Wer heute noch von Klassenbewusstsein spricht, handelt sich schnell den Vorwurf ein, im letzten Jahrhundert hängen geblieben zu sein. Der akademische Betrieb hat im Interesse der herrschenden Klasse ganze Arbeit geleistet. Im Zuge des cultural turn kam es, parallel zur Neoliberalisierung der Gesellschaft, zu einer Verschiebung in den Geisteswissenschaften, die sich von der Analyse der ökonomischen Struktur der Gesellschaft abwandte und sich fortan mit Diskursen, Handlungspraxen und der kulturellen Reproduktion verschiedener Milieus auseinandersetzte. Daher weiß heute wahrscheinlich jede, die Deutschrap hört, mehr über den Klassencharakter dieser Gesellschaft als der durchschnittliche Student der Geisteswissenschaften.
von Christoph Morich
In Teilen der Linken wurde der Begriff des Klassismus populär, der zwar über Klassen redet, aber das Klassenverhältnis zu einer bloßen Diskriminierungsform verkürzte und sie so in den postmodernen Diskurs einschrieb. Dadurch lässt sich zwar eine ungleiche Chancenverteilung in Universitätsseminaren erklären, aber die Tatsache, dass westliche Konzerne riesige Profite in Ländern generieren, in denen ein großer Teil der Bevölkerung in absolutem Elend lebt, wird durch den Begriff des Klassismus eher verschleiert – auch wenn die Kapitalistenklasse die Opfer ihrer Politik natürlich nicht als gleichwertige Menschen erachtet. Das Klassenverhältnis ist keine Diskriminierungsform, sondern der konstitutive Widerspruch unserer Gesellschaft, in der sich die Produktionsmittel in der Hand der herrschenden Klasse befinden und der Profit den Zweck der Produktion bestimmt. Hierbei geht es nicht um theoretische Spitzfindigkeiten, sondern darum, ob eine richtige Praxis gegen die andauernde Barbarei der kapitalistischen Ordnung entwickelt werden kann. Der richtige Begriff von der gesellschaftlichen Realität hat wichtige Implikationen für linke Praxis in den bevorstehenden Kämpfen gegen die Militarisierung und den sozialen Kahlschlag, der mit ihr einhergeht. Das vorherrschende Narrativ, dass „wir“ den Gürtel enger schnallen, aufrüsten und uns gegen „den Russen“ verteidigen müssen, lebt davon, dass die Menschen kein Bewusstsein über ihr gemeinsames Interesse mit den russischen Arbeiter:innen in den Schützengräben entwickeln und stattdessen der Kriegspropaganda ihrer herrschenden Klasse auf den Leim gehen. Warum die Menschen entgegen ihrem objektiven Klasseninteresse handeln und wie es gelingen kann, Klassenbewusstsein zu entwickeln, waren zentrale Fragestellungen der marxistischen Schriften des Psychoanalytikers Wilhelm Reich, in denen er versuchte, das Scheitern der Arbeiter:innenbewegung und dem Vormarsch des Faschismus theoretisch zu fassen.
Vaterland oder internationale Solidarität
Ohne einen Begriff des Klassencharakters der Gesellschaft ist ein bewusster Eingriff in den Verlauf der Geschichte unmöglich. In Politik und Medien werden gerade alle propagandistischen Mittel aufgefahren, um den Klassenkonflikt zu verdecken und die Bevölkerung auf die Kriegstüchtigkeit einzustimmen, indem die Chefetage von Rheinmetall und das potentielle Kanonenfutter der heutigen Jugend zu einer Interessengemeinschaft verklärt werden. In der gegenwärtigen Militarisierung der Gesellschaft – so geht die Erzählung – gehe es nicht um die Kämpfe verschiedener imperialistischer Blöcke, in denen die Jugend auf allen Seiten für fremde Interessen in den Tod geschickt wird, sondern – dieses Mal wirklich! – um den Kampf von gut gegen böse. Diese Propaganda gehört zum Krieg wie der Profit. In der Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung in der Zeit des Ersten Weltkriegs schrieb Wilhelm Reich, „dass die massenpsychologische Fundierung des Weltkrieges […] unter dem Gesichtspunkt entlarvt werden [muss], dass die imperialistische Ideologie der Hochfinanz zu einer materiellen Kraft nur dadurch werden konnte, dass sie die Strukturen der werktätigen Massen konkret im Sinne des Imperialismus veränderte, dass es allgemeine Prinzipien der Klassengesellschaft waren, die den Krieg ermöglichten.“ Ohne die Manipulation der Massen kann die herrschende Klasse keinen Krieg führen.
