlaufen ist.

An welche revolutionäre Organisationen vor Ort erinnern Sie sich?

Von der türkischen Linken sah ich selbst nicht viele dort. Vor uns soll Dev-Yol (deutsch: Revolutionärer Weg) dort gewesen sein. Zu unserer Zeit waren nicht mehr viele von ihnen da. Türkische Organisationen nutzten Palästina in der Regel als Stufe zum Übergang nach Europa. Auch bei KurdInnen kam dies individuell vor. Ansonsten waren dort jeweils eine Gruppe von Sami Abdurrahman und der DDKD („Devrimci Doğu Kültür Ocakları“, Deutsch: Revolutionäre Kulturstätte des Ostens). Diesen bin ich selbst begegnet. Aus Eritrea und Haiti waren RevolutionärInnen da. Mit den HaitianerInnen befanden wir uns am selben Ort. Es waren diese HaitianerInnen, die auch später zurück in ihre Heimat sind und eine Revolution vollbracht haben. Die Restlichen waren zum Großteil individuell vor Ort; viele ArbeiterInnen. Ihre Zahl überschritt die Zahl derer, die für die Revolution vor Ort waren. Für viele unorganisierte Individuen fand sich dort eine Möglichkeit, Unterhalt zu verdienen.

Wie war die Situation des palästinensischen Volkes? Was war Ihr Eindruck unter den Umständen des Krieges? Wo waren Sie, als der Krieg im Südlibanon begann?

Vom Massaker in den Flüchtlingslagern Sabra und Shatila erfuhren wir erst, als wir dorthin gingen. Das war im Südlibanon einer der Hauptzufluchtsorte von PalästinenserInnen, die ins Exil gehen mussten. Israel hatte hier mehrmals mit Luftangriffen Massaker durchgeführt. Als Vergeltung schlugen palästinensische Organisationen mit Mörsern und Raketen zurück. In der Grenzregion kam es zu solchen Angriffen. Manchmal gingen sie auch für Aktionen nach Israel rein. Am 2. Juni änderte sich schließlich alles. Davor hatten die palästinensischen Gruppen Informationen erhalten. Man hatte den Krieg erwartet. Zwar hatte niemand vorhergesehen, dass der ganze Südlibanon besetzt werden würde; in der Grenzregion jedoch hatten sich auch die PalästinenserInnen einigermaßen vorbereitet und positioniert.

Unter dem Dach der Fatah wurden auch wir, eine Gruppe von PKKlerInnen, in den ländlichen Regionen von Nebatiye in Stellung gebracht. Nebatiye ist eine schöne Stadt am Mittelmeer. Es wachsen dort viele Zitrusfrüchte. Ihre Menschen sind sehr respektvoll und gutmütig. Die Stadt liegt nah am Ort Sayda. Auch wenn viele aufgrund der Wahrscheinlichkeit, dass es zum Krieg kommt, die Stadt verlassen hatten, waren dennoch zahlreiche ZivilistInnen in ihren Häusern und auf ihren Feldern geblieben, da sie nicht mit einem derart brutalen Angriff rechneten.

Es wurde intensiv Propaganda betrieben und behauptet, dass es einen israelischen Angriff geben würde. Bereits zehn Tage waren sind manche GenossInnen aus der Führung zu uns ins Camp gekommen. Genosse Sabri hatte damals gesagt: „Wir werden als Partei, entsprechend unserer Stärke, an der Seite der PalästinenserInnen im Krieg kämpfen.“ Die Partei hatte zwar diesen Beschluss gefasst, aber es wurde den GenossInnen überlassen, ob sie kämpfen wollten oder nicht. Die kranken GenossInnen wurden nach Beirut geschickt. Von acht Personen waren sechs geblieben. Auch ich hatte mich entschlossen zu kämpfen. Der Beschluss zum Krieg war gefasst und er sollte umgesetzt werden. Auch unsere andere Gruppe, die unter der Führung von Sari Ibrahim ebenfalls unter dem Dach der Fatah kämpfte, hatte beschlossen zu kämpfen.

In der als Burg Arnon bekannten Qalat el Şaqif waren noch ein paar weitere Gruppen von GenossInnen. Die eine befand sich unter dem Kommando der DFLP, die andere unter dem Kommando der PFLP. Dort waren wir stärker. Auch diese Gruppen fasste den Beschluss zur Kriegsbeteiligung und teilte diesen der Partei mit. Die Entschlossenheit zum Kampf und zum Widerstand wurde in der gesamten Basis der PKK akzeptiert. Der Beschluss der Parteiführung wurde mit der Entschlossenheit der FreundInnen gefestigt. Der große Kampf stand bevor und wir standen bereit.

Ich will hier auch ein wenig auf Qalat el Şaqif eingehen. Wir waren schon eine Weile dort. Unser Stützpunkt war strategisch auf einem Hügel direkt gegenüber der Grenze errichtet worden. Die grundlegenden Vorbereitungen waren getroffen. Im Untergrund gab es breite Tunnel. Auch wir hatten an diesen Tunneln gearbeitet. Sie lagen strategisch günstig. Deshalb arbeiteten wir zwei bis drei Tage die Woche an diesen Tunneln. Es hatte also schon eine Vorbereitung auf den bevorstehenden großen Krieg gegeben. Diese Vorbereitungen stärkten auch unser Selbstbewusstsein und gaben uns Vertrauen. Wir dachten, dass nach so viel logistischer und allgemeiner Vorbereitung die israelische Armee spätesten hier gestoppt werden würde. Ein Teil der PalästinenserInnen war aber zwiegespalten.

Als der Genosse Sabri mit uns eine Sitzung abhielt, sagte er offen, dass wir andere Sachen, die uns zu Ohren kämen, nicht beachten sollten und dass der Krieg zu hundert Prozent bevorstand. In derselben Sitzung fragte er nach den Kranken und denjenigen, die nicht in diesen Krieg wollten. Außer den kranken FreundInnen hatte sich niemand vor dem Krieg gedrückt. Sabri betonte, dass niemand verpflichtet sei, zu kämpfen. Auch das hatte die Parteiführung bei ihrem Beschluss berücksichtigt. Das war die Haltung der Partei. Wir, sechs FreundInnen, haben daraufhin beschlossen, in Nebatiye zu kämpfen.

Der Krieg begann am 2. Juni mit intensiven Luftangriffen. Die Israelis hatten die Grenze zwar überquert, dann jedoch angehalten. Auch sie bewegten sich je nach Situation. Auf unserem Stützpunkt war ein hochgelegener Aussichtspunkt. Einmal sind wir hochgeklettert, um Ausschau zu halten. Die berüchtigten israelischen Spähflugzeuge kreisten über unseren Köpfen. Auch die Kampfjets bombardierten uns. Dennoch war der Kampf ausgeglichen. Schwere Waffen waren im Einsatz. Harte Gefechte fanden statt. Die PalästinenserInnen antworteten mit Mörsern und Granaten. Wir kämpften mit kleineren Waffen. Da wir mit der Zeit auch ein wenig ihre Sprache gelernt hatten, bekamen wir wage mit, dass auf der Burg ein großes Gefecht stattfand. Die israelischen Kräfte hätten nicht in die Qalat el Şaqif eindringen können. Diese Information gab uns viel Kraft und Motivation. Es fand ein großer Krieg statt. Nicht ein oder zwei, sondern dutzende Flugzeuge griffen uns gleichzeitig an. Unsere Gruppe auf der Burg bestand aus neun Personen, zusammen mit der der DFLP. Die andere Gruppe von uns war in der Defensiv-Formation. Bei ihnen fiel keiner, aber alle neun Freunde, die die Burg verteidigten, sind gefallen.

Festung Arnon (Qalat eş Şaqif)

Wann und wie habt ihr davon erfahren, dass die Freunde gefallen sind?

Ich glaub es war der siebte oder achte Tag. Bis dahin hatte sich von den palästinensischen Einheiten keine zurückgezogen. Sie verwendeten das Wort Şehit (Märtyrer) nicht und sagten stattdessen einfach „gestorben“. Sie sagten uns, dass in den Kämpfen „manche Kurden“ gestorben sind. Es war Krieg und der Tod war unumgänglich. Deshalb konnten wir verstehen, dass es auch zu Gefallenen kommen konnte. Wir wussten aber nicht wer gefallen war und wer noch lebte.

In unserer Gruppe war niemand gefallen. Wir befanden uns in einer Höhle. All unsere Waffen samt Munition waren bei uns. Wir nahmen alles, was wir brauchten, aus der Höhle. Unsere Aufgabe war, die Einfahrtsstraße nach Nebatiye zu halten, über die die Panzer kommen konnten. Die Straße war aus fester Erde und nicht aus Asphalt. Von dort kamen dann die Panzer. Jeder von uns hatte eine Biswing (B7-Raketenwerfer). Was hätte uns denn die Kalaschnikow gegen diese Panzer gebracht? Wir schlugen mit Biswings zu. Wenn ein Panzer getroffen wurde, blieb er stehen, die anderen zogen sich dann eine Ebene zurück und bewegten sich nach einer Weile wieder vorwärts. Wir ließen nicht zu, dass die israelische Armee auf dieser Linie vorwärtskam. Hin und wieder kam der palästinensische Kommandant und versuchte uns mit einem „Bravo“ oder „Wenn ihr nicht wärt, wären wir verloren“ zu motivieren. Die Gefechte hielten tagelang an. Zwar stand unsere Front sehr unter Druck, aber wir haben uns dennoch nicht zurückgezogen. Sie konnten nicht an uns vorbei. Das Schlechte war, dass andere Fronten zum Teil zusammenbrachen oder durchbrochen wurden. Dort konnte die israelische Armee vordringen und uns dann umzingeln. Wir hatten nicht mitbekommen, dass ganz Nebatiye schon besetzt worden war. Irgendwann am neunten oder zehnten Tag des Krieges merkten wir, dass um uns herum keine PalästinenserInnen mehr waren. Wir hörten auch keine Fahrzeuge mehr in unserer Nähe. Aus der Stadt selbst kam aber sehr starker Fahrzeug- und Gefechtslärm. Derweil hielten die Luftangriffe weiterhin ununterbrochen an. Auch der palästinensische Kommandant war seit einer Weile nicht mehr gekommen. Dann wurde uns klar, dass sich alle zurückgezogen hatten und nur wir immer noch diese Straße hielten. Die israelische Armee hatte an einem anderen Punkt schon längst ihr Glück versucht und die Front durchbrochen. Unsere Position war zwar nicht sehr hoch, befand sich aber dennoch auf einer höhergelegenen Gebirgskette. Vor uns war die israelische Armee, hinter uns die Stadt. Wir verteidigten in gewissem Sinne den Durchgang zur Stadt. Als es Nacht wurde haben wir uns zusammengesetzt und beschlossen, dass auch wir uns zurückziehen würden. Wir dachten uns, dass wir uns am besten, so weit es geht, Richtung Norden begeben sollten. Dort lagen die Berge Südlibanons über die wir uns bis in die Bekaa-Ebene zurückziehen konnten. Wir brachen nachts auf und erreichten im Morgengrauen Nebatiye.

Die Stadt brannte komplett. Überall waren zerstörte Gebäude; die Straßen voller Leichen; umgestürzte Bäume, durchlöcherte Fassaden. Allein auf der ersten Straße, die wir betraten, lagen acht bis zehn Leichen auf dem Boden, die unkenntlich waren. Nur anhand ihrer Fedai-Kleidung (Widerstandstracht) sahen wir, dass es palästinensische KämpferInnen gewesen sein mussten. Wir hätte in diesem Zustand nicht mal unsere eigenen GenossInnen erkennen können.

In jenem Moment habe ich etwas erlebt, das ich unbedingt mit euch teilen muss. Die Vorderfassaden der meisten Gebäude in der schönen libanesischen Kleinstadt Nebatiye waren aufgrund der Gefechte zum Großteil eingestürzt. Die Einschusslöcher waren offensichtlich von Panzern. Die Straßen waren voll von umgestürzten tragenden Säulen der Gebäude. Überall lagen Tote und Verletzte. Inmitten dieses Tumults sahen wir einen alten Mann. Das war äußerst komisch. Auf den Straßen war außer den Verletzten sonst kein Anzeichen von Leben zu sehen. Er saß vor der eingestürzten Mauer eines Hauses. In Nebatiye gab es kleine Hocker, ähnlich, wie die in Amed. Auf einem solcher Hocker saß er, hatte neben sich seine Wasserpfeife aufgestellt und zog daran. Ich hielt für einen Moment an und beobachtete ihn. Er war wie tot, zog aber dennoch weiter daran. Was er wohl gesehen haben muss, um sich in einen lebendigen Toten zu verwandeln? Wir konnten nicht verstehen, ob er sich im Schock befand oder all die Erlebnisse ihn einfach gleichgültig gemacht hatten. Dann zogen wir weiter. Jahre später haben auch wir uns in manchen schwierigen Momenten immer wieder gedacht: „Eine Wasserpfeife wäre jetzt gut“.

Wir mussten uns beeilen. Weiter vorne floss in einem flachen Tal ein kleiner Bach. An manchen Stellen des Mäanders war Schilf. Wir waren weiterhin dabei unseren Plan umzusetzen, auf dem schnellsten Wege Richtung Norden, in die Berge Südlibanons zu gelangen. Als wir am Schilf standen, merkten wir, dass da jemand war. Auch sie hatten uns bemerkt. Unsere Finger waren am Abzug unserer Waffen. Jeden Moment konnte ein Gefecht ausbrechen. Dann sahen wir, dass wir dieselben Kleider anhatten. Sie waren PalästinenserInnen von der zusammengebrochenen Front. Wie wir, versuchten auch sie in den Norden zu gelangen. Wir konnten uns nur schwer mit Händen und Füßen verständigen und beschlossen dann, uns gemeinsam mit ihnen zu bewegen. Die FreundInnen auf der Burg Arnon und die anderen, die nicht in unserer Gruppe waren, konnten sich sicherer zurückziehen. Wir wussten das aber nicht. Das haben wir erst später erfahren. Wir waren die letzte PKK-Gruppe; es herrschte unter uns ein kurdischer, apoistischer Stolz. So einfach wollten wir unsere Position nicht verlassen. Für die Gefallenen auf der Burg Arnon nennen manche FreundInnen den 18. Juni als Todesdatum. Aber zu dieser Zeit war der Krieg schon lange zu Ende und die Freunde bereits gefallen. Dieses Datum stimmt also nicht.

Abdullah Kumral (1955-Cibin-Halfeti), Mehmet Atmaca (1957-Cibin-Halfeti), Mustafa Marangoz (1961-Çermik),
İsmet Özkan (1962-Suruç), Şahabettin Kurt (1962-Nusaybin), Kemal Çelik (1956-Keban), İrfan Ay (1963-Bismil),
Şerif Aras (1957-Derik), Emin Yaşar (1960-Kozluk), Veli Çakmak (1960-Dersim),

Kennen Sie das genaue Datum?

Nicht das genaue, aber es muss so circa zwischen dem 10. und 12. Juni gewesen sein. So wie wir das gesehen haben, gab es nämlich nach diesem Datum keine Luftangriffe mehr auf die Burg. Nachdem niemand mehr auf der Burg am Leben war, fiel sie.

Wir sind mit den Palästinensern weitergelaufen. Während dieses Marsches begegneten wir zufällig einer Gruppe israelischer Panzer. Vielleicht wurden wir verraten, vielleicht auch ausgespäht. Es ist nicht möglich, das genau herauszufinden. Sie griffen uns an. Es kam auch dort zu einem ernsthaften Gefecht. Zahlreiche palästinensische KämpferInnen sind dort gefallen. Auch das Bein eines Genossen von uns wurde von fünf Kugeln getroffen. Wir wussten nicht, ob die israelische Armee mit der BKC (Maschinengewehr) schoss oder eine andere Waffe nutzte. Unser Genosse war zu Boden gefallen. Das Gefecht wurde immer intensiver. Den verletzten Freund haben wir nicht zurückgelassen. Einerseits kämpften wir, andererseits zogen wir uns in Richtung der Berge zurück. Den Freund konnten wir eine Zeit lang getragen. Nach einer Weile hatten wir uns außerhalb des Gefechtes gebracht. Als die PalästinenserInnen sahen, dass wir unseren Genossen nicht zurücklassen wollten, sagten sie, dass das Haus eines Imams in der Nähe sei, wo auch sie ihre Verletzten hingebracht hätten und wo auch wir unseren Freund unterbringen könnten. Wir haben das nicht akzeptiert. Wir waren entschlossen, unseren Genossen so weit auf unseren Rücken zu tragen, wie es ging. Obwohl sie uns dazu drängten, ließen wir ihn nicht zurück.

Eine Nacht lang liefen wir durch eine bergige Region. In uns entstand die Hoffnung, dass wir die Umzingelung durchbrechen könnten. An einem Punkt standen wir vor flachem Land, das wir durchqueren mussten. Dort gerieten wir zwar wieder in einen Hinterhalt, konnten uns aber retten. Ich kann mich nicht an den Namen dieser Region erinnern; ich weiß aber, dass dort keine MuslimInnen sondern ChristInnen lebten. Die PalästinenserInnen nannten sie Kelxaliker. Das war ein sehr weiträumiges Gebiet. Auch diese griffen uns an. Zahlreiche PalästinenserInnen sind dort gefallen.

