Der 1. Mai in der DDR

28. April 2026

Jeanette und Ulf sind in der DDR, in Brandenburg an der Havel und Berlin, geboren und aufgewachsen. Beide waren von den Pionieren, der FDJ, bis zur Gesellschaft für Deutsch-Sowjetischen Freundschaft und später der SED Teil der verschiedenen Organisationen der DDR. Mit der „Wende“, sprich der Abwicklung und Übernahme der DDR durch die Bundesrepublik Deutschland und den Ausverkauf durch die sogenannte „Treuhand“ hat sich das Leben für beide grundlegend verändert. Heute leben sie in Königs-Wusterhausen und sind aktive Mitglieder der Roten Hilfe und der Familien für den Frieden.

In einem gemeinsamen Gespräch, einige Tage vor dem diesjährigen 1. Mai, rekonstruieren wir den „Internationalen Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus“ in der Deutschen Demokratischen Republik und die Frage, was tatsächlich dran war an den Losungen des erklärten Arbeiter-und-Bauern-Staates.


Zu Beginn, wie können wir uns euer Aufwachsen in der DDR vorstellen?

Jeanette: Wir sind sehr behütet aufgewachsen. Ich war auf der Polytechnischen Oberschule und bin nach der 8. Klasse zur erweiterten Oberschule delegiert worden. Dort habe ich dann Abitur gemacht. Meine Bekannten und ich waren erst bei den Jungpionieren und später bei den Thälmannpionieren. Wir waren in gewisser Weise stolz darauf. Neben Sport und Spiel wurden wir auch an Politik herangeführt. Wir haben uns mit Biografien von Widerstandskämpfern auseinandergesetzt und sind auch zu Rentnern gegangen, die im kommunistischen Widerstand waren. Im sogenannten FDJ-Studienjahr haben wir uns mit den Schriften von Marx, Engels und Lenin beschäftigt. Manchmal haben wir das nicht ganz gerne gemacht. Wir hatten nämlich immer geglaubt, der Sozialismus habe gesiegt und uns könne nichts mehr passieren.

Natürlich sind einem beim Aufwachsen auch die Widersprüche der DDR aufgestoßen, wie der Widerspruch mit dem, was beispielsweise in der „Aktuellen Kamera“ berichtet wurde. Es hieß nämlich, dass es immer weiter vorwärtsgeht. Im täglichen Leben waren aber bestimmte Artikel in den Geschäften nicht verfügbar. Manche Sachen waren nur über Beziehungen zu kriegen, während von dem erhöhten Lebensniveau der Bevölkerung gesprochen wurde. Manchmal hieß es dann: „Mensch Genossin, das können wir ja nicht so offen kommunizieren, weil der Klassenfeind hört mit“.

Ulf: Ich war auch bei den Pionieren und der FDJ. Ich hatte da bei einem Mathewettbewerb teilgenommen und hatte auf Anhieb den dritten Platz im Stadtbezirk und bin in den Klub junger Mathematiker gekommen, der von Mathelehrern unterschiedlicher Schulen betreut wurde. Durch Treffen an den Schulen haben sich alle kennengelernt und wir sind zusammen in Ferienlager gefahren. Unser Lehrer hatte uns auch an nicht-offiziellen Badestellen baden lassen. Das hat eben Spaß gemacht. Der Unterschied zu heute ist, dass man sich trotz der angesprochenen Mangellage untereinander geholfen hat und die Bedürfnisse dann irgendwie gedeckt hat. Im Betrieb wurde man von den Kollegen gedeckt, wenn man früher irgendwo hinmusste, wo eine neue Lieferung von Gütern gekommen ist. Das war ein ganz anderer Zusammenhalt. Heute würde man da einen Knüppel in die Beine kriegen.

Die Vergabe von Wohnungen wurde staatlich gelenkt. Weil wir jung verheiratet waren und ein Kind auf dem Weg war, sind wir in eine Dringlichkeitskategorie gekommen und haben dann schnell eine sanierungsbedürftige Wohnung bekommen. Die KWV (Kommunale Wohnungsverwaltung) hat sich um Teile der Renovierung gekümmert und wir uns auch. Wir haben da auch nicht geguckt was das kostet, wo man sich heute mit den Vermietern gar nicht einigen könnte. Für die Wohnung haben wir 67 Mark Miete gezahlt während ich bei meiner ersten Arbeit als Student ein Stipendium von 700 Mark bekommen habe. Später bei der Lampenfabrik war mein Einstiegsgehalt 1400 Mark.

Jeanette: Als jung Verheiratete haben wir den zinslosen Ehekredit von 10.000 Mark bekommen, der in jeweils ausgehandelten Raten abgezahlt wurde. Bei den ersten beiden Kindern wurde einem jeweils ein Teil erlassen und beim dritten Kind war der Kredit quasi abgegolten. Dadurch haben wir sowas wie Möbelkauf hingekriegt. Unser Lohn war auch fast gleich, das heißt, wenn unser Kind krank geworden ist, konnten wir und entscheiden, wer von uns beiden auf es aufpassen kann. Dadurch haben sich auch andere Beziehungen zwischen Männern und Frauen herausgebildet. Einmal bin ich mit meinem kranken Kind beim Kinderarzt aufgelaufen und nur Männer haben mit ihren kleinen Kindern dagesessen. Als ich die Schwester dann gefragt hab, wie sie das findet, meinte sie, dass sie das gut findet. Ich hab mich auch gefreut, wenn ich den Kinderwagen nicht selbst aus dem Keller schleppen musste.

