Während graue Wolken über dem Land stehen, legt sich unaufhörlich das Weltmeisterschaftsfieber wie ein Schleier über die Nation. 7 zu 1 gegen den kleinen Inselstaat – das Blut ist in Wallung. Bei einem Bitburger Pils lassen sich die alltäglichen Sorgen vor den Bildschirmen schnell vergessen, zumindest für die knapp 1,5 Monate des Turniers. Einer Brandmauer gleich steht die Nation hinter dem Team: Merkel jubelt zu unserer rechten, Kaiser Friedrich liegt in den Armen Rudi Völlers, während ein paar Kids auf der Straße im Undav-Trikot einem Ball von Tedi hinterherjagen. Für den WM-Ball von Decathlon hat es dieses Jahr leider nicht gereicht, da das Geld der Eltern knapper geworden ist …
See the champions, take the field now, you define us, make us feel proud (Wavin’ Flag:K’naan – WM Song 2010)
Eins ist klar: Die Nation wird sich aus der Misere der vergangenen Jahre herauskämpfen müssen. Die Gloria vergangener Tage scheint heute im Angesicht der Zeitenwende fast in Vergessenheit geraten zu sein. Ja, wir waren Exportweltmeister. 54, 74, 90 und 2014 in Rio de Janeiro: „Mach ihn, er macht ihnnnnn, Mario Götze„, „Götze!“ – die Stimme des Kommentators Tom Bartels hallt noch immer im kollektiven Gedächtnis wieder! Was haben wir getanzt auf den Straßen: So gehen die Deutschen, die Deutschen gehen so und so gehen die Gauchos … Jahre später ist von der Freude nur noch der Bodensatz übriggeblieben und Olaf Scholz säuselt wie ein Schweinsteiger aus dem Off zu uns: „Zeitenwende, Zeitenwende“.
They’ll call me freedom Just like a wavin‘ flag (Ebd.)
Ebenso in Vergessenheit geraten zu sein scheint die Rede Friedrich Merz’ etwa einen Monat vor dem Eröffnungsspiel, bei dem er anlässlich des 23. DGB-Bundeskongresses die anwesenden Gewerkschafter:innen auf den notwendigen Zusammenhalt einschwor. Die Lage der Nation sei „herausfordernd und anspruchsvoll“. Damit waren nicht die Gruppengegner Elfenbeinküste, Ecuador und Curacao gemeint. Zum einen sei da, nach Merz, die vertane Chance, mit der Digitalisierung Schritt zu halten und zum anderen die demografische Entwicklung. Das Volk wird alt und auch Nagelsmann scheinen die ergrauten Allstars Ballack, Schweinsteiger und Thomas Müller in seinem Kader auf dem Weg zum Erfolg zu fehlen.
Mit der derzeitigen Geburtenrate von durchschnittlich 1,35 Kindern und damit dem niedrigsten Stand seit dem ersten Nachkriegsjahr 1946 stehen die deutschen Wirtschaftsambitionen auf Messers Schneide. Nicht von ungefähr kommen daher die Sozial-Reformen, welche im Juli präsentiert werden sollen. Die Buhrufe der Gewerkschafter:innen waren Merz vor einem Monat bei Verkündung des „Maßnahmenpakets“ sicher, jedoch werden die Reformen mit etwas Glück an der breiten Öffentlichkeit vorbeigehen, wenn es die Jungs bis ins Finale am 19. Juli in New York schaffen und die parlamentarische Sommerpause darauffolgend beginnt.
You′re a good soldier, choosing your battles.
Pick yourself up and dust yourself off, get back in the saddle (Shakira: WakaWaka, 2010)
Und dann ist außerdem noch der Krieg: „Wir alle spüren das in diesen Wochen und Monaten: Um uns herum sortiert sich die Welt neu. Sie tut das nicht langsam, gemächlich und überschaubar. Sie tut das eruptiv.“ Was Kanzler Friedrich mit seiner Rede beim 23. DGB-Bundeskongress meinte, war natürlich nicht der überraschende 2:0 Sieg Australiens gegen die Türkei, sondern drückte sich mitunter in den Raketen aus, die in derselben Nacht, abgeschossen von der USA auf den Iran, gleich dunklen Raubvögeln durch die Nacht des Mittleren Ostens rauschten.
