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Linke Diskussionsveranstaltungen in Deutschland scheitern als Lernräume oft an sich selbst. Wer kennt’s nicht: Statt gemeinsam zu diskutieren, wird darum konkurriert, wer am meisten weiß. Die Angst, einen Fehler zu machen, sitzt tief, und am Ende meldet sich nur ein Bruchteil der Anwesenden zu Wort. Was einmal als Raum für Befreiung gedacht war, reproduziert häufig die elitären Lernerfahrungen, die uns in Schule und Universität schon geknechtet haben.

Für politisch aktive Migrant:innen in Deutschland verschärft sich dieses Problem: Einerseits ist man in deutschen linken Organisationen mit dieser abschreckenden Expert:innenkultur und Sprachbarrieren konfrontiert, während andererseits staatliche Sprachkurse systematisch darauf abzielen, Migrant:innen in die Assimilation zu drängen. Genau an diesem Punkt setzt das Bildungszentrum Lohana Berkins an: Lernen und Diskutieren werden hier bewusst als Praxis der Selbstermächtigung organisiert – ausgehend von den Erfahrungen von Migrant:innen und Arbeiter:innen. Dabei verfolgt es mit der Educación Popular einen revolutionären Ansatz sozialistischer Bildung, von dem die breite linke Bewegung viel lernen kann. Fehler machen und inhaltliche Konflikte werden im Bildungszentrum nicht vermieden, sondern bewusst eingefordert – denn dort gibt es die Methoden sie in eine politische Ressource zu verwandeln.


Stellt euch doch einmal unseren Leser:innen vor?

Dario: Ich komme aus Argentinien und lebe seit etwa sechs Jahren in Deutschland. Ich habe Politikwissenschaften in Buenos Aires studiert und mich dort mit sozialen Bewegungen, Genossenschaften und selbstverwalteten Unternehmen beschäftigt. Gleichzeitig war ich als Lehrkraft in verschiedenen Projekten der Educación Popular – also der Bildung von unten – tätig und in verschiedenen linken Organisationen aktiv.

Aquarela: Ich komme aus Venezuela und lebe seit neun Jahren in Deutschland. Ich habe Literaturwissenschaft und spanische Philologie studiert. In Venezuela war ich in feministischen Bewegungen, in der Arbeiter:innenbewegung und in lokalen Bewegungen aktiv. Außerdem habe ich mich in sozial-transformatorischen Prozessen unter Präsident Chávez engagiert und war in verschiedenen Projekten der Educación Popular tätig.

Ihr seid Teil des Bildungszentrums Lohana Berkins. Worin genau besteht eure Arbeit?

Aquarela: Das Bildungszentrum haben wir vor drei Jahren gegründet. Die Idee für das Bildungszentrum entstand aus unseren Erfahrungen mit der Educación Popular in Lateinamerika, aber auch aus unserer Erfahrung als Migrant:innen. Wir haben uns gefragt: Wie können uns als politisch aktive Migrant:innen organisieren und was brauchen wir dafür?

Dario: Wir wurden alle mit der Deutschen Sprache als Barriere konfrontiert. Selbst wenn man ein gutes Sprachniveau hat, spürt man diese Barriere auf Treffen von deutschen linken Organisationen: Es wird viel Slang benutzt, schnell geredet und Begriffe genutzt, die aus der spezifisch deutschen politischen Kultur kommen. Um dieses Problem zu überwinden, mussten wir mehr über die politische linke Bewegungsgeschichte und Kultur von Deutschland und Berlin lernen: Was bedeutet es links zu sein in Deutschland? Was waren Prozesse und Konflikte? Damit haben wir den ersten Kurs begonnen, einen Diskussionskurs auf Deutsch.

