Nach dem Tod eines Faschisten am 16. Februar in einem Krankenhaus Lyons, werden die Forderungen nach der Verfolgung antifaschistischer Organisationen abermals lauter. Mit Blick auf das vergangene Jahr und dem Tod Charlie Kirks im September, können wir eine qualitative Veränderung der Repression sehen. Zunächst wurde in den USA auf Drängen Donald Trumps die „Antifa“ als Terrororganisation eingestuft und damit verboten. Am 19. September 2025 legte ebenso Geert Wilders von der „Partei für die Freiheit“ (PVV) einen ebensolchen Verbots-Antrag in den Niederlanden vor, dem eine knappe Mehrheit des Parlaments zustimmte. Etwas mehr als eine Woche darauf zog Viktor Orbán nach und erließ ein Dekret zur Listung aller „terroristisch Organisationen“, worunter auch die „Antifa-Ost“ bzw. die „Hammerbande“ fiel. Ungarn ist dabei spätestens seit der Ära Orbáns zur osteuropäischen Triebfeder des amerikanischen Anti-Sozialismus geworden. Die Leitungen in die USA und das MAGA-Lager sind sehr kurz und mit dem „Mathias Corvinus Collegium“ werden unter der Schirmherrschaft Orbáns neurechte Netzwerke gesponnen und die politischen Kader der Zukunft ausgebildet. Auch in Deutschland wollte die AfD auf der Welle der allgemeinen Terrorismus-Hysterie mitreiten und stellte am 16. Oktober einen Antrag zum Antifa-Verbot im Bundestag. Dass der Antrag jedoch endgültig im Januar diesen Jahres von den restlichen Fraktionen abgeschmettert wurde, dürfte weniger mit inhaltlichem Dissens als mit der imaginären Brandmauer zur AfD zusammenhängen, die vom eigenen Rechtsliberalismus und dem Willen zum autoritären Staatsumbau ablenkt.
Der Tod des 23-jährigen Quentin in Lyon am 12. Februar, der auf eine Auseinandersetzung mit antifaschistischen Jugendlichen zurückgeht, versetzte neben Frankreich halb Europa in Aufruhr. Macron gab sich entsetzt und in der französischen Nationalversammlung wurde gar eine Schweigeminute für den jungen Faschisten abgehalten. Quentin selbst trat dabei an dem besagten Tag als Sicherheitsmann auf, um der identitären Frauengruppe „Nemesis“ bei ihrer Aktion gegen eine Veranstaltung der LFI-Abgeordneten Rima Hassan Moubarak den Rücken zu decken. Dass dieses besagte Sicherheitsteam aus Nazi-Kampfsportlern bestand, die sich vermummt unter einer Brücke nahe der Veranstaltung versammelten, wird von der Mehrzahl der Medien verschwiegen. Ebenso, dass wohl kurz zuvor mehrere Antifaschist:innen von dieser bewaffneten Gruppe angegriffen wurden.
Alle geben sich schockiert über eine angeblich entgrenzte Brutalität, von welcher bei rassistischen Morden und Angriffen auf Linke nie die Rede war und Macron sichert unterdessen der Familie des als Nationalhelden und Märtyrer gefeierten Quentin, „die Unterstützung einer ganzen Nation“ zu. Auch Meloni und ihre Fratelli d’Italia meldeten sich direkt und sprachen von einer „Wunde für ganz Europa“ und darüber, dass verhindert werden müsse, dass Italien in eine schlimme Vergangenheit zurückfalle. Damit meint sie weder die Mussolini-Ära noch die Bombenanschläge von verdeckt operierenden NATO-Einheiten im Verbund mit neofaschistischen Organisationen im Italien der 70er und 80er Jahre.
Die Welle der Repression brechen
In Frankreich ist dieser Tage also mächtig Druck auf dem Kessel. Bereits elf verdächtigte Personen wurden Mitte der vergangenen Woche festgenommen und Verbindungen der antifaschistischen Jugendlichen, die mutmaßlich an der tödlichen Auseinandersetzung teilnahmen, werden bis ins Parlament zu Raphael Arnault, dem Gründer der „Jeune Garde“ (Junge Garde) und Politiker der LFI (La France Insoumise) gesponnen. Die „Jeune Garde“ wurde bereits 2025 frankreichweit auf Drängen des Rassemblements Nationale verboten.
