Der seit April 2023 andauernde Krieg im Sudan hat nicht nur eine der schwersten humanitären Krisen der Gegenwart ausgelöst, sondern auch eine grundlegende Debatte über die Ursachen der politischen Instabilität und die Zukunft des sudanesischen Staates entfacht. Während zahlreiche regionale und internationale Vermittlungsinitiativen auf eine Beendigung der Kampfhandlungen und die Wiederaufnahme eines politischen Übergangsprozesses abzielen, bestehen innerhalb der sudanesischen politischen Landschaft erhebliche Unterschiede hinsichtlich der Bewertung dieser Ansätze und der Voraussetzungen für einen nachhaltigen Frieden.
Vor diesem Hintergrund kommt den Stellungnahmen der sudanesischen politischen Parteien besondere Bedeutung zu. Sie spiegeln unterschiedliche Interpretationen der Ursachen des Krieges, der Rolle staatlicher und gesellschaftlicher Akteure sowie der möglichen Wege zur Überwindung der Krise wider. Eine der deutlichsten und zugleich grundsätzlichsten Positionen nimmt die Sudanesische Kommunistische Partei (SKP) ein. In ihrer Erklärung zum politischen Pakt der „Kräfte der Prinzipienerklärung“ entwickelt sie nicht lediglich eine Kritik an einem konkreten politischen Abkommen, sondern formuliert eine umfassende Analyse der historischen Entwicklung des sudanesischen Staates, der Ursachen des gegenwärtigen Krieges und der Bedingungen für einen demokratischen und friedlichen Wiederaufbau des Landes.
Die vorliegende Analyse untersucht die zentralen Argumentationslinien dieser Erklärung. Im Mittelpunkt stehen das Verständnis der SKP von den strukturellen Ursachen des Krieges, ihre Bewertung des politischen Paktes der „Kräfte der Prinzipienerklärung“, ihre Analyse regionaler und internationaler Einflussnahmen sowie ihre wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Schlussfolgerungen. Ziel ist es, die politische Logik der Erklärung nachzuzeichnen und sie in den größeren Kontext der programmatischen Positionen der Sudanesischen Kommunistischen Partei einzuordnen, ohne dabei eine normative Bewertung ihrer politischen Forderungen vorzunehmen.
Von Mitgliedern der SCP in Deutschland
Eine Analyse der politischen Position der Sudanesischen Kommunistischen Partei zum politischen Pakt der „Kräfte der Prinzipienerklärung“
Kräfte der Prinzipienerklärung
/ Die Kräfte der Prinzipienerklärung Pakt sind ein politisches und zivilgesellschaftliches Bündnis, das sich im Verlauf des sudanesischen Krieges formierte. Es vereint eine Vielzahl politischer Parteien, ziviler Kräfte, Berufsverbände, Organisationen der Zivilgesellschaft sowie unabhängige nationale Persönlichkeiten. Das Bündnis wurde erstmals im Dezember 2025 öffentlich vorgestellt; seine erweiterte Charta wurde im Mai 2026 verabschiedet. Ziel des Bündnisses ist es, eine politische Vision zur Beendigung des Krieges und zum Wiederaufbau des sudanesischen Staates auf der Grundlage einer zivilen und demokratischen Ordnung vorzulegen.
Dem Bündnis gehören unter anderem die Sudanese Congress Party, die National Umma Party, die Unionist Gathering Party, die Vereinigte Nationale Unionistische Partei, die Sudanese National Alliance, die Republikanische Partei sowie mehrere nationalistische und linke Parteien an. Darüber hinaus beteiligen sich die Sudan Liberation Movement/Army unter der Führung von Abdel Wahid Mohamed al-Nur, die Sudan People’s Liberation Movement – Democratic Revolutionary Current, verschiedene Kräfte des Bündnisses „Sumoud“ sowie Berufsverbände, zivilgesellschaftliche Organisationen und unabhängige Persönlichkeiten.
