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In den aktuellen Wochen jagt eine Überraschung die andere: Der FC Bayern wurde deutscher Meister, beim Angriff der USA auf den Iran ging es anscheinend gar nicht um Menschenrechte, nach dem Frühling beginnt jetzt wohl der Sommer und plötzlich wechselt mit Nicholas Potter auch noch ein Linker zum Springerverlag. Das ist selbstredend ein Witz und jeder Mensch, der klar denken kann, weiß, dass Nicholas Potter mit einem intakten moralischen Kompass und Vernunft in etwa so viel zu tun hat wie Trump mit dem Friedensnobelpreis und daher bei Springer genauso gut aufgehoben ist wie Ulf Poschardt. In der Negativen Dialektik spricht Adorno von der Kälte als dem „Grundprinzip der bürgerlichen Subjektivität, ohne das Auschwitz nicht möglich gewesen wäre.“ Wer mitverfolgt, wie Nicholas Potter – nach dem Tod von über 70.000 Menschen in Gaza, der Beteiligung der deutschen Regierung an Israels genozidaler Politik und der massiven Repression gegen die Opposition dieses andauernden Verbrechens – in seiner selbstgefälligen Art mit Interviews durch die bürgerliche Presselandschaft zieht, und statt auch nur ein einziges Wort über das Leiden in Gaza zu verlieren, es zur obersten Notwendigkeit erklärt, noch härter gegen die palästinasolidarische Bewegung vorzugehen, bekommt einen sehr klaren Eindruck davon, was mit dieser „bürgerlichen Kälte“ gemeint ist. Während die Angeklagten der „Ulm 5“ seit vier Monaten in Untersuchungshaft und nun in Glaskäfigen vor Gericht sitzen und die Teilnehmer:innen der Flotillas nach Gaza nach der Gefangennahme durch Israel gefoltert werden, lässt Nicholas Potter keine Gelegenheit aus, immer wieder seinen eigenen Mut im Kampf gegen die „neue autoritäre Linke“ hervorzuheben. Dabei ist die Diskrepanz zwischen seiner Selbstinszenierung als selbstkritischer Feingeist, der sich permanent intellektuell über andere zu erheben meint, und seiner völligen Begriffslosigkeit, die Meinen mit Denken und Floskeln mit Argumenten verwechselt, wirklich bemerkenswert. All das könnte man getrost ignorieren, wenn man nicht wüsste, dass es genug Leute gibt, die ihm abnehmen, dass seine Erfindung der „neuen autoritären Linken“, irgendetwas mit kritischer Sozialpsychologie zu tun hätte und eine notwendige Kritik der Linken darstelle, die in der Tradition der kritischen Theorie stehe. Es gäbe viel an der Frankfurter Schule zu kritisieren, doch in Deutschland kommt einem immer wieder die eigenartige Aufgabe zu, sie erst einmal vor den Leuten zu verteidigen, die sich selbst in deren Tradition verorten.


Ein Interview wie ein Post auf Truth Social

Exemplarisch (nicht nur) für Potters totale Begriffslosigkeit ist ein Interview mit dem taz-Redakteur Jan Feddersen und dem Bild-Journalisten Benjamin Scherp vom März 2026, in dem Potter erläutert, wie er – in seinem heroischen Akt des investigativen Journalismus – den Begriff der „neuen autoritären Linken“ geprägt hat, indem er den Verlust liberaler Werte in der Linken nachwies. Die drei Journalisten beginnen dann – und das ist kein Witz! – ohne ein Wort über das Vorgehen Israels in Gaza zu verlieren, nacheinander ihre Fassungslosigkeit darüber zu bekunden, wie so viele junge Menschen – „die neue autoritäre Linke“ – plötzlich eine so ablehnende Haltung gegenüber Israel entwickeln konnten. Der Grund sei ein grassierender Antisemitismus bzw. Anti-Zionismus (die Begriffe werden von den drei selbsterklärend synonym verwendet) als zentrales Motiv, das die jungen Menschen auf die Straße treibt und eine alarmierende Bedrohung der Demokratie durch den linken Autoritarismus darstelle. Potter berichtet, dass diese Menschen in ihrem Wahn sogar so weit gingen, zu behaupten, dass der deutsche „Qualitätsjournalismus“ (Potter) nicht objektiv über den Krieg in Gaza berichte.

Seinen Höhepunkt findet dieses Meistwerk des „Qualitätsjournalismus“ dann in den Lösungsvorschlägen zur Rehabilitierung der liberalen Werte in der Linken. Um diese vor den „neuen autoritären Linken“, die „zunehmend gegen Leute vor[gehe], die nicht auf Linie sind“ (Potter) und „keinen lebendigen Diskurs toleriert, sondern […] hart sanktioniert“ (Potter), fordern sie die Linkspartei dringend auf, über den Ausschluss von Ramsis Kilani und Martha Wütrich hinaus, ihre Partei weiter vor Andersdenkenden zu säubern, um koalitionsfähig für die CDU zu bleiben. Selbst in einem Post von Trump haben die benutzten Wörter nicht weniger Bedeutung. Sogar für Teile seines zukünftigen Kollegiums bei Springer, das ja wahrlich keine hohe intellektuelle Messlatte anlegt, wenn gegen die Linke geschossen wird, ist der Inhalt von Potters Buch zu flach, um ihn irgendwie noch schönzufärben. Zwar mag natürlich auch der Autor der Rezension, Jakob Hayner, die „Kufiya-Linken“ überhaupt nicht, seine Kritik hat sich aber in Teilen gewaschen: „Das führt zum Grundproblem von Potters Buch: Was nämlich auf den knapp 250 Seiten mit all den Indizien vergeblich sucht, ist ein belastbarer Begriff der „neuen autoritären Linken“. […] Und politisch falsches oder schlicht strafbares Verhalten stets mit dem Etikett „autoritär“ zu versehen, suggeriert zwar sozialpsychologische Expertise in der Tradition der Frankfurter Schule („Studien zum autoritären Charakter“), erklärt aber in Wirklichkeit so gut wie gar nichts.“ Chapeau!

