von Lennart Niemeyer
Auf den Videos wirkt Renee Good wie die Hoffnung, wie Licht und Mitgefühl in der Welt in Person. Ihr gegenüber steht eine Art Mecharoboter; ein Robocop der höchsten Form der Staatsgewalt – es trifft absolutes Mitgefühl und Wärme auf absolute Empathielosigkeit und Kälte. Ihr Mord ist ein Sinnbild des Klassenstaates, dem wir bis auf unsere Verwertbarkeit nichts bedeuten und für den wir jederzeit weggeworfen werden können.
Am 7. Januar, während die Einwanderungsbehörde in Minneapolis ihre brutale Offensive gegen die migrantische Bevölkerung – besonders gegen Menschen mit somalischem Hintergrund – fortsetzt, beobachtet die Lyrikerin die Ereignisse aus dem Auto.
Anscheinend tat sie das öfter, um den Betroffenen Solidarität zu zeigen. Ein Beamter fällt ihr ins Auge und stellt sich – wie mehrere Videoanalysen zeigen – provokant vor ihr Auto und gibt aggressive, teils widersprüchliche Befehle. In dem Versuch, die Situation zu deeskalieren, spricht Renee Good ihre letzten Worte vor ihrer Hinrichtung:
“That’s fine, dude. I am not mad.”
Was daraufhin geschieht, ist nicht Überreaktion; es ist eine bewusste Exekution.
Der Beamte schießt nicht einmal. Nicht zweimal. Nicht dreimal. Vier Schüsse treffen eine unbewaffnete, nicht aggressive Frau, die einfach wegfahren will. Direkt vor ihrem Hund. Vor ihrer Frau. Während ihr Körper ausblutet, versuchen Nachbar*innen verzweifelt zu helfen.
Ein Anwohner – offenbar Arzt – möchte ihren Puls prüfen und medizinische Hilfe leisten. Doch es ist vergeblich. Ihre Frau bricht schreiend zusammen, während die Leiche im Auto verblutet – als wäre sie kein Mensch mehr, sondern ein Objekt, das gesichert werden muss. In diesem Moment zählt das Leben nicht mehr, sondern nur noch das Protokoll. Mord als Teil des alltäglichen Betriebssystems.
Später veröffentlicht der Schütze selbst das Video seines Verbrechens und es wird mit einer Reihe von Rechtfertigungen umschmückt, die einander in ihrer Absurdität übertreffen. Widersprüche werden ignoriert, Fragen nach der Verhältnismäßigkeit gar nicht erst aufgeworfen.
Der Beamte schließt seine Hinrichtung mit den Worten: „fucking bitch.“ Diese Mischung aus Selbstzufriedenheit und institutioneller Rückendeckung macht deutlich, worum es hier wirklich geht: Nicht um Fehler. Nicht um Tragik. Sondern Machtdemonstration.
Renee Good sollte nicht die Einzige, nicht einmal in Minneapolis, bleiben:
Kurz darauf wird Alex Pretti, Intensivpfleger und US-Bürger, erneut von Bundesbeamten erschossen – diesmal im Rahmen einer weiteren Operation gegen Migrant*innen. Auch hier spricht alles für eine Vollstreckung: Die Obduktion spricht von Mord. Der Staat spricht von Einsatz. Zwei Menschen, die nicht bewaffnet sind, sondern einfach da sind, solidarisch und beobachtend. Zwei Exempel.
Und als weiße US-Bürger nur die Aufmerksamkeit erregende Spitze des Eisbergs. Seit Beginn des Jahres 2026 werden der ICE-Behörde mehrere weitere Todesfälle zugeschrieben, entweder wie Pretti und Good auf offener Straße erschossen oder an den miserablen Zuständen in den Abschiebeknästen verstorben. (Fußnote: https://www.aljazeera.com/news/2026/1/27/us-witnessed-many-ice-related-deaths-in-2026-here-are-their-stories)
Der Klassenstaat und seine Exekutive
Wer diese Fälle als isolierte Entgleisungen behandelt, verwechselt Erscheinung und Wesen. Dialektischer Materialismus zwingt uns dazu, etwas hinter die Ereignisse zu blicken: Der bürgerliche Staat ist kein neutraler Vermittler gesellschaftlicher Interessen.
Er ist – wie Marx und Lenin beschrieben haben – die organisierte Gewalt einer Klasse, die ihre Herrschaft aufrechterhalten will. Seine Institutionen sind nicht außerhalb der Produktionsverhältnisse, sondern deren Ausdruck. Die Exekutive sichert die Stabilität der Eigentumsordnung. Sie diszipliniert die Arbeitskräfte, kontrolliert soziale Unruhen und gewährleistet die Bedingungen für kapitalistische Akkumulation. Wo Widersprüche zunehmen, wird diese Funktion klarer sichtbar.
