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Die Zeiten sind finster. Laut aktuellen Prognosen der Sonntagsfrage setzt sich die AfD immer weiter als stärkste Kraft von den anderen Parteien ab und es gibt aktuell kein stichhaltiges Argument, das dagegenspricht, dass die AfD zeitnah auch im Bund die Regierung stellen wird. Gleichzeitig scheint die Strategie des völkischen Flügels um Götz Kubitschek aufgegangen zu sein, mit Björn Höcke auf lange Sicht die führende Rolle in der AfD zu übernehmen, auch wenn Weidel und Chrupalla noch eine Weile die nützlichen Idioten spielen werden. Und so kann ein Podcaster wie Ben Berndt mittlerweile durch ein Interview mit Höcke mit ein paar Millionen Klicks und viel Zuspruch für das tolle Gesprächsklima rechnen, wenn er über viereinhalb Stunden nicht in der Lage ist, einen kritischen Gedanken gegenüber Höcke zu formulieren.

Der Klassenkampf von oben wird derweil weiter verschärft. Die Zeiten stehen auf Krieg und dafür muss jeder Euro eingespart werden. Solidarität war gestern, heute braucht es Härte und Aufopferungsbereitschaft. Das in dieser Woche beschlossene Reformpaket, das von der bürgerlichen Presse als wichtiger Schritt bejubelt wird, ist ein weiterer Angriff auf die arbeitende Klasse. Daher braucht es Sündenböcke, die für die Misere verantwortlich gemacht werden können. Die aktuellen Diskurse über Wohlstandsverwahrlosung bereiten das „Kältebad“ vor, das Götz Kubitschek zur Erziehung der verweichlichten Deutschen nach der Machtübernahme ankündigt. Und die AfD kann mit dem Versprechen werben, den Plan von Olaf Scholz, im großen Stil abzuschieben, endlich konsequent umzusetzen. Die Faschisierung des 21. Jahrhunderts ist kein Umsturz über Nacht, sondern ein sich vor unseren Augen vollziehender Prozess, der sich durch die AfD beschleunigen wird. Einmal mehr beweist sich, dass die bürgerliche Gesellschaft, die den autoritären Charakter unentwegt reproduziert, in Krisen auch die politische Kraft hervorbringt, die seinen Bedürfnissen am besten gerecht wird. Erich Fromms sozialpsychologisches Konzept des autoritären Charakters bleibt bis heute von großer Bedeutung, um die Faschisierungsprozesse unserer Zeit zu verstehen.

von Christoph Morich


Erich Fromm – von der Kritik zum Konformismus?

In den Kreisen, die sich in irgendeiner Form positiv auf die Kritische Theorie beziehen, ist der Ruf von Erich Fromm denkbar schlecht. Exemplarisch dafür steht die Folge des Podcast „Wohlstand für alle“ im letzten Jahr, in der die „Zerstörung von Erich Fromm“ proklamiert wird. Dafür wird ein einzelnes Buch von Fromm ausgewählt, völlig unsystematisch und weitestgehend beliebig interpretiert und ausgehend davon ein schlicht falsches Bild des Gesamtwerks von Erich Fromm gezeichnet, das nun „zerstört“ werden müsse. Das mag als Clickbait ganz pfiffig sein, eine sinnvolle Kritik an Fromms Spätwerk, die zweifelsohne notwendig ist, ist es sicherlich nicht. Dass sich andererseits Reaktionäre wie Nicholas Potter positiv auf Fromm beziehen und ihm damit noch einmal aufs Grab pinkeln, macht die Sache nicht besser. Der Ursprung der Entzweiung von Fromms Werk und der Kritischen Theorie liegt in dem Zerwürfnis zwischen Fromm und dem Institut für Sozialforschung am Ende der 30er Jahre. Aus dieser Zeit stammt auch der berühmte Brief von Adorno an Horkheimer, in dem er Fromm vorwirft, es sich mit dem Begriff der Autorität zu leicht zu machen und ihm dringend rät, Lenin zu lesen. Abgesehen davon, dass jedem Menschen dringend zu raten ist, Lenin zu lesen, hat Adornos Kritik an Fromm sicherlich Berechtigung. An Stellen, in denen Fromm die Entwicklung der Sowjetunion kritisiert, erweckt es oft den Eindruck, als sei der Kommunismus in erster Linie daran gescheitert, dass die Bolschewiki nicht menschlich genug geblieben sind. Eine Neigung zum Psychologismus lässt sich in vielen Schriften offensichtlich nicht leugnen. Und auch Fromms spätere Abkehr von der Triebtheorie ist nicht wirklich überzeugend. Dennoch schießt die Kritik Adornos über das Ziel hinaus, wenn sie Fromm mit anderen Neo-Freudianern in einen Topf wirft, und ihm vorhält, die Freudsche Theorie in ein weiteres Mittel zu verkehren, um die „seelischen Regungen dem gesellschaftlichen Status quo zu integrieren“ (Adorno) – auch wenn dieses Urteil für viele zutreffen mag, die sich bis heute auf ihn berufen.