„Autorität“: vom dialektischen Begriff zum leeren Container

Letztendlich ist Potters Buch ein besonders paradigmatisches Beispiel für den Übergang von der aufklärerischen Begriffsbildung in die Beliebigkeit irgendwelcher Wortschöpfungen, die der Adorno-Schüler Detlev Claussen einst auf einem Kongress in Berlin auf den Punkt brachte: „Neue Wörter wie ‚Wissensgesellschaft‘ oder ‚Risikogesellschaft‘ sind eher Labels denn Begriffe; alte Wörter wie Nation und Ideologie werden wie leere Container benutzt; aber ihre begriffliche Dimension wird verkannt. Die Anstrengung des Begriffs ist die Aufgabe, die Hegel jeglicher kritischen Theorie hinterlassen hat.“ Die „neue autoritäre Linke“ ist ein Label, bei dem die einzige Anstrengung darin besteht, den Inhalt von Begriffen so zu verkehren, dass sie Potters eigener Meinung entsprechen. Da die Kulturindustrie aber nun einmal so funktioniert, wie sie funktioniert – das gilt für Beiträge über den Wal Timmy (bzw. Hope) wie für das Buch von Nicholas Potter – bemisst sich der ökonomische Erfolg eines Produkts nicht an dessen Qualität. Und Potter trifft zielsicher den Zeitgeist, der sich täglich weiter nach rechts verschiebt und für den ein selbsternannter „Linker“, der den Teil der Linken, der sich noch etwas anderes vorstellen kann als die bürgerliche Gesellschaft, kollektiv als „autoritär“ diffamiert, Wasser auf die Mühlen ist. Dass sich Nicholas Potter dann auch noch herausnimmt, den Umgang der Linken mit Journalist:innen zu kritisieren, ist in etwa so dreist, als würde Jens Spahn die deutsche Öffentlichkeit ermahnen, Politiker:innen nicht pauschal unter Korruptionsverdacht zu stellen.


Eine Debatte über die Notwendigkeit und die Gefahr von Autorität hat es in der revolutionären Linken, von Marx über Lenin und Luxemburg bis zur Frankfurter Schule schon immer gegeben. Die ist auch deutlich komplexer als es die Gegner:innen der „autoritären roten Gruppen“ gerne hätten. Rosa Luxemburg war nicht etwa die bürgerlich-demokratische Gegenspielerin zu Lenin, sondern hielt die Ausweitung der Oktoberrevolution zur Errichtung „Diktatur des Proletariats“ auch in Westeuropa für die notwendige Bedingung für den Übergang in die kommunistische Gesellschaft. Und auch Adorno bekundete in einem Brief an Max Horkheimer eindeutige Sympathien für Lenins Konzept der Avantgarde und die „Diktatur des Proletariats“ und warf Fromm ein mangelndes Verständnis für deren Notwendigkeit vor. Einig waren sich alle darin, dass dialektisches Denken Begriffe nicht einfach hinnimmt, wie sie im Alltag halt so verwendet werden, sondern eben die Anstrengung unternimmt, genau das zu hinterfragen. Über Potters heißgeliebte Demokratie schrieb Lenin: „Wenn man nicht den gesunden Menschenverstand und die Geschichte zum Gespött machen will, so ist klar, dass man nicht von ‚reiner Demokratie‘ sprechen kann, solange verschiedene Klassen existieren, dass man da nur von Klassendemokratie sprechen kann. […] Die ‚reine Demokratie‘ ist die verlogene Phrase eines Liberalen, der die Arbeiter zum Narren hält.“ Genauso verlogen ist aber Potters ganzes Buch natürlich und dass er der Linken immer wieder vorwirft zu wenig über Klasse zu sprechen (während er ansonsten hauptsächlich zu Missständen in der Berliner Technoszene publiziert) macht die ganze Sache nur noch absurder.

Wie in seinen Interviews geht es in dem Buch in erster Linie um ihn selbst und seine persönlichen Erfahrungen, die er irgendwie, irgendwo und irgendwann mit irgendwelchen Linken gemacht hat, aus denen er induktiv ein allgemeines Bedrohungsszenario konstruiert. Die „neue autoritäre Linke“ ist daher das, was Claussen als Label Gegensatz zum Begriff im Sinne Hegels bezeichnete. Es ist ein Produkt einer Meinung, deren Urteil von vornherein feststeht, und das alle Widersprüche ignoriert, die das vorgefertigte Urteil infrage stellen könnten. Schon im Titel von Potters Buch – „Die neue autoritäre Linke – eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft“ – ist das Wesentliche geklärt. Die demokratische Gesellschaft ist gut und muss vor der bösen autoritären Linken verteidigt werden. Von einem „universellen Schuldzusammenhang“ (Adorno), in den die demokratischen Gesellschaften verwickelt sind und die Frage ob Gegebenheiten wie der Schutz leerstehender Häuser vor Obdachlosen, Tausende von Toten an den EU-Außengrenzen, Milliarden von Menschen, die durch globale Ausbeutungsverhältnisse im Elend Leben, deutsche Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien oder an die faschistische Regierung in Israel, Deutschlands aktuelle Verhandlungen mit der Taliban über zeitnahe Abschiebungen usw. nicht auch etwas mit dem zutiefst autoritären Charakter unserer demokratischen Gesellschaft zu tun haben, will Potter aber im Sinne der Widerspruchsfreiheit nichts wissen. Wir sind die Guten! Und angesichts des Zustands der Welt im Jahr 2026 ist es nun das Wichtigste, ein Buch zu schreiben, in dem alle, die sich gegen diese Weltordnung zur Wehr setzen, zur bösen autoritären Bedrohung dieser guten demokratischen Gesellschaften erklärt werden.

