Der Kommunismus ist nach Brecht, das Einfache, das schwer zu machen ist. Heute erscheint selbst der Sozialismus als notwendige Übergangsphase in die kommunistische Gesellschaft ferner denn je. Warum die Menschheit bis heute an dieser Aufgabe scheitert und stattdessen – angeführt von einer völlig wahnsinnigen Herrscherclique aus dem Silicon Valley – auf ihren eigenen Untergang zusteuert, ist für Kommunist:innen die Gretchenfrage des 21. Jahrhunderts. Angesichts des bevorstehenden Klimakollaps, der andauernden gewaltsamen Konflikte in allen Regionen der Welt, dem offen geführten Kampf gegen die sozialen Errungenschaften des vergangenen Jahrhunderts, dem Vormarsch des Faschismus, der Machtkonzentration durch die KI und dem Fortbestand des Hungers in Zeiten, in denen Milliardäre neuerdings Tagestrips ins Weltall unternehmen, kann niemand mehr ernsthaft behaupten, dass es zwischen Sozialismus und Barbarei noch eine dritte Alternative gäbe. Die „Dialektik der Aufklärung“ prozessiert weiterhin über das Bewusstsein der Menschen hinweg, und „die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“ (Adorno/ Horkheimer)
Die „Schere“ im 21. Jahrhundert
Die „Schere“ zwischen den ökonomischen Bedingungen, die auf den Übergang zum Sozialismus drängen, und der Ideologie der Massen, die an kapitalistischen Produktionsverhältnissen festhalten, war bereits vor etwas mehr als hundert Jahren der Ausgangspunkt der theoretischen Untersuchungen von Wilhelm Reich: „Die ökonomischen Voraussetzungen der sozialen Revolution trafen entsprechend der Theorie von Marx zu […] Aber die Expropriation der Expropriateure bleibt aus und die Geschichte scheint im Gegensatz zu den Erwartungen, sich am Scheideweg zwischen Sozialismus und Barbarei zunächst in Richtung zur Barbarei hinzubewegen, denn nichts anderes ist das internationale Erstarken des Faschismus und des Zurückbleibens der Arbeiterbewegung.“ Aus dieser falschen Abbiegung am Scheideweg sind die Menschen bis heute nicht herausgekommen. Dieselben Fragen stellen sich daher heute unter veränderten historischen Bedingungen. Warum leben wir in einer Welt, in der eine Elite, deren menschliche Abgründe im nicht-geschwärzten Teil der Epstein-Files dokumentiert sind, sich nicht um ihre gesellschaftliche Stellung sorgen muss? Was hat der Kapitalismus mit den Menschen angerichtet, dass Eltern ihren Kindern erklären, es sei in irgendeiner Form normal, dass sie sich eine Kreuzung aus Stromberg und Mr. Burns zum Kanzler wählen, der sie nun als zu faul beschimpft, und sie sich von einem Wirtschaftsrat aus der Partei des Masken-Ministers Spahn erzählen lassen müssen, dass „wir“ uns die kassenärztliche Abdeckung von Zahnarztbesuchen nicht mehr leisten können, während die reichsten 1% in Deutschland ein Drittel des Gesamtvermögens der Bevölkerung besitzen? Warum nehmen die Menschen achselzuckend zur Kenntnis, dass die zwölf (12) reichsten Menschen mehr Geld als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung (über 4.000.000.000) haben, während sie sich immer wieder ernsthaft auf Diskurse einlassen, ob man Sozialhilfeempfänger:innen nicht noch ein paar Euros wegnehmen könnte oder die arbeitende Bevölkerung wirklich drei Wochen im Jahr krank sein darf? Warum halten die Menschen an der bestehenden Produktionsweise fest, obwohl der Klimawandel nach aller Voraussicht die komplette Lebensgrundlage ihrer eigenen Kinder auf diesem Planeten zerstören wird? Warum wird bis heute nach unten getreten und nach oben gebuckelt?