Wie ist der „Internationale Kampf- und Feiertag der Werktätigen“ in der DDR abgelaufen? 

Ulf: In der Unterstufenzeit bin ich meistens mit meinem Vater mitgegangen. In Berlin ging die Demonstration um 10 Uhr los. 9:30 war der Treffpunkt und ich bin mit zum Betrieb von meinem Vater gefahren. Die Aufstellung der Demonstration war immer betriebsweise. Bis in die 70er Jahre hat die Demonstration mit einer Militärparade angefangen und die ist an den Tribünen vorbeigefahren. Auf der einen Seite hat die Parteiführung gesessen und auf der anderen Seite anderen ausgewählte Personen. Dort waren beispielsweise Kollektive, die eine gute Arbeit geleistet haben. Dann liefen die Betriebe und ein Sprecher hat sowas gesagt wie „Wir begrüßen die Werktätigen des Betriebs für Fernsehelektronik, die mit erfüllten Plänen …“ und „Sie leben hoch!“.

Wenn das durch war, hat meistens an dem Tag die Campingausstellung in Grünau eröffnet, dann ist man dahin gefahren, oder einfach in den Schrebergarten. Ein Jahr war ich mit meiner Mutter auf der Tribüne. In diesem Jahr war der Krieg in Vietnam vorbei. Am 30. April war Saigon frei und da war natürlich super Stimmung, weil der Krieg zu Ende und die Amis besiegt waren.

Jeanette: In Brandenburg an der Havel war das ähnlich. Meistens sind wir mit unserem Vater mitgelaufen. Später sind wir in Brandenburg auch zur Eröffnung der Campingausstellung gegangen. Hinterher hat man sich oft mit Freunden und Nachbarn getroffen und Kaffee getrunken und gegrillt.

Natürlich wussten wir um die Bedeutung des 1. Mais. Ebenso dachten wir aber, dass der Sozialismus ja gesiegt hätte und dass wir dann einfach an der Tribüne vorbei latschen und unserem SED Bezirks- oder Kreissekretär zuwinken. Vorher wurden in der Zeitung die offiziellen Losungen verkündet, die dann auf der Tribüne gerufen wurden wie „Der Sozialismus er lebe hoch hoch hoch!“. Als Kind hat man noch Fähnchen bekommen, die man stolz getragen hat. Später als FDJler hat man sich auch manchmal davor gedrückt ein Bild von Erich Honecker tragen zu müssen. Das musste man nämlich hinterher wieder abgeben und erstmal die Stelle suchen, wo die eingesammelt werden.

Immer wenn ich die Maidemonstrationen in den kapitalistischen Ländern gesehen habe, habe ich die ein bisschen beneidet, weil ich mir gedacht habe, die wissen, wofür sie kämpfen. Das war auch eine der Illusionen, die wir gehabt haben. Unterm Strich war es aber einfach ein schöner Tag.

In anderen Zeitungsartikeln wird davon gesprochen, dass die DDR mit einer Mischung aus Druck und Verlockung versucht hat die Massen zu mobilisieren. Was ist da dran? 

Jeanette: Es gab natürlich moralische Appelle, von wegen, „Geht dahin, wir stehen im Klassenkampf“. Ich persönlich war davon überzeugt. Wenn man nicht hingegangen ist, wurde man unter anderem im Betrieb mal von der Prämie ausgeschlossen. Das war dann aber erst später. 

Es wird auch von Gratiswürsten gesprochen, welche die Leute locken sollten. 

Ulf: Das ist mir nicht bekannt, dass es da Gratiswürste gab. Am Ende gab es manchmal irgendwo eine Gulaschkanone, aber das musste man auch bezahlen. Weil da aber auch die Schlangen zu lange waren, haben wir uns da nie angestellt. 
Im Laufe der Zeit, irgendwann spätestens Mitte der 80er fielen die Militärparaden in Berlin weg. In den 70er Jahren fuhren da Panzer oder LKWs mit Kanonen drauf. Von der NVA ist vielleicht noch ne Hundertschaft marschiert und dann kamen Matrosen. Hintendran kamen dann die Arbeiter und Angestellten. 

Was hat sich denn in dem 40-jährigen Bestehen der DDR am 1. Mai geändert?

