An Ostern vor 35 Jahren wurde der damals 28-jährige Jorge Gomondai in Dresden ermordet. Von Neonazis aus der Bahn geworfen, verstirbt Jorge nach sechs Tagen Koma. 1981 war er als 18-jähriger Vertragsarbeiter aus Mosambik in die DDR gekommen. Hier in Ostdeutschland war für Jorge die Arbeit im VEB-Fleischkombinat vorherbestimmt. In einer Welle des Nationalismus, angepeitscht durch die bundesdeutsche Annexion der DDR, ist Jorge das erste Opfer rassistischer Gewalt in Sachsen im wiedervereinigten Deutschland. Die Umstände, die zu seiner Ausbeutung und Ermordung führten, bestehen bis heute fort. „Nicht vergessen heißt kämpfen“ – gegen den Rassismus im Kapitalismus, der genau zur Legitimation dieser Umstände dient. Kämpfen heißt, auch gewinnen zu wollen. Und das geht nur mit Mitmenschen.
Jorge Gomondai, dessen Geschichte uns auch 34 Jahre nach seiner Ermordung noch immer näherbringt, kann man auch mit den Worten gedenken, die wir in Kurdistan für unauslöschliches Leben zu sagen gewohnt sind: Şehîd namirin.
Von Osman Oğuz
Was Jorge Gomondai uns heute noch sagt
Ostern 1991 in Dresden – jener Stadt, die für ihr barockes Stadtbild und ihre Rassisten berühmt ist – unmittelbar nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus: Jorge Gomondai, ein schwarzer mosambikanischer Vertragsarbeiter, wurde in einer Straßenbahn, in die er eingestiegen war, rassistisch angegriffen. Dabei erlittenen Verletzungen führten eine Woche später, am 6. April, zu seinem Tod. Der einzige Grund für den Angriff war seine Anwesenheit als schwarzer Mensch. Die Geschichte dieses ersten rassistischen Mordes nach dem Mauerfall hat immer noch viel zu sagen – vor allem den „Verdammten dieser Erde“, die gezwungen sind, aus allen Teilen der Welt nach Deutschland und andere Zentren des Kapitalismus auszuwandern. Denn sowohl die Gesinnung, die ihn tötete, als auch das, was ihn dazu zwang, seine Heimat zu verlassen und in Deutschland die billigsten Arbeiten zu verrichten, bestehen bis heute fort.
Jorge Gomondai wurde 1962 in Mosambik geboren und musste während des Bürgerkriegs, der mehr als 900.000 Menschen das Leben kostete und für die Überlebenden große Armut bedeutete, gemeinsam mit seiner Familie von Region zu Region fliehen. Mosambik war bis 1975 eine portugiesische Kolonie. Als das Land schließlich seine Unabhängigkeit erlangte, blieb kaum mehr als das bittere Erbe des Kolonialismus zurück. Im Jahr 1981 wurde Gomondai von der damaligen Volksrepublik Mosambik als Vertragsarbeiter in die Deutsche Demokratische Republik (DDR) entsandt. Bereits im Februar 1979 war zwischen den beiden (real-)sozialistischen Staaten ein Freundschaftsabkommen unterzeichnet worden; in der Folge machten sich etwa 20.000 Mosambikaner:innen auf den Weg in die arbeitskraftbedürftigte DDR.