Kritische Theorie als Bedürfnis Leiden beredt werden zu lassen

Das sich durchziehende Motiv von Potters Buch ist dabei der kritischen Theorie völlig entgegengesetzt. „Das Bedürfnis, Leiden beredt werden zu lassen, ist Bedingung aller Wahrheit.“ heißt es bei Adorno. Und die Verbindung von Psychoanalyse und Gesellschaftstheorie sollte helfen, das Ausbleiben der Revolution, die diesem Leiden durch die vernünftige Einrichtung der Welt ein Ende bereiten sollte, zu erklären. Der sadomasochistische (später: autoritäre) Charakter wurde von Wilhelm Reich und Erich Fromm entwickelt, indem sie jahrelang als Psychoanalytiker tätig waren und in Arbeitsgruppen, die mehrmals die Woche stattfanden, die psychoanalytische Theorie in ihrem Zusammenhang mit der kritischen Theorie der Gesellschaft weiterentwickelten und revidierten. Die später daran anknüpfenden ‚Studien zum autoritären Charakter‘ dauerten insgesamt sieben Jahre, in denen neben Adorno ein Kernteam aus drei anderen Personen, und in dem gesamten Forschungsprojekt mindestens 20 weitere wissenschaftliche Mitarbeiter:innen, aktiv waren. Der Begriff des autoritären Charakters wurde also in jahrzehntelanger wissenschaftlicher Arbeit von einigen der bedeutendsten Psychoanalytiker:innen und Philosoph:innen des 20. Jahrhunderts durch die permanente Vermittlung von Theorie und Empirie entwickelt. Daher ist er bis heute ein so wichtiges Konzept für das Verständnis der bestehenden Ordnung sowie des in ihr angelegten sozialpsychologischen Potenzials für eine faschistische Konterrevolution. In seinem programmatischen Aufsatz bezeichnete Max Horkheimer die kritische Theorie nicht ohne Grund als „einziges entfaltetes Existenzialurteil“. Die psychoanalytischen Schriften der kritischen Theorie lassen sich nur im Rahmen dieser radikalen Kritik an der bestehenden Ordnung, von der natürlich auch die bürgerlichen Demokratien ein Teil sind, nicht verstehen. Die bürgerliche Ordnung wurde nie als das Andere zum Faschismus begriffen, sondern die „bürgerliche Kälte“ war für Adorno Bedingung einer Barbarei, die auch im Namen der Demokratie stattfinden kann, etwa beim Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki. Der „autoritäre Charakter“ war ein Produkt der bürgerlichen Gesellschaft. Eine solche dialektische Analyse der Gesellschaft überschreitet jedoch den geistigen Horizont von Potter, dessen Label „neue autoritäre Linke“ mit dem Begriff des „autoritären Charakters“ dementsprechend auch nichts zu tun hat.

Das Bedürfnis einer fertigen Meinung intellektuellen Anstrich zu geben

Potter geht es weder um menschliches Leiden noch um Wahrheit, sondern um eine Karriere im „Qualitätsjournalismus“. Um seinem Label, „neue autoritäre Linke“, die die demokratische Gesellschaft bedrohe, irgendeine Glaubwürdigkeit zu verleihen, hat Potter über 250 Seiten völlig selektiv alles zusammengetragen, was sich irgendwie in dieses Schema pressen lässt. Man könnte entgegen dem Selbstverständnis von Potter also eher von „Quantitätsjournalismus“ sprechen, der durch die Niederschrift von wirklich jeder Anekdote, über seine fehlende argumentative Qualität hinwegtäuschen möchte. Wer in dem Buch irgendeine theoretische Herleitung bzw. eine kritische Diskussion der Begriffe von Autorität, Demokratie, Antisemitismus, „rote Gruppen“, verkürzter Kapitalismuskritik oder irgendeines Begriffs, mit denen Potter durch das ganze Buch operiert, erwartet, wird enttäuscht. Potter verwendet seine Begriffe wie gelernte Vokabeln, nicht wie entwickelte Gedanken. Im Prinzip liest sich das Buch wie ein Bericht des Verfassungsschutzes: Potter weiß recht genau, wer mit wem bei welcher Veranstaltung gemeinsam präsent war, worum es in dem ganzen Aktivismus inhaltlich geht, scheint er aber intellektuell nicht so wirklich durchdrungen zu haben. Spätestens in den Kapiteln, in denen er versucht, die fünf theoretischen Säulen der von ihm imaginierten „neuen autoritären Linken“ darzustellen, wird dann völlig offensichtlich, dass Potter selbst über kein Verständnis von marxistischer bzw. irgendeiner Gesellschaftstheorie verfügt und mit Floskeln versucht, darüber hinwegzutäuschen. Es gelingt ihm an keiner Stelle, einen Gedanken über mehr als zwei Absätze hinweg zu entwickeln oder zumindest auszuführen, wodurch die „theoretischen“ Kapitel einen ziemlichen Flickenteppich aus Gedankenfetzen bilden, die dann auch recht beliebig aneinandergereiht wurden. Mit jedem Absatz wird deutlicher, dass aus jeglicher Theorie völlig eklektisch die Fetzen herausgezogen wurden, die seinem Label „neue autoritäre Linke“ den Anschein eines wissenschaftlichen Fundaments geben sollen. Das führt dann auch seine ganze Argumentation ad absurdum, da er der „neuen autoritären Linken“ selbst immer wieder vorwirft, verschiedene Theorien in ihrer Rezeption zu verkürzen. Um ehrlich zu sein, wird man bei vielen Passagen des Buches das Gefühl nicht los, sich gerade in erster Linie mit ChatGPT zu unterhalten, das den Befehl bekommen hat, schnell noch eine Hausarbeit fertig zu schreiben.

Ich mach mir die Welt …

Ein weiteres Beispiel für seine oftmals wirklich groteske Art zu argumentieren, um so über jeden potenziellen Widerspruch hinwegzugehen, liefert Potter dann in seinem Kapitel zu massenpsychologischen Dynamiken. Zunächst beschreibt er (richtig) Erich Fromms Metapher für den autoritären Charakter: der Fahrradfahrer, der „nach unten tritt und nach oben buckelt“. Nach ein paar weiteren Sätzen, die nicht so wirklich Sinn ergeben, dann folgender Absatz: „Der linke Autoritarismus will nicht nach unten treten, sondern nach oben, wo die Mächtigen sitzen. Doch auch wer im Verschwörungswahn nur als mächtig imaginiert wird – in der Regel Jüdinnen und Juden und der jüdische Staat, zunehmend aber auch Personen, die einer ominösen »zionistischen Lobby« zugerechnet werden –, wird mit ähnlichen Mitteln bekämpft.“ Ein Versuch, das zu übersetzen: „Zwar wollen Linke eigentlich das Gegenteil des autoritären Charakters. Wenn ich mir dann aber einfach willkürlich hinzudenke, dass sie unter einem Verschwörungswahn leiden – als Beleg dafür spielt es keine Rolle, ob sie gegen den genozidalen Krieg Israels demonstrieren oder ob sie KZs errichten möchten, um alle Juden umzubringen – machen sie irgendwie doch dasselbe wie der autoritäre Charakter und offenbaren damit die Gefahr, die von ihnen für die Demokratie ausgeht.“ Hier fallen wirklich alles Masken und man bekommt das Gefühl nun Pipi Langstrumpf, statt Erich Fromm zu lesen. Theorie und Empirie werden mit einer so offensichtlichen Willkür miteinander in Einklang gebracht, dass man sich beim Lesen des Buches schon teilweise intellektuell beleidigt fühlt.