Jeanette: Der 1. Mai wurde mehr formalistisch. Die Parolen von der ständigen Verbesserung des Sozialismus und der ständigen Verbesserung der Lebensverhältnisse der Werktätigen hat zum Ende eher schablonenhaft gewirkt. Man hatte das Gefühl, das reicht nicht. Auf der anderen Seite gab es aber auch die internationale Solidarität und das war immer ehrlich. Wie in den 70er Jahren die chilenischen Migranten aufgenommen wurden (Nach dem Militärputsch durch Pinochet 1973 kamen etwa 2000 chilenische Flüchtlinge in die DDR, Anm.d.Red.) und die Solidarität mit Angola und Nicaragua. Diese Aktionen waren selbstverständlich. Das war bis zum Schluss ehrlich. 

Ulf: Ein paar Sachen sind erst hinterher herausgekommen. 1986 gab es fast ein Jahr den Bergarbeiterstreik in Großbritannien und es wurde keine Kohle mehr hochgeholt. Die DDR hat dem Streik viel Solidarität zukommen lassen. Das lief aber nicht direkt, sondern über Libyen über Gaddafi. Der hat das Geld irgendwie nach England gebracht. Gleichzeitig hat Polen Steinkohle nach England geliefert, damit dort die Hochöfen nicht ausgehen, hat also diesen Streik hintergangen. 

Wie habt ihr neben den offiziellen Losungen die Wertschätzung für Arbeiter:innen im Osten wahrgenommen? 

Jeanette: Zum 1. Mai oder zum Tag der Republik oder Tag der Werktätigen der Lebensmittelindustrie gab es Auszeichnungen für besonders gute Planerfüllungen. Die höchste Auszeichnung war „Der Aktivist“ oder eben die Auszeichnung „Brigade der sozialistischen Arbeit“. Prämien hingen da auch dran und Feste wurden in den Betrieben organisiert. Die Arbeit hatte im ganzen Denken einen sehr hohen Stellenwert.

Ulf: Die Gleichstellung von Frauen ist nie besonders betont worden, aber es ist mega gelebt worden. In dem Labor wo ich gearbeitet habe, in dem Glühlampenbetrieb, waren fast nur Frauen und das Arbeitsverhältnis war immer von Hilfsbereitschaft geprägt. Auch in der Kindererziehung haben allmählich mehr Männer begonnen zu arbeiten. Es gab auch den DFB, den Demokratischen Frauen Bund und da konnten auch Männer Mitglied sein.

Jeanette: Bei der Gleichberechtigung war man schon ne ganze Ecke weiter. Bei meiner ersten Arbeitsstelle war es eine reine Frauenbrigade. Die einzigen Männer waren der Abteilungsleiter und der stellvertretende Abteilungsleiter. Als ich frisch im Betrieb angefangen hab, meinten meine älteren Kolleginnen: „So Jeanette, streng dich mal an, damit auch die Abteilungsleitung in Zukunft von Frauen gemacht wird“. Es gab auch Frauenförderungspläne, bei denen man Unterstützung in Form von Lehrgängen oder auch Unterstützung bei der Kinderbetreuung bekommen hat. Auch für technische Berufe, also traditionelle „Männerberufe“ wurden explizit Frauen angeworben. Beispielsweise im Stahlwerk in Brandenburg an der Havel war zuletzt die Ausbildung zum Zerspanungsfacharbeiter mit Abitur fast paritätisch besetzt.

Teilweise hatten es Frauen in solchen Berufen aber auch schwer und mussten mehr leisten als die Männer. Es gab aber auch Anerkennung dafür und Ermunterungen stark zu bleiben. In dem Buch „Franziska Linkerhand“ wird sich viel damit auseinandergesetzt. In Film, Fernsehen und Literatur wurden diese Sachen viel thematisiert. Den Film „Paulines zweites Leben“ kann ich da sehr empfehlen“. Die Gleichberechtigung sollte auch in die Familie getragen werden. Das Scheidungsrecht in der DDR war diesbezüglich sehr fortschrittlich. Ich hab mal bei einem Vortrag die Aussage aufgegriffen: „Klar ist die hohe Scheidungsrate blöd, aber die Frauen lassen sich eben nicht mehr alles gefallen und wenns der Alte zu bunt treibt, dann schmeißen ihn eben die Frauen raus“.

Wie hat sich der 1. Mai nach der Wende verändert und wie blickt ihr heute auf diesen Tag? 

Jeanette: Die Leichtigkeit ist weg, die der Tag mal hatte. Heute ist der Opportunismus der Gewerkschaften auf dem 1. Mai allgegenwärtig, von wegen „Wir bringen den Kapitalismus zum Wanken“. Dann gibt es noch die alternativen 1. Mai Demos, wie in Berlin, wo immer ein riesiges Polizeiaufgebot angekarrt wird und die Leute massiv verdrischt. Ich finde, es ist wichtig, den 1. Mai als Kampftag zu behalten und in seiner Umgebung darauf zu wirken, dass es ein politischer Tag bleibt. Hier in KW (Königs Wusterhausen) wurden wir als Rote Hilfe von der Gewerkschaft des Platzes verwiesen. Nun organisieren wir selber eine kleine Demo. Dabei sind auch ein paar Gewerkschafter, die sich gegen die offizielle DGB-Politik zur Wehr setzen. Kommt gerne vorbei!

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