Dabei hatten doch beide Länder Regierungen, die den Schutz der Rechte der Arbeiter:innen an die Spitze ihrer Grundsätze gestellt hatten – doch offenbar wirkte der Kolonialismus weiterhin, über allen Rechtsordnungen, vielleicht nur knapp hinter den Naturgesetzen. Mosambikanische Arbeiter:innen wurden, ganz entsprechend dem „Wesen“ der Gast- oder Vertragsarbeit, zu niedrigen Löhnen in schweren Tätigkeiten eingesetzt, die Deutsche nicht verrichten wollten. Doch damit nicht genug: Ab 1987 wurden ihnen 60 Prozent ihres Lohns einbehalten – angeblich für soziale Sicherung und zur Tilgung der Schulden ihres Heimatlandes Mosambik.1
Ermittlungen? „Er war betrunken, ist gesprungen!“
Gomondai war noch 18 Jahre alt, als er als Arbeiter nach Deutschland kam. Als Arbeitsstätte war ihm der Schlachthof der Stadt zugewiesen worden. Die Vertragsarbeiter:innen lebten am Stadtrand, außerhalb der deutschen Wohnviertel, in sogenannten „Ausländerheimen“. Die rassistischen Gerüchte, die heute über Geflüchtete kursieren, kursierten auch damals. Am 31. März 1991 saß Gomondai allein im hintersten Wagen der Straßenbahn, in die an der heutigen Haltestelle Albertplatz 14 Deutsche zugestiegen waren. Zeugenaussagen zufolge schrien und tobten diese bereits vor der Ankunft der Bahn in rassistischer Raserei. Mit dem Bewusstsein, dass sie auf keinen Widerstand inmitten des öffentlichen Raums stoßen würden. Als die Straßenbahn ihnen den jungen schwarzen Mann brachte, fielen sie von allen Seiten über ihn her und prügelten ihn zu Tode. Einige von ihnen hingen an die Haltegriffe und machten Affenlaute. Der Fahrer bemerkte nach einiger Zeit, dass sich im hintersten Wagen eine Tür geöffnet hatte, hielt die Bahn an und fand Gomondais verletzten Körper auf der Straße. Die Angreifer hatten die Stelle längst verlassen. Ob Gomondai beim Fluchtversuch zusammengebrochen war oder von den deutschen Rassisten aus der Bahn geworfen wurde, konnte nie zweifelsfrei geklärt werden – doch die Polizist:innen, die auf den Notruf des Fahrers hin eintrafen, hatten bereits eine Erklärung parat: Gomondai sei betrunken gewesen und beim Sturz aus der fahrenden Bahn zu Schaden gekommen. Trotz der Aussagen zahlreicher Zeugen, die auf einen Angriff hinweisen, hat die Polizei den Vorfall in den ersten Berichten in dieser Version dargestellt – zur Wache sind sie zurückgekehrt, ohne auch nur eine ordentliche Tatortuntersuchung durchgeführt zu haben.
Der Mord wurde von der Polizei erst als rassistischer Angriff untersucht, nachdem er in den Medien Aufmerksamkeit erlangt hatte – doch da war es für eine sachgerechte Beweissicherung und die Ergreifung der Täter bereits zu spät. Die Zeugenaussagen am Tattag waren unter der Prämisse aufgenommen worden, dass kein Angriff stattgefunden habe, und steckten voller Lücken; eine Videoaufnahme, die einem der Verdächtigen zuzuordnen war, war ohne Auswertung gelöscht worden; der Waggon, in dem der Angriff stattgefunden hatte, war gereinigt worden, bevor Fingerabdrücke gesichert werden konnten; und ein wichtiges Vernehmungsprotokoll war wegen fehlender Unterschriften ungültig geworden. Ein Aussteiger der Neonazi-Gruppe berichtete auf der Grundlage von Aussagen aus seinem Umfeld, dass der junge Mann nicht gesprungen sei, sondern von den Angreifern mit einem Messer zum Sprung gezwungen worden sei – doch auch dies zählte nicht als Beweis. Nur drei der Angreifer konnten ermittelt werden. Zwei von ihnen wurden zu anderthalb Jahren Haft und Geldstrafe verurteilt, einer zu zweieinhalb Jahren Haft, da er zuvor auch einen deutschen Linken angegriffen hatte. Die zuständigen Behörden, die die Straflosigkeit der Täter und das Scheitern der Mordermittlungen zu verantworten hatten, lehnen es bis heute ab, Gomondais Familie eine Entschädigung zu zahlen oder sich offiziell bei ihr zu entschuldigen.
In welchem Kontext wurde er ermordet?
In den Reaktionen der Stadtbevölkerung, die in einigen Dokumentationen und damaligen Berichten zu sehen sind, gab es viel Fehlverhalten. Doch es gab auch eine andere, solidarische Reaktion: An der ersten Gedenkveranstaltung nach Bestätigung des rassistischen Angriffs nahmen rund siebentausend Menschen teil. Die Stadt benannte den Platz hinter der Haltestelle, an der Gomondai gestorben war, in „Jorge-Gomondai-Platz“ um und errichtete dort einen Gedenkstein. Dieser Ort wurde zur Stätte alljährlicher Gedenkveranstaltungen, an denen unterschiedlichste politische Parteien teilnahmen. Doch eine Gedenkkultur, die den Mord im Kontext der Kolonialverhältnisse beleuchtet, kann sich nur marginal durchsetzen. Die Frage, wo und wie der Kontext, in dem dieser Mord geschah, heute fortbesteht und wie er durch den heutigen Neokolonialismus und aktuelle imperialistische Interventionen legitimiert wird, steht weiterhin drängend vor der antirassistischen Bewegung.
