In Sachsen-Anhalt könnte schon bald die Alternative für Deutschland regieren. Aktuell gilt die Partei in Umfragen als Favoritin und dürfte Anfang September als stärkste Kraft aus der Wahl hervorgehen. Damit würde Sachsen-Anhalt als erstes Bundesland von der AfD regiert werden. Doch wer führt die AfD in Sachsen-Anhalt?
von Mathias H.
Nach Informationen aus dem Umfeld der AfD werden schon seit Monaten Mitarbeiter gesucht, um bis zu 200 Beamte auszutauschen1. Zunächst sollen sie die Umsetzung eines Sofortprogramms ermöglichen, das in den ersten 100 Tagen einer AfD-geführten Landesregierung greifen soll. Wie sich der Landesverband diese ersten Monate vorstellt, zeigt ein entsprechender Flyer. Versprochen werden unter anderem das Ende von Regenbogenflaggen an Schulen, sofortige Abschiebungen und der Start der Kampagne #deutschdenken als Gegenprojekt zur bisherigen Landeskampagne #moderndenken. Diese symbolischen Vorhaben geben einen ersten Eindruck davon, welche Richtung eine AfD-Regierung einschlagen könnte. Diesen Eindruck prägt auch einen Großteil der Berichterstattung im Vorfeld der Landtagswahl am 6. September in Sachsen-Anhalt. Naheliegend erscheint denen die Annahme, dass hinter diesem Kurs ein geschlossen völkisch geprägter Landesverband steht – doch dieser Eindruck greift zu kurz. Ein genauer Blick auf die heutige AfD in Sachsen-Anhalt zeichnet ein anderes Bild. An der Spitze des ostdeutschen Landesverbands stehen derzeit zwei prägende Figuren: Ulrich Siegmund und Hans-Thomas Tillschneider. Sie übernehmen unterschiedliche Rollen innerhalb der Partei und verkörpern verschiedene Führungsstile. Was sie jedoch verbindet, ist ihre Nähe zur extremen Rechten.
Ein Blick in den Wahlkampf der AfD in Sachsen-Anhalt vermittelt den Eindruck, dass der Spitzenkandidat Ulrich Siegmund der tonangebende Politiker in der Partei sein könnte. In den Medien erscheint er als „AfD-Popstar“2 und als „gelassene Frontfigur einer wütenden Partei“3, spricht bei Markus Lanz und gibt sich bürgernah. In der Partei fungierte er bisher vor allem als Fraktionsvorsitzender im Landtag und sorgte für eine geordnete Führung der Partei. Zusammen mit Tobias Rausch gehört Siegmund zum sogenannten Münzenmaier-Netzwerk innerhalb der AfD. Dieses bildete sich in Folge des Bundesparteitags der AfD 2022, der wegen Unstimmigkeiten vorzeitig beendet werden musste, und sorgt sich vor allem um das Organisieren und Professionalisieren der Partei. In dieser Tradition übernehmen auch Rausch und Siegmund ihre Aufgaben in Sachsen-Anhalt. Während Rausch bisher für die parlamentarische Koordination verantwortlich war, tritt Siegmund als Gesicht des Landesverbands auf. Er gibt der AfD ein moderates Erscheinungsbild und inszeniert sie als regierungsfähig, ohne sich vom rechten Parteiflügel abzugrenzen. Beispielsweise lehnt er Zuwanderung ab, fordert Abschiebehaft und Remigration, spielt aber den Bestürzten, wenn er in einer Talkshow auf die Verbindungen zur extremen Rechten angesprochen wird.
Ulrich Siegmund pflegt jedoch Verbindungen in die extreme Rechte und arbeitet mit entsprechenden Akteuren zusammen. So nahm er im November 2023 an dem konspirativen Treffen in Potsdam teil, bei dem der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner seinen Masterplan zur Remigration vorstellte. Darüber hinaus stützt sich Siegmund im aktuellen Wahlkampf auf Personen und Organisationen aus dem rechten Vorfeld. Sein Wahlkampfshop wird von der Identitären Bewegung betrieben, während ein Regisseur des rechten Vereins Ein Prozent für seine Medienarbeit verantwortlich ist45. Das Image des modernen „TikTok-Posterboys“6, das Siegmund in der Öffentlichkeit genießt, entsteht damit nicht unabhängig vom rechten Vorfeld.
Nach außen tritt Ulrich Siegmund also als Gesicht und Frontfigur der AfD auf. Die Führung der Partei erschöpft sich jedoch nicht darin – die ideologische Ausrichtung wird von einem breiteren Netzwerk innerhalb der Parteispitze getragen. Zu diesem gehören der Landesvorsitzende Martin Reichardt, der zuletzt mit einem mutmaßlichen Hitlergruß für Schlagzeilen sorgte, sowie der stellvertretende Vorsitzende Hans-Thomas Tillschneider und der Beisitzer Oliver Kirchner. Alle drei galten als wichtige Unterstützer des formal aufgelösten Flügels um Björn Höcke, der innerhalb der AfD den völkisch-nationalistischen Kurs maßgeblich gestaltete.