Aquarela: Deutschkurse in den üblichen Institutionen waren keine Option für uns. Dort haben wir alle schlechte Erfahrungen gesammelt, weil es hauptsächlich darum geht, dass Migrant:innen in die deutsche Gesellschaft assimiliert werden. Wir wollten, dass die Teilnehmenden eine andere Erfahrung machen – dass sie die deutsche Sprache nicht als etwas erleben, das sie verhindert, sondern als ein Werkzeug, das ihnen Türen öffnen kann. Politisch aktiv zu sein, bestimmte Ideologien zu kennen und Sprache zu nutzen bedeutet für uns mehr Freiheit selbst zu entscheiden, welchen Weg wir gehen wollen

Dario: Im Zentrum stehen bei unseren Kursen die Bedürfnisse der Teilnehmenden selbst: Was brauchen wir, um hier anzukommen? Dabei geht es nicht nur darum, Sprachkenntnisse anzuwenden und zu verbessern, sondern auch mehr über das deutsche System und seine Institutionen zu lernen. Zum Beispiel: Wie können wir eine Arbeit finden, die nicht prekär ist? Was mache ich als Arbeiter:in, wenn ich schlechte Arbeitsbedingungen habe? Wie kann ich mich organisieren und welche Rechte habe ich? Viele Migrant:innen wissen das nicht und das ist natürlich kein Zufall. Warum das so ist, ist ebenfalls Teil unserer Diskussionen.

Was ist die Educación Popular?

Aquarela: Die Educación Popular ist eine pädagogische Praxis und Theorie, die von Paolo Freire begründet wurde. Ihr Ziel ist die Veränderung von Gesellschaft.

Dario: Die Educación Popular geht davon aus, dass Bildung immer politisch ist – egal ob sie in staatlichen Institutionen stattfindet oder in linken Räumen. Sie kritisiert die institutionelle Bildung, die wir aus Schulen und Universitäten kennen. Paolo Freire bezeichnet diese als „Bankiersbildung“. Bildung funktioniert dort einfach nur eine Transaktion von Wissen. Die Gehirne der Lernenden muss man sich wie ein Konto vorstellen, auf dem Wissen abgelegt und angesammelt wird. Dabei gibt es keine kritischen Gedanken, keine Erkenntnisse, die mit den Erfahrungen der Lernenden angereichert werden, die sich verändern und in eine Veränderung der Welt im Interesse der Lernenden münden.

Im Unterschied dazu stehen bei Paolo Freire die Bedürfnisse und Interessen der Menschen im Mittelpunkt. Es wird mit dem Wissen und den Erfahrungen gearbeitet, das die Lernenden mitbringen. Wissen kommt dabei nicht nur aus akademischen Kontexten – alle Menschen bringen Kenntnisse und Erfahrungen mit. Schließlich leben alle in dieser Gesellschaft und teilen die Erfahrung, ausgebeutet zu werden. Das heißt natürlich nicht, dass dabei nur korrekte Gedanken entstehen. Aber die grundsätzliche Erfahrung zeigt: Alle wissen etwas, und alle ignorieren etwas.

Euer Ansatz ist: „Wir lernen nicht, um uns zu integrieren, sondern um die Gesellschaft zu verändern“. Welche Methoden habt ihr, um dafür zu sorgen, dass eure Arbeit tatsächlich das System verändert?

Dario: Mit all den Erfahrungen aus der Educación Popular, aus sozialen Bewegungen und Arbeitskämpfen stellt sich natürlich die Frage: Was machen wir hier eigentlich? Wir sind prekarisierte Arbeitskräfte und übernehmen die Arbeit, die der Staat nicht macht – und das unter schlechteren Bedingungen. Das ist etwas, worüber wir viel diskutieren, und darauf gibt es keine einfache Antwort.

Aber die Educación Popular bietet nicht nur andere Methoden oder Inhalte, sondern ein anderes Verständnis der Welt. Wir bieten immer eine kritische Perspektive auf unsere Inhalte an: Warum ist etwas so, wie es ist? Welche Interessen stecken hinter politischen Strukturen? Wie kann ich mich organisieren, um dieses System zu verändern? Die Educación Popular ist keine bloße Methode, sondern ein revolutionärer Weg, um die Welt zu verändern. Vielleicht kommen Teilnehmende zunächst in die Kurse, um sich besser zurechtzufinden. Aber das Ziel ist, dass sie im Laufe des Kurses merken: Nein, so kann es nicht weitergehen.

