Braun statt Rot – Rechte Betriebsräte im Aufwind?

20. Mai 2026

Zwischen März und Mai wurden in Tausenden Betrieben in ganz Deutschland neue Betriebsräte gewählt. Die diesjährigen Wahlen spiegeln auch eine politische Entwicklung wider: Immer mehr Arbeiter wählen rechts. Auch bei den Betriebsratswahlen konnten rechte Listen zusätzliche Sitze gewinnen. Dabei spielte die rechtsradikale Pseudogewerkschaft Zentrum eine zentrale Rolle.

von Mathias H.


In zwei Wochen enden die Betriebsratswahlen. Die alternative Gewerkschaft, wie sie sich selbst nennt, feierte bereits im März erste Erfolge. Laut eigenen Angaben konnte Zentrum im Vergleich zu den Wahlen von 2022 nicht nur drei zusätzliche Mandate gewinnen, sondern auch insgesamt vier neue Mandate in Ingolstadt und Braunschweig erringen. Allerdings werden nicht alle Mandate veröffentlicht. Häufig tritt Zentrum mit getarnten Listen zur Wahl an, die nicht unmittelbar als Teil der rechten Pseudogewerkschaft erkennbar sind und zunächst Vertrauen sowie Mitglieder innerhalb der Belegschaft gewinnen sollen. Schließlich könnten die Verbindungen von Zentrum zur deutschen Neonaziszene sowie zur Alternative für Deutschland auf viele Beschäftigte abschreckend wirken.

Verbindungen in die rechte Szene

Gegründet wurde der Verein Zentrum (früher Zentrum Automobil) Ende 2009 in Baden-Württemberg von Oliver Hilburger, dem Gitarristen der mittlerweile aufgelösten Rechtsrockband „Noie Werte“. Hilburger selbst ist seit gut zwei Jahrzehnten freigestellter Betriebsrat in einem Daimler-Werk in Baden-Württemberg und bis heute das Gesicht der Pseudogewerkschaft. Vor seiner Tätigkeit bei Zentrum war er in der Christlichen Gewerkschaft Metall (CGM) aktiv, die ihn aufgrund seiner Aktivitäten in der Neonaziszene ausschloss. So soll seine Band „Noie Werte“, deren Lieder unter anderem in Bekennervideos des NSU verwendet wurden, maßgeblich zur Ausweitung des Neonazi-Netzwerks Blood & Honour in Deutschland beigetragen haben. Zudem unterhält Hilburger gute Beziehungen zu den Kleinstparteien Die Heimat (ehemals NPD) und dem III. Weg, aber auch zu einzelnen AfD-Politikern sowie weiteren europäischen Gewerkschaften des rechten Randes.

Auch nach seiner Zeit bei der CGM sucht Hilburger mit Zentrum die Nähe zur radikalen Rechten. So gehören dem Vorstand von Zentrum neben dem sächsischen Separatisten Frank Neufert (Freie Sachsen) auch einige nachrangige AfD-Politiker wie Jens Keller (Zentrum Nord), Andreas Brandmeier oder Lars Bochmann (Zentrum Ost) an. Unter den weiteren Vorstandsmitgliedern befinden sich laut Recherchen außerdem mehrere Anhänger der Neonaziszene, die insbesondere in den 1990er-Jahren in verschiedenen Kameradschaften und Skinhead-Gruppen aktiv gewesen sein sollen1.

Des Weiteren zählen zu den Unterstützern von Zentrum einige AfD-Politiker wie Matthias Helferich, Christina Baum oder der in Stuttgart lebende Marcus Frohnmaier. Immer wieder werben sie öffentlich für eine Mitgliedschaft in der tarifunfähigen Gewerkschaft oder nutzen die Öffentlichkeit rund um Zentrum für ihren eigenen Wahlkampf – zuletzt etwa in Baden-Württemberg.

Gewerkschaftliches Profil

Das erklärte Ziel der alternativen Gewerkschaft Zentrum ist der stetige Ausbau ihrer sozialen Stärke durch steigende Mitgliederzahlen und die damit verbundene Konkurrenz zu den traditionellen Gewerkschaften. Oder, um es mit den Worten eines AfD-Politikers zu sagen: sozial zu sein, „ohne rot zu werden“. Dafür bietet der Verein auf seiner Website vermeintlich kompetente Beratung, Schulungen für Betriebsräte, Bildungsveranstaltungen und sogar die Zahlung von Streikgeldern an.

Inhaltlich ist Zentrum jedoch nicht besonders breit aufgestellt. Immer wieder erscheinen kürzere Beiträge oder Interviews auf der Website. Im Fokus stehen dabei vor allem die Diffamierung anderer Gewerkschaften sowie eine konsequente Ablehnung der Elektromobilität. Zentrum ist insbesondere in den Transformationsregionen der Automobilbranche vertreten, die sich durch einen tiefgreifenden Strukturwandel auszeichnen – also in Wirtschaftsgebieten, in denen künftig beispielsweise E-Motoren anstelle von Verbrennungsmotoren produziert werden sollen. In diesen Regionen, in denen auch die AfD überdurchschnittlich gut abschneidet, versucht die Pseudogewerkschaft zu punkten, indem sie Ängste unter den Beschäftigten schürt und an die Narrative der AfD zur sogenannten ökologischen Transformation anknüpft, ohne dabei konkrete Gegenentwürfe oder Forderungen zu formulieren.

