Wir wissen, dass wir im Krieg sind – Von der Blockade eines Militärkonvois

19. März 2026

Am 12. März rollte ein Zug mit Panzern durch Pisa. Jedoch kam die Waffenlieferung zum Stehen und der Zug konnte über mehrere Stunden nicht weiterfahren. Aktivist:innen von „No Base“ hatten kurzerhand die Gleise besetzt.
Wir sprachen mit Paola und Davidee vom „Movimento No Base“ über die Hintergründe der Aktion.


Hallo ihr beiden, schön, dass ihr euch die Zeit genommen habt. Könnt ihr euch und das „Movimento No Base“ unseren Leser:innen vorstellen?

Paola: Das Movimento No Base wurde im Frühling 2022 gegründet, als wir über das Projekt einer Militärbasis in unserer Region herausgefunden haben. Als Erstes haben wir eine offene Versammlung mit den Menschen aus der Gegend organisiert. Was wir dabei herausfanden war, dass dieses Projekt eine riesige Veränderung für unsere Gegend bedeuten würde. Hier zwischen Livorno und Pisa gibt es schon verschiedene Militärbasen, welche sich untereinander koordinieren und beispielsweise in Militärmissionen in mediteranen Bereich, Afrika und dem Mittleren Osten wirken. Darunter auch Camp Darby, die größte US-Militärbasis außerhalb der USA, die in einem Naturpark liegt.


Wegen dieser Entscheidung, die Region so zu einem Drehkreuz für das Militär zu entwickeln, haben wir uns organisiert. Seit 2022 wollen wir verschiedene betroffene Ortschaften in dem Netzwerk „Movimento No Base“ zusammenführen. Wir haben damit begonnen uns mit dem Kriegsregime auseinanderzusetzen. Dieses Regime besteht nach unserer Auffassung nicht nur aus Infrastruktur, sondern auch kulturell. Konkret ist da die Transformation von Schulen und Universitäten im Sinne der Militarisierung zu nennen. Deshalb versuchen wir Menschen aus verschiedenen Bereichen zusammenführen. Seit letztem Jahr arbeiten wir verstärkt mit den Arbeiter:innen zusammen, vor allem im Hinblick auf die vergangenen Streiks im September und Oktober für Palästina.


Davidee: Als wir vor zwei Jahren von der geplanten Militärbasis erfahren haben, gab es eine große Demonstration mit 10.000 Menschen, dort, wo die Militärbasis ausgebaut werden sollte. Das war die Geburtsstunde des Movimento. Als Folge der Proteste wurde verkündet, dass die Militärbasis an einem anderen Ort in der Umgebung von Pisa gebaut werden soll. Das sollte den Menschen so verkauft werden, als dass das ursprüngliche Projekt gelaufen sei. Tatsächlich aber sah der neue Plan eine Verdopplung der Militärbasis für 500 Millionen Euro auf eine Größe von circa 200 Fußballfeldern vor. Dort sollen Spezialkräfte der italienischen Militärpolizei rein, welche ebenso die Ausbildung von Militärs und Paramilitärs in anderen Ländern, wie dem Sudan oder für palästinensische Behörden, durchführen. Sie sind damit Teil vom Neokolonialismus Italiens und der NATO.

Welche Aktionen führt ihr durch?

Davidee: Nach der großen Demonstration haben wir in der Stadt Pisa und in der gesamten Region unsere Arbeiten fortgesetzt. Ebenso haben wir einen Gemeinschaftsort – das sogenannte Friedenspräsidium von Tre Pini – wenige Meter von der Militärbasis entfernt aufgebaut, wo wir zusammenkommen. Ebenso organisieren wir uns mit Schüler:innen und diskutieren mit ihnen die Militarisierung auf der kulturellen Ebene. Auch in den kleinen Orten rund um Pisa wurden physische „No Base“ Orte geschaffen, wo sich die Menschen informieren und organisieren können. Der zweite Teil der geplanten Basis soll in der Stadt Pontedera gebaut werden, weshalb sich das Movimento auch dort organisiert.
Wir organisieren uns auch mit der pazifistisch-katholischen Bewegung der Kirchen in der Gegend. Wir versuchen unterschiedliche Menschen unter dem vereinten Ziel, den Bau der Militärbasis zu stoppen und Frieden statt Militarisierung zu erkämpfen, zusammenzubringen.


