Der Kulturkampf der „Tradwifes“ – Über die Bewegung, die ihren Namen nicht ganz verdient

12. Juni 2026

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Gastbeitrag

Pastell, creme und weiß. In diesen Farben präsentieren sich zumeist sogenannte Tradwifes (traditional wife) auf Instagram und TikTok und propagieren das Dasein als Hausfrau und Mutter. Ein Trend aus den sozialen Medien, der wie so viele, aus den Vereinigten Staaten von Amerika kommt und nun auch seit Anfang der 2020er Jahre in Deutschland immer mehr Popularität erfährt. Tradwifes sind Influencerinnen die zeigen wie sie Kochen, Putzen, sich um die Kinder kümmern und dabei perfekt gestylt warten, bis der Mann von der Arbeit nach Hause kommt. 


Das Aufkommen der Tradwife-Bewegung und ihr ideologischer Ursprung in den USA dürften wohl kaum einer einfachen gesellschaftlichen Dynamik entsprungen sein. In einer Zeit, in der die konservativ-libertären Kräfte um das Trump-Lager gemeinsam mit der christlich-fundamentalistischen Bewegung an Auftrieb gewinnen und die Verschlankung des Staates durch den Abbau des eh schon sehr sparsamen Sozialsystems propagieren, müssen wir das Aufkommen eines vermeintlich traditionellen Frauenbildes in diesem Kontext untersuchen. Die Frau soll zusehends das Zusammenstreichen des Sozialsystems durch unbezahlte Reproduktionsarbeit ausgleichen. 

Den Hintergrund für diesen libertären Kurs stellt die grundlegende Tendenz des Kapitalismus zur Profitmaximierung dar, was mit der Senkung von Steuern, bei gleichzeitiger steigender Privatisierung und dem Abbau des Sozialsystems einhergeht. Spezifisch für die USA spielt das Ringen um die Aufrechterhaltung der eigenen Hegemonie in Konkurrenz zu China eine zentrale Rolle. Aus dieser ergibt sich die Notwendigkeit, die Produktion im eigenen Land auszubauen, um mit der Wirtschaftsmacht China mithalten zu können und die Abhängigkeit bei sensibler und kriegsrelevanter Technologie abzubauen. Die USA sollen dafür möglichst attraktiv für multinationale Konzerne gestaltet werden, wobei die Verfügbarkeit billiger Arbeitskräfte im Zentrum steht. Diese außenpolitischen Entwicklungen bilden die Grundlage des derzeitigen innenpolitischen Kurses in den USA. 

Die in Deutschland bisher unbeachtete Denkschrift der „Heritage Foundation“, des einflussreichsten Thinktanks in den USA und wahrscheinlich sogar weltweit, „Saving America by Saving the Family: A Foundation for the Next 250 Years“, gibt einen kleinen Einblick in die innenpolitische Strategie der USA. Dass dieser Thinktank nicht nur eine nette Inspiration für das politische Establishment in den USA sein dürfte, wird an der Ausarbeitung des „Project 2025“ deutlich. Dieses stellt ebenfalls ein Strategiepapier der Heritage Foundation dar, das im April 2023 veröffentlicht wurde und die Umgestaltung der US-Regierung und des generellen politischen Establishments nach dem Sieg der Republikanischen Partei bei der US-Präsidentschaftswahl im April 2023 vorsah. Mittlerweile soll die US-Regierung unter Trump nach dem Community-Projekt bis Februar 2026, etwa 51 % der im Papier erklärten Ziele umgesetzt haben. Es lohnt sich also, die Vorschläge und Analysen der Heritage Foundation beim Wort zu nehmen. 

Bereits im dritten Absatz bezeichnet die Denkschrift die Familie als „Wiege des Staates“  und hat damit durchaus den Kern ihres Wesens getroffen. Die Familie ist seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte Abbild der grundlegenden Organisation der Gesellschaft, die sich seit jeher im Wandel entsprechend der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Herrschaftsformen befunden hat. Bildete im Feudalismus noch die bäuerliche Großfamilie, die als Arbeitsgemeinschaft fungierte, die Grundlage desselben, wandelte diese sich mit dem Aufkommen der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und dem Zug in die Städte zur Kernfamilie um. Während in bürgerlichen Familien die Frau größtenteils zuhause blieb und sich ausschließlich um die Reproduktionsarbeit kümmerte, wenn diese keine Hausangestellten hatten, musste die Frau in der Arbeiterfamilie die doppelte Last durch Lohnarbeit und die Reproduktion tragen. Der Mann hingegen ging in beiden Modellen der Lohnarbeit nach und hielt den Produktionsprozess in den Fabriken oder am Schreibtisch am Laufen. Die Familie im Allgemeinen und die Ausbeutung der Frau im Besonderen bilden demnach die Grundlage für das Funktionieren einer nach kapitalistischen Maßstäben organisierten Gesellschaft. Die neue Tradwife Bewegung hat demnach nicht ganz ihren Namen verdient. Denn ein solches traditionelles Frauenbild, welches dargestellt wird, hat es in dem Sinne nie in der breiten Gesellschaft gegeben. Es waren die Frauen der bürgerlichen Klasse, die Zuhause blieben und sich alleine um die Reproduktion kümmerten. Die „traditionelle Frau“ ging zu großen Teilen immer einer Lohnarbeit nach.