Was aus mehr als 4 Jahren Ukrainekrieg, dem Genozid in Palästina, der Zerstörung des Libanons und dem Angriff auf den Iran folgt, ist nicht mehr als eine moralische Kritik, welche nur die Rechtfertigung dafür schaffen soll, selbst auf Kriegskurs zu gehen und das nationale Schiff in die dafür geeignete Fahrrinne zu bringen. In dem sogenannten Reformpaket, das im kommenden Monat Juli auf den Weg gebracht werden soll, wird es um eine grundlegende Veränderung des Rentensystems, der Arbeitszeitreglung und der Finanzierung des Gesundheitswesens gehen. Diese „Reformpakete“, welche sich im ersten Moment halb so wild anhören mögen, bedeuten die gnadenlose Umsetzung einer bundesdeutschen Standortpolitik für die Unternehmensbosse. Mit ihnen soll nämlich die Abschaffung des 8-Stunden Tages und der Rente mit 67 einhergehen. Enthalten in dem Rundum-Sorgvoll-Paket wird zudem eine Beschneidung der Leistung gesetzlicher Krankenkassen sein.
Seit mehreren Monaten ist die geplante Rentenreform das Dauerthema. Nicht umsonst wurde sie von Friedrich Merz als „das härteste Brett“ bei dem de facto Abbau des Sozialstaats bezeichnet. Konkret soll es dabei nämlich um eine weitere Privatisierung der sogenannten Altersvorsorge gehen, bei der lediglich eine minimale gesetzliche Rentenversicherung als „Basisabsicherung“ (Friedrich Merz) bestehen bleiben soll. Der weitaus größere Teil würde jedoch ab 2032 über Betriebs- und Riesterrenten dem Kapitalmarkt überlassen werden.
Für eine gedeihende bundesdeutsche Wirtschaft, soll es nach Merz im besten Falle auch an das Ersparte von Rentnern gehen, da es als Spekulationsobjekt höhere Gewinne und damit Finanzierungsmöglichkeiten abwerfen könnte: „Du hast die drei Billionen eben genannt, die auf Sparkonten und Sichteinlagen in Deutschland liegen. Da gehören sie nicht hin! Sie gehören in den Kreislauf unserer Volkswirtschaft, sie müssen angelegt werden, und sie müssen vor allem dafür sorgen, dass die Menschen in Deutschland eine stärkere Vermögensbildung in ihre Hand nehmen und dass sie damit auch für das Alter besser abgesichert sind.“ Gebt also Acht auf eure Geldkassetten im Nachtschrank und im Zweifelsfall auf die Goldzähne eurer Angehörigen.
Am besten würde es der Regierung natürlich gefallen, wenn das Geld direkt in die boomende Rüstungsindustrie fließen würde. Zumindest kurz- bis mittelfristig könnte sich diese mit der Versprechung von Arbeitsplatzsicherheit über Milliarden-Rendite erfreuen, während langfristig dieses „tote Kapital“ verschrottet wird oder kostengünstiger in einem Kriegsgebiet die letzte Salbung von einer billigen Copter-Drohne erhält.
Mit dem Ruf nach stärkerer Vermögensbildung geht natürlich ein Lebensmodell und eine materielle Notwendigkeit einher, die in der absoluten Bejahung des bürgerlichen Lebensmodells resultiert: Trading-App auf dem Handy, hier etwas Gold, da etwas Staatsanleihen und die Familie in der Doppelhaushälfte ist sogar im Alter noch glücklich. Doch alle, die nichts zum Sparen haben oder eben nicht diesem Modell entsprechen, den werden die Drohungen von Merz spätestens in 30–40 Jahren einholen, wenn dieser schon längst die Blumen von unten sehen wird. Ein aufmerksamer Blick in den Städten genügt dabei, um festzustellen, dass bei einer zunehmenden Privatisierung der Altersvorsorge in Zukunft noch mehr Rentner:innen auf der Suche nach Pfandflaschen in Mülleimern wühlen müssen. Heute schon sind über 19 % der über 65-Jährigen von Armutsgefährdung betroffen, wobei die Zahl von Frauen die der Männer deutlich übersteigt.
You’re on the frontline, everyone′s watching
You know it’s serious, we’re getting closer, this isn′t over (Ebd.)