In seinen frühen Schriften hat Erich Fromm den methodischen Ort der Psychoanalyse innerhalb der Gesellschaftstheorie klar bestimmt. Es ergebe sich „aus der Verwendung der Psychoanalyse innerhalb des historischen Materialismus eine Verfeinerung der Methode, eine Erweiterung der Kenntnis der im gesellschaftlichen Prozess wirksamen Kräfte, eine noch größere Sicherheit sowohl im Verständnis historischer Abläufe als auch in der Prognose künftigen gesellschaftlichen Geschehens, und speziell das vollkommene Verständnis der Produktion der Ideologien“ (Fromm). Die Psychoanalyse soll den historischen Materialismus an einer bestimmten Stelle erweitern, nicht ihn ersetzen. Und obwohl einige Stellen durchaus Raum für vielfältige Interpretationen lassen, wich Fromm nie von der grundlegenden Einsicht ab, dass der Ursprung neurotischen Leidens in den materiellen Verhältnissen liegt. Das hob er in der Auseinandersetzung mit Herbert Marcuse über das Verhältnis von Marxismus und Psychoanalyse in den 50er Jahren immer wieder hervor. Allerdings blieb der Gegenstand seiner Analyse die Psychologie der Menschen und seine Schriften entspringen in erster Linie dem Blickwinkel des Therapeuten, nicht dem des Theoretikers der Gesellschaft. Fromms Werk ist in erster Linie der Psychoanalyse, und nicht wie im Fall von Marcuse und Adorno der „Philosophie der Psychoanalyse“ (Marcuse) gewidmet. Seine theoretischen Schriften schöpfen aus der Empirie seiner therapeutischen Arbeit und nicht nur, um besser mit seinem Leben klarzukommen, lohnt es sich mit ihnen zu beschäftigen. Anders als Wolfgang M. Schmitt und Ole Nymoen suggerieren, wird sicherlich niemand dümmer, wenn er ein Buch von Erich Fromm in die Hand nimmt. Und jede materialistische Kritik des Faschismus verliert an Substanz, wenn sie die Einsichten der frühen Schriften Fromms ignoriert.

Die Familie als psychologische Agentur der Gesellschaft

In seinen Schriften, wie etwa dem sozialpsychologischen Teil der ‚Studien zu Autorität und Familie‘ des Instituts für Sozialforschung, gibt Erich Fromm seiner theoretischen Arbeit eine programmatische Ausrichtung. Wie Wilhelm Reich betrachtet auch er die Psychoanalyse im Wesentlichen als eine materialistische Wissenschaft, deren Erkenntnisse in den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Menschen wurzelten. „Sie hat als Motor menschlichen Verhaltens Triebregungen und Bedürfnisse nachgewiesen, die von den physiologisch verankerten, selbst nicht unmittelbar beobachtbaren ‚Trieben‘ gespeist werden.“ (Fromm)

So gehe Freud in seiner Individualpsychologie immer schon vom vergesellschafteten Wesen aus, das den Einflüssen der Umwelt unterliegt. Dabei verkenne er jedoch, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst nicht naturwüchsig, sondern – wie durch den historischen Materialismus nachgewiesen – durch die Produktionsverhältnisse einer Epoche bestimmt werden. Freuds „Verabsolutierung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft“ (Fromm) müsse überwunden werden, um den historisch-spezifischen Einfluss der sozialökonomischen Verhältnisse einer Epoche auf das Individuum zu begreifen. Der marxistischen Sozialpsychologie komme die Aufgabe zu, den „Weg von der ökonomischen Bedingung durch Kopf und Herz des Menschen hindurch zum ideologischen Resultat“ (Fromm) zu rekonstruieren. Die Familie spielt für diesen Weg eine wesentliche Rolle.

Wie schon Engels in „Der Ursprung der Familie“ sieht Fromm in den Untersuchungen von Johann Jakob Bachofen zu mutterrechtlichen Gesellschaften einen weiteren Beleg für die historische Veränderbarkeit der Gesellschaft und ihrer Institutionen. Demnach ist die patriarchale Familie keine naturwüchsige Ordnung, sondern wie das Privateigentum das Produkt einer bestimmten historischen Epoche in der Geschichte der Menschheit, die sich von den Strukturen der mutterrechtlichen Gesellschaften grundlegend unterscheidet und eine spezifische Charakterstruktur erzeugt. Die Sexualunterdrückung spielt für diese Epoche eine entscheidende Rolle. Die Erkenntnisse Freuds über die innerfamiliären Konflikte müssten daher entsprechend der Erkenntnisse des historischen Materialismus kontextualisiert werden. Die Familie erfüllt als „psychologische Agentur der Gesellschaft“ (Fromm) die Funktion, die gesellschaftlich erwünschte seelische Struktur der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung zu erzeugen. Dabei gründet „die Autorität des Familienvaters selbst […] zuletzt in der Autoritätsstruktur der Gesamtgesellschaft. Der Familienvater ist zwar dem Kind gegenüber (zeitlich gesehen) der erste Vermittler der gesellschaftlichen Autorität, ist aber (inhaltlich gesehen) nicht ihr Vorbild, sondern ihr Abbild“ (Fromm). Die frühkindlichen Konflikte wurzeln nach Fromm daher weniger in der Natur als in den gesellschaftlichen Verhältnissen, die über die Familie mit dem Triebleben der Kinder vermittelt werden.

Angst, Verdrängung und Ich-Schwäche

Das Ich bildet sich nach Freud in der Bewältigung der aus dem Es stammenden Triebe und den Ansprüchen der Außenwelt heraus. Die ursprüngliche Autorität wichtiger Erziehungspersonen, in der patriarchalen Familie insbesondere die des Vaters, wird nach Freud durch das Über-Ich als Instanz des Gewissens verinnerlicht. Der cop in your head eröffnet seine Wache und bestraft nonkonformes Verhalten fortan mit Schuldgefühlen. Triebregungen und Bedürfnisse, die den Geboten des Über-Ichs widersprechen, müssen daher verdrängt werden. Die „Über-Ich oder Autoritätsangst“ (Fromm) wirkt dabei so stark, dass tabuisierte Impulse durch Verdrängung erledigt werden, noch bevor sie bewusst werden. So stieß Freud in seiner Arbeit immer wieder auf die verdrängten sexuellen Wünsche, v.a. seiner weiblichen Patientinnen, die dem gesellschaftlichen Tabu der Zeit unterlagen. Um diese Verdrängung aufrechtzuerhalten, muss dauerhaft Energie gebunden werden. Das Ich „bezahlt gleichsam die Bundesgenossenschaft von Autorität und Über-Ich mit der Preisgabe seiner Selbstständigkeit und dem Verzicht auf seine Souveränität“ (Fromm). Die Stärke des Ichs, das neben „Vernunft und Besonnenheit“ (Freud) auch die „Fähigkeit zum aktiv planenden, die Umwelt verändernden Handeln“ (Fromm) in sich trägt, wird durch die Umwelt bedingt.

