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Wer ist Shabir?

Shabir Baloch war ein prominenter belutschischer Studentenführer, der als zentraler Informationssekretär der Baloch Students Organization–Azad (BSO-Azad) tätig war. Am 4. Oktober 2016 wurde er während einer Militäroperation in Gowarkop im Distrikt Kech in Belutschistan von pakistanischen Sicherheitskräften entführt. Seine Frau und seine Familienangehörigen wurden Zeugen der Entführung. Seitdem ist sein Verbleib unbekannt. Amnesty International veröffentlichte einen dringenden Aktionsaufruf (UA 232/16), in dem gewarnt wurde, dass Shabir ernsthaft von Folter und außergerichtlicher Hinrichtung bedroht sei. Trotz wiederholter Appelle haben die pakistanischen Behörden weder seine Inhaftierung bestätigt noch ihn vor Gericht gestellt. Seine Familie, insbesondere seine Frau Zarina und seine Schwester Seema, haben einen unermüdlichen Kampf geführt und Proteste, Sitzstreiks und Aufklärungskampagnen in Belutschistan, Karatschi und Islamabad organisiert.

Shabirs Fall ist zum Symbol für Tausende von Fällen von Verschleppungen in Belutschistan geworden, wo der Staat nicht nur Krieg gegen die Körper seiner Bevölkerung führt, sondern auch gegen ihr Gedächtnis, ihre Würde und ihren Widerstand.

Der Brief

An meinen geliebten Shabir,

ich sende dir meine Grüße. Ich kann dich nicht nach deinem Befinden fragen, denn in den Gefängnissen und Folterkammern dieses Staates geht es niemandem gut.

Shabir, seit diesem Tag, dem 4. Oktober 2016, sind die Farben unseres Lebens verblasst. Belutschistan sieht mehr denn je wie ein Kriegsgebiet aus. Jeden Tag verschwinden Menschen gewaltsam, und unzählige Leichen werden auf verlassene Straßen und in die Dunkelheit der Nacht geworfen.

Du hast bei deinen Versammlungen oft gesagt, dass der Staat die Belutschen wie Tiere behandeln würde. Damals habe ich das vielleicht nicht ernst genommen. Aber heute, wo ich diese Grausamkeit mit eigenen Augen sehe, treffen mich deine Worte jeden Tag wie ein Stich ins Herz. Ich hätte nie gedacht, dass ich, deine Schwester, dir eines Tages von diesen Umständen berichten würde. Ich habe immer geglaubt, dass du derjenige sein würdest, der mir erklärt, wie sich Sklaverei wirklich anfühlt.

Aber heute ist es meine Feder, die sich bewegt, und ich schreibe diesen Brief, um dir zu erzählen, wie sich unsere Welt verändert hat, seit du verschleppt wurdest, und wie Belutschistan brennt.

Shabir, ich bringe es nicht über mich, Ammas (Mutter) Geschichte voller Trauer und Kummer zu schreiben, also vergib mir bitte im Voraus. Sie sitzt Tag und Nacht an der Tür und hofft, dass ihr Shabir zurückkehrt, damit sie dich an ihre Brust drücken und die Jahre des Schmerzes wegwaschen kann. Sie bleibt nachts wach, als wäre auch ihr Schlaf mit dir gefangen.

Zarina, Shabir’s Ehefrau mit einem Poster: „Ich weiß nicht ob ich Shabir’s Ehefrau oder Witwe bin!“

Shabir, seit deinem Verschwinden ist das Glück aus unserem Haus gewichen. Zarina ist nicht mehr die Zarina, die du einmal kanntest. Ihr Lächeln ist verschwunden. Sie geht nicht mehr zu Zusammenkünften, sie spricht nicht mehr. Shabir, Zarina ist still geworden. Ich sage ihr immer wieder, sie solle sich erholen, neue Kleider tragen. Aber sie wird nur still und sagt:

„Ich werde mich erst schmücken, wenn mein Shabir zurückkehrt. Dann werde ich wieder eine Braut sein.“

Und als sie das sagt, laufen ihr Tränen über das Gesicht. Ich kann es nicht ertragen.

