Cengiz‘ Leben ist ein Gruß an alle, die Widerstand leisten – Von Antifaşist Gençlik bis zur Guerilla

23. Juli 2026

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Gastbeitrag

30 Jahre sind vergangen, seitdem Cengiz Ulutürk sein Leben in den kurdischen Bergen verloren hat. Seine Biografie ist eine Besonderheit in der Geschichte der Guerilla. Vermutlich ist er der erste türkische Internationalist, der sich aus Deutschland der Volksbefreiungsarmee Kurdistans (ARGK), der Vorgängerorganisation der Volksverteidigungskräfte (HPG), angeschlossen hatte. Vor dem Hintergrund u. a. der rassistischen Morde von Hanau, den NSU-Morden und einer zunehmenden rechten Organisierung ist es umso bedeutsamer, sich mit Cengiz‘ politischer Herkunft zu beschäftigen. Cengiz war Antifaschist, genauer: Er war Mitglied der Antifaşist Gençlik, der »Antifaschistischen Jugend«, er hatte sie mit aufgebaut.

Nach Jahren, in denen die Antifaşist Gençlik und Cengiz wenig Erwähnung fanden, ist das Thema wieder präsenter. In den vergangenen Jahren fanden Fußballturniere1 im Gedenken an ihn statt. Auch am 25. Juli laden verschiedene Organisationen wieder zu einem Fußballturnier in Berlin-Wedding anlässlich seines 30. Todestages ein.

Von Anja Flach



Cengiz‘ Familie stammte aus Sivrihisar, bei Eskişehir nahe Ankara, aber Cengiz war in Berlin groß geworden. In Deutschland fand er es schwierig, sich in einer Umgebung auszudrücken, die weit von seinen eigenen Werten, Ideen und Gefühlen entfernt war. Eine Freundin beschreibt, dass er eine große Abneigung gegenüber seinem Vater hatte, aber eine tiefe Liebe zu seiner Mutter. Diese habe er häufig besucht und über sie gesprochen. Seine Familie führte ein isoliertes und verschlossenes Leben, um sich selbst zu schützen, aber Cengiz hatte das Gefühl, dass dies nicht die richtige Lösung in einer Umgebung der Ausbeutung und Erniedrigung war. Er suchte einen anderen Weg und kam in Kontakt mit antifaschistischen Gruppen aus der Türkei, Kurdistan und Deutschland.


Antifaşist Gençlik

Die sogenannte Wiedervereinigung Deutschlands hatte eine extreme nationalistische Welle hervorgebracht. Pogromartige Angriffe wie in Hoyerswerda2, der Brandanschlag von Mölln3, der Angriff in Rostock-Lichtenhagen4, der Anschlag in Solingen5 waren die krassesten Auswüchse, fast täglich gab es Tote. In Ostberliner S-Bahnen wurden Migrant:innen angegriffen, sogar aus fahrenden Zügen geworfen. Heute als Baseballschlägerjahre bekannt, ist das wohl noch eine Untertreibung. Als Reaktion bildeten sich Jugendgangs, Selbstverteidigungsgruppen, wie die Antifaşist Gençlik, eine erste migrantische antifaschistische Organisation in Deutschland.

»Die Organisation der Selbstverteidigung wurde zu einer zentralen Frage der politischen Arbeit und des täglichen Überlebens. In diesem Kontext entstand die Antifa Gençlik, der es vor allem darum ging, Nazis offen zu konfrontieren und von zentralen Orten zu verdrängen. Die Antifa Gençlik war stark praxisorientiert, doch gab es auch die Bemühung, Analysen der Verhältnisse in Deutschland zu erstellen.«6 Diese wurden in der Zeitschrift Antifaşist Haber Bülteni veröffentlicht.

Die Gruppe entstand 1988 im Umfeld des kurdischen Vereins in Neukölln und in Kreuzberg, wo sie ein Café im damals besetzten Haus Adalbertstraße 6 betrieb. Ab 1989 nannte sie sich Antifaşist Gençlik. Auch Cengiz arbeitete mit. Freund:innen beschreiben ihn als zugewandt, herzlich, hilfsbereit und offen. Er hatte enge Kontakte zu Kurd:innen der PKK-Bewegung, die damals noch nicht verboten war.