Trotz der politischen Vielfalt seiner Mitglieder eint das Bündnis eine Reihe gemeinsam formulierter Grundsätze. Dazu gehören insbesondere das Ziel eines sofortigen Endes des Krieges, die Ablehnung einer militärischen Lösung, der Schutz der Zivilbevölkerung sowie die Einleitung eines politischen Prozesses, der zu einem zivilen demokratischen Übergang und zur Neugründung des sudanesischen Staates führen soll.
Gleichzeitig hat der Pakt seit seiner Veröffentlichung eine breite politische Debatte ausgelöst. Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen nach der Zusammensetzung des Bündnisses, seinem Repräsentationsanspruch innerhalb der sudanesischen politischen Landschaft sowie die unterschiedlichen Positionen seiner Mitgliedskräfte zu grundlegenden verfassungsrechtlichen und politischen Fragen.
Die Erklärung des Politbüros der Sudanesischen Kommunistischen Partei zum politischen Pakt der „Kräfte der Prinzipienerklärung“ stellt den Versuch dar, eine umfassende politische Interpretation des gegenwärtigen Krieges im Sudan sowie der vorgeschlagenen Wege zu seiner Beendigung zu formulieren. Die Erklärung beschränkt sich nicht auf die Ablehnung des Paktes, sondern entwickelt eine breitere Analyse der sudanesischen Krise und ihrer historischen, sozialen und politischen Ursachen. Dabei wird der aktuelle Krieg als Ausdruck einer tiefgreifenden Krise des sudanesischen Staates seit der Unabhängigkeit verstanden.
Die Erklärung geht von der grundlegenden Annahme aus, dass der gegenwärtige Krieg nicht lediglich eine militärische Auseinandersetzung zwischen den Sudan Armed Forces (SAF) und den Rapid Support Forces (RSF) darstellt. Vielmehr wird er als Ausdruck einer strukturellen Krise des Staates betrachtet, die sich über Jahrzehnte hinweg entwickelt hat. Diese Krise ist nach Auffassung der Partei das Ergebnis wirtschaftlicher und sozialer Marginalisierung, des Scheiterns nationaler Entwicklungsprojekte, der Dominanz militärischer und wirtschaftlicher Eliten sowie der wiederkehrenden Militärputsche, die den demokratischen Entwicklungsprozess behindert haben. Aus dieser Perspektive können politische Abkommen oder begrenzte sicherheitspolitische Arrangements die Krise nicht lösen, solange ihre eigentlichen Ursachen unangetastet bleiben.
Vor diesem Hintergrund übt die Partei grundlegende Kritik am politischen Pakt der Kräfte der Prinzipienerklärung. Sie betrachtet ihn als Fortsetzung jenes politischen Kompromisskurses, der bereits die Übergangsperiode nach der Revolution geprägt habe. Nach Ansicht der Partei beruhte dieser Ansatz auf einer Machtteilung mit militärischen Machtzentren, anstatt deren politischen Einfluss zu beseitigen. Dies habe letztlich zum Scheitern des demokratischen Übergangs und zum Ausbruch des Krieges beigetragen. Deshalb bewertet die Partei den Pakt als Abkehr von den zentralen Forderungen der Dezemberrevolution nach vollständiger ziviler Herrschaft, Rechenschaftspflicht und Gerechtigkeit. Der Pakt eröffne die Möglichkeit, frühere Partnerschaften mit Akteuren zu erneuern, die nach Auffassung der Partei direkt oder indirekt Verantwortung für den Staatsstreich und den gegenwärtigen Krieg tragen.
