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Pastell, creme und weiß. In diesen Farben präsentieren sich zumeist sogenannte Tradwifes (traditional wife) auf Instagram und TikTok und propagieren das Dasein als Hausfrau und Mutter. Ein Trend aus den sozialen Medien, der wie so viele, aus den Vereinigten Staaten von Amerika kommt und nun auch seit Anfang der 2020er Jahre in Deutschland immer mehr Popularität erfährt. Tradwifes sind Influencerinnen die zeigen wie sie Kochen, Putzen, sich um die Kinder kümmern und dabei perfekt gestylt warten, bis der Mann von der Arbeit nach Hause kommt. 


Das Aufkommen der Tradwife-Bewegung und ihr ideologischer Ursprung in den USA dürften wohl kaum einer einfachen gesellschaftlichen Dynamik entsprungen sein. In einer Zeit, in der die konservativ-libertären Kräfte um das Trump-Lager gemeinsam mit der christlich-fundamentalistischen Bewegung an Auftrieb gewinnen und die Verschlankung des Staates durch den Abbau des eh schon sehr sparsamen Sozialsystems propagieren, müssen wir das Aufkommen eines vermeintlich traditionellen Frauenbildes in diesem Kontext untersuchen. Die Frau soll zusehends das Zusammenstreichen des Sozialsystems durch unbezahlte Reproduktionsarbeit ausgleichen. 

Den Hintergrund für diesen libertären Kurs stellt die grundlegende Tendenz des Kapitalismus zur Profitmaximierung dar, was mit der Senkung von Steuern, bei gleichzeitiger steigender Privatisierung und dem Abbau des Sozialsystems einhergeht. Spezifisch für die USA spielt das Ringen um die Aufrechterhaltung der eigenen Hegemonie in Konkurrenz zu China eine zentrale Rolle. Aus dieser ergibt sich die Notwendigkeit, die Produktion im eigenen Land auszubauen, um mit der Wirtschaftsmacht China mithalten zu können und die Abhängigkeit bei sensibler und kriegsrelevanter Technologie abzubauen. Die USA sollen dafür möglichst attraktiv für multinationale Konzerne gestaltet werden, wobei die Verfügbarkeit billiger Arbeitskräfte im Zentrum steht. Diese außenpolitischen Entwicklungen bilden die Grundlage des derzeitigen innenpolitischen Kurses in den USA. 

Die in Deutschland bisher unbeachtete Denkschrift der „Heritage Foundation“, des einflussreichsten Thinktanks in den USA und wahrscheinlich sogar weltweit, „Saving America by Saving the Family: A Foundation for the Next 250 Years“, gibt einen kleinen Einblick in die innenpolitische Strategie der USA. Dass dieser Thinktank nicht nur eine nette Inspiration für das politische Establishment in den USA sein dürfte, wird an der Ausarbeitung des „Project 2025“ deutlich. Dieses stellt ebenfalls ein Strategiepapier der Heritage Foundation dar, das im April 2023 veröffentlicht wurde und die Umgestaltung der US-Regierung und des generellen politischen Establishments nach dem Sieg der Republikanischen Partei bei der US-Präsidentschaftswahl im April 2023 vorsah. Mittlerweile soll die US-Regierung unter Trump nach dem Community-Projekt bis Februar 2026, etwa 51 % der im Papier erklärten Ziele umgesetzt haben. Es lohnt sich also, die Vorschläge und Analysen der Heritage Foundation beim Wort zu nehmen. 

Bereits im dritten Absatz bezeichnet die Denkschrift die Familie als „Wiege des Staates“  und hat damit durchaus den Kern ihres Wesens getroffen. Die Familie ist seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte Abbild der grundlegenden Organisation der Gesellschaft, die sich seit jeher im Wandel entsprechend der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Herrschaftsformen befunden hat. Bildete im Feudalismus noch die bäuerliche Großfamilie, die als Arbeitsgemeinschaft fungierte, die Grundlage desselben, wandelte diese sich mit dem Aufkommen der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und dem Zug in die Städte zur Kernfamilie um. Während in bürgerlichen Familien die Frau größtenteils zuhause blieb und sich ausschließlich um die Reproduktionsarbeit kümmerte, wenn diese keine Hausangestellten hatten, musste die Frau in der Arbeiterfamilie die doppelte Last durch Lohnarbeit und die Reproduktion tragen. Der Mann hingegen ging in beiden Modellen der Lohnarbeit nach und hielt den Produktionsprozess in den Fabriken oder am Schreibtisch am Laufen. Die Familie im Allgemeinen und die Ausbeutung der Frau im Besonderen bilden demnach die Grundlage für das Funktionieren einer nach kapitalistischen Maßstäben organisierten Gesellschaft. Die neue Tradwife Bewegung hat demnach nicht ganz ihren Namen verdient. Denn ein solches traditionelles Frauenbild, welches dargestellt wird, hat es in dem Sinne nie in der breiten Gesellschaft gegeben. Es waren die Frauen der bürgerlichen Klasse, die Zuhause blieben und sich alleine um die Reproduktion kümmerten. Die „traditionelle Frau“ ging zu großen Teilen immer einer Lohnarbeit nach.