Ich habe beschlossen, dir diesen Brief zu schreiben, aber Shabir, wie kann ich neun Jahre in einem einzigen Brief zusammenfassen? Trotzdem versuche ich es.

Weißt du noch, wie wir eines Tages zu einer Kundgebung nach Karachi gefahren sind? Zarina und ich waren die ersten, die im Presseclub ankamen. Aber die Polizei war bereits da. Sobald wir ankamen, steckten sie uns in ein Fahrzeug und brachten uns zu ihrem Kontrollpunkt. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich in einen Polizeiwagen gesetzt wurde. Ich hatte schreckliche Angst; Tränen füllten meine Augen. Aber meine Angst galt nicht mir selbst. Ich dachte nur an dich, wie du wohl in ein solches Fahrzeug gezerrt, geschlagen und mit verbundenen Augen festgehalten worden sein musstest.

Aber Zarina, deine liebe Zarina, tröstete mich und sagte:

„Mach dir keine Sorgen, wir sind nur am Kontrollpunkt. Uns wird nichts passieren.“

Unser Leben besteht nun darin, uns gegenseitig zu trösten. Später wurden wir freigelassen, aber diese Momente werden uns immer im Herzen bleiben.

Shabir, der Schmerz ist so tief, dass selbst die Feder zögert, ihn zu beschreiben. Kennst du einen jungen Mann namens Zeeshan Zaheer, der für die Freilassung seines vermissten Vaters kämpfte? Eines Nachts wurde auch er gewaltsam verschleppt. Am nächsten Morgen wurde seine verstümmelte Leiche vor sein Haus geworfen, als wäre sie ein „Geschenk“. Sein Märtyrertod stürzte ganz Belutschistan in Trauer. Die Menschen strömten in alle Städte, es wurden Kundgebungen abgehalten und Kerzen angezündet. Auch wir veranstalteten unter dem Banner des BYC (Baloch Yakjehti Committee) eine Kundgebung am Hub-Kontrollpunkt.

Alle vergossen Tränen über Zeeshans Märtyrertod. Aber als wir den Hub-Checkpoint erreichten, hatte die Polizei den Presseclub bereits umzingelt. Sie versuchten, uns aufzuhalten, aber wir weigerten uns, uns zurückzuziehen, und begannen eine friedliche Kundgebung auf der Straße. Innerhalb weniger Minuten griff die Polizei an. Sie schlugen uns, traten uns, schossen auf uns und stießen uns in Fahrzeuge, wobei sie uns mit Worten beschimpften, die uns bis ins Mark erschütterten.

Shabir, ich habe mich an diesem Tag immer wieder gefragt, welches Verbrechen wir begangen hatten, dass wir geschlagen, beschimpft und gedemütigt wurden. Wir wurden zum Checkpoint gebracht.

Und dann verstand ich: Der Staat foltert uns nicht nur, weil wir unsere Stimme erheben. Er foltert uns, weil er weiß, dass wir nicht mehr unwissend sind. Er weiß, dass Aktivisten wie du, die in seinen Folterzellen eingesperrt sind, uns bewusst gemacht haben.

Der Staat kann versuchen, uns zu unterdrücken, so viel er will, aber solange wir atmen, werden wir weiterhin unsere Stimme für dich und für jeden vermissten Belutschen erheben.

Shabir, nach Zeeshans Märtyrertod, als wir zum Kontrollpunkt gebracht wurden, beschimpften und verfluchten sie uns weiter. Wir wurden wie Kriminelle eingesperrt. Stunden vergingen in erstickender Hitze, und sie gaben uns kein Wasser. Einige der jüngeren Kinder, die bei uns waren, fingen vor Angst an zu weinen.

Spät in der Nacht holten sie uns nacheinander heraus. Die Polizistinnen schlugen uns, zogen uns an den Haaren und stießen uns herum. Dann schoben sie uns wieder hinein. Wir fragten immer wieder: „Welches Verbrechen haben wir begangen? Welches Gesetz haben wir gebrochen?“ Aber statt Antworten bekamen wir nur weitere Tritte und Beleidigungen.