Auch wenn die Zeiten andere sein mögen, sei bei dem aktuellen Diskurs und auf die zahlreichen Distanzierungen von vermeintlichen Linken nach dem Tod des Faschisten Kaindl 1992 hingewiesen. Damals stand die Gruppe Antifaşist Gençlik im Fokus einer breiten Verleumdungskampagne als „antifaschistische Mörderbande“ und die Spaltung innerhalb der Linken wurde entlang der Gewaltfrage vorangetrieben. Dass es zu Entsolidarisierungen ob des gewählten Niveaus der physischen Militanz kam, eröffnete auf Seiten von Antifaşist Gençlik die Frage, inwieweit man überhaupt außerhalb des rein theoretischen Raums in der Lage sei, die Bedingungen und den Ausgang, samt der Konsequenzen solcher „Aktionen“ im Voraus zu kalkulieren.
Auch ohne solche Todesfälle treibt letzten Endes der deutsche Staat die Repression gegen fortschrittliche Kräfte voran. So oder so soll derzeit auf die ein oder andere Weise das Bild von den Bomben legenden Linken als Staatsfeind Nummer 1 geschaffen werden, wie es zuletzt die Öffentlichkeitsfahndung gegen die ehemaligen Militanten der RAF gezeigt hat. Durch die so geschaffene Stimmung und die sich daraus rechtfertigende Verfolgung sollen mögliche innenpolitische Unruheherde im Angesicht der noch kommenden innerimperialistischen Auseinandersetzungen und der damit einhergehenden Militarisierung zum Schweigen gebracht werden.
Die Frage der Gewalt
Dass jedoch eine Diskussion über Militanz und Antifaschismus insgesamt geführt werden muss, ohne dabei die notwendige Solidarität mit den Angeklagten verhandeln zu wollen, zeigen ebenso der Staatsschutzprozess in Dresden und das in NRW gestarteten Verfahren gegen die Beschuldigten im sogenannten „Budapestkomplex“. Antifaschismus, der entwurzelt von seiner ursprünglichen Funktion beispielsweise lediglich der Auslebung von Gewaltphantasien dient, hat wohl mehr mit Hooliganismus als dem organisierten Kampf für eine andere Welt gemein. Taktiken, Aktionen und deren Folgen müssen daran gemessen werden, inwieweit sie diesem Kampf und der Schaffung von Bedingungen dienen, sich aus der derzeitigen Lähmung revolutionärer Kräfte zu befreien und im Sinne der gemeinsamen Ziele zu agieren. Die Krux dabei ist, dass es durchaus erstmal wenig Einigkeit und noch weniger Kommunikation über die verschiedensten politischen Ziele gibt, und „Antifaschismus“ fortlaufend durch die Staatsräson und Nato-Linken versucht wird im Sinne der Staatsinteressen auszuhöhlen. Und sicherlich sehen wir gerade in den laufenden Gerichtsprozessen auch Vertreter:innen dieser Fraktion, die als stumme Held:innen für die Verfassung des deutschen Vaterlandes kämpfen und lediglich bei der Frage des Gewaltmonopols mit dem Staat in Konflikt geraten.
Da sich die Frage der Militanz nicht lediglich auf einen solchen zahnlosen, revisionistischen Antifaschismus bezieht, sondern in der Breite der politischen Bewegung zu diskutieren ist, wollen wir die außerordentliche Bedeutung der gesellschaftlichen Verankerung hervorheben. Die ab den 30er Jahren geprägte Parole „Schlagt die Faschisten wo ihr sie trefft!“, hat dort keinen Sinn, wo sie sich an physischer Konfrontation und Eskalation abarbeitet, ohne etwa gleichermaßen was dafür zu tun, die Basis für faschistische Mobilisierung zu entziehen und die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zu verändern. Und das gelingt nur durch die Schaffung eines Bewusstseins darüber, woher der Faschismus tatsächlich kommt, welche Lügen er den Menschen an die Beine bindet und eben nicht dadurch im Dinosaurierkostüm „Barista-Antifascista“ zu rufen oder in unvermittelbaren und für sich stehenden Gewalteskapaden.
Foto: Montecruz Foto from Berlin, Alemania, CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons