Die schönsten Geschichten schreibt die Revolution – Über das Leben des Revolutionärs Jakow Michailowitsch Swerdlow

29. Juli 2026


Die schönsten Geschichten schreibt das Leben, sagt man. Woran sich aber diese Schönheit bemessen lässt? Ist sie nicht gerade Ausdruck der Vielfalt des Erlebten, die Durchdringung der einzelnen Momente und die daraus hervorschäumende Flut von Gefühlen? So zumindest wäre wahrscheinlich die Antwort eines gewissen Jakow Michailowitsch auf die Frage ausgefallen.

Von Georg Ackermann


Vor wenigen Jahren noch war mir selbst der Name „Swerdlow“ überhaupt kein Begriff. Dabei hatte ich durchaus großes Interesse an den Geschehnissen rund um die Oktoberrevolution 1917 in Russland. Viel wichtiger schien es mir jedoch aus dem ideologischen Wirrwarr unserer Tage mit der Lektüre theoretischer Klassiker zu entkommen und damit zunächst mein politisches Koordinatensystem zu ordnen. Erst die Auseinandersetzung mit der Frage, wie es überhaupt zu diesem geschichtlichen Sprung kommen konnte, legte mir den Namen Swerdlow ins Bewusstsein. Von da an begab ich mich auf die Suche nach der Geschichte eines der größten Revolutionäre, welchen die letzten Jahrhunderte und die Mühlräder welthistorischer Entwicklung hervorgebracht hatten. Nun begab es sich aber so, dass man vor ein paar Jahren lange suchen konnte, um auf deutschsprachige Aufzeichnungen von und über Swerdlow zu stoßen. Nur wenige Bücher, Hinterlassenschaften aus ostdeutschen Bücherschränken, zirkulierten von Hand zu Hand. Wer nicht gewillt war, eine Vielzahl Antiquariate auf dem Gebiet der ehemaligen DDR abzutelefonieren, wäre verdammt gewesen, lange zu warten, hätte nicht der Ceylan Verlag 2024 das Buch, in dem Jakows Lebensgefährtin, Klawdija Swerdlowa, ihre Erinnerungen niederschrieb, neu verlegt.


Erinnerungen an einen Kampfgefährten Lenins

Wenn wir uns das Leben von Jakow Michailowitsch Swerdlow vor Augen führen, so wie es im Buch geschildert wird, dann sehen wir das Lebenswerk eines Revolutionärs, dem es zwar nicht vergönnt war, besonders alt zu werden, der dafür in jeder Sekunde alle Menschen, die ihn umgeben haben, mitgerissen und das Beste in ihnen erweckt hat. Nicht umsonst trägt das Buch den Untertitel „Erinnerungen an einen Kampfgefährten Lenins“. Dieser sagte selbst über Swerdlow: „Durch illegale Zirkel, durch illegale revolutionäre Arbeit, durch die illegale Partei, die niemand so vollkommen verkörperte und repräsentierte wie J.M. Swerdlow – nur durch diese praktische Schule, nur auf diesem Wege konnte er der höchste Repräsentant der ersten sozialistischen Sowjetrepublik, der beste Organisator der breiten proletarischen Massen werden.“ Und so wurde Jakow im Zuge der revolutionären Umwälzungen mit gerade einmal 26 Jahren jüngstes Mitglied des Zentralkomitees der Sozialdemokratischen Arbeiter Partei Russlands und mit 32 Vorsitzender des Gesamtrussischen-Zentralexekutivkomitees. Doch dahin war es ein weiter Weg, der Jakows Charakter zu Härte schmiedete aber ihm genauso dort eine Flexibilität verlieh, wo es vonnöten war.

Während ein beachtlicher Teil der Bolschewist:innen im Zuge der Revolution von 1905 dazu verdammt war, ins Exil zu gehen, so verblieb Jakow Michailowitsch bis zur Verwirklichung der Oktoberrevolution in Russland. Dutzende Male wurde er von der Ochrana, der zaristischen Geheimpolizei, festgenommen, in den Kerker gesteckt, in die entlegensten Winkel, umgeben von endloser Taiga und Tundra verbracht und vermochte es doch unter diesen Bedingungen zu einem der wichtigsten Köpfe der Bolschewiki zu werden.