Der Versuch die klassische Kernfamilie und somit die unbezahlte Arbeit der Frau vermehrt zu propagieren, verfolgt das Ziel, die Aufrechterhaltung und Ausweitung der Kernfamilie für eine sich immer weiter entwickelnde libertäre Wirtschaftsordnung in den USA voranzutreiben. Das Sozialsystem soll weiter abgebaut und der Staat als reines Gewaltorgan ausgebaut werden. Der ideelle Gesamtkapitalist wandelt sich langsam und setzt an seine Stelle den schlanken Staat, der durch seine Gewaltorgane die Aufrechterhaltung der Eigentumsordnung in den Fokus nimmt. 

„In vielerlei Hinsicht ist eine starke Familie – die auf Gott und einander vertraut – selbst ein Ausdruck von Unabhängigkeit. Sie fördert die Freiheit, indem sie den Bedarf an staatlicher Hilfe im Alltag minimiert“ (Auszug aus „Saving America by Saving the Family: A Foundation for the Next 250 Years“, The Heritage Foundation)​. Die Familie und somit die Frau sollen den Abbau des Sozialsystems ausgleichen und für eine weiterhin funktionierende Gesellschaft, die nicht im Chaos versinkt, sorgen. „Die staatliche Hilfe im Alltag“ meint hier wohl die Pflege von Angehörigen und die Bedürfnisse des alltäglichen Lebens von Kinderbetreuung bis zum Putzen und Kochen. Diese müssen dann unbezahlt von Frauen übernommen werden.

Der Grund für den vergangenen Wandel der Familie wird ebenfalls im Ausbau des „Wohlfahrtsstaat“ gesehen: „Dieser dramatische Wandel weg von Ehe und Familiengründung hat viele Ursachen, doch zwei stechen besonders hervor. Die erste war Lyndon Johnsons „Krieg gegen die Armut“. Der rasante Ausbau des Wohlfahrtsstaates förderte die Geburtenrate außerhalb der Ehe, belegte Geringverdiener, die heirateten, mit verheerenden finanziellen Strafen und hielt arbeitsfähige Menschen von der Arbeit ab“. (ebd.) Neben der Möglichkeit zum Rückbau des Sozialsystems und somit zur Ausweitung der Profitmaximierung gibt es noch einen zweiten entscheidenden Punkt für die Propagierung der Kleinfamilie, die Verteidigung: „Ohne Familien kann ein Land weder sinnvolle Arbeit noch Wohlstand schaffen. Es fehlt ihm an starken und mutigen Männern, die es vor feindlichen Angreifern im In- und Ausland schützen könnten.“ (ebd.)

Diese Isolierung und Einsperrung von Frauen im Haus wurde insbesondere von der Frauenbewegung des 20. Jahrhundert stark kritisiert. Dass diese zum Wandel der Familie beigetragen haben, lässt sich demnach nicht abstreiten. Auch die Heritage Foundation sieht den Grund für den Rückgang der klassischen Kernfamilie in der „Zweiten Welle des Feminismus und (der) sexuellen Revolution“. 