Da wir die Region nicht kannten, mussten wir uns gemeinsam mit den PalästinenserInnen bewegen. Wir hatten keine andere Wahl. Darin sahen wir unsere einzige Hoffnung zum Überleben. Wir liefen hungrig und erschöpft weiter. Es war nachts, als wir durch ein Dorf liefen und einen kleinen Laden sahen. Seit Tagen hatten wir nichts gegessen und dachten uns, dass wir uns etwas zu Essen holen könnten, zumal wir einen Verletzten bei uns hatten. Wir dachten nicht daran, dass die Israelis dort in einem Hinterhalt auf uns warten können. Aufgrund der tagelangen Kämpfe hatten wir auch keine Munition mehr. Wir bemerkten nicht, dass die Israelis uns schon länger beobachteten. Sie brauchten am Ende auch nicht viel Munition. An einem offenen Punkt, wo wir uns nicht zu Wehr setzen konnten, griffen sie uns an. Die PalästinenserInnen waren circa zu zwölft und liefen vor uns. Wir hörten ein Tumult, alle standen still. Sowohl die PalästinenserInnen als auch wir wurden gefangen genommen. Hunderte SoldatInnen hielten uns fest und zwangen uns auf den Boden. Ein paar Stunden lagen wir dort. Unseren verletzten Freund nahmen sie mit.

Ich kann mich noch gut erinnern. Das Mondlicht schien intensiv. Wir sahen alles, was um uns herum passierte. Dann kamen die Fahrzeuge, die eine Art Plane hinten hatten. Unsere Hände und Füße zusammengebunden, warfen sie uns wie bei einem Holzhaufen aufeinandergestapelt auf die Fahrzeuge. Dann ging die Fahrt los. Bis in die Früh fuhren wir. Dann kamen wir an einen absonderlichen Ort in Israel, in eine Art Dorf. Überall waren Graben ausgehoben und diese mit Militärzaun umzäunt. Es gab große Zelte. Es war ein israelisches Gefangenenlager. Dort hatten wir die Möglichkeit, mit PalästinenserInnen zu sprechen und versuchten herauszufinden, was gerade passierte. Sie sagten uns, dass es auch in anderen Lagern PKKlerInnen gebe…

#Fotos: via Yeni Özgür Politika

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Die Reise Abdullah Öcalans in palästinensisches Gebiet war ein historisches Ereignis. Dieser Schritt hatte wichtige Konsequenzen für die kurdische Freiheitsbewegung. Die Ausbildung und Aufstellung einer zweihundert Personen starken Truppe glich unter den damaligen Bedingungen der Aufstellung einer Armee.

Das Interview ist ursprünglich in türkischer Sprache erschienen auf Yeni Özgür Politika: https://www.ozgurpolitika.com/haberi-dersim-daglarindan-filistin-mevzilerine-154563. Für bessere Verständlichkeit wurde die deutsche Übersetzung an einigen Stellen leicht angepasst. (Teil 1 von 3)

Von EMRULLAH BOZTAŞ
Übersetzt von Tekoşin Şoreş & Kerem

Mit der Gründung des Staates Israel 1948 begann in diesem Teil des Nahen Ostens das endlose Dilemma von Aggression und Widerstand (Anmerkung der Redaktion: Koloniale Aggression und Widerstand in Palästina begannen schon deutlich früher, spätestens seit der Balfour-Deklaration 1917, wurden der Weltöffentlichkeit aber erst ab Ende der 40er Jahre bekannt). Palästinensische Organisationen organisierten den Widerstand, indem sie politische Parteien entsprechend der sich entwickelnden politischen Lage in der Welt gründeten. In den 1970er Jahren hatte eine überwältigende Mehrheit der palästinensischen Organisationen eine linkssozialistische Rhetorik und Praxis. Diese Situation brachte eine große internationale Solidarität mit sich und gab dem palästinensischen Kampf den Charakter eines internationalistischen Widerstandes. Viele AraberInnen gingen nach Palästina und in den Libanon, um sich dem Befreiungskrieg anzuschließen.

Der palästinensische Widerstand war sowohl ein Existenzkampf eines Volkes, als auch ein Trainingsplatz für InternationalistInnen geworden. Die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) ging als eine derjenigen sozialistischen Befreiungsbewegungen in die Geschichte ein, die in palästinensischen Lagern eine militärische Ausbildung erhielt. Die PKK ist so zu einer der Parteien geworden, die in den Kriegen und Konflikten im gerechten Kampf des palästinensischen Volkes an vorderster Front ihren Platz einnahmen.

Als das Kalenderblatt den 2. Juni 1982 anzeigte, begann der erwartete Krieg. Die israelischen Streitkräfte überquerten die libanesische Grenze und rückten an drei Fronten nach Norden vor. Neben den libanesischen und palästinensischen Aufständischen waren auch PKK-Guerillas vor Ort. Als der Krieg begann, räumten sie ihr Trainingslager und gingen an die Front. Viele PKK-KämpferInnen, die ihre Stellungen bewahrten, ohne an einen Rückzug zu denken, sind nach Ende der Kämpfe entweder gefallen oder in israelische Gefangenschaft geraten. Dieser Widerstand wurde zur Tradition und für Generationen zum Charakter der apoistischen Bewegung (Anm. d. Red.: Apo bedeutet „Onkel“ auf Kurdisch und ist ein Spitzname Öcalans).

Während des Libanonkrieges schlossen sich PKK-Mitglieder an vielen Orten dem Widerstand an, darunter bei der Burg Arnon, in Sayda, Nebatiye, Sur, Demorda und Beirut, auch bekannt als Burg Şaqif, die einst von Sultan Saladin wieder aufgebaut wurde. Neun PKK-Mitglieder starben allein auf Burg Arnon. Während des gesamten Krieges gab es zwölf Märtyrer. Aufgrund ihrer willensstarken Haltung im Krieg hielten die PalästinenserInnen die PKK-Mitglieder für würdig, die Titel „Löwen von Beirut“ und „Helden von Arnon“ zu tragen. Während dieses Widerstands wurden fünfzehn PKK-Guerillas gefangen genommen, die erst eineinhalb Jahre später freikamen. Xalid Çelik, der an der Verteidigung des Südlibanon beteiligt war und Zeuge der unmenschlichen Behandlung in israelischen Gefangenenlagern ist, erzählte unserer Zeitung über Palästina von damals.

Welche Art von Kampf hat die PKK vor dem Gang in den Nahen Osten in Kurdistan geführt? Wie hat Ihre Partei, die den Widerstand gegen den türkischen Staat begonnen hat, den Anfang gemacht?

Nach der Parteigründung 1978 realisierte der türkische Staat etwas: Eine Gruppe namens ApoistInnen war zu einer Partei geworden und begann, die ArbeiterInnen zu organisieren. Ihm war von Anfang an klar, dass diese organisierte Kraft große Entwicklungen herbeiführen würde. Deswegen griff er auch die junge Bewegung an. Die Freiheitsbewegung führte noch keinen bewaffneten Kampf. Sie erklärte ihre Ideen politisch und arbeitete daran, sich in Kurdistan zu organisieren, während der Staat einige Milieus in Kurdistan, v.a. reaktionäre feudale Großstämme, gegen die PKK mobilisierte.

Einer von ihnen war der Bucak-Stamm in Urfa. Ein anderer war der Süleyman-Stamm in Hilvan. In Batman gab es den Raman-Stamm. Das waren die Hände, Füße und Ohren des türkischen Staates in Kurdistan. Mehmet Bucak war Stammesführer und stand als Abgeordneter stellvertretend für Demirels Partei (Anm. d. Red.: Gemeint ist die Adalet Partisi (Deutsch: Gerechtigkeitspartei, Demirel war insgesamt sieben Mal Ministerpräsident der Türkei und stand für eine neoliberale, nationalistische Politik). Natürlich haben wir damals nicht ganz verstanden, warum sie uns angegriffen haben. Damals gab es, noch vor der Ermordung des Genossen Haki Karer, eine Anti-Guerilla-Organisation, die sich „Sterka Sor“ (Deutsch: Roter Stern) nannte. Es war eine vom türkischen Staat unterstütze, konterrevolutionäre Organisation. Auch sie griff uns an. Auch das Massaker von Maraş (1978) war eine Reaktion des Feindes gegen die PKK. Sein Ziel war es, die Bewegung so schnell wie möglich zu zerstören, indem er sie in einen Konflikt hineinzog.

Die ersten PKK-Kader wurden an verschiedenen Orten militärisch ausgebildet. Welche anderen Maßnahmen wurden angesichts dieser Gefahren ergriffen?

Unsere Partei geriet in einen gefährlichen Prozess. Nachdem die Parteiführung (Abdullah Öcalan) die Risiken gut vorhergesehen hatte, wollte sie einige Vorsichtsmaßnahmen treffen. Unvorbereitet, d.h. irregulär in den Krieg zu ziehen, ohne auch eine starke militärische Kraft zu bilden, bedeutete, sich der staatlichen Vernichtung zu stellen. In Hilvan, Siverek und Batman war bereits Krieg geführt worden, der uns schweren Schaden zugefügt hatte.

Vorsorglich wollte der Parteivorsitzende eine gewisse Ordnung schaffen, um die KaderInnen künftig besser auszubilden und zu organisieren, zu motivieren und zu stärken. Das geeigneteste Gebiet dafür war der Sitz der palästinensischen Bewegung. Es gab keinen besseren Ort. Vielleicht gab es auch in Südkurdistan manche Möglichkeiten, aber dort gab es das schwer einzuschätzende Regime von Saddam Hussein. Es war unklar, ob eine Verlagerung unserer Kräfte nach Südkurdistan von Vorteil gewesen wäre. Auch in Ostkurdistan gab es eine kurdische Bewegung; aber dort waren die iranische PDK und Komala Parteien untereinander in Konflikt geraten. In diesem Fall waren schlussendlich die Gebiete, in denen die PalästinenserInnen kämpften und der Libanon die richtige Wahl.

Der Parteivorsitzende Öcalan ging zuerst mit seinem Freund Etem Akçam, Codename Sait, in das palästinensische Gebiet. Wir waren zu dieser Zeit auch mit organisatorischen Arbeiten beschäftigt, aber um ehrlich zu sein, haben wir dem, was vor sich ging, nicht viel Bedeutung beigemessen. Der Grund war, dass wir alle jeweils in uns zugeteilten Gebieten eingesetzt waren. Wir waren mit den Arbeiten in diesen Gebieten beschäftigt. Die Aktivitäten der Bewegung als Ganzes waren uns nicht bekannt. Ich war damals in der nördlichen Zone. Wir befanden uns in Dersim und Umgebung. Wir hatten nicht so viel Erfahrung, was das Guerilla-Leben anging und versuchten lediglich, uns so gut wie möglich vorzubereiten. Unsere Einheiten wurden bewaffnete Propagandatruppen oder Fedai-Truppen genannt. Jeder gab sich einen Namen und handelte entsprechend. Wir waren AmateurInnen. Gegen die Angriffe des Staates leisteten wir natürlich Gegenwehr. In Hilvan und Siverek schlossen sich bestehende Kräfte unserer Organisation an. Das entwickelte den Widerstand und wurde zu einer Kultur. Es gab keine Macht in Kurdistan, die vor der PKK mit einer so politisierten Widerstandskultur durchdrungen wurde. Eine solche Kriegspraxis ist durch die Bewegung entstanden.

Wie war Ihr Übergang in die palästinensischen Gebiete?

Über den Vorsitzenden hatten wir dort Kontakte zur DFLP, PFLP und PLO. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten hatte der Vorsitzende dort die Anerkennung dieser Gruppen gewonnen, sodass er Stück für Stück die FreundInnen aus Nordkurdistan zu sich holen konnte. In den Jahren 1979/1980 haben wir mehrere Gruppen zusammengestellt, die dann in diese Gebiete entsandt wurden. Bereits vor der Militärjunta vom 12. September 1980 wurde in Nordkurdistan das Kriegsrecht verhängt und es herrschte ein Putschklima. Viele Orte in Kurdistan wurden auf diese Weise regiert. In den Regionen, in denen die Bewegung schon ein wenig organisiert war, wurde auch der Staat aktiver. Das Massaker von Maraş an alevitischen KurdInnen ist aus diesem Grund begangen worden. Der türkische Staat hatte die schlagkräftigsten Kräfte seiner Armee nach Kurdistan geschickt.

Obwohl wir keine richtige Streitmacht hatten, entwickelte der Staat eine Invasionsbewegung in Kurdistan. Schon damals begannen linke Organisationen in der Türkei sich aufzulösen. Auch in Kurdistan passierte das. Angesichts dieser Wiederbesetzungswelle verschwanden sie vom Bild, unter dem Vorwand, sie würden nun im Untergrund agieren. Also haben sich alle zurückgezogen. Nur die ApoistInnen blieben auf dem Feld; genauso, wie es der Staat wollte. Denn er wollte unsere Bewegung im Keim ersticken und zeigen, dass wir zu nichts imstande seien. Die Dinge liefen aber nicht wie geplant. Denn der Widerstand ist Teil der apoistischen Lebenskultur.

Aus diesem Grund trugen sie die Kriegsrechtspraktiken des Ausnahmezustandes, die sie für Kurdistan praktiziert hatten, auch in die türkischen Teile des Landes. Dann, mit dem Militärputsch vom 12. September, konzentrierten sie sich darauf, die Gesellschaft vollständig zu zerschlagen und zum Schweigen zu bringen. Die Massaker von Maraş und Çorum waren zwar der sichtbare Teil dieser Politik, es gab aber auch in Elazığ und Malatya schwere Verbrechen des Staates. Um es klar auszudrücken: Wo immer die PKK die Menschen wachrüttelte und organisierte, verübte der faschistische türkische Staat mit seinen lokalen KollaborateurInnen und seiner Armee Massaker. Diese Orte sind jene, in denen sich die PKK zum ersten Mal organisierte.

Aus diesem Grund ist die Reise Öcalans in die palästinensischen Gebiete ein historisches Ereignis. Es war ein Schachzug um sich zu sammeln und besser auf den Kampf zuhause vorzubereiten. Es war ein Schritt, der durch den Blick in die Zukunft motiviert war. Schon vor der offiziellen Durchführung des Putsches kam es zu Gefallenen unter wichtigen KaderInnen der PKK. Während Freunde wie Salih Kandal und Halil Çavgun fielen, wurden auch viele führende KaderInnen verhaftet, so wie Kemal Pir und Hayri Durmuş. Meiner Meinung nach hat Öcalan diese Entscheidung getroffen, um die eigenen Kräfte zu schützen und auszubilden und um so einen organisierten Guerillakrieg in Kurdistan beginnen zu können.

Der Schritt nach Palästina hatte sehr wichtige Konsequenzen für die Bewegung. Dieser Ort war der Sammelpunkt der verschiedenen Anschlüsse in die Bewegung; dort sammelte sich die Kraft der Bewegung. Die technische Ausrüstung war dort gewährleistet. Dort hatte Öcalan die Möglichkeit Parteitage, Versammlungen und Kongresse abzuhalten. Unter den damaligen Bedingungen war die Ausbildung und Aufstellung einer zweihundert Personen starken Truppe so viel wert, wie heute die Aufstellung einer gesamten Armee. Und tatsächlich wurde dort auch eine Armee aufgebaut.

Wann sind Sie in den Nahen Osten gewechselt? Mit welcher Situation waren Sie dort konfrontiert und mit wem hatten Sie Kontakt?

Ich ging spät in die Region. Wir waren in den Bergen. Öcalan rief die Gruppen vor allem entsprechend ihrer geographischen Nähe auf. Die FreundInnen in Mardin und Umgebung gingen zuerst. Wir waren zwangsläufig die Letzten. Das war dann ungefähr im Jahr 1981. Das war der Plan der Parteiführung und danach richteten wir uns. Der Weg dorthin war natürlich schwierig. Unsere Route ging über Rojava (Westkurdistan), Syrien und Libanon in die Bekaa-Ebene.

Jede Gruppe, die dort ankam, wurde von Öcalan persönlich empfangen. Diese ersten Treffen lagen ihm immer sehr am Herzen, weil sie allen Motivation gaben und auch eine gute Gelegenheit zum Kennenlernen boten. Auf diese persönlichen Empfänge war auch immer die gesamte Basis sehr gespannt. Dort wurde dann jedeR FreundIn seinem/ihrem Arbeitsbereich zugeordnet. Es gab eine Camp-Leitung, die die praktischen Arbeiten verwaltete. Heval Mehmet Karasungur war einer der Wichtigsten in dieser Leitung. Heval Sabri war auch dort, auch viele andere, an deren Namen ich mich jetzt nicht erinnern kann. Sie organisierten diese Dinge.

Diese Freundinnen teilten die KaderInnen in Dreier- oder Fünfergruppen auf und übergaben sie den palästinensischen Gruppen, an deren Ausbildung sie dann teilnahmen. Wir kamen mit einer großen Gruppe – mehr als 25 Menschen– aus dem Norden an und nahmen so an der Ausbildung teil. Dies war nur die Gruppe aus der Region Dersim-Bingöl. Als wir damals dort ankamen, hatten wir kurz zuvor Beziehungen mit der Fatah aufgenommen.

In allen diesen palästinensischen Organisationen hatten wir Gruppen von FreundInnen. Da wir dort blieben, wurde auch für jeden von uns in Beirut ein Ausweisdokument erstellt. Karasungur kümmerte sich um diese Arbeiten. Wir gingen zu ihm. Er sagte uns: „Jeder von euch soll sich einen Namen aussuchen, aber auf Arabisch.“ Ich habe mir damals überlegt, welchen Namen ich mir geben sollte. Er drehte sich zu mir um und sagte: „Mein Name ist Xalid und deiner ist Xalid.“ Unsere Bekanntschaft ging schon auf früher zurück, zu den TÖBDER-Zeiten (Tüm Öğretmenler Birleşme ve Dayanışma Derneği; deutsch: Verein der Vereinigung und Solidarität aller LehrerInnen) in Bingöl. So wurde mein Name Xalid. Ich habe meinen Namen nicht geändert, nachdem mein Freund Karasungur gefallen ist. Ich habe nie daran gedacht, ihn zu ändern. Mein Name ist mir als Erbstück von ihm geblieben. Und dann gingen wir zur Fatah.

