Einleitung von Interbrigadas e.V.
Seit 65 Jahren ist Kuba einer wirtschaftlichen Blockade ausgesetzt, die das Land ökonomisch quasi isoliert. Mit dem Zerfall der UdSSR verlor die Insel einen der wenigen und damals wichtigsten Handelspartner. Es folgte die schwerste Wirtschaftskrise in der kurzen Geschichte des karibischen Sozialismus, die trotz zwischenzeitlicher Verbesserungen bis heute andauert.
Ohne absehbares Ende des Sanktions-Würgegriffs der USA sah sich die kubanische Regierung in den letzten Jahren dazu gezwungen, Liberalisierungsmaßnahmen zu ergreifen, – z. B. kleine private Unternehmensgründungen, Öffnung des Marktes für ausländisches Kapital – um die drastischsten Konsequenzen der Versorgungskrise abzufedern. Trotzdem erschweren Lebensmittel- und Medikamentenknappheit sowie regelmäßige Stromausfälle das Leben der Kubaner:innen seit vielen Jahren.
Die diesjährige US-Intervention in Caracas zündete eine neue Eskalationsstufe gegen Kuba. Venezuela und andere Öllieferanten wie Mexiko wurden gezwungen, ihre Lieferungen einzustellen. Trotz mehrerer Hilfspakete – aus China, Mexiko oder Ecuador – kann Kuba ohne Öl wesentliche Dienstleistungen nicht mehr sicherstellen, u. a. die Gesundheitsversorgung oder das Bildungssystem. Es droht eine humanitäre Katastrophe.
Kurz vor dem mehrtägigen Blackout, bei dem Ende März mehrfach das komplette Stromnetz zusammengebrochen war, kam es erneut zu Demonstrationen auf der Insel, teils zu Gewaltausbrüchen. Mitte März begannen Verhandlungsgespräche mit den USA, mit Vermittlung u. a. des Vatikans. Daraufhin kündigte die kubanische Regierung eine vorsichtige wirtschaftliche Öffnung an – Exilkubaner dürften nun privat in Kuba investieren. Doch eine diplomatische Lösung ist nicht gesichert – die USA und Israel haben ja den Iran während laufender Verhandlungen angegriffen. Im Januar bereitete sich der kubanische Nationale Verteidigungsrat auf den “Ernstfall” eines militärischen Angriffes vor. Donald Trump äußerte sich außerdem wiederholt über einen möglichen Regimechange. Kurz: Die Zukunft Kubas ist unklar.
Von Beginn an war Kuba ein internationalistisches Projekt: Die kubanische Revolution sollte über die Karibik hinausgehen. Deswegen unterstützte Kuba Guerillabewegungen gegen Militärdiktaturen in Lateinamerika und antikoloniale Kämpfe in Afrika. Das Land gründete auch die größte lateinamerikanische Medizinuniversität, die ELAM, um bedürftige Länder mit ausgebildeten Ärzt:innen zu versorgen.
Kuba hat sich immer international solidarisch gezeigt. Jetzt muss sich die Welt mit Kuba solidarisch zeigen. Da die größten Probleme mit der blockierten Energieversorgung zusammenhängen, setzt die Solidaritätsbewegung Deutschlands genau dort an. Die Kampagne “Hände weg von Lateinamerika” und “Licht und Energie für Kubas Krankenhäuser” wurden ins Leben gerufen, um Solarpanels zu kaufen und in Kuba zu installieren. Interbrigadas e.V. mobilisiert für eine Brigade im Oktober 2026.
Interview mit Grasa Guevara, vom Bloque Latinoamericano und Teil des ‚Convoi Nuestra América‘
In der letzten Woche ist der ‚Convoi Nuestra América‘ auf Kuba angekommen und du warst Teil davon. Was hat es mit dem Convoi auf sich?