Neben dem Ausbau des „Wohlfahrtsstaates“ und der Frauenbewegung werden der Kommunismus und die „Schwarze Familie“ als Begründung für den Rückgang der Ehe herangezogen. Nichts anderes ist von einem Thinktank zu erwarten, der zur Zeit des Kalten Krieges maßgeblich den Antikommunismus unter der Reagan-Ära voranbrachte. Die Strategie der Heritage Foundation wird nicht lediglich auf dem Papier bleiben, sondern aktiv durch die republikanische Politik vorangetrieben. Das geht auch aus der Schrift selbst deutlich hervor: „Wenn Trends, politische Maßnahmen und Einflüsse zum Niedergang von Ehe und Familie geführt haben, [können] dieselben Trends, politischen Maßnahmen und Einflüsse auch zu deren Wiederherstellung führen.“ Offen erhebt die Denkschrift den Anspruch, ihre Auffassung von Ehe und Familie zu propagieren. Wirft man einen kurzen Blick auf die führenden Instagram Accounts und Webseiten der US-Regierung, wird das sehr schnell deutlich. Auf dem Instagram Account der Jugendbewegung „turnigpoint“ von MAGA findet sich ein Feed voller romantisierender Bilder einer Kleinfamilie und Frauen als Hausfrau und Mutter. So zeigt ein Video eine Frau mit Baby auf dem Arm und darüber steht „what’s your dream job?“ und kurz darauf wird „this“ eingeblendet. Die Propaganda läuft auf Hochtouren.

Es lässt sich festhalten, dass die Frau im derzeitigen Kulturkampf des konservativ-libertären Lagers eine wichtige Protagonistin ist. Ihre unbezahlte Arbeit ist die Grundlage, auf welcher der derzeitige innen- wie außenpolitische Kurs der USA gesichert und das Land wieder stärker als eigenständigen Produktionsstandort aufgestellt werden soll. Dass dabei auch Millionen Frauen in der Erwerbsarbeit benötigt werden, liegt auf der Hand. Daher wird das propagierte Frauenbild nur für begrenzte bürgerliche Kreise gelten, während der Großteil der Frauen weiterhin einer Erwerbsarbeit nachgehen wird um gleichzeitig dem traditionellen Frauenbild als gute Hausfrau und Mutter hinterherjagend zu müssen.

Foto: https://commons.wikimedia.org

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In Palästina stehen Frauen* gegen patriarchale Gewalt und Besatzung auf; tausende nehmen an den Demonstrationen teil – konsequent ignoriert von westlicher Berichterstattung. Haydar Kizilbas und Alia Ka haben sich für lower class magazine mit Fidaa Zaanin, einer Palästinensischen Aktivistin aus Gaza, die seit einigen jahren in Deutschland lebt, getroffen, um über die Tal3at Bewegung der Palästinensischen Frauen zu sprechen. Fidaa forscht zu Feminismus und Genderstudies und ist in der palästinensischen Community in Berlin aktiv

Am 26. September gab es in Berlin eine Kundgebung in Solidarität mit der und als Teil der Tal3at Bewegung. Was waren die Anliegen der Protestierenden?

Wir haben den Aufruf für Tal3at gesehen, was übersetzt so etwas bedeutet wie „Wir gehen auf die Straße“. Mit Wir sind Frauen* gemeint. Palästinensische Frauen* überall auf der Welt, egal wo sie sind, haben sich entschieden, auf den Aufruf zu reagieren und auf die Straße zu gehen.

„Tal3at“ bedeutet auf die Straße zu gehen, um gegen Gewalt zu protestieren, alle Formen von Gewalt, egal, welches System hinter dieser Gewalt steckt. Der Aufruf kam in den Wochen nach der Ermordung von Israa Ghrayeb. Sie war ein junges palästinensisches Mädchen, das in Beit Shaour, im Westjordanland von ihrer Familie umgebracht wurde. Wir haben nicht viele Details zu diesem Fall, aber es ist kein Einzelfall. Solche Dinge passieren in Palästina. Es gibt Statistiken, die besagen, dass 38 Frauen* in 2018 ermordet wurden. Und immer noch wird über viele Ermordungen überhaupt nicht berichtet, oder andere Todesursachen werden angegeben. Deswegen hat Tal3at Frauen* dazu aufgerufen auf die Straße zu gehen, um die Gewalt gegen Frauen* anzuprangern, und um klarzumachen, dass es keine Befreiung für das palästinensische Volk gibt, ohne die Befreiung der Frauen* in Palästina. Man kann das Thema der Frauen*befreiung nicht auf später verschieben, nachdem die Befreiung des palästinensischen Volkes erreicht wurde.

Es ist ja auch nicht das erste Mal, dass palästinensische Frauen* Teil der politischen Bewegung sind und eine führende Rolle einnehmen. Kannst du uns einen kurzen historischen Überblick über die Rolle der Frauen* in der palästinensischen Widerstandsbewegung geben?