Zwei oder drei Stunden später ertönte plötzlich eine laute Stimme: „Steht auf, ihr werdet freigelassen. Eure Leute sind gekommen, um euch abzuholen.“ Aber Shabir, niemand empfand in diesem Moment Freude. Wir alle sahen uns geschockt und verängstigt an und fragten uns, ob es sich um eine weitere Falle handelte.

Sie brachten uns aus dem Kontrollpunkt heraus und fuhren uns in Polizeifahrzeugen weit weg. Wir dachten, wir würden freigelassen, aber stattdessen brachten sie uns ins Gadani-Gefängnis. Dort wurden wir in schmutzige, stinkende Zellen gesteckt, in denen selbst Tiere sich weigern würden zu bleiben. Der Geruch war unerträglich, überall wimmelte es von Mücken. Wir konnten die ganze Nacht nicht schlafen.

Am nächsten Morgen nahmen sie unsere Namen auf und ließen uns in Reihen stehen, als wären wir Kriminelle. Dann brachten sie uns altes Essen, das kaum genießbar war. Einige der jüngeren Mädchen konnten überhaupt nichts essen. Unsere Kleidung war von den Schlägen zerrissen, unsere Haare zerzaust, unsere Gesichter geschwollen. Aber Shabir, nichts davon hat unseren Geist gebrochen.

Wir standen vor den Gefängnisbeamten und sagten:

„Wir sind keine Kriminellen. Wir sind hier, weil wir unsere Stimme für unsere vermissten Brüder erhoben haben. Wenn Sie glauben, Sie könnten uns mit Gefängnissen zum Schweigen bringen, irren Sie sich. Wir werden unsere Stimme noch lauter erheben als zuvor.“
Nach zwei Tagen ließen sie uns plötzlich ohne Erklärung frei. Sie ließen uns mitten in der Nacht am Straßenrand stehen. Wir kamen erschöpft zu Hause an, unsere Körper waren voller Blutergüsse, aber unsere Entschlossenheit war stärker denn je.

Shabir, was ich dir sagen möchte, ist Folgendes: Der Weg, den du uns gezeigt hast, das Bewusstsein, das du uns vermittelt hast, lebt weiter. Der Staat mag uns in Kontrollpunkte, Folterzellen oder Gefängnisse stecken, aber er kann die Kette des Widerstands nicht brechen.

Shabir, erinnerst du dich, wie unsere Schwester Seema vor neun Jahren noch zu schüchtern war, um überhaupt zu sprechen? Sie konnte nicht einmal richtig Urdu sprechen. Aber heute, Shabir, steht Seema auf den Straßen von Karachi und Islamabad und trotzt dem Staat auf Urdu.

Deine Trauer hat uns stark gemacht, Shabir. Wir wachsen in unserer Trauer.

Nun beende ich diesen Brief mit der einzigen Hoffnung, dass dieser Schmerz der Trennung eines Tages ein Ende haben möge. Aber die liebevollen Erinnerungen an dich werden immer in meinem Herzen weiterleben. Und ich gebe dieses Versprechen: Solange wir atmen, wird keiner von uns aufhören, für die Verschwundenen Widerstand zu leisten.

Shabir, wir haben von Dr. Mahrang Baloch gelernt, dass Widerstand Leben ist, und in diesem bleiben wir am Leben.

Die bitteren Erinnerungen an deine Abwesenheit können niemals ausgelöscht werden. Ich kann nur eines wünschen: dass du zusammen mit allen Verschwundenen bald zurückkehrst, damit auch wir wie andere Menschen auf der Welt leben können.

Deine kleine Schwester,
Sammul

Sammul mit einem Bild ihres Bruders

Schlussbemerkung

Shabirs Geschichte ist nicht nur der Schmerz einer Familie. Es ist der Schmerz einer Nation, in der Tausende von Müttern, Ehefrauen und Schwestern weiterhin auf ihre verschwundenen Angehörigen warten. Dieser Brief, geschrieben in Liebe und Schmerz, ist auch ein Manifest des Widerstands: ein Beweis dafür, dass selbst in den dunkelsten Zellen die Erinnerung überlebt und der Kampf für die Freiheit nicht zum Schweigen gebracht werden kann.