Wilhelm Reichs Leben im Kampf gegen die Neurosen
Die Biographie von Wilhelm Reich, der 1897 in Österreich-Ungarn geboren wurde, ist so abenteuerlich wie seine Schriften. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Soldat an der italienischen Front und wurde während dieser Zeit zum Offizier befördert. Nach Ende des Krieges begann Reich mit dem Studium der Medizin und besuchte ab 1919 Seminare des psychoanalytischen Kreises um Sigmund Freud. Ein Jahr später wurde er mit 23 Jahren offizielles Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Ab 1924 übernahm er die Leitung des Technischen Seminars, im Zuge dessen seine Schriften zur „Charakteranalyse“ entstanden. Er entwickelte eine Sexualtheorie, nach der die „genitale Potenz“ – die Fähigkeit zu erfüllenden sexuellen Beziehungen – das wesentliche Kriterium für die Gesundheit der Analysand:innen darstellt. Ende der 20er Jahre begann er mit seinen Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen Psychoanalyse und marxistischer Gesellschaftstheorie. Er gründete die SexPol-Bewegung, die durch Vorträge, Publikationen, Sprechstunden und mobile Beratungen versuchte, die proletarisierten Massen über Sexualität und die Ursprünge der Neurosen in der vorherrschenden repressiven Sexualmoral aufzuklären. Die Erreichung der Ziele der SexPol-Bewegung, sah Reich als „unlösbar an die Erreichung der wirtschaftspolitischen Ziele der Arbeiterbewegung geknüpft“. In seinem Buch „Einbruch der Sexualmoral“ untersucht er, ausgehend von Bronislaw Malinowskis ethnologischen Studien zur mutterrechtlichen Gesellschaft der Trobriander, den Zusammenhang von Sexualunterdrückung und Privateigentum in der Entstehung der patriarchalen Gesellschaft.
Die Neurosen waren für Reich kein Luxusproblem des Bürgertums, sondern – so schrieb er in der Zeitung „Der sozialistische Arzt“ – sie verseuchen „die Mehrheit der Bevölkerung“. Sie seien ein soziales Problem, dem nicht therapeutisch, sondern nur prophylaktisch durch die Bekämpfung der gesellschaftlichen Ursachen beizukommen sei. (Eine ähnliche Position vertrat knapp 30 Jahre später Che Guevara in seiner Rede „Der revolutionäre Arzt“ vor Studierenden, nachdem er sein Stethoskop gegen ein Gewehr eingetauscht hatte, um den US-Imperialismus aus Kuba zu vertreiben und ein funktionierendes Gesundheitssystem aufzubauen.) Zunächst in Wien und später in Berlin war Wilhelm Reich in Kreisen um die Kommunistische Partei aktiv. Aufgrund dieses Engagements wurde er 1934 aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen. In kommunistischen Kreisen hingegen galt seine Betonung der sexuellen Frage zunehmend als bürgerlich und er wurde auch dort isoliert. Bereits 1933 war er vor dem Nationalsozialismus nach Dänemark geflohen, seine Bücher wurden im selben Jahr von den Nazis verbrannt. Im Jahr 1939 emigrierte er in die USA, wo er die „Orgon-Therapie“ entwickelte, nach der allem Leben eine universelle kosmische Energie zugrunde liegt. Dadurch geriet er in Konflikt mit der amerikanischen Gesundheitsbehörde, die seine „Orgon-Akkumulatoren“ beschlagnahmte und seine Schriften verbrannte. Nachdem er einen Gerichtsbeschluss missachtete, wurde er verhaftet und starb mit 60 Jahren an Herzversagen im Gefängnis. Bis heute sind seine Schriften weitgehend in Vergessenheit geraten. Über die Richtigkeit seiner Sexualtheorie und darüber, ob die von ihm entwickelte Orgon-Therapie wirklich so verrückt ist, wie sie in der Literatur außerhalb esoterischer Kreise in der Regel dargestellt wird, möchte ich mir nicht anmaßen, ein Urteil fällen zu können. In diesem und in den kommenden Texten zu Klassenbewusstsein und der Massenpsychologie des Faschismus soll es um die theoretischen Werke Reichs der 20er und 30er Jahre gehen, die sich mit dem Verhältnis von Marxismus und Psychoanalyse auseinandersetzen und zweifelsohne zu den Meisterwerken dialektischen Denkens gehören.