Ja, klar. Es ist nichts neues, dass palästinensische Frauen* in politische Kämpfe involviert sind. Sogar schon unter dem britischen Mandat in den 1930er-Jahren haben Frauen* angefangen, ihre eigenen Gemeinschaften zu gründen, hauptsächlich um anderen Frauen* in sozialen Fragen zu helfen. Aber schlussendlich haben sie dann auch politische Arbeit gemacht, weil soziale Fragen eben politisch sind. Auch das Persönliche ist schlussendlich politisch. Nachdem Palästina von den Zionist*innen kolonialisiert wurde, waren Frauen* natürlich in der ersten Intifada aktiv. Sogar sehr stark. Sie haben Flugblätter geschrieben, ausgeteilt und echte politische Arbeit gemacht.

Später waren sie auch Teil von politischen Organiserungsstrukturen. Sie wurden eingesperrt. Sie waren eben nicht nur die Frauen* von palästinensischen Männern. Sie waren nicht nur die Ehefrauen der Gefangenen. Sie selbst, palästinensische Frauen*, haben politische Arbeit unter dem Kolonialismus gemacht. Aber danach, mit der zweiten Intifada und der Form, die der Widerstand angenommen hat, wurde die Rolle, die Frauen* eingenommen haben, immer kleiner. Grade nach dem Oslo-Abkommen, durch die Mengen an Geld, das nach Palästina floss und dadurch, wie der Widerstand NGO-isiert wurde, wurden auch ihre politischen Kämpfe vereinnahmt.

Die Probleme der palästinensischen Frauen* wurden so aus dem Kontext genommen. Sie reden über Armut, aber niemand redet über die Ursachen von Armut unter dem Kolonialismus. Sie sprechen über Kinderehen, aber nicht darüber was die Ursachen sind, wo die Wurzeln des Problems liegen. Sie sprechen über diese Themen ungeachtet der politischen und ökonomischen Aspekte oder der Gesetze, die die Israelis den Palästinenser*innen aufzwingen. Also wir sehen, es ist nicht das erste Mal, dass Frauen* auf die Straße gehen und politische Arbeit machen.

Ich habe einige der Slogans der Tal3at Bewegung gesehen: „Es gibt keine nationale Befreiung ohne die Befreiung der Frau“. Dieser Slogan wird ja auch von anderen z.B der kurdischen Befreiungsbewegungen, im Mittleren Osten ähnlich formuliert…

Es ist auch wichtig zu sagen, dass sehr oft Frauen* sogar in politischen Räumen ausgeschlossen und von ihren eigenen Genossen marginalisiert wurden. Ich habe das Gefühl, dass Frauen* immer alternative Ideen und Strategien für die Befreiung Palästinas hatten. Aber die Männer haben gesagt: „Nein, es muss auf unsere Art und Weise getan werden, nicht auf die, die ihr euch vorstellt. Weil wir Prioritäten haben“.

Und genau das ist es, was Tal3at in Frage stellt, in dem gesagt wird: nein, wir sind hier, um umzudefinieren, was es bedeutet, gegen Kolonialismus zu kämpfen und wie wir uns eine befreite Gesellschaft vorstellen, in der alle Menschen gleich sind, in einem befreiten Palästina. Also was die Frauen* sagen ist: „Nein, ihr könnt uns nicht ausschließen, ihr könnt nicht so weitermachen, wie ihr es die letzten 70 Jahre getan habt“. Wir sagen nein, wir werden es auf unsere Art machen, und nicht auf die Art, auf die ihr, die Männer, es haben wollt.

Ist diese Bewegung eine spontane oder stehen längere Organisierungsprozesse dahinter? Und was sind die Perspektiven für diese Bewegung?

Es ist eine ganz spontane Bewegung. Wie ich gesagt hatte, wurde sie ausgelöst durch die Ermordung von Israa Ghrayeb. Viele Frauen* innerhalb der 1948er-Gebiete haben sich aufgelehnt und haben gesagt: Nein, wir werden jeden Tag umgebracht und wir sollten nicht mehr schweigen und zum Schweigen gebracht werden. Und wir sollten nicht nur darüber sprechen, wenn Israelis uns umbringen, weil wir auch an diesen für uns angeblich „sichersten“ Orten umgebracht werden, in unserem Zuhause, dort wo die meisten Morde passieren, durch Mitglieder der eignen Familie.