Aquarela: Die Teilnehmenden sollen für sich selbst entscheiden können, wie sie sich innerhalb des Systems bewegen wollen. Wenn Leute sich ein gutes Leben aufbauen und damit zufrieden sind, ist das für uns in Ordnung. Wenn es aber Leute gibt, die dieses System überwinden wollen und sich organisieren, dann ist das ein großer Erfolg unserer Arbeit.

Es ist ein Weg der Politisierung. Zentral ist die Frage: Warum lernen wir? Lernen wir, um das kapitalistische System zu reproduzieren und zu erhalten? Oder lernen wir, um uns zu emanzipieren?

Auch das Finden von Gleichgesinnten und das Entdecken einer Community ist ein wichtiger Baustein dabei. Das ist Teil einer Sensibilisierung, um besser teilzunehmen – ein Teil der Zugehörigkeit zum Kurs und der Möglichkeit, ihn aktiv mitzugestalten. Deswegen arbeiten wir auch mit partizipativen Methoden. Wir wollen einen demokratischen Raum und eine horizontale Beziehung zwischen Lernenden und Lehrenden gestalten.

Dario: Ein weiterer wichtiger Teil der Educación Popular ist die Einsicht, dass Entwicklungen und Prozesse nicht stattfinden, wenn sie nicht zusammen mit sozialen Bewegungen geschehen. Deswegen bieten wir immer die Möglichkeit an, dass sich die Teilnehmenden organisieren. Wir zeigen ihnen Organisationen auf, in denen sich Migrant:innen engagieren können.

Wie kommen denn die Teilnehmenden auf euch zu?

Aquarela: Die meisten Personen, die zu uns kommen, sind aus dem weiteren Bekanntenkreis – viele aus der lateinamerikanischen Bewegung. Auch unsere Dozent:innen sind Menschen aus Lateinamerika oder Deutsche, die mit der Region verbunden sind. Aber unser Einfluss weitet sich aus und es kommen immer mehr Leute, zu denen wir keine direkten Verbindungen haben. Andere kommen durch die Soziale Medien.


Dario: Im Unterschied zu anderen politischen Institutionen kommen zu uns auch viele, die bisher nicht politisch interessiert sind oder die eher konservativ sind. Wenn Teilnehmende kommen, die ganz andere Meinungen haben – zum Beispiel zur Wehrpflicht –, ist das super wichtig und spannend. Wir kommen aus verschiedenen Kulturen, und es ist wichtig und bereichernd für uns, damit konfrontiert zu werden.

Wie geht ihr mit Konflikten um, wenn Menschen zu euch kommen, die nicht eure Ansichten und Werte teilen?

Aquarela: Wir treffen uns vor dem Kurs, zwischen den Terminen und nach dem Kurs, evaluieren zusammen und suchen einen Weg damit umzugehen. Viele Teilnehmende haben Erfahrung in politischen Organisationen und wissen, wie man damit umgehen kann. Es gibt auch Methoden, wie z.B. Rollenspiele, bei denen die Teilnehmenden Meinungen vertreten müssen, die sie normalerweise nicht teilen. Sowas ermöglicht demokratische, dialektische Diskussionen und öffnet den Raum für unterschiedliche Meinungen.

Dario: Wichtig zu verstehen ist dabei: Natürlich soll es einen demokratischen Raum geben – das heißt aber nicht, dass es keine Hierarchien gibt. Die Inhalte werden von uns geführt und definiert. Wenn Leute eigene Interessen mitbringen, können wir das anpassen. Aber es ist kein individualistischer Supermarkt der Bildung. Es gibt immer zwei Dozent:innen, die den Kurs leiten. Diese Rollen können sich auch verändern, aber das findet nicht unorganisiert statt.

Zum Umgang mit unterschiedlichen Meinungen ein Beispiel: Häufig sind in den Kursen viele der Teilnehmenden Frauen, und sie wollten über Feminismus reden. Dann gab es einen Mann im Kurs, der das infrage gestellt hat: Warum können wir nicht auch über Männer reden? Die Gruppe hat sich geschlossen dagegen ausgesprochen – und das Thema wurde nicht weiter diskutiert.

