Die Kommunist:innen sind endlich zurück, aber kopflos

2. August 2026

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Gastbeitrag

Vor einigen Wochen sind im Lower Class Magazine zwei Artikel erschienen, die eigentlich der Eröffnungsschlag einer größeren Debatte innerhalb der kommunistischen Bewegung Deutschlands hätten sein können, die dann aber doch eher in den weiten Gemäuern der Social Media-Titanen verhallt sind. Wichtig ist eine solche Debatte, weil wir in Deutschland seit einigen Jahren eine in den imperialistischen Ländern einzigartige, wenn auch im historischen Maßstab zarte Blüte der kommunistischen Bewegung erleben. Diese Blüte ist aber, trotz ihrer langsamen Entfaltung, mitnichten unberührt in ihrem Wachstum. Vielmehr ist ihr Trieb gerade von innen heraus bedroht. Die Frage, die die Polemiken von David Meyn und Max K. erkunden, ist die nach der Art dieser inneren Bedrohung. In einer Situation, in der das deutsche Kapital wieder mit Schmackes in die Marschstiefel tritt, ist die Dringlichkeit eines effektiven revolutionären Widerstandes, um die es hier letztlich geht, selbsterklärend. Ich will im Folgenden den Versuch eines Neustarts dieser potenziellen Debatte unternehmen.

Ich werde im Folgenden eine etwas eingehendere Untersuchung der Probleme dieser unserer Bewegung unternehmen, mich mit den konkreten historischen Bedingungen des Klassenkampfes in Deutschland auseinandersetzen – Bedingungen, die mit fatalen Folgen oft nicht berücksichtigt werden – und schließlich auch einige Anregungen geben, wie wir uns besser voran kämpfen und einige Gefahren, die sich bereits heute auswirken, zukünftig besser bekämpfen können. Das wird kontrovers und für einige vielleicht auch schmerzhaft werden, aber ich denke, als Kommunist:innen müssen wir uns an eine strenge Selbstkritik gewöhnen, denn die des Klassenfeindes wird in jedem Falle um einiges unsanfter ausfallen. Also los!

Ein Diskussionsbeitrag von Malik L.


Schwankend bewegen wir uns voran

Was die Artikel von Meyn und K. eint, ist die Zentralität des Begriffs des Antirevisionismus. Liegen die Probleme der deutschen kommunistischen Bewegung in ihrem Antirevisionismus begründet, wie Meyn argumentiert? Was K. überzeugend nachweist, ist die Verkürzung des Antirevisionismus-Begriffs, den Meyn ins Feld führt. Gut, der Begriff ist also nicht richtig bestimmt und es zeigt sich, dass der Antirevisionismus historisch verdienstvoll war. Ist damit die Frage vom Tisch, ob der Antirevisionismus unser zentrales Problem ist? Ich denke um darauf mit einiger Gewissheit zu antworten, müssen wir einen Schritt zurückgehen und festhalten, wovon wir eigentlich sprechen, wenn wir von den Problemen unserer Bewegung reden.

Der ursprüngliche Artikel von Meyn gibt uns drei Symptome für die Probleme unserer Bewegung:

1.) Während ihre Quantität weiter zunimmt, stagniert die Qualität, also der gesellschaftliche Einfluss. 2.) Es gibt einen starken Drehtürmechanismus, soll heißen die Verweildauer der Militanten in den Organisationen ist kurz, es gelingt den Organisationen nicht, ihre Mitglieder langfristig an sich zu binden; 3.) Es gibt vermehrte Spaltungen von Organisationen.

Gut, das stimmt so alles, wenn man entsprechende Einschränkungen mitdenkt:

1) wenn die Organisationen wachsen, denn wächst notwendig auch ihr gesellschaftlicher Einfluss, schlicht und ergreifend weil sie Teil der deutschen, kapitalistischen Gesellschaft sind, was nicht heißt, dass man deswegen schon knietief in den Klassenkämpfen watet; 2) Offensichtlich binden die einzelnen Organisationen Leute auch langfristig an sich, wahrscheinlich auch einen wachsenden wenngleich relativ zum Wachstum der Bewegung insgesamt kleinen Kern von Leuten, die eben das Wesen der Organisationen entscheidend aber nicht ausschließlich bestimmen; 3) Wenn es mehr Organisationen gibt, gibt es natürlich auch mehr Spaltungen, dies um so mehr, je ineffektiver die jeweilige Organisation darin ist, ihre Ziele zu erreichen.

Alle diese Probleme sind nicht neu. Wir kennen sie aus dem letzten großen Schwung revolutionärer Aufbauprojekte von den späten 1960er bis in die frühen 1980er Jahre. Insofern verweist uns die Wiederkehr dieser Probleme auf etwas, das K. In seiner Replik anspricht: die Bedeutung der historischen Erfahrung und zugleich das scheinbar Besondere unserer Situation: namentlich, dass wir unter den Folgen eines Traditionsbruches leiden. Nach dem Zusammenbruch der K-Gruppen-Bewegung konnte sich die revolutionäre Bewegung – jedenfalls der Teil, der sich nicht in Illusionen vom „langen Marsch durch die Institutionen“ in die Verbürgerlichung geschmissen, oder schlicht und ergreifend das Handtuch geworfen und sich dem liberalen oder gar faschistischen bürgerlichen Lager angeschlossen hat – durch die autonome Bewegung am Leben halten. Die hat dadurch, dass sie auf ihre Weise den revolutionären Geist auf Sparflamme aufrechterhalten hat, ihre historischen Verdienste, ist aber zugleich einer Sackgasse vergleichbar, was sich heute deutlich an ihrer Hilflosigkeit im Angesicht des Ansturms der bürgerlichen Reaktion zeigt. Sie hat zudem die Lehren der K-Gruppen-Bewegung nur in negativer Form aufgenommen: das und das wollen wir nicht. Eingedenk der doch ziemlich deutlichen Schwächen und auch Ekelhaftigkeiten der K-Gruppen (ausgeprägter Dogmatismus, Sektierertum, freies Spiel patriarchaler Dynamiken, Strebertum, absurdeste ideologische Abweichungen, Missbrauch der eigenen Massenbasis, etc.) ist das verständlich, aber es war und ist doch ein Scheitern an den historischen Notwendigkeiten. Und an diesem Scheitern leiden wir bis heute. Ohne eine wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit der K-Gruppen-Bewegung, und das kann für uns nur eine konsequent revolutionär-marxistische sein, werden wir auch weiterhin ihre Fehler ohne historische Notwendigkeit reproduzieren und dadurch auch das Risiko ihres Scheiterns mit uns führen.