Paola: Wir arbeiten an den Schulen im Hinblick auf die Kultur der Militarisierung. Das Militär inszeniert sich dort als Arbeitgeber und schafft ebenso eine Kultur in den Büchern und in den Unterrichtsstunden, in der Krieg und der natürliche Wettkampf zwischen Menschen nach vorne gestellt wird. Im letzten Monat haben wir auch eine Kampagne dazu gestartet, dass die Regierung junge Menschen zu den Waffen ruft. Wir versuchen also, die Kriegsmaschinerie durch unsere Aktionen zu blocken, aber auch durch Desertation von der Kultur des Krieges, welche sich auf die öffentliche Meinung auswirkt.


Davidee: Ein wichtiger Schritt der No Base Bewegung war eine Demonstration 2023, bei der wir symbolisch in die Militärbasis eingedrungen sind. Das hat ein starkes Zeichen dafür gesetzt, dass wir selbst praktisch intervenieren müssen, um unser Leben vom Krieg zu befreien. Das war nur durch die politisch, kulturelle Vorarbeit und die Information der Menschen in der Region möglich.


Paola: Die politischen Parteien auf nationaler Ebene wollen das Projekt unbedingt verwirklichen. Und auch die Universitäten spielen darin eine große Rolle. Doch die Mehrheit der Gesellschaft will diese Militärbasis nicht, auch deshalb müssen wir als ersten Schritt um die Informationen kämpfen, welche die politischen Parteien nicht rausrücken wollen. Der Staat versucht sämtliche Informationen unter Verschluss zu halten, doch die Menschen müssen darüber Bescheid wissen, wenn Bomben und Munition in unserer Nähe gelagert werden.

Also geht es euch darum, Aufmerksamkeit zu schaffen, oder was ist euer Ziel?

Davidee: Die Blockade letzten Donnerstag war ein sehr wichtiger Schritt für die Antikriegsbewegung in Italien. Im vergangenen September und Oktober hatten wir eine bedeutende Bewegung für Palästina. Damit hat sich auch die Haltung der Gesellschaft verändert. Das Ziel war klar. Die Kette dieses Krieges sollte gestört werden, so wie es schon die Hafenarbeiter getan haben. Wir haben gesehen, dass wir uns weiter organisieren müssen und den Krieg in seiner Logistikkette zu blockieren. Und das es für alle möglich ist, Krieg zu stoppen.

Als uns letzte Woche die Nachricht erreichte, dass ein sehr großer Militärkonvoi aus Fahrzeugen, Munition und Sprengstoffen vom Hafen Piombino kommen wird, haben wir uns schnell mit 15–20 Menschen zusammengetan und den Zug gestoppt, indem wir die Gleise blockiert haben. Zugleich haben wir einen dringenden Aufruf zur Unterstützung der Blockade verbreitet, dem direkt 150 Menschen gefolgt sind. Die Polizei konnte nicht intervenieren, da die Legitimität dieser Aktion zu groß war. Ohne unser bereits zuvor aufgebautes Netzwerk in der Region und unsere Verbindungen zu den Bahnarbeiter:innen, den Hafenarbeiter:innen und den Menschen aus den Städten, hätte das nicht so funktioniert.

Der Konvoi sollte in den Nordosten von Italien gehen. Das ist der Korridor durch den normalerweise Waffen in die Ukraine gehen. Wir gehen also davon aus, dass die Lieferung für diese Region vorgesehen war, da italienisches Militär beispielsweise sehr präsent in Ländern wir Rumänien ist. Ebenso besteht aber auch die Möglichkeit, dass der Konvoi auf Schiffe verladen und in den Mittleren Osten gebracht wurde. Für uns ging es darum, dass der Staat um 18 Uhr Abends einen Militärzug durch einen zivilen Bahnhof schickt, ohne irgendwen zu informieren. Wenn dabei etwas schiefgeht, kann das zu einer Tragödie führen. Solche Entscheidungen, die über unsere Köpfe hinweg getroffen werden, wollen wir nicht.

