Bis zum Sieg – Hungerstreik für 8-Blocks 

25. Juni 2026

Den rechten Arm von sich gestreckt, und die Finger zum Victory-Zeichen erhoben. So liegt Aristos am Abend des 24. Juni auf seiner Trage.

Rechts von ihm lockert der bunte Kalender der Community von Prosfygika neben dem kurdischen Blümchentuch, das ihm im Nacken liegt, das Weiß des Krankenhauses etwas auf. Das kämpferische aber ehrlicherweise etwas bedrückende Bild des Genossen, der über eine Maske Sauerstoff bekommt und an allerlei Infusionen hängt, brennt sich mir in den Kopf ein.


Über 400 Menschen leben derzeit in den selbstverwalteten acht Häuserblocks, die als Prosfygika bekannt sind. In den mehr als 16 Jahren ihres Bestehens ist die Community zu einem Ort geworden, zu dem Menschen aus verschiedensten Ländern mal einige Tage, mal einige Monate kommen. Einige haben nichts als Abenteuerlust auf griechische Zustände im Gepäck, andere kehren sichtlich beeinflusst zurück, oder bleiben gar da, waren sie bis dato nie mit einer so greifbaren Perspektive des gemeinschaftlichen Lebens und der Selbstorganisierung konfrontiert. Prosfygika ist nämlich weit mehr als ein Ort des Zusammenlebens, des Stundenlangen auf Assemblys Sitzens und des Renovierens – das Projekt versteht sich als einen wichtigen Impuls, quasi als Motor einer politischen Bewegung, die auch in Griechenland in den vergangenen Jahren immer mehr in die Defensive geraten ist.

Wer die Alexandras in Richtung Stadtzentrum entlangläuft, wird nach einiger Zeit zur Linken auf das abgerockte Stadion von Panathinaikos Athen stoßen, samt vieler Graffitis: Grüne Kleeblätter, Totenköpfe und Antinazi Schriftzüge prangen an den Wänden. Direkt auf der anderen Straßenseite grüßen schwarze Transparente von dem ersten der acht Häuserblocks von Prosfygika. Jene wenigen Quadratkilometer schlagen eine räumlich-kleine, aber gemessen an der Bedeutung umso bedeutendere Schneise in die griechische Hauptstadt, in der zunehmend Elend auf wachsenden Reichtum und Wohnungslosigkeit auf Turbo-Gentrifizierung trifft.

Auch wenn es sich bei Prosfygika auf den ersten Blick um ein anarchistisches Projekt handelt, so endet hier die besagte Widerständigkeit nicht an ideologischen Grenzen: Verschiedenste Organisationen sind offiziell in der Nachbarschaft vertreten, von revolutionären türkischen Organisationen bis hin zur kurdischen Freiheitsbewegung. Teilweise können sich diese in der Türkei / Nordkurdistan nicht riechen, doch werden sie in Athen durch die äußeren Bedingungen zusammengeführt und leben hier Tür an Tür. Gleiches gilt für einen Großteil der über 400 Bewohner:innen, die in der Community ein neues politisches und soziales Zuhause gefunden haben.

So kommt es auch, dass sich auf den Demos, die seit einigen Monaten für die Verteidigung des bedrohten Projekts durch die attischen Straßen ziehen, Hammer und Sichel Fahnen mit schwarzen Fahnen auf denen mit Gasmaske vermummte Vögel abgedruckt sind, kreuzen, statt übereinander herzufallen, wenn nur die Worte „Kronstadt“ oder „Spanischer Bürgerkrieg“ fallen.

We Will Win – We Won!

Vor über 140 Tage ist Aristotelis Chantzis mit der Losung „We will win or we will win“ in den unbefristeten Hungerstreik eingetreten, die ein Verweis auf die kurdische Redewendung „An serkeftin – an serkeftin“ ist. Die Botschaft, die Aristos und Suzon vermitteln, welche als zweite Person vor 56 Tagen in den unbefristeten Hungerstreik getreten ist, ist so klar, wie der griechische Himmel zu dieser Jahreszeit: Entweder werden wir siegreich sein oder siegreich sein. Scheitern ist demnach keine Option und der verkündete Wille zum Erfolg richtet sich nicht am Schicksal des Einzelnen aus, sondern wird über Generationen gedacht und materialisiert sich in der realen Bewegung.

Wenn du es einmal über die viel befahrene Alexandras geschafft hast, am Fenster vorne links klopfst und Aristos auf eine Zigarette auf den Balkon kommt, erzählt er dir nicht umsonst von dem Wirken der kurdischen Revolutionär:innen im Gefängnis in Amed oder dem Widerstand der Falken der Berge, den Partisanen im Kampf gegen die Besatzung durch Nazi-Deutschland und ihre griechischen Kollaborateure. Auf den durch den Hunger eingefallenen Lippen wird die Geschichte lebendig und tritt in die Gegenwart, wenn seine braunen Augen zu leuchten beginnen.

Am vergangenen Montag, dem 138. Tag des Hungerstreiks, musste Aristos, der lediglich 35 Kilo wiegt, aufgrund einer Verschlechterung seines Zustands und der Ausbildung einer akuten Erkrankung des Zentralen-Nervensystems, ins Krankenhaus überbracht werden. Einen Tag später strömten tausende Unterstützer:innen des Projekts und der Hungerstreikenden zum Syntagma-Platz und zum Krankenhaus.

Zwei Tage nach Aristos‘ Einlieferung ins Krankenhaus verbreitete sich am Abend in Windeseile eine kurze Videosequenz, auf der Suzon den im Rollstuhl sitzenden Aristos umarmt, ihm über den Kopf fährt – We won! Am selbigen Abend hatte der attische Stadtrat nach Monaten der Untätigkeit, des Aussitzens und des Verhängens von Verboten der medialen Berichterstattung getagt und dafür gestimmt, dass die Forderungen der Widerständigen von Prosfygika erfüllt werden und die Pläne der Gentrifizierung erst einmal zum Stoppen kommen. Unterdessen ist der Zustand von Aristos weiterhin kritisch und er muss über eine Maske Sauerstoff bekommen. 

Egal was kommen mag, der Kampf wird nicht zu Ende sein. Dass er aufgenommen wurde und in dieser Etappe siegreich war, ist den Hungerstreikenden zu verdanken, die unter Einsatz ihres Lebens die Pläne zur Zerstörung der Community stoppen konnten und damit ein Signal entsenden, nämlich, dass wir durchaus in der Lage sind, Siege zu erkämpfen.