Der sicherste Ort für Frauen*, das Zuhause, wird zum Tatort. Es gibt einen Anstieg der Morde an Frauen*, der sogenannten Ehrenmorde, in Palästina besonders innerhalb der 1948er-Gebiete. Und es spricht Bände, dass die Mordrate innerhalb der Gebiete, die von Israelis kontrolliert werden, höher sind als im Westjordanland und in Gaza. Es kommt auch im Westjordanland und Gaza vor, aber nicht so oft wie an Orten wie Haifa, Jaffa, Umm al-Fahm und anderen Städten innerhalb der 1948 besetzten Gebiete. Die Tal3at Proteste haben ja auch in Haifa angefangen. Und wir haben auf deren Aufruf geantwortet, in Berlin, Gaza, Beirut und in den Geflüchtetenlagern. Frauen* waren überall. Und das ist auch was Tal3at einzigartig macht. Sie haben es sich nicht nur zum Ziel gemacht, nur das Patriarchat zu zerstören, sondern die Bewegung stellt auch die Grenzen in Frage, die die Kolonialisten uns aufgezwungen haben. Es macht deutlich, dass wir eine Einheit sind, egal wo wir sind, im historischen Palästina oder sogar in den Geflüchtetenlagern und in Europa.

In Deutschland wird über die Proteste geschwiegen. Gleichzeitig ist es ja oft so, dass wenn es um die Palästinensische Sache geht, der Großteil der sogenannten Linken auf die Frauen* zeigt und sagt, dass die palästinensische Freiheitsbewegung Frauen* unterdrückt und, dass wir eine generelle Befreiung brauchen und alle Formen von Unterdrückung betrachten müssen. Aber jetzt gerade schweigen eben diese Leute darüber, dass palästinensische Frauen* kollektiv zu diesen Protesten aufgerufen haben. Warum eigentlich?

Natürlich, als ich zu dem Protest am 26. September vor dem Rathaus Neukölln gegangen bin, ist mir aufgefallen, dass keine deutsche Presse da war. Und normalerweise sind sie immer da, wenn es etwas über Palästina gibt. Und plötzlich, wenn wir gegen diese Sache protestieren, ist niemand da und es gibt keine Solidarität der feministischen Bewegung oder von den sogenannten Feminist*innen hier in Deutschland.

Ich frage mich, warum die nicht gekommen sind. Wenn man ihnen nichts Böses unterstellen möchte, könnte man sagen, dass sie vielleicht einfach nichts davon wussten. Aber ich denke, es hatte auch etwas mit den Slogans zu tun. Weil die Frauen* gesagt haben: „Althowra did al thakaria w’al isti3maar“, also „Revolution gegen das Patriarchat und den Kolonialismus“. So haben die deutschen Feminist*innen vielleicht verstanden, dass die Proteste sich nicht nur gegen palästinensische braune Männer richten, sondern, dass sie auch gegen Zionismus sind. Und das ist der Konflikt hier in Deutschland. Man kann das zionistische Regime für sie so nicht kritisieren und man darf auch nicht darüber reden.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Leute hier die Proteste verfolgt haben. Weil Tal3at online gesagt hat, dass sie aufgefordert wurden auf zionistische Feminist*innen zuzugehen. Die wollten bei den Protesten mitmachen, um gegen Gewalt an palästinensischen Frauen* zu protestieren. Tal3at hat dazu nein gesagt, sie sagten: nicht dieses Mal. Wir stellen uns gegen die Hegemonie, die Israelis versuchen auf unseren Diskurs auszuüben, weil dieser politischer Raum uns gehört. Tal3at geht für eine befreite Gemeinschaft auf die Straße, in der jede*r dieselben Rechte hat, in einem befreiten Palästina. Sie gehen nicht auf die Straße, um gleiche Rechte oder keine Diskriminierung in einem kolonialen Staat einzufordern. Das ist nicht der Zweck, weil sie gleiche Rechte für alle Palästinenser*innen fordern. Deswegen passt es vielleicht einfach nicht in die Kriterien der Deutschen hier. Nach dem Motto: „Wie könnt ihr es wagen Israel zu kritisieren und nicht nur eure palästinensischen brauen Männer?“ Und deswegen glaube ich auch, dass sie das nicht in den Medien ausschlachten können.