Der Kern von Antifaşist Gençlik war nie sehr groß, bestand vielleicht aus 10 bis 15 Personen. Die Gruppe hatte jedoch ein großes Umfeld, darunter Türk:innen und Kurd:innen, Chilen:innen, Griech:innen, Araber:innen und auch Deutsche. Die größten Mobilisierungen brachten Tausende auf die Straße. Die meisten Mitglieder von Antifaşist Gençlik kamen aus organisierten türkischen und kurdischen Strukturen. »Viele der Linken haben uns als ideologielose Leute bezeichnet, die keine politische Linie verfolgen und im Endeffekt selbst eine Art Bande sind. Die PKK hatte demgegenüber eine andere Position. Sie meinten, dass es besser sei, die Jugendlichen auf der Straße zu politisieren, als ›im Blumentopf‹ – also in einem Verein beim Teetrinken«7, beschreibt ein Aktivist diese Zeit.

Ende der 1980er Jahre entstanden in vielen großen Städten Gangs migrantischer Jugendlicher, z. B. in Berlin-Wedding die Black Panthers, die 36 Boys in Kreuzberg, die Barbaren in Schöneberg. Die Antifaşist Gençlik versuchte, diese Gangs zusammenzubringen und zu politisieren. Gemeinsam patrouillierte man in den Vierteln, stellte die räumliche Dominanz der Rechten in Frage. So organisierte die Gruppe 1992 die Veranstaltung Birlikte Güçlüyüz – Gemeinsam sind wir stark! 600-700 Jugendliche kamen im SO 36 zusammen, u.a. um zu rappen und zu breakdancen. Zu dieser Zeit hatte der Berliner Senat eine Kampagne gestartet, um die Politisierung der Gangs zu unterbinden. Offensichtlich hatte der VS (Verfassungsschutz) einen Agent Provocateur in den Saal geschickt, es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Die Arbeit mit den Gangs war zerschlagen. Die Selbstkritik und Analyse in der Gruppe führte zu dem Ergebnis, dass viel mehr Bildungsarbeit notwendig gewesen wäre.8


Repression

Nachdem der rechtsextreme Politiker Gerhard Kaindl, Mitglied der Deutschen Liga für Volk und Heimat und Kandidat der Wählergemeinschaft »Die Nationalen«, im April 1992 nach einer Auseinandersetzung mit jugendlichen Antifaschist:innen in einem Kreuzberger Restaurant seinen Verletzungen erlag, wurde das politische Umfeld der Antifaşist Gençlik und die Gruppe selbst verdächtigt. Nach eineinhalb Jahren erfolgloser Ermittlungen stellte sich im November 1993 ein an Schizophrenie erkrankter, siebzehnjähriger Jugendlicher der Polizei. Er belastete die Antifaşist Gençlik und ihr Umfeld, woraufhin vier Jugendliche festgenommen wurden, darunter die Partnerin von Cengiz, Fatma Balamir – Devran. Weitere mit Haftbefehl Gesuchte tauchten unter. Devran wurde isoliert und massiv unter Druck gesetzt, machte aber ganz entschlossen keine Aussagen. Cengiz konnte gerade noch einer Festnahme entkommen und tauchte unter. Nach einiger Zeit in verschiedenen Verstecken ging er in den Mittleren Osten und schloss sich der ARGK- der Guerilla der PKK- an. Zwei Mitglieder stellten sich 1994 der Polizei, woraufhin sie in Untersuchungshaft gingen.

Die Presse, unter ihnen die taz, vertrat die Linie des Staatsschutzes.9 Eine Entsolidarisierungskampagne deutscher Linker unbeschreiblichen Ausmaßes begann.10

Im September 1994 begann in Berlin ein Prozess gegen sieben vorwiegend türkische und kurdische Antifaschist:innen. Ihnen wurden »gemeinschaftlicher Mord und sechsfache gefährliche Körperverletzung« vorgeworfen. Im November 1994 wurden die Angeklagten zu Bewährungsstrafen von fünfzehn Monaten bis zu Haftstrafen von drei Jahren verurteilt, ein weiterer Angeklagter wurde freigesprochen. Da war Cengiz schon in Kurdistan.


