Die Bedeutung revolutionärer Kultur

13. Oktober 2026


Im Folgenden veröffentlichen wir ein zweiteiliges Interview, das vom Radio Résistance mit Carlos Manangan, einem Revolutionär der Nationalen Demokratischen Front der Philippinen (NDF) und der philippinischen Diaspora-Organisation „Compatriots-NDF“, geführt wurde. Manangan ist selbst Künstler und schafft revolutionäre Kunst in verschiedenen Formaten, darunter Video, Musik, Theater und Puppenspiel. In dem Interview geht es um nichts Geringeres als die Frage, was revolutionäre Kommunisten auszeichnen sollte. Dies bettet Carlos Manangan in seinen Ausführungen zur Geschichte und Strategie der revolutionären Bewegung auf den Philippinen ein. Da er selbst viele Jahre als Migrant in den imperialistischen Zentren gelebt hat, stellt er zudem seine Sichtweise auf die Entwicklungen der kommunistischen Bewegung an diesen Orten wieder.



Wer bist du und welche Rolle spielst du in der revolutionären Bewegung auf den Philippinen?

Mein Name ist June. In den sozialen Medien bin ich unter dem Namen John bekannt. Ich bin ein politischer Flüchtling und Organisator von Migrant:innen. Ich habe einen Hintergrund als politischer Flüchtling. Ich bin Künstler – nicht von Beruf, aber ich nutze die Kunst als Mittel zur Organisation und auch als meinen persönlichen Ausdruck des Widerstands gegen Ausbeutung und Unterdrückung, insbesondere gegenüber der Arbeiter:innenklasse und speziell gegenüber philippinischen Wanderarbeiter:innen. Aber natürlich bin ich stets solidarisch mit der Bewegung der arbeitenden Menschen weltweit.


Zunächst wollen wir mit dir über die Kultur aus der Perspektive der revolutionären Strategie sprechen, damit wir Einblicke in die theoretischen Grundlagen deiner Arbeit gewinnen können. Welche Rolle spielt Kultur in revolutionären Bewegungen im Allgemeinen?


Als Erstes müssen wir natürlich definieren, was Kultur ist, und dann darauf eingehen, was reaktionäre Kultur und revolutionäre Kultur sind. In meiner Praxis betrachte ich Kultur als Spiegelbild der Interessen und Werte in der Gesellschaft. Aber natürlich ist die Gesellschaft keine homogene Gesellschaft. Insbesondere gibt es verschiedene Klassen. Es gibt unterdrückte und ausgebeutete Klassen, und es gibt diejenigen, die andere Klassen beherrschen, unterdrücken und ausbeuten. Sie sind die herrschende Klasse. Die vorherrschende Kultur wäre also ein Spiegelbild der Interessen und Werte der herrschenden Klasse. Und in der heutigen Zeit sind die vorherrschenden Werte der bürgerliche Individualismus und dieses wahnsinnige Verlangen nach Privateigentum, denn wir leben im Zeitalter des Kapitalismus. Und die Kultur des Kapitalismus spiegelt die Gier nach Profit wider. Und diese lässt sich nur durch Unterdrückung und Ausbeutung erreichen, insbesondere der Arbeiter:innenklasse. Wenn wir also von revolutionärer Kultur sprechen, ist dies das Gegenteil der derzeit vorherrschenden Kultur. Sie ist der Ausdruck des Strebens der Arbeiter:innenklasse nach Freiheit. Freiheit von Ausbeutung und Unterdrückung. Wir wollen also eine Gesellschaft schaffen, die frei von Ausbeutung und Unterdrückung einer Klasse durch eine andere ist. Das ist die revolutionäre Kultur: Unsere Bestrebungen und Werte, die wir vertreten, um Revolutionär:innen zu werden.


Gibt es eurer Meinung nach universelle Aspekte revolutionärer Kultur, die in jedem konkreten kulturellen Kontext gleich sind, insbesondere im Hinblick der Unterschiede zwischen imperialistischen Zentren und halbkolonialen Ländern?