Zum Convoi gehörten politische und soziale Organisationen sowie Einzelpersonen aus aller Welt. Fast 500 Menschen haben sich beteiligt. Wir alle stehen in Solidarität mit Kuba und gegen die imperialistische Politik von Trump. Auf dem Convoi herrschte eine sehr kämpferische Stimmung und Begeisterung. Mit unserer Ankunft konnten wir mehr als 30 Tonnen Hilfsgüter abgeben, darunter insbesondere Medikamente, Menstruationstassen und Solarmodule. Schon in Deutschland wurde dafür die Kampagne „Licht und Energie für Kubas Krankenhäuser“ gestartet.
Wie war die Stimmung bei eurem Eintreffen?
Die Stimmung auf den Straßen war bei unserer Ankunft sehr kämpferisch. Wir sind durch Havanna gezogen und haben an verschiedenen Veranstaltungen teilgenommen. Es gab viele Austauschveranstaltungen, sowohl mit staatlichen als auch gesellschaftlichen Organisationen und Diskussionen zur gemeinsamen Strategieentwicklung. Wir haben uns beispielsweise mit dem ICAP, dem Institut für Völkerfreundschaft, ärztlichen Organisationen und auch Cenesex, dem Nationalen Zentrum für Sexualitäts-Bildung getroffen, das viel für Abtreibungsrechte und die Rechte queerer Menschen macht. Die kubanische Politik ist in dieser Hinsicht die progressivste auf der Welt. Sie haben beispielsweise ein Identitätsgesetz und auch das Recht von gleichgeschlechtlicher Ehe. Wir haben uns ebenso mit dem Martin Luther King Zentrum getroffen, welches mit Methoden der Educación Popular arbeitet.
Mit der Flotilla nach Gaza und all den großen Mobilisierungen konnten wir auf den Völkermord in Palästina aufmerksam machen und es gab eine wachsende Solidaritätsbewegung gegen den Krieg.
Mit unserem Convoi haben wir nun Hilfsgüter nach Kuba gebracht. Unser Hauptziel war es dabei, Solidarität zu zeigen und Aufmerksamkeit zu schaffen, weshalb viel Social-Media-Arbeiten gemacht wurden. Dabei war es uns wichtig, Vorurteile gegenüber Kuba abzubauen, nach denen Kuba eine Diktatur sei. Dieses Bild wird vor allem durch die US-amerikanische Propaganda gezeichnet.
Kannst du uns etwas zur Lage auf Kuba erzählen?
Natürlich gibt es Ermüdungen nach mehr als 60 Jahren der Wirtschaftsblockade und einer erneuten Energieblockade. Den Menschen soll weisgemacht werden, dass das Leben der Kubaner:innen wegen der staatlichen Politik und den Umverteilungen schwer ist. In Wahrheit aber liegt die miese Versorgungssituation darin begründet, dass das Land mit der größten Volkswirtschaft der Welt, das nur 90 Meilen entfernt von Kuba liegt, alles dafür tut, um Kuba zu isolieren.
Auf Kuba kann man trotzdem den Kampf um Würde und Souveränität spüren. Die Solidarität unter den Menschen ist etwas Alltägliches. Jeden Tag gibt es aber Stromausfälle. Davon sind auch Krankenhäuser betroffen. Beispielsweise müssen Inkubatoren, in denen Neugeborene sind, für den Wärmeerhalt in Decken gewickelt werden. Die Stimmung ist kämpferisch, aber die Situation ist schon schockierend.
Es gibt auch Menschen, die Wut aufgrund der prekären Situation haben. Dabei bestehen zwei Narrative: Die Einen sagen, dass es die Schuld der kubanischen Regierung sei. Die Anderen sagen, dass die Wirtschaftsblockade ausschlaggebend für die Situation ist. Ich meine, dass in etwa 80 Prozent der Probleme darauf zurückgehen. Kuba ist auf der „Terrorliste“ der USA und natürlich gibt es die Energieblockade. Das bedeutet, dass Kuba beispielsweise keine Güter einkaufen kann, die zu mehr als 10 % in den USA hergestellt wurden. Wenn beispielsweise ein Schiff in Kuba anläuft, darf es danach für sechs Monate nicht in den USA vor Anker gehen.