Devrimci Halk Partisi

Anfang der 1990er Jahre waren viele Revolutionär:innen mit türkischer Herkunft vorwiegend von den Universitäten zur PKK gekommen. In der Parteischule diskutierte der Vorsitzende Abdullah Öcalan mit ihnen, wie die Revolution in der Türkei jenseits vom Dogmatismus großer Teile der türkischen Linken weiterentwickelt werden könnte. Der Vorsitzende schlug ihnen vor, zunächst in den Städten in der Türkei legale Gruppen aufzubauen. Dies geschah u. a. in Ege, Izmir und Istanbul. So wurde die Devrimci Halk Partisi (Revolutionäre Volkspartei, DHP) gegründet. In der Türkei breitete sie sich schnell aus. Eine ideologische Zeitschrift mit dem Namen Alternatif und einer Auflage von 20.000 wurde herausgegeben. Auch in Deutschland wurde die Gruppe aktiv und eröffnete ein Büro in Köln.

Der türkische Staat reagierte mit Repression; ab 1993 wurden viele Mitglieder festgenommen, sie bekamen hohe Haftstrafen. Ziel war es, Angst zu verbreiten. Die Genoss:innen gingen in die Berge.

Als Cengiz zur Guerilla kam, wurde ihm vorgeschlagen, sich ebenfalls der DHP anzuschließen, was er mit großer Begeisterung tat. Cengiz war entschlossen, den Kampf von den Kämpfer:innen selbst zu lernen und die Geschwisterlichkeit der Völker im Kampf zu entwickeln. Inspiriert von Kemal Pir11 nahm er zunächst den Kampfnamen Kemal an. Er wurde Teil des Guerillalebens und nach seiner zweijährigen Ausbildung zog er in die Berge Anatoliens weiter. Während seiner Zeit im Taurusgebirge erlebte er die Gastfreundschaft und Menschlichkeit der anatolischen Turkmen:innen.

Foto: https://sehidenme.net


Guerilla

Persönlich habe ich Cengiz zweimal im Winter 1995/96 für wenige Stunden getroffen. Diese Treffen, obwohl nur so kurz, haben großen Eindruck bei mir hinterlassen. Zu der Zeit hatte er den Kampfnamen Munzur angenommen. Aus meinem Tagebuch: »Ein Freund aus Deutschland ist auf dem Weg zum Logistikpunkt bei uns vorbeigekommen. Heval Munzur ist Türke und in Berlin groß geworden. Es ist wunderbar, sich mal wieder fließend auf deutsch unterhalten zu können. Er hat sich einer DHP-Gruppe (Devrimci Halk Partisi, Revolutionäre Volkspartei) angeschlossen. Die Freunde der DHP haben wir schon in der Akademie12 kennen gelernt. Sie wollen eine revolutionäre Plattform aufbauen und den Kampf in die Türkei tragen. Ihr Unterricht ist in türkischer Sprache und auch inhaltlich anders, da sie sich viel mit den Fehlern der türkischen Linken auseinandersetzen. Einige von ihnen werden bald in die Praxis gehen, in Gebiete der Türkei und nach Dersim. Heval Munzur versteht meine Schwierigkeiten. Die kurdische Kultur war ihm genauso fremd wie mir, als er vor einigen Jahren gekommen ist. In Berlin war er in der Antifa organisiert, kennt also auch die Probleme der deutschen Linken. In der BRD wurde er gesucht. Das war aber nicht der Grund, sich der Guerilla anzuschließen, es war nur ein Auslöser. Es ist offensichtlich, dass er bei der Guerilla glücklich ist. Munzur strahlt eine mitreißende Energie aus und kann es kaum erwarten, in die Kampfgebiete im Norden zu gehen. Sein größter Wunsch ist es, nach Dersim zu gehen, eine der nördlichen Provinzen Kurdistans. Dort gibt es auch Guerillakräfte linker türkischer Organisationen, z. B. der TIKKO. Was Heval Munzur mir noch mit auf den Weg geben kann, sind seine Erfahrungen: ›Es ist wichtig, dass du nie so herangehst: ›Keiner versteht mich.‹ Vielmehr musst du erst mal versuchen, die Realität aus der die Freunde kommen, zu verstehen. Das ist nicht immer leicht, aber du musst bedenken, dass die meisten von ihnen das Leben in Europa nicht kennen.‹ Die Freund:innen werden im Frühjahr in den Kampf gehen, Munzur wird auch dabei sein.«13

Cengiz‘ Ratschlag habe ich mir sehr zu Herzen genommen. Er erklärte mir, dass in unserem Gebiet etwa 30 Freund:innen bei der DHP seien, zwei Freundinnen waren im Kampf gegen die KDP (Demokratische Partei Kurdistans) im Winter gefallen, Mizgîn und Ronahî.