ICE hat dabei eine doppelte Rolle. Erstens erzeugt sie Illegalität. Menschen sind nicht einfach „illegal“, sondern werden durch Gesetzgebung, Bürokratie und Polizeipraktiken in diesen Status gedrängt. Zweitens diszipliniert sie migrantische Arbeitskräfte. Wer ständig mit Abschiebung rechnen muss, organisiert sich seltener in Gewerkschaften, akzeptiert schlechtere Arbeitsbedingungen und sieht sich gezwungen, mit anderen Lohnabhängigen zu konkurrieren. Letztendes entsteht Spaltung. Die Klasse der Lohnabhängigen wird entlang ethnischer, rechtlicher und nationaler Linien fragmentiert: „legal“ und „illegal“, Bürger*innen und „Fremde“. Strukturelle Krisen – wie Wohnungsmangel, Inflation und stagnierende Löhne – erscheinen nicht mehr als Resultate kapitalistischer Widersprüche, sondern als Folgen „unkontrollierter Migration“. Der eigentliche Konflikt – Kapital gegen Arbeit – wird ideologisch verschoben.
Imperialismus erzeugt Flucht durch Krieg, Sanktionen und wirtschaftliche Destabilisierung – und kriminalisiert anschließend die Geflüchteten. ICE verwaltet dabei die Symptome, nicht die Ursachen. Gleichzeitig fördert ICE den Gefängnisindustriellen-Komplex: Private Haftanstalten, Sicherheitsfirmen und Technologieanbieter profitieren von jedem inhaftierten Menschen. Menschen werden Teil von kalkulierbaren Geschäftsmodellen.
Repression als Antwort auf Krise
Die aktuelle Eskalation findet in einer Phase verschärfter globaler Konkurrenz statt. Die Hegemonie der USA wird sowohl wirtschaftlich als auch geopolitisch herausgefordert. In solchen Zeiten verändert sich – wie Gramsci es beschrieben hat – das Verhältnis zwischen Zustimmung und Zwang. Solange Zustimmung funktioniert, bleibt Gewalt im Hintergrund. Wenn Zweifel aufkommen, tritt sie offen hervor.
Repression wird getestet. Wie weit kann der Staat gehen? Wie stark ist der Widerstand? Welche Narrative sorgen noch für Zustimmung? Migrantische Gemeinschaften fungieren hierbei als Experimentierfeld. Sie sind politisch verletzlicher, juristisch angreifbarer und sozial isolierbarer. Gewalt gegen sie hat einen geringeren unmittelbaren politischen Preis, aber maximale Signalwirkung.
Die Botschaft ist klar: Solidarisier dich und du musst mit dem Schlagstock bis hin zur Kugel unserer Demokratie mit allem rechnen.
Doch die Geschichte lehrt uns auch: Jede Ausweitung staatlicher Gewalt senkt dauerhaft die Hemmschwelle für ihren Einsatz. Was heute an der Grenze und gegen illegalisierte und rassifizierte Menschen normalisiert wird, könnte morgen gegen Streikende, Studierende oder politische Opposition eingesetzt werden. Repression ist kein sektoriales Instrument; sie ist skalierbar.
Dialektik der Zuspitzung
Mit der Verschärfung imperialistischer Konflikte sowie der gleichzeitigen sozialen Verschlechterung – Inflation, prekäre Arbeitsverhältnisse, Mietkrise – nehmen die Widersprüche zu. Statt mit strukturellen Lösungen reagiert der Staat mit Verwaltung. Wenn er keine Zustimmung mehr erzeugen kann, ersetzt er sie durch Gewalt.
Gleichzeitig wird jede Art von Widerstand delegitimiert. Kritik wird als „Extremismus“ gebrandmarkt, Solidarität als „Unruhe“. So soll Hegemonie bzw. Herrschaft aufrechterhalten werden – durch Ideologie, wenn möglich; durch Gewalt, wenn nötig.
Der Irrglaube besteht darin zu denken, Anpassung schützt. In Krisenzeiten wird nicht zwischen „guten“ und „schlechten“ Bürger*innen unterschieden, sondern zwischen funktionalen und störenden. Staatsbürgerschaft garantiert nichts, wenn die Stabilität des Systems gefährdet ist.
Zwei Finger kann man brechen – fünf sind eine Faust
Die Hinrichtungen von Renee Good und Alex Pretti sind keine moralischen Ausrutscher. Sie sind Momente, in denen der Klassencharakter des Staates sichtbar wird. Sie zeigen, wie dünn die Schicht liberaler Rhetorik wird, wenn Eigentumsordnung und imperialistische Interessen unter Druck geraten.
Neutralität in solchen Situationen ist eine Illusion. Wer Repression hinnimmt, weil sie andere trifft, akzeptiert ihre Ausweitung. Die Antwort ist nicht moralische Empörung allein, sondern bewusste, organisierte Solidarität: Nicht als Geste, sondern als Notwendigkeit!
Denn wenn der Staat seine Widersprüche nur noch mit Gewalt verwalten kann, dann wird jede Frage nach Gerechtigkeit zur Frage der Macht. Die Frage ist nicht, ob uns diese Entwicklung betrifft, sondern wann und wie die Arbeiter*innen und Armen darauf reagieren.
Solidarität ist die praktische Antwort. Sei es in Gewerkschaften, revolutionären Organisationen oder Parteien – Sie ist die Grundlage einer Bewegung, die mehr will als kosmetische Reformen: eine Gesellschaft, die soziale Zwangsgewalt überwindet und legitime politische Macht der Lohnarbeitenden und Unterdrückten begründet.
Foto von Chad Davis