Je mehr das Kind in seiner Ich-Entwicklung von Ängsten begleitet wird, desto mehr wird es in seiner Entfaltung und einer aktiven Beziehung zur Umwelt gehemmt. „Stellt eine aktive und rationale Lebenspraxis die positive Bedingung der Ich-Entwicklung dar, so ist das Fehlen von Angst die negative. Das Ich bedarf, solange es noch schwach ist, eines gewissen Maßes von Angstfreiheit, um sich entwickeln zu können.“ (Fromm)

Wenn das Kind lernt, die äußere Umwelt nicht angstbesetzt zu erleben, sondern sie planvoll und vernünftig zu gestalten, ist es später in der Lage, die eigenen Triebe und Bedürfnisse durch ein erstarktes Ich zu leiten anstatt zu verdrängen. Wenn es hingegen zur permanenten Unterdrückung der eigenen Triebbedürfnisse durch Autoritäten gezwungen wird, bleibt das Ich schwach und passiv, um nicht mit der Umwelt in Konflikt zu geraten. „Je mehr das schwache Ich von Angst bedroht ist, desto gehemmter ist es in seiner Entwicklung.“ (Fromm) Hierin liegt der psychodynamische Ursprung der Neurose und des autoritären Charakters.

Der autoritäre Charakter

Unter ‚Charakter‘ versteht Fromm weniger das typische manifeste Verhalten, sondern „die Struktur derjenigen Impulse, Ängste und Haltungen, die zum großen Teil selbst unbewusst, das für den Menschen typische manifeste Verhalten bedingen“. Er entwickelt sich im Sinne einer dauerhaften Anpassung der Triebstruktur an bestimmte gesellschaftliche Bedingungen. Der autoritäre Charakter verfügt nur über ein schwaches Ich. Er hat gelernt, seine Triebbedürfnisse durch Gehorsam zu befriedigen und beginnt, die Unterwerfung unter Autoritäten dementsprechend lustvoll zu erleben. „Wo dieser Charakter Macht spürt, muss er sie beinahe automatisch verehren und lieben.“ (Fromm)

Der Grad der Bewusstheit über diese Lust an der Unterwerfung kann dabei selbst bei einzelnen Personen in unterschiedlichen Situationen stark variieren. So betonen Kubitschek und Höcke immer wieder, dass sie gegen ihren Willen in die Politik gezwungen worden seien, um die Deutschen vor dem Volkstod zu bewahren. In seinem Plausch bei Ben ungescripted wird Höcke dann aber doch unfreiwillig ehrlich: „Als Kind hatte ich schon das Gefühl in mir, etwas Größerem dienen zu wollen.“ Kubitschek wäre am liebsten Soldat geblieben.

Aus einer „Furcht vor der Freiheit“ (Fromm) entwickelt der autoritäre Charakter einen Wunsch nach masochistischer Unterwerfung, die ihm durch die Erfüllung von Pflicht einen Schutz vor den eigenen Ängsten bietet. Entsagung und Gehorsam werden zu den Maximen des eigenen Handelns. Die „Liebe zu Deutschland“, was auch immer das sein soll, dient dann als Rationalisierung des eigenen Handelns. Schon vor Fromms Zeiten fand dieser Charaktertyp seinen literarischen Ausdruck in Heinrich Manns „Der Untertan“.

Die tatsächlichen Eigenschaften des potenziellen Autoritätsträgers, dem sich der autoritäre Charakter unterwirft, sind für dessen Führerrolle nicht unbedingt entscheidend. Wie Charlie Chaplins Film „Der große Diktator“ zeigt, wurde auch Hitler außerhalb Deutschlands – ähnlich wie heute Donald Trump – als ein ziemlicher Clown wahrgenommen. Für die Gefolgschaft aber geht es darum, ihren Führer mit den größtenteils unbewussten Eigenschaften ihres Über-Ichs zu bekleiden. Für die Anhänger der MAGA-Bewegung ist Trump kein seniler Krimineller mit einer schweren Persönlichkeitsstörung, sondern der starke Vater, der Zuhause aufräumt und dem Land wieder zu alter Größe verhilft. Zentral ist neben der masochistischen Unterwerfung dabei eine „narzisstische Ersatzbefriedigung“ (Fromm), die durch die Hingabe eine höhere Macht wie die eigene Nation erreicht wird. „Je höher der Einzelne die Macht und den Glanz der Gewalt einschätzt, an der er partizipiert, desto größer ist seine Befriedigung.“ (Fromm)

Die Versagungen, die Menschen in einem ökonomischen System erleiden müssen, das auf nackter Konkurrenz basiert und sie durch die Produktivkraftentwicklung zunehmend überflüssig werden lässt, schafft insbesondere in Krisen den Nährboden für den Wunsch, durch die Partizipation am Glanz der Nation die erlittenen Erniedrigungen kompensieren zu können. Noch mehr als America soll das eigene Leben endlich einmal Great gemacht werden.

