Die westliche Hegemonie über den Nahen Osten scheint heute mehr als gesichert. Seit dem 7. Oktober 2023 haben sich die Kräfteverhältnisse immer weiter zugunsten der US-geführten Weltordnung gedreht. Die ‚Achse des Widerstands‘ als regionales Gegengewicht ist durch die Schwächung der Hisbollah im Libanon, die Zerstörung Gazas, den Sturz Assads in Syrien und das so nah wie nie scheinende Ende der Mullahs im Iran so gut wie gebrochen. Auch die globalen Konkurrenten stellen die US-Hegemonie kaum infrage. Russland ist spätestens seit dem Ukrainekrieg kein wirklich relevanter Gegenspieler mehr und auch China stellt den Anspruch der USA im Nahen Osten nicht wirklich infrage. Man könnte nun also davon ausgehen, dass dieser Siegeszug des US-Imperialismus gerade für DEN Repräsentanten westlicher Vorherrschaft in der Region, Israel, eine glorreiche Zukunft bedeutet. Doch ausgerechnet in dieser historischen Lage scheint es ungewiss, wie viel länger sich das zionistische Staatsprojekt noch halten können wird.
Risse im Fundament des Zionismus
Von unterschiedlichen Kritikern des Zionismus zumindest, allen voran Ilan Pappe mit seinem Buch „Israel on the Brink“1, wird ebendiese These aufgestellt: Der Zionismus steckt in einer Krise, die nur zu seinem Untergang führen kann. Er beschreibt das zionistische Staatsprojekt als Gebäude, dessen Fundament so viel und tiefe Risse durchziehen, dass der Zusammenbruch nur eine Frage der Zeit sein könne.
Einigkeit besteht darüber, dass die israelische Gesellschaft und die zionistische Bewegung zutiefst gespalten sind. Das ist zunächst erstmal keine Neuigkeit, seit den Anfängen des Zionismus gab es Konflikte mit anderen Bewegungen, die für sich beanspruchten, die Antwort auf den sich ausbreitenden Antisemitismus zu bieten (religiöse Orthodoxie, bürgerliche Assimilation und vor allem der sozialistische Internationalismus), wie auch innerhalb der zionistischen Bewegung selbst. Die israelische Gesellschaft durchziehen dabei unterschiedliche Konfliktlinien und Spaltungen. Seit dem Beginn der zionistischen Idee gab es so den Konflikt zwischen der zionistischen Bewegung und religiös-orthodoxen Juden, die das Streben nach einem weltlichen jüdischen Staat als direkten Widerspruch zu der nur göttlich zu erreichenden Erlösung der Juden sehen. Der deutsch-israelische Historiker Moshe Zuckermann2 beschreibt zudem eine Konfliktlinie zwischen der frühen zionistischen Bewegung, die sich als Gegenentwurf zum ‚schwachen Diaspora-Judentum‘ inszeniert und den Überlebenden der Shoah, die in vielen Fällen genau die ‚Diaspora‘-Identität ins Land brachten, gegen die sich der Zionismus so abgrenzte. Und auch die Unterschiede der verschiedenen Migrationsgeschichten nach Israel werden immer wieder herangezogen, um die Spaltung Israels zu verdeutlichen. Insbesondere der Rassismus, den die äthiopisch-stämmigen Juden erfahren und die historisch dominante Rolle der aus Europa stammenden Ashkenasim sind hier immer wieder Thema des Diskurses über und in Israel.
Zwei widersprüchliche Staatsprojekte – Israel oder Judäa?
Doch es ist vor allem eine Spaltung, die von liberal-zionistischen Theoretikern wie Moshe Zimmermann3 bis zum antizionistischen Ilan Pappe entscheidend für die fragwürdige Zukunft des zionistischen Projekts ist. Ilan Pappe beschreibt diese Spaltung bereits jetzt als so tiefgreifend, dass er von zwei widersprüchlichen Staatsprojekten innerhalb Israels spricht: auf der einen Seite den „Staat Israel“, auf der anderen den „Staat Judäa“. Der „Staat Israel“ stellt dabei im Wesentlichen das dar, was die deutsche Medienöffentlichkeit als Objekt bedingungsloser Solidarität herausstellen möchte: Ein säkularer jüdischer Staat, der den „progressiven“ Westen in der „rückständigen“ arabischen Welt vertritt, ein „Safe Space“ für queere Menschen, eine Art Modellstaat für westliche Demokratie, kurz gesagt eine links-liberale Utopie, die zwar das Leid der Palästinenser:innen weitgehend ausklammert, aber ansonsten vor allem links-liberalen westlichen Idealen nahesteht. Dieses Staatsprojekt wird quasi personifiziert im israelischen Staatsgründer David Ben-Gurion und seiner Arbeitspartei und Projekten wie den viel gepriesenen Kibbuzim. Neben diesen Vertretern eines „sozialistischen“ Zionismus fallen in dieses Lager auch Strömungen wie der eher historisch bedeutsame allgemeine Zionismus und politische Kräfte die eher an einer Stabilisierung des Status Quo interessiert und primär durch Sicherheitsinteressen geleitet sind. Dass auch diese politische Seite den Zionismus nicht als siedlerkoloniales Projekt infrage stellt und die ethnische Säuberung Palästinas mitträgt, ändert nichts daran, dass sie insgesamt die „links-liberale“ Seite zionistischer Politik darstellen.
Der „Staat Judäa“ hingegen geht unter anderem zurück auf die Ideen des Rabbi Avraham Yitzchak Kook und seines Sohnes Tzvi Yehuda HaKohen Kook. Diese gaben der primär säkularen zionistischen Bewegung eine religiöse Legitimation, indem sie anders als die orthodox-jüdische Theologie den Zionismus nicht als Widerspruch zur göttlichen Erlösung sahen, sondern als Werkzeug Gottes die „Rückkehr nach Zion“ voranzutreiben. Das rechts-zionistische Lager ist geprägt von unterschiedlichen ideologischen Strömungen wie der nationalreligiösen, durch die Rabbis Kook geprägt, dem revisionistischen Zionismus oder dem faschistischen Kahanismus. Als grobe Gemeinsamkeit steht aber das Ziel einer Ausdehnung des israelischen Staatsgebiets auf die gesamten biblisch hergeleiteten Teile des „Erez Israel“ (‚Land Israel‘) und dass die Frage, ob für Israel die Identität als „demokratisch“ oder „jüdisch“ wichtiger sei, wesentlich klarer beantwortet wird als durch liberale Zionisten: Die Demokratie ist für die hegemonialen Kräfte dieses Lagers höchstens ein Mittel, wenn nicht viel eher ein zu überwindendes Hindernis auf dem Weg zum jüdischen Staat.
Insbesondere mit der israelischen Besatzung des Gazastreifens, des Westjordanlands und der Golanhöhen 1967 wurde diese nationalreligiöse Strömung des Zionismus immer relevanter. Die besetzten Gebiete wurden dabei nicht einfach als Verhandlungsmasse gesehen, um Israel in israelisch-arabischen Verhandlungen eine bessere Position zu verschaffen, wie es teilweise von liberal zionistischer Seite (v)erklärt wird. Für die nationalreligiöse Bewegung stellten sie die materielle Grundlage für die Errichtung eines jüdischen Staates in ganz Erez Israel (obwohl durchaus Uneinigkeit darüber besteht wie weit über das historische Gebiet Palästina dieses reichen sollte) dar. Insbesondere das Westjordanland (in der religiösen Sprache der Siedlerbewegung Judäa und Samaria genannt) wurde dabei als Kernland jüdischer Besiedlung zu biblischer Zeit religiös aufgeladen. Die Siedlerbewegung stellt den Kern dessen, was Pappe als „Staat Judäa“ fasst. Der Unterschied zum säkularen, liberalen Zionismus besteht aber nicht nur in einem höheren Expansionsbedürfnis und noch größerer Verachtung palästinensischen Lebens. Das würde wohl kaum eine Gefährdung des zionistischen Projekts bedeuten, stellt sich diese Unterscheidung doch eher quantitativ als qualitativ dar. Schließlich gab es zu kleinen Teilen auch links zionistische Kibbuzim, die als Siedlungen in die besetzten Gebiete vordrangen (ganz zu schweigen von der historischen Bedeutung der Kibbuzim in der Besiedlung des heutigen israelischen Staatsgebiets) und die genozidale Politik gegen Araber:innen wird vom säkularen Zionismus ebenfalls mitgetragen (wenn auch die meiste nicht-staatliche Gewalt gegen die arabische Bevölkerung vor allem aus dem nationalreligiösen Lager kommt).
Nein, tatsächlich richtet sich der Hass der nationalreligiösen Rechten in Israel in zweiter Linie auf diejenigen Zionist:innen, die Pappe dem „Staat Israel“ zuordnet. Diese wurden von den Gründungsfiguren des nationalreligiösen Zionismus noch als „nützliche Idioten“ angesehen, die zwar nicht religiös genug seien, aber durch ihr siedlerkoloniales Projekt die Grundlage für den jüdischen Gottesstaat legen müssten und daher ihre Funktion hatten. Mit der Stabilisierung Israels und dem Konflikt um dessen Ausbreitung auf die besetzten Gebiete hat der säkulare Zionismus seine historische Aufgabe aber erfüllt und muss für die Errichtung des religiösen jüdischen Staates endgültig überwunden werden. Als Ausdruck dieser tiefen Trennlinie kann beispielsweise der Mord am liberalen Ministerpräsidenten Yitzchak Rabin 1995 oder auch die massiven Konflikte um die Justizreform 2023 gesehen werden. Mittlerweile ist der „Staat Judäa“ klar der hegemoniale Spieler in diesem Konflikt, und die Entwicklung scheint so weiterzugehen, wie die kontroverse Justizreform verdeutlicht, die eine deutliche Einschränkung der hoch gepriesenen „einzigen Demokratie im Nahen Osten“ darstellt. Die Regierung unter Netanjahus Likud-Partei vertritt den „Staat Judäa“ und Akteure wie Ben-Gvir, Smotrich oder die Partei Shas, die bis letztes Jahr Teil der Regierung war (Shas vertritt orthodoxe Juden mit Wurzeln in der arabischen Welt, die mittlerweile zu den brennendsten Anhängern einer radikalen nationalreligiösen Ideologie zählen, eine Entwicklung die sich auch aus der rassistischen Spaltung Israels erklärt, die ‚arabische‘ Juden zur größtmöglichen ‚Entarabisierung‘ bewegt) repräsentieren die unterschiedlichen radikalen Gesichter dieser Entwicklung und stellen so gut wie sicher, dass auch ein Ende von Netanjahus politischer Karriere alles andere als ein Ende der Rechtsentwicklung in Israel bedeuten würde.
Für Pappe ist klar, dass der „Staat Israel“ und der „Staat Judäa“ unvereinbar widersprüchliche Vorstellungen davon vertreten, was es bedeuten soll, ein „jüdischer Staat“ zu sein. Er betont, dass das Einzige, was die endgültige Trennung dieser beiden Strömungen noch zurückhält, die Tatsache ist, dass es ohne ihre brüchige Einigkeit überhaupt keinen jüdischen Staat mehr gäbe. Diese „Einheit“ basiert jedoch nur auf der Gewissheit, dass die äußere Bedrohung der israelischen Existenz anders nicht aufzuhalten ist. So absurd es scheinen mag, durch die massive Schwächung der Erzfeinde Israels über die letzten Jahre, eröffnet sich also zunehmend die Gefahr, dass diese instabile Einheit endgültig zusammenbricht.
Droht die ökonomische Krise?
Und die Spaltung schwächt Israel schon heute. Pappe spricht von Schätzungen, nach denen seit dem 7. Oktober (bis zum Redaktionsschluss seines Buchs Ende 2024) hunderttausende Israelis aus Israel ausgewandert seien. Und zwar vor allem diejenigen, die Pappe dem „Staat Israel“ zuordnet. Das bedeutet zunächst eine Stärkung des „Staat Judäa“, stellt aber langfristig ein existenzielles Problem für den Zionismus dar: Der Großteil des technologischen und ökonomischen Kapitals Israels liegt in den Händen säkularer Zionisten. Wenn sich immer mehr Anhänger eines liberalen Zionismus aus Israel verabschieden, bricht dabei auch ein bedeutender Anteil an Kapital und technologischer und militärischer Schlagkraft weg.
Die Entwicklungen rund um den Genozid in Gaza brachten einige internationale Firmen und Investmentfonds bereits dazu, ihre Investitionen aus Israel zurückzuziehen, um einen Imageschaden ihrer eigenen Unternehmen zu verhindern. Auch wenn diese Entwicklungen Israel momentan noch nicht wirklich existentiell bedrohen, zeigen sie doch, dass die Entwicklungen Israels hin zu einer rechteren Politik des „Staat Judäa“ durchaus Konsequenzen auf die internationale Unterstützung Israels mit sich bringen können. Bisher sind diese Entwicklungen auch auf die Zivilbevölkerung und einzelne Unternehmen im imperialistischen Zentrum und Staaten aus dem globalen Süden begrenzt und die wichtigsten westlichen Staaten ziehen keine substantiellen Konsequenzen, aber schon die Tatsache, dass sich selbst Staaten wie Deutschland gezwungen sahen, wenigstens zeitweise Waffenlieferungen nach Israel ‚einzustellen‘, zeigen eine wichtige Verschiebung. Der wichtigste Unterstützer Israels ist die USA und auch hier wird Antizionismus immer wichtigerer Bestandteil der Politik. Trump steht zwar weiterhin fest an Israels Seite, doch in der amerikanischen Linken herrscht längst keine klare zionistische Hegemonie mehr und auch die unhinterfragbare pro zionistische Haltung in der amerikanischen Rechten verliert dank Figuren wie Candace Owens, Tucker Carlson und Nick Fuentes, deren Antizionismus tatsächlich in einem so engen Zusammenhang zu Antisemitismus stehen dürfte, wie es Antideutsche der antiimperialistischen Linken nur zu gerne vorwerfen, zunehmend an Bedeutung.
Neben dem Verlust inner-israelischen und internationalen Kapitals ist auch die Unterstützung der jüdischen Diaspora weltweit eine wichtige Lebensader des Zionismus, die heute weit weniger selbstverständlich erscheint als noch vor wenigen Jahren. Die Bewegung gegen den Genozid in Gaza ist zu einem Großteil geprägt von antizionistischen jüdischen Stimmen und vor allem in jüngeren jüdischen Generationen, insbesondere in den USA, verändert sich das Verhältnis zum Zionismus zunehmend. Bereits vor 2023 beschreibt Pappe Entwicklungen, die eine wachsende kritische Haltung junger amerikanischer Juden und Jüdinnen gegenüber Israel und vornehmlich gegenüber der rechten Politik der nationalreligiösen Regierung zeigen. Der zunehmende Bedeutungsgewinn des „Staat Judäa“ schwächt also nicht nur den Zusammenhalt in Israel selbst, er führt auch zu einer wachenden Distanzierung zwischen Israel und Teilen der jüdischen Diaspora weltweit.
Es zeichnet sich also ab, dass die israelische Politik auch in Zukunft mehr und mehr von nationalreligiösen Rechten geprägt werden wird und damit eine Schwächung der Machtstellung in der Region einhergeht. Insbesondere wenn man zusätzlich in den Blick nimmt, dass auch die meisten anderen Staaten im Nahen Osten mittlerweile klar dem westlichen Machtblock zugeordnet werden können, muss man sich die Frage stellen, ab welchen Punkt diese Schwächung, die innenpolitischen Konflikte und der internationale Druck dazu führen könnten, dass die bisherige Rolle als US-Verbündeter Nummer 1 von anderen Staaten wie den Golfstaaten oder der Türkei eingenommen werden könnte. Beispielhaft scheint hier, dass ein wichtiger Auslöser für Trumps Initiative für seinen „Friedensplan“ in Gaza der israelische Angriff auf Katar gewesen zu sein scheint4), einen engen amerikanischen Verbündeten, den die USA diesmal nicht ohne weiteres hinnehmen wollten.
Perspektivlosigkeit zwischen Ein- und Zweistaatenszenarien
Das Problem für den Zionismus ist, dass es nicht wirklich einen Ausweg aus dieser Krise zu geben scheint. Wenn der Siegeszug der Rechten mit Träumen eines Großisrael weitergeht, bedeutet das die weitere Besatzung des Westjordanlandes und Gazas, beziehungsweise die tatsächliche Annexion der besetzten Gebiete. Das würde entweder dazu führen, dass sich die Apartheidspolitik gegenüber der arabischen Bevölkerung nur weiter verschärfen würde oder eine Integration der arabischen Palästinenser:innen in die israelische Gesellschaft passieren müsste. Ein ‚weiter so‘ führt also, wie Moshe Zuckermann schon zehn Jahre vor dem 7. Oktober 2023 beschrieben hat, auf lange Sicht, ob gewollt oder nicht, hin zu einer Form einer binationalen Lösung, ob als demokratischer oder als Apartheidstaat. Ein demokratischer Staat aller seiner Bürger wäre das Ende des zionistischen Projekts eines „jüdischen“ Staats.
Hier kommt auch das Problem der „demografischen Zeitbombe“ ins Spiel, von der im israelischen Diskurs immer wieder die Rede ist. Zwar gibt es nach den Vertreibungen der Nakba und der folgenden israelischen Politik nach wie vor eine jüdische Bevölkerungsmehrheit in Israel und den besetzten Gebieten (dem Gebiet eines theoretischen binationalen Staates), durch das stärkere Bevölkerungswachstum der arabischen Bevölkerung könnte sich dieses Verhältnis aber schnell wandeln. Bezieht man dann noch das von palästinensischer Seite als zentrale Forderung stehende Rückkehrrecht ein, ist klar, dass ein binationaler Staat mit einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit keine realistische Perspektive ist. Und eine Verschärfung der Apartheid, insbesondere durch eine jüdische Minderheit, würde die Gefahr der internationalen Isolation zusätzlich zur inner-zionistischen Krise nur noch weiter verstärken und könnte auf lange Sicht eine ernsthafte Bedrohung für die israelische Existenz darstellen.
Weil diese Perspektiven einer Einstaatenlösung keine (sichere) Zukunft Israels bedeuten würden, kommen aus dem säkular liberalen Lager des Zionismus immer wieder Forderungen nach einer Zweistaatenlösung auf. In der Theorie könnte so ein zionistisches Israel mit jüdischer Bevölkerungsmehrheit weiter bestehen, während einer kleinen arabischen Minderheit ebenfalls demokratische Rechte zugestanden werden könnten und sogar die jetzige Benachteiligung der arabischen Israelis abgebaut werden könnte. Allerdings gibt es auch hier Probleme. Zum einen müsste eine Zweistaatenlösung mindestens den Gazastreifen und das Westjordanland als palästinensisches Staatsgebiet umfassen. Eine Lösung wie sie Trumps Pläne für einen ‚palästinensischen‘ Staat in Gaza unter internationaler Fremdherrschaft, würde das demografische Problem, das das Westjordanland mit seiner arabischen Bevölkerung darstellt, nicht lösen. Das Westjordanland einem arabisch-palästinensischen Staat zu überlassen, scheint aber nahezu utopisch. Das müsste die ‚Evakuierung‘ der zionistischen Siedler:innen bedeuten und diese werden als Kern der nationalreligiösen Großisraelbestrebungen auf keinen Fall freiwillig das Land verlassen. Der liberale Zionist Moshe Zimmermann spricht von den Siedlern als „Geiselnehmer“ der gesamten israelischen Gesellschaft. Sollte eine noch so liberale Regierung Israels versuchen, das Westjordanland zu räumen, ist absehbar, dass es zu Gewalt zwischen israelischer Armee und schwer bewaffneten Siedlern kommen würde. Ein solcher innerjüdischer Bürgerkrieg würde mit ziemlicher Gewissheit den israelischen Staat in sein endgültiges Ende stürzen. Liberale Befürworter einer Zweistaatenlösung ziehen immer wieder den Abzug der Siedlungen aus dem Gazastreifen heran, den Ariel Sharon 2005 durchsetzen konnte, um die Möglichkeit eines Rückzugs aus dem Westjordanland zu belegen. Die Situation ist aber eine völlig andere. Die Siedler könnten nun nicht mehr in ein anderes Gebiet ausweichen, die Siedlerbewegung ist heute deutlich stärker und das Westjordanland ist religiös viel stärker aufgeladen, weil es einen stärkeren Bezug zur biblischen Besiedlung hat. Ein Aufgeben der Siedlungen im Westjordanland würde einer Aufgabe des Ziels eines Großisrael gleichkommen und für diesen Schritt ist die nationalreligiöse Bewegung heute viel zu relevant.
Was also klar zu erkennen ist, ist, dass der Zionismus in einer tiefen Krise steckt, in der er sich aller Wahrscheinlichkeit nach nur weiter in die Richtung eines faschistischen Apartheidstaates entwickeln wird, dabei aber auch sehr absehbar eine Schwächung seiner Dominanz in der Region erleben wird. Ob das tatsächlich das Ende des Zionismus sein wird, wie Historiker wie Moshe Zuckermann und Ilan Pappe als These aufstellen, bleibt offen. Das hängt zu großen Teilen auch von der antizionistischen Bewegung in Palästina und weltweit ab. Dass Israel über den Verlauf des Genozids in Gaza zunehmend internationale Konsequenzen erfuhr (wenn auch von den entscheidenden Staaten nur sehr symbolisch), war ein Ergebnis des Drucks, den vor allem propalästinensische Bewegungen weltweit aufgebaut haben. Wie viel Apartheid und Faschismus die westliche Weltordnung Israel in Zukunft zugestehen wird, hängt auch davon ab, wie gut es der Bewegung für einer Befreiung der Palästinenser:innen gelingen wird, Druck aufzubauen.
Die Geschichte ist nie vorgeschrieben, es gibt unzählige Variablen, die die Zukunft der jüdischen und arabischen Bevölkerung im historischen Palästina bestimmen werden und wer weiß, vielleicht wird sich das zionistische Staatsprojekt noch deutlich länger halten können, es hat schon zur Genüge unter Beweis gestellt, was es sich erlauben kann, ohne dabei in existenzbedrohlichen Ausmaß die internationale Unterstützung zu verlieren. Die aktuelle Entwicklung in den USA und global verdeutlichen sehr klar, mit wie wenig liberaler Demokratie die westliche Werteordnung klarkommt. Aber kein Herrschaftssystem besteht ewig und das zionistische Projekt steht heute so nah vor dem Abgrund wie vermutlich niemals zuvor.
Hintergrund: Gesichter des Rechtszionismus
Das Staatsprojekt „Judäa“ und seine ideologischen Grundlagen
Ilan Pappe beschreibt eine Spaltung der zionistischen Bewegung in zwei widersprüchliche Staatsprojekte: Den „Staat Israel“ und den „Staat Judäa“. Der „Staat Israel“ stellt die ‘linke’ liberale Seite des Zionismus dar. Auch dieses Lager vertritt eine siedlerkoloniale Ideologie und trägt die genozidale Politikgegen die Palästinenser:innen mit. Doch um zu verstehen, wieso die Spaltung, die Pappe beschreibt den Zionismus selbst gefährdet, ist es nötig, die wichtigsten ideologischen Strömungen des „Staat Judäa“ zu betrachten und die Akteure zu beleuchten, die dieses Lager hegemonial vorantreiben. Gemein ist diesen Akteuren eine Ausrichtung auf die Ausweitungdes jüdischen Staats auf das gesamte ‘Erez Israel’ (dessen Territorium wird unterschiedlich definiert) und eine Ablehnung des linksliberalen Zionismus






- Pappe, Ilan (2025): Israel on the Brink. Eight Steps For a Better Future
↩︎ - Zuckermann, Moshe (2014): Israels Schicksal. Wie der Zionismus seinen Untergang betreibt
↩︎ - Zimmermann, Moshe (2024): Niemals Frieden? Israel am Scheideweg. Zimmermann ist als liberal-zionistischer Vertreter einer Zweistaatenlösung exemplarisch für die Positionen des „Staat Israel“, den Pappe beschreibt und sollte trotz Namensähnlichkeit nicht mit dem zionismuskritischen Moshe Zuckermann verwechselt werden
↩︎ - https://www.politico.com/news/2025/10/10/qatar-was-the-turning-point-how-israels-bombing-of-doha-ignited-a-peace-process-00604017
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