Weiter. Ich habe gesagt, dass es sich bei diesem Traditionsbruch um eine scheinbare Besonderheit unserer Lage handelt. Scheinbar deshalb, weil auch die K-Gruppen-Bewegung daran litt. Es war den Nazis während ihrer Herrschaft durch entmenschlichende Gewalt gelungen, den organisierten kommunistischen Widerstand innerhalb Deutschlands auf ein sehr beschränktes Ausmaß zu reduzieren. Als gesellschaftliche Kraft konnten sie die deutschen Kommunist:innen ausschalten. Mit der Neugründung des imperialistischen Deutschlands in Form der BRD wurden nicht nur die allermeisten Nazis rehabilitiert und in den Staatsapparaten in Brot und Futter gesetzt. Mehr noch wurde der Kern des Nazifaschismus, sein fanatischer Antikommunismus, auch in der BRD Staatsräson (später durchaus passend um die unverbrüchliche Treue zum völkermörderischen Siedlerkolonialstaat Israel angereichert). Es sollte daher nicht lange dauern, bis die KPD, die sich ohnehin bereits in einem Verbürgerlichungsprozess befand, 1956 rundheraus verboten wurde. Damit wurde der historische Bruch in der Tradition der revolutionären kommunistischen Bewegung Deutschlands besiegelt, wenngleich sein eigentlicher Beginn auf den Antritt der Nazidiktatur datiert. Entsprechend finden wir in den K-Gruppen immer wieder den Versuch, an die Hochzeit kommunistischer Organisation in Deutschland vor dem Dritten Reich anzuknüpfen.

Und auch zu dieser Zeit, also vor allem den 1970er Jahren, zeigen sich die Folgen dieses ganz eignen Traditionsbruches. In zumeist ausgesprochen dogmatischer Weise wurden Methoden, Strukturen, Arbeitsweisen, und Theorieversatzstücke einfach aus der Vergangenheit in die eigene Zeit übertragen. Unbedacht blieb dabei allzu oft die Verwandlung der wirklichen gesellschaftlichen Verhältnisse, die die beiden historischen Momente voneinander trennt. Und sie blieb es nicht zuletzt deswegen, weil die Bedingung für eine kritische Auseinandersetzung mit und Konkretisierung der historischen Praxis fehlte, nämlich eine wissenschaftliche Untersuchung der gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands, die im damaligen Jetzt gipfelte und darüber hinaus in ihren Tendenzen die Zukunft abzeichnete. Ohne eine solche Forschungsarbeit – Forschung verstanden als Einheit von praktischer und theoretischer Arbeit – konnte und kann ein fruchtbarer Umgang mit unserer eigenen Geschichte nicht stattfinden, geschweige denn mit der deutschen Geschichte insgesamt. Wir sind dann zur Reproduktion der immer gleichen Fehler verdammt – und zwar verdammt aus eigener Unfähigkeit.

Kurzum, es gibt durchaus tiefere Wurzeln als den Antirevisionismus für unsere Probleme. Wurzeln, die wir mit dem jetzigen theoretischen Stand der Bewegung nicht erreichen werden. Damit ist ein weiteres Problem angesprochen: unser allgemein niedriger und sich nur sehr behäbig aufschwingender wissenschaftliche Entwicklungsstand. Auch das wird von Meyn angerissen und sein eigener Beitrag bezeugt das Urteil. Halten wir uns vor Augen, dass unsere Bewegung nun doch schon über ein Jahrzehnt auf dem Buckel hat, dann kann ihr Alter allein die Misere nicht erklären. Der Traditionsbruch und seine ausstehende Aufarbeitung tragen sicherlich dazu bei, sind aber selbst auch bedingt durch unsere wissenschaftliche Unbedarftheit. Noch herrscht ein Verständnis von Theorie vor, bei dem die methodologische Ebene gar nicht in den Blick kommt (dogmatische Lehrkurse in DiaMat oder HistoMat schaffen da keine Abhilfe, sondern betonen das Problem nur). Zumeist wird der sowjetische Kanon abgearbeitet wie eine Reihe von Lehrbüchern, deren Inhalt man den Leuten einbläut, so als handele es sich um ewige Wahrheiten. Entsprechend lesen sich dann auch die originellen Beiträge. Marginalisierte Revolutionär:innen oder andere revolutionäre Traditionen jenseits der marxistischen werden wenig rezipiert und häufig nur auf Revisionismus abgeklopft. Eine Auseinandersetzung mit bürgerlichen Denker:innen findet fast gar nicht statt, und wenn, dann unter denselben Vorzeichen. Dabei müssen sich die Kapitalist:innen mit den gleichen gesellschaftlichen Problemen wie wir herumschlagen, wobei sie freilich zu anderen Resultaten gelangen. Einen reifen, souveränen Umgang mit Theorie, den uns ein niveauvolles Verständnis der marxistischen Methode gerade dadurch eröffnet, dass wir Theorie immer in ihrer konkreten gesellschaftlichen Bedingtheit begreifen sollten und können, ist rar.

Der Teufel steck im Detail

Damit will ich mich etwas wegbewegen von der Abstraktionshöhe des Allgemeinen und zu einigen konkreten Erscheinungsformen unserer Probleme übergehen. Greifen wir da an, wo wir aufgehört haben und zurren das gleich mit einigen anderen Aspekten zusammen. Woran liegt es, dass Debattenversuche wie die von Meyn und K. so im digitalen Äther verhallen? Es gibt ein kurzes Strohfeuer in den Kommentarbereichen, das notwendigerweise den Diskursregeln des Mediums folgt, also oberflächlich, emotional, und überspannt polemisch ausfällt. Das niedrige wissenschaftliche Niveau der Bewegung ist ein weiterer Aspekt: Die meisten Militanten sind noch nicht befähigt, ausführlichere, tiefer gehende Untersuchungen zu unternehmen. Dazu gesellt sich ein bereits aus der K-Gruppen-Bewegung altvertrautes Problem, die Überarbeitung der Organisierten. Es herrscht eine oft kopflose Geschäftigkeit, bei der gerade die Engagiertesten sich nach Kräften abmühen und ihre Energien in einer Vielzahl kleiner, politisch zumeist bedeutungsloser Aufgaben aufzehren. Zeit zum Innehalten und Reflektieren, geschweige denn für eingehende methodologische, historische und theoretischen Studien bleibt da nicht. Freilich, man kann dann gezielt Kader:innen zur Spezialisierung auf die Theoriearbeit abstellen. Nur kommt es dann auch häufig zu einer Entfremdung von der praktischen Arbeit was zur Verstärkung des dogmatischen Charakters der theoretischen Arbeit beiträgt.

