Eine Welt zu Gewinnen! – Interview zur Konferenz und dem Anspruch des Internationalismus im 21. Jahrhundert

27. Oktober 2026


„In Zeiten der Zuspitzung der globalen Systemkrise und im Angesicht ihrer direkten Auswirkungen auf uns hierzulande wollen wir eine neue Debatte über internationalistische Praxis und Ausrichtung hier in Deutschland anstoßen. Wir stellen uns die Frage, wie sich unser Anspruch in einer an den konkreten Verhältnissen orientierten Praxis verwirklichen kann.“ – So wirbt die Tagung „Eine Welt zu Gewinnen“, die anlässlich des 109. Jahrestages der Oktoberrevolution am kommenden Wochenende in Berlin stattfinden wird.

Wir sprechen mit Ayşe vom Bund der Kommunist:innen1 in Berlin und Lena von YUNA – Demokratische Jugend2, welche die Konferenz zusammen mit der Akademie der demokratischen Moderne ausrichten.


In Berlin findet ja kommendes Wochenende die Konferenz „Eine Welt zu Gewinnen“ statt. Könnt ihr uns einen Einblick geben, was denn da so geplant ist?

Lena: Die Konferenz wird einen ganzen Tag lang gehen und ist in drei Blöcke aufgeteilt: Zu Beginn haben wir Brigitte Studer eingeladen, die ihre Recherchen zur KomIntern vorstellen wird. Dabei werden wir natürlich Publikumsfragen stellen können, um zusammen herauszufinden, welche Lehren wir aus der Vergangenheit ziehen können. Im zweiten Panel teilt dann Torkil Lauesen seine Analyse des globalen Kapitalismus und seine Perspektiven mit uns. Was vor allem im Hinblick auf eine spezifische Praxis in den Zentren des Imperialismus sehr spannend wird.

Ayşe: Das Podium im Anschluss ist ein Ausdruck von dem, was wir mit der gesamten Konferenz versuchen: Wir schauen uns nicht nur die Geschichte der imperialistischen Epoche des Kapitalismus an, sondern auch, was die Bedeutung des Internationalismus in den imperialistischen Krisen war. Wie war unsere internationalistische Praxis in Deutschland in den letzten Jahrzehnten und wie muss eine zukünftige internationalistische Arbeit aussehen? Wir sehen die imperialistische Weltlage einerseits und haben viele internationalistische Erfahrungen. Wenn wir uns zum Beispiel Kurdistan anschauen, vollzieht sich ja ein Umbruch. Deshalb muss die konkrete Analyse, zu der wir gemeinsam an dem Tag kommen, auch dazu führen, dass die Art und Weise, wie unsere Praxis aussieht, sich sozusagen daran anpasst. Und das werden wir eben auf dem Podium gemeinsam, auch aus unseren verschiedenen Erfahrungen und Perspektiven, zusammenbringen.

Worin seht ihr die Herausforderung eines proletarischen bzw. sozialistischen Internationalismus in der heutigen Zeit?

Lena: Was wir vielleicht erstmal grundsätzlich zum Verständnis von Internationalismus sagen müssen: Aufgrund des global organisierten Kapitalismus brauchen wir auch eine internationale Strategie. Probleme dabei gibt es viele. Die subjektive Situation, also die Situation von uns organisierten Kräften, müssen wir dabei hervorheben: Auch wenn wir sehen, dass es einen Aufschwung bei den sozialistischen Kräften gibt, sind wir nicht so breit aufgestellt und stabil verankert. Es braucht eine gut organisierte gesellschaftliche Bewegung, um mit einer Relevanz tatsächlich in internationale Beziehungen zu gehen. Ein weiteres Problem ist die Trennung, die wir sowohl als Jugendliche, Frauen, als auch ArbeiterInnen anhand von nationalen Grenzen als auch anderen Machtgrenzen erfahren.

Ayşe: Ja, viele Sachen, die Lena genannt hat, würde ich genauso teilen. Ich würde noch hinzufügen, dass, wenn man sich spezifisch die Arbeiterklasse anschaut, das Problem eben die extreme Heterogenität dieser ist. Nicht nur innerhalb der globalen Waren- und Produktionskette, sondern selbst hier in den Betrieben in Deutschland sehen wir: Okay, es gibt eigentlich verschiedene Stellungen in jedem Betrieb, es gibt Festangestellte, Subunternehmer, ganz prekär arbeitende Leute, die ja nicht mal in einem Betrieb ein gemeinsames Interesse formulieren können. Wenn man sich das über nationale Grenzen hinweg anschaut, ist es noch schlimmer.

In Deutschland haben wir das Problem, dass wir es tatsächlich großflächig mit einer Arbeiteraristokratie zu tun hatten. Gerade da, wo eigentlich ganz viel Macht bei der Arbeit liegt: Die Leute, die bei BMW und Mercedes und Volkswagen an den teuren Anlagen sitzen, wo ganz viel Mehrwert in wenigen Sekunden produziert wird, das sind natürlich auch die Leute, die am meisten befriedet sind, weil es einen super Kündigungsschutz gibt, die ein ganz gutes Gehalt bekommen und so weiter und so fort.

Das hat historisch in Deutschland dazu geführt, dass es die Notwendigkeit nach einem Kampf für die eigenen subjektiven Interessen lange nicht gegeben hat. Dazu kommt, dass die subjektiven Bedingungen, also unsere Organisation, auch nicht einem Kampf entsprechen, der nötig wäre. Mit der Herausforderung kommt ja auch die Möglichkeit, dass dadurch, dass der Sozialkompromiss hier in Deutschland und in Europa in gewisser Art und Weise wegfällt, auch hier so langsam diese Klasse in den Kampf kommen wird. Und gleichzeitig kommt es ja zu einer immer weiteren ideologischen Vereinheitlichung diverser sozialistischer oder linksradikalen Organisationen. Dadurch kommen sie immer mehr in die Lage, ein gemeinsames Ziel zu formulieren. Und vielleicht entspricht die Entwicklung dieser sozialistischen Bewegung auch der Entwicklung, die auf die deutsche Arbeiterklasse zukommen könnte.

Der Bund der Kommunist:innen hat sich ja programmatisch am Anfang sehr auf Torkil Lauesen bezogen, gerade in seiner Definition von dem Verhältnis von Zentrum und Peripherie. Inwieweit ist denn diese Ausdifferenzierung gerade noch notwendig?

Ayşe: Das ist eine ganz spannende Frage, weil im Moment viele Diskurse bei uns genau darüber stattfinden. Und ich glaube, viele der Genoss:innen, die mit dieser frischen Torkil Lauesen-Lektüre reingekommen sind, haben richtigerweise die Solidarität und auch den gemeinsamen Kampf mit der sogenannten Peripherie sehr, sehr betont. Ebenso glaube ich, dass unser Kapitalismusverständnis in der Organisation daran gewachsen ist, den Kapitalismus nicht als ein System zu verstehen im Sinne von: „Ja, die Arbeiter sind arm oder so“, sondern dass es um die globale Vernetzung des Kampfes von jedem Arbeiter geht, in dem man dem Arbeiter in Bangladesch eigentlich fast die Hand reichen kann. Und das ist eine ganz schöne Sache.

Ich persönlich aber würde Torkil Lauesen mittlerweile in vielem widersprechen, denn die Art und Weise, wie wir den globalen Kapitalismus und seine Krise verstehen müssen und vor allem, wie wir uns selber darin verordnen müssen, das geht eigentlich nicht mehr mit dem Vokabular, das Torkil Lauesen uns da gibt. Ich glaube, Torkil Lauesen’s Analysen führen auch ein Stück weit dazu, seine eigene Arbeiterklasse nicht als revolutionäres Subjekt anerkennen zu können, sondern nur als Statistenrolle einer Revolution, die woanders auf der Welt passieren soll. Das führt uns ja auch selber in eine große Inaktivität. Ich glaube, mit Solidarität ist es nicht getan.

Was sind denn die Probleme in Deutschland bezüglich des Aufbaus von praktischer, materieller, internationaler Solidarität?

Lena: Internationale Solidarität darf sich nicht auf Spendensammlungen, das Bereitstellen von Ressourcen oder Beteiligung vor Ort beschränken. In Deutschland sind Solidaritätsbewegungen, etwa für Palästina oder Kurdistan, häufig zersplittert. Es fehlt an gemeinsamen Perspektiven und einer stärkeren Vernetzung. Internationalismus bedeutet darüber hinaus auch, Probleme mit der Politik und Wirtschaft in Deutschland zu verbinden und hier eine Alternative aufzubauen. Denn Solidarität, die sich auf konkrete Krisen beschränkt, kann abebben, sobald sich die Situation verändert, wie aktuell in Palästina sichtbar wird. Stattdessen braucht es ein Verständnis der Probleme als Teil eines geteilten Systems.

Ayşe: Eine Sache, die ich noch hinzufügen würde, ist folgende: Mich persönlich stört es mittlerweile, wenn wir von internationaler Solidarität sprechen. Es ist ja keine Solidarität, es ist eine Notwendigkeit, dass ein Kampf in einer internationalen Kette aufgebaut ist. Also wer bin ich denn, dass ich eine Solidarität gegenüber anderen Ländern zeige? Dort ist viel mehr Kampf, viel mehr Verständnis über die eigene subjektive Lage. Wir müssen mal an den Punkt kommen, dass es eine internationale Notwendigkeit ist, das Verhältnis, in dem ich mich befinde, zur Arbeiterklasse und zur kämpfenden Bewegung auf der ganzen Welt zu setzen. Ich lehne diesen Begriff ab: Solidarität.