Um unsere politische Arbeit zu leisten, ist es notwendig, tiefgreifend zu verstehen, was wir als Revolutionär:innen erreichen wollen. Es mag zwar einen globalen Traum von uns geben, aber es gibt auch lokale Realitäten, denen wir uns stellen müssen, sowie Probleme, die wir lösen müssen. Wir müssen wissen, wer unsere Feinde und wer unsere Freunde, unsere Verbündeten sind. Deshalb müssen wir eine umfassende soziale Analyse und Klassenanalyse durchführen und die Gesellschaft untersuchen, sei es auf globaler oder lokaler Ebene, unter Berücksichtigung der nationalen Gegebenheiten. Nur so können wir einen Speer zu haben, der wirklich scharf genug ist, die Rüstung unserer Feinde zu durchdringen. Er muss sehr scharf und nicht allgemein gehalten sein, und er muss im Bereich des Verständnisses der Massen liegen, die wir in eine revolutionäre Kraft verwandeln wollen.

Wir haben unterschiedliche Kontexte. Ob in der Schweiz, in den Vereinigten Staaten oder in anderen Ländern Europas – wir arbeiten in einem anderen spezifischen Kontext als beispielsweise in Ländern wie den Philippinen. Ja. Auch die Palästinenser:innen haben einen anderen Kontext. Die Kurd:innen haben einen anderen. Das alles muss also konkret berücksichtigt werden. Aber natürlich können wir als Revolutionär:innen nicht wirklich einen vollständigen Sieg erringen, wenn die anderen Völker weltweit in ihren Revolutionen nicht triumphieren. Unser Beitrag als Filipinos bestünde jedoch darin, unsere Revolution auf den Philippinen zu gewinnen – als unseren wichtigsten Beitrag zur Weltrevolution.

Und natürlich haben wir auf den Philippinen einen halbfeudalen, halbkolonialen Staat. Deshalb müssen wir eine nationale demokratische Revolution durchführen, um die demokratischen Forderungen unserer Verbündeten unter den Bäuer:innen, unseren Arbeiter:innen und den Intellektuellen zu erfüllen. Wir müssen all diese demokratischen Bestrebungen verwirklichen. Aber wir wollen es dabei nicht belassen. Wir haben eine sozialistische Perspektive. Und wir müssen dies in die politische Bildung unserer Verbündeten einbeziehen, damit sie nicht überrascht sind. Wir müssen diesen Traum von einer besseren revolutionären Gesellschaft teilen.


Du hast bereits erwähnt, dass ihr auf den Philippinen das Ziel einer nationalen demokratischen Revolution verfolgt. Welche konkrete Rolle kommt dafür der revolutionären Kultur zu?

Ich denke, das betrifft alle revolutionären Bewegungen: Zunächst einmal müssen wir das politische und revolutionäre Bewusstsein der Massen schärfen. Hier pflanzen wir die Vorstellung von einer besseren Zukunft, die sozialistische Perspektive. Außerdem hilft es unseren Aktivist:innen und Organisator:innen dabei, Kollektive, Komitees, Organisationen und Massenorganisationen zu gründen, denen sich die Menschen anschließen können, deren politisches und revolutionäres Bewusstsein wir geschärft haben. Und dies wird der Motor sein, der den Traum und die Revolution möglich macht, denn wir können uns nicht allein auf spontane Aufstände, Demonstrationen und Proteste verlassen. Die Menschen müssen wissen, wohin wir gehen und welche Rolle sie dabei spielen müssen.