ApoistInnen in Palästina

Du bist in das Lager der Fatah gegangen und hast dort deine Ausbildung bekommen. Wie näherten sich euch die PalästinenserInnen? Wie sahen palästinensische Organisationen die PKK?

Dies war für uns ein wichtiges Thema. Schließlich waren sie eine Kraft, die aus der arabischen Gesellschaft hervorgegangen ist, und die PKK aus dem Herzen des kurdischen Volkes. Sie kannten uns nicht sehr gut. Auch der Umgang der arabischen Bourgeoisie mit uns war anders, die wir natürlich von den RevolutionärInnen unterschieden. Der Großteil der palästinensischen Organisationen akzeptierte unseren Vorsitzenden nicht. Er hat dafür lange kämpfen müssen. Wenn sie wüssten, dass Israel kommen und ihre Orte besetzen würde, dann wäre ihre Annäherung an uns vielleicht wohlwollender gewesen. Sie sahen uns, wie auch alle anderen, wie Menschen, die sie arbeiten und kämpfen lassen können. Schließlich brauchten sie KämpferInnen. Auch KurdInnen hatten mehr oder weniger Kriegserfahrung. Allerdings waren die Bedingungen der neuen Welt des Krieges wie ein Flachland, das sie erst noch erkunden müssen. Die Sowjets, China, der gesamte Ostblock und die arabischen Staaten gaben den PalästinenserInnen alle möglichen Hilfestellungen. Ohne sich wirklich anzustrengen, bekamen sie aus großzügigen Händen alles, was sie brauchten. Deshalb nahmen sie niemanden ernst, nicht nur uns.

Sie sahen diese InternationalistInnen entweder als eine Belastung oder als einfache Arbeitsesel. Ein Beispiel: Einmal kamen welche aus Bangladesch. Sie ließen sie wie ArbeiterInnen in Höhlen und Tunneln arbeiten. Diese hatten aber auch nicht wirklich Interesse an einer Revolution und schauten vor allem darauf, was sie verdienten. Ein anderes Mal kamen SudanesInnen und Menschen aus vielen Teilen Afrikas. Sie standen am Rande der Fatah-Bewegung und arbeiteten für sie. Als wir sie ansprachen nannten sie sich „Maschinen“. Mit anderen Worten, sie arbeiteten physisch wie Maschinen. Deshalb sahen die PalästinenserInnen auch uns in dieser Kategorie. Ihre Herangehensweise an uns war schon am Anfang ein Problem. Da unsere Gruppe erst später dort ankam, kamen wir zur „besseren“ Zeit, da die FreundInnen vor uns sich schon, mit harter Arbeit und großen Mühen, Respekt und Akzeptanz verschafft hatten.

Manche wollten uns sogar mit materiellen Dingen für unsere Arbeit entlohnen. Einmal hatte der Freund Kemal Pir in einer solchen Situation zu Ihnen gesagt: „Wir sind Revolutionäre, ihr seid auch Revolutionäre. Wir können euer Geld nicht nehmen“. JedeR hatte dort für seine Arbeiten Geld bekommen: Einzelpersonen, Organisationen, etc. Später haben auch wir Geld akzeptiert, das wir ausschließlich zur Finanzierung der Arbeiten nutzten. Während wir neu waren, hatte die Fatah dort bereits eine große militärische Kraft, eine Guerilla aufgebaut. Sie war aber ungebildet und weit entfernt von Disziplin. Früher nutzten wir für solche Leute das Wort „Lumpenproletariat“. Die ApoistInnen waren aber ideologisch und politisch gebildete, disziplinierte RevolutionärInnen.

Intern bildeten wir uns ideologisch weiter, lasen und diskutierten die Parteianweisungen. Daneben kamen die Kommandeure der Fatah und gaben uns eine militärische Ausbildung. Auch die Freizeit vergeudeten wir nicht, sondern nutzten auch sie für Bildung, weshalb die PalästinenserInnen dachten, dass wir bewusst Sitzungen abhielten, um nicht arbeiten zu müssen. So etwas wie ideologische Bildung gab es bei ihnen ohnehin nicht. Gearbeitet haben die meisten auch nicht wirklich. Sie erwarteten von uns, dass wir ihre Arbeiten erledigen und für sie putzen. Wir sind jeden Tag im Morgengrauen aufgewacht, haben unser Lager geputzt und setzten uns dann zum Frühstück. Während wir dann schon frühstückten, wachten sie gerade auf und kamen einer nach dem anderen zum Frühstück.

Wir konnten dieses Verhalten damals nicht verstehen. Es gab Zeiten, in denen wir wütend wurden. Im Laufe der Zeit wurde uns klar, dass dies ihre Lebensweise war; sie lebten einfach auf diese Weise und ohne Hintergedanken. Diese Verhaltensweisen haben uns natürlich herausgefordert. Wir sagten uns: „Wenn die so sind, was sollen wir tun, wir sind gekommen, um Bildung zu bekommen. Wir müssen sie als solche akzeptieren“ und ließen uns das gefallen. Das ging so bis Juni 1982.

Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in Bekaa

Wie war die militärische Ausstattung der Fatah? Wie profitierte die PKK davon? War eure Ausbildung ausreichend?

Angesichts unserer damaligen Situation haben wir sehr davon profitiert. An Individualwaffen bis zu schweren Waffen haben wir alle möglichen Bildungen bekommen. Das beinhaltete das Auseinandernehmen und die Reparatur dieser Waffen. Sie gaben uns die Standardausbildung. Es waren vor allem unsere FreundInnen, die die nötige Willenskraft zum Lernen zeigten. Sie gaben uns zum Beispiel zum Trainieren Handgranaten. Während die Ausbilder uns sagten „schmeißt die Bomben einfach nur weit weg“, stellten unsere FreundInnen Zielscheiben, wie Blechbüchsen und ähnliches auf, um die Würfe zu üben und somit die Ausbildung zu perfektionieren. Wir näherten uns mit einer viel größeren Ernsthaftigkeit und Zielstrebigkeit an die Fragen der Zukunft unserer Armee und unseres Volkes. Sie zeigten uns auch, wie Mörser auf Paletten oder Raketen mit 40 Laufrohren genutzt werden. Sie nutzten uns viel für das Schleppen der Munition und der Waffen, aber sie haben uns auch viel beigebracht…

#Fotos: via Yeni Özgür Politika

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Interview mit Welat Direj, 28, Internationalist und Mitglied der militärischen Verteidigungsstrukturen Rojavas zu den aktuellen Angriffen des türkischen Staates in Kurdistan und dem revolutionären Widerstand.

Bei euch in Nordsyrien sind es bereits über 30 Grad und der Sommer ist da. Seit vielen Monaten erreichen uns Nachrichten, dass die Türkei den Wasserzufluss nach Rojava unterbindet. Was ist Erdogans Kalkül hinter dieser Blockade?

Das ist Teil der Kriegsführung des faschistischen, türkischen Staates. Sie versuchen, mit allen Mitteln das Projekt der Selbstverwaltung im wahrsten Sinne des Wortes auszutrocknen. Ihnen ist vollkommen bewusst, dass sich Nord Ost Syrien, zu einem Großteil wirtschaftlich auf die Landwirtschaft stützt, für welche kontinuierliche Bewässerung ein essentieller Bestandteil ist, genauso wie natürlich einfach nur Trinkwasser. Zudem läuft durch die in der Vergangenheit starke Zentralisierung – ein Relikt aus Zeiten des Baath-Regimes – die Stromerzeugung zu einem sehr großen Anteil über den Staudamm in Tabqa und Tischrin. Ihr Ziel ist also, wenn sie auf militärischer Ebene keine Erfolge erzielen können bzw. es dafür gerade keinen Raum gibt, mit Hilfe von Wasserverknappung, Spezialkrieg, Embargo etc. das Volk zur Flucht und damit in die Verteidigungslosigkeit zu zwingen.

Wie reagiert die Selbstverwaltung Nord-Ost-Syriens auf diese Angriffe?

Es gibt natürlich nicht erst seit heute verschiedene Planungen und Projekte dem zuvorzukommen bzw. diesen Angriff abzuschwächen, aber diese reichen bei weitem nicht aus. Das reicht von Wasserumleitungsprojekten über Brunnenbohrungen zu neuen Bewässerungsmethoden in der Landwirtschaft. Außerdem ist auch ein wichtiger, nicht zu unterschätzender Aspekt die Aufklärung und Bildung, welche Ziele der faschistische, türkische Staat mit diesen Angriffen verfolgt, um sie damit ins Leere laufen zu lassen. Wir müssen begreifen, dass dieser kurdenfeindliche Staat eine Agenda des kulturellen Genozids verfolgt, er also vielleicht nicht 40 Millionen Kurdinnen und Kurden physisch auslöschen kann, aber diese in alle Himmelsrichtungen zerstreuen, sie vertreiben, schwächen und assimilieren will.

Mit der Besatzung Afrins durch den türkischen Staat und seine dschihadistischen Banden im März 2018 begann eine neue Phase von Guerillawiderstand, angeführt von den Befreiungskräften Afrins (HRE). Wie läuft es aktuell an dieser Front?

Ich würde das so formulieren: Afrin ist noch immer besetzt durch den Feind und daher ist der Widerstand nicht ausreichend, da Afrin bisher nicht befreit wurde. Aber wir sehen eindeutig eine positive Entwicklung in die richtige Richtung. In den letzten Jahren wurde in Rojava im Kampf gegen den Islamischen Staat eine bestimmte Art und Weise des Kampfes erlernt. Die türkische Invasion und Besatzung Afrins 2018 mit Drohnen, Kampfhubschrauber und Kampfflugzeugen war für die militärischen Kräfte in Rojava an vielen Stellen eine neue Herausforderung, die eine vollkommen neue Art und Weise der Kriegsführung erforderte. Sich dahingehend zu adaptieren, braucht etwas Zeit, aber wir können in jedem Fall eine deutliche Entwicklung sehen.

Seit April führt der türkische Staat eine neue Großoffensive gegen die Guerillaeinheiten der PKK in Südkurdistan/Nordirak. Nach der Niederlage gegen die siegreiche Guerilla in Haftanin 2020/21 folgt nun eine weitere Großoffensive. Wie bewertest du diese Angriffe?

Das wird schwer darauf kurz zu antworten, aber ich versuche es mal. Wir können ganz klar sehen, dass der Diktator Erdogan seit Jahren innenpolitisch nicht nur immer mehr an Popularität einbüßt, sondern zugleich eine schwere Wirtschaftskrise das Land erschüttert, die sich noch intensivieren wird. Erdogan steht mit dem Rücken zur Wand, was auch die erneuten Bemühungen seitens der Türkei zeigen, die Guerilla zu einem Waffenstillstand zu überreden. Eine alte Taktik der AKP um sich wieder in Position zu bringen.

Die AKP-MHP Regierung versucht alles, um mit Hilfe von billigem Nationalismus ihre Misserfolge zu überdecken. Außerdem existieren natürlich noch geopolitische Interessen der NATO, das muss man ganz klar festhalten: Die Guerilla kämpft nicht nur gegen den türkischen Staat, sondern gegen die gesamte NATO. Der Luftraum des Nord-Iraks ist immer noch unter der Kontrolle der USA, die für diese Operationen grünes Licht gaben. Wenn verschiedene imperialistische Konstellationen gerade keine Angriffe in Rojava zulassen, dann werden die Angriffe gegen die Guerilla, das Herz der kurdischen Freiheitsbewegung, intensiviert.

Wie sieht der Widerstand der Guerilla aus? Murat Karayilan, Oberkommandierender der HPG, spricht seit einer gewissen Zeit von der „Guerilla des 21. Jahrhunderts“. Wie sehen diese neuen Taktiken konkret aus?

Der Widerstand einer Guerilla mit kleinem Waffenarsenal gegen die gesamte NATO ist bis jetzt mehr als beeindruckend. In Gare wurden die extra trainierten Spezialkräfte der Türkei in vier Tagen in die Flucht geschlagen und zu allem noch der verantwortliche Kommandant für die Operation getötet.

Obwohl die Türkei ununterbrochen Dutzende Drohnen und Kampfflugzeuge in der Luft hat, kann sie die Guerilla nicht finden, die im Sinne der angesprochenen Reorganisierung bzw. Entwicklung hin zu einer Guerilla des 21. Jahrhunderts mit effektiver Tarnung, über spezielle Regenschirme gegen Wärmebildkameras zu den neu gegründeten Sehid-Delal-Flugabwehrkräften viele neue Methoden anwenden. Die Guerilla dezentralisiert ihre Kräfte noch mehr als zuvor, und wird den türkischen Staat so weit in die Enge treiben, dass er um einen Waffenstillstand betteln wird.

In der BRD ist der Krieg gegen die Guerilla in den Bergen Nord- und Südkurdistans wenig präsent. Rojava und die restlichen Teile Kurdistans werden auch innerhalb der Solidaritätsstrukturen oft getrennt voneinander betrachtet. Was können wir tun um diese Trennung zu überwinden?

Mit dieser Trennung spielen wir nur dem Feind in die Hände, der ja genau das erreichen will. Das ist die alte, leider sehr erfolgreiche Taktik von Teile und Herrsche: „Die in Rojava sind ok, aber die PKK ist radikal“. Wenn linke, demokratische Menschen dieses Denken anwenden, ist das umso problematischer, denn nur der gemeinsame Kampf gegen Kolonialismus und für Freiheit aller kann erfolgreich sein.

Das gilt genauso für Südkurdistan, wo gerade wieder die KDP zusammen mit der Türkei einen Krieg gegen die Guerilla beginnt. Barzani und Co wollen scheinbar nicht sehen, dass sobald die Guerilla besiegt wäre, sie die nächsten auf der Liste des türkischen Staates sein würden.Wir müssen begreifen, dass es ohne den Kampf der PKK die anderen Kämpfe – zum Beispiel die in Rojava – nicht mehr geben wird, dass die Guerilla in den Bergen Kurdistans ein Garant für die Freiheit Kurdistans ist.

# Bildquelle: ANF

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In den kolumbianischen Bergen sprach der britische Journalist Oliver Dodd mit Villa Vazquez, einem Oberbefehlshaber der kürzlich wiederhergestellten FARC (Segunda Marquetalia). Es ist das erste Interview mit einem Vertreter der Guerilla seit Scheitern des sogenannten Friedensprozesses. Sein Text liegt Lower Class Magazine exklusiv auf Deutsch vor.

Trotz der Unterzeichnung des Friedensabkommens im Jahr 2016, mit dem der 53-jährige Krieg mit den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC) beendet wurde, haben sich die herrschenden Klassen Kolumbiens, einschließlich der rechten Regierung, geweigert, die Bedingungen des Abkommens umzusetzen.

Stattdessen sahen der Staat und die Kapitalisten den Frieden als wirtschaftliche Chance: Mit dem Ende der größten Bedrohung für die Kapitalakkumulation, der Guerilla, sind ehemalige von der FARC kontrollierte Gebiete zu den Adern geworden, durch die multinationale Unternehmen jetzt versuchen, zu expandieren. Das nun ungeschützte Land und diejenigen die auf ihm und von ihm leben, leiden unter den damit einhergehenden Umweltschäden und der Unterdrückung.

Bergbau, Rodung, Ölbohrungen, Palmölgewinnung, Privatisierung von Trinkwasserquellen, Wilderei und Drogenhandel haben ehemalige Hochburgen der FARC verwüstet und Millionen von Bauern aus ihren Häusern in die Slums Kolumbiens vertrieben, wo sie soziale Unsicherheit und ein Mangel an Arbeitsplätzen erwartet.

Gleichzeitig wurden seit 2016 mehr als 1200 Führer der sozialen-fortschrittlichen Bewegung, insbesondere Gewerkschafter und ehemalige FARC- Kombattanten, von Paramilitärs ermordet.

Kolumbianische Gerichte haben es sich zur Aufgabe gemacht, ehemalige linke Aufständische zu verurteilen und strafrechtlich zu verfolgen, die im Rahmen des Friedensabkommens ihre Waffen niederlegten, Hingegen wurden staatliche Akteure und ihre Kriegsverbrechen ignoriert. Zum Beispiel bezeichnen sie die Inhaftierung durch linke Rebellen als Kriegsverbrechen, betrachten die politische Inhaftierung durch den kolumbianischen Staat jedoch als vollkommen legal und gerecht.

Die großen Hoffnungen der FARC, die ihre Reformation als legale politische Partei unter demselben Akronym – der Kolumbianischen Alternativen Revolutionären Kräfte – ankündigten, bevor sie sich in “Comunes” (Die Einheitlichen) umbenannten, wurden zunichte gemacht, da sie keine ernsthaften Land- oder politischen Reformen vorsahen. Jetzt unbewaffnet sind sie dem bereits bestehenden Ausmaß parastaatlicher Gewalt ausgesetzt.

Es überrascht daher nicht, dass am 29. August 2019 zahlreiche historisch wichtige FARC-Führer, von denen einige plötzlich und dramatisch aus dem öffentlichen Leben verschwanden, sich neu formierten und die Wiederherstellung einer kommunistischen Partei ankündigten, die einen legalen politischen Kampf in sozialen Bewegungen und Gewerkschaften zusammen mit einem bewaffneten Kampf in ländlichen und städtischen Gebieten verbinden würde.

In ihrem politischen Manifest erklärte diese Fraktion, die als FARC (Segunda Marquetalia) bekannt ist, um sich von ihrem Vorgänger zu unterscheiden, dass es ein strategischer Fehler gewesen sei, ihre Waffen vor der Umsetzung des Friedensabkommens aufgegeben zu haben. Sie kamen zu dem Schluss, dass dies der einzige Weg ist, welche den Peace-Deal garantieren würde, denn sie leben in einem Land welches seit langem am konsequentesten auf dem lateinamerikanischen Kontinent unterdrückerisch handelt.

