Meinungsmache made in Germany – Staats(räson)funk von Fabian Goldmann

15. März 2026

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Gastbeitrag

„Neuer propagandistischer Standard“ – Rezension Staats(räson)funk von Fabian Goldmann

von Yaro Allisat


Bis zu 20 Tote und 100 Verletzte erreichten täglich das Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza im Oktober 2023, während medizinisches Personal mit konstantem Mangel an Equipment aufgrund der israelischen Besatzung kämpfte. Am 13. Oktober sollte das Krankenhaus auf Israels Anweisung innerhalb von 24 Stunden geräumt werden, was den sicheren Tod für viele Patient:innen und eine weitere Flucht für Tausende bedeutete. Israels Angriffe auf das Krankenhaus hatten zu dem Zeitpunkt jegliche völkerrechtliche Grenzen wortwörtlich gesprengt. Trotz der Appelle von Ärzt:innen, Pflegekräften und NGOs, sowie Berichten internationaler Zeitungen über die Lage schwiegen die deutschen Medien beharrlich. In die deutsche Presse schaffte es das Krankenhaus erst nach einer IDF-Pressekonferenz, bei der mittels computerspielartiger Visualisierungen, aber ohne jegliche Belege behauptet wurde, unter dem Krankenhaus befinde sich eine Hamas-Kommandozentrale. Die anschließenden Berichte der israelischen Propagandamaschinerie nach dem Angriff auf die Klinik entbehren weiterhin jeder faktischen Grundlage. Zahlreiche internationale Journalisten entlarven die IDF mittels Video- und Bildanalysen, sowie Kontextwissen aus vergangenen Angriffen ihrer Lügen. Ein „Laptop und etwas journalistisches Handwerkszeug“ hätten auch gereicht, um das aufzudecken, so der Journalist Fabian Goldmann. Deutsche Medien sehen sich jedoch auch in den Wochen danach zu keinerlei zu Korrekturen genötigt. Das ist ein gängiges Muster in den deutschen Massenmedien und nur eines von vielen Beispielen, die Fabian Goldmann in „Staats(räson)funk“ anführt. Nachrichtenwert hat die Lage in Palästina oft erst, wenn es eine israelische Pressemitteilung dazu gibt. Wo immer Israel eine Schule, ein Krankenhaus oder eine Journalistencrew in Grund und Boden bombt, tauchen dann eine Hamas-Kommandozentralen, Hamas-Terroristen im Presseauto oder menschliche Schutzschilde auf.

Quellen deutscher Nahost-Schlagzeilen nach Herkunfsländern

Goldmann analysiert in seinem Buch, wie deutsche Berichterstattung zum Großteil die PR der IDF übernimmt. Mit weitem Abstand sind israelische Behörden die häufigste Quelle deutscher Berichterstattung. Goldmann misst in seinem Buch den Journalismus an seinen eigenen Kriterien: Ausgewogenheit, Quellenchecks, kein pauschales Vertrauen in die Aussagen von Kriegsparteien, Überprüfung von Fakten. Die großen deutschen Medien machen sich laut Goldmann zu Instrumenten der israelischen Kriegsmaschinerie und -propaganga und ermöglichen den Genozid in Gaza mit. Der nd-Kolumnist, Medienforscher und Journalist, der im Lauf seines Arbeitslebens selbst Einblicke in zahlreiche große Redaktionen hatte, bezeichnete zuletzt im nd die deutsche Berichterstattung als „neuen propagandistischen Standard“.

So im Fall des Genozid-Begriffs. Schon vier Tage nach dem 7. Oktober warnten die drei großen israelischen Menschenrechtsorganisationen vor einem Genozid in Gaza. Mittlerweile kommen der Internationale Strafgerichtshof, die UN, NGOs wie Amnesty International, Human Rights Watch und B’Tselem, wie auch der Großteil der Holocaust-Forscher:innen zu der Schlussfolgerung, dass Israel einen Völkermord in Gaza begeht. Die deutschen Medien ignorieren die entsprechenden Berichte. Stattdessen interviewen deutsche Journalist:innen lieber israelische Militärs oder Antisemitismusbeauftragte zu der Frage.