Die masochistische Unterwerfung unter eine höhere Macht wird nach Fromm immer von der sadistischen Haltung gegenüber den Schwächeren begleitet. So wie der autoritäre Charakter nach oben buckelt, tritt er gleichzeitig nach unten. „Ebenso automatisch wie Macht in ihm Furcht und, wenn auch ambivalente, Liebe erweckt, erweckt Hilflosigkeit in ihm Verachtung und Hass.“ (Fromm) Die Erniedrigung, die der Einzelne über sich ergehen lassen muss, um mit den Obrigkeiten nicht in Konflikt zu geraten, wird durch die Aggression gegen Schwächere erträglich. „Die sadistischen Circenses mussten immer eine umso größere Rolle spielen, je knapper das Brot war und je mehr die reale Hilflosigkeit der Menschen zu einer Verstärkung der sado-masochistischen Charakterstruktur führte.“ (Fromm)

Daher ist die ökonomische Krise der psychosoziale Nährboden des Faschismus. Die Politik gegen die arbeitende Klasse wird auch heute von Tiraden über illegale Geflüchtete und Sozialschmarotzer begleitet, die den eigentlichen Grund für den Niedergang der Gesellschaft darstellen würden. Sollen die Menschen nach oben buckeln, müssen sie die Gelegenheit bekommen, nach unten zu treten. Und so muss ein Kanzler, der nun die Krankschreibung an Tag 1 einführt, auch das Feindbild der Ausländer mitliefern, wegen denen die Deutschen keine Arzttermine mehr bekommen. Die Strategie scheint heute einmal mehr aufzugehen. So wird in Deutschland wieder über die Möglichkeit diskutiert, den Sozialhilfesatz unter das Existenzminimum zu drücken und Boomer führen einen Krieg in den Kommentarspalten des Internets, um queeren Menschen ihre Identität abzusprechen oder Geflüchteten den Tod im Mittelmeer zu wünschen. Dieselbe psychologische Dynamik wurde in vielen psychoanalytischen Fallbeispielen beobachtet, in denen Kindern anfingen, Tiere zu quälen, um die durch ihre Eltern erlittene Gewalt zu kompensieren.

Die Passivität überwinden

Das wesentliche Merkmal des „autoritären Charakters“ besteht darin, die Anforderungen der Umwelt passiv zu ertragen und sein Glück in der Unterwerfung unter eine höhere Macht zu suchen. In ganz Europa sind derzeit faschistische Kräfte im Aufwind, die mit einem solchen Glücksversprechen für sich werben. Die Zeiten sind finster. Konnte Clara Zetkin bei der Eröffnung des Reichstags als Alterspräsidentin im August 1932 noch an die Arbeiter:innenbewegung appellieren, in der Hoffnung, dass diese den Faschismus doch noch abwenden könne, scheint eine solche Hoffnung gegenwärtig illusionär. Zetkins Warnung vor dem Opportunismus liest sich heute wie die bittere Erzählung des letzten Jahrhunderts: „Die Politik des „kleineren Übels“ stärkte das Machtbewusstsein der reaktionären Gewalten und sollte und soll noch das größte aller Übel erzeugen, die Massen an Passivität zu gewöhnen.“ Der Erfolg der Gewöhnung der Massen an die Passivität wird in den gegenwärtigen Diskursen deutlich. Die ökonomische Realität erscheint als Naturgewalt, an die „wir“ uns anzupassen haben. „Wir“ können uns unseren Lebensstil nicht mehr leisten. Und wer den Weg des „kleineren Übels“ – die Unterstützung von Aufrüstung und sozialem Kahlschlag – jetzt nicht mitgeht, trägt die Schuld für den Erfolg der AfD.

Hier wird die Parallele zwischen Autoritätsstruktur der Gesellschaft und kindlicher Autoritätserfahrung deutlich. Die Gebote der Mächtigeren müssen sich nicht durch vernünftige Gründe ausweisen, sondern werden als Sachzwänge präsentiert, an die sich der Einzelne anpassen muss, weil sonst die Strafe drohe. Die Vernunft tritt in den Dienst der Rationalisierung. Die Krankschreibung ab Tag 1 ist eine politische Entscheidung, die SPD und CDU treffen mussten, weil die Fehltage der Deutschen zu hoch waren und „wir“ nur so konkurrenzfähig bleiben können. Der Zusammenhang zwischen wachsender Armut auf der einen und Militarisierung, Vermögen der Bonzen und Steuergeschenken für Konzerne auf der anderen Seite soll bestmöglich aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt werden. Wie Clara Zetkin prophezeite, verhindert die Politik des „kleineren Übels“ eine potenziell faschistische Bewegung nicht, sondern trägt – aktuell sehr offensichtlich – aktiv zu ihrer Entstehung bei. Soll dieser Trend gestoppt werden, müssen die Massen ihre Passivität überwinden. Was für das Kind die Stärkung des Ichs ist, ist für das Proletariat der Klassenkampf. Das „Wir“ der Arbeiter:innen ist ihre Klasse, nicht das nationale Kollektiv. Dieses „Wir“ muss gestärkt, das bürgerliche „Über-Ich“ geschwächt werden. Weder Erziehung noch die Einrichtung der Gesellschaft unterliegen den Gesetzen der Natur, sondern denen der herrschenden Klasse. Der Kampf gegen den autoritären Charakter hat in erster Linie dann Aussicht auf Erfolg, wenn wir uns darüber bewusst werden, dass sich unser Leben, auch auf der gesellschaftlichen Ebene, planvoll und vernünftig gestalten lässt. In den Worten Erich Fromms: „Sich dem Schicksal fügen, ist der Heroismus des Masochisten, das Schicksal ändern, der des Revolutionärs.“

Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Erich_Fromm_1974.jpg


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Nach vielen Fehlinformationen über die BDS Kampagne, der antirassistischen Queer-Bewegung und die Ereignisse beim Radical Queer March in Berlin am Samstag, den 26. Juli, sprachen wir mit Inna, die den Queers for Palestine Block beim Radical Queer March mitorganisiert hat. Inna, 36, ist eine in Berlin lebende Soziologin und seit vielen Jahren Aktivistin in feministischen, LGBTIQ, migrantischen und Palästina-solidarischen Bewegungen.