Die Erschöpfung einzelner Kader:innen, die besonders engagiert sind, ist eine Gefahr, die jedem ernsthaften revolutionären Versuch innewohnt. Besonders auf dem Gebiet der Massenorganisation herrscht eine ausgesprochene Ausdifferenzierung politischer Niveaus und der Bereitschaft, sich für die Sache aufzuopfern. Ein Kern von führenden Kräften entsteht urwüchsig aus dieser Situation, ob wir das wollen oder nicht. Es kommt darauf an, die Kraft und das Engagement der Engagiertesten zu nutzen, um möglichst viele weitere Aktive zu motivieren und zu befähigen, selbst engagierter und bewusster tätig zu werden. Das ist ein frustrationsreicher Prozess. Und gerade die sich aufstauende Frustration führt oft dazu, dass sich in den Kader:innen eine bürokratische Haltung entwickelt gemäß dem Motto: „Dann nehme ich die Sache eben selbst in die Hand, Hauptsache es wird gemacht!“ Das ist aber mitnichten die Hauptsache. Die Hauptsache ist, dass wir uns als Massen zur Selbstbestimmung unseres Schicksals mündig machen. Der Bürokratismus besteht hier gerade darin, dass den Massen diese Möglichkeit entzogen wird und dass sich damit eine undemokratische Geisteshaltung entwickelt und schließlich etabliert. Die Kader:innen selbst leiden unter dieser Haltung, die in permanenter Überarbeitung und Erschöpfung mündet. Und der revolutionäre Prozess droht so schon früh seinen Charakter zu verändern. Es bildet sich die Tendenz heraus, die Organisation und ihre taktischen Ziele über unser strategisches Ziel zu stellen.

Damit ist ein weiteres weit verbreitetes Problem angesprochen: der Parteifetischismus. Um das klarzumachen, wir können nicht behaupten, dass es sich dabei um ein überall vorherrschendes Problem handelt, aber es ist doch ein Phänomen, dass gerade in solchen Organisation, die sich als Aufbauprojekte für die deutsche kommunistische Partei verstehen, verbreitet ist. Was also ist damit gemeint? Es ist die Verkehrung des Verhältnisses von strategischem Ziel und Vermittlung. Die kommunistische Partei ist ein Vermittlungsmoment auf dem Weg hin zum Kommunismus, sie ist selbst kein Endziel. Vielmehr hat sie selbst schließlich aufzulösen, wenn sie ihren Zweck erfüllt hat. Genauer noch passiert das im Prozess der Zweckerfüllung selbst. So wie sie ihren Beitrag zur Auflösung der Klassen leistet, entzieht sie sich die gesellschaftliche Grundlage ihrer Existenz. Nun liegt es in der Natur von Aufbauorganisationen, dass ihr unmittelbares Ziel die Partei selbst ist. Es kann also leicht passieren, dass über den langen Aufbauprozess der Fokus auf dieses Ziel zur absoluten Versteifung darauf wird. Dadurch überdeckt die Parteiform als Vermittlung des Zieles selbst den Zweck, dem sie dienen soll. Praktisch äußert sich das beispielsweise im oben beschriebenen Verhalten der Kader:innen, die die taktischen Ziele der Partei über die strategischen politischen Ziele der Klasse stellen, nur um potentiell selbst daran zu zerbrechen. Wenn der Parteifetischismus innerhalb einer Organisation hegemonial wird, haben wir es im eigentlich Sinne nicht mehr mit einer politischen Organisation zu tun. Denn sie dient dann nur noch sich selbst, auch wenn sie nach außen und sich selbst gegenüber alle Anzeichen einer politischen Arbeit aufzeigen mag. Es gibt K-Gruppen, die sich derart entwickelt haben und sich so auch über den Traditionsbruch hinaus erhalten konnten. Die Frage ist, um welchen Preis.

Eine Lehre, die dann doch aus der Ära der K-Gruppen gezogen wird, ist die Vorsicht vor Sektierertum. Das äußert sich etwa in einer übersteigerten Angst vor der Polemik. Wo es Austausch zwischen Organisationen gibt, reduziert er sich dadurch aber entweder auf offizielle Wege, von denen die Massen ausgeschlossen sind, oder auf eine Läster- und Klatschkultur unter der Masse der Mitglieder. Beide Überspanntheiten ergänzen und bedingen sich. Wo nur ein offizieller, im Geheimen geführter Diskurs erlaubt ist, blüht im Schatten das Unkraut des Klatsches. Wo dieses Unkraut blüht, reagiert eine ohnehin schon übertrieben vorsichtige Leitung mit nur noch größerer Zentralisation. Dergestalt schlägt eine Lehre aus der Geschichte in ihr Gegenteil um. Die Polemik, die in der besten marxistischen Tradition immer ein wissenschaftliches Mittel war, erstickt, während der Dogmatismus ihr den Sauerstoff entzieht und erblüht.

Es gibt auch Lehren, die man aus der Zeit der Autonomen Bewegung zieht. Beinahe alle Organisation führen heute das Ziel auf den Lippen, nicht zur Subkultur, zur Szene werden zu wollen. Wir wollen über den unmittelbaren Kreis der Linken Szene hinaus in die breiten Massen wirken, sie organisieren und gemeinsam mit ihnen kämpfen. Denn der Bruch in unserer Tradition hat gezeigt, dass man sich zwar durch die Herausbildung einer Subkultur als Szene retten kann, man damit aber zugleich seinen politischen Charakter verlieren und seine Wirkmacht auf die breitere Gesellschaft einbüßt. Klassenkämpfe werden gar nicht mehr geführt oder sie reduzieren sich auf den lokalen Umkreis und werden so notwendigerweise zu Reformkämpfen. Es kann zur politischen Entkernung der revolutionären Politik kommen. Die Subkultur dient sich selbst und grenzt sich gerade gegen die Mehrheitsgesellschaft durch eigene kulturelle Merkmale gegen diese ab, entwickelt sogar ein Gefühlt der Erhabenheit gegenüber den breiteren Massen. Ein Extremfall stellt hier die antideutsche Szene dar, die sich in ihren rechten Ausläufern zur faschistischen Bewegung unter dem Deckmantel linker Kulturmerkmale verwandelt hat.

Es ist nicht zuletzt im Bewusstsein solcher Entwicklungen, dass die heutige kommunistische Bewegung bestrebt ist, dieser Subkulturalisierung zu entgehen. Und doch sehen wir genau diese Entwicklung. Es gibt bestimmte Kleidungs- und Verhaltensweisen, die unsere Bewegung als Subkultur ausweisen, indem sie als Momente der Abgrenzung gegen die Massen funktionieren. An den Kämpfen unserer Klasse sind wir kaum beteiligt, stattdessen veranstalten wir ständig Demonstrationen, die über die Szene hinaus keinerlei Wirkung entfalten, oder veranstalten kulturelle Ereignisse – aktuell stehen Wandertage im Trend – deren politischer Gehalt fragwürdig ist. Das ist mit Sicherheit nicht beabsichtigt, sondern folgt vielmehr aus der Herausbildung einer eigenen sozialen Sphäre, wie sie organisch, mehr oder weniger spontan aus jeder Organisierung wächst. Die Herausforderung besteht darin, wie wir bewusst darauf einwirken können, um diese Organisationskulturen so zu gestalten, dass sie zu Anziehungspunkten für die breiteren Massen werden, statt uns selbst als reines Unterscheidungsmerkmal zu dienen. Das entscheidende Kriterium ist dabei, ob es uns gelingen wird, eine wirkliche Tätigkeit in den Klassenkämpfen zu entwickeln.

