Die Verschwundenen von Raqqa – Von der Politik des Schweigens

11. März 2026

Sie tun, was Rosa Luxemburg die revolutionärste Tat nannte: Sie sagen, was ist. Am 18. Januar dieses Jahres verschwanden Ahmed Polad und Eva Maria Michelmann in Raqqa. Seitdem: Stille. Der deutsche Staat schweigt. Die westlichen Medien schweigen. Aber dieses Schweigen ist nicht zufällig – es ist Strategie.

Von Lennart Niemeyer



In einer Welt, in der die bürgerliche Presse Nachrichten nach den Profitinteressen ihrer Eigentümer filtert, sind linke Journalist:innen mehr als bloße Chronist:innen. Sie sind Waffenschmiede im Klassenkampf und ihre Berichte liefern die Munition für alle, die die Verhältnisse nicht nur analysieren, sondern ändern wollen. Genau deshalb stehen sie im Visier. Der bürgerliche Klassenstaat duldet Kritik nur so lange, wie sie im Feuilleton folgenlos bleibt. Sobald sie die Praxis berührt, wird sie zum Sicherheitsrisiko erklärt. Die Verfolgung oppositioneller Journalist:innen folgt sowohl grundsätzlich hier als auch international der gleichen Logik, unterscheidet sich aber in der extremeren Gewaltanwendung in den imperialen Randzonen.

Das Verbrechen von Raqqa

Die Fakten sind brutal: Die beiden Journalist:innen wollten über die Offensive der syrischen Übergangsregierung (STG) gegen die Gebiete der Demokratischen Autonomen Verwaltung (DAANES) berichten. Während der Kämpfe in Raqqa suchten sie mit Dutzenden Zivilist:innen Schutz in einem Gebäude, das von STG-Einheiten belagert wurde. Ein erster Evakuierungsversuch der Syrischen Demokratischen Kräfte scheiterte; für viele wurde später eine Verlegung organisiert. Doch Polad und Michelmann kamen nie am vereinbarten Ort an. Nach Angaben von Zeug:innen und der Vereinigung für freie Presse (YRA) wurden sie in ein Fahrzeug STG-naher Milizen gezwungen. Seither: Funkstille. Die Strom- und Internetausfälle, die den Kontaktabriss begleiteten, wirken wie die perfide Inszenierung des Vergessens. Die YRA forderte sofortige Ermittlungen gemäß den Genfer Konventionen – vergeblich. Polad, Redakteur bei Kurdistan Azad und Produzent bei Özgür TV, hatte bis zuletzt Videoupdates aus dem belagerten Haus gesendet. Michelmann, eine deutsche Journalistin, berichtete seit 2022 für die ETHA-Agentur über die Rojava-Revolution. Ihr „Vergehen“? Sie haben dokumentiert, was ist: Die Realität eines von der Türkei unterstützten und vom Westen hofierten Angriffskrieges gegen das demokratische Autonomieprojekt in Nord- und Ostsyrien.

Geopolitik des Schweigens

Hier liegt der Knoten: Die westlichen Staaten brauchen genau diese STG. Die Türkei, NATO-Partner Nummer eins, ist ihr Architekt. Und die EU und die USA brauchen die neuen Herren in Damaskus als Stabilitätsanker – zur Flüchtlingsabwehr, zur Einflussnahme gegen das Assad-Regime und im Schatten der Auseinandersetzung mit Russland. Die STG wird von Kräften angeführt, die mit HTS (Hayat Tahrir al-Scham) kooperieren – dschihadistische Gruppen, die im Windschatten westlicher Interessen operieren.
Dokumentierte Hinrichtungen auf Fluchtrouten, Folter von Gefangenen, willkürliche Verhaftungen sind die Begleiterscheinungen. Die YRA spricht von einem gezielten Vernichtungsfeldzug gegen die Pressefreiheit.

Wenn eine deutsche Staatsbürgerin wie Eva Michelmann von einer mit der Türkei verbundenen Übergangsregierung verschleppt wird, herrscht im deutschen Klassenstaat beredtes Schweigen. Berlin schweigt, denn die Handlungen der Täter passen ins geopolitische Kalkül. In dieser imperialen Gemengelage werden zwei linke Journalist:innen zum Kollateralschaden: Ihre Stimmen sind störend, ihr Schicksal ist egal. Dieses Schweigen ist nicht passiv, sondern aktive Komplizenschaft. Es sendet eine Botschaft an alle kritischen Stimmen: Im Namen von Stabilität könnt ihr verschwinden, ohne dass wir reagieren. Und jedes Mal, wenn wir nicht reagieren, wird die nächste Entführung wahrscheinlicher. Es ist die „this is fine“-Mentalität des deutschen Imperialismus: Hauptsache, die eigenen Geschäfte und Bündnisse bleiben unangetastet.

Solidarität als Kampfauftrag

Wir dürfen nicht zulassen, dass dieser Fall in der Flut abstumpfender Nachrichten untergeht. Ahmed Polad und Eva Maria Michelmann sind keine Randnotizen. Sie verkörpern das Risiko, das linke Journalist:innen täglich auf sich nehmen. Ihr Verschwinden ist ein Angriff auf uns alle – es ist ein Test, wie weit sich unsere kollektive Toleranz gegenüber Repression dehnen lässt. Deshalb ist Solidarität keine Gefühlsduselei, sondern Kampfauftrag. Konkret bedeutet das: Die YRA-Pressemitteilung verbreiten und übersetzen; die kurdischen Nachrichtenagenturen ANHA und ANF unterstützen; die Interviews von Michelmann mit der ETHA wiederveröffentlichen, bevor sie aus den Archiven verschwinden; den deutschen Staat mit seinen eigenen Ansprüchen konfrontieren – im Wissen um seinen Klassencharakter; die Namen Eva Maria Michelmann und Ahmed Polad so lange wiederholen, bis das Schweigen Berlins und Brüssels zum Skandal wird, den man nicht mehr ignorieren kann.

Rosa Luxemburg wusste: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“. Wenn wir diese Freiheit nicht dort verteidigen, wo sie am meisten gefährdet ist, haben wir sie bereits verloren.

Ihre Namen müssen bleiben. Ihr Verschwinden darf nicht das letzte Wort sein.

Foto: egultekin