Um die politische Situation besser zu verstehen, reiste ich in die ländliche Region Catatumbo in Kolumbien, um die FARC bei der Wiederbelebung ihres politisch-militärischen Kampfes zu beobachten und eine ihrer führenden Persönlichkeiten, Comandante Villa Vazquez, zu interviewen, der für das Danilo-Garcia-Kommando verantwortlich ist und Mitglied ist von FARCs Äquivalent zu einem Zentralkomitee, bekannt als “Nationale Direktion”.

Als Teenager trat Vazquez der Young Communist League bei, einem Flügel der legalen Kommunistischen Partei. Als Mitte bis Ende der 1980er Jahre mehr als 5000 unbewaffnete linke Aktivisten, hauptsächlich aus der Partei der Patriotischen Union, die aus den Friedensverhandlungen von La Uribe hervorgegangen war, von Todesschwadronen massakriert wurden, nahm er die Waffen auf und war seitdem Mitglied der FARC Guerilla.

Viele der Getöteten wurden mit den grausamsten Methoden abgeschlachtet, die man sich vorstellen kann. Oft ist es eine beliebte paramilitärische Taktik, die Gliedmaßen der Sozialist:innen mit Kettensägen und Macheten abzutrennen, bevor die Leichen in den Fluss geworfen oder in den Dörfern und Städten zum verrotteten gelassen werden – als Warnung an die Bevölkerung.

Das Gemetzel geht weiter: Im Dezember 2020 wurde Rosa Mendoza, eine ehemalige FARC-Guerillera, zusammen mit fünf Familienmitgliedern ermordet, darunter eine nur wenige Monate alte Tochter. Am 13. Februar wurde der 23-jährige Leonel Restrepo der 258. ehemalige FARC-Guerillero, der im „Friedensprozess” ermordet wurde. Die Zahl ist seitdem auf 259 gestiegen, nachdem Jose Paiva Virguez am 19. Februar getötet wurde.

Der FARC Kommandant Vazquez bestand darauf, dass die FARC Unterzeichner:innen an dem Friedensabkommen festhielten und ihre Seite des Abkommens erfüllten und trotzdem missachtet der kolumbianische Staat das Abkommen und tötet weiterhin Ex-FARC-Militante, andere Aktivist:innen und begeht konsequent Verrat “auf Kosten des kolumbianischen Volkes, der internationalen Community und ex-FARC Guerilla”.

Der Kommandant argumentierte, dass die FARC und das kolumbianische Volk das Recht auf Rebellion und den bewaffneten Kampf haben, denn die „Segunda Marquetalia ist das Ergebnis des Bruchs des Friedensabkommens von 2016 durch die kolumbianische Regierung und Oligarchie“.

Vazquez wies auf die Zunahme der paramilitärischen Tötungen sozialistischer Aktivist:innen hin und kam zu dem Schluss: „Alle unsere Hoffnungen waren auf das Abkommen gerichtet, aber das Abkommen wurde von der Regierung und anderen dominierenden Klassen verraten. Deshalb mussten wir zu den Waffen zurückkehren. Aber es ist nicht die FARC, die zu den Waffen zurückgekehrt ist – es sind die Menschen selbst. Heute können wir sagen, dass 60 Prozent der Guerilla der FARC neu sind und keine Ex-Mitglieder. „

Als Reaktion darauf, dass Kolumbien die Segunda Marquetalia als unpolitische kriminelle Einheit abgetan hatte, beschrieb Villa Vazquez mir FARCs Strategie ausführlich.

Die Segunda Marquetalia kombiniert drei wichtige Organisationsstrukturen als Teil ihrer Gesamtstrategie: bewaffnete Guerilla-Streitkräfte, bewaffnete und unbewaffnete Milizeinheiten und eine völlig unbewaffnete Partido Comunista Clandestino de Colombia (klandestine Kommunistische Partei).

Guerilla-Streitkräfte sind in erster Linie, aber nicht ausschließlich, für offensive bewaffnete Operationen gegen den Staat und die herrschende Klasse verantwortlich. Die Miliz hat hauptsächlich die Aufgabe, die Ziele der FARC in einem bestimmten Gebiet wie einer Stadt oder einem Dorf zu fördern – insbesondere in den Zonen, die von den Guerillas eingenommen wurden, während die klandestine kommunistische Partei unbewaffnet ist: Wie konventionelle kommunistische Parteien arbeiten diese Militanten innerhalb von Gewerkschaften, sozialen Bewegungen, Universitäten und lokalen Gemeinschaften, müssen aber aufgrund ihrer Beziehung zu der FARC verdeckt bleiben.

Villa Vazquez bestand darauf, dass die Farc hauptsächlich eine politische Partei im Gegensatz zu einer bewaffneten Gruppe sei, und sagte, dass „Waffen Teil der Kombination der Kampfmethoden sind und die eigenen Ideen beschützen“ und „es nicht so ist, dass wir die Macht durch eine bewaffnete Bewegung erreichen werden – bewaffneter Kampf findet statt, weil es keine Garantie gibt, Ideen zu manifestieren. “

Der Kommandant regte sich fluchend über die Charakterisierung der FARC als Bauernaufstand auf. Die drei organisatorischen Komponenten – Guerilla, Miliz und kommunistische Partei – spiegeln die historisch besonderen Bedingungen des Klassenkampfes in Kolumbien wider.

„Wo entwickelt sich der revolutionäre Kampf?“, fragte er mich. „Er wird dort entwickelt, wo sich die Menschen befinden, nicht in der Isolation des Dschungels, sondern dort, wo sich die Massen von Menschen befinden – und die meisten Menschen leben heute in den Städten, und dort wird sich der revolutionäre Kampf und Guerillakrieg entwickeln.“

Durch die Ausführung von Schlüsselfunktionen eines Staates – Steuern, Sicherheit und Instandhaltung der Infrastruktur – in den Basisgebieten und Hochburgen der FARC proklamiert diese die Führung als legitime Regierung, die durch ein umfassendes politisches Programm und einen Gesellschaftsvertrag gestützt wird.

Obwohl die Gruppe erst am 29. August 2019 wieder gegründet wurde, verfügt die FARC in den von mir besuchten Gemeinden bereits über eine bedeutende Basis an ziviler Unterstützung. Ich beobachtete, wie ihre Truppen ungehindert durch Dörfer zogen und ihre Mitglieder offen arbeiteten, mit den Menschen auf den Straßen interagierten und sogar öffentliche Versammlungen abhielten, ohne Angst zu haben, dass ihre politische Präsenz an das kolumbianischen Militär verraten werden könnte.

Eine einheimische Frau, die auf einer Farm in einem FARC Gebiet lebte und sich nicht als Sozialistin oder politische Aktivistin sah, sagte mir: „Die Gemeinde hier zieht die FARC der Polizei und dem Militär vor.“ Denn: „Sie sind immer da, um sofort zu helfen, wenn sie gefragt werden. Sie sind Teil von uns und unterstützen uns bei Grundbedürfnissen in einer schwierigen Situation. Sie helfen uns auch, die Community hier zu organisieren. “

Die jüngsten Behauptungen der größten kolumbianischen Zeitschrift Semana, dass die FARC 5000 Kombattant:innen hat und mit Zustimmung von Caracas systematisch venezolanisches Territorium ausbeutet, sind jedoch eindeutig ungenau. Obwohl es für pro-staatliche Medien kontraproduktiv erscheinen mag, den Erfolg ihrer Feinde zu übertreiben, dient es dazu, die Verstärkung der bereits umfangreichen militärischen Hilfe, die Kolumbien erhält, zu rechtfertigen – und den USA einen Vorwand für Interventionen gegen Venezuela zu geben.

In Wahrheit befindet sich die FARC in einem Erneuerungsprozess und obwohl sie es schafft, in Gemeinden die Unterstützung des Volkes zu gewinnen, ist die Anzahl der Kombattanten erheblich geringer als die der FARC, die den Peace-Deal unterschrieben haben.

Trotzdem wird es nicht lange dauern, bis die USA tatsächlich beginnen, ihre Unterstützung für die bedrängte kolumbianische Oligarchie zu verstärken, da neue Militante in die Reihen der Guerilla eintreten und ihr Leben der Organisation verpflichten, zusammen mit einer sehr erfahrenen politischen Führung, die jahrzehntelangen Kampf hinter sich.

Für die Regierung ist dies eine Situation, die sie selbst geschaffen hat. Indem sie nicht in der Lage oder nicht bereit war, die Sicherheit von demobilisierten Guerilla und der Zivilgesellschaft zu gewährleisten, haben sie den Rebellen keine Wahl gelassen. Die Guerilla-Verhandlungsführer werden in Zukunft zögern, den Vertretern des kolumbianischen Staates bei künftigen Friedensgesprächen zu vertrauen – und die FARC hat viel zu verhandeln.

Die “Revolutionssteuern” an denjenigen, die natürliche Ressourcen ausbeuten, also die multinationalen Unternehmen und Rohstoffindustrien, sowie die Nutzung des Schwarzmarkts, ermöglichen es der FARC ihre Guerillakämpfer mit drei Mahlzeiten am Tag zu versorgen, für Kleidung zu sorgen und Sie mit modernen Waffen & Transportmitteln auszurüsten.

Im Gegensatz zur westlichen Linken verfügt die FARC über das Geld und die Ressourcen, um es allen Mitgliedern zu ermöglichen, sich 365 Tage im Jahr 24 Stunden am Tag der revolutionären Sache zu widmen. Und dort geht das Geld hin; das Leben der FARC jeden Ranges war immer ein bescheidenes – getreu allen linken kolumbianischen Guerilla-Bewegungen, die ich in den letzten 10 Jahren studiert habe, als ich zum ersten Mal in Kolumbien an der Front war.

Ich ging mit Villa Vazquez durch eine kleine Farm, auf der die Guerillas ihr eigenes Essen anbauten und Vieh züchteten. Jeden Tag wechseln sie sich ab, um die Ernte zu verwalten und die Tiere zu füttern, eine Methode der Eigenständigkeit, auf die Vazquez stolz war. „Die Kosten für eine Organisation wie unsere sind signifikant“, erklärte er. „Als Revolutionäre kultivieren wir, wir erfinden Dinge, so wie die Schaffung landwirtschaftlicher Kollektive mit der Bevölkerung. Wir entwickeln wirtschaftliche Aktivitäten, einschließlich der Herstellung unserer eigenen Lebensmittel.“

Der Staat versagte darin, systematische Reformen durchzuführen, die sich gegen die Großgrundbesitzer und andere Kapitalisten richten. Gleichzeitig wird eine wichtige Forderung der FARC im Friedensabkommen von 2016, die Zwangsumsiedlung von Bauern zu bekämpfen, vom Staat ignoriert. Dies garantiert beinahe, dass die FARC die Möglichkeit hat schrittweise zu expandieren.

Als ich mein Interview mit Vazquez beendet und die FARC über einen Zeitraum von einer Woche beobachtet hatte, wurde mir klar, dass der „Friedensprozess” durch den kolumbianischen Staat missbraucht wurde und ihm die Möglichkeit bietet, die FARC als ihre akuteste Bedrohung zu entwaffnen und zu demobilisieren. Dies wird sich wahrscheinlich als Fehler herausstellen. Von jetzt an sind die revolutionären Streitkräfte dazu gezwungen, ihre Banner noch hartnäckiger als zuvor zu hissen.

Wieder einmal geht ein Gespenst in Kolumbien um: Es ist das Gespenst der FARC.

# Oliver Dodd ist Doktorand an der Universität von Nottingham und arbeitet zu dem Bürgerkriegs- und Friedensprozessen in Kolumbien. Er kann auf Twitter @olivercdodd verfolgt werden. Übersetzt wurde der Artikel in Absprache mit dem Autor von K. Nazari.



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Ein Europäer in den Tiefen des kolumbianischen Dschungels, bewaffnet, ausgebildet im Guerillakampf und im Krieg gegen einen rücksichtslosen Feind. Wir hatten die Möglichkeit, einen Internationalisten aus dem kolumbianischen Ejército de Liberación Nacional (ELN) zu interviewen.

Die Nationale Befreiungsarmee, die in Castellano das Akronym ELN trägt, befindet sich seit über 50 Jahren im Krieg mit dem kolumbianischen Staat und hat das Ziel, diesen zu stürzen. Eine marxistisch-leninistische Guerilla, inspiriert von der kubanischen Revolution und kommunistischen befreiungstheologischen Priestern. Während des jahrzehntelangen Krieges mit der Armee, rechten Paramilitärs, Narco-Kartellen und multinationalen Kooperationen hat die ELN gelernt, fast jede politische Situation zu überleben, und wächst nun wieder rasant. Die ELN ist nicht nur eine militärische Organisation, sondern de facto eine Regierung für die Menschen, die die kolumbianische Regierung vernachlässigt hat. Nachdem die zweite große kolumbianische Guerilla FARC-EP einen „Friedensvertrag“ unterzeichnet hat, ist die ELN nun Staatsfeind Nummer eins in Kolumbien. Das südamerikanische Land befindet sich immer noch im Krieg, auch wenn die Massenmedien diese Tatsache verschweigen.

Wir hatte die seltene Möglichkeit, einen internationalistischen Freiwilligen in der ELN zu interviewen. Wenn die Behörden von seiner Anwesenheit wüssten, wären sie außer sich, wie damals, als sie den Ursprung der berühmten FARC-EP-Guerillera und niederländischen Internationalistin Tanja aufdeckten. Die Sicherheitsvorkehrungen für dieses Interview waren hoch, die wahre Identität unseres Interviewpartners bleibt geheim. Zum ersten Mal gibt dieses Gespräch einen Einblick in das Leben eines freiwilligen europäischen Internationalisten, der in der ELN diente.

Um anzufangen, wo in Kolumbien warst Du stationiert?

Kolumbiens Llano-Region und die umliegenden Gebiete Arauca, Meta und Boyacá. Ich war größtenteils auf dem Land und in den Bergen stationiert, anstatt ein „Urbano“ zu sein – ein Stadtguerillero.

Wie kam es dazu, dass Du Dich der ELN angeschlossen hast? Was war Dein Ziel?

Ich hatte Freunde durch staatliche Repression in Kolumbien verloren, bevor ich überhaupt daran gedacht hatte, der ELN beizutreten. Meine Entscheidung, mich anzuschließen, beruhte auf meinen Erfahrungen in Kolumbien und wurde natürlich von meiner revolutionären Einstellung angetrieben. Der ganze Prozess verlief organisch. Ich bin nicht aus dem Westen aufgebrochen, um mich anzuschließen. Obwohl, ich würde sagen, dass ich als Marxist-Leninist natürlich meine Sympathien mit den Rebellen und auch der legalen politischen Bewegung hatte.

Ich habe lange und gründlich studiert und nachgedacht, und mir war klar, dass es sehr starke strategische Gründe gibt, Kolumbien als schwaches Glied in der imperialistischen Kette, die die gesamte Welt erstickt, zu priorisieren. Kolumbien ist für die Interessen der USA in Lateinamerika von entscheidender Bedeutung. Und das Land hat auch eine lange und bedeutende Geschichte marxistischen Widerstands, die diese Tatsache bestätigt. Die USA betrachten das Land als ihre Hochburg, als ihren wichtigsten Verbündeten auf dem Kontinent, daher wäre ein Sieg hier ein massiver Erfolg im Kampf gegen den Imperialismus für die ganze Welt. Es wäre unglaublich transformativ – auf dem gesamten südamerikanischen Kontinent würde nach Jahrzehnten der Einmischung, die oft von Kolumbien selbst ausgerichtet wurde, ein Stiefel vom Hals gehoben. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, an diesem Kampf teilzunehmen, so bescheiden meine Beiträge auch gewesen sein mögen.

Wie war dein tägliches Leben als internationaler Guerillero?

Ich war Mitglied eines offensiv ausgerichteten Bataillons. Unsere Operationsbasis war hauptsächlich in den Bergen, aber manchmal befanden wir uns auch in zivilen Communities. Unser Hauptziel war es, den Feind in dieser Region in kleinen Gefechten anzugreifen und wir zielten auf die Infrastruktur großer multinationaler Konzerne ab. Unsere Existenz als Einheit in der Region, die sich zwischen sicheren Gebieten in den Bergen bewegt und die lokalen ländlichen Communities schützt, zwingt den Staat dazu, viel Zeit, Geld und Arbeitskräfte zu investieren. Wir betrachten dies als eine Errungenschaft für unsere Bewegung, komme was wolle.

Unser Tagesablauf beinhaltete viel Marschieren und körperliches Training, das Aufspüren des Feindes, Waffentraining – im Grunde alles, was man als Vorbereitung auf offensive Aktivitäten in Betracht ziehen könnte. Jeder verbringt zwei Stunden am Tag im Wachdienst und jeder kocht und putzt, wenn er an der Reihe ist. Wann immer möglich, findet auch politische Bildung statt.

Ich werde ehrlich sein – das Leben in den Bergen ist sehr hart. Du bist extrem isoliert, Hunger und Unterernährung sind keine Seltenheit, und das kolumbianische Militär ist ständig mit Drohnen und Flugzeugen über Dir und sucht nach Anzeichen Deiner Anwesenheit, eine Tatsache, an welche die Armee Dich ständig erinnern möchte. Der Umgang mit diesen Bedingungen ist selbst für die hartgesottensten Veteranen in diesem Kampf schwierig.

Hast Du andere internationale Freiwillige in der ELN getroffen?

