Die Psychologie als Disziplin ist wie jede andere geisteswissenschaftliche Disziplin niemals neutral, sondern hat sich zu den bestehenden Machtverhältnissen zu verhalten. In der kommenden Textreihe wird Christoph Morich einen Blick auf marxistische Sozialpsycholgie werfen, die ihr politischer Anspruch eint, die Naturalisierung dieser Machtverhältnisse mit der „Waffe der Kritik“ (Marx) zu durchbrechen.
Dass der Sozialismus in der Theorie eine gute Sache sei, aber die Menschen leider nicht dafür gemacht sind, ist eine der Binsenweisheiten bürgerlicher Ideologie, um den ganzen Wahnsinn, der sich vor unseren Augen abspielt, als alternativlos zu rechtfertigen. Der Mensch besitze einen natürlichen „Hang zu tauschen, zu handeln und eine Sache gegen andere auszutauschen“ (Adam Smith) und finde als homo oeconomicus sein natürliches Habitat in der kapitalistischen Gesellschaft. Diese Mystifikation menschlichen Daseins verkennt den realen Verlauf der Geschichte. Wäre Geschichte eine Aushandlung von Ideen, von denen mit der Idee der „sozialen Marktwirtschaft“ nun die für den Menschen passendste gefunden worden sei, wäre die Geschichte nicht von der konterrevolutionären Gewalt durchzogen. Geschichte vollzieht sich aber nicht nach der Logik des „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ (Jürgen Habermas), sondern wesentlich durch die realen Kämpfe verschiedener Klassen, in denen sich bis heute die Bourgeoisie als die siegende durchgesetzt hat. Der Sozialismus scheiterte historisch an der ausbleibenden Ausweitung der Oktoberrevolution nach Westeuropa, also in erster Linie am weißen Terror der imperialistischen Staaten und der Niederlage des deutschen Proletariats nach der Novemberrevolution 1918. Und bis heute ruft jeder ernsthafte Versuch emanzipatorischer Praxis die Gewalt der Reaktion hervor. So hat die CIA nach 1945 durch ihre militärische Überlegenheit den Sieg zahlreicher konterrevolutionärer Putschisten gegen Regierungen des globalen Südens gewährleistet, die sich irgendeiner Sympathie mit dem Sozialismus verdächtig machten. Die Aussage, dass der Mensch nicht für den Sozialismus gemacht sei, verrät daher weniger etwas über das menschliche Wesen, als darüber, welche Klasse als Sieger die Geschichte schreibt.
Die Frage nach der menschlichen Natur
Den Menschen gibt es genau so wenig wie die Gesellschaft. Was uns erscheint, ist nicht das natürliche Wesen, sondern das Gewordensein des Menschen, der in die historisch-spezifische Gesellschaftsformation des 21. Jahrhunderts hineinsozialisiert wurde. Die Psychologie der Menschen ist daher ohne eine Analyse der gesellschaftlichen Struktur nicht zu begreifen. Das „menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“. (Marx) Der historische Materialismus versucht als „Anamnesis der Genese“ (Adorno) eine solche Analyse zu leisten: Wenn wir im Sinne Hegels das Bekannte auch erkennen wollen, müssen wir verstehen, wie es so geworden ist. Hierin liegt die Verwandtschaft des historischen Materialismus und der Psychoanalyse. Als konsequente Fortführung der Aufklärung sind sie Kritik der „Pseudonatur“ (Helmut Dahmer): sie nehmen den Kapitalismus und die Neurose nicht einfach als gott- oder naturgegeben hin, sondern versuchen durch die Rekonstruktion der gesellschaftlichen bzw. individuellen Geschichte das Gewordene zu begreifen, um die Möglichkeit seiner Veränderung aufzuzeigen. Der revolutionäre Gehalt der Psychoanalyse für die Erkenntnis über den Menschen lässt sich ebenso am klarsten durch die Anamnese ihrer Entstehungsgeschichte verstehen. Ihr Ursprung liegt im „heroischen Zeitalter der Hysterie“ (Judith Herman).
