Das Schweigen brechen – Wie eine Konferenz sexistischer Polizeigewalt den Kampf ansagt

15. Oktober 2026

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Gastbeitrag

Am 18.10. findet in Berlin Kreuzberg eine Konferenz gegen sexualisierte Polizeigewalt statt. Die Organisator:innen sind vor allem politisch aktive Frauen aus unterschiedlichen Organisationen, wie ZORA oder der Prisoners Voice Platform (TSP). Wir haben mit ihnen über ihre konkreten Erfahrungen, das Programm der Konferenz und über die größeren Ziele gesprochen.

Interview: Osa Udushesheri



Könnt ihr euch einmal vorstellen und sagen, was euch dazu gebracht hat, die Konferenz gegen sexualisierte Polizeigewalt zu organisieren?

Erstmal lieben Dank für das Interview! Wir sind vor allem politisch aktive Frauen aus unterschiedlichen Organisationen wie ZORA und Prisoners Voice Platform (TSP – Tutsakların Sesi Platformu), aber wir werden in der Vorbereitung von vielen unterschiedlichen Genoss:innen und Organisationen begleitet, die schon in der Vergangenheit solche Konferenz z.B. in der Türkei gegen Vergewaltigung in Haft organisiert haben und im Kampf dagegen erfolgreich waren. Die Konferenz ist also ein Ergebnis vieler Genoss:innen, ein Ergebnis der Erfahrungen, die Frauen schon vor uns gesammelt haben.

Das hat uns aber vor allem dazu gebracht diese Konferenz zu planen: Auf Palästinademonstrationen in Berlin sehen wir auf fast jeder Aktion wie Frauen an die Brüste gefasst wird, wie Frauen der Hijab abgerissen wird, wie vor allem Polizisten ihre Macht gegenüber Frauen ausnutzen. Denken wir auch an die Aktionen des Rheinmetall-Entwaffnen-Camps. Auf der Großdemo 2025 wurden Aktivist:innen 12 Stunden im Kessel gehalten und die Polizei ging äußerst brutal gegen Frauen vor. Auch dieses Jahr bei den Blockadeaktionen des RME-Camps berichteten uns viele von Griffen in die Hose oder an die Brust, von sexistischen und abwertigen Kommentare und anderen Formen sexualisierter Polizeigewalt. Was besonders auffiel sind die Nacktdurchsuchungen die grundlos von Polizisten durchgeführt werden hier in Deutschland, es scheint fast so als solle das zur Normalität werden, in Fällen von Blockadeaktionen oder ähnlichem.

Vor allem nach den Veröffentlichungen im Dezember 2025 von Anna Liedtke zu der Vergewaltigung in israelischer Haft, kam es zu vielen weiteren Berichten der Flotilla-Aktivist:innen, die von sexualisierter Gewalt und Folter seitens der IDF berichtet haben. Auch während der People’s Caravan, die Anfang des Jahres nach Kobane reisen wollte, um von den Geschehnissen zu berichten folgten Veröffentlichungen zu körperlicher und sexualisierter Folter. Die Aktivistin der Föderation Klassenkämpferischer Organisationen Paula Maier machte im August dieses Jahres eine Veröffentlichung, bei der sie bekannt machte, dass sie bei der Jugenddelegation nach Bakur mit vielen anderen Aktivist:innen festgenommen wurde und dann in einer Einzelzelle von einem türkischen Beamten vergewaltigt wurde.

Das sind alles Fälle, die sich in den letzten Jahren gehäuft haben und zum Thema gemacht werden sollten. Wir sehen also wie unsere eigenen Körper als Waffe gegen uns selbst genutzt werden. Uns ist natürlich bewusst, dass überall da wo Frauen Widerstand leisten der Staat mit Repression antwortet. Obwohl das Thema jetzt aktuell ist, haben wir es als Frauenbewegung und linke Bewegung nicht geschafft, dass es Teil unserer Antirepressionsarbeit wird oder auch ein bewusster Kampf dagegen stattfindet.
Die Konferenz dient also als ein Ort, an dem wir als Bewegung zusammenkommen, uns austauschen über internationale Erfahrungen von Genoss:innen, über die Probleme, die wir aktuell haben und vor allem wie wir dagegen kämpfen können. Es soll für alle Menschen sein, die politisch interessiert sind, schon aktiv sind, Betroffene oder einfach jene, die was lernen möchten.

Was ist sexualisierte Polizeigewalt? Inwiefern spiegelt sexualisierte Gewalt die Strukturen der Polizei wider? Gibt es Unterschiede zu anderen Formen der Repression und der Polizeigewalt?

Die letzten Jahre haben uns deutlich gezeigt, dass die Polizeigewalt im Allgemeinen gegen alle, die gegen Krieg, Genozid, Ausbeutung und gegen dieses System kämpfen, sehr stark zugenommen hat. Der Staat hat vor allem auf eine starke Palästinabewegung mit brutaler Polizeigewalt und staatlicher Verfolgung geantwortet. Diese Repressionen, die wir in allen Bewegungen und Kämpfen erleben haben das Ziel durch Angst und Gewalt Einzelpersonen, aber auch ganze Kollektive von ihrem politischen Gedanken und Aktivismus abzubringen. Sexualisierte Polizeigewalt wurde bisher in Deutschland häufig auf eine Kontinuität der steigenden Polizeigewalt reduziert.  
Wir verstehen die Polizei als ein staatliches Organ, welches die Interessen der Herrschenden praktisch umsetzen soll: Bekämpfung von Widerstand, Kriminalisierung und Disziplinierung von Armen, Frauen, Migrant:innen, LGBTI+ und der Arbeiter:innen. Dabei scheut sich die Polizei nicht von hinterhältigen und menschenverachtenden Methoden: Schikane, Prügel, psychischer Druck, nicht selten werden persönliche Probleme gegen einen genutzt.
Die Polizei bedient sich dabei der gesellschaftlichen Scham, die uns Frauen auferlegt wird, damit wir uns gedemütigt fühlen. Sie setzen also praktisch die patriarchale und kapitalistische Unterdrückung direkt an.