Der einflussreichste unter ihnen ist jedoch Hans-Thomas Tillschneider. Er trat 2013 der AfD bei und gründete ein Jahr später die Vereinigung Patriotische Plattform. Mit dem Ziel, den politischen Kurs der AfD in eine völkisch-nationalistische Richtung zu steuern, hatte sie vor allem in den Anfangsjahren eine besondere Bedeutung für die Entwicklung der Partei. Außerhalb der Partei unterstützte Tillschneider den rechten Kampagnenverein Ein Prozent und soll enge Kontakte zur Identitären Bewegung pflegen7. Tillschneiders Einfluss zeigt sich am deutlichsten im Regierungsprogramm der AfD für Sachsen-Anhalt. Das maßgeblich von Tillschneider verfasste Programm8 trägt die Handschrift des völkischen Nationalismus. Besonders in der Familien-, Migrations- und Kulturpolitik treten entsprechende Positionen hervor. So fordert die Partei unter anderem die Förderung heterosexueller Familienmodelle, das Ende der „kulturfremden Massenmigration“9 und die Bekämpfung beziehungsweise Kriminalisierung sogenannter „antideutscher Kunst“10.
Neben diesen völkischen Inhalten zur Familien- oder Migrationspolitik, verspricht die AfD außerdem eine neoliberale Wirtschaftspolitik. Sie propagiert den freien Markt als Gegenmodell zu einer angeblichen „Planwirtschaft“11 der Altparteien und als Antwort auf die von ihr behauptete „Klimadiktatur“12 sowie als Motor einer Re-Industrialisierung Sachsen-Anhalts. In dieser Verbindung offenbart sich die Zweigleisigkeit der AfD. Einerseits mobilisiert sie mit völkisch-nationalistischen Feindbildern gegen einen vermeintlichen äußeren Gegner und kanalisiert soziale Unzufriedenheit in kulturelle und ethnische Konflikte. Andererseits schließt sie mit ihrer wirtschaftspolitischen Ausrichtung weitestgehend an die etablierte Ordnung an und erscheint so regierungsfähiger. Statt die sozialen Ursachen von Prekarisierung oder regionalem Strukturwandel zu lösen, setzt sie auf marktliberale Konzepte. Damit stützt sie sich auf jene Wirtschaftsdoktrinen, die überhaupt erst zu den heutigen Umständen Ostdeutschlands beigetragen haben – und wird dadurch zur völkischen Reinkarnation der Altparteien. Anders als diese, verdeckt sie Klassenkonflikte nicht ausschließlich durch die Abwertung von vermeintlich faulen Arbeiter:innen, wie es etwa Friedrich Merz macht, sondern vor allem durch eine völkisch-rassistische Politik. In diesem Sinne fungiert sie als neue politische Kraft im alten Gewand, die bestehende ökonomische Machtverhältnisse, auf Kosten von Menschen mit Migrationsgeschichte, zu stabilisieren versucht.
Die Führungsstile von Siegmund und Tillschneider verdeutlichen die hier dargestellte Zweigleisigkeit der AfD in Sachsen-Anhalt. Die unterschiedlichen Schwerpunkte und Vernetzungen innerhalb der Partei führen zu keinem offenen Richtungsstreit, sondern zu einer strategischen Symbiose. Während Politiker aus dem Netzwerk Münzenmaiers den Wahlkampf mit einem vergleichsweise gemäßigten Auftreten nach außen führen und die Partei als regierungsfähig inszenieren, übernehmen Akteure wie Hans-Thomas Tillschneider und Martin Reichardt die ideologische Ausrichtung des Landesverbands. Gerade diese Rollenverteilung ermöglicht es der AfD, unterschiedliche Wählergruppen anzusprechen, ohne auf ihre völkisch-nationalistische Programmatik zu verzichten.
- MDR (2026): Austausch von Beamten – AfD-Pläne Einschüchterungs-Taktik, vom 17.06.2026. ↩︎
- Nejezchleba, Martin (2026): „Ich bin der Uli, hi!“, in: ZEIT Nr. 27/2026. ↩︎
- Gelinsky, Katja (2026): Der AfD-Popstar, in: Frankfurter Allgemeine. ↩︎
- Merkel, Jana/Daniel Salpius (2026): AfD-Spitzenkandidat Siegmund lässt Wahlkampfshop durch Rechtsextremen betreiben, mdr vom 30.01.2026. ↩︎
- Joswig, Gareth (2026): Rassismus, aber gut gelaunt! taz vom 28.06.2026. ↩︎
- Laaf, Meike (2024): Der Tik-Tok-Posterboy der AfD, in: ZEIT vom 22.01.2024. ↩︎
- Frehse, Lea/Paul Middelhoff (2018): Keinen! Meter! Weichen!, in: ZEIT Nr.15/2018. ↩︎
- Hähnig, Anne/Eva Ricarda Lautsch/August Modersohn/Martin Nejezchleba/Christian Parth/Alisa Schellenberg/Tilman Steffen (2026): Der Tag danach, in: ZEIT Nr. 30/2026. ↩︎
- Alternative für Deutschland (2026): Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Ebd. ↩︎