Und schließlich geht es um Mobilisierung. Das ist unsere Art, Menschen zu motivieren, sich den Studiengruppen, den Komitees und Protestaktionen anzuschließen und ihre Familien, Freund:innen und Arbeitskolleg:innen mitzubringen. All dies würde zu den Aufständen und schließlich zur Ergreifung der politischen Macht führen. Danach geht es darum, die Errungenschaften der Revolution zu verteidigen und weiter dafür zu kämpfen, das reaktionäre System wirklich abzuschaffen – sogar in unseren Köpfen. Denn wir können die Revolution zwar mit unseren Waffen gewinnen, aber sind wir dann auch in der Lage, die Mentalität und die Denkweise der Menschen so zu verändern, dass sie das revolutionäre Feuer, das wir zu entfachen versuchen, annehmen und wirklich verkörpern können? Im Wesentlichen geht es also darum, Menschen zu begeistern, zu organisieren und zu mobilisieren.

Das wäre der allgemeine Rahmen. Dann gibt es natürlich Besonderheiten, je nachdem, zu welchem Sektor sie gehören, welche Art von Arbeiter:innen sie sind, welcher Art von Ausbeutung sie ausgesetzt sind und mit welchen faschistischen Kräften sie konfrontiert sind. Das würde ihnen also einen guten Rahmen bieten, um die nächsten Schritte zu verstehen. Wir werden nicht alles vorschreiben. Ein Großteil des Prozesses wird also auf lokaler Ebene entschieden, bis zur Ergreifung der politischen Macht.


Wenn wir dich richtig verstanden haben, stellt ihr also eine enge Verbindung zwischen revolutionärer Kultur und Bildung her?


Kultur und Bildung werden oft als zwei getrennte Bereiche politischer Praxis betrachtet. Hier, im Kontext eines imperialistischen Zentrums, denken wir bei Kultur oft eher an den Aufbau von Gemeinschaft, die Schaffung von Zusammengehörigkeit und die Motivation der Menschen, weniger jedoch an Bildung. Es gibt zum Beispiel viele politische Parteien, doch ihre kulturelle Arbeit ist nicht unbedingt sehr bildungsorientiert.


Wie wird dies innerhalb der philippinischen Bewegung verstanden und praktiziert?

Wenn wir über Bildung im revolutionären Sinne sprechen, meinen wir damit die theoretische, subjektive Bildung, die wir erhalten, aber auch, wie wir diese in die Praxis umsetzen, diese Erfahrungen sammeln und sie dann wieder auf eine Ebene der Theorie, des Verständnisses und der Aneignung heben. So wird es zu einem kontinuierlichen Prozess, in dem wir gemeinsam und Schritt für Schritt das Bewusstsein der gesamten Bewegung schärfen. Und wenn wir uns ausschließlich auf Partys und Konzerte verlassen, dann sind das Dinge, die ein gutes Gefühl vermitteln. Aber wenn wir von Revolution sprechen, meinen wir damit, die herrschende Klasse zu wechseln, die herrschende Klasse zu stürzen und die Unterdrückten an die Macht zu bringen, damit diese die politische Macht für sich selbst ergreifen und ausüben können. Es ist also nicht real, wenn wir nur Musik hören, Konzerte besuchen und schöne Dinge betrachten.

Deshalb sagen wir, dass Künstler:innen drei sehr wichtige Aufgaben haben. Wir müssen das Leid und die Ausbeutung aufzeigen, unter denen die Menschen leiden. Und das ist ziemlich schwierig, denn es ist nicht angenehm, Leid mitanzusehen. Es hilft uns jedoch zu begreifen, dass die Menschen davon befreit werden müssen. Und dann müssen wir auch darstellen, wie die Menschen, wie die Revolutionär:innen diesem Widerstand entgegentreten, damit Menschen, die sich noch nicht bewusst sind, dass sie sich gegen Unterdrückung und Ausbeutung wehren können, erkennen: „Ah, es gibt einen Weg, sich zu wehren.“ Aber reicht es aus, zu verstehen und sich zu wehren? Wir glauben, dass das nicht ausreicht. Wir sollten ihnen die revolutionäre Alternative bieten, eine Vorstellung davon, warum wir kämpfen. Warum leisten wir Widerstand? Weil es da draußen etwas Besseres gibt und wir etwas tun müssen. Wir müssen Teil dieser Bewegung für den Wandel sein. Und das ist die revolutionäre Zukunft. Und für uns ist es die sozialistische Perspektive. Darüber müssen wir uns ganz klar sein. Das ist keine utopische Gleichheit, alle sind gleich.