Ein Podium wird sich ja vor allem mit der Geschichte auseinandersetzen. Seit der Auflösung der KomIntern ist nun aber auch schon eine ganze Zeit vergangen und es hat sich vieles geändert. Was ist denn da die Relevanz davon, in die Geschichte zu blicken?

Ayşe: Ich würde sagen, dass es grundsätzlich unser Verständnis weiterbringt, einen Blick auf die KomIntern zu werfen. Denn die KomIntern war nicht nur eine Plattform, in der sich verschiedene Kommunisten miteinander ausgetauscht haben, sondern ein Auslandsinstrument der Sowjetunion. Es ging vor allem darum, die Revolution von 1917 weiterzuführen und ihr Überleben zu sichern. Nationale Befreiung spielte zwar eine Rolle – besonders in den kolonisierten Ländern –, doch war sie nicht zentral. Viel Raum nahm etwa die Debatte ein, warum die Arbeiterklasse in England befriedet war und wie sie gemeinsam mit den kolonisierten Arbeiterklassen kämpfen könnte.

Wenn wir uns die Komintern und ihre Debatten anschauen, sehen wir, dass es tatsächlich um den Kampf der jeweiligen Arbeiterklassen ging und nicht in erster Linie um nationale Unabhängigkeits- oder politische Widerstandsbewegungen. Heute ist das anders. Lange orientierte sich unsere Politik an der Logik politischer Widerstandsbewegungen. Dadurch hat sich auch unser Internationalismus verschoben: Wir unterstützen die nationale Befreiung unterdrückter Nationen – was wichtig ist. Gleichzeitig ist der Blick auf den Gesamtzusammenhang des Weltkapitalismus schwächer geworden. Damit gerät auch aus dem Fokus, wie sich Arbeiterklassen weltweit zur globalen Kapitalistenklasse und zueinander verhalten und welche Strategien sich daraus für einen gemeinsamen Kampf ableiten lassen.

Aber jetzt, wo wir sozusagen immer mehr mit der Kategorie der Arbeiterklasse arbeiten und über Klassenverhältnisse nachdenken, wird auch dieser „Muskel“ wieder angestrengt. Und dafür ist es ganz notwendig, dass wir anfangen und schauen, die Debatten, die wir jetzt notwendigerweise führen müssen, die wurden vor 100 Jahren schon geführt.

Lena: Es wird natürlich versucht, uns als sozialistische Bewegung geschichtslos zu machen. Dem müssen wir entgegenwirken. Und bezüglich des Verhältnisses zu den Befreiungskämpfen in den Kolonien: Es war ja auch die Internationale, in der sich dann konkret ein Antikolonialismusverständnis gestärkt hat. Zu schauen, wie die Erfahrung mit der Strategie eines so breiten sozialistischen Bündnisses aussah, ist sehr wichtig, weil wir bewerten, dass solche breiten Bündnisse auch heute wieder notwendig sind. Und außerdem ist es für uns auch einfach sehr spannend, sich mit der Organisationsweise der KomIntern auseinanderzusetzen, weil es einfach eine Ballung an Erfahrungen war, die wir darüber hinaus selten so finden, weltweit, aber auch in Deutschland ganz konkret.

Wollt ihr unseren Leser:innen noch etwas mitteilen? Das letzte Wort gehört euch.

Lena: Ihr seid alle herzlich kommendes Wochenende nach Berlin eingeladen. Als junge Genoss:innen, aber auch als Genoss:innen
mit wesentlich mehr Erfahrung, wollen wir unsere Reflexionen teilen und weiterdenken. Wir freuen uns auf die Diskussion!

Danke euch beiden!

Foto: https://en.wikipedia.org/wiki/Communist_International

  1. Ayşe organisiert sich im Bund der Kommunist:innen, einer Organisation, die seit 2021 besteht. Der BDK setzt sich damit auseinander, aus den Erfahrungen vergangener kommunistischer Organisationsversuche zu lernen, revolutionäre Traditionen weiterzuführen und von internationalen Kämpfen zu lernen. In Berlin baut die Organisation Gegenmacht in reproduktionären Stadtteilläden in Neukölln, Wedding und Lichtenberg sowie ersten Medienprojekten wie
    Gegenwind auf. ↩︎

  2. Lena organisiert sich bei Yuna – Demokratische Jugend, einer bundesweiten sozialistischen Jugendorganisation, die in unterschiedlichen Städten und im ländlichen Raum aktiv ist. Yuna will einen Beitrag zum Aufbau einer sozialistischen Jugendbewegung in Deutschland leisten und setzt sich insbesondere gegen Aufrüstung und die laufenden Kriegsvorbereitungen ein. ↩︎