Koloniale Kontinuitäten im digitalen Raum – Die unsichtbare Ausbeutung von Arbeitskraft hinter der KI

25. Mai 2026

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Gastbeitrag

Oftmals konzentriert sich die Kritik an KI-Systemen auf die reaktionären Netzwerke der Tech-Milliardäre, etwa die Verbindungen zwischen OpenAI CEO Sam Altman und faschistischen Akteuren um Donald Trumps MAGA Lager oder dem strukturellen Arbeitsmarktwandel und damit verbundenen Stellenabbau. Auch die Automatisierung imperialistischer Kriegsführung wird zu Recht thematisiert. Doch eine zentrale Frage der politischen Ökonomie bleibt auch bei KI: die Akkumulation durch Ausbeutung.


„Frag doch mal die KI!“ – Im aktuellen ‘KI-Hype’ wird die technologische Revolution gefeiert, doch ihre materielle Grundlage wird zumeist unsichtbar gemacht. Denn hinter den scheinbar autonom agierenden Funktionen steckt oft die Ausbeutung menschlicher Arbeit. Während bürgerliche Kommentatoren den Nutzen von KI-Systemen preisen, kalkulieren neoliberale Strategen die Rentabilität von neuen Marktgiganten wie OpenAI oder Anthropic. Hierbei werden neue KI Systeme oft als abstraktes Wunderwerk wahrgenommen – doch die realen Arbeitsbedingungen hinter Systemen wie Gemini, Claude, MetaAI und ChatGPT, die letztlich das Fundament ausmachen, bleiben oft im Dunkeln verborgen. In den Peripheriestaaten des Globalen Südens leisten Millionen von sogenannten Clickworker:innen die Arbeit für diese industriellen Entwicklungen. Doch wer sind die Menschen, die die Kleinstarbeit des Daten-Trainings machen, wie sehen ihre Arbeitsbedingungen aus und welche sozialen und infrastrukturellen Folgen hat diese digitale Wertschöpfungskette für die betroffenen Gesellschaften?

Die „Primitive Akkumulation“ der Daten

Der Begriff der Künstlichen Intelligenz suggeriert eine gewisse Autonomie dieser Systeme – die Realität bleibt allerdings, dass die KI nicht ohne die Ausbeutung menschlicher Arbeit funktionieren würde. Die Arbeit der Clickworker:innen lässt sich als eine moderne Form der Fließbandarbeit begreifen, die das vermeintliche technologische Wunder, neben Daten und Codes, erst materiell ermöglicht.

In einem Fall von digitalem Extraktivismus1 sichten Arbeiter:innen in Kenia beispielsweise intime Videosequenzen, die von Metas KI-Brillen aufgezeichnet wurden, um Algorithmen für die Objekterkennung zu schärfen – ein tiefer Eingriff in die Privatsphäre, der den Beschäftigten oft psychisch zusetzt. Diese „Data Labelers“ oder „Clickworker“ fungieren als das unsichtbare, prekärst bezahlte Fundament der KI-Wertschöpfungskette: Sie annotieren Bilder, Hassrede, pornografische Inhalte, sichten Gewalt gegen Menschen und Tiere und strukturieren unedierte Datenmengen. Letzteres ist beispielsweise einer der Gründe, warum die von vielen genutzten Chatbots, statt einer passiv-aggressiven, eine toxisch-positive Kommunikation mit ihren Menschen haben.

Entfremdung Architektur der Unsichtbarkeit

Das glänzende Versprechen ‚smarter‘ Technologien kaschiert eine koloniale Kontinuität: Am Beispiel Kenias wird deutlich, wie Erwerbstätige in einer scheinbar ausweglosen Spirale aus kurzfristigen Projekten und purer Existenzsicherung feststecken. Ohne jede vertragliche Sicherheit leisten sie in kurzfristigen Intervallen exzessive Schichten von bis zu 20 Stunden täglich, nur um nach Projektabschluss unmittelbar in monatelange Arbeitslosigkeit und existenzielle Not zurückzufallen. Hinzu kommt ein Stundenlohn von unter 2 US-Dollar pro Stunde, der zusätzlich in dieses Abhängigkeitsverhältnis zwingt.

Die Clickworker:innen trainieren u.a. KI-High-End-Technologien wie selbstfahrende Autos, die sie selbst niemals besitzen werden und für die die lokale Infrastruktur gar nicht ausgelegt ist. Während das Kapital die KI als „autonom“ bewirbt – etwa wenn ein Staubsauger-Roboter lernt, zwischen Socken und Neugeborenen zu unterscheiden –, basiert diese „Intelligenz“ vollständig auf menschlicher Sisyphusarbeit.