Lediglich einige wenige Texte spiegeln die politischen Positionen der Gewerkschaft wider, darunter die Ablehnung des Tariftreuegesetzes oder die Forderung nach einem flexiblen Renteneintrittsalter. In einem Beitrag kritisiert Zentrum die deutsche Kriegswirtschaft – als argumentative Vorlage diente dem Autor jedoch ein in den Quellen angegebener Artikel der jungen Welt. Allgemein sucht man auf den Kanälen der Pseudogewerkschaft vergeblich nach eigenen anschlussfähigen Forderungen oder fundierten Analysen. Eine tiefere Auseinandersetzung mit sozialökonomischen Themen oder rechten Gegenerzählungen findet man in den Kanälen von Zentrum recht selten.
Wie dünn die inhaltliche Grundlage von Zentrum tatsächlich ist, zeigte sich besonders deutlich in einer Studie, die zwischen 2016 und 2024 sämtliche Nachrichten und Meldungen der Gewerkschaft kategorisierte. Die Themenanalyse ergab, dass lediglich 7,3 Prozent der von Zentrum behandelten Inhalte klassische Gewerkschaftsthemen betrafen. Mehr als die Hälfte der Themen enthielt hingegen verschwörungsideologische oder pandemiekritische Inhalte.

Ein zahnloser Verein

Trotz mittlerweile 17 Jahren politischer Arbeit bleibt die Bilanz von Zentrum überschaubar. Die Pseudogewerkschaft ist kaum über die Organisierung einzelner Bereiche der Automobilindustrie hinausgewachsen und verfügt nach eigenen Angaben bundesweit über weniger als 30 Betriebsratsmandate. Selbst wenn man zusätzliche Mandate auf Tarnlisten einrechnet, bleibt ihr Einfluss marginal im Vergleich zur Gesamtzahl der Betriebsratssitze in Deutschland. Auch die Versuche, in weiteren Branchen wie Gastronomie, Bildung, öffentlichem Dienst oder Gesundheitswesen Fuß zu fassen, scheinen bislang weitgehend erfolglos geblieben zu sein. Nennenswerte Aktivitäten beschränken sich überwiegend auf kleinere Vortragsveranstaltungen mit überschaubarem Publikum.

Besonders auffällig ist dieses schwache Wachstum angesichts des gesellschaftlichen Rechtsrucks der vergangenen Jahre. Während die AfD in vielen Regionen Deutschlands zur stärksten Kraft aufsteigt und auch unter gewerkschaftlich organisierten Arbeitern hohe Wahlergebnisse erzielt, gelingt es Zentrum kaum, daraus politischen oder organisatorischen Nutzen zu ziehen. Der von Zentrum selbst ausgerufene „Erfolg“ ist daher eher eine Selbstinszenierung als Ausdruck realer gesellschaftlicher Verankerung.

Das liegt auch daran, dass Zentrum im Gegensatz zu traditionellen Gewerkschaften letztlich wenig anzubieten hat. Während große Gewerkschaften trotz ihres zunehmend zahnlosen Arbeitskampfes zumindest über gewachsene Strukturen, Rechtsschutz, Tarifverträge oder Streikunterstützung verfügen, bleibt Zentrum vor allem ein politisches Projekt. Die Organisation lebt weniger von konkreter Interessenvertretung als von Empörung, Kulturkampf und ihrer Anschlussfähigkeit an rechte Milieus. Gleichzeitig zeigt der Erfolg rechter Betriebsratslisten auch die wachsende Entfremdung vieler Beschäftigter von den etablierten Gewerkschaften. Sozialpartnerschaftliche Kompromisse, defensive Tarifpolitik und die mangelnde Antwort auf Unsicherheit und Strukturwandel haben in Teilen der Belegschaften ein politisches Vakuum entstehen lassen, an das rechte Akteure wie Zentrum anknüpfen können.

Trotzdem fällt die tatsächliche Unterstützung für Zentrums-Mitglieder recht begrenzt aus, das zeigen auch Berichte ehemaliger Mitglieder. Immer wieder wird davon berichtet, dass versprochenes Streikgeld ausblieb und Beschäftigte gezwungen waren, Urlaubstage oder Überstunden einzusetzen2. Besonders deutlich wird dies am Fall eines Arbeiters aus der Gastronomie, der mit Unterstützung von Zentrum gegen ein schlechtes Arbeitszeugnis vorgehen wollte3. Laut seiner Schilderung erhielt er unzuverlässige Beratung sowie die Zusage, sämtliche Kosten würden übernommen. Gleichzeitig sollte er zunächst ohne juristische Vertretung auskommen. Als er für den Gerichtstermin schließlich doch anwaltliche Unterstützung verlangte, empfahl Zentrum unter anderem die AfD-Kreisrätin Martina Böswald als Anwältin. Schlussendlich suchte sich der Arbeiter einen eigenen Anwalt – die Kosten musste er jedoch selbst tragen.

Gerade darin zeigt sich der Widerspruch rechter Pseudogewerkschaften besonders deutlich: Sie geben sich als soziale Alternative, verfügen aber weder über die organisatorische Stärke noch über die materiellen Mittel, um die Interessen von Beschäftigten dauerhaft zu vertreten. Ihr Einfluss entsteht daher weniger durch erfolgreiche Gewerkschaftsarbeit als durch politische Stimmungsmache und die Verschiebung gesellschaftlicher Debatten nach rechts.

Weitere Artikel von Mathias H.: Arbeiterpartei AfD? Warum immer mehr Arbeiter*innen AfD wählen

  1. Der rechte Rand (2018): Angriffe auf Gewerkschaften und Betriebsräte von Rechts, Ausgabe 171/2018. ↩︎
  2. Strauch, Jan (2018): Zentrum Automobil – Kein Durchbruch, in: der rechte Rand 171/2018. ↩︎
  3. Hunger, Anna (2026): Pseudogewerkschaft Zentrum: Mitglied fühlt sich „verarscht“ und tritt aus, in: Kontext Wochenzeitung Ausg. 776. ↩︎

Foto: https://www.pexels.com/photo/soviet-era