Aber wie setzt man das in die Praxis um? Das bedeutet: keine Klassen mehr, die Abschaffung der Klassen. Und natürlich: Wenn man einfach sagt: „Ach, wir sind für den Kommunismus“, würden das heutzutage viele Leute nicht gut finden, weil ihnen so viel Unsinn eingetrichtert wurde. Das ist die reaktionäre Kultur am Werke. Alles, was zum Sozialismus und Kommunismus führt, alles, was zur Abschaffung des Privateigentums führt, ist böse. Es ist terroristisch.

Wir befinden uns im Kampf gegen den Kolonialismus und die bürgerliche Gesellschaft, in der wir leben. Und vielleicht sehen wir das nicht als physische Gewalt an, aber emotional und psychologisch gesehen sind Hunger und Leid gewalttätig. Vielleicht kann das sogar mehr sein als physische Gewalt. Revolution ist also zwangsläufig ein gewaltsamer Wandel. Ja. Und wir müssen den Menschen helfen, das zu verstehen, damit sie sich darauf einlassen können, denn niemand will unter einem Krieg leiden, aber es ist ein Krieg, den wir letztendlich führen müssen.


Wie entscheidest du als Teil einer revolutionären Bewegung, was du kulturell produzieren möchtest? Wie geht die Bewegung mit dieser Frage um? Bleibt die Entscheidung dem Einzelnen überlassen?

Ich denke, der erste Kampf findet im Inneren der einzelnen Menschen statt. Denn die meisten Künstler:innen stammen denke ich nicht wirklich aus der Arbeiter:innenklasse. Ich meine, niemand aus der Arbeiter:innenklasse würde etwas studieren, das nicht zu einer besseren wirtschaftlichen Zukunft führt. Sie studieren, weil sie bessere Jobs haben wollen. Also werden sie etwas studieren, das in das reaktionäre Wirtschaftsmodell passt.

Das ist also Teil der ideologischen Kontrolle, die uns von sozialen Institutionen wie dem Bildungswesen, den Massenmedien und sogar der Religion auferlegt wird. Diese Institutionen versuchen, den Status quo aufrechtzuerhalten, und drängen jeden dazu, sich den Normen der herrschenden Klasse anzupassen. So haben wir dieses falsche Bewusstsein, dieses künstliche Bewusstsein, das geschaffen wird, weil sie wollen, dass wir die bestehenden sozialen Strukturen akzeptieren und unseren Platz darin finden. Selbst wenn diese Plätze ungleich sind, werden die Reichen immer reicher und die Armen versinken immer tiefer in der Armut. Und da ist dieser Fetisch, der uns eingeimpft wird: Wir müssen konsumieren. Wir müssen Dinge kaufen. Wenn Dinge kaputtgehen, kaufen wir neue. Nein, wir reparieren sie nicht.

Es ist also ein ständiger Kampf. Selbst die Mittelschicht, sogar arme Menschen streben wirklich danach, schöne Häuser mit einer Einrichtung zu haben, die aussieht wie im Ikea-Katalog. Ständig neue Autos – selbst wenn die alten noch fahren, werden sie von der Straße verbannt. Wir müssen konsumieren und konsumieren. Und all das nährt die kapitalistischen Institutionen. Und es wird uns durch Bildung, Medien, Religion und das Überlebensbedürfnis tief ins Bewusstsein eingebrannt.