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Von Ruzhn, Belutschische politische Aktivistin

Am 24.06.2025, dem zweiten Märtyrertumstag von Sumaiya Qalandarani Baloch, der zweiten weiblichen Fedayin der Elite-Majeed-Brigade der Baloch Liberation Army (BLA), veröffentlichte der BLA-Medienzweig Hakkal ein kraftvolles Tribut-Video (Anm. der Redaktion: Das Wort kommt aus dem Arabischen und beschreibt eine Person oder Gruppe, die bereit ist, alles für den Kampf zu opfern, auch das eigene Leben). Darin erscheint eine namenlose Baloch-Frau in voller Kampfausrüstung, die neben einer AK-47 und unter der Flagge von Belutschistan sitzt, ihr Gesicht tiefblau maskiert. Ruhig. Trotzig. Entschlossen.

Ihre Stimme, klar und unerschütterlich, durchbricht Jahrzehnte des Schweigens und der Propaganda, die Baloch-Frauen als bloße Trauernde dargestellt haben – Ehefrauen, Töchter und Schwestern, die zurückbleiben. Doch diese Frau ist, wie jene vor ihr, nicht zurückgeblieben. Sie schreitet voran.

Die belutschischen Selbstmordattentäterinnen: Eine Chronologie des Widerstandes

In den letzten drei Jahren hat die BLA vier weibliche Fedayin in die Schlacht eingeführt, die jeweils eine Verschiebung der geschlechtsspezifischen Zusammensetzung des Aufstands darstellen:

Shari Baloch — Die Erste

Als eine Lehrerin und Mutter von zwei Kindern, führte Shari den ersten weiblichen Selbstmordanschlag Südasiens auf chinesische Staatsangehörige durch. Am 26. April 2022 griff sie einen Lastwagen außerhalb der Karachi University an und tötete vier Menschen, darunter drei chinesische Lehrer. Sie war gebildet, ideologisch geschult und bei ihrer Wahl nicht zufällig – eine Tatsache, die von der BBC bestätigt wurde, die ihren Hintergrund als Psychologiestudentin und Lehrerin veröffentlichte.

Warum chinesische Staatsangehörige? Weil China eine zentrale Rolle in Balochistan spielt durch den multibillionen US-Dollar umfassenden China-Pakistan Economic Corridor (CPEC), ein Spitzenprojekt der Belt and Road-Initiative (BRI) Chinas. Dieses Projekt durchquert Balochistan und steht in der Kritik wegen Landenteignung, Ressourcenausbeutung und militärischer Besetzung durch Pakistan im Dienst chinesischer Interessen. Für Gruppen wie die BLA ist der Angriff auf chinesische Staatsangehörige eine strategische Handlung – Ziel ist nicht nur eine fremde Macht, sondern eine koloniale Allianz anzugreifen. 

Sumaiya Qalandarani Baloch — Die Zweite 

Aus Kalat war Sumaiya die zweite Frau, die einen Selbstmordanschlag im Rahmen der BLA-Majeed-Brigade verübte. Ihre Operation im Jahr 2023 wurde ikonisch für das disziplinierte Training und die ideologische Klarheit der Brigade. Balochwarna News veröffentlichte das offizielle Tribut-Video, und Sumaiya ist seither zu einer mobilisierenden Figur geworden. 

Mahal Baloch — Die Dritte 

Mahal Baloch, auch bekannt unter ihrem Kampfnamen Zilan Kurd, war eine 23-jährige Jurastudentin aus Gwadar. Am 26. August 2024 zündete sie eine Selbstmord-Auto-Bombe auf einer pakistanischen Militärbasis in Bela während der BLA-„Operation Herof“. Ihre endgültige Video-Botschaft, posthum vom BLA veröffentlicht, betonte ihr ideologisches Engagement und zog Inspiration aus kurdischen Widerstandsfiguren. Mahlahs Akt markierte einen bedeutenden Moment im Aufstand und spiegelte die wachsende Rolle gebildeter Baloch-Frauen in strategischen Operationen wider. 