Mir sind keine anderen westlichen Internationalist:innen bekannt, die derzeit bei der ELN sind. Davon abgesehen gab es in der Vergangenheit eine Reihe von Internationalist:innen aus Spanien, darunter Manuel Perez, der die ELN bis zu seinem Tod 1998 leitete. Es gibt jedoch viele Internationalist:innen aus verschiedenen lateinamerikanischen Ländern, wie beispielsweise aus Venezuela und Ecuador. Zu Kolumbiens FARC-EP gesellte sich eine Niederländerin, Tanja Nijmeijer, die sich über viele Jahre als große und engagierte Revolutionärin bewährt hat. Ich bin sicher, Tanja hat sich für den kolumbianischen Revolutionskampf als weitaus nützlicher erwiesen, als wenn sie in den Niederlanden geblieben wäre.

Ich wollte ursprünglich nicht der ELN beitreten. Die Gelegenheit ergab sich spontan, nachdem ich einige Zeit in Kolumbien verbracht hatte. Die Klandestinität, die die Rebellen aufgrund der Gewalt des kolumbianischen Staates benötigen, macht es schwierig, eine bewaffnete Bewegung in Kolumbien aus dem Ausland zu kontaktieren, insbesondere wenn man ein Außenseiter mit geringen Kenntnissen der lokalen Realität ist. Darüber hinaus muss man von einem vertrauenswürdigen Mitglied einer lokalen Community bestätigt werden, bevor man überhaupt für eine Mitgliedschaft in Betracht gezogen wird.

Die ELN sind offen für den Beitritt von Internationalist:innen, aber es ist kein einfacher Prozess.

Wenn Du an Deine Zeit in Kolumbien zurückdenkst, welche Momente kommen Dir als erste in den Kopf?

Das erste Mal als ich meine Uniform trug war ein sehr wichtiger Moment, aufgrund dessen, was sie darstellt und impliziert. Die Uniform repräsentiert die Verpflichtung des Widerstands gegen Kapitalismus und Imperialismus, eine Akzeptanz, dass man an einem Krieg teilnimmt, in dessen Verlauf man möglicherweise sein Leben verliert.

Die besten Zeiten waren die kleinen Momente unter Genoss:innen. Ich erinnere mich, wie wir zusammen gelacht haben, einige der Gespräche, die wir geführt haben – die einfachen Dinge. Wir unterhielten uns zur Mittagszeit oder bei einem Abendkaffee. Die Bäuerinnen und Bauern (die natürlich die große Mehrheit der ländlichen Guerilla-Reihen der ELN ausmachen) haben einen brillanten Sinn für Humor und versuchen, sich nicht zu ernst zu nehmen. Während der Trainingseinheiten wird viel gelacht, wenn Genoss:innen dazu neigen, sich auf die eine oder andere Weise zu blamieren.

Es tut sehr weh, wenn deine Genoss:innen getötet werden. Von Zeit zu Zeit erhalte ich immer noch Nachrichten über den Tod von Genoss:innen, mit denen ich gedient habe. Es tut noch mehr weh zu wissen, dass meine Genoss:innen oft vom venezolanischen Militär getötet wurden. Einige der bemerkenswertesten Kommunist:innen, die ich je kennengelernt habe, wurden vom venezolanischen Militär getötet. Andere haben die ELN mit Erlaubnis und bei guter Stimmung verlassen, wie es nach einer gewissen Zeit der Mitgliedschaft üblich ist.

Eine andere Sache, an die ich mich immer erinnern werde, ist das Gefühl wahrer Genoss:innenschaftlichkeit – eine wahre, tiefe und natürliche Wertschätzung für einander und jeden in ihrer Einheit. Sie alle bringen die gleichen Opfer, sie sind Mitglieder des gleichen Kampfes und sie sind den gleichen Risiken ausgesetzt. Dies schafft natürlich eine tiefere Bindung als die, welche man in legalen, städtischen politischen Bewegungen finden könnte. Wir beweisen uns selbst, beweisen unser Engagement füreinander und den Kampf jeden Tag, an dem wir weiterkämpfen. Es ist schwierig, ein vergleichbares Beispiel zu finden.

Das venezolanische Militär bekämpft die ELN, obwohl die Mainstream-Medien argumentieren, Venezuela unterstütze die Guerilla?

Es ist nicht wahr, dass das venezolanische Militär die Rebellen unterstützt – dies ist eine Lüge, um eine Aggression gegen den venezolanischen Staat zu rechtfertigen. Venezuela wird von den USA als sozialistisches Land und Bedrohung für den Imperialismus, als Feind, angesehen. Die Aussage, dass sie „Terroristen“ in einer fremden Nation unterstützen, ist ein alter Trick im Handbuch, um die Zustimmung für einen möglichen zukünftigen Krieg und für „Intervention“ herzustellen. Beweise für diese Art von Haltung gibt es überall – sieh Dir nur die Guiado-Saga und die fehlgeschlagenen Putschversuche im letzten Jahr an und wie der Irak und Afghanistan 2003 als „staatliche Sponsoren des Terrorismus“ galten.

Die Ermordung kolumbianischer Kommunist:innen durch das venezolanische Militär ist unter kolumbianischen Revolutionär:innen bekannt, aber die Medien berichten nicht darüber und es wird international totgeschwiegen. Ich bin mir nicht ganz sicher, warum Venezuela kolumbianischen Rebellen feindlich gegenübersteht. Vielleicht aus Angst, echte Beweise für die Behauptung „Sponsoren des Terrors“ zu liefern. Eventuell versteht das venezolanische Militär seine Souveränität auf eine rechte und reaktionäre Weise und sieht in dem Tod von kolumbianischen Kommunist:innen die Sicherung ihrer Grenzen gegenüber ausländischen bewaffneten Gruppen, welche dort Schutz vor Luftschlägen und Angriffen im Morgengrauen suchen.

Ich weiß jedoch nur Folgendes: Das venezolanische Militär tötet routinemäßig kolumbianische Kommunist:innen, die es innerhalb seiner Grenzen findet. Sie arbeiten nicht mit der ELN zusammen – so sehr wir uns das alle wünschen.

Wie gefährlich ist das Leben als Guerilla? Wie gefährlich war es für Dich?

Eines Nachmittags, kurz bevor es völlig dunkel wurde – es wird gegen 18 Uhr in den Bergen pechschwarz und man kann nichts sehen -, wurde unsere Einsatzbasis durch das ohrenbetäubende Geräusch mehrerer Arten von Militärflugzeughubschraubern und Sturzkampfflugzeugen alarmiert, welche direkt auf uns zukamen, als ob sie wussten, dass wir da waren. Feindliche Bodentruppen machten sich auf den Weg zu unserer provisorischen Küche, in der wir den Tag verbracht hatten (wir nutzten sie oft als Treffpunkt während des Tages), aber wir hatten sie glücklicherweise erst zwanzig Minuten zuvor geräumt, um zu unseren Hängematten zu gehen und dort zu schlafen. Wir waren jedoch nicht in Sicherheit, da das Militär nur zehn Minuten entfernt war und schnell näherkam. Die gesamte Soundkulisse wurde vom Dröhnen der Motoren dominiert. Wir dachten das wär’s mit uns.

Ich ging hinter einem Baum in Deckung, wie es mir beigebracht worden war, aber es schien fast sinnlos, als der Feind von allen Seiten auf uns zukam – sie hatten uns flankiert und ihre Operation war eindeutig gut organisiert. Zum Glück haben der Anführer unserer 14-köpfigen Gruppe und mein engster Genosse bis zu seinem Tod durch das venezolanische Militär beschlossen, uns vom Berg herunterzuführen. Man konnte die Spannung in der Einheit spüren, es war eine schwierige Situation.

Ihre Hubschrauber hatten unsere üblichen Wege, Ein- und Ausgänge entdeckt. Soldaten hatten ihre Fahrzeuge in unserer Küche geparkt, um nach Beweisen für unsere Anwesenheit zu suchen, und wir wussten, dass es nicht lange dauern würde, bis sie unseren genauen Standort lokalisiert hätten, es sei denn, wir überlegten uns eine unberechenbare Lösung. Das kolumbianische Militär hatte Nachtsichtgeräte, welche wir nicht hatten, und die Nacht war pechschwarz. Wir waren umzingelt und die Zeit, um zu fliehen, wurde knapper. Wir beschlossen, dass unsere einzige Chance darin bestand, den steilen, überwucherten Berghang hinunterzusteigen, indem wir ihn hinunterrutschten und auf unserem Rückzug einen völlig neuen Weg einschlugen.

Wir brauchten ungefähr eine Stunde, um von der Spitze des Berges abzusteigen, gefolgt von einem 8-stündigen Marsch flussabwärts und einen anderen Berg hinauf, um genügend Abstand und Deckung für etwas Schlaf zu gewinnen. Wir haben am steilen Hang eines weiteren Berges geschlafen. Ich schlief mit meinen Beinen um einen Baumstamm, um zu verhindern, dass ich den Berghang hinunterfiel. Wir brauchten ungefähr zwei Tage, mit dem Militär immer dicht auf den Fersen, um in die Ebene zu gelangen, wo uns eine lokale indigene Gruppe die Unterstützung anbot, die wir dringend brauchten.

Manchmal konnten wir sogar das Geräusch ihrer Drohnen über unseren Köpfen hören. Am Ende jedoch, trotz der intensiven Operation gegen uns konnte unser Wissen über das Terrain, kombiniert mit unserer Erfahrung des Überlebens in den Bergen und der Umsetzung von Guerillataktiken, uns das Leben retten – und wir haben einen gut geplanten Hinterhalt zur Aufstandsbekämpfung ausmanövriert, der von dem militärisch gefährlichsten Staat finanziert und ausgerüstet wurde, den die Welt je gesehen hat, den USA.

Was würdest Du zur Perspektive zukünftiger internationaler Freiwilliger sagen? Wie war es, der einzige Westler zu sein?

Als ich der ELN beitrat, wurde ich von mehreren hochrangigen politischen Kommandeur:innen begrüßt, die eine Rede hielten, die ich nicht so schnell vergessen werde. Sie erklärten, dass die ELN „dem internationalen Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus verbunden“ sei und von der internationalen Unterstützung stark profitieren würde, vor allem der aus den Ländern des Westens. Die Kommandeur:innen legten großen Wert darauf, zwischen den Regierungen und dem Proletariat in den imperialistischen Nationen zu unterscheiden. Sie erkannten, dass die Arbeiter:innen im Westen trotz der geopolitischen Stärke von ihrer herrschenden Klasse immer noch bösartig ausgebeutet werden.

Es gibt einige Marxist:innen, die in Bezug auf Revolution übermäßig dogmatisch und starr sind und glauben, dass man als Franzose nur in Frankreich für den Sozialismus kämpfen muss, ein Mexikaner in Mexiko, ein Deutscher in Deutschland und so weiter. Ja, jemand, der selbst aus einer Nation stammt, wird die Bedingungen in dieser Nation besser und tiefer verstehen, aber das bedeutet nicht immer, dass er nur dort kämpfen kann, wo er herkommt. Das bedeutungsvolle Erbe von Che Guevara zeigt deutlich den Nutzen internationaler Freiwilliger. Ein jüngeres Beispiel ist Tanja Nijmeijer der FARC-EP. Ich vermute, dass sie im kolumbianischen Kampf wahrscheinlich wirksamer war als in den Niederlanden. Das Internationale Freiheitsbataillon in Kurdistan war maßgeblich an der Befreiung von Minbij und Raqqa während des antifaschistischen Krieges gegen ISIS beteiligt, und ich habe bereits Manuel Perez von der ELN erwähnt. Obwohl Perez einst unter dem Verdacht gefangen genommen wurde, ein ausländischer Spion zu sein, stieg er zum höchsten politischen Führer der ELN auf und bewies sich während mehrerer Jahrzehnte bewaffneter Kämpfe als ein großer Revolutionär. Viele andere Internationalist:innen in der Geschichte haben bewiesen, dass es manchmal nicht immer die beste Strategie für Kommunist:innen ist, dort zu bleiben, wo sie gerade geboren wurden.

Manuel Marulanda, Gründer der FARC-EP und ehemaliges Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kolumbiens, argumentierte einmal: „Auf 100 Kommunist:innen kommen nur etwa 30, die bereit sind, für ihre Überzeugung zu sterben. Und von diesen 30 werden nur etwa 10 bereit sein, das Opfer und den Kampf im bewaffneten Kampf zu ertragen.“ Es gibt immer viele städtische Aktivist:innen auf der ganzen Welt, die sich an legalen Kämpfen beteiligen, insbesondere im Westen, mit der romantischen Vorstellung, eines Tages an einem glorreichen bewaffneten Kampf teilzunehmen – aber es gibt normalerweise einen Mangel an Kommunist:innen, die bereit sind, wirklich zu kämpfen, die bereit sind, sich für ein solches Leben mit all seinen Schwierigkeiten zu entscheiden, besonders in Ländern wie Kolumbien, in denen der Feind aufgrund jahrzehntelanger Bürgerkriege sehr erfahren ist.

Wenn jemand wirklich bereit ist, diesen Weg zu gehen, wenn jemand demütig akzeptieren möchte, dass vielleicht niemand jemals von seinen Erfahrungen erfahren wird und dass er leicht sein Leben verlieren könnte, wenn er bereit ist, die Risiken, Verantwortlichkeiten und das ständige Lernen zu akzeptieren und selbstkritisch zu sein, wie es im Guerilla-Leben verlangt wird, dann würde ich sagen, dass diese Person für den bewaffneten Kampf wahrscheinlich wertvoller ist als in dem städtischen, legalen Kampf.

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Philippinische Frauen schließen sich den Reihen der NPA-Guerilla gegen die Duterte-Diktatur an. Ich hatte die Gelegenheit, mit zwei von ihnen zu sprechen. Hören Sie hier ihre Geschichte.

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem Land der Dritten Welt, zum Beispiel auf den Philippinen. Gewalt ist allgegenwärtig, die Regierung ist bis ins Mark verfault und Ihre Identität als Frau wird traditionell unterdrückt. Ihre Situation sieht nicht gut aus. Fragen Sie sich, wie Sie die Armut in einem System überwinden können, das Sie im Stich lässt? Wie bekämpft man einen faschistischen Macho-Diktator, der Aktivistinnen als „Hündinnen“ betrachtet? Die Frauen auf den Philippinen fanden ihre Antwort in einer umfassenden Rebellion gegen ihren alltäglichen Feind.

Der Diktator Rodrigo Duterte ist die Verkörperung eines Machos. In einer Rede sagte er: „Es gibt einen neuen Befehl des Bürgermeisters: ‚Wir werden dich nicht töten. Wir werden dich einfach in die Vagina schießen.’“ Er fuhr fort, dass Frauen ohne ihre Vagina „nutzlos“ wären. Es gibt unzählige Beispiele für diese Art von Verhalten. Aber es gibt auch Tausende und Abertausende Beispiele von Frauen, die sich der Guerilla-Bewegung „New Peoples Army” (NPA) anschließen, um diesen Zustand zu beenden.

Die NPA ist der bewaffnete Flügel der Kommunistischen Partei der Philippinen (CPP). Die Organisation ist auf den Philippinen, in den USA und in der EU verboten. In einer Erklärung behauptet sie: „Die NPA wird von Zehntausenden von Männern und Frauen in der Volksmiliz und Hunderttausenden in Selbstverteidigungseinheiten der Massenorganisationen unterstützt. Sie ist an mehr als 110 Guerilla-Fronten tätig.“

Frauen nehmen in der Guerilla einen ganz besonderen Platz ein. Eine große Anzahl von Kombattant:innen sind weiblich. Ich sprach mit zwei jungen weiblichen NPA-Kadern, Ka Mimi und Jellyn, beide 23 Jahre alt, um ihre Situation in einer Gesellschaft zu verstehen, die Frauen gegenüber so feindlich eingestellt ist, dass sie in einem bewaffneten Aufstand dagegen einen Ausweg suchen.

Hallo! Bitte stellt euch doch zu Beginn ein wenig vor.

Ka Mimi: Als ich 20 Jahre alt war, trat ich der New People’s Army bei. Ich bin bereits seit 3 Jahren Guerillera, seit ich 2017 eingetreten bin. Ich wurde von einer ehemaligen Guerilla-Frau namens Ka Maxin empfohlen, die als Kontaktperson zu der Einheit diente, der ich beigetreten bin.

Bevor ich mich dem bewaffneten Kampf anschloss, war ich bereits mit der revolutionären Bewegung vertraut. Meine Schwiegermutter ist eine ehemalige Guerilla-Kämpferin, die jetzt als lokaler Parteikader in unserer Gemeinde dient. Ich folgte der Einladung von Ka Maxin, mich in die NPAs zu integrieren und ihren Kampf kennenzulernen. Ich stimmte zu, eine Woche in der Einheit zu bleiben, entschied mich aber später, das auf Wochen, Monate und letztlich Jahre auszudehnen. Ich habe kürzlich in der 2. Oktoberwoche einen Kameraden geheiratet, nachdem ich drei Jahre im Kampf geblieben war.

Ich habe die Einladung, der NPA beizutreten, auch wegen meiner Bestürzung gegenüber meinem missbräuchlichen Ex-Partner angenommen. Mein Partner hat mich mit anderen Frauen betrogen. Als ich ihn konfrontierte, würgte er mich und versetzte mit mit einem defekten Stromkabel einen elektrischen Schlag. Ich beendete die Beziehung und zog danach aus dem Haus.

Ich beschloss, in der Einheit zu bleiben und eine Vollzeit-Guerillera zu werden. Meine Entscheidung war kein Heureka-Moment, sondern ein Produkt von Widersprüchen und Spannungen von Erleuchtung und Verwirrung.

Jellyn: Ich bin Jellyn, eine Manobo (Lumad / Mitglied einer nationalen Minderheit, Anm. d. Red), 23 Jahre alt. Ich bin im November 2014 dazugekommen. Mein Mann (Maki, ebenfalls ein Manobo) trat zuerst ein und nach einem Jahr überzeugte er mich, ihn zu besuchen und sein Leben zu erleben.

