Spätestens seit den frühen 2010er Jahren wurde vor allem aus israelischen Thinktanks1
ein Bild verbreitet, das den Nahen Osten in zwei konkurrierende Machtblöcke teilt: auf der einen Seite eine vom Iran geführte schiitische „Achse des Widerstands“, auf der anderen einen loseren sunnitischen Block, der enger mit dem Westen zusammenarbeitet. Das israelische Institute for National Security Studies (INSS) veröffentlichte eine Reihe von Artikel zu „Iran’s Shi’ite Axis“2
und der aufkommenden „sunnitischen Gegenachse“3.
Auch in Deutschland schrieb der Islamwissenschaftler Guido Steinberg 2018 in Bezug auf die „Achse des Widerstands“ von einer „schiitischen Internationalen“4.
Von Ilyas Ibn Karim
Auf den ersten Blick scheint diese Einteilung nach Konfession Sinn zu ergeben. Die iranische „Achse des Widerstands“ wirkt tatsächlich stark schiitisch geprägt. Die Islamische Republik selbst ist zwölferschiitisch, und auch die meisten ihrer verbündeten bewaffneten Gruppen gehören zur Schia: die libanesische Hisbollah, die Amal-Bewegung sowie verschiedene irakische Milizen wie die Imam-Ali-Brigaden. Auch die afghanische Liwa Fatimyoun, die vor allem aus der schiitischen Hazara-Minderheit rekrutiert wird, gehört dazu. Die jemenitischen Houthis wiederum sind zaiditisch-schiitisch. Selbst die inzwischen gestürzte Ba’ath-Regierung unter Baschar al-Assad wurde, trotz seiner säkularen Ausrichtung, von westlichen „Experten“ immer wieder als „schiitisch beeinflusst“ gelesen – nicht nur wegen der Nähe zum Iran, sondern auch aufgrund von Assads Herkunft aus der alawitischen Minderheit des Landes. Die auffälligsten Ausnahmen innerhalb dieser Achse sind die palästinensischen Gruppen Hamas und Palästinensischer Islamischer Dschihad, die beide sunnitisch sind.
Auch auf der Gegenseite scheint sich ein Muster nach Glaubensrichtung zu bestätigen: In Syrien wurde die salafistische HTS unter Ahmad al-Sharaa von der Türkei und Katar unterstützt – im Kampf gegen das vom Iran gestützte Assad-Regime und die Hisbollah. Im Jemen wiederum unterstützen Saudi-Arabien und Katar die sunnitisch-islamistische Al-Islah-Partei im Kampf gegen die Houthis. Zugleich gilt dieser angebliche sunnitische Block als offener für die Zusammenarbeit mit westlichen Staaten. Länder wie Saudi-Arabien, die Türkei und Katar sind seit langem Partner des Westens, und auch das neue syrische Regime zeigt – trotz der Al-Qaida-Vergangenheit seines Anführers – Interesse an engeren Beziehungen zu westlichen Akteuren.
Schiitischer Widerstand in der Geschichte
Doch genau diese scheinbare Klarheit nach Konfession trügt. Die sogenannte „Achse des Widerstands“ ist weniger das Ergebnis einer geschlossenen schiitischen Ideologie, sondern eher eine nachträgliche Deutung von politischen Zweckbündnissen. Die Zugehörigkeit zu einer Glaubensrichtung dient hier oft als Erklärungsmuster, nicht als eigentliche Antriebskraft. Um zu verstehen, warum dieses Bild dennoch so überzeugend wirkt, lohnt sich ein Blick auf die religiös-historischen Grundlagen, aus denen es seine symbolische Kraft zieht.