Ich will das Thema damit nicht erschöpfen. Man könnte beinahe endlos weitere spezielle Probleme auflisten. Jede aktive Person in der Bewegung hat genügend Beobachtungen und Beschwerden, um diesen begrenzten Aufriss nach Belieben zu ergänzen. Bevor wir zum positiven Teil dieses Artikels übergehen können, müssen wir noch kurz auf eine Frage eingehen: Was ist eigentlich der Maßstab, an dem wir unsere Erfolge und Misserfolge messen? Was ist das strategische Ziel unserer Bewegung? Wir haben die Bedeutung dieser Fragen bereits angerissen, jetzt will ich sie etwas eingehender behandeln.

Ziel und Bedingungen

Das Ziel ist schnell und leicht zu nennen. Wir wollen den Kommunismus erkämpfen. Zack da isses. Frage beantwortet. Oder? Halten wir einen Moment inne und denken etwas darüber nach. Offensichtlich, und das ist eine Grundweisheit des Marxismus, können wir nicht einfach von heute auf morgen per Willensentschluss in den Kommunismus springen. Unsere Kräfte sind vereinzelt und wir stehen mit den Kapitalist:innen und ihrem Staat einem Klassenfeind gegenüber, der bereit ist, seine Ausbeuterordnung bis zum Äußersten zu verteidigen. Deswegen gründen wir Organisation, in denen wir unsere versprengten Kräfte bündeln, mit deren Hilfe wir unser Bewusstsein entwickeln und Klassenkämpfe führen können. Der Klassenkampf selbst ist dabei das Entscheidende. Er ist das Mittel, mit dem wir die kapitalistische Welt, die unseren Seelen und Körper tagtäglich prägt, quält, tötet, umwälzen werden. So weit, so bekannt.

Aber wir können noch weiter denken. Die Arbeiter:innenklasse ist als Klasse – das heißt auf einer sehr abstrakten Ebene – durch die gleichen Produktionsverhältnisse geeint. Wir alle verfügen als Arbeiter:innen über keinerlei Produktionsmittel und sind dazu gezwungen, unsere Lebenskraft, d. h. unsere Arbeitskraft zu verkaufen, uns also von Kapitalist:innen ausbeuten zu lassen. Das ist eine abstrakte Wahrheit. Schauen wir genauer hin, dann sehen wir, dass die Welt in Nationalstaaten gespalten ist und dass diese Spaltung streng und rücksichtslos durchgesetzt wird: durch kontrollierte Grenzen, Staatsbürgerschaft, durch globale Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse. Im imperialen Zentrum dieses so konkret strukturierten Systems profitieren wir alle, ob wir das wollen oder nicht, von der Ausbeutung der kolonialen und neokolonialen Peripherie. Männliche Arbeiter:innen genießen die Vorteile des Patriarchats (und leiden zugleich unter den Verunstaltungen unserer Persönlichkeit). Damit ist die Klasse auf komplexe Weise wirklich gespalten. Patriarchales und rassistisches Verhalten unter unseren Klassengeschwistern wird also nicht einfach nur von durchtriebenen Kapitalist:innen in unsere Klasse hineingetragen, sondern sie wachsen spontan, organisch und stetig aus diesen wirklichen gesellschaftlichen Verhältnissen heraus. Männliche Arbeiter verteidigen die Vorzüge, die ihnen das Patriarchat verschafft gegenüber nicht-männlichen Arbeiter:innen. Weiße Arbeiter:innen verteidigen die Vorzüge, die ihnen dieses System aufgrund ihres Weißseins zugesteht und sie damit zugleich als weiß bestimmt, gegenüber den nichtweißen Arbeiter:innen. Wir nähern uns der Wirklichkeit. Vieles davon holt die heutige kommunistische Bewegung so langsam in ihrer Arbeit ein. Beim Thema Patriarchat, Rassismus und Arbeiter:innenaristokratie gibt es wohl noch den größten Nachholbedarf, was sicherlich auch Folge des überwiegend weißen und eher arbeiter-aristokratischen bis kleinbürgerlichen Charakters der Bewegung ist.

Aber wir können noch weiter gehen. Eine der wesentlichsten und zugleich am wenigsten beleuchteten Bedingungen der Erringung des Kommunismus folgt aus der oben genannten konkreten Struktur des Kapitalismus. Was ich meine ist die Nation. Natürlich ist die nationale Frage spätestens seit dem späten 19. Jahrhundert ein zentrales Thema der kommunistischen Bewegung. Allerdings fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der nationalen Unterdrückung und des Rechts auf nationale Selbstbestimmung der Kolonien. Was dabei wenig beachtet wird, wenngleich es gelegentlich am Rande Erwähnung findet, sind bestimmte Charakteristiken der einzelnen Nationen. Solche Eigenschaften sind Produkte des Klassenkampfes in seinen verschiedenen Formen (ökonomisch, politisch, militärisch, kulturell, juristisch, philosophisch, usw.) innerhalb eines ökonomisch-kulturellen Raumes, der zugleich dadurch erzeugt wird und dem ab einem gewissen Punkt die Form des Nationalstaates gegeben wurde. Es handelt sich hier also nicht darum, Nationen bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben, sondern bestimmte, historisch produzierte Besonderheiten zu erforschen und sie als Bedingung des Klassenkampfes ernstzunehmen.

Ich will etwas konkreter werden und greifbarer argumentieren. Oben habe ich einige konkrete Probleme unserer Bewegung beschrieben. Wenn wir sie wirklich verstehen und etwas gegen ihre Reproduktion unternehmen wollen, müssen wir die deutschen Bedingungen, unter denen sie sich entwickeln, verstehen. Nehmen wir das Problem des Parteifetischismus. Ich habe Aspekte seines Entstehens beschrieben. Wir finden aber allgemeine kulturelle Eigenschaften Deutschlands, die hier unbedingt mitgedacht werden müssen. Und zwar deshalb, weil unsere Methoden, Arbeitsweisen und Organisationsformen je nach kulturellem Milieu ganz unterschiedliche Resultate hervorbringen werden.