Der Versuch die klassische Kernfamilie und somit die unbezahlte Arbeit der Frau vermehrt zu propagieren, verfolgt das Ziel, die Aufrechterhaltung und Ausweitung der Kernfamilie für eine sich immer weiter entwickelnde libertäre Wirtschaftsordnung in den USA voranzutreiben. Das Sozialsystem soll weiter abgebaut und der Staat als reines Gewaltorgan ausgebaut werden. Der ideelle Gesamtkapitalist wandelt sich langsam und setzt an seine Stelle den schlanken Staat, der durch seine Gewaltorgane die Aufrechterhaltung der Eigentumsordnung in den Fokus nimmt. 

„In vielerlei Hinsicht ist eine starke Familie – die auf Gott und einander vertraut – selbst ein Ausdruck von Unabhängigkeit. Sie fördert die Freiheit, indem sie den Bedarf an staatlicher Hilfe im Alltag minimiert“ (Auszug aus „Saving America by Saving the Family: A Foundation for the Next 250 Years“, The Heritage Foundation)​. Die Familie und somit die Frau sollen den Abbau des Sozialsystems ausgleichen und für eine weiterhin funktionierende Gesellschaft, die nicht im Chaos versinkt, sorgen. „Die staatliche Hilfe im Alltag“ meint hier wohl die Pflege von Angehörigen und die Bedürfnisse des alltäglichen Lebens von Kinderbetreuung bis zum Putzen und Kochen. Diese müssen dann unbezahlt von Frauen übernommen werden.

Der Grund für den vergangenen Wandel der Familie wird ebenfalls im Ausbau des „Wohlfahrtsstaat“ gesehen: „Dieser dramatische Wandel weg von Ehe und Familiengründung hat viele Ursachen, doch zwei stechen besonders hervor. Die erste war Lyndon Johnsons „Krieg gegen die Armut“. Der rasante Ausbau des Wohlfahrtsstaates förderte die Geburtenrate außerhalb der Ehe, belegte Geringverdiener, die heirateten, mit verheerenden finanziellen Strafen und hielt arbeitsfähige Menschen von der Arbeit ab“. (ebd.) Neben der Möglichkeit zum Rückbau des Sozialsystems und somit zur Ausweitung der Profitmaximierung gibt es noch einen zweiten entscheidenden Punkt für die Propagierung der Kleinfamilie, die Verteidigung: „Ohne Familien kann ein Land weder sinnvolle Arbeit noch Wohlstand schaffen. Es fehlt ihm an starken und mutigen Männern, die es vor feindlichen Angreifern im In- und Ausland schützen könnten.“ (ebd.)

Diese Isolierung und Einsperrung von Frauen im Haus wurde insbesondere von der Frauenbewegung des 20. Jahrhundert stark kritisiert. Dass diese zum Wandel der Familie beigetragen haben, lässt sich demnach nicht abstreiten. Auch die Heritage Foundation sieht den Grund für den Rückgang der klassischen Kernfamilie in der „Zweiten Welle des Feminismus und (der) sexuellen Revolution“. 

Neben dem Ausbau des „Wohlfahrtsstaates“ und der Frauenbewegung werden der Kommunismus und die „Schwarze Familie“ als Begründung für den Rückgang der Ehe herangezogen. Nichts anderes ist von einem Thinktank zu erwarten, der zur Zeit des Kalten Krieges maßgeblich den Antikommunismus unter der Reagan-Ära voranbrachte. Die Strategie der Heritage Foundation wird nicht lediglich auf dem Papier bleiben, sondern aktiv durch die republikanische Politik vorangetrieben. Das geht auch aus der Schrift selbst deutlich hervor: „Wenn Trends, politische Maßnahmen und Einflüsse zum Niedergang von Ehe und Familie geführt haben, [können] dieselben Trends, politischen Maßnahmen und Einflüsse auch zu deren Wiederherstellung führen.“ Offen erhebt die Denkschrift den Anspruch, ihre Auffassung von Ehe und Familie zu propagieren. Wirft man einen kurzen Blick auf die führenden Instagram Accounts und Webseiten der US-Regierung, wird das sehr schnell deutlich. Auf dem Instagram Account der Jugendbewegung „turnigpoint“ von MAGA findet sich ein Feed voller romantisierender Bilder einer Kleinfamilie und Frauen als Hausfrau und Mutter. So zeigt ein Video eine Frau mit Baby auf dem Arm und darüber steht „what’s your dream job?“ und kurz darauf wird „this“ eingeblendet. Die Propaganda läuft auf Hochtouren.

Es lässt sich festhalten, dass die Frau im derzeitigen Kulturkampf des konservativ-libertären Lagers eine wichtige Protagonistin ist. Ihre unbezahlte Arbeit ist die Grundlage, auf welcher der derzeitige innen- wie außenpolitische Kurs der USA gesichert und das Land wieder stärker als eigenständigen Produktionsstandort aufgestellt werden soll. Dass dabei auch Millionen Frauen in der Erwerbsarbeit benötigt werden, liegt auf der Hand. Daher wird das propagierte Frauenbild nur für begrenzte bürgerliche Kreise gelten, während der Großteil der Frauen weiterhin einer Erwerbsarbeit nachgehen wird um gleichzeitig dem traditionellen Frauenbild als gute Hausfrau und Mutter hinterherjagend zu müssen.

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