Natürlich gibt es auch Fehler der Regierung, aber wenn wir uns die Bedingungen angucken, unter denen sie handelt, dann muss man verstehen, dass Kuba nicht den Zugang zu Ressourcen wie die meisten anderen Ländern haben. Zuerst müssen also die Blockade und die Listung Kubas als terroristisch aufgehoben werden. Später dann können wir über die Fehler der Regierung sprechen.
Wie hast du die Auswirkungen des israelisch-US-amerikanischen Kriegs gegen den Iran auf Kuba wahrgenommen?
Die imperialistischen Akteure treten so viele Konflikte und Kriege los, dass es nur sehr schwer möglich ist, sie alle gleichzeitig zu verfolgen. Natürlich führt der Krieg im Iran dazu, dass sich humanitäre Krisen entwickeln und verschärfen. Der Anstieg des Ölpreises macht es auch immer schwieriger für die Insel, Alternativen zu finden und das Energie- und Verkehrssystem aufrechtzuerhalten. Ich denke aber, dass jetzt gerade eine Chance besteht, eine internationalistische Antikriegsbewegung zu gründen. Was gerade auf Kuba passiert, ist ein Krieg – nur ohne Waffen. Wir haben die Verantwortung, uns zusammenzuschließen und gegen den Imperialismus, dessen Militärpolitik und gegen die Wirtschaftsblockaden zu kämpfen.
Im Angesicht der von Donald Trump geäußerten Kriegsdrohungen gegenüber Kuba habe ich gesehen, dass viele Menschen, darunter auchpersönliche Bekannte, bereit sind sich zu bewaffnen und zu verteidigen. Dazu gehören auch Künstler:innen, wie Silvio Rodríguez. Im Angesicht der jetzigen Situation sollten wir von unserer Seite Druck auf die deutsche Regierung und Europäische Union aufbauen. Humanitäre Hilfe muss nach Kuba geliefert werden, aber auch Schritte unternommen werden, um diese Kriege zu stoppen.
Kannst du die wirtschaftliche Öffnung Kubas für ausländisches Kapital für uns vor diesem Hintergrund einordnen?
Kuba hat eine Mischung aus Sozialismus und kapitalistischem Markt. Durch die Blockaden und Embargos kann der Staat nicht agieren, wie er es möchte, beispielsweise bei der Frage der Umverteilung. Kuba hat bereits 2019 im Rahmen der Verabschiedung einer neuen Verfassung für eine wirtschaftliche Öffnung gestimmt. Die USA machen dem privaten Sektor bestimmte Zugeständnisse, um den kubanischen Sozialstaat zu schwächen, wie etwa durch die Erleichterung des Handels. Das ist gerade die Politik von Marco Rubio: Der Bevölkerung soll durch diese Politik vermittelt werden, dass der Privatsektor die Lösung sei und Grundbedürfnisse effektiver befriedige als der Staat.
Auf Kuba gelten Bildung, Gesundheit und Verkehr immer noch als Grundrechte und das ist revolutionär. Die jetzige Situation bringt die Regierung nach über 60 Jahren der Blockade und der wirtschaftlichen Engpässe während und nach der Pandemie in eine Zwickmühle.
Der Convoi ist versteh sich als ein Zeichen der internationalen Solidarität. Was aber braucht es darüber hinaus?
Die internationale Bewegung muss natürlich gestärkt werden. Wir haben eine Kampagne unter dem Namen „Hände weg von Lateinamerika“ gestartet. Wir müssen sowohl auf den Straßen aktiv sein als auch über Kuba informieren. An den Orten, an denen wir uns befinden, müssen wir selbst humanitäre Hilfe organisieren, aber auch gleichzeitig Druck auf die Staaten für die Lieferung von humanitären Gütern aufbauen. Wir sollten unterbinden, dass die USA unter Trump Waffen und die Infrastruktur Europas für seine Politik nutzen kann, nicht nur für Kuba, sondern den Frieden überall. Kubas Kampf ist nicht nur für Kuba und Lateinamerika, sondern auch für den Frieden auf der gesamten Welt.
Danke für das Gespräch!