Was tun wir also? Wir müssen das wirklich zerschlagen. Ich meine, wir müssen in das Bildungssystem eindringen und versuchen, es zu verändern – das gesamte System zu verändern. Wir müssen auch Lehrer:innen und Schüler:innen organisieren. Wir müssen in die Mainstream-Medien vordringen und versuchen, progressive Ideen einzubringen. Aber wir müssen auch unsere eigenen Medien aufbauen. Und eines der schwierigsten Themen ist die Religion. Ich meine, in Europa spielt Religion keine so große Rolle. Aber in Ländern wie den Philippinen sind 83 bis 85 % der Bevölkerung christlich. Unsere Indoktrination lautet also: Je mehr du leidest, desto mehr Segen wirst du von Gott erhalten. Warum sich wehren? Entscheide dich dafür, zu leiden und mehr Segen zu erhalten. Und dieser Segen wird nicht in diesem Leben kommen. Er wird erst nach dem Tod kommen. Also stirbst du unter Qualen. Und das ist eine Menge Aberglaube und idealistischer Vorstellungen. Daran müssen wir wirklich arbeiten.

Und das Einzige, was wir haben, um das innere Gefängnis in unseren Köpfen zu durchbrechen, ist die Kultur. Deshalb kommt uns als Kulturschaffenden und Künstler:innen eine sehr, sehr große Rolle zu. Parteien, führende Kräfte in revolutionären Bewegungen wie kommunistische Parteien und Armeen, revolutionäre Armeen – sie dienen nicht nur dem bewaffneten Kampf. Sie sind auch für den kulturellen Kampf da, ebenso wie für den wirtschaftlichen Kampf. Denn sie müssen jetzt die Anfänge, die Keime des Sozialismus legen. Und die Reaktionäre versuchen ständig, alles zu zerstören, was wir aufgebaut haben. Es ist also ein ständiger Kampf zwischen reaktionären und revolutionären Tendenzen. Und wir brauchen ideologisch fundierte Einzelpersonen und Organisationen, um das zu schaffen. Und es muss systematisch erfolgen und gemeinsam aufgebaut werden. Es ist eine so große und schwierige Aufgabe, die vor uns liegt.

Auf den Philippinen bieten wir daher auch Kulturstudien an – Kurse, in denen wir verstehen lernen, was an der gegenwärtigen Kultur falsch ist und welche Optionen wir haben. Wir führen Schulungen für die breite Masse durch, die mit ganz grundlegenden, fortschrittlichen Ideen beginnen und auf diesen aufbauen, um ein sehr solides und starkes Fundament zu legen.

Die Prinzipien des Marxismus kodifizieren wir beispielsweise in Liedern. Wir haben Lieder über bestimmte marxistische Prinzipien, weil es einfacher ist, diese zu vermitteln als durch Vorträge. Die Menschen behalten das im Gedächtnis, und wir erinnern uns dann an die Vorträge. Also Bilder, Lieder, Tänze, Theaterstücke. Wir schaffen gemeinsam diese kulturellen und künstlerischen Werke, um den Menschen zu helfen, die Revolution anzunehmen.

Meistens sehe ich Künstler:innen, die sich selbst als Revolutionär:innen bezeichnen und ihre Arbeit allein verrichten – ohne jegliches Kollektiv, ohne den Nutzen von Kritik und ohne die Theorien auf eine höhere Ebene von Theorie und Praxis zu heben. Ja, es besteht auch die Notwendigkeit, Maßstäbe zu setzen. Für mich habe ich das auf ein Rahmenkonzept aus Unterdrückung, Widerstand und Befreiung vereinfacht. Jedes Kunstwerk, das ich schaffe oder an dem ich mitwirke, sollte Unterdrückung und Ausbeutung aufdecken. Es sollte den Widerstand darstellen – den starken und mutigen Widerstand des Volkes – und eine Vision oder einen Traum von Befreiung vermitteln. Unterdrückung, Widerstand und Befreiung gehen also Hand in Hand mit Aufdecken, Bekämpfen und Vorschlagen. Ich versuche also, mit dieser Art von Sprache zu arbeiten, damit man sich das leichter merken kann, denn es scheint ein so komplexes Labyrinth von Ideen zu sein. Wenn man künstlerisch veranlagt ist, wird man mit vielen reaktionären, passiven und abstrakten Ideen bombardiert, die man erst verlernen muss, bevor man beginnen kann, das revolutionäre Konzept anzunehmen. Deshalb orientiere ich mich an diesen drei Leitlinien, um mich selbst zu führen.


In der NDFP werden verschiedene gesellschaftliche Bereiche organisiert. Wie kann man eine revolutionäre Kultur aufbauen, die nicht nur ein großes Sammelsurium verschiedener sektoraler Ansätze ist, sondern sich stattdessen an einer übergreifenden Linie orientiert, die sich in jedem Bereich widerspiegelt?

Ich glaube, die Filipinos haben eine echte Neigung dazu, zu singen, Gedichte zu schreiben und Theaterstücke zu verfassen. Ich glaube, das ist wirklich eine Folge jahrhundertelanger Unterdrückung, die einen Ausdruck finden muss. Wir reden also nicht nur darüber, sondern wir singen darüber, wir schreiben Gedichte darüber, wir schaffen Bilder. Ich glaube, das liegt in der Natur des Menschen. Deshalb gibt es ja sogar Höhlenmalereien, wissen Sie, weil das Bedürfnis besteht, individuelle und kollektive Erfahrungen mit anderen zu teilen.

Auf den Philippinen gibt es also 180 Sprachen – eigenständige, voneinander getrennte Sprachen – und ebenso viele Kulturen. Es gibt also Lieder, Gedichte und Literatur für jede Sprache und für jede einzelne Kultur. Und wenn Menschen miteinander in Kontakt treten, tauschen sie sich aus, übernehmen sie Dinge, führen sie auf und passen sie an ihre eigene Kultur an. So verbreitet sich das von selbst. Beim revolutionären Kampf ist es meiner Meinung nach genauso.

So haben Arbeiter:innen und arme Kleinbäuer:innen spezifische Lieder, Gedichte, Bilder und Tänze, die ihre Geschichte, ihre Freuden und Leiden, ihre Siege und Niederlagen, ihre Träume und Hoffnungen darstellen. Und diese werden zwischen anderen Sprachen und Kulturen geteilt. Und so verbreitet es sich. Es verbreitet sich auch deshalb, weil die Intellektuellen, wenn sie beginnen, mit der Arbeiter:innenklasse zu sympathisieren, diese Kultur ebenfalls annehmen. Sie singen die Lieder, sie tragen die Gedichte vor, um diese Ausdrucksformen in ihrem eigenen revolutionären Herzen und Verstand zu verinnerlichen, denn wir müssen wachsen. Revolutionär:innen sind stets begierig darauf, mehr über den Kampf zu lernen.

Abgesehen also von den Menschen, die dies aus eigenem Antrieb tun, um sich selbst revolutionär weiterzuentwickeln, gibt es auch revolutionäre Massenorganisationen von Künstler:innen, Schriftsteller:innen und Kulturschaffenden. Und während sie wachsen und ihr Handwerk immer besser beherrschen, werden sie in verschiedenen Bereichen eingesetzt, um revolutionäre Kunst und Kultur zu verbreiten und weiterzuentwickeln. Meistens sind sie also wirklich gute Parteimitglieder und Organisator:innen. Viele von ihnen bekennen sich zudem voll und ganz zum bewaffneten Kampf. So werden sie Mitglieder der Volksarmee, Kämpfer:innen der Roten Armee. Unsere Volksarmee ist also nicht nur eine defensive und militärisch kämpfende Armee. Sie ist eine kulturelle Armee, die revolutionäre Kultur verbreitet. Und sie ist auch eine Produktionsarmee. Sie beteiligt sich gemeinsam mit den Bäuer:innen und Arbeiter:innen an der wirtschaftlichen Produktion. Das macht sie sehr beliebt. Und das führt zu einem langsamen, aber stetigen Wachstum der revolutionären Kräfte.