Die Rückwirkung der Ideologie auf die ökonomische Basis
In „Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse“ unternimmt Wilhelm Reich den Versuch zu untersuchen, welche Bedeutung dem Bewusstsein und den Ideologien der handelnden Individuen für den Verlauf der Geschichte zukommt. Damit möchte er die „Basis für eine Diskussion ihrer Beziehungen zur proletarischen Revolution und zum Klassenkampf“ schaffen, die in der Lage ist zu begreifen, warum die Überwindung kapitalistischer Produktionsverhältnisse bisher ausblieb. Wenn die proletarisierten Massen entgegen ihrem ökonomischen Interesse gegenwärtig an den bestehenden Produktionsverhältnissen festhalten, muss es eine „Rückwirkung der Ideologie auf die ökonomische Basis“ (Reich) geben, die der vernunftgeleiteten Erkenntnis und Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse entgegenwirkt. „Wenn die materielle Verelendung breiter Massen nicht zu einer Revolutionierung im Sinne der proletarischen Revolution geführt hat, wenn sich aus der Krise objektiv gesehen der Revolution konträre Ideologien ergeben haben, so hat die Entwicklung der Ideologie der Masse in den letzten Jahren die Entfaltung der Produktivkräfte, die revolutionäre Lösung des Widerspruchs zwischen den Produktivkräften des monopolistischen Kapitalismus und seiner Produktionsweise gehemmt.“ (Reich) Dieser hemmende Faktor der Ideologien lässt sich nach Reich nicht alleine aus den Marxschen Kategorien erklären. Der „subjektive Faktor“, das Bewusstsein des Proletariats, bedarf der Untersuchung mittels der analytischen Psychologie: „Der Marxsche Satz, dass sich das Materielle (das Sein) im Menschenkopfe in Ideelles (in Bewusstsein) umsetzt, und nicht ursprünglich umgekehrt, lässt zwei Fragen offen: erstens, wie das geschieht, was dabei „im Menschenkopfe“ vorgeht, zweitens wie das so entstandene Bewusstsein […] auf den ökonomischen Prozess zurückwirkt.“ Um zu verstehen, wie die Ideologien sich in der psychischen Struktur verankern, bedarf es der Untersuchung der Dynamik, die sich „im Menschenkopfe“ vollzieht.
Die Rolle der Psychologie im dialektischen Materialismus
Gegenüber dem Vulgärmarxismus macht Reich deutlich, dass die psychoanalytischen Erkenntnisse keineswegs in einem Gegensatz zu denen des dialektischen Materialismus stehen, den es „immer neu anzuwenden, immer lebendig zu erhalten“ gilt. Sie knüpfen an die Marxsche Kritik am Materialismus von Ludwig Feuerbach an. „Die materialistische Lehre [von Feuerbach], dass die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergisst, dass die Umstände eben von den Menschen verändert werden und der Erzieher selbst erzogen werden muss.“ (Marx) Das gesellschaftliche Sein drückt sich nicht unmittelbar im Bewusstsein aus, sondern ist durch die überlieferten Traditionen und Ideologien in der Erziehung der Erzieher vermittelt. Der Psychoanalyse kommt daher die Aufgabe zu, die „Bildung der Ideologien ‚im Menschenkopfe‘, im Detail zu klären“, die nach Reich im Laufe des Sozialisationsprozesses weitgehend unbewusst überliefert werden. Die neurotischen Patientinnen Freuds haben nicht vor der Pubertät den Entschluss gefasst, sich ihre eigene Sexualität zu verbieten. Kein Kind weißer Eltern kommt von selbst auf die Idee, dass es sich aufgrund der eigenen Pigmentierung der Haut zukünftig der Herrenrasse zurechnen darf. Und etwas ideologisch sehr gewichtiges scheint „im Menschenkopfe“ vorzugehen, damit Kinder im Laufe ihres Heranwachsens anfangen zu akzeptieren, dass wir unsere Gesellschaft nach einem Prinzip organisieren, nach dem St. Martin, anstatt dem Bettler die Hälfte seines Mantels zu geben, eher noch die Unterhose wegnimmt.
Die Psychoanalyse ist dabei nach Reich – und das ist gegenüber psychologisierenden Welterklärungen hervorzuheben – immer „Hilfswissenschaft“ und keine Analyse der Gesellschaft. Sie versucht eine Lücke im historischen Materialismus zu beleuchten, nicht ihn zu ersetzen. Gegenüber „psychoanalytischen Pädagogen, die [es] in dieser Gesellschaft […] unternehmen, sie zu verändern“, ohne sich mit ihren objektiven Bewegungsgesetzen auseinanderzusetzen, hält Reich fest, dass sie „mit der Zeit das Schicksal erreichen, ähnlich dem des Pfarrers, der einen sterbenden gottlosen Versicherungsagenten besuchte, um ihn zu bekehren, aber nur selbst versichert wegging. Die Gesellschaft ist stärker als ihre Mitglieder.“ So werden Kriege nicht geführt, weil die Menschen einen angeborenen Aggressionstrieb besitzen, sondern weil die herrschende Klasse im imperialistischen Stadium des Kapitalismus auf diesem Weg ihre ökonomischen Interessen durchsetzt. Der Großteil der Menschen konsumiert die Nachrichten, die der Agenda großer Medienkonzerne entsprechen, nicht die, die sie objektiv für die wichtigsten halten. Und die Menschen leben nicht im Kapitalismus, weil sie konkurrenzorientiert und gierig sind, sondern sie sind bis in ihre Charakterstruktur hinein der Logik der bestehenden Gesellschaft unterworfen, die sie zu diesen Konkurrenzsubjekten formt.