Damals wie heute trägt diese Propaganda Früchte und selbst Teile der Linken schwenken auf den Kriegskurs ein, zu dessen Speerspitze sich in den letzten Jahren das linksliberale Spektrum um die Grünen gemausert hat. Und damals wie heute gibt es einen anderen Teil der Linken, der zum Widerstand gegen diese Politik aufruft. Im Jahr 1916 verkündete Rosa Luxemburg in ihrer Rede auf einer illegalen Konferenz die Aufgabe der antimilitaristischen Minderheit: „Wollen wir diesem schmachvollen Zustand ein Ende machen, wollen wir für die Zukunft die Wiederholung des Bankrotts vom 4. August 1914 verhüten, dann gibt es nur einen Weg und eine Rettung für uns: die internationale Solidarität des Proletariats aus einer schönen Phrase zur wirklichen, bitterernsten und heiligen Lebensregel zu machen, die sozialistische Internationale aus einem leeren Schaugepränge zur realen Macht zu gestalten und sie zu einem felsenfesten Damm auszubauen, an dem sich die Sturzwellen des kapitalistischen Imperialismus fernerhin brechen werden.“ Nur so könne es gelingen, den Militarismus als den „konkreteste[n] und wichtigste[n] Ausdruck des kapitalistischen Klassenstaates“ (Luxemburg) zu bekämpfen. Dass sich die Linke und die Jugend in Deutschland in den letzten Jahren zunehmend wieder in dieser Tradition verortet und in der vergangenen Woche über 50.000 Schüler:innen trotz Repression durch Schulen und Polizei gegen die Wehrpflicht auf die Straße gingen, gibt Hoffnung in diesen finsteren Zeiten.
Objektives und empirisches Klassenbewusstsein
Doch können wir vom Klassenbewusstsein sprechen, wenn doch augenscheinlich der Großteil der arbeitenden Bevölkerung sich überhaupt nicht mehr über seine Klassenlage definiert? Warum meinen die Linken jetzt wieder mit einer scheinbar so altbackenen Kategorie um die Ecke kommen zu müssen, während sich in der individualisierten Gesellschaft doch jeder seine Identität nach Belieben zusammenbasteln kann? Kurz gefasst: weil die Gesellschaft weiterhin durch den Klassenantagonismus zwischen den Eigentümer:innen der Produktionsmittel und der ausgebeuteten Klasse strukturiert wird, die Frage also nur ist, ob wir uns darüber bewusst werden wollen oder nicht. Ein Teil der herrschenden Klasse ist sich darüber durchaus bewusst. So verkündete der Investor Warren Buffet noch ein Jahr vor der Finanzkrise ganz unverblümt in einem Interview mit der New York Times: „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt – und wir gewinnen.“ Menschen verhungern im globalen Süden und stehen in Deutschland an der Tafel an, während andere im Privatjet reisen, weil sie der ausgebeuteten Klasse angehören, die über keinerlei Produktionsmittel verfügt und daher darauf angewiesen ist, ihre Arbeitskraft erfolgreich verkaufen zu können. Diese objektive Stellung im Produktionsprozess und das damit einhergehende objektive Klassenbewusstsein bestimmen sich unabhängig „von den empirisch-tatsächlichen, von den psychologisch beschreibbaren und erklärbaren Gedanken der Menschen über ihre Lebenslage“ (Georg Lukács). Ob die Menschen nun das falsche mindset, Gott oder die Ausländer für die Armut verantwortlich machen, ändert nichts daran, dass die proletarisierten Massen objektiv am Ausschluss vom gesellschaftlichen Reichtum in der kapitalistischen Gesellschaft leiden.