Das Problem besteht dabei nicht nur für den Mann in der Situation – sondern dass sich eine repressive Dynamik in der Gruppe entwickelt hat und keine Debatte stattfand. Da müssen die Dozent:innen schnell reagieren, die Meinung der Person etwas vergrößern und den Konflikt in eine Debatte leiten. Denn beim nächsten Mal wird der Mann seine Meinung nicht äußern und seine Meinung auch nicht verändern. Ein wichtiges Ziel unserer Kurse ist es aber, einen Raum zu schaffen, in dem sich Meinungen durch Debatten verändern können.

Konflikte zeigen sich also anhand von Geschlechterfragen – welche weitere Konfliktlinien zeigen sich in euren Kursen?

Dario: Ein weiteres Problem ist, dass Lehrkräfte in Deutschland häufig keine Erfahrung mit anderen Schichten der Gesellschaft haben. Vor ein paar Jahren gab es eine Frau aus einer armen Region, die Teil der Armee war. Und der Kurs wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Willkommen in der Realität! Die Gestaltung dieser Konfrontationspunkte zwischen einer linken Bewegung und der Realität von Menschen, die noch nicht derselben Meinung sind, kann ein großer Erfolg unserer Arbeit sein.

Ihr seid als Institution staatlich gefördert. Welchen Einfluss hat das auf euch und inwiefern trennt ihr zwischen der Arbeit des Bildungszentrums als pädagogische Institution und einer aktivistischen Gruppe?

Dario: Geld findet immer seine Wege, um Einfluss zu nehmen. Wenn du ein Projekt mit dem Staat durchführst, ist klar, dass du über bestimmte Themen nicht reden kannst. Wir müssen jeden Tag Kompromisse finden – das ist die Realität. Das bedeutet auch, dass die Arbeit des Bildungszentrum Lohana Berkins aufgrund der finanziellen Abhängigkeiten begrenzt ist und einem gewissen Kontrollmechanismus unterliegt.

Das Zentrum ist für uns unsere Arbeit, und wir versuchen, dafür bezahlt zu werden. Lohnarbeit hat ihre Grenzen. Daher ist uns Freiheit im politischen Raum sehr wichtig. Das Zentrum als Institution organisiert Menschen nicht selbst, dafür arbeiten wir eng mit anderen Organisationen zusammen. Das Ziel ist, dass die Arbeit des Bildungszentrums die Organisationen stärkt und bereichert. In dieser Zusammenarbeit liegt das große Potenzial: Educación Popular existiert für mich nur, wenn du eine politische Organisation hast, um den nächsten Schritt zu tun.

In vielen deutschen marxistischen Gruppen gibt es leider ein ziemlich elitäres Verständnis von Bildung. Es wird darum konkurriert, wer etwas besser weiß und wer die „richtige“ Analyse hat. Was könnten deutsche linke Gruppen eurer Meinung nach von der Educación Popular lernen?

Dario: Das ist ein wichtiger Punkt. Ich habe von vielen die Erfahrung gehört, dass sie sich nicht in deutschen linken Gruppen organisieren wollen, weil diese so elitär sind. Alle denken gleich und tun so, als wären sie Expert:innen.

Aquarela: Auch da kommt wieder die Frage in Spiel: Warum lernen wir? Für uns sind Fehler und Zweifel nicht etwas, was wir verhindern wollen. Es sind Mittel, mit denen wir arbeiten wollen. Das Ziel unserer Kurse ist nicht, dass du zeigen kannst, wie intelligent du bist und wie viel du weißt.

Dario: Ein Grund für diese Entwicklung ist – und das war ein Erfolg der kapitalistischen Bildung –, dass man den revolutionären Aspekt des Marxismus abgeschnitten und ihn als reine Theorie verbannt hat. Dann können nur Expert:innen darüber reden. Für uns in Lateinamerika ist Marxismus dagegen eine lebendige Theorie, eine Praxis. Man kann nicht nur Marx in seiner Wohnung im Prenzlauer Berg lesen und dann nichts machen. Egal welchen Revolutionär:in man sich anschaut: Das Wichtigste ist, dass man die Welt verändert.