Was geht vor „im Menschenkopfe“?
Dieser Vorgang reicht nach Reich bis in die früheste Kindheit zurück. Die kapitalistische Gesellschaft erzeugt sich wie „jede Gesellschaftsordnung sich in den Massen ihrer Mitglieder diejenigen Strukturen [..], die sie für ihre Hauptziele braucht“ (Reich). Jedes Neugeborene ist mit seinen Bedürfnissen „als vergesellschaftetes Wesen sofort in die Gesellschaft hineingestellt, nicht nur in die engere Gesellschaft der Familie, sondern mittelbar, durch die ökonomischen Bedingungen des Familiendaseins, auch in die weitere Gesellschaft. Auf die einfachste Formel gebracht, tritt die ökonomische Struktur der Gesellschaft – durch viele Zwischenglieder hindurch: Klassenzugehörigkeit der Eltern, ökonomische Verhältnisse der Familie, Ideologien, Verhältnisse der Eltern zueinander usw. – in eine Wechselwirkung mit dem Trieb-Ich des Neugeborenen. So wie dieses seine Umwelt verändert, wirkt die veränderte Umgebung auf es zurück.“ Die religiösen und ethischen Forderungen, die sich in der Menschheitsgeschichte vielfach wandelten, werden so in der psychischen Struktur ihrer Mitglieder verankert. In der klassisch patriarchalen Familie des Bürgertums wird der Vater zum Repräsentanten des gesellschaftlichen Realitätsprinzips. Die Erziehung „macht die Kinder den Eltern und auf diese Weise später die Erwachsenen der staatlichen Autorität und dem Kapital hörig, indem sie in allen Masseindividuen autoritäre Ängstlichkeit erzeugt.“ (Reich) Durch die „ideologische Verbürgerlichung des Proletariats“ ist diese autoritäre Charakterstruktur nach Reich auch in weiten Teilen der Arbeiterschaft zu finden. Das gesellschaftliche Sein gelangt folglich nur durch die Erziehung der Erzieher vermittelt in das Bewusstsein.
Indem das Kind gezwungen ist, sich der väterlichen Autorität zu unterwerfen, bildet sich das Über-Ich in der psychischen Struktur heraus. Das Über-Ich verinnerlicht und wiederholt fortan als Instanz des Gewissens die strafende Funktion der ursprünglich väterlichen Autorität. Durch diesen Prozess der Sozialisation werden die Normen des gesellschaftlichen Realitätsprinzips im Individuum gegen dessen eigene Bedürfnisse – nach Reich vor allem das frühkindliche sexuelle Begehren – durchgesetzt, indem abweichendes Verhalten mit Schuldgefühlen bestraft wird. Weniger analytisch gesprochen eröffnet in dieser Zeit der cop in your head seine Wache. Anders als Freud versteht Reich diesen Prozess nicht als Ausdruck der Kulturentwicklung überhaupt, sondern „mittelbar bedingt sowohl durch die allgemeine gesellschaftliche Ideologie, als auch durch die Stellung der Eltern im Produktionsprozess“ (Reich). Die Familie wird zur „ideologischen Keimzelle der Gesellschaft“ (Reich), die das kapitalistische Realitätsprinzip in der psychischen Struktur der Kinder verankert. Die ansozialisierte Moral des Über-Ichs erfüllt den „soziologisch-ökonomischen Zweck“ (Reich), die Menschen zum Konformismus zu erziehen. „Der Ausgebeutete bejaht selbst die Wirtschaftsordnung, die seine Ausbeutung garantiert.“ (Reich) Das Aufbegehren gegen Stärkere wird mit Schuldgefühlen bestraft und in der Wiederholung der frühkindlichen Erfahrung wird die Aggression gegen das eigene Selbst oder gegen Schwächere gerichtet. So lässt sich nach Reich erklären, „warum die Mehrheit der Hungernden nicht stiehlt und die Mehrheit der Ausgebeuteten nicht streikt.“
Aufklärung in Zeiten der Kulturindustrie