Klassenbewusstsein bedeutet demgegenüber, solche Formen des „falschen Bewusstseins“ (Marx) als Ausdruck bürgerlicher Ideologie zu erkennen und zu durchschauen und ein Bewusstsein über das eigene Sein, nämlich die Stellung des Proletariats im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess, zu entwickeln. Dabei geht es nicht bloß darum, die Gesellschaft richtig abzubilden, sondern um die Entwicklung der „Kategorie der objektiven Möglichkeit“ (Lukács), die das richtige Handeln entsprechend des objektiven Klassenbewusstseins aufzeigt. „Indem das Bewusstsein auf das Ganze der Gesellschaft bezogen wird, werden jene Gedanken, Empfindungen usw. erkannt, die die Menschen einer bestimmten Klassenlage haben würden, […] die Gedanken usw. also, die ihrer objektiven Lage angemessen sind.“ (Lukács) Letztendlich verweist die „Kategorie der objektiven Möglichkeit“ auf die Bewusstwerdung der Arbeiter:innen über die eigene Stellung innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, die sie einerseits vom gesellschaftlichen Reichtum ausschließt und andererseits die Voraussetzungen dafür schafft, diesen Reichtum durch das Handeln als politisch bewusstes Subjekt zu vergesellschaften. Die Forderung nach Enteignung entspringt nicht der Boshaftigkeit der Kommunist:innen, sondern leitet sich aus der Erkenntnis ab, dass die Arbeiter:innen nicht für den kollektiven Wohlstand, sondern für die Bereicherung der Kapitalistenklasse produzieren. „They got money for wars but can’t feed the poor.“ (2Pac) Die Wiederaneignung des gesellschaftlichen Reichtums, um die Produktion planmäßig nach vernünftigen Maßstäben organisieren zu können, ist die notwendige Konsequenz einer restlosen Aufklärung über die bestehenden Verhältnisse. „Für das Proletariat ist die Wahrheit eine siegbringende Waffe; und zwar desto siegbringender, je rücksichtsloser.“ (Lukács) So viel zur Theorie.
Das Glücksversprechen wiederbeleben
Doch wie kann es gelingen über Wahrheit aufzuklären, während die Kulturindustrie und die Propaganda alle Geschütze auffahren, um das Wesen der kapitalistischen Gesellschaft zu verschleiern? Wie können wir damit umgehen, wenn uns die Menschen für aus der Zeit gefallene Freaks halten, wenn wir ihnen heute noch etwas von Klassenkampf erzählen? Zunächst heißt es wahrscheinlich diese „Schere“ (Reich) zwischen der objektiven Lage und dem Bewusstsein der Massen anzuerkennen, ohne die Flinte ins Korn zu werfen und es sich in der Trauerarbeit über ausbleibende Revolutionen vergangener Zeiten gemütlich zu machen. Es ist die Aufgabe des dialektischen Materialismus sich zu den Widersprüchen unserer Zeit zu verhalten und an die Konflikte des alltäglichen Lebens der Menschen anzuknüpfen. Im Jahr 1934 veröffentlichte Wilhelm Reich unter dem Pseudonym Ernst Parell die Schrift „Was ist Klassenbewusstsein?“, um neue Möglichkeiten zu eröffnen, den „Leiden und Wünschen“ der Arbeiter:innen „besser Ausdruck zu verleihen, vom ‚subjektiven Faktor‘ der Geschichte weniger theoretisch zu sprechen und ihn als Leben der Masse besser zu verstehen“. Den dialektischen Materialismus „immer neu anzuwenden, immer lebendig zu erhalten“ (Reich) heißt, die Widersprüche innerhalb der heutigen Gesellschaft aufzudecken und aus den bestehenden Konflikten ein politisches Bewusstsein zu entwickeln. Denn „wenn es im Proletariat nichts dergleichen gibt, was man Klassenbewusstsein nennt, so wird es keiner Führung je gelingen, solches in die Massen zu tragen.“ (Reich) In seinem Text entwirft Reich die Skizze einer „lebensverbundenen politischen Tätigkeit“, die in den Dialog mit den alltäglichen Bedürfnissen der Menschen tritt. „Die Behauptung ist nicht zu gewagt, dass sich die Arbeiterbewegung eine unendliche Reihe von Sektierertum, Eigenbrödelei, Scholastik, Fraktionsbildungen und Spaltungen erspart, dass sie den dornigen Weg zum Selbstverständlichsten, zum Sozialismus, abgekürzt hätte, wenn sie ihre Propaganda und Taktik und Politik nicht nur aus Büchern, sondern in erster Linie aus dem Leben der Massen geschöpft hätte.“ (Reich) Zynisch gesprochen, könnte man sagen, dass die Möglichkeiten für dieses Vorhaben sich zu unseren Gunsten verschoben haben, da die herrschende Politik sich heute kaum noch die Mühe macht, der Bevölkerung irgendein Glücksversprechen zu verkaufen. Die Fraktionen des Kapitals sind offen in die jetzige Regierung eingebunden und die Arbeitgeberverbände können sich kaum bremsen, neue Vorschläge für die weitere Verarmung der Bevölkerung zu unterbreiten. Die Tatsache, dass in Deutschland das reichste 1 % ein Drittel des Gesamtvermögens der Bevölkerung besitzt, führt das Narrativ der herrschenden Politik, dass „wir“ über unsere Verhältnisse gelebt hätten, ad absurdum.