Du bist Teil des spontan organisierten Queers for Palestine Blocks im Radical Queer March. Warum hattest du das Bedürfnis nach einem solchen Block?

Weil es empörend ist, dass antirassistische radikale Queers, einschließlich Jüd*innen, als antisemitisch gebrandmarkt werden, weil wir Freiheit und Menschenrechte für Palästinenser*innen unterstützen. Für mich als radikale Lesbe und als jüdische Frau ist es wichtig, für mich selbst zu sprechen. Als israelische Staatsbürgerin ist es meine Pflicht, gegen die von Israel begangenen Verbrechen zu sprechen.

Die Ausladung von den Organisator*innen des Radical Queer March richtete sich gegen BDS-Aktivist*innen und setzte BDS undifferenziert mit Antisemitismus gleich. Kannst du erklären, was BDS genau ist und worin das Problem mit dieser Gleichsetzung besteht?

Es gibt eine bewusste politische Strategie, BDS als antisemitisch darzustellen. In Wirklichkeit ist BDS eine gewaltfreie antirassistische Bewegung. Es ist kein Boykott gegen Einzelpersonen; Jüd*innen und Israelis werden nicht boykottiert. Es ist ein Boykott gegen Institutionen, die an der Unterdrückung von Palästinenser*innen beteiligt sind. Es gibt große Probleme des Antisemitismus in Deutschland, Europa und anderswo, und anstatt sich mit diesen wirklichen Problemen zu befassen, gibt es einen rassistischen Diskurs, der die BDS-Bewegung beschuldigt und die deutsche weiß-vorherrschaftliche Rechte außer Acht lässt. Es geht überhaupt nicht darum, mit Antisemitismus umzugehen. Es geht darum, den Antisemitismus zu instrumentalisieren, um den palästinensischen Solidaritätskampf zu verunglimpfen. Es ist unglaublich, was in Deutschland passiert – viele nichtjüdische Deutsche halten sich für die ultimativen Expert*innen für Antisemitismus und haben kein Interesse daran, Jüd*innen und unseren gelebten Erfahrungen zuzuhören. Ich bin auf viele Deutsche gestoßen, die sich mit der antideutschen Ideologie identifizieren, die völlig ignorieren, was linke Jüd*innen zu sagen haben. Es ist, als würden wir für sie nicht existieren, wenn wir nicht die Jüd*innen sind, die sie von uns erwarten. Es ist nur eine Form der weißen Vorherrschaft, wirklich. Vielleicht kommt dies historisch gesehen aus einer gut gemeinten Überlegung, um dem Antisemitismus zu begegnen, aber es landet schlussendlich genau dort, beim Antisemitismus.

Am Samstag schlossen sich 500 Menschen dem antikolonialen und antiimperialistischen Queers for Palestine Block auf dem alternativen CSD-Marsch in Berlin an. Das ist ein großer Erfolg! Eines der wiederkehrenden Themen war der Kampf gegen das Pinkwashing in Israel.

Genau. Alle Rechte, die wir als Queers in Israel haben, wurden hart erkämpft. Es ist das Verdienst der LGBTIQ-Bewegung, nicht des Staates. Die derzeitige Regierung ist sehr homophob. Der Staat nutzt jedoch unsere Rechte, um ihn fortschrittlich erscheinen zu lassen und gleichzeitig Kriegsverbrechen zu begehen. Das ist nicht akzeptabel. Es ist derselbe Horror, den wir bei allen Unternehmen erlebt haben, Coca Cola usw., die LGBT-Rechte nutzen, um fortschrittlich zu wirken und gleichzeitig die Rechte von Arbeiter*innen zu missbrauchen und weltweit Umweltschäden zu verursachen. Pinkwashing ist sowohl staatlich als auch gesellschaftsrechtlich.

Was brauchen wir jetzt, damit queere, antikoloniale Bewegungen in Deutschland wachsen können?

Wir müssen zusammenkommen und unsere Gemeinschaft aufbauen und sie feministisch und intersektional gestalten. Der sogenannte antideutsche Diskurs ist rassistisch und de-humanisierend gegen Palästinenser*innen und ist auch antisemitisch.

Was bedeutet dies für antirassistische und antikoloniale Jüd*innen?

Es gibt viel Hass gegen Jüd*innen, die nicht der nationalistischen Idee entsprechen, dass wir in den Nahen Osten gehören, in dem angeblich unser Staat liegt und der ein sicherer Ort für uns sei. Jüd*innen sollten sicher sein, wo wir sind. Unser Zuhause ist da, wo wir sind. Dafür müssen wir kämpfen.

# Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Eleonora Roldán Mendívil

# Titelbild: Queers for Palestine Block auf dem Radical Queer March am 26. Juli 2019 in Berlin, http://bds-kampagne.de/wp-content/uploads/2019/07/Radical-Queers-March-2019-marching.jpg

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In Berlin treffen wieder zwei Lager aufeinander. Es geht um Rassismus, um Kolonialismus und um die Frage was linke Politik eigentlich in Deutschland heute bedeutet. Dies mal geht es aber auch darum, welche queeren Menschen das Recht haben, im öffentlichen Raum Kämpfe zu führen und zu verteidigen. Wir waren auf dem diesjährigen Radical Queer March in Berlin und haben die Diskussionen im Vorhinein, die Situation vor Ort und die Debatten im Nachhinein verfolgt.

Am vergangenen Samstag fand um 12 Uhr der kommerzielle 41. Cristopher Street Day (CSD) Marsch in Berlin mit mehr als einer Millionen Teilnehmenden vom Kurfürstendamm bis zum Brandenburger Tor statt, bei dem, wie jedes Jahr, unter anderem der obligatorische USA-Truck vertreten war. Daneben wurde um 18 Uhr auch zu einem alternativen „Radical Queer March“ aufgerufen, der vom Mariannenplatz im Herzen Kreuzbergs startete. Vor der Demo kam es jedoch zu Antisemitismus-Vorwürfen gegenüber möglichen Teilnehmenden.

Nachdem am 15. Juli, auf Facebook Bodo Niendel auf der Seite des Radical Queer March Berlin die Frage stellte, wie sich Organisator*innen des Radical QueerMarch zu Antisemitismus verhalten würden und ob Aktiven der Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) die Teilnahme untersagt werden würde, brach eine große Diskussion aus. Die Organisator*innen des Radical Queer March bezeichneten dabei BDS und dessen Aktive platt und ohne Argumentation als antisemitisch.

Alle Radikalen Queers, die sich solidarisch mit Palästina zeigen und BDS unterstützen seien Antisemit*innen, und deshalb auf der Demo nicht willkommen und würden auch aktiv ausgeschlossen werden, hieß es.

BDS ist eine gewaltfreie Bewegung, die von hunderten zivilgesellschaftlichen Organisationen in Palästina ins Leben gerufen wurde, um den Boykott, den Abzug von Investitionen und Sanktionen gegenüber dem israelischen Staat gemäß Internationalem Recht durchzusetzen. Die Kampagne fordert das Ende der illegalen Besatzung palästinensischer Gebiete, die 1967 von Israel besetzt wurden, sowie die Gleichberechtigung für Palästinenser*innen und Israelis in Israel selber. Auch kämpft die Kampagne für das Recht, dass vertriebene Palästinenser*innen wieder in ihr Land zurückkehren dürfen und nicht verstreut und entrechtet, teils unter menschenunwürdigen Bedingungen in Flüchtlingslagern zusammengepfercht überleben zu müssen. BDS wird von zahlreichen Organisationen, die für soziale Gerechtigkeit einstehen, sowie von antirassistischen Kämpferinnen wie den Marxistinnen Angela Davis und Tithi Bhattacharya aktiv unterstützt.

Als Antwort auf diese Ausladung und Gleichsetzung von BDS mit Antisemitismus, formte sich daraufhin kurzfristig ein Queers for Palestine Block, der zur aktiven Teilnahme antikolonialer und antiimperialistischer Queers und Freund*innen aufrief. Hierauf gab es zwei unterschiedliche Reaktionen. Auf der einen Seite befürworteten einige die Ausladung durch den Radical Queer March und bezeichneten BDS Befürworter*innen als Rassist*innen. Sie forderten zudem, die Ausladung von Palästina-solidarischen Queers aufrechtzuerhalten. Um dies zu unterstreichen wurden unter anderem Bilder von nackten, verpügelten queeren Palästinenser*innen gepostet. Auch wurden jüdische Befürworter*innen von BDS offen als Nazis bezeichnet. Auf der anderen Seite, wurde von mehrheitlich Jüden*innen, Araber*innen und andere nicht-weißen Menschen immer wieder betont, wie BDS in einer Tradition antikolonialer und antirassistischer Boykott-Bewegungen steht und wie die platte Unterstellung des Antisemitismus in die zionistische Logik einer jüdisch-Ashkenazim, also weiß-vorherrschaftlichen udn kolonialen Ideologie des israelischen Staates spielt, der jede Kritik an seiner Entstehung und Politik als „antisemitisch” zurückweist.

Dieser unbegründete Antisemitismusvorwurf wurde als erneuter Versuch gewertet, Stimmen zum Schweigen zu bringen, die sich solidarisch mit dem palästinensischen Befreiungskampf zeigen – dieses Mal von queeren palästinensischen und jüdischen Menschen.

Am 25. Juli veröffentlichten die Organisator*innen des Radical Queer March eine Stellungnahme, in der sie sich für „die pauschale, undifferenzierte Gleichsetzung vom BDS mit Antisemitismus“ entschuldigten. Dennoch würden sie „bestimmte Methoden und Argumentationsgänge von Teilen des BDS […] durchaus kritisch“ sehen und stuften diese – wieder ohne genauere Beispiele oder Argumente – „als eindeutig antisemitisch“ ein. „Vergleiche von der israelischen Politik mit dem deutschen Nazi-Regime sowie die Art und Weise, wie der pinkwashing-Vorwurf gegen Israel vorgebracht wird“ gehörten für sie dazu.

