Die Zukunft ist ungewiss – Interview mit iranischen Aktivist:innen

2. Februar 2026

Im Folgenden veröffentlichen wir zwei Interviews mit Aktivist:innen der Studierendenbewegung im Iran. Nachdem die Internetverbindung durch das iranische Regime über mehrere Wochen komplett gekappt wurde, konnte Bahram Ghadimi vom Kollektiv ‘Andeesheh va Peykar’ (Gedanke und Kampf) am 31.01.2026 die beiden Interviews führen. Aus Sicherheitsgründen werden die Namen der Student:innen nicht genannt.


Kannst du uns die aktuelle Situation an den Universitäten kurz beschreiben?

Die Universitäten, besonders die in der Stadt Teheran, sind seit der Versammlung am 29. Dezember praktisch geschlossen. Nach dieser Protestaktion haben die meisten — man könnte sagen fast alle — Universitäten geschlossen, und der Unterricht wurde auf virtuelle Formate umgestellt. Nur Master- und Doktorats-Studierende durften noch vor Ort anwesend sein.
Nach den Protesten am 8. und 9. Januar und der massiven Einschränkungen des Internets hat sich diese Situation noch verschärft: Die Schlafsäle wurden geräumt, die Prüfungen wurden verschoben, und einige Universitäten führten die Abschlussprüfungen sogar virtuell durch. Nachdem das Internet teilweise geöffnet wurde, verbreiteten sich die Nachrichten über den Mord an Studierenden rasch, obwohl wir auch während des Informationsausfalls Nachrichten per Telefon erhielten.


Der aktuelle Zustand ist folgender: An den Universitäten in Teheran und Shahid Beheshti wurde bekannt gegeben, dass Bachelor-Studierende nicht mehr auf den Campus dürfen. Einige Universitäten wie Teheran, Allameh und Sharif führen noch Abschlussprüfungen vor Ort durch. Von den anderen Universitäten haben wir keine genauen Informationen. Es gibt Gerüchte, dass das zweite Semester dieses Jahr virtualisiert werden könnte.
Die Situation der Studierenden ist eine Mischung aus Verwirrung, Trauer und der Unmöglichkeit, sich kollektiv zu versammeln. Die Schlafsäle wurden vor etwa zwei Wochen wieder geöffnet, aber offenbar hauptsächlich für Postgraduierten-Studierende. Derzeit gibt es eine Kampagne, um zu verhindern, dass das zweite Semester virtuell abgehalten wird; zusammen mit den Trauerfeiern und Zeremonien zu Ehren der ermordeten Studierenden ist dies eines der wichtigsten Themen an den Universitäten.

In den Medien außerhalb des Irans wurden viele Videos von Protesten verbreitet, welche die Unterstützung der Bevölkerung für den Sohn des ehemaligen Schahs zeigen. Später stellte sich heraus, dass sie teilweise manipuliert waren, um den Eindruck zu erwecken, dass die Mehrheit der iranischen Bevölkerung die Rückkehr der Monarchie wünscht. Wir haben selbst Universitätsdemonstration zugunsten der Monarchie im Iran gesehen. Wie erklärst du das?

Das ist nicht ganz korrekt. Zumindest an einer Universität, der Universität Amir Kabir (ehemals Polytechnikum), wurden Parolen wie „Es lebe der Schah!“ skandiert. Die massenhafte Verbreitung von Videos versuchte zu zeigen, dass alle Universitäten die Pahlavis unterstützten, und viele dieser Videos waren gefälscht – wie im Fall der Universität Sharif, bei dem der Ton manipuliert wurde. Es wäre aber falsch zu behaupten, dass es keinerlei Unterstützung für die Pahlavis gegeben hätte.
An Universitäten wie in Shiraz, Isfahan, Ferdowsi in Mashhad und auch an der Universität Amir Kabir wurden Parolen zugunsten der Pahlavis laut. Im Fall von Amir Kabir kann ich aus einer direkten Quelle bestätigen, dass diese Parolen weit verbreitet waren. Gleichzeitig distanzierten sich viele Universitäten klar von der Monarchie, insbesondere die Universitäten in Teheran und Shahid Beheshti, an denen weithin antimonarchistische Parolen gerufen wurden.