Während Sunniten die ersten vier Kalifen als „rechtgeleitet“ betrachten, erkennen Schiiten nur Ali ibn Abi Talib als legitimen Stellvertreter des Propheten Muhammad an. Für sie war er der erste Imam – eine Führungsfigur mit Autorität über die gesamte Gemeinschaft. Der Begriff des Imams hat dabei in der Schia eine deutlich weitergehende Bedeutung als im sunnitischen Islam: Während er im sunnitischen Kontext oft schlicht einen Vorbeter oder religiösen Gelehrten bezeichnet, steht er in der schiitischen Tradition für eine religiös und politisch legitimierte Führungsinstanz mit besonderer, teils sogar unfehlbarer Autorität. Die verschiedenen schiitischen Strömungen haben unterschiedliche Vorstellungen von diesem Imamat: Zwölferschiiten glauben an eine Linie von zwölf unfehlbaren Imamen aus der Familie des Propheten, wobei der letzte, Muhammad al-Mahdi, als verborgene messianische Figur weiterlebt. Zaiditen dagegen erkennen grundsätzlich jeden qualifizierten Nachfahren Fatimas als Imam an und lehnen die Vorstellung von Unfehlbarkeit ab.
Zentral für das schiitische Selbstverständnis ist die Erinnerung an historisches Unrecht und Verfolgung. Besonders prägend ist das Massaker von Kerbela im Jahr 680, bei dem al-Husayn, der Enkel des Propheten, von den Truppen des umayyadischen Kalifen Yazid I. getötet wurde. Dieses Ereignis gilt als Urbild des Kampfes zwischen Gerechtigkeit und Tyrannei und wird bis heute im Rahmen von Ashura und Arbaʿīn rituell erinnert. Die radikale Vergegenwärtigung dieses Ereignisses bringt der dem Imam Jafar as-Sadiq zugeschriebene Ausspruch auf den Punkt: „Jeder Tag ist Ashura, und jedes Land ist Kerbela“. Der Kampf gegen Unterdrückung hat daher einen wichtigen Platz in der schiitischen Erinnerungskultur; in manchen Strömungen, etwa bei den Zaiditen, gilt Widerstand gegen tyrannische Herrscher sogar als religiöse Pflicht.
Ideologie jenseits von Konfession
Gleichzeitig war die praktische Haltung gegenüber politischem Widerstand in der Geschichte deutlich zwiespältiger. Viele frühe Aufstände führten zu Chaos und Spaltung innerhalb des Islam, weshalb sich unter Gelehrten – sowohl sunnitischen als auch schiitischen – über lange Zeit eine pragmatischere, konformistischere Haltung durchsetzte. Stabilität und Ordnung wurden oft höher bewertet als Widerstand gegen Tyrannei. Besonders in der Zwölferschia entwickelte sich die Auffassung, dass nur der verborgene Imam al-Mahdi in der Lage sei, eine vollkommen gerechte islamische Ordnung zu errichten. In der Zwischenzeit galt Zurückhaltung als angebracht, nicht selten verbunden mit dem Konzept der Taqiyya, also der Erlaubnis, den eigenen Glauben unter Zwang zu verbergen.
Erst die iranische Revolution von 1979 und die von Ruhollah Khomeini entwickelte Lehre der „Wilayat-e Faqih“ (der Herrschaft des Rechtsgelehrten) markierten einen entscheidenden Bruch mit dieser quietistischen Tradition. Sie begründeten eine aktivistische politische Theologie, die religiöse Autorität und staatliche Macht miteinander verband.
Dennoch greift es zu kurz, die Ideologie der sogenannten „Achse des Widerstands“ vor allem aus der schiitischen Theologie abzuleiten. Tatsächlich sind viele ihrer ideologischen Elemente stärker von den islamischen Erneuerungsbewegungen des 20. Jahrhunderts geprägt, die über die Grenzen der Glaubensrichtungen hinweg wirkten. Auch sunnitische Akteure wie die Muslimbruderschaft oder die Hamas stehen in dieser Tradition. So hatte etwa der einflussreiche Denker Sayyid Qutb Kontakte zu iranischen Islamisten, deren Ideen später auch Khomeini beeinflussten. Es lassen sich also ideengeschichtliche Verbindungen erkennen, die über die Grenzen der Glaubensrichtungen hinausgehen.