Als palästinensische Frau, die nach Deutschland gekommen ist, wurde ich oft gefragt wie das Leben von Frauen* in Gaza ist. Ich antworte immer: „Du meinst von palästinensischen Frauen* in Gaza, die nicht nur das Patriarchat bekämpfen, sondern auch unter einer Blockade, unter israelischer Besatzung leben müssen?“ Aber wenn ich sagen würde: „Okay, mein Leben in Gaza ist die Hölle, ich bin eine queere Person, die verfolgt wird…“ Das könnte sehr einfach in den deutschen Medien ausgeschlachtet und gegen mich und meine eignen Leute verwendet werden. Weil es ihnen nicht um mich geht. Es geht ihnen darum, wie sie mich für ihre Zwecke benutzen können. Und ich glaube, das ist das Problem.

Die ganze Sache mit über Palästina in Deutschland reden… Es geht auch nicht nur um diese Proteste. Wenn sie es nicht im Sinne der Besatzung benutzen können, dann berichten sie natürlich nicht darüber, sie sprechen nicht darüber. Es ist ein anderer Diskurs. Ich kann mich erinnern wie sie über den Frauen*streik in Tel Aviv berichtet haben: „Es ist so cool, es ist so bunt… Palästinensische Frauen* gehen zusammen mit israelischen Siedlerinnen* auf die Straße… Das ist so gut und wir lieben das, das ist, wie wir es gerne hätten“. Aber das ist nicht richtig. Sie haben über den Streik berichtet und haben mir viele Fragen zu dem Streik gestellt. Ich habe darauf geantwortet, dass ich aus Gaza komme und mir deswegen nicht erlaubt wird, in das besetzte Tel Aviv zu gehen. Ich würde niemals zu einer Demonstration gehen auf der israelische Soldatinnen* stehen, nur weil sie Frauen* sind. Einfach eine Frau* zu sein ist für mich keine Gemeinsamkeit, es ist eine politische Frage. Ich könnte mit so einer Frau* den ganzen Tag demonstrieren und am nächsten Tag kann sie an einem Checkpoint eine Waffe an meinen Kopf halten. Das sind aber nicht die Worte, die diese Leute hören wollen.

Was wären deiner Meinung nach die Pflichten von internationalistischen Revolutionär*innen und auch linken Bewegungen hier in Deutschland, um eure Kämpfe zu unterstützen?

Ich würde sagen Solidarität. Transnationale feministische Solidarität mit Palästina, im Kontext des Lebens unter dem Siedlerkolonialismus. Die Leute sollten unsere Sache weitertragen. Informationen weiterzugeben, kann ein revolutionärer Akt sein. Damit Leute von den Protesten hören, durch palästinensische Stimmen. Das ist das Wichtigste, dass sie palästinensische Frauen* sprechen hören. Es ist gut, dass ihr wir ein Interview zusammen führen. Das ist ein Akt der Solidarität. Wir können ihn nach Palästina schicken und die Frauen*, die sich dort organisieren werden wissen, dass es Leute in Deutschland gibt, die daran interessiert sind, über Tal3at zu erfahren. Und, dass ihr dem Diskurs darüber, wie nationale Befreiung aussehen sollte, zustimmt. Und es ist wichtig zu sagen, dass Palästina nicht befreit werden kann, so lange Frauen* nicht befreit sind. Auch in unseren Räumen hier in Deutschland, Großbritannien und überall. Als Internationalist*innen dürfen wir nicht zulassen, dass dieses Thema auf später verschoben wird. Auf Arabisch sagen wir: „Du kannst kein freies Palästina auf den Gebeinen von toten palästinensischen Frauen aufbauen“. Wir werden das nicht zulassen. Das ist nicht wonach wir streben. Es geht darum den Diskurs von Tal3at und den Frauen*, die auf der Straße protestieren aufzugreifen. Wir fordern Solidarität.

#Bildquelle: wikimedia commons

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Minerva, 28, ist marxistische Feministin aus dem Iran. Sie hat an verschiedenen linken Kampagnen teilgenommen und arbeitet mit einer Organisation, die Bildungsangebote für Arbeiter*innenkinder und Kinder aus Familien, die aus Afghanistan in den Iran geflohen sind, organisiert. Zu ihrer Sicherheit benutzt sie ein Pseudonym, da ihr Inhaftierung und Folter drohen, sollte die iranische Regierung von ihrem Kontakt zu linken oder feministischen Organisationen oder Medien erfahren. Minervas echter Name ist der Autorin bekannt.

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