Welche Medien brauchen wir und wie können wir sie selber schaffen?
Vorbemerkung: Am Samstag spricht jemand von uns auf Einladung des Hate-Magazine auf dem Kongress der Möglichkeiten im Bethanien zum Thema „Linke Massenmedien“. Hier schon mal einige Anmerkungen zum Thema.
Im Gefolge von Ukraine-Krise, Montagsmahnwachen und diversen rechten Bewegungen wie PEGIDA kam ein Diskurs auf, der sich in einem Wort zusammenfassen lässt: Lügenpresse. Eine große Anzahl desillusionierter LeserInnen und ZuseherInnen der Leitmedien hatte jedes Vertrauen in selbige verloren, Rattenfänger verschwörungstheoretischer bis neonazistischer Provenienz sahen die Gunst der Stunde und griffen das Thema auf. Das Resultat war eine Debatte, die dümmer nicht hätte sein können, standen sich doch zwei Seiten gegenüber, die kaum begriffen, wo das eigentliche Problem lag und wie eine Medienkritik aussehen könnte, die nicht auf den Topos des von bösen Mächten bestochenen hinterlistigen Presselügners zurückgreifen muss.
Auf der einen Seite standen diejenigen, die meinten im Rahmen einer großen und undurchsichtigen Verschwörung immer und jederzeit betrogen zu werden und hinter diesem Betrug wahlweise Juden, linksversiffte Gutmenschen, die Asyllobby, Chemtrailpiloten oder Reptilien vermuteten. Ironischerweise sah diese Fraktion zwar in jedem herkömmlichen Presseerzeugnis die Lüge lauern, zeigte sich aber bald umso mehr bereit, alles kritiklos zu glauben, was von diversen Internetblogs durch den digitalen Äther gejagt wurde. Ob es der Abschuss einer Germanwings-Maschine durch „Flüssiglaser“ war, die durch von niemandem je gesehene Snowden-Dokumente gestützte These, dass der IS-Kalif Al Baghdadi in Wahrheit ein Mossad-Agent sei oder die Annahme der gezielten Herbeiführung des Volkstodes durch Asylanten – keine Theorie ist so dumm, dass sie nicht in Foren und Kommentarspalten ihre AnhängerInnen finden konnte.
Die andere Seite, darunter auch einige – im Selbstverständnis – Linke, sah diesen Rückfall in den Sumpf voraufklärerischer Theorien zwar, verstieg sich aber schnell dazu, einfach das Gegenteil für wahr zu halten: Die bürgerliche Presse lügt nie und ist ein ideologiefreier Tatsachenproduzent. Hier wurde der Umkehrschluss des Umkehrschlusses zum Programm: Wenn die Bürgerpresse behauptet, Putin habe Alleinschuld am Failed State Ukraine, dann sagt der „Lügenpresse“-Heini das genaue Gegenteil, nämlich das Putin toll ist. So mancher Kritiker nahm dann seine Ablehnung der „Lügenpresse“-Rufer zum Anlass das erneut umzukehren: Wenn die Putin toll finden, muss das Gegenteil war sein und er ist das ausgemachte Böse. Man gelangte so erneut zum Ausgangspunkt zurück, gewonnen war nichts.
Lügt die Presse?
Ist der Satz „Die Presse lügt“ wahr? Auf den ersten Blick stellt sich für die aufmerksame Kritikerin schon die Frage: Wer ist eigentlich gemeint? Wer ist dieses Subjekt, „die Presse“ denn eigentlich? Es wird schwer sein, diese Verallgemeinerung aufrecht zu erhalten. „Die Presse“, das sind Konkret Magazin und Spiegel, das ist junge Welt und Bild-Zeitung, Lower Class Magazine und das Pinneberger Tagblatt. All diese Erzeugnisse haben zunächst nicht viel miteinander gemeinsam. Die Eigentumsverhältnisse reichen von Genossenschaft bis multinationaler Konzern, das Budget dementsprechend von gar nichts (lower class magazine) bis 3,4 Milliarden Euro (Jahresumsatz Springer). Die Verflechtung mit politischen und wirtschaftlichen Akteuren ist je unterschiedlich, die Verbreitung, Leserklientel, usw. Ist es schon bei diesen äußerlichen Kriterien schwer, irgendwas gemeinsames zu finden, wird es noch komplizierter, wenn wir auf die Inhalte sehen: Selbst innerhalb ein und desselben Blattes werden wir gute Reportagen finden, die neben dreckigen reaktionären Kommentaren stehen.
Lügt jetzt diese „Presse“? Sicherlich, hin und wieder lügt das eine oder andere Presseerzeugnis. Da werden schon mal bewußt Fotos manipuliert und wider eigenes Wissen Falsches behauptet. Das ist aber gar nicht der Punkt. Die Kritik muss radikaler sein: Auch da, wo die Presse nicht „lügt“, ist sie nicht „unsere“ Presse. Das wiederum liegt nicht (zumindest nicht immer und ausschließlich) an dem bösen Willen einzelner Schreiberlinge, die sich mühevoll ihr Dasein als JournalistInnen verdingen müssen. Nicht alle JournalistInnen bürgerlicher Medien sind so niederträchtige Ideologen wie Jan Fleischhauer oder Franz Josef Wagner. Es liegt an dem Umstand, dass Wissensproduktion im Kapitalismus niemals „ideologiefrei“ ist. Ihr liegt immer ein Interesse zugrunde und das Erkenntnisinteresse derjenigen, die an der Aufrechterhaltung des Bestehenden interessiert sind, ist eben nicht das derjenigen, die an seiner Überwindung interessiert sind.
Das fängt bei der Auswahl des Berichtenswerten an. Warum wird jede minimale Truppenbewegung der Separatisten in der Ostukraine zu einer Schlagzeile für die Seite 1, während es großen gesellschaftlichen Drucks bedurfte, die Neonazis auf Kiewer Seite überhaupt in die Mainstreammedien zu bekommen? Warum sehen wir einen ausgewachsenen Angriffskrieg wie den Saudi-Arabiens im Jemen nur in Form von Kurzmeldungen?
Die interessengeleitete Berichterstattung setzt sich fort im Wording: Ob eine bewaffnet kämpfende Gruppe als „terroristisch“ gilt oder zu „Freiheitskämpfern“ geadelt wird, hängt nicht selten davon ab, ob sie gerade auf Seiten oder gegen die „westliche Wertegemeinschaft“ kämpft. Welcher Diktator mit Hitler verglichen wird und welcher nicht, das bestimmen nicht selten die Außenhandelsbeziehungen Deutschlands. Und ob ein Aufstand als „Fest der Demokratie“ (Euromaidan) oder als „Terror der Chaoten“ (Blockupy und GDL-Streik) gilt, hängt davon ab, gegen wen er sich wendet.
Die eigene Seite aufbauen
Wenn nun die Einsicht, dass die Berichterstattung der bürgerlichen Leitmedien interessengeleitet ist, richtig ist, liegt nahe, dass es eigene Medien aufzubauen gilt, die einen Gegenpol zu den gängigen Erzählungen schaffen. Aus unserer eigenen Erfahrung können wir sagen: Das wird immer dann besonders gut angenommen, wenn die Darstellung des Mainstreams ganz offenkundig verzerrt sind: Ukraine-Berichterstattung, Flüchtlingsdebatte und die Hetze gegen den GDL-Streik sind drei Beispiele für virale Texte, die wir in den letzten Jahren produzierten.
Ein Gegenpol tut also Not. Aber der Aufbau eigener massentauglicher Medien muss bestimmten Kriterien folgen. Aus unserer Sicht ist er politisch nur dann sinnvoll, wenn er – deshalb auch unser Namen – von einer grundsätzlichen Parteilichkeit für die „lower classes“ getragen wird. Diese darf wiederum nicht dazu führen, wie das oft bei „parteilichen“ Medien der Fall war und ist, Sorgfalt und Ehrlichkeit der Darstellung dem Klassenstandpunkt zu opfern und nur noch das zu schreiben, was einem ins Programm passt.
Wichtig ist zudem: Wir dürfen uns als radikale linke Medien nicht in die Schubladen der Vergangenheit pressen lassen. Wir können die Stadtteilversammlungen der AnarchistInnen in Athen gut finden, ohne uns das Label „anarchistisch“ geben zu müssen. Wir können die Aktionen marxistisch-leninistischer Milizen in Istanbul zielführend finden, ohne uns „marxistisch-leninistisch“ nennen lassen zu müssen. Das wiederum ist kein Plädoyer für postmoderne ideologische Beliebigkeit, sondern dafür, Inhalte an ihnen selbst zu diskutieren und nicht über abstrakte Labels.