Wir kämpfen jeden Tag gegen diese elitäre Perspektive. Je mehr du weißt, desto einfacher kannst du Sachen erklären. Wenn ich das Kapital in drei Sätzen erklären kann, heißt das, dass ich viel darüber weiß. In vielen deutschen linken Gruppen ist es andersherum: Wenn ich viel rede, dann weiß ich viel. Deswegen wollen sich viele nicht in diesen Gruppen engagieren und fühlen sich nicht wohl. Natürlich hat das auch mit Gender zu tun – in unseren Kursen sind zum Beispiel die meisten Frauen, weil sie sich vermutlich von der Educación Popular angesprochen fühlen.

Warum ist das in der lateinamerikanischen Erfahrung anders?

Dario: Das liegt an der lateinamerikanischen Geschichte und dem, was in und nach den 1950er-Jahren von linken Organisationen geschaffen wurde – Marxist:innen haben Kurse nach der Educación Popular mit Arbeiter:innen durchgeführt. Mein Opa konnte nach zwei Jahren Schule die Logik des Kapitals erklären. Er hat das einfach durch Diskussionen und Gespräche gelernt.

Das Wissen in Europa ist total abgekoppelt von den einfachen Leuten, von diesen Debatten. Der mündliche Austausch ist daher für uns am wichtigsten. Ich kann viel lesen, aber wenn ich zusammen mit anderen eine Praxis des Austauschs habe, lerne ich viel mehr als nur durch ein Buch.

Aquarela: Auch wenn ich etwas beibringe, lerne ich weiter. Durch die Fragen merke ich: Ok, ich muss einen anderen Weg finden, um etwas zu erklären. Das bringt viel mehr, als große Reden zu schwingen.

Dario: Diese Expert:innenkultur ist eine der größten Herausforderungen, die wir haben. Wir haben z.B. auch einen Kurs für Leute, überwiegend Deutsche, die Spanisch lernen wollen. Und es ist sehr schwierig für die Teilnehmenden ins Reden zu kommen.

Aquarela: Viele sagen nichts, weil sie das Gefühl haben, nicht genug zu wissen. Deutsche Kultur ist Expert:innenkultur. In Lateinamerika kennen wir es so: Ich muss etwas sagen, egal ob ich etwas „richtig“ verstanden habe. Das kann natürlich auch Schwierigkeiten mit sich bringen, aber es ermöglicht eine Diskussion.

Wie kann man diese Expert:innenkultur aufbrechen?

Aquarela: Es gibt natürlich verschiedene Methoden: z.B. Kleingruppenarbeit, verschiedene Konstellationen unter den Teilnehmenden und vieles mehr.

Dario: Es braucht Zeit aber, das zu verändern. Nach drei Monaten kann man erste Veränderungen sehen: dass Leute mehr reden, dass sie merken, dass sie Fragen stellen und Fehler machen können. Für mich ist der perfekte Zeitraum drei Jahre. Dann merkt man bei den Teilnehmenden, dass sie ihre Meinung wirklich vertreten.

Aquarela: Für die Teilnehmenden ist das ein schwerer Prozess. Sie müssen reden, auch wenn es ihnen schwerfällt. Das gilt aber auch für die Leute, die viel reden: Die müssen lernen, ihre Klappe zu halten.

Danke für eure Antworten!

Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mural_Brigada_Ramona_Parra_-GAM_20171127_fRF05.jpg



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Santiago de Chile. Seit Wochen gibt es Proteste an den Universitäten in Chile. Eines der Hauptanliegen der Streikenden ist die kritische Lage der mentalen Gesundheit der Student*innen.