Sexualisierte Polizeigewalt betrifft aber nicht nur Frauen. Auch erleben insbesondere migrantische Männer in Deutschland Nacktdurchsuchungen oder ihnen wird in die Hose gegriffen. Da spielt rassistische Polizeigewalt stark mit. Oder auch die unzähligen Berichte aus zionistischen Gefängnissen, die deutlich machen, dass brutale sexistische Polizeigewalt vor allem gegen palästinensische Männer genutzt wird. Hier dient sexuelle Gewalt zur Demütigung und Entmenschlichung nochmal besonders stark.
Sexualisierte staatliche Gewalt ist ein besonderer Angriff gegen die körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung. Wenn ein Polizist von mir verlangt mich nackt auszuziehen, wenn ein Polizist mir Klamotten vom Körper reißt, wenn ich in Gewahrsam in Unterwäsche in einer Zelle stundenlang allein gelassen werde oder wenn mir internationalistischen Delegation von Beamten mit Tod oder Vergewaltigung gedroht wird. Das sind alles Realitäten und Erfahrungen, die wir als Frauen gemacht haben.


Gebt uns doch mal einen Einblick in die Konferenz? Wie wird sie ablaufen und was wird diskutiert werden?

Ziel ist es mit der Konferenz internationale Erfahrungen auszuwerten, Inspiration aus den geführten Kämpfen zu schaffen, aber auch eine Analyse der Entwicklungen in Deutschland zu diskutieren und mit welchen Methoden wir unseren Kampf dagegen organisieren möchten.

Die Konferenz ist gegliedert in zwei Teile: Das erste Panel wird internationale Erfahrungen von sexualisierter Gewalt durch den Staat diskutieren und hierbei auch insbesondere beleuchten, welche Formen des Widerstands dagegen entwickelt wurden. Auf diesem Panel spricht Sosyalist Kadin, Prisoners Dialogue über die Situation im Iran und eine Sprecherin zur Situation in Palästina. Darüber hinaus wird Nekane Txapartegi sprechen, eine baskische Aktivistin, die ihre Vergewaltigung in Haft öffentlich gemacht hat und von dort einen politischen Kampf dagegen geführt hat, sowie Rednerinnen zur Perspektive in den Philippinen.

Auf dem zweiten Panel möchten wir konkret die aktuellen Entwicklungen in Deutschland gemeinsam diskutieren und politisch einordnen: Anna Liedtke wird für die Frauenorganisation ZORA sprechen – im Dezember vergangenen Jahres hatte sie eine Veröffentlichung zur Vergewaltigung im israelischen Gefängnis gemacht, ein Betroffenenkreis aus Nürnberg wird über ihre Erfahrungen mit Würgegriffen durch die Polizei reden, sowie Paula Maier von FKO, eine Internationalistin, die Anfang des Jahres Vergewaltigung in Haft durch türkische Beamten erlebt hat, nachdem sie sich an einer Delegationsreise nach Bakur beteiligt hat. Darüber hinaus wird Ezwa sprechen, eine Solidaritätsstruktur, die Repressionsfälle der Palästina-Bewegung in Deutschland betreut und sich unter anderem mit Anwältinnen organisiert, um dagegen vorzugehen.
Hierbei wird es auch viel Raum für Diskussion geben, bei der Betroffene von Sexualstrafen die Möglichkeit haben ihre eigenen Erfahrungen zu teilen und eine politische Schlagkraft daraus zu entwickeln.

Was wollt ihr mit der Konferenz erreichen? Was wird uns danach erwarten und was braucht es noch, um sexualisierte Polizeigewalt zu bekämpfen?

Über das letzte Jahr hinweg sind unterschiedliche Organisationen erste Schritte gegangen, die Auswertungen und Erkenntnisse daraus wollen wir kollektivieren und die Bündnisse im Kampf stärken. Wir wollen Antworten auf die Fragen finden, wie ein organisierter Kampf geschaffen werden kann, welcher konkret sexualisierte Polizeigewalt zurückdrängt.

Würgegriffe und Nacktdurchsuchungen dürfen sich nicht ungehindert in alle unsere Proteste, unseren Widerstand und unseren Alltag einschleichen. Der direkte ideologische Angriff auf Frauen muss als dieser begriffen und ein gezielter Kampf als Organisationen und Bewegung gegen Methoden der Polizei geführt werden.  Das spontane Bewusstsein muss in ein organisiertes Bewusstsein und einen gemeinsamen Kampf umgewandelt werden, bei den betroffenen Frauen sowie der gesamten Bewegung. Wir halten es für notwendig eine Initiative zu gründen, die sich der Aufgabe stellt breit dagegen anzukämpfen. Wir wollen sowohl auf der Straße dagegen kämpfen, aber auch juristisch dagegen vorgehen. Kein Fall sexualisierter Polizeigewalt soll unbeantwortet bleiben!

Danke für das Gespräch!

Foto: Rote Pixel