Während die Aufstände im Iran nach den blutigen Massakern des iranischen Regimes einer Schockstarre gewichen sind, halten die Proteste der iranischen Diaspora im Westen an. Erst am vergangenen Samstag, parallel zur Sicherheitskonferenz, versammelten sich bis zu 250.000 Menschen in München. Pahlavi, der von dem Westen in Stellung gebrachte Sohn des 1979 gestürzten Schahs, sprach hinter einer Panzerglasscheibe zu den Versammelten. Auch wenn es derzeit zu Verhandlungen zwischen dem Iran und den USA kommt, nachdem zunächst viel auf einen direkten US-amerikanischen Angriff Anfang Februar gedeutet hatte, bleibt die Situation unberechenbar und ein Regime-Change als Möglichkeit auf dem Tisch.
Auch wenn die Hegemonie der Schah-Anhänger unter den Protestierenden hier gesichert scheint, war und ist die Situation im Iran weitaus komplexer. Für uns hat Bahram Ghadimi ein Interview mit einem langjährigen Aktiven im Iran geführt. Der Name des Interviewten kann leider aus Sicherheitsgründen nicht veröffentlicht werden.
Vielleicht mögen Leser:innen Aussagen des Interviewten und deren taktisch-strategischen Implikationen nicht teilen. Wir denken jedoch, dass jeder Beitrag von Genoss:innen vor Ort wertvoll ist, um sich ein vollständigeres Bild von der Lage zu schaffen und Schlüsse daraus ziehen zu können.
Der Iran erlebte erneut einen Aufstand. Es scheint, dass Kommentator:innen außerhalb des Irans die Menschen im Iran ständig entweder als „reine Opfer“ oder als bloße „Werkzeuge“ ausländischer Verschwörungen betrachten und ihnen niemals eigene Handlungsfähigkeit zuschreiben. Darüber wollen wir mit dir sprechen. Kannst du uns die derzeitige Lage schildern?
Vielleicht ist die treffendste Beschreibung, dass gerade eine Mischung aus Verwunderung, Trauer und Ungewissheit herrscht. Diese drei Begriffe allein können jedoch den Raum, in dem ich und viele wie ich leben, nicht vollständig erklären. Mit Aufständen, Repression und der aus Niederlagen resultierenden Depression waren wir bereits vertraut – eine Erfahrung, der wir fast ein halbes Jahrhundert lang immer wieder begegnet sind. Doch diesmal gibt es etwas, das diese Phase unterscheidet.
Zweifellos lastet die enorme Zahl der Getöteten – meist sehr junge Menschen – wie eine nie verheilende Wunde schwer auf den Schultern der Lebenden. Doch was diesen Aufstand wirklich unterscheidet, war die Fata Morgana, die so viele wütende junge Menschen antrieb: Die Illusion eines einfachen Sturzes des Regimes. Diese Illusion zerfiel bereits nach zwei Tagen, doch ihre Folgen könnten noch Jahre anhalten.
Plötzlich hatten wir das Gefühl, dass sämtliche Erfahrungen, die wir in all den Jahren des Kampfes gesammelt hatten, sich in Luft auflösten. Als wären all die Lehren aus früheren Kämpfen angesichts dessen, was in diesen zwei Tagen geschah, auf die schrecklichste Weise nutzlos geworden.
Was äußerst unklar bleibt, ist die Frage, ob die Menschen aus dieser Erfahrung für kommende Aufstände lernen werden. In diesem Aufstand wurden viele technische Aspekte des Straßenkampfes, die wir uns zu einem hohen Preis zuvor angeeignet hatten, ignoriert. Wird diese Erfahrung, die wir teuer bezahlt haben, im kollektiven Gedächtnis der Massen bleiben? Diese Frage zu beantworten ist im aktuellen Klima voller Schmerz und Trauer äußerst schwierig.
Konnte man in den Tagen vor diesem Aufstand erahnen, wohin er führen würde?
In keinem der vorherigen Aufstände ließ sich der Verlauf der Ereignisse vorhersagen. Auch dieses Mal war es nicht anders. In den zwölf Tagen, die den zwei Katastrophentagen vorausgingen, gab es Momente, in denen der Zorn und die Mobilisierung der Basarhändler abzuebben schienen. An manchen Tagen gab es in Teheran überhaupt keine Demonstrationen.
Da die Basarhändler den Auslöser dieser Ereignisse bildeten, erfassten die Proteste keineswegs die gesamte Stadt. Demonstrationen fanden in Vierteln nahe dem Basar und ein paar Straßen weiter statt – nicht mehr. Soweit ich mich erinnere, hatten sich in anderen großen Städten wie Maschhad, Isfahan, Schiras, Ahwas und Rascht noch keine kontinuierlichen und sich zuspitzenden Proteste wie bei früheren Aufständen entwickelt; alles wirkte eher verstreut.
Lediglich der Südwesten des Landes erreichte rasch einen Höhepunkt und einen urbanen Aufstand, was mit früheren dezentralen Mustern übereinstimmte. Im besten Fall ging ich davon aus, dass der Aufstand nur kurze Zeit andauern und dann mit einer Abwärtsbewegung enden würde.
Viele der Menschen, die ich kenne, waren in diesen zwei „Katastrophennächten“ nicht ernsthaft präsent. Vielleicht beobachteten sie von ihren Dächern aus, vielleicht durchquerten sie flüchtig ein Viertel mit laufenden Demonstrationen, vielleicht hörten sie Schreie und Parolen und traten kurz auf die Straße. Genaue Informationen hatten sie nicht, vom Ausmaß der Ereignisse wussten sie praktisch nichts.
Am Donnerstag, dem 8. Januar, um 23 Uhr wurden Internet, Mobilfunk und Festnetz im ganzen Land abgeschaltet – alle Kommunikationskanäle waren damit gekappt. Nur Satellitenfernsehen funktionierte noch, allerdings unter extrem starken Störsignalen, die ein tatsächliches Sehen nahezu unmöglich machten. Und selbst das, was wir sahen, ging kaum über das hinaus, was wir ohnehin wussten. Vom Ausmaß des Massakers hatten wir keinerlei Kenntnis. Aufgrund der Erinnerung an das Massaker von 2019 vermutete ich zwar etwas Entsetzliches, aber es blieb eine Vermutung.
Am Freitag verlief es ähnlich. Das städtische Festnetz funktionierte wieder, und aus verschiedenen Quellen hörte man, dass vielerorts Brände gelegt und Zerstörungen angerichtet worden seien. Doch über die Zahl der Toten gab es keine Informationen. Erst am Samstag, als die Menschen zur Arbeit gingen, wurden nach und nach die Dimensionen des Geschehens deutlich – also fast zwei Tage völliger Informationslosigkeit.
Der Großteil der Nachrichten stammte aus den Medien des Regimes, die man „zwischen den Zeilen“ lesen musste, ergänzt durch wenige Berichte des Satellitenfernsehens. Die Darstellung des Regimes stützte sich vollständig auf die Behauptung eines organisierten Angriffs des Mossad und feindlicher Agenten mit bewaffneten Aktionen gegen militärische, städtische und zivile Einrichtungen – eine völlig einseitige Erzählung. Zwei Wochen lang wurden wir mit einer Nachrichtenflut bombardiert, die ich als Gehirnwäsche bezeichne. Die Gegen-Erzählung setzte sich langsam und beharrlich durch und wusch schließlich nach der Präsentation von Leichen in schwarzen Säcken in Kahrizak die Darstellung des Regimes vollständig hinweg.
Wie bewertest du das Eindringen des Pahlavi-Diskurses?
Meiner Ansicht nach muss man den Einfluss des Pahlavi-Diskurses in zwei Bereiche unterteilen: Seinen Einfluss im kulturellen und intellektuellen Milieu und seinen Einfluss unter den Massen.
Im kulturellen und intellektuellen Bereich war zu beobachten, dass dieser Diskurs insbesondere nach der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ allmählich an Einfluss gewann. Die Anzeichen waren relativ klar: Zunehmende Popularität der Kanäle bestimmter „politischer Aktivisten“, die offen die Monarchie verteidigten; anhaltende Angriffe auf linke Traditionen unter dem Deckmantel der Verteidigung der monarchistischen Vergangenheit; die Entstehung intellektueller Zirkel gebildeter Personen, die die „Monarchie“ theoretisierten; die breite Veröffentlichung rechter Zeitschriften, die offen die Pahlavi-Ära verherrlichten; sinkende Auflagen linker Bücher und ein Anstieg der Leserschaft rechter Schriften im Bereich Nationalismus und altiranischer Identität; die Zunahme rechter inländischer Webseiten.
Dieses Phänomen verschärfte sich besonders in einem Moment drastisch: Dem Völkermord in Gaza. Abgesehen von wenigen Intellektuellen im Inland verteidigte der Großteil – ob links oder rechts – den israelischen Völkermord und den Angriff auf Gaza unter dem Vorwand der Zerschlagung der Hamas. Diese Welle der Unterstützung Israels war während des Zwölf-Tage-Krieges weniger sichtbar, doch überall ließ sich eine klare Neigung rechter Intellektueller zu Israel erkennen. Die besondere Kombination lautete: Anti-Regime-Haltung, Feindschaft gegenüber Palästina und Verteidigung Israels.
Der Einfluss des Pahlavi-Lagers unter den Massen hingegen beruht weniger auf der Attraktivität von Programmen oder konkretem Handeln als vielmehr auf der Ablehnung des herrschenden Systems und der „positiven“ Erinnerung an die Vergangenheit. Die faktischen Referenzen der oppositionellen Massen waren zwei Fernsehsender: Iran International und Manoto. Diese Sympathie war jedoch passiv und nahm keineswegs eine aktive Form an.
2019 war der Slogan „Reza Schah, deine Seele sei gesegnet“ äußerst selten. 2021/22 war dieser Slogan oder die Unterstützung für Reza Pahlavi praktisch marginal, und niemand sammelte sich ernsthaft darum. Was in diesen zwei Tagen geschah, kann in gewissem Sinne als langsames Wachstum dieses Einflusses verstanden werden – ein Wachstum, das in der Medienlandschaft stark übertrieben wurde und praktisch durch das Ersticken anderer Stimmen zustande kam.
Wenn man den Einfluss unter den Massen daran misst, wie viele spezielle Pro-Pahlavi-Parolen gerufen wurden – was ich für sehr oberflächlich halte –, dann machten sie nach dem, was ich gehört habe, vielleicht nicht mehr als 40 Prozent aus. Die übrigen Parolen wurden vollständig ignoriert. Die dominierende Parole war eindeutig „Tod dem Diktator“.
Sind die Menschen, wie westliche und Teile der iranischen Medien suggerieren, nur für die Rückkehr des Schah-Sohnes auf die Straße gegangen? Wenn ja, seit wann und wie konnten Faschisten die Führung dieses Aufstands übernehmen?
Diese Darstellung legt aufgrund der angeblichen Dominanz monarchistischer Parolen erhebliche Einschränkungen auf Inhalt und Bedeutung dieses Aufstands. Erstens spiegelten die gewerkschaftlichen Forderungen des Basars nicht die Forderungen der gesamten Bevölkerung wider. Die unzähligen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Forderungen der Menschen sind so umfassend, dass keine einzelne Strömung beanspruchen kann, sie alle zu vertreten. Zweitens ist klar, dass Parolen wie „Tod dem Diktator“ oder „Pahlavi kommt zurück“ sehr tiefe Inhalte verbergen, die nicht einfach als Verteidigung der Monarchie verstanden werden können.
Die Massen sind aller Formen von Diskriminierung überdrüssig. Sie sind jeglicher Entrechtung und Ausbeutung überdrüssig. Armut, Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, alltägliche entfesselte Gewalt, Angst vor einem Leben, das keinen Wert mehr hat, und hunderte weiterer Probleme haben ihre Belastungsgrenze überschritten. Sie haben jeden möglichen Weg ausprobiert: Die Grüne Bewegung, die blinden Straßenaufstände von 2017 und 2019, den Kampf gegen den Zwangsschleier und für ihre menschliche Würde – alles wurde gewaltsam unterdrückt. (Die grüne Bewegung entbrannte sich an Fälschungsvorwürfen bei der Präsidentschaftswahl 2009 und wurde durch staatliche Gewalt erstickt. Grün war die Erkennungsfarbe des Oppositionskandidaten Mussawi, der vor allem aus dem iranischen Kleinbürgertum gestützt wurde Anm.d.Red.)
In diesem schwarzen Loch, in dem die demokratischen und sozialistischen Kräfte praktisch keinen Ausweg aus dieser Blockade anbieten und alle Alternativen diskreditiert sind, wird die Flucht in eine traumhafte Vergangenheit, die durch faschistische Medien verschönert wird, zu einer Fackel – einer falschen Fackel. So trügerisch wie einst „Gebt mir meine Stimme zurück“ (Parole der Grünen Bewegung Anm.d.Red.), so entstehen faschistische Bewegungen: Reformistische Alternativen werden zu Komplizen des Systems, die Linke ist unfähig, eine reale Alternative zu präsentieren, so zersplittert und vereinzelt, dass sie nicht zählt. Pahlavi ist zu einer Fackel geworden, die angeblich sowohl das Regime stürzen als auch die Träume der Menschen erfüllen kann. Doch dies ist nur die Form, in der der zutiefst revolutionäre Inhalt der gegenwärtigen Bewegung verpackt ist – und sie lässt sich nicht allein aufgrund dieser Form verurteilen.
Wie bewertest du in diesem Zusammenhang die Präsenz des „linken“ Diskurses im Iran?
Die Anführungszeichen um „links“ zeigen genau an, dass hier ein sehr allgemeiner Begriff gemeint ist, der sich von einem marxistischen Linkssein unterscheidet. Dieses „Linke“ ist ein spezifisches Produkt der Gegenwart: Ein Konzept, das verschiedene Forderungen umfasst und Elemente von Gleichheit sowie Protest gegen Unterdrückung und Ausbeutung in jeder Form beinhaltet.
Alle demokratischen Forderungen, Umweltanliegen, Proteste gegen den staatlichen Apparat, gewerkschaftliche, politische und soziale Proteste mit einer rechtlichen Dimension des Widerstands gegen Unterdrückung und Ungleichheit können als „links“ verstanden werden. Dass die Träger dieser „linken“ Ideen sich ihrer eigenen linken Positionierung nicht bewusst sind, ist möglicherweise ein neues gesellschaftliches Phänomen – zumindest im Vergleich zur Pahlavi-Zeit, als eine linke Orientierung primär eine politische und ideologische Bindung an den Marxismus bedeutete und zugleich die Zugehörigkeit zu einem Zirkel oder einer geheimen politischen Organisation voraussetzte.
Wenn man diese letzte Bedeutung – Bindung an den Marxismus und organisatorische Zugehörigkeit – als Maßstab nimmt, kann ich offen sagen: Eine solche organisierte Linke existiert im Iran faktisch nicht, abgesehen von wenigen Einzelpersonen oder sehr begrenzten Zirkeln.
Die Linke, die heute real existiert, ist eine breite, bunte Massenströmung mit sehr unterschiedlichen Tendenzen, vereint in ihrer Opposition zum Kapitalismus, in der Verteidigung von Demokratie und Freiheit, im Respekt vor den Rechten von Frauen und ethnischen Gruppen sowie in der Vielfalt von Denkweisen und Überzeugungen. Diese Linke hat keine Organisation, keine Zeitschrift, keinen Kongress. Aber sie ist überall präsent, tritt in unterschiedlichen Gestalten auf und hat einen spürbaren Einfluss auf die Ereignisse. Sie steht in starkem Gegensatz zur gängigen Vorstellung einer marxistischen Linken.
Sowohl das Regime als auch seine Opposition scheinen behaupten zu wollen, es gebe nur zwei Wege: Entweder bleibt die Islamische Republik, oder der Schah-Sohn kehrt zurück. Gibt es wirklich nur diese beiden Optionen?
Das Regime betrachtet sich selbst als dauerhaft und quasi ewig – oder gibt zumindest vor, es zu sein. In den Zeitungen und Publikationen der verschiedenen Fraktionen des Regimes wird der Gedanke einer Rückkehr des Schah-Sohnes kaum ernst genommen und häufig verspottet. Auf der anderen Seite stellen Pahlavi-Anhänger die Schah-Zeit als Paradies dar.
Beide Seiten ignorieren jedoch die Vielzahl oppositioneller Kräfte. Da die anti-pahlavistischen und anti-islamischen oppositionellen Kräfte im Laufe der Zeit ihre propagandistischen und organisatorischen Strukturen im Inneren Irans verloren haben und im Ausland geschwächt wurden, ist die Illusion entstanden, als seien nur diese beiden Kräfte politisch aktiv. Ich teile diese Sicht keineswegs.
Neben den offen politischen Kräften gibt es äußerst breite soziale Kräfte, die unter der Oberfläche der Gesellschaft aktiv sind: Große Netzwerke von Aktivistinnen im Frauenbereich, für arbeitende Kinder, Umweltschutz, Rentner:innen, Lehrkräfte, Studierende, kleine und große Arbeiterzirkel sowie soziale Aktivist:innen unter Kurden, Belutschen, Turkmenen, Arabern usw.
Kannst du uns was zu der Rolle der Arbeiterbewegung bei den Protesten sagen?
Die iranische Arbeiterbewegung ist nicht organisiert. Die Aktivitäten bewusster Arbeiter:innengruppen beschränken sich auf begrenzte, fragmentierte Bereiche, die in spezifischen Momenten zeitweise aufleuchten und hervortreten, dann aber rasch abklingen und ihre Wirkung verlieren. Diese Aktivitäten sind eher branchenbezogen als landesweit organisiert, und reflektieren sich nicht in organisierten Strukturen wie etwa in Räten, Syndikaten oder Gewerkschaften.
Deshalb konnte sich die bemerkenswerte Aktivität des Arbeiter:innenrats von Haft-Tappeh niemals auf andere Produktionsstätten oder selbst benachbarte Städte ausweiten – geschweige denn landesweit werden. Die Arbeiterbewegung war bislang nicht in der Lage, in den Protesten der letzten Jahre eine Schlüsselrolle zu spielen und ihnen ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Das Bild der Stärke der Arbeiterbewegung, das marxistische Linke zeichnen, ist eher Wunschdenken als konkrete Realität.
Welche Rolle spielten die einstigen großen linken Organisationen?
Leider muss ich offen sagen: Es gibt heute in Iran keine bekannte organisierte politische Kraft mit realer Präsenz, spürbarer Existenz oder aktiver Propaganda. Mit der Zeit sind sie zu Erinnerungen geworden. Die Massaker der 1980er Jahre – insbesondere 1988 –, die Emigration und das Exil der meisten organisierten linken Kräfte, ihre Nicht-Rückkehr selbst in Phasen begrenzter politischer Öffnung (z. B. während der Khatami-Ära), das Altern erfahrener Kader sowie der Zusammenbruch linker Organisationen als einstige theoretische Zentren haben einen derart leeren Raum hinterlassen, dass Generationen die bedeutende Rolle der Linken in den 1980er Jahren vergessen haben. Die bittere Realität ist, dass die organisierte Linke jener Zeit vollständig zerstört wurde.
Kannst du dir dennoch eine helle Zukunft für den Iran vorstellen?
Diese Frage ist schwer zu beantworten – vornehmlich nach einer massenhaften Niederlage. Die Ereignisse der letzten 47 Jahre haben den Optimismus stark getrübt. Wiederholte Niederlagen ohne greifbare Erfolge haben die allgemeine Stimmung mit tiefer Skepsis durchzogen. Doch es ist klar, dass eine neue Generation heranwächst, die trotz ihres jungen Alters einen schweren Rucksack voller Erfahrungen trägt. Sein Inhalt ist stark widersprüchlich: Sie hasst Theorie, ist ungeduldig, will schnelle Ergebnisse, ist kollektiver Arbeit fremd und verlässt sich daher auf persönliche Erfahrungen. Sie verfällt leicht der gesellschaftlichen Stimmung und vergisst die Vergangenheit. Gleichzeitig ist sie furchtlos und wagt den Sprung ins Ungewisse. Ihr Weg ist daher Versuch und Irrtum. Diese Antwort mag unbefriedigend sein – ich verstehe das. Es ist meine persönliche Erfahrung und sicherlich nicht frei von Mängeln.
Die Zapatisten Mexikos sprechen von einem zerstörerischen Sturm und rufen dazu auf, sich schon heute auf die Zeit danach vorzubereiten.
Vielleicht eignet sich Walter Benjamins metaphorischer Sturm besser, um die Zukunft vor uns zu beschreiben: Trümmerhaufen auf Trümmerhaufen, ohne dass am Horizont ein strahlender Morgen zu erkennen wäre. Vielleicht stehen wir vor einer Art Kampf, bei dem wir ohne falsche Hoffnung einen Fluss überqueren müssen, über den wir selbst – mit tausendfachem Vor und Zurück – eine Brücke bauen müssen, um ans andere Ufer zu gelangen. Diese Brücke ist noch nicht fertig und entsteht nur durch diesen Versuch – vielleicht wird sie nie vollendet. Doch zumindest wird uns keine deterministische Perspektive leiten.
Vielen Dank für deine Zeit!
Das Interview führte Bahram Ghadimi (vom Kollektiv ‘Andeesheh va Peykar’ – Gedanke und Kampf) am 9. Februar 2026