Die Entstehung der Psychoanalyse
Die Hysterie galt seit der Antike als eine biologische Frauenkrankheit, die auf eine „wandernde Gebärmutter“ zurückzuführen sei. Die religiöse Autorität des Mittelalters sah in ihr einen Ausdruck von Besessenheit der betroffenen Frauen, die durch Praktiken des Exorzismus oder der Hexenverbrennungen bekämpft wurden. In der frühen Neuzeit wurde die Hysterie infolge der Aufklärung dann wieder als ein medizinisches Problem erachtet, das nun statt auf die wandernde Gebärmutter auf eine Veränderung im Blut, den Nerven oder in der Gehirnfunktion, teilweise aber auch auf unzureichende moralische Erziehung der Frauen, zurückgeführt wurde. Betroffene kamen in Irrenhäuser und wurden dort zum Forschungsobjekt für medizinische Eingriffe, während sie meist in Isolation voneinander verwahrt wurden. Als der junge Sigmund Freud im Jahr 1885 das erste Mal in die Nervenklinik Salpêtrière in Paris reiste, hatte sich die medizinische Praxis zwar schon zunehmend verwissenschaftlicht, aber die Ursache der, nun als neuronale Krankheit verstandenen, Hysterie blieb weiterhin im Dunkeln. Anknüpfend an die Entdeckung Jean-Martin Charcots, dass die Symptome der Hysterie unter Einfluss der Hypnose zeitweise verschwanden, begannen Freud und sein Kollege Josef Breuer den Ursprung der Erkrankung in der Psyche der Betroffenen zu verorten. Die Inhalte der von den Hysterikerinnen geäußerten Leiden wurden zum Gegenstand der Untersuchung. Durch die Gespräche mit den Erkrankten erfuhren Freud und Breuer von deren schweren inneren Konflikten und sexuellen Traumata in der frühen Kindheit. In dem Verfahren der „Redekur“ (Freud) wurden die verdrängten Erinnerungen an traumatische Erlebnisse mittels der Rekonstruktion der Lebensgeschichte ins Bewusstsein geholt, die den Ursprung des hysterischen Leidens in der Vergangenheit der Frauen aufdeckten.
Aufklärung des gesellschaftlich Unbewussten
In dieser humanistischen Praxis der „Redekur“ liegt der Ursprung der unzähligen psychotherapeutischen Ansätze und Schulen, die sich bis heute entwickelten. Anstatt die Patientinnen zum bloßen Objekt medizinischer Behandlungen zu machen, wurde ihnen die Möglichkeit gegeben, über ihr eigenes Leiden zu berichten und die Symptome als Ausdruck unbewusster Konflikte zu verstehen. „Wo Es war soll Ich werden“ fasste Freud später das Ziel der psychoanalytischen Therapie zusammen. Anstatt in der Dynamik des Unbewussten gefangen zu bleiben, sollten die Analysanden in ihrer Autonomie gestärkt und dadurch wieder Subjekte der eigenen Lebensgeschichte werden. Als Aufklärung des gesellschaftlich Unbewussten der Klassengesellschaft lässt sich auch die Theorie von Karl Marx verstehen. „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“ (Marx) Die Aufgabe der Theorie ist daher die „Selbstverständigung der Zeit über ihre Kämpfe und Wünsche“ (Marx), die als der „gedankliche Ausdruck des revolutionären Prozesses“ (Georg Lukacs) dem Proletariat dazu verhelfen soll, die eigene Stellung in der Gesellschaft zu erkennen und als bewusst gewordenes Subjekt in den Verlauf der Geschichte einzugreifen. Denn „die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift“ (Marx). Die „Pseudonatur“ (Dahmer) der kapitalistischen Konkurrenz kann wie die der patriarchalen Ordnung, deren Gewalt in Form von frühkindlicher Traumatisierung erst durch die Frauenbewegung der 70er Jahre ins öffentliche Bewusstsein gelangte, nur durch gesellschaftliche Praxis überwunden werden.
Der autoritäre Charakter und die gescheiterte Revolution
Warum aber hat die revolutionäre Theorie die Massen nach 1917 außerhalb Russlands nicht ergriffen? Diese Frage veranlasste den Freud-Schüler Wilhelm Reich zu der Untersuchung „ob und inwiefern die Psychoanalyse Freuds Beziehungen zum dialektischen Materialismus von Marx und Engels hat. Von der Antwort, die wir auf diese Frage geben können, wird es abhängen, ob die Basis für eine Diskussion ihrer Beziehungen zur proletarischen Revolution und zum Klassenkampf gegeben ist“. (Reich) Damit begründete er eine Tradition marxistischer Sozialpsychologie, die eine Aufklärung der Psychoanalyse Freuds über sich selbst ermöglichte. Das Unbehagen der Menschen, das Freud als Ausdruck der Kultur überhaupt verstand, wurde von Wilhelm Reich – und wenige Jahre danach Erich Fromm – als Leiden der Menschen unter der historisch-spezifischen Vergesellschaftung unter kapitalistischen Verhältnissen dechiffriert. Durch die anthropologischen Untersuchungen mutterrechtlicher Gesellschaften, ließ sich erschließen, dass der Ödipuskomplex keine anthropologische Konstante, sondern Ausdruck der Familienkonstellation der bürgerlichen Gesellschaft ist, die ohne die Analyse der ökonomischen Verhältnisse der Gesellschaft nicht verstanden werden kann. „Der Ödipuskomplex muss in einer sozialistischen Gesellschaft untergehen, weil seine gesellschaftliche Grundlage, die patriarchalische Familie untergeht, ihre Daseinsberechtigung verliert.“ (Reich) Der Weg in die sozialistische Gesellschaft führt über die proletarische Revolution. Dass große Teile des Proletariats ihre Lage in der Gesellschaft nicht erkannten und kein Klassenbewusstsein entwickelten, ist nach Reich im Sozialisationsprozess der Individuen in der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung begründet, die wie „jede Gesellschaftsordnung sich in den Massen ihrer Mitglieder diejenigen Strukturen erzeugt, die sie für ihre Ziele braucht“ (Reich). Auch im Hinblick auf diese sozialpsychologische Dimension muss die Losung Max Horkheimers, dass wer vom Kapitalismus nicht reden will, auch zum Faschismus schweigen sollte, ernst genommen werden. In den Strukturen der kapitalistischen Gesellschaft bildet sich der „autoritäre Charakter“ (Erich Fromm) heraus, der zur sozialpsychologischen Bedingung für die „Massenpsychologie des Faschismus“ (Reich) wurde. Nicht die revolutionäre Theorie, sondern die faschistische Ideologie wurde zur materiellen Gewalt, die den Verlauf der Geschichte bis Auschwitz prägte.
Die Tradition marxistischer Sozialpsychologie
Die Psychologie als Disziplin ist wie jede andere geisteswissenschaftliche Disziplin niemals neutral, sondern hat sich zu den bestehenden Machtverhältnissen zu verhalten. Während Teile der psychoanalytischen Bewegung nach 1933 ihre – nun zur „Technik“ herabgesunkenen Disziplin – in den Dienst des Nationalsozialismus stellten, hielten ihre marxistischen Vertreter am emanzipatorischen Anspruch – eine Kultur zu schaffen, „die keinen mehr erdrückt“ (Freud) – fest. In dieser Tradition steht auch die Kritik der kolonialen Psychologie von Frantz Fanon. Der in Algerien tätige Psychiater zeigte auf wie die „Verdammten dieser Erde“ durch die kolonialen Machtverhältnisse, zu dem Objekt pathologisiert wurden, das die Herrschaft über sie legitimierte. Er verstand sein Werk daher als Teil des antikolonialen Kampfes in Algerien, in dem die Kolonisierten ihr Recht einforderten, vom „kolonisierten Ding“ (Fanon) zum Menschen zu werden. Im Kampf gegen die globale Ungleichheit entwickelte sich auch die Befreiungspsychologie von Ignacio Martín-Baró, in der die bis heute dominante westliche Psychologie als eine individualistische und ahistorische Wissenschaft kritisierte, die reale Unterdrückungsverhältnisse ignoriert. Die Befreiungspsychologie sah er als ein dezidiert politisches Projekt im Kampf des salvadorianischen Volkes gegen die Militärdiktatur, die finanziell und militärisch von den USA unterstützt wurde. Im Jahr 1989 wurde er als Professor für Sozialpsychologie durch das salvadorianische Militär auf seinem Campus ermordet.
In Zeiten, in denen der kapitalistische Zerfall als alternativlos gilt und die Psychologie sich als gesamte Disziplin zunehmend der Verwertungsimperativen der Pharmakonzerne unterwirft, scheint es notwendiger denn je „Geschichte gegen den Strich zu bürsten“ (Walter Benjamin) und an diese Tradition marxistischer Sozialpsychologie zu erinnern. Ihre Ansätze sollen in dem kommenden Texten beleuchtet werden. Sie eint ihr politischer Anspruch, die bestehende Ordnung nicht einfach hinzunehmen, sondern die Naturalisierung dieser Machtverhältnisse mit der „Waffe der Kritik“ (Marx) zu durchbrechen. Die Aussage, dass der Mensch nicht für den Sozialismus gemacht sei, ist so sinnvoll wie jene, dass Frauen eine biologische Anlage zur Hysterie besitzen oder die Kolonisierten zur Freiheit nicht fähig sind. Sie ist keine Erkenntnis, sondern die ideologische Affirmation der bestehenden Ordnung. Die marxistische Sozialpsychologie hilft uns diesen „Weg von der ökonomischen Bedingung durch Kopf und Herz des Menschen hindurch zum ideologischen Resultat“ (Erich Fromm) zu rekonstruieren.