Es ist Streikzeit an den Unis in Chile. Wie oft in den letzten Jahren rief die chilenische Student*innenkonförderation (Confech) am 25. April zum ersten nationalen Streik für die Universitäten in diesem Semester auf. „Wir mobiliseren uns für uns, unsere Familien und ganz Chile, gegen die Verschuldung und für eine Bildung ohne Sexismus, für Finanzierung, Demokratie, Wissensorientierung, Wissenszugang, dem Allgemeinwohl der Student*innen und für Integration!“

Was mit einem Streik begann, entwickelte sich in den letzten Wochen zu einer größeren Protestbewegung auf nationaler Ebene. Vom Norden Chiles, La Serena über Santiago de Chile, Valdivia bis nach Puerto Montt, organisieren sich Universitäten in ganz Chile. Bei allen Bemühungen der Organisator*innen fehlt es an Struktur, Planung und einheitlichen Forderungen. Der Streik scheint nicht in Bewegung zu kommen.

Teure Bildung

Die Streikenden fordern unter anderem mehr Geld zur Förderung von Student*innen. Studieren in Chile ist teuer. An öffentlichen Unis kostet ein Semester bis zu 8.000€ – und das bei einem Mindestloh von umgerechnet 385,90€ pro Monat. In der Konsequenz bedeutet das, dass es sich nur die Oberschicht leisten kann ihre Kinder ohne staatliche Förderprogramme auf die Universität zu schicken. Die Ursprünge dieses neoliberalen Bildungssystems liegen in der 17 Jahre andauernden Militärdiktatur Augusto Pinochets von 1973 bis 1990. In dieser Zeit wurden in Chile Universitäten privatisiert und Studieren zu einem Business gemacht. Über die Jahre hinweg konnte jede Person mit genügend Geld eine Universität ins Leben rufen. Eine der Folgen ist, dass Studiengänge unverhältnismäßig lang dauern. Ein Bachelor dauert im Normalfall zehn Semester, die alle bares Geld für die Betreiber*innen der Universitäten sind.

Die Confech rief den Hashtag #miDeudavale (meine Schulden zählen) ins Leben unter dem Student*innen ein Foto von sich und einem Schild posten, auf dem die Zahl ihrer Schulden steht. Durch diese Aktion soll in Sozialen Netzwerken gezeigt werden, wie sehr Student*innen auf staatliche Hilfe angewiesen sind, die sich bisher in Zuschüssen für Studiengebühren, Miete, Essen und Transport äußerte. Nun sollen diese Gelder für diejenigen gestrichen werden, die die Regelstudienzeit überschreiten. Mehr als 27.000 Student*innen sind davon betroffen. Ihre einzige Möglichkeit das Studium zu beenden, ist es Kredite aufzunehmen, mit denen sie sich hoch verschulden. Die konservative Regierung von Präsident Sebastián Piñera, der gleichzeitig einer der reichsten Chilenen ist, hatte sein Amt Anfang 2018 mit dem Versprechen angetreten, den „kostenlosen Zugang“ zu Bildung auszuweiten. Von diesem Versprechen ist allerdings wenig übrig geblieben.

Mentale Gesundheit an chilenischen Universitäten

Doch die Probleme für die Studierenden gehen über Finanzprobleme hinaus. Mitte April wies als eine der Ersten die Fakultät für Architektur der staatlichen Universidad de Chile auf ein weiteres nationales Problem hin: Die mentale Gesundheit der Student*innen. Laut veröffentlichten Studien über die psychische Gesundheit in Chile befinden sich 44 Prozent der Student*innen in psychologischer Behandlung. 46 Prozent gaben an, depressive Symptome und Angstzustände zu haben. Darüber hinaus leiden 54 Prozent unter Stress, 67 Prozent unter Schlaflosigkeit und 5,1 Prozent haben über Selbstmord nachgedacht. Der lange Weg zum Abschluss eines Studienganges,Überforderung und Leistungsdruck während des Semesters werden als Gründe für den psychologischen Stress angegeben.

Vielleicht ist auch das einer der Gründe, warum sich bisher nicht viele Student*innen am Streik beteiligten. Zu groß könnte die Angst sein, das Semester in wenigen Wochen aufholen zu müssen. Die Universitäten schließen sich nicht zu einem gemeinsamen Streik, es bleibt an einigen Fakultäten hängen, die nicht die Kapazitäten besitzen alleine strukturell etwas zu ändern. Stress und Überforderung sind vorprogrammiert. So wurde aufgrund mehrerer Aufforderungen von Student*innen verschiedener Fakultäten der Streik für beendet geklärt, damit das Semester nicht verlängert wird. Am 8. Mai rief die Confech erneut zu einer nationalen Demonstration für die psychische Gesundheit auf. Akademische Überlastung solle nicht mehr normalisiert werden.