Gedenken bedeutet, zu kämpfen; daher muss die bis heute andauernde Geschichte Gomondais mit einer Auseinandersetzung über den Kontext, in dem seine Ermordung stattfand und über den Kampf in diesem Kontext verbunden werden. Man würde sich wünschen, dass diese Geschichte die Arbeiter:innen dieser Stadt und dieses Landes zusammenbringt und zu einem Teil desselben Kampfes macht – das ist die Schuld der antirassistischen Bewegung an Gomondai. Nicht als individuelle Last, sondern als gemeinsame Verantwortung.
Doch heute stehen wir vor einer ganz anderen Realität: Die antirassistische Bewegung scheint trotz des Schwungs, den sie vor einiger Zeit gewonnen hatte, hilflos gegenüber dem erstarkenden Rassismus und den aufeinanderfolgenden flüchtlings- und armenfeindlichen Politiken und Gesetzesänderungen. Dem Anschein nach gilt es, (immer noch!) „von vorne“ anzufangen – das werde ich in diesem Text versuchen. Mit vier Fragen, die mir sehr wichtig erscheinen.
Über Rassismus schreibe ich, insbesondere seit ich Deutsch lerne, bei verschiedenen Anlässen und in verschiedenen Zusammenhängen. Workshops, Sensibilisierungskurse, Aufklärungsveranstaltungen oder gar „wie werde ich kein Rassist“-Trainings – ihr kennt’s ja. Was mir all diese Erfahrungen vor allem gelehrt haben, ist, dass es sehr wichtig ist, den Rassismus in den richtigen Kontext zu setzen – wie in allen Fällen, in denen eine Lüge zur Rechtfertigung von Unrecht gemacht wird. Gomondais Geschichte ist eine jener Geschichten, die auf diesen Kontext verweisen. Daher möchte ich etwas weiter zurück – oder „etwas weiter weg“ – ansetzen: dort, wo auch Jorge Gomondai in dieses Leben gestartet ist.
Wenn mir in meiner Kindheit in Antep jemand gesagt hätte, dass hinter dem Bild des erschöpften Arbeiters meiner Stadt auch Deutschland steckt, hätte ich ihn ungläubig angeschaut und ihm vielleicht sogar widersprochen: „Lügenpresse! Deutschland bedeutet Zivilisation, Fortschritt und Reichtum!“ Jetzt liegt es, wie man im Türkischen sagt, wie eine Kürbisblüte vor mir ausgebreitet: welche deutschen Unternehmen mit welcher Regellosigkeit Kinder, Geflüchtete und Einheimische, so viele Arbeiterinnen und Arbeiter, 70 bis 80 Stunden pro Woche in enge, lichtlose Werkstätten sperren. Wir alle erleben das quasi vor unseren Augen: einen Zeitungsartikel, eine Dokumentation, eine Story entfernt. Und dennoch spricht kaum jemand über sie – auch die weiten Teile der antirassistischen Bewegung nicht. Selbst in den begeisterten Reden über „diejenigen, die unser Land am Laufen halten“ kommen sie nicht vor. Sind sie aber nicht in Wirklichkeit auch die Arbeiter:innen von Deutschland – genauer gesagt, von diesem globalen Mafia-System, diesem Unheil namens Kapitalismus? Wie sollen sie ihre Stimme zu euch, zu uns, bringen?
Also, Ausgangsfrage: Bei der Legitimierung welcher Ungleichheit, welcher Ausbeutung, welcher Unterdrückung greift der Rassismus?
Den modernen Rassismus kann man weder mit der Angst vor Fremden noch, sagen wir, bäuerlichem Misstrauen gegenüber Fremden erklären. Wir haben es nicht mit einer Krankheit, einer Phobie oder einer Anomalie zu tun, sondern mit einer Ideologie, einer kollektiven Erzählung, die ihre Wurzeln in konkreten Verhältnissen und Widersprüchen hat. Das zeigt sich ganz konkret darin, wer die schlechtesten Arbeiten macht, wer am wenigsten verdient und wer am leichtesten ersetzt werden kann – global wie hier. Man erzählt uns eine Lüge, damit wir die Wahrheit nicht sehen, damit wir akzeptieren, dass dies nun einmal die Ordnung der Welt sei. Einige der wichtigsten Fragen bleiben so in der Mitte liegen – oder am Rand.2
Zweite Frage, etwas enger: Warum und durch welche historischen Prozesse, durch welche Kräfte werden die Menschen aus Gomondais Heimat Mosambik, aus unserer Nordkurdistan/Türkei, aus den Heimatländern weiterer Geschwister zu jeglichen Katastrophen, zur Armut und schließlich zur Flucht verdammt? Wer gewinnt dabei? Wer bleibt dabei heimatlos und geschichtslos?