Die Entfremdung erreicht dort ihren Höhepunkt, wo die Arbeit den Bereich der banalen Datensortierung verlässt und die psychische Integrität der Arbeitenden direkt angreift. Berichte der kenianischen Gewerkschaft Data Labelers Association2 dokumentieren erschütternde Praktiken: So wurden Beschäftigte für das australische Unternehmen ‘Appen’ über Monate hinweg angehalten, ohne jeglichen Kontext oder psychologische Betreuung verstörende Bilder von Leichen zu kategorisieren. Diese Form der Ausbeutung macht auch vor der intimsten Privatsphäre nicht halt. Oftmals verlangen diese Firmen von den Arbeitenden die Bereitstellung hochgradig privater Daten – etwa Fotos der eigenen Schwangerschaft oder der eigenen Kinder –, deren späterer Verwendungszweck für die Arbeitenden vollkommen unklar bleibt.

Diese gewaltvolle Praxis bildet auch das unsichtbare Rückgrat für die Sicherheitsprotokolle globaler Sprachmodelle wie ChatGPT. Damit die KI im Westen als „sicher“ und „ethisch“ wahrgenommen wird, müssen Clickworker:innen im Globalen Süden massenhaft hasserfüllte, gewaltvolle und traumatisierende Texte lesen und filtern. Um das ohnehin fragile Image von Konzernen wie OpenAI vor den moralischen Konsequenzen dieser Arbeit zu schützen, bedienen sich die Tech-Giganten, laut Times Recherche3, komplexer Geflechte aus Subunternehmen. Ein prominentes Beispiel ist die US-Firma Sama (ehemals Samasource), die den Großteil ihrer Belegschaft strategisch in Niedriglohnländern wie Kenia und Gambia konzentriert. In dieser Architektur der Unsichtbarkeit demaskieren sich koloniale Strukturen in ihrer reinsten Form: Der technologische Komfort des Westens ist kein Resultat autonomer Algorithmen, sondern wird durch die systematische psychische und physische Zerstörung der Arbeitskraft im Globalen Süden erkauft. Somit sind die ausgebeuteten Arbeiter:innen nicht nur vom Produkt ihrer Arbeit entfremdet, sondern auch von ihrer eigenen Privatsphäre und psychischen Gesundheit, die als bloße Ressource für das Training der Algorithmen verbraucht wird. Denn diese Form der Arbeit hinterlässt tiefe Spuren; viele der Arbeiter:innen leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS). Die Möglichkeit, therapeutische Hilfe zu bekommen, bleibt selbstredend meist verwehrt.

Infrastruktureller Extraktivismus

Die Peripheriestaaten dienen den westlichen Zentren und Tech-Giganten lediglich als billige Produktionsstätten – doch selbst dieses extraktive Gerüst ist fragil. Neben der Ausbeutung von Arbeitskraft fordert der KI-Hype auch einen immensen ökologischen Tribut. Jeder einzelne KI-Prompt verbraucht Wasser – und angesichts der rasant steigenden Nutzung generativer KI geschieht dies millionenfach pro Minute. Eine typische Unterhaltung mit einem Chatbot, die etwa 10 bis 50 Fragen umfasst, verschlingt rund einen halben Liter Wasser. Das Training von Modellen und der tägliche Serverbetrieb verbrauchen global Milliarden von Kubikmetern; der Bedarf einzelner Systeme übersteigt teilweise den täglichen Wasserverbrauch ganzer Großstädte.

Während in den Peripheriestaaten bereits heute gesamte Communitys von akuten Wasserkrisen betroffen sind, zeigt sich diese ökologische Krise auch im Westen: Im US-Bundesstaat Utah etwa vertrocknen Gemeinden infolge des enormen Verbrauchs lokaler Rechenzentren. Auch in der BRD befinden sich immer mehr Rechenzentren in der Fertigstellung – schließlich soll die Schlüsseltechnologie KI künftig schätzungsweise 10 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung ausmachen. Insgesamt also ein System, das in seiner jetzigen Form Mensch und Natur rasant ausbeutet.

Ob KI-Systeme einen notwendigen industriellen Schritt in der Dialektik der Geschichte darstellen, sei dahingestellt. Fakt ist jedoch, dass KI bereits jetzt effizienzsteigernde Tools – insbesondere im Bereich der politischen Kommunikation und Agitation – hervorbringt und somit der materiellen Analyse und Beachtung progressiver Strömungen bedarf. Eine Realität ohne KI wird es in naher Zukunft nicht geben, selbst wenn sich der KI-Hype letztlich als weitere Wirtschaftsblase herausstellen sollte. Eine Auseinandersetzung mit eben jenen Systemen ist also unumgänglich. Darüber hinaus sind weitere Schritte zur Aufklärung über jene ausbeuterischen Verhältnisse notwendig, von denen im gegenwärtigen imperialistischen Gefüge fast ausschließlich das westliche Kapital profitiert.

Foto: https://upload.wikimedia.org/

  1. Digitaler Extraktivismus beschreibt die Ausbeutung von Daten, menschlicher Arbeitskraft und natürlichen Ressourcen durch globale Tech-Konzerne. Er bezeichnet die Praxis, digitale Güter oder künstliche Intelligenz auf Kosten von Nutzern, oft im Globalen Süden, zu bereichern, ohne einen fairen Gegenwert zu bieten. ↩︎
  2. https://datalabelers.org/about.html ↩︎
  3. https://time.com/6247678/openai-chatgpt-kenya-workers/ ↩︎