Die Forderung der Studierenden reichen allerdings weiter als reine Bildungsthemen. Die Demo am 8. Mai richtete sich auch gegen die Transpazifische Partnerschaft – kurz TPP-11. Das transnationale, geplante Freihandelsabkommen zwischen elf Ländern im pazifischen Raum, einschließlich Chile, sieht vor, Zölle abzuschaffen und freien Wettbewerb in den Ländern zu ermöglichen. Auf Kritik stößt TPP, da es die Demokratie gefährde und die Rechte indigener Völker, Umweltschutzmaßnahmen und die Freiheit des Internets negativ beeinflusse. Das geplante Freihandelsabkommen schaffe neuen Kolonialismus, privatisiere natürliche Ressourcen und wirke sich negativ auf Arbeits- und Menschenrechte in Chile aus.

Fehlende Mobilisierung und uneindeutige Ziele

Doch wie sinnvoll ist ein Streik, wenn die Mehrzahl der Student*innen aus Angst vor folgender Überforderung und aufzuholender Arbeit gar nicht teilnehmen möchte?

Einige Student*innen kritisieren, der Streik sei zu unorganisiert. „Im gleichen Dokument mit den Forderungen, die bei der Demonstrationsanmeldung der Regierung vorgelegt werden, stehen die Stärkung der Rechte der Indigenen direkt unter der Bekämpfung mentaler Gesundheitsprobleme“, erzählt eine Studentin der humanwissenschaftlichen Fakultät. „Es gibt keine Organisierung. So werden wir nie etwas erreichen. Viel eher sollten einige wenige Punkte intensiver ausgearbeitet werden.“

Tatsächlich scheint jede Woche ein neues Thema zu dem Streik hinzuzukommen. Ursprüngliche Streikforderungen werden ausgeklammert oder nicht mehr beachtet. Um wirklich einige der Forderungen umzusetzen, müssten die Student*innen sich solidarisieren und an wenigen Punkten dafür intensiver arbeiten. Essentielle Forderungen werden sonst unter vielen untergehen. Was bisher fehlte waren auch direkte Vorschläge, wie die Situation verbessert werden soll. Mit konkreten Vorstellungen könnte sich ein Gespräch mit der Regierung etablieren.

Ende Mai entschlossen sich neue Fakultäten zum Streik, so zum Beispiel auch die Fakultät für Philosophie, Geschichte und Sozialwissenschaften der Universidad de Chile. Ein neuer Beweggrund auf der Liste: die Regierung will das Schulfach Geschichte in der Oberstufe nur noch als Wahlfach anbieten und nicht mehr obligatorisch im Lehrplan haben, genauso wie die Fächer Kunst und Sport. Insbesondere der Versuch das Fach Geschichte aus dem festen Lehrplan zu streichen kann als Versuch gewertet werden, die Erinnerung an die blutige Militärdiktatur verblassen zu lassen. In der Vergangenheit gab es bereits Versuche in Schulbüchern die Vokabel „Militärdiktatur“ durch „Militärregierung“ zu ersetzen. Auch so ist die Schaffung eines neuen Geschichtsbild teilweise erfolgreich. Das zeigte zuletzt eine Studie, der zufolge 57% der Achtklässler*innen es befürworten würden, erneut in einer Diktatur zu leben.