Als ich noch kein Mitglied war, hatte ich zunächst kein Verständnis für die Revolution. Erst als ich mich anschloss, wurde mir klar, dass uns die Regierung unsere Rechte und Grundversorgung nicht gewährt hat. Erst dann verstand ich, wie Frauen und Lumaden ausgebeutet und unterdrückt wurden. Deshalb habe ich mich nach einem Jahr entschieden, Vollzeit zu arbeiten.

Was habt ihr gemacht, bevor ihr zur Guerilla gekommen seid? Welche Position habt ihr in der NPA?

Ka Mimi: Ich wurde in eine Familie von Bauern geboren, bin aber in einer Stadt aufgewachsen und habe nie Landwirtschaft erlebt. Ich bin das einzige Mädchen unter meinen 5 Geschwistern. Ich wurde im Alter von 14 Jahren schwanger und hatte eine Tochter. Der Vater meiner Tochter verließ mich nach der Schwangerschaft und leistete keine Unterstützung für das Kind.

Im Alter von 18 Jahren arbeitete ich als Vertragsarbeiterin eines multinationalen Agrobusiness-Konzerns, der Palmöl verarbeitet. Ich arbeitete als Wäscherin und wusch Arbeiteruniformen. Nach dem Vertrag arbeitete ich als Packerin für eine Junk-Food-Firma, die einem philippinischen Bourgeois gehörte. Ich arbeitete von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends und erhielt einen dürftigen Tageslohn von 180 Peso. Unsere männlichen Kollegen erhielten 280 Pesos. Ich habe bei der Arbeit unfaire Arbeitsbedingungen erlebt. Wir durften nicht sitzen, nur eine 30-minütige Mittagspause und begrenzte Toilettenpausen einlegen. Wir hatten unter anderem keine angemessenen Gesundheitsschutz.

Da mein Lohn nicht ausreichte, um über die Runden zu kommen, wurde ich gezwungen, mich an anderen Aktivitäten zu beteiligen, um ein wenig mehr zu verdienen, ohne meine Eltern zu informieren. Ich arbeitete in einer Bar und wurde eine Prostituierte. Ich habe auch kleine Drogengeschäfte gemacht, um Milch für mein Kind kaufen zu können.

Derzeit bin ich als Zugärztin tätig. Wir errichten Massenkliniken und bieten Bauern und Lumaden kostenlose medizinische Dienstleistungen an. Dies umfasst zahnärztliche Leistungen, Beschneidung und einfache chirurgische Operationen. Im Zuge der Pandemie nahm ich an mehreren medizinischen Missionen und Informationsverbreitungskampagnen teil. In der NPA wird uns beigebracht, wie man einheimische Gesundheitspraktiken praktiziert und pflanzliche Arzneimittel als Alternative zu teuren kommerziellen Arzneimitteln einsetzt.

Gleichzeitig bin ich auch als politische Führerin in der Guerilla-Einheit tätig. Ich nehme an der Massenarbeit teil, um die Bevölkerung zu organisieren und zu mobilisieren. Wir helfen den Massen beim Aufbau ihrer Organisationen, bei der Durchführung von Bildungsdiskussionen und bei der Lösung interner Konflikte.

Ich glaube, ich konnte mein Selbstwertgefühl wieder herstellen, als ich Guerilla wurde. Früher hielt ich mich für schmutzig, für eine Sünderin und als Schlampe. Als kommunistische Guerilla zu dienen, gab meinem Leben einen neuen Sinn und eine neue Richtung, ein Leben nicht nur für mich selbst, sondern für das kollektive Wohl.

Jellyn: Bevor ich mich einschrieb, half ich meinen Eltern bei der Hausarbeit und bei der Ernte von Süßkartoffeln. Ich hatte noch keine Menstruation, als meine Eltern meine Ehe mit meinem Mann arrangierten. Ich war minderjährig, als ich schwanger wurde, und unser erstes Baby starb, weil mein Körper nicht bereit war, schwanger zu werden, weil ich zu jung war und es in meiner Gegend keine Gesundheitsdienste gab.

In der Volksarmee war ich Versorgungsoffizierin, dann wurde ich politische Ausbilderin des Alpha-Zuges.

Wie kann man sich das tägliche Leben in der NPA vorstellen?

Ka Mimi: Das tägliche Leben in der NPA beinhaltet eine Menge Arbeit, die von militärischen, politischen, produktiven bis zu technischen Aktivitäten reicht. Die Einheit plant ihre täglichen Aktivitäten gemäß ihren kurzfristigen und langfristigen Plänen.

In Bezug auf die militärische Arbeit gewährleistet das Kommando die Sicherheit der Einheit. Es setzt Teams für Aufklärung und Vermessung ein, überwacht Nachrichtennetze und so weiter. Wenn es die Situation zulässt, führt die Einheit gestaffelte militärische Trainings, Hindernisläufe und körperliche Übungen durch.

Die politische Arbeit ist in zwei interne und externe Felder unterteilt. Interne politische Arbeit beinhaltet ideologisches Training, Bildungsdiskussionen, Bewertungen und Konfliktlösung, Alphabetisierung und Rechnen für Genoss:innen, die nicht in der Lage waren, zur Schule zu gehen. Externe politische Arbeit umfasst die Organisation, Durchführung sozialer Ermittlungen und die Planung von Massenkampagnen.

Guerillas helfen auch den Bauern bei der wirtschaftlichen Produktion. Dazu gehören unter anderem manuelle landwirtschaftliche Arbeiten, die Durchführung von Seminaren und Diskussionen zur Förderung des ökologischen Landbaus und des kollektiven Landbaus.

Die technische Aufgabe umfasst die täglichen Aufgaben im Camp wie Kochen, Wasser holen und Brennholz sammeln. Diese Aufgaben werden von allen Guerillas im Zug sichergestellt. Ich übernehme oft politische und technische Aufgaben im Rahmen meiner täglichen Aktivitäten.

Jellyn: Es gibt Zeiten, in denen es schwierig ist, es gibt Opfer, wie das Marschieren, wenn es heiß ist und nachts regnet. Es gibt aber auch Zeiten, in denen wir Studien über Politik und militärische Arbeit durchführen und unsere ideologische Einheit stärken können. Es gibt auch Zeitangaben für Massenarbeiten. Im Allgemeinen werden tägliche Aufgaben gemeinsam entschieden und wir führen sie aus, indem wir uns gegenseitig helfen.

Was unterscheidet Euren Alltag in der Guerilla von dem der Männer?

Ka Mimi: Es ist anders, aber in vielerlei Hinsicht ähnlich. Zum Beispiel gibt es immer noch Vorurteile gegenüber Frauen in Bezug auf die militärische Tätigkeit, mit denen Guerilleras im Inneren zu kämpfen haben. Die meisten militärischen Aufgaben – Aufklärung, Vermessung und taktische Offensiven – werden hauptsächlich männlichen Kämpfern zugewiesen. Frauen bestehen darauf, dass sie die Arbeit auch erledigen können, wenn sie die Gelegenheit dazu haben. Die Kommunistische Partei der Philippinen kämpft seit langem für die Emanzipation von Frauen, und die Genossen versuchen ihr Bestes, um Vorurteile gegenüber Frauen abzubauen. Während die Partei einen langen Weg für den Kampf der Frauen zurückgelegt hat, müssen sich Frauen in Bezug auf die militärische Arbeit immer noch doppelt so hart beweisen.

Alle anderen technischen Aufgaben (Kochen, Wasser holen, Brennholz sammeln) werden von Männern und Frauen geteilt.

Jellyn: Meiner Meinung nach haben Männer und Frauen die gleichen Aufgaben. Draußen werden Männer und Frauen unterschiedlich betrachtet, aber hier werden sie als gleichberechtigt angesehen.

Eine der größten Guerilla-Organisationen ist die kurdische YPJ mit 26.000 weiblichen Kadern. Sie stellt reine Fraueneinheiten auf. Warum sind bei euch die Einheiten gemischt?

Ka Mimi: Weil wir als Kollektiv agieren und weil Männer und Frauen gleichermaßen unterdrückt werden. Männer, Frauen und LGTB sind in einer Einheit integriert, genauso wie Genoss:innen aus verschiedenen Klassen, darunter Bauern und Bäuerinnen, Arbeiter:innen und Kleinbürger:innen, vereint sind. Wenn wir die Frauen von den Männern trennen, wie können die Männer dann etwas über die Probleme und den Kampf der Frauen lernen?

Letzten Monat haben wir eine Frauenkonferenz durchgeführt, auf der alle Guerilla-Frauen ihre Erfahrungen und Kämpfe austauschten. Wir haben etwas über die Befreiungsbewegung der Frauen und unsere Rolle in der Revolution gelernt. Wir haben das Wissen, das wir auf dem Kongress gelernt haben, an unsere männlichen Kameraden weitergegeben. Wir erkennen die verschiedenen Ebenen der Unterdrückung und insbesondere die Unterdrückung von Frauen. Aber wir in der NPA sind als Einheit in einen Kampf gegen einen gemeinsamen Unterdrücker integriert.

Jellyn: Vielleicht können wir so Erfahrungen von allen sammeln. Damit wir die Eigenschaften des anderen kennen und verschiedene Klassen und Schichten sich kennen.

Wie war Eure erste Kampferfahrung? Hattet ihr Angst vor dem Tod?

Ka Mimi: Ich habe noch keine tatsächliche bewaffnete Auseinandersetzung miterlebt. Die dem am nächsten kommende Erfahrung, die ich gemacht habe, war, als feindliche Truppen uns so nahe kamen, dass wir sie auf einem angrenzenden Hügel sahen. Unsere Einheit konnte den Feind ausmanövrieren, aber ich war damals so nervös. Ich sagte mir, ich sollte nur dem Befehl vertrauen. Ich habe gelernt, die Angst vor dem Tod in der Revolution zu verinnerlichen und zu überwinden und sie als Realität im Krieg zu betrachten. Wir sind nicht ohne Angst, aber wir fühlen uns mutiger, weil wir nicht allein sind. Wir haben Kameraden:innen bei uns.

Jellyn: Bei mir war es ein Hinterhalt im November 2018. Dies war eine Reaktion auf die Forderung der Region nach koordinierten taktischen Offensiven. Etwa eine Stunde dauerte der Schusswechsel, dann zogen wir uns zurück. 17 Elemente des 66. Infanteriebataillons der philippinischen Streitkräfte wurden getötet. Wir hatten aber auch einen Gefallenen. Aber ich hatte keine Angst, meine Haltung blieb fest. Ich verstehe, dass dies Teil unserer Opfer ist, um den Sieg zu erringen.

Wie sehen Euch Frauen außerhalb der NPA?

Ka Mimi: Sie fragen mich immer, ob ich das Guerilla-Leben mit schweren Lasten und langen Strecken ertragen kann. Sie fragen mich immer, ob mein Gewehr zu schwer für mich ist und ob ich mit meinem riesigen Körper wirklich richtig laufen kann. Ich denke, sie sind erstaunt, Frauen zu sehen, die die Nöte und Opfer ertragen und ihre Söhne und Töchter für eine größere Sache zurücklassen.

Jellyn: Es gibt Respekt, Vertrauen und Zuversicht. Sie ermutigen mich, sagen mir, ich solle in Sicherheit sein, mich nicht erwischen lassen usw.

Habt ihr noch eine Botschaft für unsere Leser:innen?

Ka Mimi: Ich denke, Frauen müssen an der Revolution teilnehmen. Wir können die Unterdrückung von Frauen nicht beenden, wenn wir nicht alle Formen der Unterdrückung in Klasse, ethnischer Zugehörigkeit und Rasse beenden können. Deshalb müssen wir uns Hand in Hand mit anderen Sektoren der Gesellschaft wie den indigenen Völkern, Arbeitern, Fischern, Bauern und anderen zusammenschließen.

Jellyn: Als Frau draußen wurde ich von der Regierung vernachlässigt. Aber in der Guerilla werde ich respektiert. Und ich danke der Partei und der Armee, dass sie mich geweckt haben.

# Titelbild: Photo from Communist Party of the Philippines

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Es war ein langer Prozess, die in den Städten Kolumbiens kämpfende Guerilla der ELN, die Frente de Guerra Urbano Nacional (FGUN) zu kontaktieren. Das Auftreten der Stadtguerilla in Kolumbien ist um einiges verdeckter als das der im Dschungel und auf den Bergen operierenden Guerilla.

Die Ejército de Liberación Nacional (ELN) ist die größte kämpfende kommunistische Organisation im Land, in den von ihnen kontrollierten Gebieten können sie es sich erlauben, sich öffentlich zu präsentieren. In den Städten sieht die Realität für die Bewegung jedoch anders aus. Der kolumbianische Staat konnte in den Barrios und Städten Kolumbiens ein Netzwerk von Informant:innen gegen die Guerilla aufbauen.

Trotz alledem zwingt die Perspektivlosigkeit des kolumbianischen Kapitalismus immer mehr Menschen in die bewaffnete Opposition gegen den Staat zu gehen. In Kolumbien gibt es eine Redewendung: Es sei sicherer, in die Berge zu gehen (sich der Guerilla anzuschließen), als eine Gewerkschaft zu gründen oder in dieser aktiv zu sein. Die ständige Bedrohung durch die Willkür der Polizei und des Militärs, die ständige Gefahr durch die grausamen paramilitärischen Todesschwadronen und der bewaffneten Narcos sind der Grund für eine Allianz von Bäuer:innen, Arbeiter:innen und Student:innen – vor allem Jugendliche und ca. die Hälfte weiblich -, welche in die Stadtguerilla der ELN eintreten.

Die FGUN ist dazu gezwungen, im Untergrund zu arbeiten. Die Frente Urbano ist mit Zellen in den meisten größeren Städten Kolumbiens organisiert, vor allem aber in der Hauptstadt Bogota. Durch einen langen Prozess der Kontaktaufnahme online konnte erstmals ein Interview mit der Stadtguerilla FGUN geführt werden, welches einen kleinen Einblick in die politisch-militärischen Strukturen der ELN in den städtischen Teilen des Landes ermöglicht und versucht, ein Verständnis für den berechtigen Widerstand des kolumbianischen Volkes zu schaffen.

Wie unterscheidet sich die Stadtguerilla von der Guerilla auf den Bergen und im Dschungel? Was sind ihre Aufgaben?

Die Geschichte des Kampfes der ELN beinhaltet die Erfahrung des städtischen und ländlichen Kampfes seit ihrem Ursprung, als Student:innen und junge Revolutionär:innen in den 1960er-Jahren die Aufgabe der Organisation von ersten Guerilla-Gruppen in städtischen Zentren übernahmen.

Deshalb wird auf den Feldern und in den Städten der bewaffnete Kampf geführt – zwei Gebiete mit unterschiedlichen Möglichkeiten, aber integriert in eine Strategie des poder popular (der „Volksmacht“) und der Konstruktion des Sozialismus. Der Hauptunterschied zwischen der Stadtguerilla und der ländlichen Guerilla ist gekennzeichnet durch das Gebiet und die materiellen Bedingungen. Die Stadtguerilla entwickelt ihre militärische und politische Aktivität in den Städten Kolumbiens unter den Bedingungen, welche vom Feind und den Werkzeugen des Imperialismus geschaffen sind. Der Kampf der städtischen Guerilla ist im Untergrund, unterteilt, und mit Sicherheitsmethoden, die es ermöglichen, dass Aktionen unsichtbar sind. Die Stadtguerilla führt viele unterschiedliche logistische militärische und politische Aufgaben im Rücken des Feindes aus.

Die ländliche Guerilla ihrerseits bewegt sich und handelt in verschiedenen vorstädtischen und ländlichen Gebieten, in denen die feindlichen Aktionen und Kontrollmittel anders als die der Guerilla sind. Die ländliche Kraft bringt eine Strategie zusammen, die zum Aufbau von Volksmacht, Legitimität und politischer Kraft sorgt, während sie gleichzeitig militärische Konfrontation mit den feindlichen Streitkräften führt. Sowohl der städtische als auch der ländliche Kampf ist Teil des Widerstandskampfes.

Die städtische Guerilla entwickelt einen Plan auf umfassender Weise, politisch, militärisch, logistisch usw. in der Stadt. Im Rahmen des Widerstandskampfes hat der Stadtkampf die erste Aufgabe zum Aufstand des Volkes beizutragen, wobei er versteht, dass der bewaffnete Kampf der ELN Teil der Kämpfe der Menschen des Landes ist. Die Waffen der ELN zielen darauf ab, den Kampf der Menschen zu stärken und den politischen Kampf voranzutreiben.

Wie hat sich die Stadtguerilla im Laufe der Jahre entwickelt?

[Auf die Frage antworteten unsere Dialogpartner:innen der Frente Urbano nicht direkt, sondern mit einem Dokument der Führung der FGUN-ELN (Dirección Frente de Guerra Urbano Nacional – ELN, deutsch: Führung der nationalen Stadtkrieg-Front – ELN). Das Dokument werden wir im Folgenden in seiner Gesamtheit übersetzen:]

„Seit ihrer Gründung hat die ELN die entschlossene Beteiligung der in den Städten lebenden Genoss:innen. Bei der Bildung der José-Antonio-Galán-Brigade und in den ersten Guerillakernen gibt es die Eingliederung von Militanten, die mit ihrem Engagement und Einsatz viel beigetragen haben, insbesondere unser Oberbefehlshaber Camilo Torres Restrepo ist das deutlichste Beispiel dafür. Daher trägt die FGUN seinen Namen als Anerkennung für einen der größten Revolutionäre unseres Mutterlandes und Lateinamerikas.