Der Telegram-User „Brokkoli“ und Graffitis auf der Fusion

Nichts anderes passiert dann auch in allen weiteren Kapiteln, in denen die „neue autoritäre Linke“ zur globalen Gefahr aufgebauscht wird, die das Internet, Universitäten und Popkultur unterwandert und – auch das etwas natürlich noch nie dagewesenes in politischen Auseinandersetzungen – sogar teilweise zu illegalen Mitteln greift. Dabei möchte ich nicht abstreiten, dass es für Einzelne irgendwo zu unangenehmen Situationen gekommen sein mag, wie sie eben in allen politischen Auseinandersetzungen in der Geschichte der Menschheit vorgekommen sind. Im Prinzip ist das restliche Buch aber schlicht ein Sammelsurium irgendwelcher Geschichten von irgendwelchen Linken, die – angesichts der Trümmerwüste in Gaza und der völlig maßlosen Repression und Polizeigewalt gegen die palästinasolidarische Bewegung – teilweise so lächerlich sind, dass man sich zeitweise fragt, ob man sich nicht aus Versehen das neue Buch von El Hotzo gekauft hat. Es geht um Nachrichten in Telegram-Gruppen (dem 14-jährigen „Brokkoli“), denen Potter im Zuge seiner investigativen Recherche beigetreten ist, eine Fusion-Rakete mit Kufiyah oder – kaum zu glauben, wenn mehrere tausend Linke über mehrere Tage aufeinandertreffen – um Graffitis auf der Fusion, die ihre Solidarität mit Palästina bekundeten und dabei teilweise sogar israelsolidarische Graffitis übermalten. Als Beleg dafür, dass die „neue autoritäre Linke“ Frantz Fanon verkürzt rezipiere, dient Potter in seinem Buch ein Plakat, das auf einer Demo von irgendeiner Kinderkunstlehrerin hochgehalten wurde. Ob das gesamte Lektorat des Verlags auch auf der Fusion Graffitis sprühen statt im Büro war (oder anderweitig die Arbeit niedergelegt hat), als das Buch von irgendjemandem zur Veröffentlichung freigegeben wurde, lässt Potter hingegen offen und wir können angesichts der Qualität des Resultats nur darüber spekulieren. Aber die Beweisführung für den „autoritären Charakter“ der „neuen Linken“ ist schlichtweg lächerlich. Es hätte sicherlich nicht weniger empirische Evidenz, wenn ich drei Tage lang den Berliner Polizeiticker verfolge, um dann meiner Oma in der Provinz zu erzählen, dass die Staatsgewalt in Berlin kurz davorsteht, das Gewaltmonopol an kriminelle Banden zu verlieren.

Selektive Solidarität unter dem Deckmantel einer „sachlichen Debatte“

Was einen nach der Lektüre des Buches wirklich fassungslos zurücklässt: während Potter immer wieder zur Sachlichkeit in der Debatte mahnt – und von seiner eigenen Sachlichkeit auch wirklich überzeugt scheint -, diffamiert er gnadenlos alle Gruppen, die irgendwie in der palästinasolidarischen Bewegung aktiv sind, als Teil einer „neuen autoritären Linken“, die primär in ihrem Hass auf Juden ihren gemeinsamen Nenner findet und gegen die er noch mehr Repression fordert. Seine Ansammlung von Anekdoten lassen nirgendwo Spielraum für Interpretationen, die irgendwie von seiner eigenen abweichen könnten, und hinter jedem Symbol, das irgendwo zu finden ist, verbirgt sich zweifelsohne ein tief sitzender Antisemitismus. Angeführte Zitate über „Apartheid“ und „Genozid“ lässt Potter immer nur als weiteren Beleg für den Wahnsinn der Leute stehen, die das aussprechen, was unzählige Menschenrechtsorganisationen schon vor langer Zeit ganz klar so benannt haben. Und als ob es darüber keine verschiedenen, wissenschaftlich fundierten Auseinandersetzungen geben würde, steht Nicholas Potter natürlich über all diesen Debatten, da – wie er auf 250 Seiten dargelegt hat – Widersprüche für ihn nicht existieren: Er definiert, wer Antisemit:in ist, er legt fest, dass es keinen Genozid gab und er bestimmt, dass es falsch ist, im Kontext von Israel über Apartheid zu sprechen. Wer etwas anderes behauptet ist – und so schließt sich der Kreis ununterbrochen – Antisemit:in.