Was den deutschen Nationalcharakter auszeichnet, ist beispielsweise die Tendenz zur Obrigkeitshörigkeit, zu einer Grundeinstellung, die sich durch Katzbuckeln nach oben und treten nach unten ebenso auszeichnet wie ein damit zusammenhängendes tiefes Vertrauen in den deutschen bürgerlichen Staat und seine Institutionen. Diese Eigenschaften kommen nicht von ungefähr. Zum einen wurde sie uns über Jahrhunderte hinweg durch die Staatsapparate eingetrichtert. Schule und Parlamentarismus sind vorzügliche Mittel zur Domestizierung einer potenziell revolutionären Klasse. Zudem ist es in Deutschland nie gelungen, eine Revolution erfolgreich durchzuführen. Das Selbstbewusstsein, das etwa die französische Arbeiter:innenklasse gegenüber dessen Staat auszeichnet, wurzelt nicht zuletzt auch in der Französischen Revolution. Wir dagegen haben die Erfahrung gemacht, dass der deutsche Staat auch noch aus der größten Verheerung wieder aufsteht und sogar eine neue Blüte erleben kann (denken wir an das „Wirtschaftswunder“, das auf den Zweiten Weltkrieg folgte). Dieser Staat hat das imperialistische Raubgut vermittels des Sozialstaates unter breite Teile der Arbeiter:innenklasse gebracht und sie so an sich gebunden. Die bürgerlichen Medien, die mit der bürgerlichen Ideologie an diesen Staat verbunden sind, tun ihr Übriges, um durch tagtägliche nationalistische Propaganda und Agitation eine entsprechende Geisteshaltung in den Massen zu zementieren.

Zum anderen hat die deutsche Sozialdemokratie über nun mehr als ein Jahrhundert, wenngleich freilich mit bekannten Rückschlägen und Gegentendenzen (Nazi-Deutschland, Neoliberalismus), durch ihre Reformpolitik und deren Erfolge das Staatsvertrauen der deutschen Arbeiter:innen noch sehr viel tiefer befestigt. Und sie hat es geschafft, dieses Bewusstsein mit dem Geist der Konterrevolution anzureichern – sie selbst wurde dazu auch vom bewussten Teil der Arbeiter:innenaristokratie angetrieben. Gegen jede revolutionäre Tendenz kann noch immer mit dem Ruf der Verteidigung „unserer Demokratie“ angekämpft werden.

Worauf ich hinaus will ist, dass diese konkreten deutschen Verhältnisse zu einem Mangel an demokratischem Bewusst sein, zu einer Tendenz, sich Autorität zu unterwerfen, zu einer Schwäche der Persönlichkeit geführt haben. Wir können das alle, jede Person, die sehenden Auges in unserer Bewegung aktiv ist, in unseren Reihen beobachten. All dies sind also Eigenschaften, Tendenzen, die nicht einfach persönliche Mängel sind, die auch nicht bloß auf unsere Organisationen zurückgeführt werden können, sondern es sind dies Produkte einer konkreten gesellschaftlichen Entwicklung. Und es ist das Unwissen, die Blindheit unserer Organisationen und Bewegung diesen konkreten Gesellschaftsverhältnissen gegenüber, das dazu führt, dass sich diese Tendenzen um so freier innerhalb unserer Bewegung reproduzieren können. Unternimmt man den Versuch, eine bestimmte, sehr zentralistische Form der Organisation unter diesen Bedingungen aufzubauen (nehmen wir die bolschewistische Partei um das Jahr 1917, wie sie unter den konkreten Bedingungen des enorm undemokratischen, repressiven und ökonomisch wenig entwickelten zaristischen Russlands geformt wurde), weil sie an anderer Stelle und /oder in einem anderen historischen Moment zweckdienlich war, verstärkt man notwendigerweise all diese Tendenzen.

Ich will es auch hier dabei belassen, den Gegenstand nur anzureißen, um damit zu versuchen, das Denken der Leser:innen in Bewegung zu versetzen. Mein Versuch war damit zunächst deutlich machen, dass wir ein bestimmtes Ziel haben, das wir nur erreichen können, wenn wir uns ein sehr konkretes Verständnis der Bedingungen der Verhältnisse, unter denen wir kämpfen und aus denen wir die Mittel, Methoden, Vermittlungen und Zwischenschritte abzuleiten haben, erarbeiten. Gelingt uns das nicht, dann werden wir so enden wie die K-Gruppen-Bewegung. Wir werden unser Ziel nicht erreichen.

Kurzes Innehalten am Wegesrand

Bevor ich dem Abschluss meines Beitrages entgegengehe, möchte ich einen kurzen Hinweis einfügen. Wie eingangs erwähnt, befindet sich unserer Bewegung in einer Wachstumsphase. Die Geschwindigkeit dieses Wachstums nimmt zudem zu. Es sollte doch also der Schluss erlaubt sein, das wir gute Arbeit leisten und uns grundsätzlich auf einem guten Weg befinden. Ich denke, das wäre ein Kurzschluss. Der Grund für dieses Wachstum liegt aktuell noch weniger in der hervorragenden Qualität unserer Arbeit als vielmehr in der sich vertiefenden Krise des kapitalistischen Weltsystems und speziell der deutschen Gesellschaft begründet. Es sind das deutsche Kapital uns seine politischen Vertreter:innen, die uns die Leute in die Arme treiben. Immer mehr Menschen, vor allem junge Menschen, die das deutsche Kapital demnächst liebend gerne wieder in den Fleischwolf des Krieges werfen würde, suchen nach Antworten und radikalen Alternativen. Und sie stoßen auf uns.

Was ihnen dann begegnet ist zunächst eine neue Welt mit ihren eigenen Regeln, kulturellen Merkmalen, politischen Sprechweisen, usw. Alles wirkt aufregend, interessant, es herrscht viel Betrieb, man geht auf Demonstrationen noch und nöcher. Endlich entkommt man der Vereinzelung, findet sozialen Anschluss, in den leitenden Kader:innen inspirierende Vorbilder und überhaupt eine feste Identität. Und bald schon, wenn die erste Aufregung dem nüchternen Blick weicht, treten die zahlreichen Probleme ins Bewusstsein, vielleicht machen sich auch schon die ersten Symptome der Überarbeitung breit, ohne dass sich ein Fortschritt in der Arbeit bemerkbar machen würde. Die eigene Haltung leistet ihren Beitrag zu den Problemen: Man definiert sich in Abgrenzung zur Mehrheitsgesellschaft über diese Subkultur, man verfällt in unkritische Hörigkeit den leitenden Kader:innen gegenüber, man wird Kleinlaut aus Angst, diese neu gefundene soziale Heimat zu verlieren. Einige bleiben hier stecken, weniger aus politischer Überzeugung und mehr deswegen, weil ihre Identität und ihr soziales Leben sich auf derart intime Weise mit einer bestimmten Organisation oder der Bewegung insgesamt verbunden haben. Ernüchterung folgt bei den anderen und wenn nicht bald eine wesentliche Veränderung oder ein echter Fortschritt kenntlich werden, gestaltet sich die radikale Bewusstseinsbildung und Organisierung als mehr oder weniger kurzer Zwischenstopp und die Leute finden sich wieder in der engen Umarmung der Bourgeoisie ein.