Paola: Die Aktion letzte Woche war das Ergebnis davon, dass Netzwerke zwischen verschiedensten Akteuren gebildet wurden. Sonst hätte auch die Verbreitung der Information nicht funktioniert. Am Ende hatte in Folge der Aktion der Zug eine Verspätung von über zehn Stunden.

Wie reagiert die Öffentlichkeit auf eure Aktionen? Gibt es Unterstützung oder eher den Versuch euch zu diskreditieren?

Paola: Die Reaktionen der Menschen waren sehr positiv. Unter unseren Beiträgen auf Social Media wurde viel kommentiert und uns haben viele Nachrichten erreicht, dass sich Menschen an den Versammlungen oder weiteren Blockadeaktionen beteiligen wollen. Das zeigt uns, dass eine Mehrheit der Bevölkerung den Krieg nicht will und dass das klarste Zeichen ist, seinen Körper dagegenzustellen.
Nach dem Genozid haben viele Menschen diesen Wunsch ausgedrückt, aber bei vielen hat es auch Angst gegeben. Insofern war die Aktion wirkungsvoll um zu zeigen, dass es möglich ist. Die Polizei konnte nicht so brutal reagieren, weil sie nicht noch mehr Öffentlichkeit für diese Aktion schaffen wollte.


Davidee: Natürlich wissen wir auch, dass die Waffen am Ende trotzdem an ihrem Ziel angelangt sind. Wir konnten leider kein Loch im Boden graben und die Waffen darin versenken. Wir sind nicht naiv, aber wir wollen zeigen, dass jeder was tun kann, sich organisieren kann. Wir sind mehr als sie und wir können auch stärker als sie sein. Wir können uns zwischen die Kriegslogistik stellen. Das kann sich auf Militärbasen, aber auch auf die Verschiffung von Waffen auf Häfen oder auch die Beteiligung der Universitäten beziehen, wie die Palästinabewegung weltweit gezeigt hat. Wir wollen unsere Mobilisierungen vergrößern und die Menschen auf die Weise, wie sie können, daran teilhaben lassen.

Krieg nach außen bedeutet immer auch Krieg im Inneren. Die Panzerblockierer sind dabei in der Regel nicht gerade die besten Freunde des Staates – welche Repressionen habt ihr erlebt und wie geht ihr damit um?

Davidee: Wir haben schon die Rache für unsere Aktion gesehen. Unser Friedenspräsidium im Wald wurde als Folge geräumt. Wir wollen diesen Ort jetzt noch größer und mit der Beteiligung von noch mehr Menschen wieder aufbauen. Natürlich gibt es den Willen vom Staat Menschen in die Gefängnisse zu stecken oder hart zu bestrafen. Während der Palästina Proteste wurden harte Gesetze für die Blockade von Straßen oder der Waffenindustrie beschlossen. Dennoch gab es infolgedessen die größte Bewegung seit Jahrzehnten. Es geht also darum, inwieweit wir es schaffen, eine Legitimität für unsere Bewegung aufzubauen und damit die Fähigkeit, sich gegen Krieg und dessen Folgen verteidigen zu können. Wir sind sehr zuversichtlich, dass es in Zukunft bei unseren Aktionen auch die Solidarität geben wird, die es als Schutz vor dem Staat braucht.