Potters Buch als tendenziös zu beschreiben, wäre wahrlich eine Untertreibung. Ausführlich berichtet Potter von dem Leid, das am 7. Oktober in Israel verursacht wurde. Das ist natürlich völlig legitim, da die Toten und ihre Angehörigen jegliches Mitgefühl verdienen. Potters Buch handelt aber in erster Linie von der pauschalen Diffamierung der palästinasolidarischen Linken, die sich im Zuge des folgenden Krieges in Gaza formierte. Der Ursprung der Proteste, das genozidale Vorgehen Israels gegen die palästinensische Bevölkerung, findet in dem Buch aber so gut wie keine Erwähnung. Die toten Zivilist:innen in Gaza werden immer nur beiläufig erwähnt, um die Reaktionen darauf in den folgenden Sätzen als völlig überzogen und die Demonstrant:innen pauschal als autoritär und antisemitisch zu diffamieren. An diesen Stellen zeigt sich noch einmal besonders deutlich, dass ein solches Buch nicht nur auf einer Verwechslung von Meinen und Denken beruht, sondern auch ein außerordentliches Maß an ‚bürgerlicher Kälte‘ (Adorno) voraussetzt. Doch in der Blase des „Qualitätsjournalismus“ (Potter) um Springer, braucht sich Potter natürlich nicht vor den Fragen zu fürchten, ob der 14 -jährige „Brokkoli“ aus der Telegram-Gruppe wirklich kurz davorsteht, die demokratische Gesellschaft zu stürzen oder ob wir nicht lieber über die deutsche Beteiligung an der Ermordung von über 20.000 toten Kindern in Gaza reden sollten, als über den Aufdruck auf irgendeinem T-Shirt auf der Fusion. Angesichts der Trümmerwüste von Gaza, wo seit Beginn der „Waffenruhe“ weiterhin mehrere hundert Menschen getötet wurden, und der brutalen Repression gegen palästinasolidarische Aktivist:innen ein Buch mit diesem Titel und diesem Inhalt zu schreiben, um sich damit bei Springer zu bewerben, zeugt von einer moralischen Niedertracht, für die es schwer ist, überhaupt noch Worte zu finden.

„Anti-Autoritarismus“ im Dienst der herrschenden Autorität

Letztendlich geht es in dem Buch darum, mit der „neuen autoritären Linken“ ein Label zu schaffen, in dem linker Protest, Antikolonialismus, Wut, Widerstand, Revolte, Befreiungskampf, Anti-Etatismus, Antiimperialismus mit Terror und einem eliminatorischen Antisemitismus zu einem Konglomerat verschmolzen werden, das für Außenstehende keine Differenz mehr erkennen lässt und so jeglichen Protest gegen das Bestehende schon vorab delegitimiert. So wird aus der vorgeblichen Kritik des Autoritarismus eine Legitimationsideologie der bestehenden Ordnung, die ihre autoritäre Herrschaft als „Verteidigung der liberalen Ordnung“ durch den Vorwurf des Autoritarismus gegenüber oppositionellen Kräften sichert. Potter leistet damit einen Beitrag für eine drohende Gefahr, die Adorno bereits erahnte: „Ich betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potenziell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie.“ Angesichts von über 20.000 toten Kindern immer wieder die Verbrechen der israelischen Regierung infrage zu stellen, jegliche Debatten über die Begriffe „Genozid“ und „Apartheid“ als wahnsinnig darzustellen und stattdessen nun in einem Rundumschlag die Menschen, die ihre Stimme gegen die deutsche Komplizenschaft an diesem andauernden Verbrechen erhoben, zur autoritären Gefahr zu erklären, hat Potter sicherlich weder zu mehr Empathie, noch zu einer sachlicheren Debatte beigetragen. Unter dem Deckmantel des Anti-Autoritarismus, liefert er eine Legitimation, um über die andauernde Barbarei zu schweigen und die Repression hierzulande weiter zu verschärfen. Um diesem Missbrauch der sozialpsychologischen Begriffe durch reaktionäre Akteure, von denen es neben Nicholas Potter ja durchaus auch noch klügere Vertreter:innen gibt, die auch in Teilen der Linken Zuspruch finden, die sich heute in einem emanzipatorischen Kampf gegen die „autoritären roten Gruppen“ wähnen, etwas entgegenzusetzen, soll in dem kommenden Text der ursprünglich revolutionäre Gehalt des Begriffs des autoritären Charakters, wie er von Fromm entwickelt wurde, nachgezeichnet werden, um ihn als Instrument zur Kritik der bestehenden Ordnung zu bewahren.

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Die “All eyes on Gaza”-Demonstration, die am vergangenen Wochenende in Berlin stattfand und von über 100.000 Menschen besucht wurde, wird von vielen als eine Art Wendepunkt in dem deutschen Diskurs über den seit zwei Jahren stattfindenden Krieg in Gaza wahrgenommen. Erstmals scheint es dem hegemonialen Diskurs in Deutschland nicht zu gelingen, die Proteste gegen den Genozid als eine Zusammenrottung von Antisemit:innen zu verklären, die unter dem Vorwand der Israelkritik ihrem Hass auf Juden freien Lauf lassen wollen.

Und in der Tat scheint der Aufruf zu dieser Demonstration vielen Menschen die Angst vor dem Urteil der Unterstützer:innen der rechtsradikalen Regierung in Israel genommen zu haben, die in den letzten zwei Jahren den deutschen Diskurs prägte. Auf der Straße zeigte sich in dieser Zeit ein ganz anderes Bild als es von der deutschen Presse gezeichnet wurde, wie Jules El-Khatib in seiner Rede am vergangenen Samstag betonte: „Und wenn wir davon sprechen, wer an unserer Seite gestanden hat, dann wissen wir Palästinenser:innen ganz genau: diejenigen die seit Tag 1 an vorderster Front an unserer Seite stehen sind mutige Jüdinnen und Juden weltweit, die ihre Stimme erheben und sagen: dieser Genozid ist nicht in unserem Namen!“ In diesen zwei Jahren wurden in Berlin jene, die sich öffentlich gegen die deutsche Unterstützung des israelischen Vorgehens positionierten – vor allem Palästinenser:innen, linke Israelis, Jugendliche und Studierende –, wöchentlich von der Polizei zusammengeschlagen, die sich in Berlin eigenständig von der Rechtsstaatlichkeit verabschiedet zu haben scheint und selbst einen Vortrag der Sonderberichterstatterin der UN Francesca Albanese mit Repressalien überzog.