Pinkwashing in Israel

Pinkwashing ist eine Propaganda-Taktik, bei der vor allem westliche Staaten LGBTQI* Rechte für ihre Staatspropaganda bzw. offizielle Demokratie-Marketingkampagnen, sowie als Rechtfertigung für Krieg und Vertreibung missbrauchen. Dadurch soll ihr Image als progressive und liberale Nationen gefördert und von Staatsrepression, Menschenrechtsverletzungen und struktureller Unterdrückung abgelenkt werden. Israel betreibt schon seit Jahren eine Politik des Pinkwashings. Sie lenken von ihren rassistischen und menschenverachtenden Verbrechen gegenüber Palästinenser*innen und anderen nicht-weißen Bevölkerungen in Israel ab und verschleiern so die konstante Besatzungssituation in Palästina. Dabei werden gezielt Palästinenser*innen, sowie andere benachbarte arabische, mehrheitlich muslimische Länder als besonders homo- oder transphob dargestellt. Hier steckt eine Ziviliationslogik dahinter, in der Israel sich als Verfechter von LGBTQI* Rechten – im Sinne des Westens – darstellt, gleichzeitig aber LGBTQI* Palästinenser*innen ermordet und sie ihres Landes beraubt.

Im Sommer 2014 wurden bei den Angriffen auf Gaza mindestens 2200 Menschen getötet. Darunter waren palästinensische Lesben, Schwule, Trans und Queers. Durch den Missbrauch von LGBTQI*-Rechten legitimiert der israelische Staat seine Position als Besatzungsmacht und damit auch die Entrechtung der „rückständigen und queer-feindlichen“ Palästinenser*innen. Erst im Juli hat der israelische Staat, palästinensische Häuser in Ostjerusalem zerstört, um die Bewohner*innen aus der Stadt zu vertreiben zum Beispiel.

Weißsein und (Anti)Rassismus

Während des Radical Queer Marches hat sich offenbart, um welche Radikalität es geht. Der Queer for Palestine Block war mit einer antirassistischen und queeren Politik präsent und stellte sich aktiv gegen koloniale Besatzungen und Kapitalismus, was durch viele Sprechchöre in diesem Sinne deutlich wurde. In diesem Block waren überwiegend nicht-weiße LGBTQI* sicht- und hörbar, während beim Radical Queer March die weiße Mehrheit sich, von diesen unliebsamen „Anderen“ zu distanzieren suchte.

Eine der Demostrierenden, Leil Zahra Mortada, beschrieb die Situationfolgendermaßen: „Ich ging den ganzen Marsch umher, zur erwarteten Weißen Vorherrschaft; im Gegensatz zum Queers for Palestine Block, der eine schöne und herzerwärmende Mischung aus Queers und unseren Verbündeten war. Queers, die weiß, Schwarz, Braun, PoC [People of Color, lcm], Latinx, Migrant*innen, Asylsuchende, Palästinenser*innen, Israelis, Jüd*innen, Türk*innen, US Staatsangehörige, Iraner*innen, Indigene, Undokumentierte, Sexarbeiter*innen, Anarchist*innen, Antifa…“ sind.

Was beim Radical Queer March wirklich passierte

Als kurz bevor der Radical Queer March losging hat eine Person versucht, Plakate mit der Aufschrift „Queers for a free Palestine. Fight against: racism, islamophobia, homo/transphobia, antisemitism, apartheid!“ (Queers für ein freies Palästina. Kampf gegen Rassismus, Islamophobie, Homo-/Transphobie, Antisemitismus, Apartheid!) herunterzureißen. Doch queere nicht-weiße und jüdische Aktivist*innen haben sich gegen diese physische Gewalt zur Wehr gesetzt. Der Versuch der Einschüchterung war nicht erfolgreich. Nach kurzer Zeit des Laufens erschienen zahlreiche Polizist*innen in kompletter Kampfausrüstung und schnitten mit einer Kette den Queers for Palestine Block und die dahinter laufenden Demonstrant*innen vom kurzen Frontblock ab. Die Organisator*innen des Radical Queer March gaben der Polizei an, dass der Queers for Palestine Block nicht zum Radical Queer March gehöre und nicht willkommen sei. So forderte die Polizei von dem bis dahin auf 500 Menschen angewachsenen Queers for Palestine Block, den Radical Queer March durchlaufen zu lassen, während der Weg für den antikolonialen Block versperrt blieb. Die Demonstrierenden des Queers for Palestine Blocks forderten jedoch ein, weiterlaufen zu dürfen. Die Parole „it’s not radical to call the police“ (Es ist nicht radikal, die Polizei zu rufen) hallte durch die Reihen. Diese hoch angespannte Situation hätte sehr leicht eskalieren können und zu Verletzungen und Ingewahrsamnahmen von Demonstrant*innen führen können. Auch Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus und Menschen ohne Papiere, die sich im antikolonialen Block aufhielten hätten ernsthafte Konsequenzen hieraus bekommen können.

„Indem du die Polizei rufst, hast du dich weiter in rassistische und fremdenfeindliche Politik vertieft, den nicht-weißen Körper als den gefährlichen, nicht gebändigten, hasserfüllten und unzivilisierten“ darzustellen, so Leil Zahra. Nach einiger Zeit der Angst und Verwirrung, dämmerte es wohl den Organisator*innen des Radical Queer March, dass es politisch katastrophal ist, die Bullen auf die wenigen nicht-weißen Teilnehmer*innen einer „linken“ Demo zu hetzen. Die Polizei zog jedoch erst ab, als sich der Radical Queer March ohne den Queers for Palestine Block bereits weiterbewegt hatte. Der Radical Queer March ließ also einen großen Block von antirassistischen, antikolonialen und antiimperialistsichen mehrheitlich nicht-weißen Queers allein mit der Polizei zurück. Jegliche Behauptungen im Nachhinein, die Organisator*innen des Radical Queer March hätten die Polizei nicht gerufen ist somit irrelevant, da sowohl im Vorhinein in Sozialen Medien genau der Rückgriff auf die Repressivkräfte des Deutschen Staates angekündigt wurde, als auch die Tatsache, dass bei der Polizeikette keine*r der Organisator*innen des Radical Queer March eingeschritten ist für sich spricht.