Es war kein einfacher Prozess, eine nationale Stadtkrieg-front zu bilden. Die Geschichte der städtischen Kämpfe und der in den Städten geborenen Militanz ist voll unsterblicher Erinnerungen an Genoss:innen, viele von ihnen anonyme Revolutionäre, die ihren Beitrag geleistet haben. Sie gaben ihr Bestes für eine menschliche und inklusive Gesellschaft. Im Prozess der Reifung und des Lernens, wie er für jede Organisation typisch ist, hat die ELN zunehmend die entscheidende Bedeutung der Beteiligung der in Städten lebenden Volksmassen für den revolutionären Kampf verstanden.

In den ersten Lebensjahren der ELN war die Arbeit in den Städten von grundlegender Bedeutung für die logistische Unterstützung, die Aufnahme von mutigen Militanten für die Entwicklung des Guerillakerns sowie für militärische Aktionen und die Beschaffung wirtschaftlicher Ressourcen. Der unschätzbare Beitrag unseres Oberbefehlshabers Camilo Torres und die wertvolle Erfahrung der „Vereinigten Front“ (eine Theorie formuliert von Camilo Torres), lehrte die ELN, dass es notwendig war, im gesamten Ausmaß zu analysieren, wie sich die städtische Arbeit im Land repräsentiert.

Auf diesem Weg wurde in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre der Schritt unternommen, regionale Strukturen zu bilden, die eher städtischer Natur waren, was der ELN-Organisation auf einer gesamten nationalen Dimension geholfen hat. Für das Jahr 1989 erarbeitete die ELN auf dem II. Kongress „Volksmacht und neue Regierung“ eine tiefere Vorstellung der städtischen Arbeit in den sogenannten revolutionären Massenbasen und skizzierte, was heute eine territoriale Strategie sein könnte. Wie jede revolutionäre Aktivität blieb die städtische Arbeit nicht von Schwierigkeiten verschiedenster Art verschont, doch gleichzeitig hat sie Momente der Entwicklung und der Planung und Orientierung erlebt. Die neunziger Jahre sind ein Beispiel für beide Dimensionen. Sie waren eng verbunden mit der Komplexität des Kampfes, den repressiven Auswirkungen der verschiedenen Regierungen und dem Staatsterrorismus, welcher sich in diesem Jahrzehnt in der Barbarei der paramilitärischen Armeen ausdrückte.

Bereits für die Jahre 2000-2001 wurde eine Koordinierungsarbeit für städtische Strukturen entwickelt, die von Mitgliedern der nationalen Direktion unterstützt wurde. 2004 skizziert die nationale Organisation Ziele, um die Wiederzusammensetzung und Aufnahme der Arbeit zu erreichen und Prozesse der Eingliederung der verschiedenen städtischen Arbeiten in den verschiedenen Städten zu entwickeln und diese zu vereinheitlichen. Man beginnt, eine nationale urbane/städtische Koordination zu strukturieren, was mit der Zeit zu einer größeren Zusammenarbeit und Abstimmung zwischen den urbanen/städtischen Gruppen führt.

Der 4. Kongress der ELN bestätigte diese Definitionen als Prioritäten der politischen Arbeit und der organisatorischen Aktion in den Städten, einhergehend mit den Kämpfen der Massen. Außerdem plant die ELN diesen Wiederaufbauprozess im strategischen Sinne, und bewegt die Führung zu der Schaffung einer Kriegsfront, die eine einzigartige Struktur aufbauen soll, indem sie die Beziehungen zu und die Interaktionen mit den ländlichen Strukturen aufrechterhält und verbessert. Der Kongress richtet sich darauf aus, einen urbanen/städtischen nationalen Rat zu bilden, um sich mit verschiedenen Themen der städtischen Realität und der Organisierung der Arbeit in den Städten auseinanderzusetzen.

Von 2006 bis 2014 schritt die Arbeit an der Schaffung einer Kriegsfront voran, wobei das Augenmerk vorrangig darauf liegt, sich in die politische Dynamik des Landes einzufügen und sich einen Platz bei den Arbeiter:innen, Studierenden und Bewohner:innen der Städte zu verschaffen. Eine bedeutende Zahl an Städten wird in die Arbeit integriert, die Arbeit wird städteweise organisiert. Unter Berücksichtigung der Definitionen und Pläne findet 2014 die konstitutive Versammlung der nationalen Stadtkrieg-Front statt, bei der eine Präsentation zur städtischen Arbeit genehmigt, ein Arbeitsplan verabschiedet und eine städtische Führung gewählt wird.

Der Fünfte Kongress bestätigt die Existenz der Front, ihr Fortbestehen und ihren Namen Städtisch-Nationale Kriegsfront Oberbefehlshaber Camilo Torres Restrepo“

Welche Rolle spielt die Guerilla im antikapitalistischen Kampf weltweit?

Che Guevara definierte die Guerilla so: „Die Guerilla ist eine bewaffnete, disziplinierte und politisch bewusste Avantgarde der Arbeiter:innen.“

Wir betrachten uns als Teil des guevaristischen Erbes und die Theorie leitet uns in seinen antiimperialistischen Kampfstrategien. Die Guerillas sind Ausdruck des antikapitalistischen und antiimperialistischen Widerstands des kolumbianischen Volkes. Es liegt in der Verantwortung der Guerilla, den Kampf für eine politische Lösung des bewaffneten Konflikts in Richtung der Progressivität, die das Land braucht, fortzusetzen. Diese Veränderungen sind eine wirtschaftliche, politische und soziale Alternative für die nationalen Mehrheiten, d. h. eine neue Regierung, die die einfache und bedürftige Bevölkerung auf dem Land und in der Stadt in den Mittelpunkt stellt und solidarische Beziehungen zu den Völkern Amerikas und der Welt aufbaut.

Es braucht eine neue Regierung für die Förderung der demokratischen und revolutionären Transformationen, die das seit der Kolonialzeit etablierte oligarchische Stadium des Staates überwindet. Die ELN identifiziert sich mit dem proletarischen Internationalismus und sympathisiert mit den antiimperialistischen Kämpfen der Völker Amerikas und der auf der gesamten Welt. Wir sind daher der Ansicht, dass unsere Rolle darin besteht, zu diesem antikapitalistischen Kampf mit unseren Praktiken der Theorie der Volksmacht beizutragen, mit dem täglichen Kampf um die Errichtung neuer Solidaritätsstrukturen, dem entschlossenen Kampf gegen den Paramilitarismus und die staatlichen Streitkräfte, die den Staatsterrorismus als offizielle Politik durchführen.

Wir werden angetrieben durch unsere Verpflichtung für die Revolution und unser Klassenbewusstsein. Die Revolutionäre dieser Welt können sich darauf verlassen, dass die ELN dem Widerstand und dem Kampf gegen den Kapitalismus und den Gringo-Imperialismus Kontinuität verleiht.

Wie wird Ihr täglicher Alltag vom revolutionären Leben beeinflusst?

Für die Elenos, die Mitglieder der ELN, ist das revolutionäre Leben das tägliche Leben, da es ein Leben ist, welches ganztägig darauf ausgerichtet ist, die Aufgaben der Revolution zu erfüllen. Im Rahmen des Kampfes führen wir unser Familienleben und unser tägliches Leben. Es gibt keine Unterschiede. Das revolutionäre Leben ist kein Leben, das einen täglichen Zeitplan hat, sondern alles, was wir als Rebellen tun, ist Teil der revolutionären Aufgabe. Eleno zu sein ist ein Projekt des revolutionären Lebens, in dem wir alles auf andere Weise aufbauen müssen, wir müssen die Kollektivität und Volksmacht in den verschiedenen Lebensbereichen aus einer revolutionären und antikapitalistischen Perspektive aufbauen. Unser tägliches Leben ist das gleiche wie das der Mehrheit der Menschen, die in den großen Nachbarschaften die Mängel erleben und den Widerstand leben, um die Probleme zu lösen, während sie gegen den Feind handeln und zur Organisation beitragen. Es ist ein Kampf, der in das Leben der Nachbarschaft, der Gemeinde, der Bevölkerung und ihrer Gebiete integriert ist. Wir sind Kinder des Volkes, wir leben wie das Volk und wir kämpfen mit dem Volk.

Wie wichtig ist die Jugend im revolutionären Kampf?

Die Jugend hat im revolutionären Kampf in Kolumbien und insbesondere im bewaffneten Kampf eine zentrale Rolle gespielt. Die ELN bestand von Anfang an aus jungen Menschen, Student:innen und Bäuer:innen, die am 4. Juli 1964 den ersten Marsch und am 7. Januar 1965 die anschließende politisch-militärische Gründungsaktion in Simacota Santander organisierten. Die revolutionäre Jugend hat verstanden, dass der revolutionäre Kampf ein Volkskampf ist, und hat zu den verschiedenen Szenarien beigetragen, sowohl im militärischen als auch im politisch-sozialen Bereich. Die Massenkämpfe von Student:innen und Arbeiter:innen in den 1960er-Jahren bildeten den Hintergrund für den bewaffneten Aufstand der Guerillas in Kolumbien. Die Jugend hat dann in allen Aspekten einen Beitrag geleistet, und ihr Engagement und ihre Bereitschaft zur Arbeit haben die Geschichte der kolumbianischen Revolution geprägt. Die gleiche Rolle haben junge Menschen in ganz Lateinamerika gespielt, sei es in der Guerilla oder in legalen und parteipolitischen Kampfmodalitäten. Der Beitrag ist von grundlegender Bedeutung für das Verständnis der Geschichte des kontinentalen Widerstands gegen den Imperialismus, von dem Süden des Rio Grande in Mexiko bis nach Patagonien in Argentinien.“

Was raten Sie den Revolutionär:innen in imperialistischen Ländern?

Als ELN respektieren wir die revolutionären Prozesse anderer Völker und die Wege und Optionen, die in der Hitze des Kampfes in Europa und anderen Gebieten gewählt wurden. Wir schätzen die Beiträge und die Bereitschaft, Wege der Solidarität und des gemeinsamen Kampfes im Kampf gegen die Feinde der Menschheit zu schaffen. In dieser Reihenfolge begrüßen und gratulieren wir den Kämpfen der Brudervölker der Welt und fordern sie auf, die Arbeit für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft, die den Bedürfnissen des Planeten entspricht, nicht aufzugeben und fortzusetzen.

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Die kommunistische Bewegung der Philippinen findet in Deutschland wenig Beachtung, obwohl sie einen der ältesten und erfolgreichsten revolutionären Kämpfe der Gegenwart führt. Unsere Autorin Leila Aadil hat sich mit Crisanto von Anakbayan Germany getroffen, um mit ihm über die Bewegung zu sprechen. In einem dreiteiligen Interview schildert er die historischen Zusammenhänge, die zur Entstehung der Bewegung geführt haben, die Beschaffenheit der Bewegung und ihre strategischen Grundlagen sowie die gegenwärtige politische Situation.

Da die Geschichte der revolutionären Bewegung auf den Philippinen in Deutschland eher unbekannt ist, kannst Du mit einem kleinem historischen Überblick beginnen?

Die revolutionäre Geschichte der Philippinen beginnt mit der Kolonialgeschichte. Davor bestanden die Philippinen aus vielen einzelnen selbstorganisierten Barangays, Siedlungen, mit verschiedenen Religionen, Bräuchen, also keine monolithische Einheit wie nach der Kolonialisierung. Das geschah dann erst, als die Spanier im 16. Jahrhundert die Inseln unterwarfen.

Die spanische Kolonialisierung bestand 333 Jahre, von 1565 bis 1898. In dieser Zeit wurde die komplette philippinische Gesellschaft der spanischen Herrschaft unterworfen: Religiös, kulturell, die Ressourcen. Sie haben mit Schwert und Kreuz regiert, mit Gewalt und Religion. Die präkoloniale Gesellschaft davor, war auch keine kommunistische, hatte ein Kastensystem, ähnlich wie in Indien. Aber die Unterdrückung war nicht so festgefahren, wie in der Kolonialzeit danach.

Mit den Spaniern wurde das zu einem feudalen Kastensystem, in dem ganz oben die spanische Krone, dann die Ordensbrüder, Soldaten und so weiter standen. Diese Feudalherrschaft besteht zu einem gewissen Grad bis heute. Die Haciendas, die riesigen Ländereien, die einem Großgrundbesitzer gehören, gibt es bis heute. Die Arbeiter sind mittellose Kleinbauern, die zwar auf dem von ihnen bebauten Land leben, aber denen nichts gehört. Sie arbeiten unter grauenvollen Bedingungen. Sie schuften den ganzen Tag in der prallen Sonne, sind völlig rechtlos. Es gibt Landlords, die sie körperlich bestrafen, damit sie schneller arbeiten. Sie sind Leibeigene, wie im Feudalismus.

Gegen Ende der spanischen Kolonialherrschaft hat sich die erste revolutionäre Kraft gebildet, die Katipunan. Geführt wurde sie von Andrés Bonifacio. Der kam übrigens aus dem Proletariat, im Unterschied zu den meisten Mitgliedern von Katipunan, die Intellektuelle, Schriftsteller, Poeten waren, aus reichem Hause kamen und spanische Bildung genossen hatten. Für das Volk gab es keinerlei Bildung in dieser Periode. Die Eliten waren damals „gemischte“, also Mestizofamilien, die ihre Kinder in die Obhut der Ordensbrüder gegeben haben. Es waren die Datus, die Oberhäupter von Communities, die die Spanier als erstes überzeugen konnten, ihre Kinder in die spanischen Schulen zu geben. Sie spielten eine wichtige Rolle bei der Kolonialisierung.

1898 fand dann der spanisch-amerikanische Krieg statt. Zu der Zeit fielen auch Kuba und Puerto Rico unter US-Herrschaft. Die amerikanische Periode dauerte dann bis zur formalen Unabhängigkeit 1946 an. Die USA erklärten die Philippinen dann für „independent“, aber wir nennen es „hindiependent“, hindi heisst „nein“, da es keine richtige Unabhängigkeit ist. Denn die USA behielten ihre Militärbasen und ihr imperialistischer Einfluss blieb.

Auch die US-Zeit, die die spanische Kolonialzeit ablöste, war eine Periode des Kolonialismus – was man daran sehen kann, wie mit den Ressourcen umgegangen wurde. Die USA haben zwar ein öffentliches Schulsystem eingeführt, aber eben nach amerikanischem Modell. Schule kostet und viele der Ärmsten bleiben ausgeschlossen. Durch die US-Kolonialzeit wurden die englische Sprache und die US-Kultur ein großer Faktor. Eigentlich gab es auf den Philippinen ja hunderte Sprachen. Selbst die Nationalsprache Filipino, die auf Tagalog, einem Dialekt aus dem Norden beruht, sprechen die Schüler*innen nur im Tagalog-Unterricht. Ansonsten sprechen sie nur Englisch. Sie werden sogar bestraft, wenn sie außerhalb des Unterrichts nicht Englisch sprechen und es wird schlecht angesehen, wenn man nicht Englisch spricht.

Was die Ressourcen angeht: Die USA haben ihre eigenen Fabriken errichtet, keine wirkliche Industrialisierung, aber eben so Fabriken, in denen zum Beispiel Dosennahrung hergestellt wird, Ananas in Dosen und ähnliches. Die Philippinen sind eigentlich ein ressourcenreiches Land. Es gibt Bodenschätze, eine reiche Landwirtschaft, viel Gemüse, Obst. Und dennoch sind die Leute arm.

Die Arbeitskraft der Bevölkerung wurde natürlich auch von den USA genutzt. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts gab es massenhaft Arbeiter*innen, die in die USA gegangen sind und dort auf den Feldern gearbeitet haben oder im Pflegebereich. Philippinische Arbeitsmigration ist ja ein großes Thema und eine der ältesten Beziehungen dieser Art ist die zu den USA.

Aber schon während der spanischen Kolonialzeit gab es die „Manila-Galeone“, eine Handelsroute zwischen Manila und Acapulco, wo viele Filipinos auf den Schiffen gearbeitet haben. Manche sind auch abgehauen und haben in Mexiko Siedlungen gegründet. Es gibt auch eine Siedlung in Süd-Louisiana. Schon damals war es so, dass es wenig Zukunft auf den Philippinen gab, ähnlich wie heute mit den oversea-workers, die täglich zu tausenden das Land verlassen.

Mit der US-Zeit und der Errichtung von Fabriken entstand ein Proletariat, das sich gewerkschaftlich organisierte. Und aus dieser Arbeiter*innenschaft ging dann die Partido Komunista ng Pilipinas, die Kommunistische Partei der Philippinen, hervor. Die PKP ist die alte Kommunistische Partei. Die haben sich vor allem an legalen Aktionen und Arbeitskämpfen beteiligt. 1930 wurde sie offiziell gegründet und 1931 wurde sie schon verboten, nachdem eine von ihnen organisierte Demonstration niedergeschlagen worden war.

Was war der Unterschied zwischen Katipunan und der alten PKP?

Die Katipunan war eine revolutionäre Vereinigung, die gegen die Spanier gekämpft hat; es war eine Art Guerilla.

Aber noch ohne proletarischen Anhang aus den Fabriken?

Genau, denn die gab es da noch nicht. Es waren Menschen wie Jose Rizal, ein sehr bekannter Dichter und einer der Nationalhelden der Philippinen. Gebildete Menschen aus gehobenen Familien. Rizal war auch in Europa, in Heidelberg steht eine Statue von ihm.

Rizal etwa hat ein Buch gegen die spanische Herrschaft geschrieben. Im Volk war ohnehin schon viel Wut, diese Intellektuellen haben dieser Wut eine Stimme gegeben und die Katipuneros waren das Resultat.

Wie ging es dann mit der Kommunistischen Partei der Philippinen weiter?

Nach ihrer Illegalisierung war sie im Untergrund und während des Zweiten Weltkriegs haben sie eine Volksarmee gegründet, die Hukbalahap. Die Philippinen wurden im Zweiten Weltkrieg von den Japanern angegriffen und die Volksarmee leistete gegen sie Widerstand.