Und so geht der Streik recht unentschlossen vor sich hin. Einige Fakultäten steigen in den Streik ein, andere beenden ihn nach mehreren Wochen. Doch richtig aktiv werden die Student*innen nicht. Zu wenig Menschen setzen sich innerhalb der Universitäten für die Forderungen der Confech ein, zu wenig stimmen überhaupt einem Streik zu. Nur eine Minderheit geht entschlossen zur Wahlurne, um für oder gegen einen Streik zu wählen. Es werden kaum Demonstrationen organisiert und auch zu den politischen Versammlungen erscheinen wenige. „Was wirklich fehlt, ist eine größere Effektivtität in den Versammlungen. Nie kamen wir zu einem Ergebnis und deshalb fingen die Menschen an, Interesse zu verlieren“, so Brian Arredondo, Journalismus-Student des 5. Semester.

Mehr Druck auf die Regierung“

Nach wochenlangen Versuchen einen nationalen Streik zu etablieren und Bewegung in die konservativ gedachten Universitäten zu bringen, bleiben nur enttäuschte, erschöpfte Student*innen. Diejenigen, die sich am Streik beteiligten, werden den verlorenen Unterrichtsstoff in den verbleibenden sechs Wochen des Semesters aufholen müssen. Mentale Gesundheit ist gefährdeter denn je. Die Suizidrate an Universitäten in Chile ist gestiegen.

Dabei können groß angelegte Unistreiks durchaus funktionieren. Bei den durch Feminist*innen organisierten Protesten im letzten Jahr beispielsweise besetzten Streikende die Universitäten, landesweit organisierten sie Demonstrationen an denen mehrere Tausend Menschen regelmäßig teilnahmen und öffentlich wurden mehrere Vergewaltiger angeklagt. Durch diverse, organisierte Aktionen im öffentlichen Raum wurde die Einrichtung von Gleichstellungsbüros in den Universitäten erreicht. In den sechs Wochen setzten sich Streikende für eine Bildung ohne Sexismus ein. Eine Aktivistin, die an den Protesten des letzten Jahres teilnahm, meint, um die Aufmerksamkeit der Regierung zu erhalten, brauche der diesjährige Streik mehr Zusammenhalt, politische Effizienz und öffentliche Protestaktionen. Wichtige Probleme gehen durch eine fehlende Organisation und Teilnahmelosigkeit von Seiten der Universitäten unter. Zwar gab es bisher keine Reaktion der Regierung auf die Proteste aber der Öffentlichkeit wird immer klarer, dass es ein Problem an den Universitäten Gibt. Die mentale Gesundheit der Student*innen muss auf nationaler Ebene von den Behörden ernstgenommen werden. „Es sollte mehr Druck auf die Regierung ausgeübt werden, damit sie wirklich etwas ändern“, meint Arredondo. „Ich denke nicht, dass von der Regierung noch von der Universitätsgemeinschaft die Problematiken ausreichend verstanden wurden. Wir sind Menschen und möchten auch so behandelt werden!“

# Jule Pauline Damaske ist in Berlin geboren und studiert Europäische Medienwissenschaften an der Universität Potsdam. Nach einem Semester an der Universidad Nacional de Colombia in Bogotá, studiert sie jetzt Journalismus an der Universidad de Chile in Santiago de Chile.

# Titelbild: Frente Fotográfico Auch Schüler*innen demonstrieren. „Wenn es keine Bildung für mein Volk gibt, wird es keinen Frieden für die Regierung geben“

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In Kolumbien sind die Studierenden seit zwei Monaten im Ausstand. Einstürzende Universitätsgebäude und unbezahlbare Studiengebühren will hier niemand. Endlich reagiert die Regierung mit einem Finanzierungsvorschlag. Unsere Autorin berichtet aus Bogotá.

Donnerstag, 13. Dezember, der 64. Tag des nationalen Bildungsstreiks in Kolumbien. Wieder versammeln sich Studierende in ganz Kolumbien mit Flaggen und Parolen enthusiastisch auf den Hauptplätzen ihrer Universitäten um zusammen zu demonstrieren. Nicht nur Studierende sind anwesend. Große Teile der Bevölkerung unterstützen mittlerweile ihre Forderungen. Den Streikenden ist anzusehen, dass sie erschöpft sind. Es sind nicht mehr die gleichen Menschenmassen, wie bei den ersten Demonstrationen, aber die Motivation hält weiter an. Sie sehen Hoffnung in den wöchentlich organisierten Protesten. (mehr …)

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