Dass es eine vergebliche Mühe ist, immer wieder von Unterdrückung und Ausbeutung in fernen Ländern zu sprechen, die viele nur im Urlaub sehen (oder genau nicht-sehen), weiß ich. Ich erwarte auch nicht, dass ein Mitleidsgefühl, ein reiner Altruismus oder sonst welche schönen Tugenden irgendjemanden in Bewegung setzen – das wäre das politisch naiv. Doch, wie es vor 150 Jahren ins Deutsche und in revolutionäre Praxis übersetzt hieß: „De te fabula narratur – die Erzählung handelt von dir“. Ob es sich nun am Ufer des Euphrat oder der Elbe abspielt. Eine Gesellschaft, die nur den Segen der sogenannten Globalisierung für sich beansprucht und ihre Flüche auf andere abwälzt, mag etwas anderes erzählen aber die Verhältnisse, die Menschen zur Flucht zwingen, sind nicht fern von hier – sie setzen sich hier fort, nur in anderer Form.
Kommen wir näher, es liegt direkt vor unserer Nase: Ein bedeutender Teil der arbeitenden Bevölkerung in Deutschland besteht aus Migrant:innen, einschließlich Geflüchteten. Sie arbeiten Seite an Seite mit jenen Deutschen, die kein großes Erbe haben oder kein Studium absolviert haben, das ihre Arbeitskraft wenn auch nur beschmückt hätte. Sie arbeiten auf dem Bau, in Restaurants, auf Motor- und Fahrrädern, in Krankenhäusern, in Lagern, in Fabriken. Während der Bundeskanzler jeden zweiten Tag von der Faulheit der Gesellschaft spricht, sind sie diejenigen, die unermüdlich arbeiten, um ihre Miete und andere Schulden zu bezahlen und so gerade noch menschenwürdig leben können.
In arbeitsintensiven Sektoren herrscht nicht nur die meiste Unsicherheit, sondern auch eine Art Verdammnis – sowohl in der Misere als auch untereinander. Und dennoch hetzen die Menschen, je tiefer die Katastrophe wird, auf ihre Nachbar:innen und Kolleg:innen, anstatt auf diejenigen, die sie arm und unsicher zurücklassen. Die erschöpften Hyänen des „Spätkapitalismus“ sozusagen, die sich gegenseitig um die Stücke eines immer kleiner werdenden Kuchens beklauen.
Dritte Frage: Kann diese Welt gewaltfrei sein?
In Deutschland stellen manche, in den Sälen verschiedener Parlamente, seit Jahren dieselbe Frage: Mit welchen Ketten lassen sich Menschen fesseln, die ihrem Recht auf Leben nachjagen? Ich glaube, dass diese Frage im Kern von allem liegt, was wir in der Frage der Geflüchteten erleben.
Die Menschenrechte hatten mit ihrer Entstehung ein Licht auf die „Nacktheit“ der Staatenlosen und Geflüchteten geworfen; heute legen dieselben Menschen, mit ihren zerrissenen Pässen, die Wirklichkeit der Menschenrechte im Kapitalismus gänzlich bloß.
Deutschland schiebt zusammen mit der von ihm angeführten Europäischen Union Geflüchtete um jeden Preis ab, baut an „smarten“ Grenzen Festungsmauern – und will gleichzeitig, dass die Menschen weiterhin in jenes so demokratische, so „diverse“ Land kommen: um seine Kranken und Alten zu pflegen, um seine Straßen und Gebäude instand zu halten, um am Fließband zu stehen oder gar in seinem Namen Krieg zu führen.
Menschenrechte werden jenen verweigert, die ihre Länder wegen Armut, Krieg oder anderer Heimsuchungen verlassen müssen – aber an jene „verkauft“, die bei der „Chancenkarte“ die höchsten Punktzahlen erzielen, die beweisen können, dass sie auf dem Markt verkäuflich sind, die hellsten Köpfe und geschicktesten Hände der Länder, die unter wirtschaftlichem Würgegriff leben. In einem Land, das von Finanzbossen regiert wird, klingt das dann so: „Wie ihr seht, sind wir doch überhaupt nicht rassistisch – wir sind einfach nur Kapitalist:innen“.