Obwohl Japan ja in einer Allianz mit Deutschland und Italien war, haben die USA, deren Kolonie die Philippinen damals waren, ihren Fokus nur auf Europa gerichtet und das Land den Japanern überlassen. Die Japaner sind in das Land eingefallen, ohne aufgehalten zu werden und haben schlimme Gräeultaten verübt – etwa durch die Versklavung und Vergewaltigung von Trostfrauen. Ähnlich wie beim Nanking-Massaker haben sie die Menschen grausam abgeschlachtet.

Die Hukbalahap waren die stärkste, organisierte und bewaffnete Kraft gegen diese Besatzung. Es gibt zwar bis heute eine positive Erinnerung an diesen Widerstand der Kommunist*innen, aber das verliert sich dann mit der Zeit auch. Heute ist es nicht einfach, Kommunist auf den Philippinen zu sein.

Wie ging der Kampf nach dem Zweiten Weltkrieg weiter?

1946 wurden die Philippinen formal unabhängig. Aber natürlich sah man in der Folge, etwa wie bei jemandem wie Ferdinand Marcos, der von 1965 bis 1986 Präsident war, wie stark der Einfluss der USA noch blieb. Es waren Marionettenregimes, die immer noch US-Interessen wahrten. Sie waren so neoliberal und korrupt, dass sich schon in dieser Marcos-Periode wieder eine große radikale Bewegung bildete.

Zu diesem Zeitpunkt war die alte PKP von 1930 nicht mehr wirklich relevant. Die einzigen Elemente, die von dieser KP noch aktiv waren, war die Kabataang Makabayan, die „Patriotsche Jugend“. Zu der gehörte damals auch Jose Maria Sison, Kampfname Amado Guerrero. In den 1960er hat diese Organisation sich noch einmal radikalisiert, auch unter dem Einfluss des globalen antikolonialen Kampfes.

Daraus ging dann die neue Partido Komunista ng Pilipinas hervor. Sie orientierte sich an Mao Tse-Tung, die Parteistrukuren wurden umgekrempelt. In der Parteigeschichte spricht man von der ersten „Great Rectification“. „Rectification“ bedeutet, dass die politischen und ideologischen Grundsätze überdacht wurden.

War das Verhältnis zur Sowjetunion einer der ausschlaggebenden Punkte?

Genauso wie es in der kommunistischen Weltbewegung einen Split entlang dieser Linie gab – China oder UdSSR –, so auch hier. Es gab diejenigen, die aus der chinesischen Revolution lernen wollten und das als Verbesserung der marxistischen Lehren anerkannten. Und es gab diejenigen, die am „traditionellen“ Marxismus-Leninismus festhalten wollten, aber im Endeffekt revisionistisch wurden.

1968 hat sich dann die bis heute bestehende Kommunistische Partei der Philippinen, die Communist Party of the Philippines (CPP) gegründet. Sie feiert dieses Jahr im Dezember ihr 52. Jubiläum und zählt damit zu den ältesten aktiven Kommunistischen Parteien dieser Welt. Ein Jahr später wurde dann bereits die NPA gegründet, die New Peoples Army oder Bagong Hukbong Bayan.

Wichtig zu erwähnen ist, dass dieser ganze Wandel und die Gründung der CPP von der Jugend ausging. Studierende, auch Intellektuelle wie Amado Guerrero hatten es sich zur Aufgabe gemacht, in diesen Zeiten, in denen politischer Aktivismus schwierig war, zur Agitation aufs Land zu gehen. Ähnlich wie PKP von 1930 haben sie 1970 auch eine große Volksdemonstration organisiert, „First Quater Storm“ hieß sie. Sie sind zum Regierungspalast marschiert, haben demonstriert gegen die neoliberale Politik von Marcos, die Inflation, die Arbeitslosigkeit. Und schon da nahmen Zehntausende, vielleicht Hunderttausende Menschen teil.

Die politische Situation damals war sehr brisant. Die Antwort der Herrschenden war: Martial Law, die Verhängung des Kriegsrechts. Die Armee sollte jetzt für die Sicherheit des Staates sorgen.

Das war alles in der Regierungszeit von Marcos?

Ja. Er ist eine sehr relevante Figur für die Geschichte der Philippinen. Rodrigo Duterte, der aktuelle Präsident, macht ihm zwar diesen Rang jetzt streitig, aber bis dahin war Marcos der schlimmste Diktator.

1972 wurden die Medien geschlossen, die Aktivist*innen der kommunistischen Bewegung mussten in den Untergrund gehen. Sie gingen aus der Stadt aufs Land. Das Kriegsrecht ermöglichte die Inhaftierung, Folterung, Tötung von allen möglichen Leuten, die sich staatskritisch geäußert haben oder revolutionär organisiert waren. Die heutige Antiterrorgesetzgebung hat übrigens ähnliche Charakteristika wie dieses Kriegsrecht damals.

Was die Zeit des Kriegsrechts aber auch bedeutet hat, war dass die urbanen kleinbürgerlichen Aktivist*innen, die Studierenden, aufs Land gegangen sind und dort von den Massen der ausgebeuteten Bauern gelernt haben. So wurde die NPA eigentlich richtig stark, weil während der Zeit des Kriegsrechts, die Aktivist*innen keine andere Wahl hatten, als den bewaffneten Kampf. Sie wussten, in der Stadt sterben sie gewiss, dann lieber mit Waffe in der Hand, als von der Armee festgenommen, vergewaltigt, gefoltert und getötet zu werden.

In den späten 1970er und 1980er Jahren gab es dann die zweite „Great Rectification“, weil manche Teile der Bewegung in ein militärisches Abenteurertum verfallen waren. Das Level der Gewaltsamkeit war zu hoch und die Massen konnten damit nicht Schritt halten. Seitdem steht das Wohl der Massen an erster Stelle – die Volksarmee muss diesen dienen.

Das drückt sich ja auch darin aus, dass es keinen Unterschied zwischen militärischer und politischer Tätigkeit gibt. Dieselben Leute, die kämpfen, sind auch die, die von Dorf zu Dorf gehen und mit den Leuten sprechen …

Ja, genau. Und interessant ist auch, dass es oft Leute sind, die an der Universität studieren, sich dort politisieren. Die University of the Philippines Diliman ist eine richtige Brutstätte für politischen Aktivismus, eben weil es da eine historische Tradition gibt. Viele, die da lehren und studieren, sind dem politischen Kampf verpflichtet. Das Resultat ist, dass viele von den Vollzeitkadern, die in den Roten Zonen leben, auch abgeschlossene Ausbildungen haben, also Ärzt*innen oder ähnliches sind. Die sind dann aber zugleich die einzige medizinische Versorgung, die die Leute da haben. Das ist sehr beeindruckend, das zu sehen. Dadurch, dass die Geografie der Philippinen archipelartig ist und es viele Orte gibt, die vom staatlichen Zugriff abgeschnitten ist, ist das möglich. Da gibt es viele, die haben noch nie einen Arzt in ihrem Leben gesehen.

Die NPA-Einheiten, die dort sind, haben ihre Guerilla-Zonen, die sogenannten Red Zones. Außerhalb davon sind die sogenannten White Zones, die Massenbasis. Die NPA-Mitglieder gehen aus den Red Zones in die White Zones, diskutieren mit der Bevölkerung, fragen sie nach ihren Problemen und nehmen sich ihrer Anliegen an. Gerade im medizinischen Bereich gewährleistet die NPA einen großen Teil der Versorgung, von Zahnbehandlungen bis zu Operationen. Das Gesundheitssystem auf den Philippinen ist übrigens Schrott. Es ist komplett privatisiert, öffentliche Kliniken sind völlig unterentwickelt und schlecht. Die privaten Kliniken kann sich niemand leisten.

#Titelbild: Katipunan-Kämpfer

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Die Geschichte Kolumbiens ist die Geschichte eines brutalen Krieges der Oligarchie und des Imperialismus gegen die Armen. Im „Krieg der tausend Tage“ um 1900 verloren über 100 000 Menschen ihr Leben; beim Bananenarbeitermassaker am 6. Dezember 1928 tötete das kolumbianische Militär für die US-amerikanische United Fruit Company mehrere tausend Männer, Frauen und Kinder; und in der Periode der violencia nach der Ermordung des populären Politikers Jorge Eliécer Gaitán starben zwischen 1948 bis 1958 200 000 bis 300 000 Menschen. Kolumbien ist auch nach dieser Periode nie zur Ruhe gekommen und es blieb ein mit Gewalt im US-amerikanischen Einflussbereich gehaltener Staat der Kompradoren-Bourgeoisie. Diese setzte Militär und Todesschwadrone ein, vertrieb und ermordete Massen an Kleinbäuer*innen, Arbeiter*innen, Studierende und Intellektuelle. Das blieb bis auf den heutigen Tag so und während diese Zeilen geschrieben werden, greift die kolumbianische Regierung Hunderttausende Protestierende an, verhängt Ausgangssperren, lässt knüppeln und im Zweifelsfall schießen.

Aber die Geschichte Kolumbiens ist auch eine Geschichte des permanenten Widerstands. Von der liberalen Guerilla Rafael Rangels über die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens bis zur Ejército de Liberación Nacional, der Nationalen Befreiungsarmee, von der ein demnächst im Wiener Bahoe-Verlag erscheinendes Buch handelt. „Predigt und Patronen. Eine Geschichte der ELN-Guerilla in Kolumbien“ ist dabei nicht nur deshalb ein besonderes Schmuckstück, weil es von zwei altgedienten und hochrangigen Guerilleros, Nicolás Rodríguez Bautista und Antonio García, geschrieben ist. Es ist auch vor allem ein sehr plastisches Dokument jener Frühzeit der Guerilla, in der sie erst anfängt, sich zu formieren.

Der Band erzählt, ganz autobiographisch, wie ein 13-jähriger Junge sich der gerade im Entstehen begriffenen ELN anschließt, seine ersten Schulungen durchläuft, viele hundert Kilometer marschiert, seine ersten Gefechte absolviert, Freund*innen verliert und Überzeugungen gewinnt. Man kann ihn als Abenteuerroman lesen, denn er ist gut geschrieben, spannend, oft witzig und gelegentlich traurig.

Aber man sollte ihn zumindest nicht nur als Abenteuerroman lesen, denn er ist auch viel mehr als das. Er ist, wie alle Zeugnisse von Guerillers, sehr lehrreich. Obwohl es ganz und gar kein theoretisches Buch ist, stellt es viele Fragen, die in der liberalen Gegenwartslinken gar nicht mehr vorkommen.

Zum Beispiel die nach revolutionärer Führung: Die ELN versteht sich als Vorhut einer Volksbewegung; ihre ersten Kader wurden in Kuba ausgebildet, die in die Dörfer gehen und rekrutieren. Man kann das aus irgendwelchen in Uni-Seminaren gelernten Erwägungen ablehnen, aber am Ende bleibt wahr, was die Mutter des Protagonisten zum ersten Anführer der Guerilla, Carlos, sagt. Als der sie fragt, ob es in der Gegend Leute gibt, die bereit wären zu den Waffen zu greifen, antwortet sie: „Na sicher gibt es die! Aber es fehlt ein Anführer, der die Hosen anhat und ihnen sagt, wo es langgeht. Damit sie nicht genauso enden wie die Gaunerbande Los Picos, die noch den Hungerleidenden das letzte Essen stiehlt.“ Die Frage nach revolutionärer Leitung zieht sich durch das Buch – und da gibt es mit Carlos, historisch Fabio Vasquez Castaño, und Andrés auch gleich zwei Figuren, an denen man sieht, wie’s geht und wie’s nicht geht. Carlos hat eine natürliche Autorität und versteht seine Leute; Andrés ist hart und ideologisch, aber wird nicht respektiert.

Wie in jedem anderen Buch über wirkliche Kämpfe ist es auch interessant zu sehen, wieso eigentlich Menschen – die Hauptfigur im Alter von 13 Jahren – den so gewichtigen Entschluss fassen, sich auf Leben und Tod dem Kampf um eine neue Welt anzuschließen. Es ist zumeist kein Entschluss, der daraus erwächst, dass man nun endlich die Marx-Engels-Werke von Band 1 bis 42 durch hat; der Sozialwissenschaften-Master endlich abgeschlossen ist und man nun als voll ausgestattete*r, alleswissende*r Linke*r zur Tat schreiten kann. Bildung ist auch in der ELN ein fester Bestandteil der Praxis der Guerilla. Aber der Entschluss, mitzumachen, entsteht aus der Kombination Unterdrückungserfahrung + beispielhaftes Vorleben der anderen Guerillas + Hoffnung auf ein besseres Leben. Liest man sowjetische Romane aus der Revolutionszeit, ist es immer der eine bolschewistische Kader, der in irgendeine Stadt kommt, anfängt zu arbeiten, sich mit seinen Eisenbahnerkollegen anfreundet und ihnen im entscheidenden Moment auf die Schulter klopft und erklärt, dass sie auch Bolschewisten sind. In Kurdistan ist es der/die PKK-Aktivist*in, die*der von Haus zu Haus geht und den Menschen erklärt, dass sie als Kurd*innen eine unterdrückte Nation sind und kämpfen können. Und am Anfang der ELN ist es Carlos, der im Dorf auftaucht, sich mit allen anfreundet und dann mit der Hälfte der Männer in die Berge abdüst. Tatsächlich allerdings nur der Männer, denn Frauenfiguren bleiben am Anfang der ELN stark im Hintergrund. Man merkt die patriarchale Rollenaufteilung deutlich. Im Roman kommen sie kaum vor, eine einzige Frau geht mit in die Berge, bleibt in den Erinnerungen farblos und muss dann gehen, als sie schwanger wird. Ansonsten näht die Mutter von Nicolás Rodríguez Bautista die ersten Armbinden der ELN, aber das war´s dann auch.

Was kann man noch lernen? Klandestinität ist wichtig. Aber am Ende bringt sie nichts, wenn die Bevölkerung nicht auf der Seite der guten Sache steht. Und schon daraus folgt eine bestimmte Ethik der revolutionären Linken. Auch wenn du noch so hungrig bist, du klaust nicht von armen Leuten – „nicht ein einziges Bindfädchen“, um es mit Carlos zu sagen. Die Guerilla sieht sich als Dienerin des Volkes. Und zwar aller Armen, unabhängig davon, ob die der liberalen oder konservativen Partei angehörten, ob sie katholisch sind oder nicht.

Im Buch trifft man auch Camilo Torres. Der berühmte Befreiungstheologe, damals schon ein in der Bevölkerung Kolumbiens unheimlich beliebter Agitator, schließt sich Ende 1965 der ELN an – und fällt wenig später in seinem ersten Gefecht. Und dennoch, oder vielleicht auch gerade deshalb, bleibt er eine ikonische Figur. Ihm wären andere Wege offen gestanden. Er war ein Star. Und doch ging er in die Berge, als einer wie alle anderen. Der noch minderjährige Rodríguez Bautista wird sein Ausbildner. Torres bringt seine Fähigkeiten ein, das Schreiben, die Theorie. Und er lernt die der anderen, das Überleben und Kämpfen.

Ähnlich wie in anderen in deutscher Sprache (relativ) neu erschienen autobiografischen Erzählungen aus dem bewaffneten Kampf – z.B. die dreibändige Autobiographie von Sakine Cansiz oder die Erinnerungen von Dimitris Koufontinas – sollte man zwar auch bei „Predigt und Patronen“ nicht zu sehr in romantisierendes Schmachten verfallen, aber zugleich kann man sich an den Geschichten auch ein wenig von der tödlich langweiligen Nüchternheit abgewöhnen, die wir uns in den kapitalistischen Metropolen antrainiert haben. Eine Linke, die sich in der eigenen Ohnmacht geradezu suhlt und jedem Aufbruch von vornherein das erwartbare Scheitern attestiert, kann von zwei Dutzend Leuten, die beinahe unbewaffnet und in Gummistiefeln in den Dschungel aufbrechen, auf jeden Fall was lernen. Und wer’s nicht glaubt, der soll zurückrechnen, wie viele der „Organisationen“ der radikalen Linken in Deutschland länger als ein paar Jährchen überdauern. Die ELN jedenfalls kämpft noch heute, 55 Jahre nachdem sich der 13-jährige Nicolás Rodríguez Bautista die alte 7,65er-Pistole seines Vaters umgeschnallt hat.

# Bildquelle: eln-voces.net

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Ji bo bîranîna Şehîd Şiyar Gabar

Der deutsche Internationalist Jakob Riemer (Şiyar Gabar) aus Hamburg ist vor fast genau einem Jahr, am 9. Juli 2018, in Çarçella, einer Region des Zagros-Gebirges, bei einem Luftangriff der türkischen Armee gefallen. Zu seinem Gedenken fanden zum 1. Todestag Gedenkveranstaltungen und Plakataktionen statt. Berliner Aktivistinnen des Widerstandkomitees nahmen seinen Todestag zum Anlass, ihm in Form eines Wandbildes zu gedenken. Wir haben sie dabei begleitet.

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Interview mit Welat Direj, 28, Internationalist und Mitglied der militärischen Verteidigungsstrukturen Rojavas zu den aktuellen Angriffen des türkischen Staates in […]

In den kolumbianischen Bergen sprach der britische Journalist Oliver Dodd mit Villa Vazquez, einem Oberbefehlshaber der kürzlich wiederhergestellten FARC (Segunda […]

Ein Europäer in den Tiefen des kolumbianischen Dschungels, bewaffnet, ausgebildet im Guerillakampf und im Krieg gegen einen rücksichtslosen Feind. Wir […]

Philippinische Frauen schließen sich den Reihen der NPA-Guerilla gegen die Duterte-Diktatur an. Ich hatte die Gelegenheit, mit zwei von ihnen […]

Es war ein langer Prozess, die in den Städten Kolumbiens kämpfende Guerilla der ELN, die Frente de Guerra Urbano Nacional […]