Die tatsächliche Situation ist folgende: weder die monarchistische Unterstützung ist so stark, wie es die Monarchisten versuchen darzustellen, noch ist es wahr, dass es überhaupt keine Unterstützung gibt. Die demokratische und linke Strömung bleibt ein wichtiger Faktor an den Universitäten, aber die Monarchie ist zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten innerhalb dieser Bewegung geworden.
Warum hörte man also diese Slogans an den Universitäten? Obwohl eine umfassende Analyse schwierig ist, nenne ich einige zentrale Punkte: Die tiefe Zermürbung und die enorme Wut gegen die Islamische Republik und die Bereitschaft, sie um jeden Preis zu stürzen; das Fehlen starker demokratischer und linker Strömungen, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Universitäten und die Hoffnungslosigkeit hinsichtlich der Möglichkeit, dass die revolutionäre Bewegung ohne eine klare Führung siegen könnte.

Es gibt die Wahrnehmung, dass, keine linke Partei oder Organisation eine breite soziale Basis im Iran hat. Ist es korrekt, dass die Linke keine Rolle in dieser Bewegung spielt?

Diese Aussage kann nicht ganz als richtig angesehen werden. Bis 2022 existierten linke Netzwerke in Form von Gewerkschaftsverbänden, studentischen Räten, Arbeitergewerkschaften, feministischen Kollektiven und Lehrergewerkschaften. Es gab sogar Versuche, diese Netzwerke mit stärkerem Bezug zueinander zu organisieren. Während des Jina-Aufstandes 2022 spielte das Netzwerk der gewerkschaftlichen Studentenaktivistinnen und linken Studierenden eine führende Rolle und war ein wichtiger Schwerpunkt dieses Aufstandes. Nach der Repression der Proteste von 2022 kollabierten diese Netzwerke: Die Medien hörten auf zu arbeiten, viele studentische Gruppen verschwanden, die akademischen Räte und Vereinigungen wurden stark eingeschränkt, und schließlich zerfiel das breite linke Studentinnen-Netzwerk.
Derzeit muss die Linke, zumindest an den Universitäten, als eine Gruppe von linken Einzelpersonen verstanden werden. Ähnlich ist es außerhalb der Universität. Es existiert heute keine zusammenhängend organisierte Strömung mehr; es gibt nur noch einige Gruppen und begrenzte Medien. Die Präsenz der Linken in diesen Protesten war nicht unbedeutend, aber aufgrund der Zerstreuung, der fehlenden Organisierung und der aggressiven Angriffe der Anhänger der Pahlavis ist sie weitgehend zu einer individuellen Präsenz geworden.

Wie sieht aus mit der allgemeinen studentischen Beteiligung bei diesem Aufstand aus?

Die studentische Beteiligung war sehr groß. Selbst Studierende, die nicht an den Protesten von 2022 teilgenommen hatten, waren auf den Straßen präsent. Die Zahl der Toten und der Festgenommenen zeigt das, ebenso wie die direkten Zeugnisse von Studierenden. Diese Teilnahme fand jedoch nicht in Form einer organisierten Studentenbewegung statt. In den meisten Fällen nahmen die Studierenden auf individueller Basis oder in kleinen Gruppen von drei oder vier Personen teil, nicht als strukturierte Studentenbewegung.

Angesichts all dieser Belastungen, was hält dich noch aufrecht und was bedeutet Hoffnung für dich heute?

Es mag seltsam erscheinen, aber was mich auf den Beinen hält, ist die Hoffnung auf die kollektive Vernunft und eine Zukunft, in der wir frei leben können, ohne Ketten und ohne Herrschaftsverhältnisse. Die Hoffnung, dass diese Zukunft möglich ist und dass wir sogar in den letzten dunklen Jahren diese Hoffnung in unserem kollektiven Leben, an der Universität und mit unseren Genoss*innen erfahren haben. Die Hoffnung, dass die iranische Gesellschaft, trotz der autoritären Versuche, die Stimme des Fortschritts und des Bewusstseins zum Schweigen zu bringen, schließlich ihre Stimme wiederfinden wird, wie 2022 und vorher, und wieder die Lieder des Lebens singen wird.

Danke, dass du trotz aller Risiken dieses Interview mit uns geführt hast!

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