Wer darf in die Tageschau?
Stimmen der Konfliktparteien und ihrer Verbündeten in den Abendnachrichten der tagesschau

Die falschen Behauptungen ziehen sich von den geköpften Babys des 7. Oktober bis hin zu den vermeintlichen menschlichen Schutzschilden der Hamas (die jedoch nur aufseiten Israels zu finden sind, und zwar systematisch). Oft hätte wenig Recherche gereicht, so Goldmann, um ein bisschen mehr Wahrheit in den Text zu bringen. Stattdessen findet sich die Floskel „Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen“ allzu oft, ein spezielles Phänomen der deutschen Journalisten – Al Jazeera, BBC und Co. gehen regelmäßig den Ereignissen in Gaza erfolgreich auf den Grund. Auch schaffen es die deutschen Medien konsequent, palästinensische Politiker:innen nicht zu Statements einzuladen. Stattdessen werden Vertreter israelischer Behörden NGOs oder den UN gegenübergestellt, die schließlich so als Verteidiger der palästinensischen Sache erscheinen, obwohl sie nur die Fakten aufzählen.

Den Lesenden wird eine gesunde Skepsis gegenüber Mainstream-Medien geläufig sein. Was Goldmanns Buch zeigt, ist jedoch in seiner Umfassendheit eine weit darüber hinaus gehende erschreckende Bestandsaufnahme, die kaum zu glauben wäre, würde man es nicht selbst jeden Abend in der Tagesschau sehen.

Einer der Gründe liegt laut Goldmann an der Repression auch gegenüber Medienschaffenden und der Angst, innerhalb der Redaktion als Antisemit:in gebrandmarkt oder gar gekündigt zu werden oder aber einen bösen Anruf bis hin zur öffentlichen Hetze von der israelischen Botschaft und israelischen Offiziellen – wie es zahlreichen israelkritischen Kolleg:innen passiert ist. In letzter Instanz führt das „zu schlechter Berichterstattung, weil Medienschaffende sich selbst zensieren, sich anderen Themen zuwenden (oder ihnen zugewendet werden) oder desillusioniert den Job gleich ganz verlassen.“ Dass Deutschlands größte Nachrichtenagentur dpa, die in den meisten Redaktionen als Goldstandard von Neutralität und Qualität gilt und deren Meldungen ungeprüft übernommen werden, deren Chef Sven Gösmann aber sein Ausbildungs- und Arbeitsleben bei Springer absolvierte, sowie dass der Medienmarkt von großen Unternehmen dominiert wird und die meisten Texte im Newsroom in Berlin produziert werden, die pro-israelische Haltung vieler Redakteure, dass Springer mit Immobilienvermittlung im besetzten Palästina Geld verdient … Endlos ließe sich diese Liste vermutlich fortsetzen.

Goldmanns Buch ist auch ein Appell an die Solidarität mit den Kollegen wie Tarek Baé, der die deutsche Berichterstattung auf Social Media und in seinem Online-Magazin „Itidal“ kritisiert und regelmäßig (Mord)Drohungen erhält, Hüseyin Doğru, Chef des kürzlich aufgelösten red.media, der auf eine Sanktionsliste der deutschen Regierung gesetzt worden war, sowie vor allem den täglich getöteten Kolleg:innen in Gaza. Das Buch ist nicht nur fundierte Medienkritik, sondern liefert nebenbei auch noch ein gutes Grundwissen zur Lage in Israel und Palästina, zum verwendeten Vokabular in deutschen Medien, relevanten NGO- und UN-Berichten und den wichtigsten Ereignissen zwischen 2023 und 2025. Dieses Buch sollte jeder Journalist gelesen haben. Da es die meisten vermutlich nicht tun werden, kommt jenen die es tun, eine besondere Verantwortung zu.

Fabian Goldmann: Staatsräsonfunk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza. Mit einem Geleitwort von Ilan Pappé. Erhältlich im Manifest Verlag, Berlin 2026, 405 Seiten, 22 Euro

Foto: eigenes Grafiken: Finn Fischer

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