Ohne die Gen Z hätte es in Deutschland bis zum letzten Wochenende keinen nennenswerten Protest gegen einen Genozid gegeben, der seit zwei Jahren live über Social Media übertragen wird und von quasi allen großen Menschenrechtsorganisationen als solcher benannt wurde. Selbst Teile der israelischen Regierung und viele Soldat:innen des IDF machten von Beginn an keinen Hehl aus ihrer Absicht, die Bevölkerung in Gaza zu vernichten. Der israelische Finanzminister Smotrich verkündete in einer Arte-Doku lächelnd, dass er sein koloniales Projekt von Groß-Israel am liebsten gleich noch bis Damaskus und Saudi-Arabien ausweiten würde. Bereits im November 2023 appellierte medico international den „Horror in Gaza“ zu beenden, in dem mittlerweile nach offiziellen Angaben über 65.000 Palästinenser:innen – darunter 18.000 Kinder – ermordet wurden, während Israel sein militärisches Vorgehen bis heute unbehelligt fortsetzt. Die Berichterstattung in Deutschland zeichnete ein gänzlich anderes Bild von dem Geschehen in Gaza und sah ihre Aufgabe in erster Linie darin, die Erklärungen der israelischen Regierung vorzulesen, wie der Journalist Fabian Goldmann empirisch sehr ausführlich dargelegt hat. Erst in den letzten Monaten schafften es auch öfter einzelne Stimmen der Vernunft wie Kristin Hellberg oder Daniel Gehrlach in die Talk-Shows der Öffentlich-Rechtlichen.

Bemerkenswert im Hinblick auf das Umschwenken von Teilen der deutschen Öffentlichkeit ist der Aufruf von Luisa Neubauer zu der Demonstration am Wochenende. Neubauer hatte sich – feinsinnig für die Bedingungen einer Karriere im deutschen Politbetrieb – vor zwei Jahren öffentlich von Greta Thunberg distanziert, nachdem diese ihre Solidarität mit den Palästinenser:innen bekundete. Greta Thunberg, die gerade zum zweiten Mal von Israel inhaftiert wurde, weil sie Lebensmittel nach Gaza bringen wollte, war nach ihrem Bekanntwerden durch Fridays for Future den Weg der moralischen Integrität gegangen. Sie hatte den Kapitalismus und neokoloniale Ausbeutungsverhältnisse als Ursache für die Klimakrise benannt und es sich dadurch schon vor Gaza im Gegensatz zu Neubauer mit der bürgerlichen Presse verscherzt. Es ist aber anzuerkennen, dass Luisa Neubauer nicht einfach zur Demo aufrief, als wäre in den letzten beiden Jahren nichts gewesen, sondern das eigene Versagen als solches benannte und zu einer Aufarbeitung des eigenen Schweigens aufrief – eine Demut, die auch großen Teilen der Linken gut zu Gesicht stehen würde.

Will die Linke der Boomer-Generation das eigene Schweigen zu dem Genozid in Gaza aufarbeiten, wird sie am Thema der Antideutschen nicht vorbeikommen, die das Denken der deutschen Linken weit über den eigenen Dunstkreis hinaus beeinflussten und deren großes Vermächtnis es ist, jegliche Kritik an der israelischen Regierung mit Antisemitismus gleichzusetzen. Neben den Antideutschen war es v.a. der Springer-Verlag, der diese Position zum vorherrschenden Narrativ in der BRD machte und damit der deutschen Beihilfe zum Völkermord den Weg bereitete. Wie man es dort mit der Losung „Nie wieder!“ hält, lässt sich daran erkennen, dass Thilo Sarrazin in dieser Woche einen Artikel in der Welt veröffentlichte, in dem er dazu aufrief, den „Sozialbetrug durch Armutsmigration, insbesondere bei Sinti und Roma“ konsequenter zu bekämpfen. Die antideutsche Position als solche, wie sie heute noch von der jungle world, Jutta Dittfurth, der Antilopen Gang und irgendwelchen Sekten in Halle und Leipzig vertreten wird, versperrt sich als kollektive Persönlichkeitsstörung der Möglichkeit einer immanenten Kritik. Dazu bemerkten die Genoss:innen von AK Beau Séjour in ihrem Artikel anlässlich einer antideutschen Konferenz in Berlin im Mai diesen Jahres: „Menschen, die beim Anblick der Trümmerwüste von Gaza immer noch von der Wahnhaftigkeit der palästinensischen Perspektive überzeugt sind, materialistische Gesellschaftskritik beibringen zu wollen muss jedoch an die Sinnhaftigkeit einer Auseinandersetzung mit einem Antisemiten erinnern, die – laut Leszek Kolakowski – ‚immer dem Versuch ähneln muss, einem Tier das Sprechen beizubringen‘.“ Und in der Tat vertritt man in jenen Kreisen noch immer mit der Antifa-Fahne in der Hand dieselben Positionen, die Julian Reichelt auf seinem – nicht wirklich subtil rechtsradikalen – Sender NIUS täglich ins Mikrofon bellt, so etwa eine Kritik an der Entscheidung der Merz-Regierung zukünftige Waffenlieferungen an Israel zu stoppen.

Doch auch die Pathologie, sei sie individuell oder kollektiv, entwickelt sich nicht im luftleeren Raum, sondern in einem gesellschaftlichen Kontext. Der Teil der deutschen Linken, der für Vernunft noch zugänglich ist, muss sich daher fragen, auf welcher Grundlage sich eine Strömung herausbilden konnte, die sich bereits zu Beginn des Irak-Krieges im Jahr 2003, in dem über eine Millionen Menschen ums Leben kamen, im Namen der westlichen Werte öffentlich auf der Seite der Kriegsverbrecher positionierte. Es wäre zu diskutieren, wie innerhalb der Linken jene Mischung aus Angst und Kälte entstehen konnte, die viele gegenüber dem Leiden von zehntausenden Kriegsopfern lieber schweigen ließ, als am Ende noch das falsche Wort zu benutzen oder mit der falschen Person auf der Demo gesehen zu werden. Ist die moralische Reinheit der eigenen Ideale nur um den Preis der Ignoranz gegenüber dem Leiden derer zu haben, das sich nicht in das eigene Schema fügt? Eine Frage, die vor allem durch das Aufkommen der postcolonial studies in der globalen Linken viel diskutiert wird, ist dabei von zentraler Bedeutung: Sind der Marxismus und die Linke eurozentrisch? Die einfache Antwort, den postcolonial studies – berechtigterweise -nachzuweisen, dass die Absage an den Materialismus infolge des cultural turn eher einer Karriere im akademischen Betrieb als einem richtigen Verständnis von Gesellschaft dient, geht an der Frage vorbei. Ein viel fruchtbarere Überlegung, mit der es sich auseinanderzusetzen lohnt, wäre zu fragen, inwiefern die postcolonial studies eine falsche Antwort auf eine tatsächliche Leerstelle des Marxismus sind, wie er in weiten Kreisen im globalen Norden vertreten wird und damit der Identifikation der Linken mit den westlichen Werten den Weg bereitete?