Es mag manchmal anstrengend sein, wenn man harte Arbeit nicht gewohnt ist. Aber es ist etwas, das wir wirklich annehmen müssen. Die Revolution ist keine Party. Sie ist keine Tanzparty. Sie ist keine Teeparty. Sie ist ein Kampf, der manchmal 100, 200 Prozent unserer Zeit und unserer Kraft fordert. Sie verlangt von uns, unser Leben dafür einzusetzen. Revolutionär:innen opfern sich auf. Sie sterben im Streben nach dem höheren Wohl.

Letztendlich haben wir also etwa 18 Massenorganisationen, die den bewaffneten Kampf unterstützen. Und wir haben „Christ:innen für die nationale Befreiung“. Diese Organisation hat die Aufgabe, die feudale, christlich-religiöse Rückständigkeit und die abergläubischen Aspekte unserer Mentalität bekämpft. Wir haben Lehrer:innenorganisationen, die sich darauf konzentrieren, das Bildungssystem zu reformieren und in ein Instrument des Widerstands umzugestalten und hoffentlich revolutionäre Schulen aufzubauen. Wir haben Gesundheitspersonal, Ärzt:innen und Krankenschwestern, die darauf trainiert wurden, in ihrer Praxis darauf aus zu sein, reich zu werden. Aber sie opfern ihre Zeit und schließen sich schließlich der revolutionären Bewegung an, indem sie der Volksarmee beitreten. Auch Anwält:innen sind in einer revolutionären Organisation zusammengeschlossen, damit sie innerhalb des parlamentarischen und rechtlichen Systems, des Justizsystems, dazu da sind, die reaktionären Gesetze und Strukturen zu ihren Gunsten zu wenden und den Menschen im Kampf zu helfen. Also, ja, in jedem erdenklichen Bereich des Kampfes – selbst bei indigenen Völkern, die weder lesen noch schreiben können – schaffen wir ein revolutionäres Umfeld für sie, um ihnen zu helfen, diese Probleme zu überwinden, indem wir Alphabetisierungskurse anbieten und ihnen das Lesen und Schreiben beibringen. Nicht mehr im Zusammenhang mit dem Lesen und Schreiben kapitalistischer, reaktionärer Schundliteratur, sondern um ihnen zu helfen, revolutionäre Konzepte und Lehren zu verstehen.

Es ist also ein ziemlich komplexes System, das es aufzubauen gilt. Aber natürlich ist das nichts, was man in einem, zwei, fünf oder zehn Jahren schafft. Wir haben lange dafür gebraucht. Wir befinden uns nun im 57. Jahr unseres Kampfes. Manchmal machen wir immer noch Fehler. Manchmal sind die Fehler so gravierend, dass sie fast zum Zusammenbruch der gesamten revolutionären Bewegung führen. Aber wir setzen uns zusammen. Wir analysieren. Wir ziehen unsere Lehren aus den Erfahrungen. Wir korrigieren unsere Fehler und versuchen, auf den Stärken aufzubauen, die wir im Laufe des Kampfes gesammelt haben.

Wir befinden uns nun in unserer dritten Korrekturbewegung. Wir werden immer besser. Es ist kein geradliniger Aufwärtstrend. Es geht wirklich mal auf und mal ab, auf und ab. Aber wir versuchen, den Aufwärtstrend die meiste Zeit aufrechtzuerhalten und die Fehler auf ein Minimum zu beschränken, indem wir alles organisiert und kollektiv angehen. Und je mehr Augen und Köpfe versuchen, diese Sache namens Revolution zu verstehen, desto größer sind unsere Erfolgschancen.

Den zweiten Teil des Interviews gibt es in Kürze!

Foto: https://ndfp.info/compatriots-ndfp-booklet/