von Feministischer Rat – Aufbau Frankfurt
Die Geschichte des Feminismus ist untrennbar mit der Geschichte des Angriffes und der Diffamierung gegen ihn verbunden. Forderungen nach Gleichheit aller Geschlechter, nach körperlicher Selbstbestimmung oder Schutz vor Gewalt werden regelmäßig als überzogen oder gefährlich abgetan. Eine der schärfsten Formen dieser Abwertung besteht darin, Feminist:innen als „militant“ zu brandmarken – ein Vorwurf, der zumeist aus einer rechts-konservativen Ecke kommt. Dass sich Feminist:innen selbst so bezeichnen, ist hingegen selten. Zu groß scheint die Angst, durch die bürgerliche Öffentlichkeit ins Abseits gestellt und in die Ecke der „Extremist:innen“ gedrängt zu werden.
Diese Zuschreibung ist kein Zufall, sondern Teil einer gezielten politischen Strategie. Wer Feminist:innen als „militant“ bezeichnet, will ihre Anliegen delegitimieren und sie als irrational und gefährlich darstellen. Es handelt sich um ein Mittel bürgerlicher Entwaffnung: Indem der Begriff mit Extremismus und Gewalt gleichgesetzt wird, sollen unsere Forderungen entwertet und ihre Berechtigung in Zweifel gezogen werden. Die Rede von „Gefährlichkeit“ oder „Irrationalität“ ist nicht Ausdruck neutraler Beobachtung, sondern bewusst eingesetzte Rhetorik, die verhindern soll, dass feministische Kämpfe gesellschaftliche Resonanz entfalten. Wir brauchen eine eigene aktualisierte Auseinandersetzung mit dem Begriff der Militanz, um ihn nicht länger als Stigma gegen uns zu akzeptieren. Durch das Füllen mit Inhalten wird sichtbar, dass Militanz kein Makel, sondern eine legitime und notwendige Form feministischer Politik, ist – eine Grundlage, um Gegenmacht aufzubauen und Unterdrückung praktisch zu durchbrechen.
Ein Thema, das nicht vergeht: Zur Aktualität der Auseinandersetzung
In unserer Gesellschaft ist patriarchale Unterdrückung strukturell verankert. Frauen übernehmen nach wie vor den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit und sind auch in bezahlten Lohnverhältnissen oft in prekarisierten, schlecht bezahlten Pflege- und Care-Berufen tätig. Der Gender Pay Gap verstärkt ökonomische Abhängigkeiten. Gleichzeitig bleibt die reproduktive Selbstbestimmung eingeschränkt: Abtreibungsparagrafen kriminalisieren Entscheidungen über den eigenen Körper, Polizei und Justiz bagatellisieren sexualisierte Gewalt. Auch die globale Arbeitsteilung verschärft Ungleichheit: Migrantische Frauen übernehmen Care- und Hausarbeit in wohlhabenden Haushalten unter unsicheren Bedingungen.
Mit patriarchaler Unterdrückung gehen immer auch Gewaltverhältnisse einher. Diese Gewalt erleben wir oft als individuelles Leid: sei es im Catcall auf der Straße, durch die Hand des Fremden in der Bar oder in der Abhängigkeit einer Beziehung. Diese Erlebnisse prägen unser Bewusstsein und verändern unsere Wahrnehmung. Doch die Deutungen, die uns dafür angeboten werden, verschleiern den Zusammenhang von individueller Tat und systematischer Grundlage: Uns wird gesagt, wir hätten provoziert, unser Kleid sei zu kurz gewesen, der Täter habe „aus Liebe“ gehandelt. Solche Zuschreibungen individualisieren Gewalt, geben den Betroffenen die Schuld und erfüllen damit eine wichtige Funktion patriarchaler Gewalt: Sie diszipliniert uns, hält uns klein und stabilisiert eine Ordnung, in der Männer Vorherrschaft beanspruchen und kapitalistische Herrschaft abgesichert wird. Um dieser Gewalt entschlossen entgegenzutreten ist feministische Militanz ein wichtiges und notwendiges Mittel!
Was ist feministische Militanz und wie wird sie wirksam?
Ein zentraler Aspekt ist die Umkehrung der Angst. Patriarchale Gewalt wirkt, indem sie uns einschüchtert, vereinzelt und zum Schweigen bringt. Feministische Militanz setzt hier an: Sie zielt darauf, diese Angst auf diejenigen zurückzuwerfen, die von unserer Unterordnung profitieren. Wenn nicht wir, sondern unsere Unterdrücker:innen Angst verspüren, verändern wir das Kräfteverhältnis grundlegend.