Ein weiterer zentraler Aspekt der politischen Analyse betrifft die regionale und internationale Dimension des Konflikts. Die Erklärung betrachtet externe Interventionen nicht als nebensächlichen Faktor, sondern als ein wesentliches Element bei der Verlängerung und Verschärfung des Krieges. Aus diesem Grund kritisiert die Partei unterschiedliche Formen regionaler Einflussnahme und argumentiert, dass verschiedene externe Akteure die Konfliktparteien entsprechend ihren wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen unterstützen. Daraus ergibt sich die Forderung nach der Verteidigung der nationalen Souveränität und der Unabhängigkeit sudanesischer Entscheidungsprozesse als unverzichtbare Voraussetzung für eine nachhaltige Lösung der Krise.
Im wirtschaftspolitischen Bereich formuliert die Erklärung eine deutliche Kritik an den neoliberalen Politiken, die nach Ansicht der Partei in den vergangenen Jahrzehnten verfolgt wurden. Die wirtschaftliche Krise wird dabei nicht allein als Folge des Krieges verstanden, sondern als Ergebnis von Liberalisierungsmaßnahmen, Privatisierung und einer zunehmenden Abhängigkeit von internationalen Finanzinstitutionen. Diese Politik habe zur Schwächung produktiver Wirtschaftssektoren, zum Verfall öffentlicher Dienstleistungen und zur Ausweitung von Armut beigetragen. Dadurch seien soziale Widersprüche vertieft worden, die politische Instabilität weiter verstärken.
Die Partei verbindet daher die Frage des Friedens mit jener der sozialen Gerechtigkeit und vertritt die Auffassung, dass Stabilität nur durch eine produktionsorientierte Wirtschaftspolitik, eine ausgewogene Entwicklung und eine stärkere Rolle des Staates bei der Verwaltung strategischer Ressourcen erreicht werden kann.
Von besonderer Bedeutung ist zudem die enge Verknüpfung von Kriegsbeendigung und demokratischem Wandel. Die Partei lehnt die Vorstellung ab, dass ein dauerhafter Frieden allein durch Vereinbarungen zwischen bewaffneten Eliten erreicht werden könne. Stattdessen fordert sie ein umfassendes politisches Projekt, das auf der Beteiligung der Bevölkerung und ziviler Kräfte basiert und den Wiederaufbau des Staates auf demokratischen Grundlagen zum Ziel hat. In diesem Zusammenhang schlägt sie die Beendigung des Krieges, die Auflösung der Milizen, den Aufbau einer professionellen nationalen Armee unter ziviler Kontrolle sowie die Errichtung einer zivilen Übergangsregierung vor. Diese soll einen verfassungsgebenden Prozess einleiten, der die Staatsstruktur, das Regierungssystem und die Beziehungen zwischen Zentrum und Regionen neu definiert.
Zusammenfassend präsentiert die Erklärung eine Analyse, die die gegenwärtige Krise des Sudan nicht nur als Kriegskrise, sondern zugleich als Krise des Staates, des politischen Systems und des wirtschaftlichen Entwicklungsmodells versteht. Aus dieser Perspektive werden Lösungsansätze zurückgewiesen, die sich ausschließlich auf die Beendigung der Kampfhandlungen konzentrieren, ohne die tieferen Ursachen des Konflikts anzugehen. Die Partei vertritt die Auffassung, dass jede politische Regelung, die nicht mit einem Projekt des demokratischen Wandels, der sozialen Gerechtigkeit und der Wiederherstellung nationaler Souveränität verbunden ist, Gefahr läuft, die Krise in neuer Form zu reproduzieren. Der Kern ihrer Position besteht daher in der Verteidigung und Vollendung der Ziele der Dezemberrevolution, die als notwendige Voraussetzung für einen dauerhaften Frieden und den demokratischen Wiederaufbau des sudanesischen Staates betrachtet werden.
Als Einleitung in das Thema siehe auch:
Von Deutschland bis in den Sudan – Teil I
„Was verborgen ist, ist größer“ – Von Deutschland bis in den Sudan Teil II
„Die Revolution ist unvollendet, aber nicht besiegt“ – Über den Krieg und die Revolution im Sudan