Vierte Frage: Wer kann sich gegen einen Rassismus wehren, der so eng mit dem Kapitalismus verwoben ist und immer wieder aufflammt – während die Betroffenen von Rassismus nicht in ausreichender Zahl mobilisiert werden und rassistische bzw. nationalistische Angebote den Bürger:innen des neoliberalen Nationalstaates, der sich auf neue, „bunte“ Treue ausdehnt, wie eine Möglichkeit zur erneuten Aufwertung erscheinen?
… Nicht schweigen ist der Anfang
Der moderne Rassismus ist ein Produkt des Kapitalismus – „wer also über Rassismus spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen“. Diese Einsicht gewinnt in der antirassistischen Bewegung zunehmend an Gewicht. Das ist erfreulich, doch müssen wir gleichzeitig anerkennen: Der liberale Antirassismus ist weiterhin sehr dominant. Das ist ein Antirassismus, der vom Kapitalismus schweigt und die Migrant:innen höchstens bei der Ausbeutung gleichstellt oder gar zu Komplizen einer imperialen Lebensweise macht. Das ist ein Antirassismus, der die Armen und Unterdrückten spaltet, statt sie zusammenzubringen. Doch große Teile der antirassistischen Bewegung sprechen immer noch mehr untereinander oder mit Menschen aus der Mittelschicht, die ein Gewissen und einen gut gefüllten Geldbeutel haben, als mit den großen Massen der Verarmten und Unterdrückten.
Antiimperialistische Bewegungen, die gemeinsamen Kämpfe in einigen wenigen Stadtteilen, sowie die Tendenz der antirassistischen Bewegung, sich auf ihre Klasse zu besinnen, wollen offenbar genau diese zahnlose Situation überwinden. Doch diese Bemühungen stoßen auf ein Maß an staatlicher Gewalt und ideologischen/medialen Angriffen, das für das Deutschland der letzten Jahre beispiellos ist. Die Lage ist ernst: Wenn man nur unter dem Motto „Deutschland, verkauft keine Waffen an mein Land!“ demonstriert, kann man als „extremistische Bedrohung“ eingestuft werden – ist man ein:e Migrant:in, wird das Aufenthaltsrecht zur Abwehr dieser Bedrohung zusätzlich herangezogen. Unter diesen Umständen sprechen viele Migrant:innen, Antirassist:innen – und dieses Sprechen bedeutet, nicht zu schweigen.
Nicht schweigen, nicht hinnehmen – das ist der erste Schritt. Um den Faschist:innen, die unseren Bruder Gomondai furchtlos ermordet haben, den Nährboden zu nehmen, braucht es jedoch mehr: Der Kampf gegen Rassismus muss, zusammen mit dem Kampf gegen Kapitalismus, zu einer echten Alternative werden. Das bedeutet, die Kämpfe zu verbinden und anschlussfähig zu machen – im Betrieb, auf der Straße und in den Vierteln. Das bedeutet, die Verarmten und Unterdrückten durch gemeinsame, solidarische Lösungen und eine gemeinsame Identität zu vereinen, die in ihren eigenen Händen wächst. Eine vielfältige, demokratische und sozialistische Identität, die politikfähig ist – und zwar hier und jetzt. Die Hoffnung liegt in der unermüdlichen Arbeit vieler Menschen, darunter Migrant:innen, die von Tür zu Tür gehen und auf dieser praktischen Suche eine Alternative aufbauen. Für Gerechtigkeit und Frieden für alle – für den demokratischen Sozialismus.
Nicht vergessen heißt kämpfen – und kämpfen heißt, gewinnen wollen. Gewinnen geht nur mit Mitmenschen. Jorge Gomondai, dessen Geschichte uns auch 34 Jahre nach seiner Ermordung noch immer näherbringt, kann man auch mit den Worten gedenken, die wir in Kurdistan für unauslöschliches Leben zu sagen gewohnt sind: Şehîd namirin.
- Von den rund 20.000 mosambikanischen Vertragsarbeitern, die damals nach Deutschland kamen, wurden fast 15.000 abgeschoben. Sie fordern die Rückerstattung ihrer beschlagnahmten Löhne, doch der deutsche Staat lehnt diese Forderung ab.
↩︎ - Die vielfältigen Ursachen für das besonders starke Aufkommen von Rassismus und faschistischen Tendenzen in Ostdeutschland werden hier nicht bestritten. In diesem begrenzten Artikel möchte ich mich jedoch auf den Kern der Sache konzentrieren. Auf Jacobin ist ein guter Bericht über die sogenannten “Baseballschlägerjahre” und ihre Hintergründe zu finden.
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