Geschichte und Gegenwart bieten hierfür einige Beispiele. Aktuell blicken wir vor allem auf die kurdischen Frauenverteidigungseinheiten (YPJ), die uns durch ihren langanhaltenden Kampf der letzten Jahre und Jahrzehnte, aber vor allem auch in der gegenwärtigen Situation zeigen, dass militante Praxis nicht nur eine Reaktion auf Unterdrückung ist, sondern eine kollektive Organisierung, die neue Räume der Freiheit eröffnet. Uns berühren und bestärken die Bilder und Videos von Müttern und Töchtern, die auf die Straße stürmen, um für die Selbstverwaltung zu kämpfen und dabei eine kollektive Verteidigung ihrer Städte organisieren. Im Kampf gegen die Unterordnung unter ein patriarchales System und insbesondere das System der HTS und durch den Aufbau autonomer Strukturen, wird uns nur eine Ahnung davon gegeben, was es heißt konsequent feministisch militant zu leben.
Feministische Militanz sollte auf verschiedenen Ebenen verstanden werden, die letztendlich Hand in Hand gehen müssen. Oft wird Militanz mit willkürlicher, gewalttätiger Praxis assoziiert. Jedoch ist wichtig, dass militante Praxis nicht mit spontanen Ausbrüchen oder individuellen Racheakten verwechselt wird. Sie ist Teil einer bewussten Strategie, die darauf abzielt, Unterdrückung zu durchbrechen und kollektive Handlungsfähigkeit aufzubauen. Feministische Strategie bedeutet daher Gewalt nicht zu verherrlichen, sondern sie als eines von mehreren Instrumenten im Kampf zu begreifen – immer im Hinblick auf das Ziel unserer Befreiung.
Gleichzeitig heißt feministische Militanz mehr als Praxis auf der Straße. Sie beschreibt eine Haltung. Feministisch militant zu leben ist eine grundlegende Entscheidungsfrage: Sie spiegelt sich wieder in dem Umgang zwischen uns als Genoss:innen, in der eigenen Lebensführung und den damit zusammenhängenden Entscheidungen. Sie spiegelt sich wieder in dem Anspruch an sich selbst und seine Genoss:innen als politische Subjekte. Bin ich bereit meine Genoss:innenzu schützen? Bin ich bereit, aus einem uns von klein auf ansozialisierten Konkurrenzverhältnis herauszutreten und Frauenals meine Schwestern zu begreifen? Bin ich bereit mich gemeinsam zu organisieren, auch wenn ich meine individuellen Bedürfnisse dafür zurückstellen muss?
Der Blick nach Rojava zeigt, dass feministische Militanz nur in kollektiver Form ihre volle Wirkung entfalten kann. Einzelne Akte mögen symbolisch aufrütteln, doch ihre politische Kraft entsteht erst durch gemeinsame Organisierung. Feministische Militanz muss daher immer in ein größeres politisches Projekt eingebettet sein. Sie darf nicht zur Sackgasse werden, sondern muss mit Aufklärung, Solidarität, Streik und Organisation verbunden sein – am Arbeitsplatz, in der Schule oder in der Nachbarschaft. Ihre Wirksamkeit entsteht aus der Verbindung von politischer Klarheit, kollektiver Praxis und der Fähigkeit, im richtigen Moment entschlossen zu handeln.
Feministische Militanz entsteht aus der Notwendigkeit, uns in einem System permanenter patriarchaler Gewalt zu verteidigen. Doch ihr Horizont endet nicht bei der Selbstverteidigung. Jede kollektive Tat feministischer Selbstermächtigung erschüttert ein System, das auf patriarchaler, kapitalistischer und rassistischer Unterdrückung beruht. Militanz bedeutet daher nicht nur Schutz im Bestehenden, sondern zielt auf die Überwindung des Patriarchats selbst – und mit ihm auf die Eigentums- und Ausbeutungsverhältnisse, die es stützen.
Militanz sollte keine Randerscheinung sein, sie soll dazu beitragen den Kreislauf von Gewalt und Angst zu durchbrechen und neue Perspektiven der Befreiung zu eröffnen. Sie ist ein notwendiger Teil feministischer und revolutionärer Strategie. Denn Revolution ist kein fernes Ereignis, das eines Tages vom Himmel fällt. Sie beginnt hier und jetzt, in jeder kollektiven Handlung, die Angst in Mut verwandelt, Vereinzelung in Organisierung, Ohnmacht in Widerstand. Sie wächst in unseren Körpern, unseren Kämpfen, unseren Beziehungen – und sie wird unaufhaltsam, wenn wir begreifen, dass unsere Befreiung nur gemeinsam möglich ist.
Lasst uns in diesem Sinne weltweit gemeinsam den 8. März begehen, uns Handlungsspielräume erkämpfen und uns gemeinsam und organisiert die Straßen nehmen! Hoch die internationale Solidarität! Jin Jiyan Azadî!