Die Gruppen, die sich neu gründen, reproduzieren die Muster der bereits bestehenden oder anderer ausländischer oder historischer Vorbilder in dogmatischer Weise. Damit weisen sie auch all die Probleme auf, die wir oben genannt haben. Weil sie unter denselben Bedingungen arbeiten, mit denselben Herausforderungen kämpfen müssen und oft genug dieselben Schwächen aufweisen.

Für uns erscheint es einstweilen als Erfolg. Es gibt zwar einen recht großen Durchlauf durch die Organisationen, aber insgesamt wächst es noch allen Ortes. Also läuft es gut. Bis die Krise nachlässt oder die bürgerliche Politik die Repression anzieht und so die Reihen lichtet. Ob es so weit kommt, liegt an uns; an unserer Entwicklungs- und Lernfähigkeit.

Werden wir konkreter

Ich will noch einige Aspekte anreißen, um aufzuzeigen, wie sich unsere allgemeinen Kampfbedingungen seit dem letzten revolutionären Aufschwung verändert haben. Mein Fokus liegt dabei auf einer handvoll Punkten, die ich als wesentlich erachte, die aber selbst noch durch weitergehende Forschung zu konkretisieren sind. Ein solcher Debattenbeitrag kann freilich nicht der Platz für eine tiefe wissenschaftliche Gesellschaftsforschung sein. Aber ich möchte doch zumindest einen Anreiz dafür geben.

Die Zeit seit den 1970er Jahren zeichnet sich global durch eine entscheidende Umstrukturierung der Produktionsverhältnisse aus. Was als „Outsourcing“ bekannt ist, meint eine enorme Intensivierung des imperialistischen Parasitismus. Die Industrien wurden in großen Teilen von den imperialistischen Zentren in die Peripherie verlagert, um dort von der billigen Arbeitskraft, also von höheren Mehrwertraten, sowie von geringerer Regulierung zu profitieren. Die Lohndifferenzen werden international durch eine engmaschige Kontrolle der Migrationsbewegungen zwischen Zentren und Peripherie aufrechterhalten. Durch die Auslagerung der Produktion hat sich die globale Klassenstruktur verwandelt. Es gibt nun eine riesige Arbeiter:innenklasse in den Kolonien und Neokolonien. Diese Arbeiter:innen leben unter sehr viel schlechteren sozialen Verhältnissen als die Arbeiter:innen im Zentrum des Systems. Die Regierungen der peripheren Staaten stehen miteinander im Wettkampf darum, Produktionsstandorte zu werden und setzen daher brutale Arbeitsverhältnisse zugunsten des Monopolkapitals durch. Dies kommt daher, dass die Produktion, die jetzt in der Peripherie stattfindet, für den Markt im Zentrum des Systems bestimmt ist. Es kommt also nicht zu mehr Unabhängigkeit dieser Länder. Der Druck auf die Arbeiter:innen der Peripherie erhöht ihre Widerstandsarbeit, sie beginnen sich immer mehr illegal zu organisieren. Zugleich sind die Bedingungen ihres Kampfes instabil, denn einzelne Produktionsstandorte sind immer nur für einen Teil der Waren zuständig. Das Kapital kann daher relativ schnell einzelne Kettenglieder seiner Produktionsketten verlagern.

Dennoch stellt diese neue weltweite Klassenstruktur einen wesentlichen Unterschied zur Vergangenheit dar. Die damaligen nationalen Befreiungskämpfe waren vor allem von radikal-demokratischen und/oder nationalistischen Kleinbürger:innen angeführt. Sie konnte keine proletarische Massenbasis hinter sich wissen, weil sie nicht existierte. Ihre Revolutionen fußten auf der Bauernschaft und dem Lumpenproletariat. Der Kolonialismus nutze die Kolonien damals vor allem als Absatzmärkte, als Rohstoffquellen und als Quellen von Menschenmaterial für seine zwischen-imperialistischen Kriege und für die Repression gegen andere Kolonien und Arbeiter:innen. So konnte kaum eine große Arbeiter:innenklasse entstehen. Nun besteht sie und hat zudem über die letzten Jahrzehnte die Festigkeit einer historischen Klasse angenommen. Die kommenden Revolutionen in der Peripherie haben damit das Potenzial radikaler, kommunistischer und beständiger auszufallen als im letzten Jahrhundert. Freilich ist es noch ein weiter Weg vom Potenzial zur Tatsächlichkeit und die Vermittlung beider ist nichts anderes als die revolutionäre Politik.

Ein Aspekt dieser Entwicklung, der uns im imperialistischen Zentrum noch direkter angeht, ist die Neuzusammensetzung der hiesigen Arbeiter:innenklasse. Mit dem Beginn des „Wirtschaftswunders“ hat das Monopolkapital vermehrt nichtweiße Arbeiter:innen in seine Zentren gezogen, um sie dort besser ausbeuten zu können und die Kampfverhältnisse für die dort bereits ansässigen weißen Arbeiter:innen zu verschlechtern. Mit den nationalen Befreiungsbewegungen wurde die Ära des Neokolonialismus eingeläutet und der Zuzug nichtweißer, daher besser auszubeutender Arbeitskraft nahm noch zu. Heute ist die Arbeiter:innenklasse in allen imperialistischen Zentren zusammengesetzt aus weißen und verschiedenen nichtweißen Arbeiter:innen. Diese Differenz der „Rassen“ ist dabei keine biologische, natürliche, sondern sie ist ein gesellschaftliches Verhältnis, das zum einen organisch aus der globalen Arbeitsteilung erwächst, zum anderen sehr bewusst durch die bürgerlichen Staaten und das Kapital produziert wird. Denken wir an die Entmenschlichung in „Geflüchtetenunterkünften“ (sagen wir es ohne Tarnsprech: Konzentrationslagern) oder die rassistische Arbeitsteilung, bei der die Drecksarbeiten mehrheitlich oder zum Teil auch ausschließlich von nichtweißen Menschen erledigt werden. Rasse ist daher nicht bloße Einbildung, sondern wirkliche Praxis. Sie spaltet als solche die Arbeiter:innenklasse. Dabei müssen wir uns der Wirklichkeit stellen, dass die rassistischen Anschauungen vieler weißer Arbeiter:innen speziell in der Arbeiter:innenaristokratie nicht einfach in sie hineingetragen werden, sondern dass sie adäquater Ausdruck ihrer gesellschaftlichen Existenzbedingungen sind. Man kann nur derart fett gefressen sein, weil nichtweiße Arbeiter:innen entsprechend rücksichtsloser ausgebeutet werden. Die bewussteren Teile der Arbeiter:innenaristokratie wissen darum genau und organisieren sich daher in sozialimperialistischen oder faschistischen Parteien. Eine Klassenanalyse, die Rasse und Rassismus in diesem Sinne nicht berücksichtigt, wird kein realistisches Bild der gesellschaftlichen Verhältnisse geben und damit auch zu keiner erfolgreichen Praxis für die kommunistische Sache begründen können.