1997 traf ich die türkische Freundin Güneș aus der DHP in Botan wieder. Sie berichtete mir von Heval Munzur. Er sei im Juni 1996 auf dem Weg nach Dersim gefallen. Seine Gruppe war in einen Hinterhalt geraten.


Antifaschistische Organisierung versus Identitätspolitik

»Wir brauchen unabhängige Selbstorganisierung wie die Antifa Gençlik, unabhängig von staatlichen Strukturen und Parteien, nicht in Abgrenzung zueinander, sondern auf Augenhöhe. Dafür müssen neue Plattformen geschaffen werden, neue Sprachen, neue Beziehungen. Wir sind in den letzten Jahren durch identitätspolitische Haltungen auf allen Seiten – auch die deutsche Linke ist identitätspolitisch – zu sehr isoliert voneinander. Wir brauchen Solidarität. Alleine entsteht aber keine Solidarität. Wir müssen zusammenkommen und lernen, intersektional und auf Augenhöhe Politik zu machen«,14 so Garip Bali, ein Zeitzeuge aus Berlin.

Das letzte Band, dass ich zu Cengiz hatte, ist durch den Tod von Devran – Fatma Balamir – nun auch gerissen. Devran berichtete auf einer Veranstaltung in Hamburg zum Thema Aussageverweigerung, später schrieb sie auch bei Indymedia darüber.15 Scharf und berechtigt kritisierte sie die Entsolidarisierung deutscher Linker im Zusammenhang mit dem Verfahren gegen die Antifa Gençlik. Im Kaindl-Verfahren war auch Devran festgenommen worden. Sie hatte als einzige keine Aussagen gemacht. Sie war die Partnerin von Cengiz gewesen, bevor dieser nach Kurdistan gegangen war.

Cengiz‘ Leben und Kampf ist ein Gruß an alle, die Widerstand leisten, an die Antifa, die in den Straßen gegen die Faschisten kämpft, an den Guerillawiderstand der Würde und der Menschlichkeit und an alle, die entschlossen sind, den Kampf um jeden Preis für ein Leben in Würde fortzusetzen.

Alle zusammen gegen den Faschismus! 

Fotos: https://commons.wikimedia.org, https://commons.wikimedia.org


  1. https://deutsch.anf-news.com/frauen/fussballturnier-in-gedenken-an-cengiz-uluturk-in-berlin-37762 ↩︎
  2. Dort fanden zwischen dem 17. und 23. September 1991 Angriffe auf Wohnheime u.a. für Vertragsarbeiter:innen statt. Teilweise beteiligten sich bis zu 500 Personen. Die Polizei war angeblich nicht in der Lage, die Angriffe zu stoppen. ↩︎
  3. Bei dem rechtsextremen Brandanschlag am 23. November 1992 kamen Bahide Arslan, Yeliz Arslan und Ayşe Yılmaz ums Leben, neun Menschen wurden schwer
    verletzt. ↩︎
  4. Die Angriffe von Nazis zwischen dem 22. und 26. August 1992 gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZASt) und ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter:innen im sogenannten Sonnenblumenhaus waren die massivsten rassistisch motivierten Angriffe in Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkrieges. ↩︎
  5. Rechtsextremer Brandanschlag am 29. Mai 1993. Gürsün İnce, Hatice Genç, Gülüstan Öztürk, Hülya Genç und Saime Genç starben, 17 Menschen wurden schwer verletzt. ↩︎
  6. Ak wantok (hg.): Antifa Gençlik, Unrast 3. Auflage 2021, S. 14 ↩︎
  7. Ebd. ↩︎
  8. Interview Arranca Sommer 1994 ↩︎
  9. Ak wantok (hg.): Antifa Gençlik, Unrast 3. Auflage 2021 ↩︎
  10. https://lotzerswelt.noblogs.org/post/2025/12/13/fuer-fatma/ ↩︎
  11. Kemal Pir verlor sein Leben im Todesfasten von 1982. Er war türkischer Herkunft und ist einer der drei Mitgründer der PKK. ↩︎
  12. Parteischule der PKK in Damaskus ↩︎
  13. Jiyaneke din – ein anderes Leben, Köln 2003, Neuauflage bei Unrast https://unrast-verlag.de/author_herausgeber/anja-flach/ ↩︎
  14. http://freiesicht.org/2020/was-koennen-wir-vom-migrantischen-selbstschutz-der-1990er-lernen-interview-ceren-tuerkmen/ ↩︎
  15. https://de.indymedia.org/node/545421 ↩︎