Hinzu kommt, dass sich die klassischen islamischen Debatten über Aufruhr in der Regel auf den Widerstand gegen muslimische Herrscher beziehen. Der Kampf gegen äußere, nicht-muslimische Mächte – etwa im Kontext von Kolonialismus oder westlichem Einfluss – wird hingegen anders bewertet. In dieser Frage unterscheiden sich sunnitische und schiitische Positionen deutlich weniger, als es die These zweier konfessioneller Lager nahelegt.
Ein Blick in die Geschichte des europäischen Kolonialismus im Nahen Osten und Nordafrika zeigt vielmehr, dass religiöse Autoritäten unterschiedlichster Strömungen bereit waren, bewaffneten Widerstand zu legitimieren oder selbst anzuführen. Viele dieser antikolonialen Akteure gelten bis heute als Vorbilder und identitätsstiftende Figuren. So trägt etwa der militärische Arm der Hamas, die al-Qassam-Brigaden, den Namen von Izz ad-Din al-Qassam, einem sunnitischen Geistlichen aus Syrien, der gegen die britische und französische Mandatsherrschaft sowie gegen die zionistische Kolonialbesiedlung kämpfte.
Machtpolitik statt Mystik
Noch entscheidender ist jedoch, dass die Politik der „Achse des Widerstands“ weniger von einer einheitlichen Ideologie als von machtpolitischen Interessen geprägt wird. Das Syrien unter Assad etwa war nie panislamistisch ausgerichtet. Der häufige Verweis auf seine Nähe zur alawitischen Minderheit greift daher zu kurz: Er reduziert komplexe politische Beziehungen auf eine vermeintliche konfessionelle Verwandtschaft und blendet zugleich die ideologische Ausrichtung des Regimes aus. Die syrische Baʿath-Partei vertrat spätestens seit Salah Jadid einen ausgeprägt säkularen Kurs. Bündnisse entstanden hier folglich nicht aus theologischer Nähe, sondern aus strategischem Kalkül.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die schiitische Widerstandstradition bedeutungslos wäre. Historische Ereignisse wie Kerbela und Figuren wie Imam al-Husayn bieten mächtige symbolische Bezugspunkte, die von modernen politischen Bewegungen aufgegriffen und neu interpretiert werden. Nach dem Tod von Ayatollah Khamenei erklärte die irakische Sayyed Al-Shuhada-Miliz, dass der aktuelle Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran eine „neue Schlacht von Kerbela“ sei. Hassan Nassrallah, der verstorbene Anführer der Hezbollah, verglich vor seinem Tod Ayatollah Khamenei mit Imam al-Husayn höchstselbst. Solche mythologischen Erzählungen sind ein verbreitetes Mittel politischer Mobilisierung – unabhängig davon, ob es sich um religiöse oder säkular-nationalistische Ideologien handelt.
Entscheidend ist aber: Diese Rückgriffe auf die Geschichte erklären nicht, woher die heutigen Akteure kommen, und sie reichen allein nicht aus, um die aktuellen geopolitischen Konstellationen zu verstehen. Sie liefern Deutungsmuster und Rechtfertigungen – aber die eigentlichen Antriebskräfte liegen in den politischen, strategischen und historischen Zusammenhängen der Gegenwart.
- https://www.geopoliticalmonitor.com/understanding-the-shiite-crescent-as-iranian-grand-strategy/https://jiss.org.il/en/siboni-winner-the-emerging-axis/
https://israel-alma.org/tag/shiite-axis/
↩︎ - https://www.inss.org.il/research/iran-and-the-shiite-axis/ ↩︎
- https://www.inss.org.il/strategic_assessment/the-emergence-of-the-sunni-axis-in-the-middle-east/ ↩︎
- https://www.swp-berlin.org/publikation/die-schiitische-internationale ↩︎