Obwohl Kinder heute größtenteils deutlich weniger autoritär als zu Reichs Zeiten erzogen werden, ist zu vermuten, dass sich die Verankerung der gesellschaftlichen Imperative in der psychischen Struktur im Vergleich zu Reichs Zeiten weiter verstärkt hat. Die Familie als „vorläufiger Repräsentant der Gesellschaft“ (Reich) hat gegenüber der direkten Beeinflussung durch die Kulturindustrie immer weiter an Bedeutung verloren und der „Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis“ (Adorno/ Horkheimer) lässt immer weniger Raum für Widerstand. Kinder spielen nun schon im Kinderwagen am Smartphone, werden mit Werbung gezielt adressiert und dürfen seit letztem Jahr auch wieder in deutschen Kindersendungen darüber diskutieren, ob sie nicht Lust hätten, das Vaterland an der Ostfront zu verteidigen. Jugendliche bilden ihre Identität heute wesentlich durch die Algorithmen von Social Media vermittelt aus, die das Verhalten der User entsprechend den Profitinteressen der Tech-Konzerne zu steuern versuchen. Wer heute wütend auf seinen Chef ist, darf zwar offiziell nicht mehr seine Kinder schlagen, kann aber immer noch Parteien wählen, die dafür sorgen, dass es den Ärmsten der Gesellschaft noch ein bisschen schlechter geht. Die Tatsache, dass sich die Menschen heute eher das Ende der Welt als ein Ende des Kapitalismus vorstellen können – das können wir aus Reichs Texten lernen – ist Resultat der bis in die frühe Kindheit hineinreichenden gesellschaftlichen Formierung der psychischen Struktur entsprechend des kapitalistischen Realitätsprinzips, das Konkurrenz und Versagung als Teil einer naturhaften Ordnung erscheinen lässt und Rebellion gegen gesellschaftliche Autoritäten verhindert.
Sie ist Ausdruck des historisch-spezifischen Sozialisationsprozesses nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, der den Menschen einimpft, dass der Sozialismus nicht funktioniert, bevor sie eine Gelegenheit bekommen, darüber nachzudenken, was Sozialismus überhaupt ist. Er scheint daher heute noch schwerer zu machen als zu Brechts Zeiten und anders als für Reich wäre es für uns wohl eher im Gegensatz zu den Erwartungen, dass die Menschheit auf dem Weg der Barbarei doch noch den „Griff nach der Notbremse“ (Walter Benjamin) findet. Doch die Notwendigkeit des Sozialismus ergibt sich nicht aus der gegenwärtigen Wahrscheinlichkeit seiner Realisierung.
Trotz aller Propaganda ist es der herrschenden Klasse bis heute nicht gelungen, die Massen vollständig gleichzuschalten und der Weg aus dem Konformismus bleibt durch Aufklärung weiterhin offen. Innerhalb des kulturindustriellen Mülls lassen sich unzählige Bücher, Zeitungen, Zeitschriften und Podcasts finden, die die „Waffe der Kritik“ (Marx) zur Aufklärung des gesellschaftlich Unbewussten bis heute nicht aus der Hand legen. Wie in der Psychoanalyse soll der Einzelne, dadurch, dass er „Kenntnis von seinem Verdrängten erhält, dass das Unbewusste bewusst wird, die Fähigkeit, sich zu entscheiden, erhalten, ‚mit mehr Sachkenntnis‘, als ihm unter der Bedingung der Unbewusstheit seiner wesentlichen Strebungen möglich war.“ (Reich) Um „mit mehr Sachkenntnis“ zu entscheiden, müssen wir die Kräfte des Über-Ichs durchschauen, die „autoritäre Ängstlichkeit“ und Konformismus erzeugen. Kill the cop in your head. Wenn wir nicht wollen, dass auch in den nächsten hundert Jahren weiter Kinder verhungern, während die gesellschaftlichen Produktivkräfte für den Exit-Plan von Elon Musk genutzt werden, um nach der Zerstörung unseres Planeten mit seinen Milliardärsfreunden den Mars zu besiedeln, bleibt der Sozialismus das, was gemacht werden muss und – wenn wir die scheinbare Natur der Menschen als durch den Sozialisationsprozess produzierte und veränderbare begreifen – auch gemacht werden kann. Denn die Menschen sind besser als diese Gesellschaft.