Ein für Deutschland entscheidendes Ereignis kann das verdeutlichen. Mit dem Fall der Berliner Mauer und der Annexion der DDR erhielt der deutsche Imperialismus einen gewaltigen Kraftschub, der ihn wesentlich zu seiner heutigen Vorherrschaft über Europa ermächtigte. Die ehemaligen DDR-Bürger wurden Teil der weißen deutschen Klassenstruktur. Die nationalistische Euphorie, die unmittelbar durch den Mauerfall ausgelöst wurde, muss dabei im Zusammenhang mit den damaligen Pogromen verstanden werden. Denn auf die Euphorie folgte die Ernüchterung. Ein Prozess der ursprünglichen Akkumulation vollzog sich im Osten. Er zerstörte die Reste sozialistischen Eigentums und machte Ostdeutschland bereit für den Kapitalismus. Dazu gehörten mit der Trennung von Produktionsmittelbesitzer:innen und Produktionsmitteln (Vernichtung des Volkseigentums) die millionenfache Arbeitslosigkeit und der Abzug der ostdeutschen Jugend in den Westen. Die marodierenden terroristischen Nazibanden zerschlugen die Reste der Linken und bereiteten so dem Kapital den Boden. Plötzlich sahen sich die Ostdeutschen mit der Wirklichkeit des Kapitalismus konfrontiert, speziell aus der Perspektive der Opfer, die seitdem als ein innerdeutsches Reservoir billiger Arbeitskraft agieren müssen. Der Nationalismus bestimmte ihr Verhalten sie, ihre Aufnahme in die gesellschaftliche Kategorie des Weißseins, selbst in dieser weniger privilegierten Form, führte statt zu revolutionären zu reaktionären Bewegungen. Nicht das westdeutsche Kapital, sondern die Menschen, die nun noch verstärkter als nichtweiß bestimmt werden sollten, wurden zum Blitzableiter des Zorns. Die Kohlregierung heizte diese Pogromstimmung gemeinsam mit den bürgerlichen Medien noch ordentlich an, denn sie diente ihnen, sich aus der Affäre zu ziehen. Pogrom und nationale Euphorie gemeinsam bedeuteten also den Aufstieg der DDR-Bürger zu weißen Deutschen. Bis heute ist diese Entwicklung für das Verständnis von und die politische Arbeit in Ostdeutschland bedeutend. Wir finden im Osten eine widersprüchliche Dynamik aus geringem Vertrauen in den deutschen Staat gepaart mit einer offeneren Form des Rassismus, die in dem Bewusstsein wurzelt, doch noch Teil der weißen Vorherrschaft zu sein und immer noch nach unten schlagen zu können. Die reaktionären Parteien des Landes haben es seitdem immer gut verstanden, das auszunutzen.

Auch wenn wir das Problem der Subkulturalisierung durchdenken, brauchen wir ein Bewusstsein um die neuen gesellschaftlichen Entwicklungen seit den 1970er Jahren. Ich will dahingehend zwei Aspekte hervorheben. Zunächst gab es einen massiven Abbau von Arbeiter:innenorganisationen und damit einhergehen von Arbeiter:innenkultur. Die Gewerkschaften sind geschrumpft, das Vereinswesen ebenso, es gibt kaum noch Arbeiter:innenviertel (oft sind die verbleibenden solche nichtweißer Arbeiter:innen), von einer eigenständigen Arbeiter:innenkultur können wir nicht mehr sprechen. Der Organisationsgrad unserer Klasse ist also enorm gesunken, mithin gab es einen starken Rückgang des Klassenbewusstseins. Verstärkend zu dieser Entwicklung kommt das Aufkommen der Massenkonsumkultur und der modernen Kommunikationsmedien. Wo die organisierten Angebote und Räume fehlen, springt das Vergnügen im Warenkonsum und in der Unterhaltung in den eigenen vier Wänden ein. Das hat zur Folge, dass immer mehr soziale Verhältnisse in Ware-Geld-Verhältnisse verwandelt werden. Ich komme bald nur noch über den Austausch von Geld gegen Waren in den zwischenmenschlichen Kontakt. Und diese Vermittlung durch das Ware-Geld-Verhältnisse bestimmt die Form des menschlichen Verhältnisses. Es sind entfremdete Verhältnisse, in denen ich keine Entfaltung meiner persönlichen Fähigkeiten mehr erfahren kann. Indem die Unterhaltungsindustrie uns mit Fernsehen, Internet, Streaming-Diensten und Sozialen Medien verführt, die eigne Wohnung nicht mehr zu verlassen außer zum Einkaufen und zum Arbeiten, wird diese zwischenmenschliche Entfremdung noch verstärkt. Unsere sozialen Fähigkeiten verkümmern. Wenn wir politisch tätig werden, kostet es uns enorme Überwindung und viel Übung, Massenarbeit zu leisten. Und wie schwer es ist, Kontakt mit den Massen aufzubauen, mehr noch sie zur Aktivität zu bewegen, weiß jeder, der es versucht hat.

Einen letzten Punkt möchte ich hier noch nennen. Oben habe ich das niedrige theoretische Niveau unserer Bewegung besprochen. Es gibt auch hier größere gesellschaftliche Zusammenhänge, die zu beachten sind. Eines der wesentlichen Anliegen der 68er-Bewegung war die Demokratisierung der Universitäten. Bis dahin waren das vor allem Kader:innenschmieden der bürgerlichen Elite. Sie waren also keine Masseneinrichtungen. Hier wurden die künftigen Herrschenden und intellektuellen Eliten geschmiedet, die das Kapital zum Erhalt seiner Ordnung benötigt. Den 68ern ist es gelungen, das zu ändern. Einen Beitrag leistete hier auch die Durchsetzung der Informationstechnologie, die es nötig machte, massenhaft technisch fähige Arbeitskräfte zu produzieren. Die Universitäten wurden für breitere Massen geöffnet. Da aber zugleich die Etats nicht entsprechend nachzogen und sicherlich auch aus politischen Erwägungen, fiel das Niveau der Ausbildung an den Universitäten. Kritisches Denken und die Entfaltung einer allseitig entwickelten Persönlichkeit sind nur noch Lippenbekenntnis, ein Überbleibsel aus der Zeit der aufsteigenden Bourgeoisie. Heute geht es darum, vor allem in einem engen Bereich technisch fähige Arbeitskräfte zu produzieren. Die Verwirklichung der Bildungsideale der revolutionären Bourgeoisie war innerhalb des Kapitalismus nie eine wirkliche Option, aber der Verfall speziell der höheren Bildung ist dennoch dramatisch. Man kann heute keinen substantiellen Unterschied zwischen einem Menschen mit Abitur, oder vielleicht sogar Realschulabschluss und einem Menschen mit Bachelor oder Master mehr erkennen. So wie das relativ hohe theoretische Niveau der 68er-Student:innen im Charakter der Universitäten damals begründet war, so spielt die Universität von heute ihren Teil in unserem heutigen geringen theoretisches Niveau. Das ist eine Entwicklung, die wir nur durch die qualitative Entwicklung unserer eigenen Bildungsarbeit bekämpfen können.