Shari Baloch, Mahal Baloch, Mahekan Baloch und Sumaiya Qalandarani Baloch

Mahekan Baloch — Die Vierte 

Mahekan sprengte sich am 26. März 2025 in Kalat in die Luft und verursachte Zerstörung an der pakistanischen Militärainfrastruktur.

Und nun, im Juni 2025, tritt die unbekannte Kämpferin in Hakkals neuestem Video auf – nicht mit einer Bombe, sondern mit einer Waffe und einer Erklärung. Sie ist noch kein Märtyrer. Sie ist eine lebendige Strategie.

Militarisierung jenseits der Ausnahme: Eine neue insurgente Doktrin

Aus Sicht der Verteidigungs- und Strategiestudien ist die zunehmende Präsenz von belutschischen Frauen in militanten Rollen nicht nur gesellschaftlich bedeutsam – es ist Teil einer revolutionären Doktrin.

Es geht nicht mehr um einzelne Zahlen. Hier geht es um ein System:

  • Fidayeen-Einheiten mit Gender-Integration: Die Selbstmordkommandos der Majeed-Brigade sind jetzt geschlechtergemischt und in operativer Sicherheit, Zielwahl und ideologischer Disziplin ausgebildet.
  • Psychologische Kriegsführung durch Symbolik: Die namenlose Kämpferin im Video von 2025 erklärt: „Der Sarg einer Tochter ist nicht länger ein Symbol der Trauer – er ist eine Fahne, die im Namen der Freiheit gehisst wird.“ Mit dieser Botschaft wird das Märtyrertum als mobilisierende Doktrin neu definiert.
  • Operative Elastizität des Geschlechts: Der Einsatz von Frauen als Selbstmordattentäterinnen und Guerillakämpferinnen erschwert die geheimdienstliche Arbeit und macht herkömmliche Modelle zur Einschätzung von Bedrohungen obsolet.
  • Doktrin der Übergangskriegsführung: Der belutschische Aufstand geht von einer Guerillataktik in den Bergen zu einem städtischen Selbstmordkrieg über – einem Hybridmodell. Belutschische Frauen spielen bei diesem Wandel eine zentrale Rolle.

Kontextualisierung des Widerstands in Südasien

Um den Paradigmenwechsel der Belutsch:innen besser zu verstehen, hilft es, ihn mit anderen Widerstandsbewegungen in der Region zu kontrastieren.

In Kashmir gab es jahrzehntelangen bewaffneten Widerstand gegen die indische Herrschaft. Der Aufstand ist jedoch weitgehend männlich dominiert, wobei Frauen vor allem eine Rolle in zivilem Protest und der Menschenrechtsarbeit spielen – wie die Mütter der Verschwundenen. Der Konflikt wird oft als binärer Konflikt zwischen Indien und Pakistan dargestellt, wodurch wenig konzeptioneller Raum für innere Stimmen ideologischen Widerstands oder geschlechtsspezifischer Militärdoktrin bleibt. Weibliche Militanz ist praktisch nicht vorhanden.

In Assam und dem weiteren Nordosten haben Gruppen wie ULFA und NSCN historisch Frauen einbezogen, jedoch meist in auxiliaren oder unterstützenden Rollen. Anders als in Belutschistan haben sie nicht den Kern der aufständischen Propaganda oder strategischen Transformation gebildet. Aktivistinnen wie Irom Sharmila führten starke gewaltfreie Kampagnen (insbesondere gegen AFSPA), doch diese basierten auf zivilem Widerstand, nicht auf einem bewaffneten Kampf.

Im Fall von Belutschistan ist es anders: Hier stehen Frauen nicht nur in Symbolik, sondern in operativer Strategie im Mittelpunkt – sie erscheinen in Selbstmord-Operationen, bewaffneten Videos und gestalten den aufständischen Diskurs.

Strategische Botschaften: Jenseits südasiatischer Normen

Dieser Moment ist beispiellos in Südasien. Weder in Kaschmir noch in Assam und nicht einmal unter den maoistischen Aufständischen Indiens haben wir eine so bewusste und sichtbare Integration von Frauen in die Kämpfe erlebt.

