Vor vielen Jahren bin ich in den Osten von Deutschland gezogen. Schnell lernte ich, dass manche Dinge anders sind, als im Süden wo ich aufgewachsen bin. Kaum wer sagt an meinem neuen Wohnort „Blaukraut“ zu „Rotkohl“. An die Gratulationen zum „Frauentag“habe ich mich nie gewöhnt. In Lohnarbeit, im Supermarkt an der Kasse und im Stadtgeschehen wird mir zum „Frauentag“ gratuliert. Warum ist das so und was ist eigentlich die Geschichte des 8. März?
Ein Beitrag von Lilli Sauer
Der „Frauentag“ in der DDR
Die Internetseite „ddr-geschichte.de“, erklärt mir, dass man in der sowjetischen Besatzungszone den Frauentag seit der Gründung des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands (DFD) am 8.3.1947 feierte. Der staatliche Feiertag sollte die Gleichberechtigung der Frau fördern. Zu Hause und auf der Arbeitsstelle wurde die Arbeit der Frauen mit Blumen oder kleinen Präsenten gewürdigt. In der DDR-Verfassung gab es einen Artikel, der besagte: „Mann und Frau sind gleichberechtigt. Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen, sind aufgehoben.“ Doch unabhängig davon blieb die Hausarbeit meist an ihnen hängen. Während Männer sich nach Feierabend ausruhen konnten, begann für viele Frauen die „zweite Schicht“.
Die Entstehung des 8. März
Die Anfänge des Internationalen Frauentags*1 sind bei den amerikanischen Arbeiterinnenprotesten zu finden. Bereits 1908 demonstrierten etwa 15.000 Textilarbeiterinnen für bessere Arbeitsbedingungen, gleiche Löhne und Wahlrecht. Ein Jahr später führte die Sozialistische Partei Amerikas den ersten nationalen „Frauentag“ ein, der zu jener Zeit am 28. Februar stattfand. 1910 beschlossen Sozialistinnen auf der Internationalen Frauenkonferenz in Kopenhagen, einen internationalen Kampftag für Frauenrechte einzuführen. Bedeutend dafür war Clara Zetkin, die sehr lange die deutsche sowie die internationale proletarische Frauenbewegung prägte. 100 Frauen aus 17 Ländern stimmten für einen Vorschlag der deutschen Delegation, mit einem Frauentag den Kampf für Frauenrechte und für das Frauenwahlrecht zu unterstreichen. Im Jahr 1911 fand so der erste internationale Frauentag statt.
Im Jahr 1921 wurde der Tag dann auf den 8. März verlegt. Dieses Datum geht auf den Streik der Frauen 1917 in Russland zurück. Bei dem Streik im russischen Petrograd forderten die Frauen Brot, Frieden und das Ende des Krieges und lösten damit die Russische Revolution aus.
Während der Zeit des Nationalsozialismus galt der 8. März als politischer Kampftag der Arbeiterinnen und Sozialistinnen und wurde deshalb in Deutschland verboten. Erst nach dem Ende des Krieges, nach 1945 kam der Tag wieder auf. Während er in der DDR als staatlich geförderter Frauentag gefeiert wurde, bekam der Tag in Westdeutschland erst so richtig wieder ab den 1970er Jahren Bedeutung. Frauenorganisationen und Gewerkschaften organisierten sich ab dann mit dem Fokus auf Feminismus, Gleichberechtigung, Lohngerechtigkeit und politischer Teilhabe.
Der 8. März heute
Heute hat der Tag weltweite Bedeutung als „internationaler Frauentag“ oder „feministischer Kampftag“. FLINTA* aus verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Hintergründen gehen auf die Straße, um für mehr Gleichberechtigung zu kämpfen. In den letzten Jahren sind dabei die Themen Gewalt gegen Frauen und Feminizide in den Fokus der Kämpfe gerückt. Die inhaltliche Ausrichtung bezieht sich oft auf aktuelle Themen. In verschiedenen Städten und in verschiedenen Ländern rufen auch dieses Jahr Gewerkschaften, Initiativen und Bündnisse zu Aktionen und Demonstrationen gegen das Patriarchat auf.
Die Art und Weise wie Aktionen und Demonstrationen am 8. März weltweit stattfinden, ist sehr unterschiedlich. In Mexiko-Stadt etwa gehen Zehntausende auf die Straße; die Proteste sind laut, wütend und manchmal von Auseinandersetzungen begleitet. In anderen Städten prägen Streikbewegungen, Kundgebungen und kraftvolle Redebeiträge das Bild. Ob in Berlin, Barcelona, in Mexiko-Stadt oder im Betrieb um die Ecke – der 8. März braucht mehr als Blumen und Glückwünsche.
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- Der 8. März ist der „Internationale Frauentag“ und wird heute auch „feministischer Kampftag“ genannt. Der erste Begriff beruht auf den geschichtlichen Hintergrund des Tages und der damit zusammenhängenden feministischen Bewegung. Da ich hier viel über den historischen Kontext schreibe, nutze ich häufig den Begriff „Internationaler Frauentag“. Grundsätzlich nutze ich die Bezeichnung „feministischer Kampftag“ um deutlich zu machen, dass feministische Kämpfe alle FLINTA* einbeziehen. ↩︎