„Den Gürtel enger schnallen“ ist heute das unverblümte Leitmotiv der herrschenden Politik. Der Tellerwäscher hat nichts mehr zu erwarten als zukünftig noch mehr Teller zu spülen. Auch hier wiederholt sich die Geschichte. So schrieb bereits Wilhelm Reich, dass „die politische Reaktion, Faschismus und Kirche an der Spitze […] von der arbeitenden Masse Entsagung an irdischem Glück, Zucht, Gehorsam, Entbehrung, Opfer für die Nation, das Volk, das Vaterland“ fordern und sich dabei auf „die Schuldgefühle der Massenindividuen, auf ihre anerzogene Bescheidenheit, ihre Neigung, Entbehrungen stumm und willig, manchmal auch selig zu tragen“ stützen können. Indem die herrschende Politik gebetsmühlenartig wiederholt, dass die Bevölkerung über ihre Verhältnisse gelebt hätte, sollen die Schuldgefühle hervorgerufen und der angebliche Müßiggang der Bevölkerung statt der ökonomischen Gesetze für die Krise verantwortlich gemacht werden. Demgegenüber müssten Kommunist:innen nach Reich die Möglichkeiten einer vernünftigen Organisation der Produktion entsprechend der Bedürfnisse der Menschen in der Gegenwart aufzeigen, in der „die Produktivkräfte der Gesellschaft weit genug entwickelt sind, um die breitesten Massen aller Länder ein dem Kulturniveau der Gesellschaft entsprechendes Leben zu sichern.“ Man denke nur daran, dass die Künstliche Intelligenz in den Händen der Wahnsinnigen aus dem Silicon Valley berechtigterweise als massive Gefahr für die Zukunft der Menschheit wahrgenommen wird und für die meisten Menschen womöglich die Wegrationalisierung des eigenen Arbeitsplatzes bedeuten könnte. In einer sozialistischen Gesellschaft hingegen könnte sie unter der demokratischen Kontrolle der Massen einen bisher wohl ungekannten Sprung zur Verbesserung des Lebens aller Menschen ermöglichen, indem sie die notwendige Arbeitszeit reduziert und das „Reich der Freiheit“ (Marx) für alle erweitert. Noch leichter als zu Reichs Zeiten könnte der „sozialistischen Volkswirtschaftler“ heute nachweisen, „dass es genügend Reichtümer für alle Arbeitenden zu einem glücklichen Leben gibt“. Von der Arbeit und den Ressourcen, die heute für die neuste Präzisionswaffe verbraucht werden, ließen sich viele Menschen ernähren. Über den Zweck der Produktion entscheidet einzig die Frage, ob die „Diktatur der Bourgeoisie“ (Lenin) durch die bewusste Aktion der Arbeiter:innen überwunden werden kann.