Was wir tun können

So, das war zugegebenermaßen recht viel und zudem viel wenig Erbauliches. Als Kommunist:innen sind wir aber kämpferische Menschen, Tatmenschen. Daher stellen wir uns gleich die Frage, was wir tun können, um uns aus der Scheiße heraus zu arbeiten. Das ist eine Frage, die wir nur in der gemeinsamen revolutionären Praxis beantworten können. Diese Beantwortung setzt zugleich voraus, dass wir einen offenen Diskurs entwickeln und den solidarisch-kritischen Austausch untereinander intensivieren, bzw. einen solchen überhaupt erst entwickeln. Als Einzelner, als der ich hier schreibe, kann ich nur einige Gedanken und Erfahrungswerte beisteuern.

Ich denke, wir werden nicht darum herumkommen, unser Verständnis des Marxismus ganz entschieden zu vertiefen. Der Kapitalismus ist ein System, das mit seiner Entwicklung immer komplexer wird. Die Gesellschaftsverhältnisse, in denen wir leben, die uns prägen und die wir zu revolutionieren bestrebt sind, werden immer verwickelter und raffinierter. Ihnen auf den Grund zu gehen, um ihnen die Wurzel zu ziehen, bedarf daher einer verfeinerten Methodologie. Wenn etwa unser Verständnis der Dialektik bei den drei oder vier Grundgesetzen bereits erschöpft ist, wird das nicht mehr hinreichen. Es hat schon bei Marx nicht gereicht, der allein mit diesem Mittel das Problem des Warenfetischismus nicht hätte durchdringen können. Es reicht heute noch viel weniger. Dabei ist ein solches methodologisches Studium weder Selbstzweck noch losgelöst von unserer praktischen Arbeit zu vollbringen. Es kann nur als Teil der praktischen Arbeit gelingen und nur mit dem Blick auf unsere taktischen und strategischen Herausforderungen. Es wird dabei entscheidend sein, die richtige Gewichtung zwischen praktischer Arbeit und theoretischer Forschung zu finden, sodass nicht der eine den anderen Aspekt überlagert. Diese Gewichtung ist selbst nur unter Rücksicht auf den Stand der Klassenkämpfe zu finden. Noch sind die Klassenkämpfe in Deutschland schwach ausgeprägt, trotz der offensichtlichen Krise und der absehbaren Verschärfung der Kämpfe. Das gibt uns die Möglichkeit, mehr Gewicht auf die theoretische Arbeit zu verlagern, um unsere Praxis zu entwickeln. Das sollten wir nutzen, denn es wird sich durch einen klareren Blick und passendere, verfeinerte Methoden in den kommenden Kämpfen auszahlen.

Es muss uns klar sein, dass ein solches methodologisches Studium nicht nur eine Befassung mit der Methode selbst bedeuten kann. Sicherlich können wir hier viel lernen, aber die Beschäftigung mit Texten zur Methode allein wäre ein Rückfall in die Philosophie. Vielmehr wird die Methode am Stoff selbst entwickelt. All die Forschungsarbeit, deren Notwendigkeit ich im Vorherigen versucht habe zu betonen, wird selbst ein Mittel sein, unsere Methodologie zu verbessern, wenn wir mit einem Bewusstsein dafür an die Arbeit gehen. Derart legen wir gleich zweifach die Grundlagen für die Verbesserung unserer Arbeit: Wir erreichen ein höheres wissenschaftliches Niveau und wir vertiefen das Verständnis unserer Kampfbedingungen.

Ich bin überzeugt, dass die Frage der Bildungsarbeit sehr viel besser verstanden und erheblich vertieft werden muss. Bildungsarbeit sieht aktuell in der Regel schematisch und unoriginell aus: Lesekreis, Vortrag, Workshop, Formen von Diskussionen, Kader:innenentwicklung. Sehen wir einmal vom konkreten Inhalt dieser Formen ab, so ist doch deutlich, dass es sich hier um einen kleinen Kreis von altbekannten und zugleich in ihrer Begrenztheit längst erwiesenen Methoden handelt. Was wir dabei übersehen ist, dass der unmittelbare Einfluss auf unsere Bildung, die Formung unserer Persönlichkeit, unsere Organisationen selbst mit ihrer Kultur, Arbeitsweise, ihren Strukturen, Programm, der durch sie (oft unbewusst) vermittelten Ethik sind. Wenn wir das begreifen, können wir beginnen, dieser Aspekt ganz neu zu durchdenken, neu im Hinblick auf die Entwicklung kommunistischer Persönlichkeiten anzugehen. Das kann auch den Rückbau von Organisationstrukturen, -formen, oder ganzen Organisationen bedeuten, wenn diese derart fehlentwickelt sind, dass sie im gegebenen Kontext nur zu schlimmeren Entwicklungen führen können. Dieser Punkt greift direkt zusammen mit dem der Erforschung unserer Kampfbedingungen, denn nur gemeinsam können beide Fragen gelöst werden. Die Anpassung unserer Organisationsformen setzt eine konkrete Kenntnis unseres gesellschaftlichen Milieus voraus, und die Erforschung dieses Milieus setzt voraus, dass wir uns bereits zu einem gewissen Grad zu Kommunist:innen verwandelt haben. Das ist ein verschränkter Prozess.

Ich hoffe, mit diesem Beitrag einigen Stoff für weitere Diskussionen und mehr noch für wirkliches, aufrichtiges Nachdenken geliefert zu haben. Es gibt viel zu tun. Es gibt noch mehr zu entdecken und jede aufrichtige kommunistische Person kann Wesentliches Leisten, wenn sie ihre Kräfte auf die wichtigen Punkte zu konzentrieren versteht. Wenn ihr mich fragt, ist das trotz alledem eine ermutigende Aussicht. Sonst haben wir eh nur noch mehr Scheiße zu erwarten. Also lasst es uns anpacken!

Foto: Lower Class Magazine

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