Ein Buch von besonderer Bedeutung zur Untersuchung dieser Frage ist „Der westliche Marxismus“ des italienischen Professors und Kommunisten Domenico Losurdo, der im Jahr 2018 verstarb. Losurdo versteht den „Westlichen Marxismus“ als eine Art Gegenentwurf zum orthodoxen Marxismus, wie er von Marx und Engels entwickelt und später von Lenin, Luxemburg und Lukács vertreten wurde. Den Ursprung dieser Teilung sieht Losurdo in der Periode, „in welcher der Erste Weltkrieg und die Russische Revolution theoretisch verarbeitet wurden.“ Die (fehlende) Auseinandersetzung mit dem Imperialismus und dem Kolonialismus ist dabei nach Losurdo von entscheidender Bedeutung für die Herausbildung eines westlichen und einen östlichen Marxismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: „Am Anfang unterstrich Ho Chi Minh, dass für die Kolonialvölker die Tragödie und der Horror weit früher als 1914 zu wüten begann“, nach Mike Davis starben in China im Aufstand von Taiping zwischen 1851 und 1864 geschätzt 20 bis 30 Millionen Menschen, „und Lenin lenkte die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass der Erste Weltkrieg in Wirklichkeit die Verflechtung von zwei Kriegen war: der eine, der in Europa zwischen den Sklavenhaltern wütete, und der andere, von den Sklavenhaltern entfesselt, um ihre Kolonien nach Sklaven und Kanonenfutter zu durchkämmen.“ (Losurdo) Im Laufe des 20. Jahrhunderts verlor nach Losurdo die Frage des Imperialismus und des Kolonialismus für den westlichen Marxismus immer weiter an Bedeutung und er entkoppelte sich dadurch von den wichtigsten Emanzipationskämpfen des 20. Jahrhunderts – den antikolonialen Kämpfen gegen die weiße Vorherrschaft der westlichen Staaten.

Die Auseinandersetzung mit den Vertretern der Frankfurter Schule, die Losurdo als wichtige Vertreter des Westlichen Marxismus begreift, wirkt teilweise etwas grobschlächtig, aber ist deshalb nicht weniger spannend. Sehr nachvollziehbar erläutert er, wie sich die Professoren in einer abstrakten Philosophie verloren, die den Bezug zu den Kämpfen gegen die Unterdrückungsverhältnisse ihrer Zeit zunehmend verloren und durch einen Utopismus ersetzten. Und es lässt sich nicht leugnen, dass sich durch die Lektüre von Adorno und Horkheimer kaum erschließen lässt, dass sie in Zeiten der Rassendiskriminierung in den USA und dem Fortbestand der Kolonien gelebt haben. Losurdos Analyse deckt sich mit dem Urteil, das der Vordenker des SDS und Lieblingsschüler Adornos Hans-Jürgen Krahl in einem Nachruf auf seinen Lehrer fällte: „Das monadologische Schicksal des durch die Produktionsgesetze der abstrakten Arbeit vereinzelten Individuums spiegelt sich in seiner intellektuellen Subjektivität. Daher vermochte Adorno die private Passion angesichts des Leidens der Verdammten dieser Erde nicht in eine organisierte Parteilichkeit der Theorie zur Befreiung der Unterdrückten umzusetzen.“ Die Studentenbewegung versuchte diese Lücke zu schließen, indem sie die kritische Theorie ihrer Zeit mit den antikolonialen Kämpfen zu vermitteln versuchte. Die Schriften von Lenin und Lukács sowie die antikolonialen Befreiungsbewegungen wurden zu wichtigen Referenzpunkten der Bewegung. Dieser Versuch ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten, was dazu führte, dass der globale Süden und die Frage der kolonialen Kontinuität für die marxistische Linke in Deutschland immer weiter an Bedeutung verloren.

Sehr ausführlich beschäftigt sich Losurdo mit der intellektuellen Entwicklung von Hannah Arendt, die zunächst mit marxistischen Positionen sympathisierte. In ihren frühen Schriften sei für sie der Zusammenhang von Kolonialismus, Imperialismus und Nationalsozialismus von zentraler Bedeutung gewesen: Zwar wurde der Nationalsozialismus 1945 besiegt, „aber wir haben noch lange nicht das Erzübel unserer Zeit ausgerottet. Denn dessen Wurzeln sind stark, und sie heißen – Antisemitismus, Rassismus, Imperialismus“. (Arendt) Ausdrücklich beschreibt Arendt in dieser Zeit, wie der Nationalsozialismus an die von Völkermord übersäte Geschichte des Kolonialismus und des Imperialismus anknüpfte. Es sei schon immer deren Tendenz gewesen, „die niederen, nicht lebenswerten Rassen“ zu „vernichten“. (Arendt) Mit ihrer Konzeption der Totalitarismustheorie, und befördert durch den Kalten Krieg, sei Arendt nach Losurdo immer weiter von diesem Geschichtsverständnis abgekommen und zu einer Apologetik des Westens übergegangen. Indem sie sowohl den Nationalsozialismus als auch das politische System der Sowjetunion unter der Kategorie des Totalitarismus fasste, wurden die westlichen Staaten in ihrer Theorie zu einem antitotalitären Gegenentwurf und deren Verbrechen in den eigenen Kolonien zunehmend zur Randnotiz. Dies sei ein weiterer wichtiger Schritt gewesen, um die westlichen Werte zu einem positiven Bezugspunkt erhob und den westlichen Marxismus von den Befreiungskämpfen der antikolonialen Bewegungen zu entkoppeln, deren wichtigster Unterstützer im 20. Jahrhundert die Sowjetunion gewesen war.