Paola: Krieg nach außen und Krieg nach innen sind zwei Seiten desselben Phänomens. Repression dient nicht nur der Bestrafung, sondern vor allem der Disziplinierung und dazu, die Menschen vom Widerstand abzubringen. Doch die Versuche die Bewegung zu kriminalisieren und die Mobilisierungen zu stoppen, funktionieren nicht. Nachdem während der zwei Jahre diese Gesetzesgrundlage für die Kriminalisierung von Blockaden geschaffen wurde, wurde trotzdem alles blockiert. Das wichtige ist, dass sie jetzt auf unsere Aktionen reagieren und wir nicht mehr nur auf das, was sie tun. Die Kriminalisierung hat sich nicht als effizient erwiesen. Wenn wir einen Schritt nach vorne gehen und unsere Mobilisierungen stärken, dann sind wir in einer besseren, aktiven Position.


Davidee: Unsere Verfassung sagt aus, dass Italien Krieg ablehnt und sich nicht an Kriegen beteiligt. Es entspricht der Mentalität unserer Gesellschaft, dass sie solche Kriege nicht unterstützt. Der italienische Staat ist in einer schlechten Situation, er weiß nicht, wie er damit umgehen soll, dass er die USA in ihrem Krieg gegen den Iran unterstützt. Während der Staat sagt, er sei nicht im Krieg, werden Waffen in die Kriegsgebiete und die italienische Marine nach Zypern geschickt. Überall in Italien gibt es US-amerikanische Basen, zu denen Kräfte aus dem Irankrieg kommen und neue hingeschickt werden. Wir wissen, dass wir im Krieg sind. Die Regierung weiß jedoch nicht, wie sie das legitimieren soll. Das bedeutet, dass der Staat bestimmt gewaltvoller handeln wird, sich aber auf sehr, sehr dünnem Eis bewegt.

Gaza, Venezuela, Syria, Iran, Cuba – Was braucht die antimilitaristische Bewegung für 2026?

Paola: Gemeinsam können wir das Kriegsregime in allen Formen blockieren. Ebenso müssen wir unsere soziale Alternative, also die Form, wie wir zusammen leben, stärken. Auch wir als Movimento befinden uns in einer großen Transformation. Insgesamt ist das ein wichtiger Punkt für die Antikriegsbewegung weltweit. Wie können wir eine Gesellschaft schaffen, die Frieden und Gemeinschaft hervorbringt und nicht Krieg? Krieg ist das natürliche Ergebnis des jetzigen Systems und es braucht Krieg, um sich selbst zu reproduzieren. Wir sind auch im Austausch mit anderen Regionen, in denen es genau dieselben Auswirkungen der Militarisierung gibt, wie etwa auf Sizilien, Sardinien und vielen weiteren Orten. Dort geht die Militarisierung Hand in Hand mit Verarmung der Menschen, Fragmentierung und Gewalt gegenüber der Umwelt.


Davidee: Sardinien ist auch ein gutes Beispiel dafür. Die Militarisierung ist ein Mittel das soziale Gefüge zu brechen und den Widerstand von Regionen zu zerstören. Pisa und Livorno haben eine große Geschichte für den Widerstand von Arbeiter:innen und Student:innen. Wir können die Aktion von Donnerstag nicht als Sieg bezeichnen, wir sagen aber, dass es ein wichtiger Schritt war, weil wir eine Nachricht von Widerstand verbreiten konnten, der fortgeführt werden muss.


Paola: Wir sprechen von einem Internationalismus der Arbeiter:innen wie Studierenden, die entsprechend ihrer Lebensbedingungen aktiv werden und eine Botschaft senden, dass sie den Krieg ablehnen und in diesem Sinne für Internationalismus einstehen. Das ist ein sehr kraftvolles Mittel und wir sagen, dass alle, an allen Orten Internationalismus praktizieren können.

Wollt ihr unseren Lesern noch etwas mitteilen?

Davidee: Wir hoffen, dass wir unsere Kämpfe in Zukunft noch mehr verbinden können. Die Bedingungen in Italien sind anders als in Deutschland und auch das Verhalten von den Staaten unterscheidet sich. Wir sind aber überzeugt, dass es überall Häfen oder Militärbasen gibt, die darauf warten, blockiert zu werden. Jeder kann ein Ziel finden und dazu beitragen Frieden zu schaffen. Wir sind da für alle, die mit uns zusammen kämpfen wollen.

Vielen Dank!