Vor wenigen Wochen machte ein Bericht der Bild von sich Reden, der über die vorläufige Einigung der Rentenkommission berichtete. Darin enthalten war nämlich der Reformvorschlag, das Renteneintrittsalter von 70 Jahren anzustreben. Eine wachsende Lebenserwartung, so die Argumentation, müsse mit einer längeren Erwerbstätigkeit einhergehen. Für die Arbeiter:innen, deren Lebenserwartung sowieso schon durch körperlich schwere Arbeit oder Schichtarbeit um einige Jahre gesenkt wird, bedeutet das, gleich nach getaner Pflicht erschöpft ins Grab fallen zu können.
Von einer Rente ab 70 wären laut des Berichts alle nach 1990 geboren Menschen betroffen, wobei das Rentenniveau nach 2031 unter die derzeitigen 48 % des derzeitigen monatlichen Brutto-Durchschnittsverdienstes fallen würde.
In einer Forsa-Umfrage Ende 2025 gaben 81 % der Befragten an, dass sie die Erhöhung des Rentenalters auf 70 als eine falsche Entwicklung betrachten. Verzweiflung macht sich insbesondere bei denjenigen Familien breit, die sich selbst aus finanziellen Gründen um pflegebedürftige Angehörige kümmern müssen. Diese Arbeit wird überwiegend von weiblichen Angehörigen geleistet, die als Folge selbst keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgehen können. In solchen Fällen kam bis jetzt die Rentenversicherung für die Altersversorgung auf. Wenn es nach der Gesundheitsministerin Nina Warken geht, sollen hier künftig nur noch 70 % der Rentenversicherungsbeiträge durch die Pflegekasse übernommen werden. In so einem Fall können sich die Betroffenen zwischen einem Darben in Altersarmut entscheiden oder eben die Pille einer langfristigen Abhängigkeit gegenüber ihren Partner:innen schlucken.
Zu guter Letzt ist in naher Zukunft noch ein Reformpaket für die gesetzlichen Krankenkassen vorgesehen, das bereits 2027 greifen soll. 16,3 Milliarden Euro sollen dabei durch den von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) verkündeten Gesetzesvorstoß im kommenden Jahr eingespart werden. Der Gesetzesentwurf sieht die Abschaffung der Zahlung von Mehrkosten vor, die beispielsweise durch Tarifsteigerungen des Krankenhauspersonals entstehen. Diese Differenz wurde bis jetzt durch die Krankenkassen aufgebracht. Obendrauf ist ebenso eine Einkürzung des Pflegebudgets vorgesehen. Die zwangsläufige Folge wären Stellenabbau, eine zunehmende Überbelastung des jetzt schon ausgelaugten medizinischen Personals und zu guter Letzt die Schließung unrentabler Krankenhäuser. Es müssten eben „Prioritäten gesetzt werden“, so Kanzler Merz und damit weitere Meilensteine auf dem Weg in ein total privatisiertes und kommerzialisiertes Gesundheitswesen genommen werden.
Wenn am kommenden Samstag die deutsche Nationalelf gegen die Elfenbeinküste kicken wird, werden wieder Millionen vor den Bildschirmen sitzen und im nationalen Taumel aufgehen. Seit jeher nehmen „Brot und Spiele“ eine besondere Rolle in der Aufrechterhaltung eines Konsenses der subalternen Klassen gegenüber dem herrschenden System ein – gerade in Zeiten wachsender Widersprüche, in denen von Oben dazu aufgerufen wird, den Gürtel enger schnallen zu müssen.
Bei all der Freude über die Fußball-Weltmeisterschaft sollte man nicht außer Acht lassen, welch beispielloser Angriff auf den Sozialstaat zeitgleich zur diesjährigen WM durchgeführt wird. Dafür ist die Bundesregierung im Begriff, auch die Gewerkschaftsführungen an Bord zu holen, wie das Treffen mit Unternehmerverbänden und den Gewerkschaftsspitzen im Bundeskanzleramt Anfang Juni zeigen.
„Für unsre langen Wege aus der Krise und aus der Depression – lautet die Devise – nichts wie rauf auf den Fußballthron.“ (Sportsfreunde Stiller) Was in der heutigen Zeit aber bleiben wird, Fußballthron hin oder her, werden Depression und Ernüchterung sein, wenn die sozialen Errungenschaften von Generationen in kürzester Zeit weggewischt werden sollten. Noch ist es nicht so weit. Noch spricht auch nicht viel dafür, dass es zu einem breiten Widerstand gegen diesen Sturmangriff der Zeitenwende kommen wird.
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