Das erste Gefühl welches sich im Queers for Palestine Block breit machte war, trotz niedriger Erwartungen, Fassungslosigkeit. Wie konnten diese selbsternannte radikalen Queers die Polizei auf Migrant*innen, Asylsuchende und andere hetzen? In der deutschen Polizeigeschichte sind zahlreiche rassistische Angriffe und Morde an Schwarzen, migrantischen, asylsuchenden, Trans und queeren Menschen bekannt. Hätte man wirklich einen Dialog führen wollen, dann hätte im Vorhinein ein Plenum einberufen werden müssen um sich argumentativ auszutauschen und die Frage zu stellen: Was bedeutet queere linke Politik heute? Die Organisator*innen des Radical Queer March entschieden sich jedoch dafür, mit dem repressiven Staatsapparat gegen „die Anderen“, die Ausländer*innen, die Unliebsamen zu arbeiten.

Dies ist nicht nur ein Verrat an radikale queer-feministische Politik, sondern auch ein Verrat an die einstigen Aufstände gegen brutale Polizeirazzien und Repressalien in Stonewall Inn 1969, die die Geburtsstunde für die weltweite radikale Lesben- und Schwulenbewegung war. Denn hier waren es proletarische Schwarze und Latinx Queers – mitunter viele Sexarbeiter*innen –, die sich gegen die rassistische, homo- und transfeindliche Politik der Stadt New York aktiv zur Wehr setzen.

Bis Redaktionsschluss gab es keine Stellungnahme des Radical Queer March Berlin zu den Geschehnissen am Samstag. In den Sozialen Medien regnet es jedoch nur so von Rechtfertigungen, die es leider auch in linke Medien schaffen, wie ein tatsachenverdrehender Artikel im neuen deutschland zeigt.

Wir müssen uns organisieren!

Insgesamt war der Queers for Palestine Block spontan und kurzfristig ins Leben gerufen worden. Folglich war dieser recht unorganisiert. Die Menschenmasse war recht lose, und unkontrolliert. Es gab auch keine klaren Ansagen. Der antikoloniale Block hat es jedoch immer wieder geschafft, sich zu sammeln. Improvisierte Parolen wurden genauso gerufen wie alt-bekannte aus der antipatriarchalen, antikapitalistischen und Palästina-solidarischen Bewegung. Trotz aller Hindernisse entstand so ein Gefühl des starken kollektiven Zusammenhaltes. Der Queers for Palestine Block wurde außerdem immer größer, da auch Teilnehmende des Radical Queer March sich ihm anschlossen.

Das anarchistisch-feministische Hausprojekt Liebig34 zeigte sich solidarisch und sagte die After-Demo-Party des Radical Queer March kurzerhand ab, da sie die Zusammenarbeit mit der Polizei und schon gar nicht diese für die Durchsetzung der eigenen politischen Ziele zu nutzen tolerierten. Auf Twitter schrieben sie: „Keine Bullen bei Pride! Wir denken nicht, dass es Zeit für eine Party ist, nach dem, was heute in #radicalqueermarch passiert ist. Also sagen wir die Party bei #Liebig34 ab.“

Ein voller Erfolg: Doch wie geht es weiter?

Trotz der unsicheren Situation, und der möglichen Gewaltaussetzung in dieser Demo, versammelten sich viele mutige Menschen, die ihre gelebten Realitäten von Rassismus und kolonialer Unterdrückung und Ausbeutung nicht länger von weißen linken, selbsternannten Radikalen bestimmen lassen und zum Schweigen gebracht werden wollten. Das wahre Gesicht der heuchlerischen weißen, mal sich „antinational,“ mal „antideutsch“ nennenden Linken ist an diesem Tag deutlich zum Vorschein gekommen.

Letzten Samstag konnte jedoch auch gezeigt werden, dass palästinensische, jüdische, pro-palästinensische und solidarische Stimmen mit antikolonialen Kämpfen nicht länger zum Schweigen gebracht und ausgeschlossen werden können. Auch und vor allem nicht in queeren und feministischen Räumen. Die Organisator*innen des Queers for Palestine Block sind überwiegend queere Frauen*, die sich aktiv für ein freies Palästina einsetzen und in verschiedenen politischen Gruppen arbeiten. Weitere Aktionen sind in den kommenden Wochen und Monaten geplant. Nach der Demonstration wurde in einer großen Feedback-Runde Ideen gesammelt, wie eine Demonstration kontrollierter und organisierter verlaufen müsste, wie man sich besser vernetzen kann und welche konkreten Methoden, Strategien zur Mobilisierung genutzt werden können.

Für weitere Vernetzungen, Aktionen und Informationen kann man sich mit den Organisator*innen über die Facebook-Seite Palästina spricht Palestine speaks oder auch mit Berlin Against Pinkwashing in Verbindung setzen.

Der Radical Queer March war nicht radikal. Deutsche Linke haben versucht marginalisierte und antikoloniale Stimmen zu ächten, zu verbannen, zu kriminalisieren, zum Schweigen zu bringen und sind letzten Endes daran gescheitert. Radikal bedeutet nun mal die Probleme an der Wurzel packen, und zwar feministisch, antikolonial, antiimperialistisch und antirassistisch. Alles andere ist Heuchelei.

# Titelbild: Queers for Palestine beim Radical Queer March Berlin am 26. Juli 2019, http://bds-kampagne.de/wp-content/uploads/2019/07/Radical-Queers-March-2019-mit-Pal%C3%A4stinenserinnen-und-Fahne.jpg

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