Die Sprache ist ein weiteres wichtiges Feld, an dem wir arbeiten müssen. Erklärungen, Flugblätter, Demo-Berichte der radikalen Linken lesen sich bisweilen wie eine immergleiche Aneinanderreihung derselben Phrasen, und zwar unabhängig davon ob es der blumige Aufbruchston bestimmter anarchistischer Veröffentlichungen oder der an den Stil von Komintern-Verlautbarungen erinnerende Holzhammer marxistisch-leninistischer Texte ist. Wenn wir Geschichten erzählen wollen, die auch gelesen werden, müssen wir so schreiben, dass erstens unmittelbar und ohne Jahrzehnte dauernde Hegel- und Adorno-Schulungen verständlich ist, was wir sagen wollen. Wir müssen es aber zweitens auch so sagen können, dass es spannend zu lesen ist.
Die Cloud nutzen
Unsere eigene Erfahrung hat uns gezeigt: Aus einem Blog, der mehr oder minder als Schnapsidee in einer prominenten Neuköllner Eckkneipe geboren wurde, kann ein ernstzunehmendes Medium entstehen, wenn die Fähigkeiten verschiedener GenossInnen akkumuliert und organisiert werden. Es gibt eine Vielzahl von Linken, die layouten, schreiben, korrigieren und programmieren, filmen, interviewen und polemisieren können. Was wir zu tun haben, ist diese Cloud zusammenzufassen.
Auch wenn die radikale Linke in Deutschland nicht unbedingt auf der Höhe der Zeit steht, was Organisationsgrad, Politisierung und Riot-Tauglichkeit angeht, an medialen Vorarbeiten dafür haben wir genug. Unabhängige Medien wie Analyse&Kritik, Hate-Magazine, leftvision oder Kritisch Lesen und wir selbst decken unterschiedliche Sparten der Medienproduktion ab und könnten durch das Nutzen von Synnergieeffekten problemlos eine größere Öffentlichkeit erreichen. Kooperationen mit Medien wie junge Welt, Neues Deutschland, Konkret, punktuell auch dem Freitag oder Vice haben sich für uns als produktiv erwiesen.
Ist das in einem ersten Schritt getan, könnte ein zweiter folgen: Oft sind es genau die, die aus wenig lese- oder schreibaffinen Verhältnissen kommen, die die interessanteren Geschichten zu erzählen haben. Sie zu befähigen, diese auch zu erzählen, wäre ein lohnenswertes Projekt, nämlich genau das, das Gramsci einst als die Herausbildung „organischer Intellektueller“, also aus der Klasse selbst erwachsener Intellektueller, beschrieben hat.
Nicht nur die Verbreitung von Ideen
Medien, die wir so als Gegenpol zu den gängigen Erzählungen aufbauen, erfüllen eine Funktion, die (*Vorsicht Triggerwarnung*) Lenin in seiner 1901 verfassten Schrift „Womit beginnen?“ sehr vernünftig beschrieben hat: „Die Rolle der Zeitung beschränkt sich jedoch nicht allein auf die Verbreitung von Ideen, nicht allein auf die politische Erziehung und die Gewinnung politischer Bundesgenossen. Die Zeitung ist nicht nur ein kollektiver Propagandist und kollektiver Agitator, sondern auch ein kollektiver Organisator.“ Letzteres, so Lenin, sei vergleichbar mit einem Baugerüst, „das um ein im Bau befindliches Gebäude errichtet wird; es zeigt die Umrisse des Gebäudes an, erleichtert den Verkehr zwischen Drehern einzelnen Bauarbeitern, hilft ihnen, die Arbeit zu verteilen und die durch die organisierte Arbeit erzielten gemeinsamen Resultate zu überblicken.“ Die Zeitung schafft einen Rahmen durch den und um den herum die organisierte Tätigkeit von RevolutionärInnen stattfinden kann und muss.
Davon sind wir – allesamt – noch weit entfernt. Aber die Zeitungen, auch diese Erfahrung nehmen wir aus den eineinhalb Jahren unseres Bestehens mit, können durchaus die Schaffung eines „Netzes von Vertrauensleuten“ (Lenin) befördern, auf das wir bei der dringlichsten Aufgabe, die derzeit in Deutschland ansteht, zurückgreifen können: Den Aufbau einer organisierten radikalen Linken aus den Trümmern von Szene-Dasein, irren Debatten und völligem Versagen in fast jeder Praxis, wie sie heute vor uns liegen.