Die Frauen formen Aufstände weltweit nicht nur als Teilnehmende, sondern als ideologische Akteurinnen. Von Leila Khaled in Palästina bis Arin Mirkan der kurdischen YPJ haben Frauen den Widerstand angeführt – nicht nur mit Waffen, sondern mit Überzeugung und Vision. Der kurdische Kampf hat Geschlecht in seiner Militärdoktrin institutionalisiert. Im Gegensatz dazu präsentiert Belutschistan einen einzigartigen Fall: Zwar nicht formell in den bewaffnete Flügel eingegliedert, haben belutschische Frauen sich konsequent als Stimmen des Widerstands durch Protest, Organisation und symbolische Widerstand gezeigt. Ihre Präsenz ist keine Ausnahme, sondern ein wiederkehrendes Prinzip, das uns zwingt, die geschlechtsspezifischen Annahmen zu überdenken.

Wie Wissenschaftler des LSE Gender Institute argumentieren, wird geschlechtsspezifischer Widerstand in Südasien nach wie vor nicht ausreichend theoretisiert (Riley & Grewal, 2019). Der Fall der Belutsch:innen bietet ein überzeugendes Gegenargument.

Taktische und doktrinäre Konsequenzen

Aus Sicht der militärischen Analyse hat die Einbeziehung von Frauen den Kriegsschauplatzes erweitert: Frauen operieren in städtischen, ländlichen und nachrichtendienstlichen Feldern, wodurch starre Annahmen über das Schlachtfeld durchbrochen werden.

Sie hat die Propagandakriegsführung verändert: Das Bild einer gebildeten Frau, die sich eine Selbstmordweste umschnallt, widerspricht Stereotypen. Der Staat kann so schwerer einen „vom Ausland gesponserten Terrorismus“ propagieren.

Zudem hat sie die Staatsdoktrin aufgebrochen: Das pakistanische Modell der Aufstandsbekämpfung ist paternalistisch, stammesbezogen und geschlechtsspezifisch. Wenn es mit Frauen wie Shari und Sumaiya konfrontiert wird, gerät es in eine strategische Identitätskrise.

Den Tod nicht verherrlichen, sondern die Strategie verstehen

Das neue Hakkal-Video ist mehr als eine Hommage. Es ist ein Manifest, es sagt Pakistan, China und der Welt: Belutschische Frauen sind keine Kollateralschäden. Sie sind Kämpferinnen. Keine Unterstützungssysteme. Sie sind Systeme des Widerstands. Ihre Anwesenheit bedeutet, dass der Aufstand nicht nur reaktiv ist. Er ist ideologisch ausgereift, militärisch koordiniert und psychologisch strategisch.

Wie in der Internationalen Überprüfung des Roten Kreuz festgestellt wurde, verändern Frauen in bewaffneten Gruppen sowohl die interne Kommandodynamik als auch die externe Legitimität.

Schlussfolgerung: Die neue Doktrin ist Sie.

Der belutschische Widerstand ist nicht länger ein „Krieg des Mannes“. Frauen wie Shari, Sumaiya, Mahal, Mahekan – und jetzt auch die namenlose Frau – sind keine Hilfskräfte. Sie sind die Urheber der Strategie der Aufständischen.

In der Vergangenheit war der Widerstand stammesbezogen. Dann wurde er nationalistisch. Jetzt ist er geschlechtsspezifisch und ideologisch – verwurzelt in einer Doktrin, in der Märtyrertum, Erinnerung und Feuer gleichermaßen von Söhnen und Töchtern getragen werden.

Und so ist der Schleier kein Schweigen mehr – er ist eine Tarnung, der Sarg der Tochter ist kein Kummer mehr – er ist eine Doktrin, und die Frau mit der Waffe ist keine Geschichte mehr – sie ist die Strategie.

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Wer ist Shabir? Shabir Baloch war ein prominenter belutschischer Studentenführer, der als zentraler Informationssekretär der Baloch Students Organization–Azad (BSO-Azad) tätig […]

Von Ruzhn, Belutschische politische Aktivistin Am 24.06.2025, dem zweiten Märtyrertumstag von Sumaiya Qalandarani Baloch, der zweiten weiblichen Fedayin der Elite-Majeed-Brigade […]

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