Nun kann erst einmal nicht deutlich genug hervorgehoben werden, dass der westliche Marxismus und das antideutsche Wahngebilde, das sich eklektisch mit einzelnen Adorno-Zitaten schmückt, zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Dennoch erläutert Losurdo in seinem Buch sehr plausibel, wie im westlichen Marxismus der Grundstein gelegt wurde, sich mit den Werten der westlichen Gesellschaften zu identifizieren und die Bezugnahme auf die Kämpfe der Unterdrückten durch einen Utopismus zu ersetzen, der jeglicher Vermittlung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit seiner Zeit entbehrte. Marxismus aber bedeutet „die Geschichte vom Gesichtspunkt der Unterdrückten zu begreifen“ (Norberto Bobbio), was ohne eine Benennung von Unterdrückung und einer Auseinandersetzung mit den realen Widersprüchen dieser Gesellschaft nicht gelingen kann. Das heißt in erster Linie die Position einer moralischen Reinheit zu verlassen und das eigene Handeln wieder als „Kritik im Handgemenge“ (Marx) zu begreifen. Der antinationale Konsens auf dem Antifa-Plenum mag eine berechtigte Utopie für die ferne Zukunft im Kommunismus sein; solange die kapitalistischen Verhältnisse fortbestehen, ist es einzig der Staat, der den Individuen das „Recht, Rechte zu haben“ (Arendt) garantieren kann. Für die Kolonisierten war der Kampf um die nationale Befreiung de facto ein emanzipatorischer Kampf, der ihnen garantierte, nicht nach Belieben von ihren Kolonialherren gelyncht zu werden. Die Menschen im Kongo, im Sudan und in Palästina leben in der Hölle, weil es derzeit keine staatliche Macht gibt, die in der Lage oder willens wäre, ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit zu schützen. In der Ukraine werden die Menschen tagtäglich an der Front zum Kanonenfutter, weil sie von einem fremden Staat angegriffen und vom eigenen Staat zwangsrekrutiert wurden. Diese Widersprüche können nicht durch eine Idealisierung abstrakter Kategorien weggewischt werden, sondern müssen innerhalb des konkreten Geschehens analysiert werden. Die sogenannten „westlichen Werte“ mit denen sich Teile der Linken in den vergangenen Jahrzehnten gemein machten, sind kein Ideal an dem der Rest der Welt zu messen wäre, sondern haben die globale Ungleichheit zu ihrer Voraussetzung. Bis heute profitieren die westlichen Staaten von der kolonialen Kontinuität in den ökonomischen Beziehungen, während sie regelmäßig für die eigenen imperialistischen Ambitionen Staaten in Schutt und Asche legen und einen Todesstreifen um ihre Grenzen errichten, um jene zu bekämpfen, die vor Armut und Krieg fliehen. Die eigenen Begriffe in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit zu entwickeln anstatt diese Wirklichkeit entsprechend den eigenen Begriffen zurechtzustutzen, unterscheidet nach Hegel die Dialektik von der formalen Logik und ist essentiell, um die Kämpfe der Unterdrückten miteinander zu vermitteln.

Auch das Geschehen im Nahen Osten lässt sich nicht mit einem einfachen Schema von ‚gut und böse‘ erschließen. Die Fragen, ob Israel ein Zufluchtsort für die Opfer von Auschwitz oder ein Apartheidsstaat ist, ob der 7. Oktober eine Vorgeschichte in der israelischen Besatzungspolitik hat oder ein grausames Verbrechen war, ob der Angriff Israels auf Gaza eine Reaktion auf den 7. Oktober oder ein Genozid ist, können nicht mit einem ‚entweder/ oder‘ beantwortet werden. Die theoretische Analyse muss die Widersprüche in diesem Konflikt anerkennen, anstatt sich das Geschehen so zurecht zu filtern, dass es sich widerspruchslos in die Schablone der eigenen Weltsicht einfügt. In wenigen Konflikten wurde letzteres in Form einer selektiven Solidarität von verschiedenen Seiten in solcher Perfektion betrieben wie im Nahostkonflikt. Die Anerkennung dieser konkreten Widersprüchlichkeit entbindet jedoch nicht von der Verpflichtung zur eigenen Positionierung, denn der Kompass für das eigene Handeln sollte für die Linke in allen Konflikten eindeutig sein: „Das Bedürfnis, Leiden beredt werden zu lassen, ist Bedingung aller Wahrheit.“ (Adorno) Das ist weder schwer, noch zu komplex. Dass ein Großteil der deutschen Linken in den letzten beiden Jahren angesichts des Horrors in Gaza an dieser Aufgabe scheiterte, während die eigene Regierung vor dem Internationalen Strafgerichtshof wegen Beilhilfe zum Völkermord angeklagt ist, ist der traurige Höhepunkt einer theoretischen Fehlentwicklung in der Kritik der Gesellschaft, die den Bezug zum realen Weltgeschehen verloren hat und in erster Linie sich selbst gefallen möchte.

Jene, die sie hören und sehen wollten – wie etwa die Menschen, die in den letzten zwei Jahren trotz massiver Polizeigewalt und Anfeindungen durch die Presse wöchentlich auf die Straße gingen – konnten die Perspektive der Unterdrückten wahrnehmen: „Liebe Freundinnen und Freunde, meine Wegbegleiter Moshe Zuckermann und Rolf Becker haben in Bezug auf die menschenverachtende Politik der Netanjahu-Regierung in Israel ausführlich über den Grund unserer Kritik berichtet. Was Adolph Hitler und die Nationalsozialisten dem jüdischen Volk angetan haben: Vernichtung von sechs Millionen Menschen, Holocaust, darf nicht die Rechtfertigung Israels für die Diskriminierung des palästinensischen Volkes sein. Es ist ganz besonders wichtig, dass alle in Deutschland, in denen ein menschliches Herz pocht, endlich erkennen, dass Kritik an der Politik Israels nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen ist. Ich habe nicht das Vernichtungslager Auschwitz, das KZ Ravensbrück und den Todesmarsch überlebt, um von sogenannten „Antideutschen“ und Konsorten als „Antisemitin“ beschimpft zu werden.“ (Ester Bejarano) Wenn das Schweigen zu zehntausenden Toten die Bedingung ist, sich in dem gesellschaftlichen Diskurs nicht die Finger zu verbrennen, bedarf es einer grundlegenden Reflexion darüber, ob die eigene Position der moralischen Reinheit nicht eher Ausdruck eines „weißen Privilegs“ (Luisa Neubauer) ist, das die Verdammten dieser Erde im Stich lässt.

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