Klassenbewusstsein aus dem Leben der Masse entwickeln
Reich betont in allen seinen marxistischen Schriften die Bedeutung der revolutionären Theorie, doch könne sich niemand Marxist nennen, der es sich in der eigenen Sprache gemütlich mache und die Diskrepanz zu der Alltagssprache der Menschen ignoriere. Um das Klassenbewusstsein aus dem Leben der Masse zu entwickeln, müsse diese formale Getrenntheit überwunden und durch eine dialektische Beziehung aufgehoben werden, in der sich die alltäglichen Nöte und Wünsche der Menschen zu einem politischen Bewusstsein entwickeln können. Das unterscheide die revolutionäre von der bürgerlichen Politik. „Man muss sich klarmachen, dass das Affentheater der ‚hohen Politik‘ ein plötzliches und für die Diplomaten sehr unangenehmes Ende nähme, wenn die Masse die Statistenrolle mit einer aktiven Stellung ablösen würde, kurz, wenn sie nicht mehr unpolitisch wäre.“ (Reich) Um ein solches politisches Bewusstsein zu entwickeln, bedarf es nach Reich der Kenntnis „der eigenen Lebensbedürfnisse auf allen Gebieten“, „der Wege und Möglichkeiten ihrer Befriedigung“ sowie „der Hindernisse, die die privatwirtschaftliche Wirtschaftsordnung ihr in den Weg legt“. Dadurch könne ein Bewusstsein darüber entstehen, dass die Menschen ihr untertäniges Verhalten gegenüber den Vorgaben der Politik überwinden und eine Politik entsprechend der eigenen Bedürfnisse einfordern können. Jeder gesellschaftliche Konflikt, der um den Zaun am Görli, um Fahrradwege in der Stadt oder um den sozialen Kahlschlag, der Interessengegensatz zwischen Arbeiter:innen mit ihren Chefs, der Mieter:innen und ihren Vermieter:innen, der Schüler:innen und ihren Lehrer:innen, des Obdachlosen und den BVG-Securities usw. enthält in unterschiedlichen Vermittlungsgraden den Klassenkonflikt, aus dem sich politisches Klassenbewusstsein entwickeln kann. Dabei kann nach Reich alles als Element des proletarischen Klassenbewusstseins angesehen werden, „was der bürgerlichen Ordnung widerspricht, was Keime der Auflehnung enthält; als Hemmung des Klassenbewusstseins dagegen alles, was an die bürgerliche Ordnung bindet, sie stützt und festigt.“ (Reich) Diese gegensätzlichen Tendenzen müssen innerhalb der konkreten gesellschaftlichen Konflikte erkannt werden.
Die Widersprüche werden sich in den kommenden Jahren auch hierzulande zuspitzen und die Risse in der Gesellschaft werden tiefer werden. Der faschistischen Tendenzen reifen einmal mehr innerhalb der bestehenden Ordnung heran und die bürgerlichen Kräfte haben ihnen außer einer reaktionärer werdenden Politik und einem begriffslosen Moralismus nichts entgegenzusetzen. Im alltäglichen Leben der Menschen machen sich die Krisentendenzen der Gesellschaft allerorts bemerkbar und niemand, der noch bei Verstand ist, glaubt, dass sich unsere Gesellschaft in den kommenden Jahren zum Besseren verändern wird. Doch nur wenn die Aufklärung über die gesellschaftlichen Verhältnisse gelingt, kann sich daraus ein politisches Bewusstsein entwickeln. Nur die marxistische Theorie ist in der Lage, den Zerfall der bürgerlichen Ordnung, der sich vor unseren Augen abspielt, zu begreifen – dass sie im öffentlichen Diskurs derzeit wenig populär ist, ändert nichts an dieser Tatsache. „Der Marxismus bleibt also die Philosophie unserer Zeit: Er ist unüberholbar, weil die Umstände, die ihn hervorgebracht haben, noch nicht überwunden sind.“ (Sartre) Die Überwindung dieser Umstände ist ohne die Entwicklung des Klassenbewusstseins in den Massen undenkbar. Die marxistische Theorie ist daher keine intellektuelle Selbstbespaßung, „nicht die Leidenschaft des Kopfes, sondern der Kopf der Leidenschaft“ (Marx), die im Leben der Massen wurzelt. Der Klassenkonflikt wird sich unabhängig vom Grad des Bewusstseins darüber weiter zuspitzen. Doch nur wenn sich aus den Bedürfnissen der Massen ein politisches Bewusstsein entwickelt, ergibt sich die Möglichkeit, bewusst in die Geschichte einzugreifen und das objektive Klassenbewusstsein zum empirischen werden zu lassen. Jenen, die das für aus der Zeit gefallen halten, gab bereits Wilhelm Reich die passende Antwort: „Es gibt keinen Klassenkonflikt? Er sitzt in allen Ritzen des Alltagslebens!“
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