1885 in der Stadt Nischni-Nowgorod geboren, bei der sich die Oka mit der Wolga vereint, führte Jakows Weg bereits im jungen Alter in die Reihen der Sozialdemokratie, deren Organisation im zaristischen Russland mit den harten Bedingungen der Illegalität zu kämpfen hatte. Kein Geringerer als Maxim Gorki ging bei der Familie Swerdlow ein und aus. Aus Geschichten wie der des jungen Jakows nahm Gorki den Stoff, den er später in seinem berühmten Werk „Die Mutter“ zu einer Erzählung in der Person des jungen Pawel verdichtete. Jakow bahnte sich wie jener Pawel seinen Weg in die Ströme der revolutionären Bewegung selbstständig: Schnell wurden die älteren Genoss:innen des Parteizirkels in Nischni-Nowgorod auf den Jungen aufmerksam, der nicht nur die Jugendlichen um sich herum in die revolutionäre Arbeit mit hineinzog, sondern auch damit begann, sich ein umfassendes Verständnis für die philosophisch-politischen Probleme seiner Zeit zu erarbeiten. Seine Tätigkeit führte ihn, noch nicht einmal 20 Jahre alt, in die Weiten des Urals. In den Gegenden von Jekaterinburg und Perm spielte er eine entscheidende Rolle beim Aufbau der bolschewistischen Fraktion, was zu der Zeit insbesondere die ideologische Klärung der Linie in Auseinandersetzung mit den Menschewiki, Sozialrevolutionären und Anarchisten bedeuten musste. Als Propagandist zog er von Fabrik zu Fabrik, hielt flammende Reden auf den Schultern seiner Mitstreiter, wie das Buch lebhaft schildert, diskutierte alle brennenden Fragen der Arbeiter:innen und schlüpfte so manches Mal durch die Maschen der Ochrana, die insbesondere in und nach den Revolutionstagen 1905 mit Terror die zaristische Selbstherrschaft aufrechterhalten wollte.

Später als Vater zweier Kinder, so berichtet die Revolutionärin Klawdija Swerdlova, war es Jakow, den stets die Frage umtrieb, wie die junge Familie ihre beiden Kinder zu richtigen Menschen heranziehen könne, die Jakow stets liebevoll als die „Tierchen“ bezeichnete. Vor keiner Arbeit im Haushalt sei er sich zu schade gewesen, in den wenigen Augenblicken, welche die Familie zusammen verleben konnte. Auch hier hatte Jakow die Klarheit, dass die revolutionäre Umwälzung nicht vor der Familie haltmachen dürfe.

Swerdlow zeigt, dass es zwar auf die objektiven Bedingungen ankommt, diese jedoch bei dem Fehlen der subjektiven Kräfte keinen müden Pfifferling wert sind. Selbst im Gefängnis war es Jakow Michailowitsch, der die politischen Häftlinge vereinte, einen Alltag auf der Tristesse, dem Hunger und der Demütigung, aufbaute. Die Zelle, so schildert Klawdija, die selbst unzählige Male eingekerkert war, wurde zur Kommune und die Mithäftlinge zu Kommunarden, die von dort an alles teilten, den Tagesablauf gemeinsam organisierten und die politische Bildung vorantrieben. Selbst in der Verbannung in Sibirien, tausende Kilometer von den Orten seiner Jugend entfernt, schenkte er seinen Mitverbannten den Optimismus, ohne den ein Überleben unter diesen Bedingungen kaum möglich gewesen wäre und wurde gar zum Arzt und Lehrer der Einheimischen, in deren Herz er von dort an als „der Professor“ einen Platz sicher hatte.

Die Lebensgeschichte Swerdlows wurde von der Revolution geschrieben. Nicht aber als Automatismus, als Schicksal, sondern als stete Entscheidung, dort wo man ist und wirkt, voranzuschreiten, den Weg zu zeichnen und stets das Leben trotz all seiner Schwere zu bejahen. Jakow Michailowitsch wurde so zwangsläufig zu einem Maßstab für ganze Generationen nach ihm, zum Apostel einer neuen Zeit, die immer noch danach drängt, durch die Verkrustung der Diktatur des Profits, von Krieg und Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, zu brechen.

Mit gerade einmal 33 Jahren starb er am 16. März 1919 an der Spanischen Grippe. Klawdija Swerdlowa gelingt es in dem Buch, die Verwebung Jakows mit der Geschichte der Revolution in den lebendigsten Farben zu malen. Auch wenn die retrospektive Schilderung von Klawdija eine Nachbewertung von politischen Kräften vornimmt, die teilweise wenig Platz für Komplexität der historischen Prozesse lässt und sich teilweise so liest als sei vieles vorherbestimmt gewesen, so ist das nur ein kleiner Wermutstropfen in einer gezeichneten Lebensgeschichte, die auch heute noch ihresgleichen sucht und trotz der schweren Kampfbedingungen heute zum Handeln drängt.

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